I.
Wenn von Stereotypen die Rede ist, verwenden wir das Wort gewöhnlich ausschließlich in negativer Bedeutung. Als stereotyp gilt also dasjenige Wort, das schwach, undifferenziert, „mechanisch“ ist. Deswegen neigt es zu Vorurteilen und Parteilichkeit. Dagegen beansprucht jeder, der gegen Stereotype spricht, ein besonderes Lob, weil er angeblich inhaltsreich redet, über eine feine Sensibilität verfügt und eine par excellence kritische Haltung vertritt.
Meiner Meinung nach ist eine solche Annäherung selbst stereotyp und tut dem Wesen der Sache Unrecht. Und dies geschieht nicht nur weil, wie uns Gadamer in Wahrheit und Methode gelehrt hat, auch die Vorurteile selber legitim sein können, insofern sie ihr Ansehen aus den Ansichten einer Autorität oder der gesammelten Erfahrung der Tradition schöpfen. Es gibt noch einen anderen, häufig vergessenen Grund. Wie jedes Werturteil verrät auch die stereotype Bewertung nicht nur über den Bewerteten viel, sondern auch über den Bewertenden. Es zeigt uns nicht nur, wie dieser alles versteht, was er zu beurteilen hat, sondern auch, wie er sich selbst wahrnimmt und vorstellt. Hinter dem stereotypen Bild des Anderen versteckt sich immer ein stereotypes Bild des Selbst: Das stereotype Verständnis des Anderen setzt notwendig ein genauso stereotypes Selbstverständnis voraus. Wegen Gründen, die uns allen bekannt sind, sind die Fragen rund um das Selbstverständnis – mit anderen Worten, die Identitätsfragen – äußerst sensibel. Unser Unternehmen, die Stereotypen zu bekämpfen, gemäß denen wir die Anderen beurteilen, ist viel feiner und riskanter, als es auf den ersten Blick scheint.
Ja, so ein Unternehmen ist auch sehr riskant. Wenn wir ehrlich sein wollen, dann scheint das stereotypenreiche Wort gesellschaftlich unüberwindbar. Es verfügt über viele Vorteile: Es ist von vornherein verfügbar, kann jederzeit zurückgerufen werden und ist auch fast überall anwendbar. Es ist schon erprobt und vertraut; es richtet sich an Menschen, die es gerne hören; es muss seine Anhänger nicht jedes Mal von Neuem gewinnen. Es ist vor allem schnell. Häufig unterschätzen wir die Bedeutung der Geschwindigkeit, weil wir einen Mangel an unmittelbarer praktischer Erfahrung haben oder die Möglichkeiten des kritischen Denkens überschätzen. Im rasanten Tempo der späten Neuzeit gilt allerdings oft die Schnelligkeit einer Entscheidung als ihre höchste Tugend. Wenn wir mit dramatischen Ereignissen zu tun haben, die sich während einer einzigen Börsensitzung oder eines Terrorangriffes abspielen, ist oft der Inhalt einer Entscheidung zweitrangig. Das, was hier vor allem zählt, ist die Reaktion selber – nicht so sehr die Entscheidung, sondern die Entschiedenheit. In solchen Fällen werden die langfristigen Konsequenzen der Entscheidung an sich dem Urteil der Zukunft überlassen; auf der Waage der Gegenwart hat jene Symbolik Gewicht, die die Ankündigung einer Entscheidung ausstrahlt. Die Menschen der Tat wissen es gut: Politiker, Militärs, Verantwortliche in Wirtschaft und Presse: Wenn der kritische Moment kommt, dann ist es wichtiger zu wissen, was du willst, nicht was du tust. Die übertriebene Vertiefung desorientiert die Vitalität des Willens, manchmal betäubt sie sie.
Sogar ein „homme des lettres“ wie Rainer Maria Rilke, wusste es: „Aber Lebendige machen alle den Fehler, dass sie zu stark unterscheiden“, so in der Ersten Elegie. Aber wenn wir auch das kühle Verhältnis von Kosten und Nutzen unter die Lupe nehmen, ist klar, dass eine falsche, leichtlebige Entscheidung manchmal korrigiert wird, dass der durch sie entstandene Schaden repariert wird. Das Versäumnis einer wichtigen Entscheidung aber, auch wenn die Gründe dieses Versäumnisses wichtig sind, könnte sich als nicht wieder gutzumachen erweisen. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.
