An der langen Wand, auf die Sie blicken, hängt eine lange, dicht gehängte Reihe von Gemälden. Wie ein durchlaufendes Band, das bereits am Eingang beginnt, die Wand entlang und über die Bühne, in Richtung zu dem Bronzekruzifix, läuft. Es handelt sich genau um 14 Bilder, in Anspielung auf die 14 Kreuzwegstationen, spanisch „Estaciones del dolor“, also um eine dem biblischen Text folgende Reihe von Szenen, die normalerweise die Passion Jesu Christi nacherzählen. Sie kennen solche Kreuzwegstationen aus vielen katholischen Kirchen oder vielleicht auch in monumentalem Format von „Heiligen Bergen“, sei es in Piemont oder in Polen. Auch bei uns gibt es solche „Kalvarienberge“, zum Beispiel in Bad Tölz.
Die Künstlerin dieser Bilder heißt Lilian Moreno Sánchez. Sie stammt aus Chile, lebt aber schon seit über 20 Jahren, seit ihrer Studienzeit, in Deutschland, meistens in München oder Augsburg. Vor 10 Jahren hatte sie in der hiesigen Basilika St. Bonifaz eine ähnliche Serie mit dem Titel „Via Dolorosa“ gezeigt. Auch in dieser Serie ist eine Passion dargestellt, aber nicht eigentlich das Leiden Christi, sondern – wie in Parallele dazu – die dem Menschen auferlegten Leiden.
Die jetzt hier präsentierte Serie behandelt dagegen die Sehnsucht des Menschen nach einer Antwort auf die Frage: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Wie Sie alle wissen, war das eines der sieben letzten Worte Jesu am Kreuz. Und nach der in aramäischer Sprache überlieferten Formulierung bei Matthäus: „Eli, eli, lema sabachthani“ heißt diese Serie „Lema“, also „Warum?“ So sollte auch die Ausstellung heißen, aber da es vor Jahren hier schon einmal eine Ausstellung dieses Titels gab, wurde eine Alternative gesucht – und gefunden: „Estaciones del dolor“.
Die Künstlerin versteht die Frage Christi und den Ausdruck „Stationen des Schmerzes“ ganz allgemein menschlich. Vor allem aber denkt sie dabei an die jüngere Geschichte ihres Vaterlandes Chile. Gerade durch den ihr vor Augen stehenden Vergleich, wie einerseits in Deutschland mit der leidvollen Vergangenheit des Nationalsozialismus umgegangen wird, und wie man andererseits in Chile die Gräuel der überwundenen Militärdiktatur verdrängt, kam sie zu der Überzeugung, dass in Chile noch viel Bewältigungsarbeit zu leisten ist. Nach ihrer Beobachtung war und ist in Deutschland die Aufarbeitung der Vergangenheit Teil der politischen und auch der ethischen Kultur. Dagegen wird die grausame Pinochet-Zeit in Chile bis heute gern be- und verschwiegen. Es ist aber zu bedenken, dass es auch in Deutschland lange gedauert hat, bis sich größere Teile der Bevölkerung der unangenehmen Vergangenheit bewusst stellten.
Die vorliegende Serie beschäftigt sich speziell mit den Leiden der weiblichen Bevölkerung. Aufgezeigt an einem Dorf südlich von Santiago de Chile, in dem sich eines der schrecklichsten Kapitel der Unterdrückung während der Diktatur abgespielt hatte. Schrecklich vor allem, wenn man die Zahl der Opfer in Relation zur Größe der Bevölkerung setzt. Dutzende von Ehemännern, Vätern oder Söhnen wurden damals festgenommen und sind nie wieder aufgetaucht. Sie wurden gefoltert und ermordet. Die zurückgebliebenen Frauen wurden nicht einmal benachrichtigt, sie sind erstarrt, durch Schmerz, Angst und Verzweiflung verbittert. Bis heute. Und alle stellen sich und der Gesellschaft die Frage: „Warum?“
Hier setzen die „Stationen des Schmerzes“ von Lilian Moreno Sánchez an. Fast am aussagekräftigsten finde ich die Grundmaterialien, welche sie für diese Bilder verwendet hat: Zwar handelt es sich, wie bei den meisten nachmittelalterlichen Bildern, um Leinwand. Aber es ist eben keine klassische Mal-Leinwand.
Das linke Drittel oder Viertel der Bilder besteht aus Bett-Tüchern von Frauen jenes Dorfes, die nahe Verwandte verloren haben. Moreno Sánchez hat sie besucht und ihnen von dem Projekt erzählt. Sieben Frauen aus der „Straße der Witwen“ haben ihr die Bett-Tücher für diese 14 Stationen zur Verfügung gestellt, um ihrem Schmerz Ausdruck zu verleihen. Die Vornamen dieser Frauen sind unten in Gold angeschrieben. Ihre Männer und Väter sind in den Jahren 1973/74 (und bis heute) spurlos verschwunden.
