Es war ein fundamentaler gesamtgesellschaftlicher Umbruch, der innerhalb nur weniger Jahrzehnte Kirche und Religion – zumal aber den Katholizismus – ins Abseits manövrierte: Auf die Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts und die damit verbundene politische, institutionelle und wirtschaftliche Entmachtung der Kirche war alsbald auch deren gesellschaftliche Marginalisierung gefolgt. Die Logik und die Mechanismen einer staatlich-bürokratischen Kulturpolitik mehrheitlich protestantischer Prägung – verbunden mit grundsätzlichen Vorbehalten gegen die Wissenschaftsfähigkeit gläubiger Katholiken – führten nicht nur zu einem tiefgehenden Bildungsdefizit der Katholiken, sondern auch zu einer weitgehenden Abschottung der höheren Bildungseinrichtungen und der gehobenen Beamtenschaft. Zudem führten nach der Reichsgründung unter preußisch-protestantischer Flagge die propagandistischen Wirkungen des „Kulturprotestantismus“ den Katholizismus alsbald in neue „Kulturkämpfe“, die ihn nicht nur seiner nationalen Identität zu berauben suchten, sondern ihm überhaupt jede lebensgestaltende und somit „Kultur“ hervorbringende Leistungsfähigkeit absprachen.
Auch auf weltanschaulichem Gebiet erwuchsen dem Katholizismus im Laufe des Jahrhunderts neue Konkurrenzen: Neben einen zunehmend nationalistisch kontaminierten „Liberalismus“ traten immer massiver „Sozialismus“ und „Kommunismus“, die der Kirche weite Teile der Arbeiterschaft entfremdeten. Parallel dazu kam es, nicht zuletzt infolge eines enormen technisch-industriellen Fortschritts in der zweiten Jahrhunderthälfte, zu einem Siegeszug des materialistischen Denkens. Er veränderte Lebensräume und Lebensweisen der Menschen nachhaltig. Die explosionsartige Expansion des natur- und lebenswissenschaftlichen Wissens, Darwins Evolutionstheorie – in Deutschland von Ernst Haeckel mit einem extrem antireligiösen, kulturkämpferischen Impetus popularisiert – stellte den christlichen Glauben als solchen in Frage, während neue Erkenntnisse und Entdeckungen eine Wissensrevolution bislang nicht gekannten Ausmaßes freisetzten, die nun auch breiteste Bevölkerungsschichten mit bislang fremden Kulturen und Religionen konfrontierte.
Der Paradigmenwechsel war radikal: Die lebensbestimmenden, kulturschaffenden Mächte und Kräfte waren offenkundig nicht mehr religiöser Art, sondern ließen sich vor allem in den Kategorien des Materiellen, Biologischen, jedenfalls aber rein Immanenten fassen. War die bisherige – vor allem geistig oder religiös geprägte – Welt- und Geschichtsauffassung also eine Täuschung, eine Fiktion, eine Verkennung der wahren Tatsachen gewesen? Musste die Genese der Welt, der menschlichen Kultur und Geschichte neu geschrieben werden?
Hoch-Zeit der Kulturgeschichtsschreibung
Vor diesem – für die Katholiken – traumatisch zu nennenden Erfahrungshintergrund erlebte eine neue Art von Geschichtserfassung einen kometenhaften Aufstieg: Nicht als ob die „Kulturgeschichte“ erst jetzt entdeckt worden wäre. Bereits im 18. Jahrhundert gab es Versuche, die Geschichte nicht mehr nur als Chronologie der Könige, Kriege und Schlachten zu erzählen, sondern als Geschichte der Menschheit, ihrer Sprachlichkeit und Sozialiät, und dabei das gesamte empirische Material der Vergangenheit zu berücksichtigen. Nach den „Befreiungskriegen“ hatte sich diese Art der Geschichtsschreibung allerdings verengt zu einer Darstellung der „vaterländischen Geschichte“, der Geschichte des Volkes, seiner Kultur und Bildung. Geschichts- und Altertumsvereine, die allenthalben aus dem Boden schossen, förderten ein Bewusstsein für die eigene, bürgerliche Geschichte, trugen – jenseits der etablierten Herrschaftsarchive – Akten, Urkunden und Sachquellen zusammen, berichteten von Neuerwerbungen und publizierten die Ergebnisse ihrer Forschungen. Es entstanden nicht nur beachtliche Sammlungen, vielmehr trugen diese Vereine auch maßgeblich zur Popularisierung der kulturgeschichtlichen Perspektive bei. Engagiert war hier das gehobene Bürgertum: Gebildete, Journalisten, Bibliothekare, Lehrer, die mitunter in deutlicher Distanz zum politischen Katholizismus standen, aber auch auffallend viele Geistliche. Sie reagierten auf ein breites Publikumsinteresse und befeuerten dieses zugleich. Sie suchten dem dilettantischen Sammeln eine wissenschaftliche Form zu geben und spielten so eine entscheidende Rolle bei der Formierung und Institutionalisierung der „Kulturgeschichte“.
