Flüchtlinge: Chancen und Herausforderungen für Deutschland

Peter von Hess/Wikimedia Commons

I.

 

Lassen Sie mich zunächst mit einer persönlichen Erfahrung beginnen. Anfang der 1990er Jahre war eine große Flüchtlingsproblematik zu bewältigen. Eine ihrer Ursachen war der Krieg in Jugoslawien. Ich selber war damals Gemeindepfarrer in einer Pfarrei etwas außerhalb der Bistumsstadt Regensburg. Durch den Staat wurde in diesem Ort eine große Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge eingerichtet. Die meisten Asylsuchenden in dieser Unterkunft waren Kosovo-Albaner. Hinzu kam eine große Gruppe aus Afrika.

Immer wieder habe ich die Unterkunft besucht und Kontakte geknüpft. Ich habe viel über die Fluchtmotive erfahren. Sie waren so unterschiedlich wie Menschen unterschiedlich sind. Sie reichten von echter existenzieller Bedrohung bis hin zu etwas fragwürdigen Konstellationen. Nach und nach lernt man zu unterscheiden. Hilfreich war für mich dabei die Erfahrung der Caritas-Mitarbeitenden, die ich immer wieder zu Rate ziehen konnte.

In der Pfarrgemeinde war das Thema präsent. Wir haben Asylsuchende zu Begegnungen in unser Pfarrheim eingeladen. Einigen anerkannten Flüchtlingen konnten wir Wohnmöglichkeiten verschaffen. Afrikanische Christen haben in unseren Gottesdiensten Lieder aus ihrer Heimat gesungen. Und ich habe mit ihnen einen Gedenkgottesdienst gefeiert für den Bruder einer Asylsuchenden, der in seiner Heimat ums Leben gekommen war.

Nach und nach nahm die Zahl der Asylsuchenden ab. Viele sind als anerkannte Flüchtlinge geblieben, andere sind in ihre Heimat zurückgekehrt. Als ich nach meiner Zeit als Gemeindepfarrer Direktor des Caritasverbandes wurde, hatte ich weiterhin viel mit der Flüchtlingsproblematik zu tun. Die Aufgabe war dringlich und sehr präsent, aber auch überschaubar.

Nun aber hat die aktuelle Flüchtlingssituation eine Dimension angenommen, die über das Maß der vergangenen Jahre weit hinausgeht. Bei ihrem Besuch auf der Insel Lesbos im April dieses Jahres haben Patriarch Bartholomäus von Konstantinopel, Erzbischof Hieronymus von Athen und ganz Griechenland sowie Papst Franziskus gemeinsam die aktuelle Herausforderung als ernsteste humanitäre Krise für Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges benannt. Eine wachsende Zahl von Flüchtlingen sucht Zuflucht in Europa, auch wenn bekanntlich die meisten von ihnen in den Krisenregionen des Mittleren Ostens und Afrikas bleiben.

 

II.

 

Wir müssen nüchtern feststellen: Es gibt zu viele Regionen in der Welt, in denen es nicht gelingt, stabile und gerechte politische und soziale Verhältnisse zu schaffen. Positive Entwicklungen werden verhindert durch korrupte Systeme oder durch radikalen Fanatismus und Fundamentalismus. Hinzu kommen Naturkatastrophen und die Folgen des Klimawandels, die viele Menschen bewegen oder zwingen, ihre Heimat zur verlassen. Wir müssen aber auch feststellen: Inmitten all der weltweiten Entwicklungen kann Europa keine Insel oder Oase mehr bleiben, an denen die weltweiten Krisen vorbeigehen oder abprallen.

Ich darf an dieser Stelle einige Sätze aus der Rede des aus Bayern stammenden Bundesministers für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Gerd Müller, vor dem deutschen Bundestag am 12. Mai dieses Jahres zitieren, die ich uneingeschränkt teile: Die aktuelle Fluchtsituation „fordert von der Weltgemeinschaft eine ganz neue Dimension von globaler Zusammenarbeit und Verantwortung … Es bedarf einer neuen globalen Verantwortungsethik weltweiten Handelns … Die Reaktion der reichen Industriestaaten wie der USA und der Staaten der EU darf (deshalb) nicht auf Abwehr und Zurückweisung beschränkt sein.“ Und zu Recht stellt er fest: „Wir sind durch unseren Lebens-, Konsum- und Wirtschaftsstil für die Ursachen der Krisen mitverantwortlich“.