In solchen Momenten, die immer häufiger und dichter werden, je dichter die technische Vernetzung des Planeten wird, erweist sich die sokratische Tugend des Hinterfragens, des permanenten Zweifels, oft als ein Nachteil. Die Stereotype sind ein natürlicher – man könnte sagen: instinktiver – Denkschutz, manchmal der einzige, über den wir verfügen, gegenüber einer Welt, die immer komplizierter und intransparenter wird.
II.
Wenn wir also von Stereotypen reden, und sogar von konkreten Stereotypen, wie denen, die sich auf die griechisch-deutschen Verhältnisse beziehen, dann müssen wir zweimal vorsichtig sein. Nicht alle sind wegzuwerfen; sie beinhalten oft nützliche und wesentliche Informationen. Nicht alle sind zu beseitigen; über ihre Inhalte hinaus spielen sie eine kritische Rolle, als Orientierungszeiger in der Politik und anderswo.
Schauen wir uns nun aber die Frage näher an, die uns beschäftigt. Welche Schlussfolgerungen haben wir denn gezogen, was haben wir alles festgestellt, seit 2010 bis heute, in den Jahren der großen und bis jetzt nicht entspannten Krise Europas? Eine erste und allen klare Schussfolgerung ist, dass sich das Bild der Deutschen in den Augen des Durchschnittsgriechen radikal geändert hat. Vor allem das Bild der deutschen Politik. Es herrschte früher eine pauschale Sympathie oder Anerkennung, manchmal sogar ehrliche Bewunderung für die Errungenschaften Deutschlands in der Nachkriegszeit und besonders nach der Wiedervereinigung. An deren Stelle sind aber sehr schnell die Zurückhaltung und der Argwohn getreten. In breiten Teilen der Bevölkerung äußern sie sich als offene Gegnerschaft oder gar Feindschaft. Bittere geschichtliche Erinnerungen wurden hochgeholt, Reflexe, die wir für träge hielten, wurden wieder in Bewegung gesetzt. Ein aggressiver Antigermanismus, verbreitet im ganzen politischen Spektrum und in der ganzen Gesellschaft und mit der Fahne des uns angeblich bedrohenden Vierten Reiches als Schreckensgespenst in der Hand, hat rasant die nüchternen Urteile beseitigt.
Bis zu einem bestimmten Grad, vielleicht in geringerem Maße, hat sich auch das Bild Griechenlands und seiner Einwohner in den Augen des Durchschnittsdeutschen verschlechtert. Abwertende Aussagen und Taten fand man auch hier, realisiert oder geschürt von politischen Organisationen und Personen, die bereit waren, das Missfallen von großen Teilen der Bevölkerung auszunutzen. Auch in Deutschland sah man das Auftauchen uralter Stereotypen, die in scharfen Trennlinien herauskristallisiert wurden: Norden-Süden, Zikaden-Ameisen, Mittelmeer-Mitteleuropa und so weiter.
Von ihrem leicht zu disziplinierenden Selbst ausgehend, überschätzen die Deutschen die Möglichkeiten der Politik und der Propaganda, die öffentliche Meinung eines Landes dorthin zu steuern, wohin diese beiden möchten. Im Fall Griechenlands wäre es allerdings ein Fehler zu denken, dass unser aktueller Antigermanismus ausschließlich das Geschöpf einiger ideologischer Mechanismen oder das Produkt einer Propaganda von oben oder von außen ist, die aus Eigeninteressen von konkreten politischen Mächten und der Presse angestiftet wird. Im Gegensatz zu den Ländern des europäischen Nordens und wegen geschichtlicher Gründe, die ich jetzt nicht erläutern kann, sind die Mechanismen des kollektiven „Katechismus“ in Griechenland vergleichsweise schwächer ausgeprägt.