Neben der Spezialisierung und methodologischen Verfeinerung, die die Geschichtswissenschaft im Zuge des Historismus erfuhr, geriet die universalistisch orientierte Kulturgeschichtsschreibung allerdings rasch in den Ruf des Dilettantismus – zumal nach der Reichsgründung, als der Staat zum höchsten Ideal der Kultur avancierte und es zu einer neuen Verengung der etablierten Geschichtswissenschaft zur politischen Geschichte kam. „Je populärer die Kulturgeschichte wurde, desto schärfer grenzte sich die Universitätshistorie gegen dieses bunte Treiben ab“. Versuche, die Kulturgeschichte zu einer universitätsfähigen Disziplin zu machen, scheiterten. Gleichwohl war der Siegeszug der Kulturgeschichtsschreibung nicht zu bremsen. Aus einer Vielzahl entsprechender Publikationen ragen die großen Darstellungen von – als Beispiele – Otto Henne am Rhyn, Johannes Scherr, Karl Biedermann, Albert Richter und Georg Steinhausen heraus.
Die Frage drängt sich auf: Wo hatte in dieser Aufbruchsstimmung der Kulturgeschichtsschreibung zwischen 1880 und 1918 der Katholizismus seinen Ort? Wie wurde er, der zur gleichen Zeit in die Defensive gedrängte und (zumindest theoretisch und propagandistisch) seiner kulturschaffenden Macht beraubt wurde, historisch wahrgenommen? Und inwieweit hatten katholische Wissenschaftler Anteil an der kulturhistorischen Reformulierung der Vergangenheit?
Tatsächlich sind die Katholiken unter den Kulturhistorikern an einer Hand abzuzählen: Es gab Außenseiter wie den Diplomaten Alfred von Reumont (1808-1887), der sich mit der italienischen Kultur beschäftigte. Johannes Janssen (1829-1891), der bekannte Frankfurter Gymnasiallehrer, hatte in seiner Deutschen Geschichte (1876-1888) immerhin große kulturgeschichtliche Kapitel bzw. Bände integriert. Und der Innsbrucker Jesuit Emil Michael (1852-1917) schrieb gar fünf Bände über die Kulturzustände des deutschen Volkes im 13. Jahrhundert. Auch der Jurist Franz von Löher (1818-1892), der seit 1859 in München ein Ordinariat für Länder- und Völkerkunde sowie Allgemeine Literaturgeschichte innehatte, verfasste eine Kulturgeschichte der Deutschen im Mittelalter, die dem religiösen Leben und den religiös kirchlichen Zuständen durchaus Raum gab. Und schließlich legte der Breslauer Neutestamentler Johannes Nikel (1863-1924) im Auftrag des Schöningh-Verlags 1895 eine Allgemeine Kulturgeschichte vor, die als katholisches Gegengewicht gegen die zahlreichen protestantischen oder „darwinistischen“ Konkurrenzwerke gedacht war.
Werdegang eines Kulturhistorikers
Den Band hatte ursprünglich ein anderer schreiben sollen: Georg Grupp, württembergischer Priester und Bibliothekar in Diensten des Fürsten von Oettingen-Wallerstein, war 1861 auf dem rauen Boden des schwäbischen Albbruchs, in Böhmenkirch, als Enkel eines ehemaligen Dorfschullehrers geboren. Grupps Vater ist namentlich nicht bekannt. Seine Jugend schildert Grupp in seiner (noch unveröffentlichten) Autobiographie als freud- und lieblos, sich selbst als ernst, verschlossen und schwermütig. Der Familie schlug im Dorf eine gewisse Abneigung entgegen. Als erhebend empfand der Junge allein das kirchliche Leben, auch wenn es von dem extremen Ultramontanismus eines Ortspfarrers geprägt war, dessen Gunst Grupp seines Großvaters wegen, mit dem sich der Pfarrer überworfen hatte, nicht erlangen konnte.
Mit elf Jahren entkam Grupp dieser herben, abgeschlossenen Welt, und damit auch dem tiefen Gefühl der Weltverlassenheit. Auf Betreiben eines Onkels, der als Kanzleibeamter am Landgericht in Rottweil war, wurde er aufs dortige Gymnasium geschickt.
