Der Beitrag von Klaus Bieberstein zeigt, wie viele ersttestamentliche Texte in Krisenzeiten oder in Auseinandersetzung mit Katastrophen entstanden sind und welch unterschiedliche Wege gefunden wurden, um mit den Herausforderungen umzugehen und Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Auch wenn es neben den Krisenzeiten – das soll keinesfalls verschwiegen werden – auch viele Zeiten der Blüte gab: Im Rückblick zeigt sich, wie gerade die schwierigen Zeiten theologisch produktiv wurden. Angesichts erlittener oder befürchteter Katastrophen, Krisen und Zumutungen erzählten die biblischen Autor:innen die eigenen Traditionen neu in die veränderten Kontexte hinein. Sie versuchten angesichts der Krise nicht, alte Gewissheiten unverändert wiederherzustellen, sondern wurden theologisch innovativ und entwickelten neue, tragfähige Konzepte, erzählten Gegengeschichten gegen Bedrohungen, übermächtige Propaganda und herrschende Diskurse, veränderten das eigene Selbstverständnis und entwarfen inmitten von Trümmern Zukünfte. Ähnliches lässt sich auch im Neuen Testament beobachten. Zunächst soll aber noch ein anderer Aspekt bedacht werden.
Schmerz – Trauer – Klage
Krieg, Gewalt, Zerstörung bis hin zum drohenden Abbruch der eigenen Geschichte finden in biblischen Texten ein Echo in Form von Verzweiflung, Trauer und Klagen. Eindrücklich bringen die individuellen und kollektiven Klagepsalmen solche schmerzvollen Aspekte menschlichen Lebens und der Geschichte ins Wort, und angesichts der Zerstörung Jerusalems durch die babylonischen Truppen 587 v. Chr. betrauert das Buch der Klagelieder das Schicksal der Stadt und ihrer Bewohner:innen. Neben Trauer und Klage finden sich in diesem Buch auch Anklagen gegenüber dem eigenen, kollektiven Versagen (z. B. Klgl 1,8) und sogar gegenüber Gott (Klgl 1,12.14; 2,20). Noch deutlicher wird die Anklage Gottes im Buch Ijob, dessen Protagonist angesichts des Zerbrechens seines Lebens und des Verlustes aller Verlässlichkeiten formuliert, die Erde sei in die Hand eines Frevlers gegeben (Ijob 9,24). Wenn es so ist, gibt es keinen Orientierungsrahmen mehr, der Tun-Ergehen-Zusammenhang geht nicht auf, die Welt ist nicht lesbar. Dann kann man nicht sinnvoll handeln und nicht sinnvoll leben.
Trauer, Klage, Anklage oder auch das Gefühl ohnmächtigen Ausgeliefertseins finden ein erschütterndes Echo in den Texten. Das gilt es wahrzunehmen, auszuhalten und zu würdigen. Die Notwendigkeit von Trauer und Klage und die Kraft, die daraus erwachsen kann, soll im Folgenden anhand neutestamentlicher Spuren weiterverfolgt werden.
Die Krise des Karfreitags
Dramatischer als der Tod Jesu am Karfreitag ist Disruption kaum vorstellbar. Die Evangelien, als erstes das Markusevangelium, zeigen in dieser Situation Frauen, die dableiben und standhalten, die nicht ausweichen oder fliehen, sondern sich dem Tod, der Zerstörung und dem Schmerz aussetzen (Mk 15,40f.). Die Erzählung zeigt im Folgenden die Frauen, wie sie Schritt für Schritt mitgehen: vom Kreuz zum Ort des Begräbnisses (Mk 15,47) und nach einer Ruhepause erneut zum Grab (Mk 16,1–8).
Diese Frauen lassen sich als Traumatisierte wahrnehmen. Zwar thematisiert die Erzählung weder ihren Schock noch ihren Schmerz noch ihre Trauer noch irgendwelche anderen Gefühle; doch zeigt sie die Frauen, die das Furchtbare mitansehen, verletzlich in ihrer Treue zu ihrem Freund und Lehrer – und verletzt angesichts der Brutalität des Geschehens.