Der aktuelle griechische Antigermanismus sowie der frühere tiefe Antiamerikanismus, der die ersten Nachkriegsgenerationen gekennzeichnet hat, kommen von unten. Er antwortet auf tiefverwurzelte seelische Bedürfnisse und Unsicherheiten und verdeutlicht stumme, aber bedeutsame und bis heute unüberbrückbare kulturelle Unterschiede. In diesem Sinne, das Fazit meines Beitrags vorwegzunehmen, ist dieser Antigermanismus unverwundbar gegenüber der reinen Vernunft und ihrer Argumente – unserer Argumente.
Ich erläutere das an einem Beispiel. Es geht um ein entscheidendes Wort. Rund um dieses Wort hat sich in all diesen Jahren die Diskussion über die europäische Krise gedreht: χρέος, Schuld. Lassen wir die allen bekannten Ereignisse, den dauernden politischen Streit und die offizielle Haltung der Regierungen beiseite. Wie versteht der Durchschnittsgrieche und wie der Durchschnittsdeutsche den Begriff Schuld?
Ich meine, dass es weder zufällig noch indifferent ist, dass in der deutschen Sprache ein sehr breites Spektrum von Bedeutungen durch denselben Begriff wiedergegeben werden kann: Schuld. Im Strafrecht geht es zum Beispiel um die Zurechnungsfähigkeit des Täters. In religiösen Kontexten bedeutet Schuld Sünde. Die semantische Breite des Wortes ist so groß, dass sie auch das Verbrechen in seiner abscheulichsten Ausdrucksform abdecken kann, diejenige des Mordes: Schuld und Sühne, so wird am häufigsten das Werk Dostojewskijs überschrieben, obwohl Verbrechen und Strafe die präziseste Übersetzung wäre. Auch der Akt der Entschuldigung, das Wort selbst, erinnert uns an jene moralisch-religiöse Herkunft und Kontinuität der Begriffe. Entschuldigung bedeutet wortwörtlich „Befreiung von der Schuld“, „Ent-Schuldigung“. Es geht also um einen völlig verinnerlichten und jahrhundertalten sprachlichen und gesellschaftlichen Automatismus. Aufgrund dessen ist in den Augen des Durchschnittsdeutschen ein Schuldner gleichzeitig jemand, der eine Straftat begangen hat, sogar ein „Sünder“. Den kann man entschuldigen, insofern er seine Strafe verbüßt, „Reue zeigt “, „ihm verziehen wird“ und er seine Schuld bezahlt. Wer Pleite gegangen ist, ist etwas mehr als ein unzuverlässiger Partner beim Geschäftemachen: Er muss sich auf der Ebene der Moral verantworten, ist gesetzlich strafbar und aus der Gesellschaft auszuschließen.
Im Gegensatz zum Deutschen verfügt der heutige Grieche über keine starken Ausdrücke, um den Selbstvorwurf zu artikulieren. Es scheint sogar, das bereits unser Wortschatz der Rechenschaft Widerstand leistet, dass er sie verhindert. Das uralte Wort ύβρις (Hybris) setzt nicht – woran uns der Fall von Ödipus erinnert – die subjektive Verantwortung des Täters voraus. Das Verb σφάλλω (einen Irrtum begehen) ist wesentlich verstummt und wurde vom moralisch farbloseren Ausdruck κάνω λάθος ersetzt. Λάθος aber, von λανθάνω, bedeutet lediglich die momentane und schuldlose Unterbrechung der Aufmerksamkeit.
Im Griechischen kann man die veränderte Bedeutung des ήμαρτον (ich habe gesündigt) merken: Ursprünglich bedeutete es die Beichte einer Sünde vor Gott, heute aber wird es allgemein verwendet, um Empörung oder eine Bitte zum Ausdruck zu bringen, wie „Bitte, zeig‘ Erbarmen“, oder „Ich bitte ganz herzlich“. Ήμαρτον πια! Δεν με λυπάσαι λίγο (Bitte, zeig‘ Erbarmen! Du zeigst mir kein Erbarmen) sagt die Mutter zum Unruhe stiftenden Sohn und verwendet einen Ausdruck, der die Kausalbeziehung der Verantwortung umkehrt. Im Allgemeinen wurden die Verben αμαρτάνω (ich sündige), μετανοώ (ich zeige Reue) και μεταμελούμαι (ich bereue) nie säkularisiert. Sie bleiben in ihren religiösen und heute psychisch inaktiven Kontexten gefangen. Das συγγνώμη! (Verzeihung) und με συγχωρείτε! (Verzeihen Sie), die breit verwendet werden, signalisieren etymologisch nicht die tätige Übernahme der Verantwortung oder der Schuld. Im Gegenteil fordern sie, dass der Andere im Nachhinein unseren Irrtum toleriert (συγχωρεῖν τινί τι), Milde zeigt (συγγνώμη) und auf die Bestrafung verzichtet. Es geht also auch hier nicht um die Übernahme des Gewichts der Verantwortung, sondern um das Anliegen, dass man von dessen Folgen befreit wird.