Den Übergang zur Rottweiler Schulzeit charakterisierte Grupp als den eigentlichen Wendepunkt seines Lebens. Die heitere Umgebung des fruchtbaren Neckartals, die mit der „düsteren, unfruchtbaren“, „gähnenden Einöde Böhmenkirchs“ scharf kontrastierende geistige Weite, die anziehenden Formen des religiösen Lebens bei gleichzeitiger kirchlicher und politischer Liberalität, die anregenden Unterrichtsinhalte und fördernde Lehrer führten – so Grupp – „zu einem gänzlichen Umschwung und eine Erhebung zu höherem Dasein und höheren Zielen“. Möglich, dass das Erleben der Kontraste den sensiblen, feinnervigen, zeichnerisch und lyrisch begabten und zugleich träumerisch aber wissbegierig veranlagten Knaben eine besondere Beobachtungsgabe für die inneren Zusammenhänge entwickeln ließ, die dem späteren Kulturhistoriker zugutekam. Das stete Sich-Messen an Mitschülern, die – finanziell bessergestellt – auch charakterlich, religiös und politisch anders geprägt waren, dürfte Grupp einen Blick für das Unterscheidende und damit ein Gespür für die tieferen Zusammenhänge von materiellen, sozialen und geistigen Rahmenbedingungen, Chancen und Gefahren vermittelt haben.
Abseits der Schule interessierte sich Grupp für alles und jedes, und „verzettelte“ sich. Er trieb Naturstudien, las Dichtungen und Romane, vertiefte sich in die Philosophie, studierte theologische Schriften, wobei ihn die apologetischen und aszetischen besonders faszinierten. Vor allem aber beschäftigte er sich mit der Geschichte – vielleicht angeregt durch das alltägliche Erleben der historisch geprägten Stadt, in der sich bereits 1831 der erste „Geschichts- und Altertumsverein“ Württembergs gegründet hatte.
Tatsächlich zogen Grupp von Anfang an weniger die Schlachten und Helden an, als das kulturhistorische Detail. Mit Heißhunger verschlang er den ersten Band von Janssens „Deutscher Geschichte“. Grupp fragte vor allem danach, wie es dem Volk in vergangenen Zeiten ergangen war. Das „tägliche Tun und Treiben“ wollte er sich anschaulich machen.
Über seinen Onkel, der als Korrespondent mehrere Zeitungen bediente, kam der Gymnasiast früh mit der Publizistik in Berührung. Half er anfangs bei der Umarbeitung von Artikeln, so hatte er bald auch eigene Artikel zu übernehmen: Wetterartikel, Berichte über Vorträge in Gewerbevereinen und landwirtschaftlichen Ausstellungen, Artikel zu Königsfesten und politische Berichte. Auch in dieser publizistischen Tätigkeit zu allen möglichen Themen wird man eine gewisse Vorbereitung für die spätere kulturgeschichtliche Arbeit erkennen dürfen.
Seine Gymnasialzeit beendete Grupp 1881 mit dem ersten Platz beim „Konkursexamen“ der württembergischen Gymnasien und studierte daraufhin – in der Absicht, Priester zu werden – an der Universität Tübingen. Die Stadt, ihr geistiges und gesellschaftliches Leben, wirkte auf Grupp jedoch „erkältend“. Das Philosophiestudium, auf das sich Grupp gefreut hatte, stieß ihn ab, weil ihm die „Kälte und der Hochmut der freien Wissenschaft“ entgegenschlug, deren zerstörerische Kraft er fühlte. „Die ganze Atmosphäre der Universität atmete Kritik und wieder Kritik“. Sie trieb Grupp in die Arme der Scholastik. Auch die theologischen Vorlesungen hatten etwas „Starres, Fremdes“ an sich. Die Kirchengeschichte bei Franz Xaver Funk (1840-1907) machte auf Grupp zwar einen sehr soliden, gründlichen und zuverlässigen Eindruck. Aber auch ihr fehlte „die Wärme, die Idee“; die historische Kritik Funks stieß ihn durch ihre Schärfe und Schroffheit ab. Eine Anziehungskraft ging hingegen von den apologetischen Vorträgen von Paul Schanz (1841-1905) aus, zumal dieser ein reiches naturwissenschaftliches und bibelkritisches Wissen ausbreitete. Weil es den Priesteramtskandidaten verboten war, fachfremde Vorlesungen zu hören – Mathematik, Physik, Astronomie und Anatomie hätten Grupp interessiert – besuchte er die allein erlaubte Nationalökonomie, wo er sich mit der Zinsfrage im Rahmen der antiken Wirtschaftsgeschichte beschäftigte.