Über diese politischen Aussagen geht unser Verständnis als Kirche noch einmal weit hinaus. Unser Verständnis von Kirche ist universal. Eine Kirche kann nichts anderes sein als eine „Kirche ohne Grenzen“. Das hat Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ von 2013 eindeutig festgehalten (EG 210). Dieser ekklesiologischen Dimension, aus der sich eine weltweite Verantwortung ableitet, steht die Vorstellung von einer „Festung Europa“ diametral gegenüber.

Wiederum ist Minister Müller zuzustimmen, wenn er die Forderung ableitet, „Überlebens-, Zukunfts- und Bleibeperspektiven für die Menschen in Krisen-, Konflikt- und Entwicklungsländern vor Ort zu schaffen“. Anhand konkreter und eindrucksvoller Beispiele kann der Minister belegen, dass diese Gedanken keine Illusion sein müssen. Er verweist etwa auf das Projekt „cash for work“. Flüchtlinge erhalten vor Ort im Nordirak, Jordanien und im Libanon Werkzeug und Geld, um selber zerstörte Häuser wieder aufzubauen.

Eine aktive Rolle nimmt – um wieder zu Kirche und Caritas zurückzukommen – auch die Auslandsabteilung des Deutschen Caritasverbandes ein. Sie unterstützt beispielsweise die Caritas in Marokko. Diese hat allein zwischen 2013 und 2016 in drei Migrationszentren etwa 12.000 Migrantinnen und Migranten begleitet, die aus Zentralafrika (Subsahara) nach Norden ziehen. Sie erhalten Unterricht und Ausbildung. Viele erhalten dadurch eine Perspektive vor Ort, auch wenn damit nicht alle ihr eigentliches Ziel, nämlich Europa, aufgeben.

 

III.

 

Nach diesen Aspekten und Beispielen darf ich nun einige Gedanken und Stichworte zur spezifischen Rolle und Aufgabe der Kirche und der Caritas benennen. In einem für unsere katholische Kirche zentralen Dokument des Zweiten vatikanischen Konzils, der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“, findet sich folgende Formulierung: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch die Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall findet.“ Damit sind wir als Kirche insgesamt wie als einzelne Christen mitten hineingenommen in die aktuelle Flüchtlingsproblematik. Wir wissen uns auf besondere Weise gefordert. Wir setzen uns mit Entschiedenheit für die Anliegen der Menschen ein, die als Flüchtlinge und Asylsuchende zu uns kommen.

Dieser Einsatz darf aber niemals zu Lasten des Wohles unserer Gesellschaft insgesamt beziehungsweise der Benachteiligten in ihr gehen. Mit der Politik und den Menschen unseres Landes stehen wir in einem intensiven Austausch über die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen, Flüchtlinge und Asylsuchende aufzunehmen. Dabei können wir keine Patentrezepte anbieten. Aber wir wissen und bringen in die Debatte ein, dass für die Bewältigung eine tragfähige ethische und theologische Orientierung unentbehrlich ist.

Mit Politik, Ökonomie oder Militär allein ist den Krisen nicht beizukommen. Notwendig ist die Rückbesinnung auf das, was den Menschen in Wahrheit ausmacht. Eine vor allem im Westen zunehmende Säkularisierung und ein rein auf das Diesseits bezogener Materialismus relativieren immer mehr die eigentliche Wahrheit des Menschen, nämlich die in seiner Gottebenbildlichkeit begründete Würde. Gesellschaften, die mit dem Abdrängen der Religion in die Privatsphäre auch diese grundlegenden Wahrheiten relativieren, tragen selber zu Tendenzen von Destabilisierung und Entsolidarisierung bei.

Bevor ich zu den ganz pragmatischen Handlungsfeldern komme, sind einige Aussagen zu den Grundlagen des kirchlichen Engagements für Flüchtlinge zu nennen. Der bereits genannte Konzilstext „Gaudium et spes“ fordert uns auf, „nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten“ (GS 4). Ich greife dabei auf einige Aspekte aus den Leitsätzen der Deutschen Bischofskonferenz zurück, die diese im Februar dieses Jahres veröffentlicht hat.

Der Evangelist Matthäus überliefert uns das Wort Jesu: „Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen“ (Mt 25,35). Vor diesem Hintergrund gehört die Sorge für Flüchtlinge und Migranten zu unserem Selbstverständnis als Kirche. Das Wort Jesu bindet unsere Kirche auf allen ihren Ebenen. Es bindet jeden einzelnen Christen oder die Zusammenschlüsse in Gruppen oder Vereinen. Gerade die Caritas sieht sich hier in einer besonderen Verpflichtung. Über ihr konkretes Wirken wird an späterer Stelle noch die Rede sein. Die Hoffnungen und Ängste der Menschen auf der Flucht sind auch die Hoffnungen und Ängste der Kirche und ihrer Gläubigen.