Entsprechend verhält es sich auch mit dem Wort χρέος (Schuld). Obwohl dessen Gebrauch die Schuld, auch die Verpflichtung bedeutet, wird die Anerkennung einer Schuld nicht untrennbar mit einer verinnerlichten moralischen Annahme assoziiert, von dem Bekenntnis einer Schuld ganz zu schweigen. Wenn für den Deutschen derjenige, der seine Schulden nicht begleicht, als Übertreter nicht nur der weltlichen, sondern auch der moralischen Ordnung gilt, ist für den Griechen der Schuldner nicht unbedingt moralisch zu tadeln – es mag schon sein, dass er nur zum Opfer nicht seiner Taten, sondern der Umstände gefallen ist. Statt der individualisierten Verantwortung und Rechenschaft stellt die griechische Sprache einen unpersönlichen und eher unkontrollierbaren Faktor in den Mittelpunkt: τύχη (das Schicksal). Mit Hilfe seiner Sprache schreibt der Grieche alle, ausnahmslos alle, Ereignisse seines Lebens dem moralisch indifferenten Schicksal zu. Nicht nur ευτυχία (Glück) oder δυστυχία (Unglück), sondern auch αποτυχία (Erfolg) und αποτυχία (Misserfolg), ατύχημα (Unfall) und συντυχία (Fügung).
Von den Worten, die ein unmittelbares Erlebnis zum Ausdruck bringen, bedeuten nur φταίω, φταίξιμο und φταίχτης ein direktes Bekenntnis zum Irrtum. Sie werden aber bei ernsten, offiziellen Anlässen nicht verwendet und sie tragen nicht das volle Schuldgewicht der Begriffe, von denen sie abgeleitet werden. Charilaos Trikoupis konnte noch 1874 verklagend fragen „Τίς πταίει;“ Er äußerte sich aber im hohen, tadelnden Stil der Kathareuousa. Das volkstümliche „Τίς πταίει;“ würde heute fast unbedeutsam klingen. Auf der Skala der strafbaren Taten unserer Justiz weisen die Worte πταίσμα, πταισματικός und πταισματοδικείο auf ein leichtes, fast unerhebliches Vergehen.
Ich fasse das bisher Gesagte zusammen: Als die Frage nach der griechischen Staatschuld in den Mittelpunkt der europäischen Politik geraten ist, ließ sie einige Stereotype auftauchen, die nicht zu denen gehören, die durch die Förderung des Dialogs, die Selbstbeherrschung und den gegenseitigen guten Willen kurz- oder mittelfristig hätten beseitigt werden können. Es ging vielmehr um „Stereotype“ (und hier zeigt sich, dass dieses Wort unzulänglich ist), die in der Sprache, der Geschichte und der Mentalität von Griechen und Deutschen verwurzelt sind. Die Schuldfrage brachte „Vor-Entscheidungen“, „Vor-Urteile“ ans Licht, die nicht vorläufige Gewohnheiten, sondern kollektive Weltbilder, voneinander abweichende Lebenssichten, inkompatible Mentalitäten, zwei diametral entgegengesetzte kulturelle Haltungen darstellen.
Schauen wir auf die Frage nach der Überschuldung durch Anleihen aus der Perspektive der Deutschen, die die unerschütterliche moralische Verantwortung einer Einzel- oder Kollektivperson für die jeweiligen Ereignisse unterstreicht, dann müssen wir zugeben, dass sich das moralische Bewusstsein im modernen Griechenland in einem Zustand von erbärmlicher Unterentwicklung, wenn nicht chronischer Kränklichkeit befindet. Wenn wir aber als Ausgangspunkt die griechische Sichtweise nehmen, die die unbesiegbaren Wendungen des Schicksals und die Ironie der Umstände überbetont, scheint die deutsche Beharrlichkeit auf die Schuld als arroganter Didaktizismus oder sogar als moralistische Heuchelei. In beiden Fällen scheint das Zusammenkommen auf einen gemeinsamen Nenner, wenn auch den kleinsten, unmöglich, weil die Griechen meinen, dass die Deutschen die Dinge zu ernst oder zu leicht nehmen.