Die restlichen Flächen der Bilder sind auf Betttücher aus deutschen Krankenhäusern gemalt; der Vergleich zwischen der Aufarbeitung und dadurch Heilung in Deutschland und der Verdrängung und dem stummen Leiden in Chile soll durch diese unterschiedlichen Tücher zum Ausdruck gebracht werden. Beide wurden durch die Künstlerin zusammengenäht wie eine Wunde nach einer Operation, aber mit einem feinen, goldenen Faden.
Über die Krankenhaus-Bett-Tücher hat die Künstlerin per Siebdruck Röntgen-Aufnahmen menschlicher Oberkörper gedruckt, um von Krankheit und Schmerz zu erzählen. Die Röntgen-Aufnahmen werden überlagert von Fotografien reich bestickter Messgewänder. Chile ist ein sehr katholisches Land. Papst Franziskus ist gerade dort, und es scheint keine einfache Reise zu sein!
Die Tragik der menschlichen Existenz, von Leiden und Tod wird durch diese Paramente in Beziehung zur Transzendenz, zur Religion – zur Erlösung gesetzt. Die Röntgen-Bilder wurden von der Künstlerin durch Übermalung so verfremdet, dass sie, wenn man nahe davor steht, nicht mehr ohne weiteres als solche zu erkennen sind.
Auf die chilenischen Bett-Tücher wurden – ebenfalls in Siebdruck – Ausschnitte eines Fotos einer zeitgenössischen, deutschen Tanzperformance gedruckt. Die Künstlerin fühlt sich durch diese Bilder an die Menschengruppen bei spätgotischen Kreuzigungs-Darstellungen, den Kalvarienbergen, erinnert. Auch hier finden sich diskrete Andeutungen von Röntgen-Aufnahmen, die vor allem auf die Gelenke zielen.
Die Leinwände wurden dann noch mit goldenen Zeilen beschriftet, welche die in Chile sehr bekannte chilenische Dichterin und Performance-Künstlerin Diamela Eltit (*1949) eigens zu dieser Serie verfasst hat. So heißt es dort an einer Stelle, hier ins Deutsche übersetzt:
„Ein unfähiger, blutrünstiger General.“
„Ich schwanke zwischen Angst und Wut.“
„Ich wage kaum, mir ihren Mut vorzustellen.“
„Bei meiner Geburt herrschte Chaos.“
„Ich begebe mich auf einen schrecklichen Weg.
„So verletzlich, unsere Organe.“
Die Texte handeln also, epigrammatisch verkürzt, von psychischen, körperlichen und sozialen Wunden, die nicht verheilen können, weil die Zeit des Leidens nicht besprochen, nicht verarbeitet wird und somit nicht bewältigt werden kann. In ihrer lakonischen Kürze erinnern diese Texte an die Unterschriften zu Francisco de Goyas Radierungs-Zyklus „Desastres de la guerra“ (1810–14), in dem die Gräuel unter der Napoleonischen Besetzung Spaniens geschildert werden.
Nun habe ich sehr lange über diese eine, allerdings auch sehr umfangreiche Serie gesprochen, weil mir scheint, dass sie ohne Erklärung, vor allem der Materialikonologie, nicht so ganz leicht zu verstehen ist. Frau Moreno Sánchez hat aber noch zwei weitere, kleinere, Serien ausgestellt:
Im Foyer hängen sehr große Papierformate, ein Diptychon und ein Triptychon, auch Bildformen, die aus der christlichen Tradition stammen. Kalligraphische Blätter, die völlig frei und spontan gestisch wirken, aber ebenfalls auf Röntgen-Aufnahmen von verletzten Körpern beruhen.
Das gilt auch von den kleineren Blättern im Flur gegenüber. Auch hier ist sehr diskret mit Goldfäden gearbeitet, was den femininen Aspekt zusätzlich betont, über den ich vorhin bei der Serie „Lema“ mit ihren Tüchern, Nähten, schnittmusterartigen Linien gar nicht gesprochen habe.
Vielleicht versuchen Sie selbst, die Spuren des menschlichen Skeletts zu entdecken. Oder Sie lassen die Blätter einfach als ästhetische Gebilde auf sich wirken. Mein Eindruck ist, dass diese graphischen Blätter durch ihre starke Reduzierung leichter zu rezipieren und im Sinne des aktuellen Kunstbegriffs auch leichter zu ästimieren sind als die hier vor Ihren Augen stehenden, symbolbeladenen Kreuzwegstationen. Aber sehen Sie selbst.