Ausgangs- und Zielpunkt aller Bemühungen ist die Wahrung der individuellen Würde jedes Flüchtlings und jedes Asylsuchenden. Hinter den hohen Flüchtlingszahlen verbergen sich je eigene Schicksale und individuelle Lebens- und Leidenswege. Im Gegensatz zur öffentlichen Debatte, die nicht selten zu pauschalen Urteilen neigt, sehen wir als Kirche immer den einzelnen Menschen. Das erfordert ein hohes Maß an Sensibilität und Einfühlungsvermögen.

Wir wissen um die besondere Bedrängnis der Christen im Mittleren Osten und in Afrika. Sie sind weithin unmittelbarer Verfolgung und existenzieller Bedrohung ausgesetzt. Viele haben um ihres Glaubens willen Hab und Gut und nicht selten Angehörige als Opfer von radikalem Fanatismus verloren und müssen ihre Heimat verlassen. Ihnen gilt unsere besondere Sorge. Dies ändert aber nichts an der grundlegenden Linie, dass die Hilfe der Kirche allen Menschen gilt.

Die Menschen, die derzeit zu uns kommen, wünschen sich für ihre Heimat Frieden und Gerechtigkeit und dass sie bald wieder dorthin zurückkehren können. Für die Krisenregionen im Mittleren Osten und in Afrika zeichnen sich aber keine schnellen Lösungen ab. Deshalb werden viele Flüchtlinge längerfristig in Deutschland bleiben. Deshalb ist das Thema Integration von zentraler Bedeutung. Der Zustrom wird unsere Gesellschaft verändern. Menschen aus anderen Regionen und Kulturen bringen ihre kulturelle und religiöse Prägung mit, denn man kann diese nicht einfach ablegen wie man ein Kleidungsstück ablegt. In einer offenen Gesellschaft ist das Zusammenleben zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller, religiöser und weltanschaulicher Prägung möglich. Wichtig ist dabei, dass wir als Christen unsere eigene Prägung nicht verleugnen. Im Gegenteil: Die Veränderungen werden uns herausfordern, uns unserer christlichen Identität neu zu vergewissern.

Nur wer einen klaren eigenen Standpunkt hat und diesen selbstbewusst vertritt, kann anderen mit Respekt und Toleranz begegnen. Er braucht auch keine Angst haben vor „Überfremdung“. In einem katholischen Kindergarten wird deshalb weiterhin das Kreuz als christliches Erkennungszeichen hängen, auch wenn in dieser Einrichtung muslimische Kinder aufgenommen werden. Ich erwarte auch bei uns eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Wurzeln unserer christlich geprägten Gesellschaft. Wir müssen wieder deutlicher in die öffentliche Debatte einbringen, wie sehr unsere Kultur vom Geist des Christentums geprägt ist und welche Risiken wir eingehen, wenn sich das Wissen darum immer mehr verflüchtigt. Davon habe ich vorher bereits gesprochen.

 

IV.

 

Als Caritas beteiligen wir uns aktiv an Integrationsmaßnahmen. Wir leisten unseren Beitrag zum Erwerb von sprachlicher und beruflicher Qualifikation. Wir eröffnen aber auch den Zugang zum Verständnis der Grundwerte, die für unsere Gesellschaft kennzeichnend sind. Die Caritas kommt dabei ihrem dreifachen Aufgabenspektrum nach: Sie will durch Beteiligung an der gesellschaftlichen Debatte Anwalt für die Schwachen sein, inmitten zunehmend aggressiver öffentlicher Diskussionen Solidarität – auch zwischen Flüchtlingen und Einheimischen – stiften und ganz konkrete soziale Hilfeleistung anbieten.

Dazu darf ich nun einige Felder unseres Handelns als Caritas konkret benennen. Den Schwerpunkt der Arbeit der Caritas mit Asylsuchenden bildet die Asylsozialberatung. Derzeit sind rund 350 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Caritas in Bayern in diesem Bereich tätig. Sie verfügen in der Regel über die berufliche Qualifikation eines Sozialpädagogen oder einer Sozialpädagogin.

Ihre Aufgabe ist die Beratung und Unterstützung der Flüchtlinge in der Bewältigung der für diese völlig neuen und ungewohnten Situation. Sie geben Grundinformationen und Orientierungshilfen zum Leben in der Gesellschaft des Aufnahmelandes.