„Der Hauptfehler des damaligen Universitätsstudiums“ – so bemerkt Grupp in seinen autobiographischen Aufzeichnungen – „war der gänzliche Mangel einer Wirtschaftsgeschichte, in weiterem Betrachte der Mangel an kulturhistorischen Vorlesungen. Nicht einmal die Kunstgeschichte wurde in halbwegs erträglicher Weise vorgetragen. Tübingen blieb in dieser Hinsicht weit hinter anderen Universitäten zurück, verschloss sich jedem Fortschritte und blieb im geschichtlichen aber auch im philosophischen Betriebe auf seinem veralteten Standpunkte stehen. Hätte damals schon eine fortschrittlichere Richtung geherrscht, so wären meine Studien viel früher auf ein einheitliches Ziel konzentriert worden und in gleichmäßigerer Richtung verlaufen. […] Ich war überzeugt, dass viel weniger die politischen Fragen, als die materiellen und die religiösen Interessen die geschichtliche Bewegung bedingen, und habe, soweit ich Geschichte studierte, immer sozialen und rechtlichen Bewegungen nachgespürt“.
1884/1885 machte sich Grupp an die Lösung einer Preisaufgabe, die darin bestand, die neuere Staatstheorie seit der Reformation unter Berücksichtigung der Zeitverhältnisse darzustellen und ihren Beitrag zur Bildung des modernen Staatsbegriffs aufzuzeigen. Nach anfänglichen Bedenken, weil die moderne Entwicklung des Staatsbegriffes im konstitutionell-liberalen Kulturstaat mündete, der die Kirche nur als eine seiner Anstalten begriff, stellte sich Grupp der Aufgabe. „Damals brach das Eis, das sich mir beim Eintritt in Tübingen in der Brust gebildet. […] Die Kunst verband sich mit der Philosophie, die Dichtung mit dem Denken. Die ganze Wirklichkeit wurde lichtumflossen und alles strahlte in einem höheren bezaubernden Glanze. […] Auf dem alten Boden, wo ich in frommer Religiosität geschwelgt, schwelgte ich jetzt in der Verklärung der Wirklichkeit der menschlichen Gesellschaft, des Staates. Es schien mir eine Fortsetzung des alten Lebens in höherer Sphäre, in breiterer Fülle, in realistischerer und vollerer Form. Einen Gegensatz, einen Konflikt mit dem Glauben empfand ich damals noch nicht in mir, ich glaubte an eine Versöhnung und jedenfalls hoffte ich, den Standpunkt des methodischen Zweifels, den man als erlaubt hingestellt hatte, nicht zu überschreiten. Ich suchte den Traditionalismus zu verbinden mit dem Hegelianismus durch das Mittel der Romantik“. Der erste Preis ging zwar an einen Konkurrenten, den evangelischen Theologen und späteren württembergischen Staatspräsidenten Johannes Hieber (1862-1951), doch erhielt Grupp einen zweiten außerordentlichen Preis und wurde aufgrund seiner Studie noch vor seinem theologischen Examen zum Dr. phil. promoviert.
Die letzten Studienjahre entfremdeten Grupp der Theologie. Er erwog eine Laufbahn als Bibliothekar oder Archivar in München, ging politisch auf Distanz zur Zentrumspolitik, sympathisierte mit dem „liberalen Katholizismus“. Als er in einem Zeitungsartikel die Bismarckspende zum 70. Geburtstag des Reichskanzlers verteidigte, fiel er bei seinen kirchlichen Oberen in Ungnade. Gleichwohl machte Grupp 1885 sein theologisches Examen, bezog das Priesterseminar und wurde 1886 zum Priester geweiht.
Die sich anschließende Vikarszeit wurde zur Qual. Man hatte Grupp in ein abgelegenes Dorf geschickt, was er als Strafe für seinen politischen Liberalismus empfand. Berechtigte Hoffnungen auf eine wissenschaftliche Weiterbildung – als Repetent am Tübinger Wilhelmsstift – zerschlugen sich aufgrund von Intrigen. Ein Ausweg eröffnete sich, als 1887 die Stelle eines Benefiziaten und Kustos der kunst- und wissenschaftlichen Sammlungen des Fürsten von Oettingen-Wallerstein in Maihingen ausgeschrieben wurde. Grupp bewarb sich und erhielt die Stelle. 1891 wurde er selbständiger Leiter der Sammlungen und Bibliothekar, 1910 Fürstlicher Rat. Damit hatte Grupp seine Lebensstellung gefunden; sie gab ihm Gelegenheit und Anregung zur wissenschaftlichen Arbeit.