Die Posttraumata- und Resilienzforschung zeigt, wie wichtig es ist, dass Menschen die Realität nicht verdrängen und sich etwas vormachen, sondern sie ehrlich wahrnehmen, anerkennen und annehmen. Aus der aktiven Auseinandersetzung mit Verletzungen und Traumata können Heilungs-, Reifungs- und Stärkungsprozesse entstehen. Gegenüber dem immer noch verbreiteten Ideal der Unverletzlichkeit und dem Verdrängen von Leid und Tod ist dies ein deutlicher Gegenakzent.
Auch die Frauen in der Erzählung des Markusevangeliums bleiben angesichts des furchtbaren Geschehens anwesend. Indem sie den grausamen Tod ihres Freundes und die Bestattung beobachten, nehmen sie die brutale Realität dieses Todes ernst. Sie tun das, was ihnen angesichts dieses Todes möglich ist, auch und gerade dann, wenn sie sich früh am Morgen aufmachen, um ihrem Freund eine letzte Ehre zu erweisen und ihn zu salben. Mit diesen berührenden Zeichen der Treue und Zuneigung inmitten der Gewalt gewinnen sie ihre Handlungsfähigkeit zurück – auch dies eine wichtige Ressource für Resilienz.
Die Erzählung nimmt eine überraschende Wendung, wenn die Frauen vom Gottesboten im Grab hören, dass Jesus auferweckt worden sei. Sie würden ihn in Galiläa sehen, das sollten sie den anderen sagen (Mk 16,6f.). Hierin leuchtet eine weitere Ressource für Resilienz auf: Hoffnung. Allerdings scheint dies vor allem eine Botschaft an die Lesenden zu sein; denn die Frauen, „außer sich“ von der Begegnung mit dem Göttlichen – der Text nennt es ekstasis –, verkünden die Hoffnungsbotschaft nicht, sondern schweigen. Offenbar gibt es noch keine Worte für das Unsagbare. Der Wandel von der Trauer hin zum Neuen, zur Hoffnung, zur Zukunft, braucht Zeit. Und auch bis Worte für das Neue gefunden werden, braucht es Zeit.
Durch diesen offenen Schluss kommen die Lesenden und Hörenden ins Spiel: Wenn die Frauen nichts sagen, ist es an ihnen, den Lesenden und Hörenden, die Botschaft weiterzutragen. Die Hoffnung, die für die Frauen noch zu groß ist, kann ihnen den Weg weisen. Wer hofft, fühlt sich Herausforderungen und Umbrüchen nicht ohnmächtig ausgeliefert, sondern kann Handlungsperspektiven erkennen und den Weg weitergehen.
Die Zwischenzeit des Karsamstags
Mit Transformationsprozessen ist also grundlegend auch Trauer über das, was nicht mehr ist, verbunden. Denn zur Trauer gehört es, die schmerzhafte, schwierige, herausfordernde Realität anzuerkennen, anzunehmen und auch das Scheitern ernst zu nehmen. So kann mit dem Sozialethiker Martin Schneider vom Trauern sogar als „transformativer Krisenbewältigung“ gesprochen werden.
Die Evangelientexte lassen zwischen der Katastrophe des Karfreitags und der Auferweckungsbotschaft am Ostermorgen einen Zwischenraum: den Karsamstag. Er ist gewissermaßen eine Leerstelle nach dem Scheitern der Hoffnungen, Vorstellungen und Erwartungen, nach Martin Kirschner „eine Erfahrung der Leere, des Entzugs, des Vermissens“ (Kirschner: Lebendige Seelsorge 73, 2022, 389), die es auszuhalten gilt. Genau hier aber liegt nach Kirschner der Ursprung des christlichen Glaubens, zutiefst verbunden mit einer Hoffnung, die, mit Paulus gesprochen, noch nicht zu sehen ist (Röm 8,24–26). So kann aus dieser Erfahrung des Nullpunkts heraus der Wandel entstehen, für den sodann die anschließenden Ostererzählungen tastend eine Spur suchen: „Im Umgang mit dieser Leerstelle, in den Wendungen der Maria von Magdala auf der Suche nach dem Geliebten, im Wettlauf des Lieblingsjüngers und des Petrus zum Grab, im Zweifeln des Thomas, der an Auferstehung nur glauben kann, wenn er die Wunden des Auferstandenen spürt, die ihn als den Gekreuzigten ausweisen, vollzieht sich in den Narrativen der Schrift eine Auseinandersetzung mit dem Nullpunkt, die ihn zu einem neuen Anfang werden lassen.“ (Kirschner: Lebendige Seelsorge 73, 2022, 390f.)