Darüber hinaus informieren und beraten sie über die Rechte und Pflichten im Ausländer- und Sozialrecht und insbesondere im Asylverfahren. Das bedeutet ganz konkret: Sie geben Informationen über das Verwaltungsverfahren, erläutern Bescheide, unterstützen bei Anträgen oder bei der Besorgung notwendiger Unterlagen. Die Asylsozialberater arbeiten dabei zwar mit den verschiedenen Behörden zusammen, sind aber nicht deren Ausführungsorgane. Die Behörden haben ihnen gegenüber keine Weisungsbefugnis. Diese Unabhängigkeit ist ein zentrales Kennzeichen der Beratung. Sie schafft Vertrauen zwischen Ratsuchenden und Beratern.

Unsere Asylsozialberater sind wichtige Ansprechpartner in all der Vielfalt der Fragen, die mit Flucht- und Migrationssituationen zu tun haben: Ängste und Belastungen, Konflikte innerhalb der Flüchtlingsgruppen, persönliche Krisen, psychische Belastungen, Sorgen um die Angehörigen in der Heimat, Sorge um die Zukunft im Aufnahmeland, Hilfemöglichkeiten bei traumatischen Erlebnissen, richtiger Umgang mit Krankheit und Behinderung und vieles andere mehr. Asylsozialberater begleiten die Asylsuchenden in der für diese oft entscheidende Frage: Habe ich eine Chance, hier bleiben zu können, zumindest auf Zeit? Was passiert, wenn ich wieder zurück in meine Heimat muss?

Asylsozialberater sind also Ansprechpartner für alle Fragen, die die Flüchtlinge bedrängen, sie sind Vermittler zwischen diesen und den Behörden, sie sind oft auch Anwälte ihrer Rechte und Ansprüche und sie sind Vertrauenspersonen. Insofern kann man die Aufgabe der Asylsozialberatung mit den Begriffen Vermittlung, Anwaltschaft und Vertrauen am besten umschreiben. Die Asylsozialberatung ist keine gesetzliche Pflichtleistung. Aber sie wird in Politik, Gesellschaft und Behörden als wichtig und unverzichtbar erachtet. Das Land Bayern fördert deshalb diesen Dienst durch die Übernahme von etwa zwei Drittel der Personalkosten. Viele Kommunen leisten einen zusätzlichen finanziellen Beitrag. Trotzdem verbleibt noch eine immense Summe, die Kirche und Caritas für diese soziale Tätigkeit aufbringen.

Wichtig ist die Verknüpfung der professionellen Sozialarbeit der Caritas mit dem ehrenamtlichen Engagement in den Pfarrgemeinden. Einzelne Gläubige wie auch kirchliche Gruppen und Vereine unterstützen Flüchtlinge. Sie pflegen Kontakte, geben Orientierungshilfen, übernehmen Patenschaften, unterstützen bei der Wohnungssuche oder beim Spracherwerb, laden zu gemeinsamen Festen. Das freiwillige Engagement in der Kirche und in der Gesellschaft insgesamt ist nach wie vor ungebrochen hoch, trotz mancherorts zunehmender Fremdenfeindlichkeit. Die meisten lassen sich dadurch nicht entmutigen.

Neben vielen anderen Aspekten wie zum Beispiel schulische und berufliche Bildung oder Einstieg in das Arbeitsleben ist für mich die Betreuung von Kindern von zentraler Bedeutung. Die Aufnahme von Flüchtlingskindern in unsere Kindergärten war von Anfang an ein Schwerpunkt der Caritas in Bayern. Wir haben dieses Thema als erste in die politische Diskussion eingespeist. An vielen kirchlichen Kindergärten kann man folgendes einfache Schema vorfinden: Asylsuchende Eltern bringen ihr Kind am Morgen in den Kindergarten. Anschließend nehmen sie an einem ehrenamtlich organisierten Sprachkurs teil und holen die Kinder anschließend wieder ab. Diese Form erfordert für das Kindergartenpersonal spezielle Schulungen in interkultureller Kompetenz. Sie benötigen viel Hintergrundwissen über die kulturelle Situation der Herkunftsländer, ohne dabei die eigene, christlich geprägte Kultur zu nivellieren. Unsere Forderungen an die Politik, für diese zusätzlichen Aufgaben eine entsprechende finanzielle Ausstattung zu ermöglichen, war lange Zeit nicht, zuletzt jedoch in einem zumindest geringen Umfang erfolgreich.

Noch ein weiteres Feld darf ich an dieser Stelle nennen. Es betrifft die unbegleiteten Minderjährigen. Derzeit werden in Bayern circa 15.000 Kinder und Jugendliche, die ohne Begleitung durch Erwachsene gekommen sind, nach dem deutschen Kinder- und Jugendhilfegesetz betreut. Die tatsächliche Zahl liegt höher, weil darin nicht diejenigen erfasst sind, die in Notunterkünften, Gemeinschaftsunterkünften oder bei Verwandten leben.