Damals beschäftigte ihn stark die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Glaube und Ethos, Dogma und Moral. Aus dieser Beschäftigung erwuchs eine Studie über die Erscheinungsformen des Gewissens, in der er das spekulative, metaphysische Problem über den Sitz und die Quelle des Gewissens ins Konkrete erweiterte, indem er Andeutungen und stillschweigenden Aussagen heranzog, die das „Volksbewusstsein“ in Urteilen und Sprüchen formuliert hatte. Zunehmend dehnte er das Problem weiter ins Historische aus, suchte sich die geschichtlichen Erscheinungsformen des Ethos in der Aufeinanderfolge der Völkerkulturen zu vergegenwärtigen und ihre verschiedenen Werte gegeneinander abzuwägen. Damit hatte er den entscheidenden Schritt zur Kulturgeschichte und Kulturphilosophie getan.
In seiner Autobiographie beschreibt Grupp diesen inneren Werdegang: „Noch weiter wollte ich in der Aufeinanderfolge der modernen Philosophien den tieferen Gehalt herausheben und den Fortschritt des modernen Gedankens dem Fortschritt der gläubigen Philosophie zur Seite stellen. Aus dem einen Plane ergaben sich meine kulturhistorischen, aus dem zweiten meine apologiegeschichtlichen Studien. Es waren zwei Äste, die aus einem Baume gewachsen sind. Natürlich haben sich im Verlauf der Arbeit die anfänglichen Pläne etwas einschränken und anpassen lassen müssen. Die beiden Pläne liefen bald sehr stark auseinander und zuletzt brachte sie die schroffe Scheidung des ursprünglichen Theologen in einen Philosophen und Historiker. Auf dem einen Aste des gemeinsamen Stammes erwuchs zuerst die Abhandlung über die Anfänge der Kultur […]. Der zweite Teil, welcher über die geistige Kultur der Vorzeit handelte, gelangte erst später zur Ausarbeitung, nachdem ich zwischenhinein […] den Aufsatz ‚Zur Geschichte des Conflikts zwischen Glauben und Denken und seinen Lösungsversuchen’ ausgearbeitet hatte. […] Der Versuch, die apologiegeschichtlichen Studien zu einer Geschichte der Apologie oder gar der Philosophie zu erweitern, hat mich in dem Jahre 1889/90 zu dem Aufsatz über Motive des Glaubens in der Lehre Jesu, der Apostel und apostolischen Väter […] und zu den Beiträgen zur alten und neuen Philosophie […] geführt, aber der Gesamtplan kam nicht zur Ausführung“.
Die Aufsätze flossen später in Grupps großem Werk „System und Geschichte der Kultur“ (1891/1892) zusammen. Es war eine geordnete Wiederspiegelung der ihn bedrängenden Gedankenwelt langer Jahre. „Man hat mit Recht gesagt, es sei alles Mögliche darin zu finden: Philosophie und Theologie, Rechts- und Staatsphilosophie, Apologie, Geschichte, Kunst und Literatur. Alles das beschäftigte mich in hervorragendem Grade“.
In der Kritik
Nahezu 40 Jahre kulturgeschichtlicher Arbeit waren Grupp vergönnt. Seine über 100 Aufsätze, seine Editionen (etwa die Oettingischen Regesten in drei Bänden), vor allem aber elf Monographien von teils enormem Umfang machten Grupp weit über Landes-, Konfessions- und Milieugrenzen hinaus bekannt. Er schrieb unter anderem über die Kultur der alten Kelten und Germanen (1905), über den Deutsche[n] Volks- und Stammescharakter im Lichte der Vergangenheit (1906), verfasste eine zweibändige Kulturgeschichte der römischen Kaiserzeit (1903/4). Als Hauptwerk gilt seine Kulturgeschichte des Mittelalters, die zunächst in zwei Bänden erschien (1894/1895) und bei seinem überraschenden Tod in der sechsbändigen dritten Auflage (1921-1925) steckte.
Die vielen Rezensionen zur Kulturgeschichte des Mittelalters – quer durch alle Lager – anerkennen Grupp als einen der belesensten und fleißigsten Kulturhistoriker, dessen Studien immer eine Menge neuen und interessantesten Materials boten. Die Rezensionen zeigen aber auch, wie unterschiedlich damals die Vorstellungen von der Anlage und vor allem vom methodischen Zugriff der Kulturgeschichtsschreibung waren.