Der Schluss des Markusevangeliums zeigt die Frauen, wie sie nach dem Schock wieder handlungsfähig werden und erste Schritte gehen. Doch die Erzählung endet offen. Wie daraus ein Neuanfang und eine tragfähige Perspektive für das Leben entstehen können, bleibt der Verantwortung der Lesenden überlassen, die ihren Weg in ihr eigenes Galiläa selbst gehen müssen.
Menschen übernehmen Verantwortung
Nicht allein literarisch betrachtet, sondern auch historisch gesehen bildete der Karfreitag nicht den Endpunkt. Denn es gab Menschen, die die Botschaft weitertrugen: in neuer, veränderter Form, in einer Weise, dass der Tod Jesu nicht als Falsifikation der Botschaft verstanden wurde, sondern eine zentrale Bedeutung erhielt. Das bedeutet eine grundlegende Transformation der Botschaft selbst: Aus Jesu Botschaft von der anbrechenden Gottesherrschaft, der basileia tou theou, wurde die Botschaft vom Gekreuzigten und von Gott Auferweckten. Die Gottesherrschaft blieb zwar weiterhin Teil der Botschaft; doch ist es gelungen, sie mit dem Tod Jesu zusammenzudenken. Die Ostererscheinungen konnten als Beginn der von Jesus verheißenen endzeitlichen Wende interpretiert werden – eine theologisch innovative und weichenstellende Leistung!
Diese Botschaft verbreitete sich mit ungeheurer Geschwindigkeit um den gesamten Mittelmeerraum und bald auch darüber hinaus. Entscheidend dafür waren Menschen, die Verantwortung übernahmen. Dies scheint mir ein Charakteristikum der Jesusbewegung zu sein: Die Menschen, die Jesus gefolgt waren und sein Leben geteilt hatten, wussten sich von Jesus selbst mit Vollmacht ausgestattet und zur Verantwortungsübernahme befähigt. Denn Jesus verstand seine Sendung und seinen Auftrag nicht exklusiv, sondern teilte sie mit den Nachfolger:innen und ließ sie an seiner Vollmacht und seinem Charisma partizipieren. Diese „Charismateilhabe“ (Gerd Theißen) ist besonders deutlich in den Aussendungsreden zu greifen (vgl. Mk 3,13–19; Mt 10,1–15; Lk 9,1–6; 10,1–12; Lk 10,1–12). Auch band Jesus die von ihm verkündete Gottesherrschaft nicht exklusiv an seine Person, sondern verankerte sie in verschiedenen Kollektiven, die als Träger und Repräsentantinnen der Königsherrschaft Gottes angesprochen werden: die Armen (Mt 5,3), Kinder (Mk 10,14), Jünger:innen (Lk 12,32; Mk 4,12; Lk 17,20f) oder auch das Volk (Mt 8,11). Jesus ging so weit, dass er sogar Messiaserwartungen, die an ihn herangetragen wurden, auf die gesamte Gruppe der Jünger:innen übertrug – ein Phänomen, das von Gerd Theißen als Gruppenmessianismus bezeichnet wurde (vgl. Mt 19,28//Lk 22,28, vgl. PsSal 17,26).
Diese Befähigung Vieler ist m. E. ein wesentlicher Grund dafür, dass die Jesusgruppe in der Lage war, den Tod Jesu zu überstehen und tragfähige Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Die messianische Aufgabe, die von Jesus in die Hände der Gruppe gelegt worden war, konnte von dieser Gruppe weitergetragen werden: eine wesentliche Voraussetzung für das Entstehen von „Kirche“.
Ja, auch und gerade Frauen!
Dass zu diesen eigenverantwortlich handelnden Menschen auch Frauen gehörten, wurde bereits deutlich. Gerade in der brüchigen Übergangszeit zwischen Karfreitag und Ostern zeigen alle Evangelien Frauen, die in der genannten Weise Verantwortung übernehmen. Es sind die Jüngerinnen und allen voran Maria aus Magdala, die gegen den Abbruch der Geschichte nicht nur den Faden der Kontinuität weiterspinnen, sondern darüber hinaus das Unerwartete und Unvorstellbare erfahren und verkünden: Dass der Gekreuzigte nicht im Tod geblieben ist, sondern von Gott auferweckt wurde. Ein grundlegenderer Wandel ist kaum vorstellbar.