Die Caritas betreut mit ihren Fachverbänden und Orden derzeit knapp 3.000 Kinder und Jugendliche in heilpädagogischen oder sozialpädagogischen Wohngruppen, im Betreuten Wohnen, in anderen Wohnformen oder durch ambulante Unterstützung. Der Bedarf an Betreuung ist sehr unterschiedlich und deshalb individuell zugeschnitten. Es geht darum, Erlebtes zu verarbeiten, Schwierigkeiten bis hin zu Traumatisierung zu bewältigen und Schritt für Schritt Perspektiven für die Zukunft aufzubauen. Bei Gesprächen und Besuchen wird mir immer wieder bestätigt, dass der weitaus größte Teil sehr motiviert ist, die deutsche Sprache zu erlernen, um möglichst schnell eine Ausbildung machen zu können. Diese Lernbereitschaft wirkt sich oft sogar sehr positiv auf deutsche Jugendliche aus schwierigen sozialen Verhältnissen aus, mit denen sie in den Einrichtungen zusammen sind.

Die professionelle Betreuung dieser Kinder und Jugendlichen schafft eine wichtige Voraussetzung für die Integration in das berufliche Leben. Dies wird auch durch die Arbeitsagenturen bestätigt. Sehr erfolgversprechend sind spezielle Integrationsprojekte. Ein Beispiel sind die Integrationspatenschaften des kirchlichen Don Bosco Jugendwerkes in Bamberg. Inzwischen haben sich 40 ehrenamtliche Paten zur Verfügung gestellt, die Kinder und Jugendlichen mit den Werten und alltäglichen Gepflogenheiten der deutschen Kultur vertraut machen.

 

V.

 

Über unsere Auslandsabteilung beim Deutschen Caritasverband und unser internationales Caritasnetzwerk arbeiten wir sodann auch mit der Caritas hier in Griechenland zusammen. Im Norden Griechenlands sind wir in zwei Flüchtlingscamps beteiligt an der Versorgung von Flüchtlingen mit frischen Nahrungsmitteln ergänzend zu den Maßnahmen der Behörden sowie der Bereitstellung von mobilen Toiletten, Kleidern und Hygieneartikeln. Wir unterstützen ein „social service center“ in Athen mit verschiedenen Dienstleistungen wie Beratung, Kinderbetreuung oder außerschulischen Unterricht.

Derzeit bemühe ich mich persönlich darum, eine syrische Familie nach München zu holen, denn die jüngste Tochter braucht aufgrund schwerer Verbrennungen nach einem Bombenangriff eine plastische Operation. Eine Wohnung habe ich gefunden, und eine Ärztin der Caritas steht bereit. Die Familie wird derzeit von der griechischen Caritas auf der Insel Lesbos betreut. Für die weiter Betreuung stehen dann Caritas und Diakonie in Deutschland zur Verfügung. Ich bin selber immer wieder beeindruckt, wie selbstverständlich gerade im Bereich der Kirche grenzüberschreitend solidarisch gehandelt wird. Diese Beispiele sollten einen kleinen Einblick in das vielfältige Engagement der Kirche und ihrer Caritas in Bayern geben.

Die Medien berichten bekanntlich überwiegend von spektakulären Ereignissen. Das gilt im positiven wie im negativen Sinn. Als vor gut einem Jahr, im September 2015, viele tausende Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof ankamen, wurde eine geradezu überwältigende Willkommenskultur zur wichtigsten Nachricht. Und das zu Recht. Möglich war dies nur, weil sich spontan unzählige Freiwillige einfanden, um die ersten notwendigen Versorgungen zu organisieren.

Berichtet wird auch – und wieder zu Recht – von Anschlägen und im Gegenzug von Fremdenfeindlichkeit und Angst. Aber das ist nur die spektakuläre Außenseite der Wahrheit. Es gibt noch eine andere im Hintergrund, und diese ist das Betätigungsfeld der Caritas. Die Arbeit der Caritas fängt an, wenn die Kameras abschalten. Sie geschieht überwiegend „hinter den Kulissen“. Sie ist nicht spektakulär. Sie geschieht beharrlich, unaufgeregt und kompetent. Sie ist nicht abhängig von momentanen politischen oder gesellschaftlichen Stimmungen. Sie geschieht, weil sie unserem Bild vom Menschen und unserer Verantwortung als „Kirche in der Welt von heute“ entspricht.

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