Da gab es jene, die nach einem systematischen, im Grunde synthetisierten, konstruierten Gesamtentwurf strebten und nach den zugrundeliegenden Ideen suchten, die aber auch in der Gefahr standen, das Spezielle im Allgemeinen aufgehen zu lassen und so ein vereinheitlichtes, letztlich vielleicht spekulatives, unrealistisches Bild zu zeichnen. Für diese Art von Kulturgeschichte stand etwa Georg Steinhausen (1866-1933), ein vielseitig begabter Schriftsteller und Wissenschaftsorganisator, nicht zuletzt aber Herausgeber der Zeitschrift für Kulturgeschichte. In diesem Leitorgan wurden Grupps Publikationen durchgehend tendenziös und abwertend besprochen. Gleichwohl konnte selbst Steinhausen – zu dessen erst 1910 erschienen „Kulturgeschichte der Deutschen im Mittelalter“ das Gruppsche Werk in direkter Konkurrenz stand – nicht umhin, diesem Respekt zollen: Er lobte die „sorgfältigere Durcharbeitung des Stoffes“, die reichen Quellenbelege und literarischen Nachweise; das Werk habe „unzweifelhaft seinen Wert“. Größere Bedeutung wollte er ihm aber nicht zuschreiben. Dass Grupp „auch manches Neue“ zu sagen habe und „neue Gesichtspunkte aufstelle“, müsse man von einem Werk, das „nicht ganz populär und kompilatorisch“ gehalten sei, ja erwarten. Doch gehe ihm „überhaupt das Großzügige“ ab. Dem Verfasser fehlt aber vor allem „höheres Dispositionstalent“: Grupp „stellt einzelne Kapitel oft unvermittelt oder unpassend nebeneinander. […] Das Ganze oder größere Teile beherrschende Gesichtspunkte kommen, soweit sie überhaupt vorhanden sind, dem Leser kaum zum Bewußtsein. Gerade der nichtfachmännische Leser, für den Grupp] doch namentlich schreibt, wird häufig im einzelnen gefesselt werden, aber vom Ganzen kein völlig klares Bild gewinnen“. Und überhaupt: Grupp sei „ein eigensinniger Kopf“. Immerhin sei er als einer der wenigen auf dem Feld der Kulturgeschichte Tätigen wegen seiner Förderung dieses Gebiets und seiner ernsthaften Natur anerkennen. Die vielen Einzelausführungen, die durchweg auf Quellen gründeten, und die Berücksichtigung „mancher den meisten Historikern ferner liegenden Materien und Erscheinungen des christlich-kirchlichen Lebens“ sicherten dem Werk auch für nichtkatholische Leser einen „hervorgehobenen Wert“.
Andere sahen gerade in den von Steinhausen hervorgehobenen Mängeln des Werkes dessen eigentlichen Wert. Gegen den immer wieder erhobenen Vorwurf, Grupp häufe lediglich interessantes Material an, meinte ein Rezensent im Staats-Anzeiger für Württemberg, in dem Werk werde nicht einfach nur „ein ungeheurer Stoff“ vorgeführt, sondern in „verarbeiteter“ Form! Dabei könne der Leser immer wieder mit Befriedigung feststellen, dass „der Verfasser den wichtigen Fortschritt vom konstruktiven Denken zum empirischen, vom idealistisch-spekulativen zum realistischen für seine Person gründlich vollzogen“ habe. Ausdrücklich anerkannt wurde zudem die „echte Wissenschaftlichkeit“ und „vollkommene Vorurteilslosigkeit“, mit der Grupp die Dinge so darzustellen suche, wie sie den Zeitgenossen erschienen seien. Gerade deswegen sei es so wertvoll, dass Grupp Anhänger und Gegner in reicher Zahl zu Wort kommen lasse.