Als Beobachter verfügt man freilich über den Luxus, diese zwei Haltungen ruhig zu beurteilen, zu kritisieren und auf ihre Vorteile und Übertreibungen hinzuweisen. Jeder aber, der in den Prozess der Verhandlungen mit den Vertretern dieser Haltungen und Ansichten involviert ist, darf sie weder übersehen noch unterschätzen. Es ist überhaupt nicht klug zu glauben, dass sein Gesprächspartner quasi magisch auf seine festen Thesen verzichten wird oder sogar den entscheidenden Schritt in die andere Richtung machen wird. Vor allem, wenn er aus eigener Erfahrung weiß, wie schwierig es für ihn wäre, entsprechend zu handeln, und wie unpopulär er dadurch unter seinen Landsleuten werden würde.
III.
Wir Griechen ignorieren den Begriff der hohen, abstrakten Pflicht, daher neigen wir dazu, alles aus der Sicht des Persönlichen zu betrachten. Es ist deswegen nicht verwunderlich, dass die Mehrheit der Bevölkerung die Haltung Berlins den überschuldeten Länder des Südens gegenüber einer individuellen politischen Wahl der Protagonisten der deutschen politischen Bühne zuschreibt, hauptsächlich Angela Merkel oder Wolfgang Schäuble. Wir verkennen, dass wir mit festen Merkmalen der deutschen Mentalität zu tun haben und so machen wir das Missverständnis noch schwieriger, indem wir es sogar als Ausdruck eines personenbezogenen Streits interpretieren. Andererseits kann jeder verstehen, der sich mehr oder weniger in der griechischen Mentalität auskennt, wie ungeeignet und kontraproduktiv die Strategie des öffentlichen Tadels Griechenlands seitens der deutschen Politiker und Presse ist, gemeint ist diese Politik des gehobenen Zeigefingers, die so oft praktiziert wird, auch wenn man dadurch nur auf das Selbstverständliche hinweist. Die Erfahrung zeigt: Möchtest du den Griechen gegen dich haben? Dann wirf‘ ihm etwas in der Öffentlichkeit vor. Er verfügt weder über eine Kultur der Reue noch über die intellektuelle Flexibilität, die ihm gestatten würde, seinen Fehler zuzugeben, ohne sich zu fühlen, als ob seine Selbsteinschätzung und seine Selbstwahrnehmung in der Welt verletzt werden. Er wird automatisch den Tadel als Kampfansage interpretieren.
Im Allgemeinen bitten die Griechen nicht um Entschuldigung, sie geben ihre Fehler nicht öffentlich zu. Vielmehr schätzen sie diejenigen nicht besonders, die es tun, sie loben eine solche Haltung nicht. Die öffentliche Entschuldigung sehen sie nicht als Ausdruck von Konsequenz und Mut, sondern als Zeichen von Schwäche und Kapitulation. Hélène Ahrweiler schreibt: „Sie verschweigen alle abschätzigen Aspekte ihrer Geschichte, sie vergrößern und verschönern die Wohltaten und jeden Erfolg.“ Im Gegensatz zu Deutschland finden in diesem Land die entscheidenden Veränderungen aus den missglückten Entscheidungen der Vergangenheit nicht demonstrativ, nicht laut, sondern verdeckt statt, mit dauerhaften taktischen Windungen oder sogar mit demonstrativen Lügen. Ihre Protagonisten werden geehrt, nicht wenn sie die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sondern wenn sie die Gewässer trüben und den Blick des Anderen vom klaren Verständnis dessen ablenken, was sie eigentlich tun.