Den methodologischen Konflikt brachte 1913 ein Rezensent auf den Punkt: „Schwieriger ist die Frage, ob wir im vorliegenden Bande das Ideal einer kulturgeschichtlichen Darstellung zu erblicken haben. Wer der Kulturgeschichte als einem Zweige historischen Forschens und Gestaltens die Aufgabe zuweist, das Leben vergangener Zeiten in der schier unübersehbaren Masse einzelner Äußerungen religiöser, künstlerischer, wissenschaftlicher, wirtschaftlicher, rechtlicher Art zu verdeutlichen, wer ein buntes Mosaik von überall her zusammengetragener Quellenstellen, Erzählungen, Urteilen usw. für das geeignete Mittel hält, um mittelalterliche Einzelmenschen, Genossenschaften, Stände und Verbände dem Leser nahe zu bringen, wird bei G[rupp] unzweifelhaft auf seine Rechnung kommen. Wer hingegen die Universalität von Kulturerscheinungen ins Auge faßt und in ihr gleichwohl nationale Differenzierungen am Werke sieht, deren Stärke und Wechselwirkung abgeschätzt werden muß, damit ein Gesamturteil über sie alle und das sie umhegende Haus der supranationalen Kulturgleichheit gefällt werden kann, ein solcher Leser wird – es muß offen ausgesprochen werden – bei G[rupp] nicht sein Genügen finden, obwohl dieser Abschnitte über die Normannen, Byzantiner und Araber seinem Buche einverleibt hat. G[rupp] gleicht einem Maler, der in seinem Gemälde Einzeldinge stark betont und daher jenen Totaleindruck seines Kunstwerkes nicht erzeugt, den der Beschauer doch haben will und muß, um in den Geist des Bildes einzudringen. G[rupp] selbst führt aus, daß die Masse der Einzelheiten einer Eingliederung widerstrebe; ‚nur wenn man entschlossen darauf verzichtet, das wirklichen Leben in seiner Mannigfaltigkeit sich genau widerspiegeln zu lassen, gelingt es zur Not, logische und psychologische Zusammenordnungen zu gewinnen; gewiß tauchen in der Geschichte Ideen auf und nieder, und ich habe nicht versäumt darauf aufmerksam zu machen, wo sie sich von selbst aufdrängen, aber allumfassende Schemata hat man bis jetzt nicht entdeckt. Man muß die Tatsachen vergewaltigen, wenn man sie alle unter einen Nenner bringen, und die Charaktere verzwingen, wenn man sie in eine Uniform stecken will. Am ehesten geht es noch bei der Wirtschaftsgeschichte. Daher waren auch Wirtschaftshistoriker die Erfinder der sich in der Geschichte scheinbar ablösenden Gefühlstypen; sie haben aber bei der älteren idealistischen Richtung wenig Beifall gefunden, besonders wenig auf der dem Verfasser befreundeten Seite‘“.
Deutlich unterschiedliche Einschätzungen gab es auch hinsichtlich der Objektivität des Verfassers. Dabei spielte immer wieder das religiös-konfessionelle Moment eine große Rolle. Dass Grupp nicht mit verdeckten Karten spielte, sondern seinen christlichen – und dazuhin auch noch katholischen – Standpunkt von vornherein klarmachte, war für viele Rezensenten ein bequemes Argument, seine Kulturgeschichte als minder wertvoll zu charakterisieren. Noch zu den gerechteren Rezensionen zählen in dieser Hinsicht jene von August Werminghoff (1869-1923). Die von Grupp dargestellte Periode – so meinte dieser – stelle an den Bearbeiter „hohe Anforderungen hinsichtlich der Kritik und Wertung“, denn es handle sich meist um kirchliche Quellen, aus denen geschöpft werde. „Geistliche sind Berichterstatter, also nur ein Bruchteil der Bevölkerung, die überdies einer fremden Sprache sich bedienen und ein eigenes geistiges Leben führen. Für die Erkenntnis des laikalen Wesens versagen die literarischen Quellen keineswegs, aber ihr eben hervorgehobener […] Charakter bedingt leicht eine nicht geringe Einseitigkeit in Urteil und Schilderung“. Grupp sei sich dieser primären Schwierigkeit „nicht überall bewußt“, doch habe er immerhin den Versuch gemacht, auch in „die materielle Kultur“ einzudringen. Grupps Darstellung der Kultur auf deutschem Boden sei „sicherlich eine bessere als die Hennes am Rhyn“, könne aber mit der Steinhausens nicht auf eine Stufe gestellt werden. Denn: Von diesen beiden trenne ihn „eine Weltanschauung, die wir achten, ohne sie uns zu eigen machen zu können“.
„Katholische“ Kritik im Hochland
1903 wurde Grupp von Karl Muth (1867-1944) eingeladen, sich als Autor an der von ihm neu gegründeten „Kulturzeitschrift“ zu beteiligen. Es fällt auf, dass es nur zu einem einzigen kleinen Beitrag („Neues über Nordamerika“) kam, den Grupp noch im selben Jahr 1903 ins Hochland lieferte. Weshalb er dem Organ fortan fernblieb, wissen wir (noch) nicht. Vielleicht wollte er den Historisch-politischen Blättern treu bleiben, die er damals bereits seit vielen Jahren fleißig belieferte, und denen mit dem Hochland eine gewaltige Konkurrenz erwachsen war.