Um ein aktuelles Beispiel zu erwähnen: Die große Wende Angela Merkels in der Flüchtlingsfrage in den letzten zwölf Monaten, eine Wende fast von 180 Grad, könnte vom griechischen Wähler völlig bejaht werden, auch wenn sie im absoluten Schweigen stattgefunden hätte. Die dramatischen Wendungen des griechischen Ministerpräsidenten sind bekannt – allerdings haben sie ihn im vergangenen September bei den Wahlen überhaupt nicht geschadet. Der Durchschnittsdeutsche begnügt sich dagegen mit der tatsächlichen Wende nicht. Er fordert ein Reuebekenntnis aus dem Mund der Kanzlerin. Je länger dies nicht geschieht oder nicht in der gebotenen Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht wird, desto mehr ärgert er sich über sie.
Die griechische Haltung ist auf eine uralte Kultur zurückzuführen, eine Kultur, die man als Kultur der „Ehre“ oder des „Schams“ bezeichnet, sie ist fast im ganzen Mittelmeerraum tief verwurzelt. Der gegenüber steht die – ebenfalls alte – nordische Kultur der Reue, die sich auf individuelle Zurechnung und Vermessen der „Schuld“ gründet. Der griechischen Ansicht nach ist die Neigung der Deutschen, nach der Verantwortung jeder einzelnen Person zu suchen und sie ihr dann zuzurechnen, ein Skandal. Die Welt ist nicht in unserer Hand, genau das Gegenteil ist der Fall: Unsere Taten und Versäumnisse, egal wie individualisiert, wie persönlich sie sind, können nie völlig auf unseren Willen zurückgeführt werden, sie sind auch Produkte von Kräften, die uns in einer fast depressiven Weise übertreffen. In diesem Sinne können wir nichts anderes, als unter ihrer Last zu leben. Sogar das schwerste, abscheulichste Verbrechen, insofern es die Elementarkräfte widerspiegelt, die die conditio humana durchdringen, ist etwas Relatives und, letztendlich, unvermeidbar. Unsere Versuche, es im Nachhinein zu verurteilen oder zu überwinden, um in der Zukunft ähnliches zu vermeiden, sind unpassend.
Für so eine Ansicht, oder, besser gesagt, für so eine Lebenshaltung ist ein Anliegen wie das der Vergangenheitsbewältigung, der Überwindung der Vergangenheit, ihrer Fehler und Sünden, sinnlos. Eine solche Überwindung ist unmöglich, weil dies die Überwindung der menschlichen Natur voraussetzen würde, so wie wir sie kennen. Schon die Hervorhebung des Anliegens stellt eine Hybris dar. Zu meinen, dass du – sei es auch nur potenziell – besser bist als das, was du tatsächlich bist, zu glauben, dass das geschichtliche Bewusstsein dich verbessern kann, dich von den Wendungen des menschlichen Schicksals ausnehmen kann, zu deinen Gunsten den Schrecken der Vergangenheit aufheben kann, wird als eine Form von Hochmut wahrgenommen. Alles, was geschieht, kann nicht ungeschehen gemacht werden. Nicht nur weil es schon geschehen ist, in einer schon vollendeten und unumkehrbaren Zeit. Sondern auch, weil es immer geschehen wird, weil es potenziell, als innere Neigung in jeder Zeit, in der Vergangenheit oder in der Zukunft, vorhanden ist.
Das einzige Heil, die letzte Lösung von den Fesseln der Vergangenheit ist schlussendlich weder die Reue noch die Bestrafung, sondern etwas anderes, drastischeres – die λήθη (Vergessenheit). Schon die Tradition der Antike will es, dass die Psyche vom Fluss des Vergessens trinkt, um wiedergeboren werden zu können. In diesem Fluss wäscht sich Dante in der Göttlichen Komödie, damit es ihm gestattet wird, ins Paradies zu kommen. Genauso wie in „Funes el Memorioso“ von Borges findet derjenige, der nicht vergisst, keine Vergebung für die Vergangenheit und verliert gleichzeitig die Gegenwart. Er opfert die Rechte der Gegenwart für das sisyphusartige Werk der Veränderung der Vergangenheit.
IV.
Ich weiß nicht, ob all dies völlig entmutigend für die Zukunft der griechisch-deutschen Verständigung klingt. Hoffentlich nicht. In der Geschichte ziehen sich die Gegensätze an, vielleicht weil das Eine dem Anderen seine unaussprechlichen Grenzen zuerkennt. Jedenfalls – um die stereotypen Sorgen unserer Zeit beiseite zu lassen – ist der griechisch-deutsche Bund nicht irgendein Glied in der langen Kette des heutigen Europas. Es geht um ein entscheidendes, lebenswichtiges Glied für beide Seiten – aber auch für die Kette in ihrer Gesamtheit.
Die Idealisierung der griechischen Antike, ihre Wahrnehmung als absolutes und unübertreffliches Vorbild – „The Tyranny of Greece over Germany“, um das berühmte Werk von Eliza Butler (1935) zu erwähnen – gehört zu den Grundsäulen der deutschen Kultur und ist dadurch noch heute ein konstitutives Element des deutschen Selbstverständnisses. Vergessen wir auch nicht, dass die Wendung von Dionysios Solomos, des Begründers unserer neueren nationalen Literatur, in Richtung der Romantik und des Idealismus vom Historiker Spyridon Zambelios kritisiert wurde. Dieser hat sie als „Apostasie … zum Germanismus, der anderen Wesens und anderen Typus‘ ist“ bezeichnet.
Der „Germanismus“ steckt allerdings nicht nur in den Fundamenten unserer modernen nationalen Literatur, sondern auch in den Fundamenten des neogriechischen Staates, die bekanntlich von bayerischen Bürokraten und Gesetzesgelehrten gelegt wurden. Den „Germanismus“ findet man auch an vielen anderen Höhepunkten unseres nationalen Lebens, von den Werken der Maler der Münchner Schule bis zu jenen jungen Denkern, die später hochrangige Politiker geworden sind, nachdem sie frisch aus Heidelberg zurückgekommen waren und das bedeutsame Archiv für Philosophie und Wissenschaftstheorie gegründet hatten. Der alte Vorwurf von Giorgos Seferis – noch ein bekennender „Anti-Deutscher“ sowohl in der Politik, als auch in der Literatur – scheint seine Gültigkeit noch nicht verloren zu haben: In unseren Schriften und unserem Denken gibt es „viel Schwarzwald“.
In dieser Hinsicht sind der neugriechische Germanismus und Antigermanismus nicht einfache Stereotypen, allgemein positive oder negative Vorurteile. Sie sind etwas Tieferes und Aussagekräftigeres: Ausdrücke eines dauerhaften, lebendigen, aber gleichzeitig auch extrem ambivalenten Interesses. Ich sage es so, wie ich es bereits am Anfang probiert habe: Das Bild von den Deutschen, das wir Griechen haben, offenbart viel mehr über uns als über sie. Deswegen fehlt es uns so schwer, dieses Bild zu überwinden.
Es gilt aber auch das Gegenteil. Genauso extrem und widersprüchlich, sogar widersprüchlicher, sind die Wandlungen des Bildes von Griechenland im modernen Deutschland. Von der „Gräkomanie“, dem „Griechenkult“ der Humanisten und dem begeisterten Philhellenismus der Revolution bis zur ersten Entzauberung der ottonischen Zeit und dem späteren Fallmerayerismus, vom Lob Griechenlands als touristischer Idylle bis zur heutigen abwertenden Kritik des griechischen Staates und seiner Institutionen – um von der dunklen Zeit der Nazi-Besatzung zu schweigen – bleibt die Schlussfolgerung dieselbe: Die Beziehungen von wenigen Völkern sind so geladen, so geschichtlich schwankend, so spannungsreich wie diejenige zwischen Griechen und Deutschen.
Die Gegensätze ziehen sich an, aber genauso stoßen sie sich ab. Dieses dauerhafte Anziehen-Abstoßen, dieses Schwanken zwischen ungebremster Bewunderung und absoluter Ablehnung offenbart letztendlich etwas anderes, umfassenderes: die natürlichen Grenzen der Verständigung miteinander. Die guten Absichten reichen nicht: Das könnte die Schlussfolgerung sein. Wenn die übrigen Bedingungen es nicht begünstigen, auch wenn du den Anderen ehrlich so sehen möchtest, wie er ist, kommt sein Gesicht trübe vor deine Augen.
Übersetzung: Georgios Vlantis