Doch die kulturgeschichtlichen Monographien Grupps wurden auch im Hochland besprochen – und zwar durchgehend positiv. Eine Ausnahme macht eine Sammelrezension des Münsteraner Historikers Alois Meister (1866-1925) zur Kulturgeschichte des Mittelalters: Grupp habe „Lesefrüchte“ zusammengetragen und biete eine „reiche Materialsammlung“, die vom Laien als „unterhaltsam“ begrüßt werde und „dem Forscher gute Dienste“ leiste. Indirekt wurde Grupp abgesprochen, Forscher zu sein, sein Werk wurde zum Steinbruch abqualifiziert, aus dem man sich nur zu bedienen brauche. Unverschämt auch nett verpackte Sätze: Grupp hätten sich „bei seinem langjährigen Sammeln Fragen und Vergleiche aufgedrängt“, deren Erörterung durchaus „willkommen“ sei. Der Anschluss an bereits vorhandene Spezialforschungen sei nicht überall geglückt, wo Grupp sich aber auf unbekanntem Terrain bewege, sei – so wird gnadenhaft zugestanden – „alles wertvoll, was er zusammenbringt“. Zweischneidig auch das Lob für Grupps eingehende Berücksichtigung der mittelalterlichen Sittengeschichte. Grupp weise auf Kleidermoden des 12. Jahrhunderts hin, die ganz der skandalösen Frauenmode von 1914 gleiche: ‚enganliegende, durchsichtige Stoffe‘, allem Anscheine nach mit ‚wohlberechneten Schlitzen‘. Dann aber meint der Rezensent: „Überhaupt wäre das Material, das Grupp über Laster und Ausschweifungen beibringt, äußerst gravierend, wenn nicht gegenüber der Verwendung von pikanten Anekdoten als Geschichtsquellen ein berechtigtes methodisches Bedenken am Platze wäre. Sind denn alle diese Dinge glaubwürdig? Darf man sie verallgemeinern? Berechtigen sie uns, einen so großen Tiefstand beispielweise des deutschen Frauenlebens anzunehmen? Durch wiederholte Verarbeitung eines und desselben schlüpfrigen Erzählungsmotivs kann noch nicht ohne Weiteres auf die weite Verbreitung eines Lasters geschlossen werden, sondern nur auf die Wanderung des Erzählungsstoffes und auf eine gewisse Geschmacksdisposition“. Grupp habe, wie er selbst sage, „entschlossen darauf verzichtet, das wirkliche Leben in seiner Mannigfaltigkeit sich genau widerspiegeln zu lassen“.
Grupp protestierte gegen diese „katholische“ Kritik: Das Gegenteil des Behaupteten sei wahr. Er habe nicht „entschlossen darauf verzichtete, das wirkliche Leben in seiner Mannigfaltigkeit sich genau widerspiegeln zu lassen“, sondern habe solches gerade jenen vorgeworfen, die „die Vielheit der Erscheinungen in Schablonen“ pressten. Ein solches Vorgehen lehne er entschieden ab. Auch den Vorwurf der unkritischen Anhäufung von Pikanterien wies Grupp zurück. Wiederholt habe er betont, dass es sich um Ausnahmen handle, habe „das Schlimmste nur angedeutet“ und darauf hingewiesen, dass „viele Schwankmotive weit zurückreichten“. Sein Schlussurteil sei sogar so günstig ausgefallen, dass ihm die evangelische Theologische Literaturzeitung daraus einen Vorwurf gemacht habe.
Ein „Januskopf“ seiner Zeit
Georg Grupp stand – als Vorreiter einer Kulturgeschichte aus katholischer Sicht – in der vordersten Front, und saß doch zwischen allen Stühlen. „Historiographisch ganz im Gefolge Janssens, aber doch schon im Wegstreben von der apologetischen Position begriffen, einer Objektivität zugewendet, die sich mehr oder weniger stark im Banne des allgemeinen Historizismus einer zur Neige gehenden Kultur zeigt, mit starken soziologischen und sozialethischen Interessen, aber auch wieder systemfreudig, grundsätzlich in einem Sinne, der den Taktikern der achtziger und neunziger Jahre widersprach, halb naturalistisch, halb mystisch, in den tiefer wurzelnden Erzeugnissen etwas widerspruchsvoll“ – so Philipp Funk (1884-1937). Grupp gehörte zu den Vertretern einer „liberalen“ katholischen Wissenschaft, aber „es wäre in Wahrheit ungerecht, sie im eigentlichen Sinne des Wortes liberal zu nennen. Sie waren zwei Welten zugewandt, der beharrenden und der fortschrittlichen, der rationalen und der gläubigen. Unter diese Gestalten gehörte auch Georg Grupp, der eine Zeit lang seinen Platz im Gefolge der Kraus und Schell suchte“.