Gegengeschichten gegen die Gewalt des Imperiums
Diese umwerfende Botschaft von der Auferweckung des Gekreuzigten galt es in einem Kontext zu erzählen, in dem diejenigen, die den Auferweckten ans Kreuz gebracht hatten – die römische Besatzungsmacht unter Pontius Pilatus – nicht nur nach wie vor an der Macht waren, sondern in den Jahren 66–70 (73) einen bewaffneten jüdischen Aufstand in Galiläa, Samaria und Judäa blutig niedergeschlagen, Jerusalem und den Tempel zerstört und ein Massaker an der Bevölkerung verübt hatte. Was konnte nach einer solchen Katastrophe ein Evangelium sein? Und wer der Sohn Gottes?
Das Markusevangelium erzählt seine Jesusgeschichte wahrscheinlich kurz nach dem Jahr 70 in Rom, der Hauptstadt des Imperium Romanum. Dem Werk ist zu entnehmen, dass die Gemeinde vom Sieg der römischen Truppen unter dem Feldherrn und späteren Kaiser Vespasian und seinem Sohn Titus über den jüdischen Aufstand gehört haben musste. Auch der Triumphzug des Titus durch Rom mit zahllosen jüdischen Gefangenen und Beutestücken aus dem Jerusalemer Tempel musste den Angehörigen der markinischen Gemeinde noch schmerzvoll vor Augen stehen. Aber anders als es in römischer Propaganda zu hören war, wird im Markusevangelium nicht dieser militärische Sieg römischer Truppen „Evangelium“ genannt, sondern die Botschaft von jenem Jesus aus Nazaret, der von römischen Soldaten unter Pontius Pilatus als Aufständischer am Kreuz hingerichtet worden war: „Anfang des Evangeliums von Jesus, dem Christus, Sohn Gottes …“ (Mk 1,1). Und „Sohn (eines) Gottes“ ist nicht der römische Kaiser, wie dies seit Augustus mit dem Titel Divi Filius von den Kaisern beansprucht worden war, sondern (ausgerechnet) der (von der römischen Besatzungsmacht) Gekreuzigte und von Gott Auferweckte. Und sicher nicht zufällig ruft nach Darstellung des Markusevangeliums ausgerechnet ein römischer Hauptmann angesichts des Todes Jesu aus: „Wahrlich, dieser war Gottes Sohn!“ (Mk 15,39)
Das Markusevangelium erzählt seine Jesusgeschichte in intensiver Auseinandersetzung mit dem Aufstieg Vespasians zum Kaiser, bei den Heilungserzählungen ebenso wie beim Weg Jesu von Caesarea Philippi nach Jerusalem, bei den Passionserzählungen ebenso wie bei der Auffindung des leeren Grabes. Die Jesusgeschichte wird also mit entsprechenden Akzentsetzungen in die eigene Zeit hinein neu erzählt. Dabei geht es nicht um Verdrängung, „alternative Fakten“ oder ähnliches. Vielmehr geht es darum, angesichts übermächtiger Gewalt daran festzuhalten, dass es andere Logiken als die Logik von militärischer Macht, Krieg und Zerstörung gibt. Als ein Gegenentwurf zu alldem wird die Jesusgeschichte so erzählt, dass Werte der neuen Welt Gottes (basileia tou theou) im Zentrum stehen.
Denkt neu!
In dieser Botschaft von der anbrechenden Königsherrschaft Gottes ist wohl der tiefste Grund dafür zu sehen, dass die beobachteten Transformationen in dieser Weise bewerkstelligt und Zukünfte entworfen werden konnten, auch und gerade angesichts erfahrener Gewalt. Denn in dieser Botschaft von der neuen Welt Gottes liegt ein enormes transformatives Potential: Die historische Jesusforschung zeigt, dass Jesus überzeugt war, dass der entscheidende Kampf zwischen Gott und den widergöttlichen Mächten bereits stattgefunden habe und zugunsten Gottes entschieden sei. Nun war die Gottesherrschaft dabei, sich überall auszubreiten und sich durchzusetzen – und Jesus machte das in seiner Botschaft und seiner Praxis plausibel, erfahrbar und spürbar: Indem er Menschen heilte und Dämonen in die Flucht schlug, indem er Menschen um sich sammelte und Feste feierte, indem er Sünden vergab und Perspektiven ermöglichte. Damit nahm er die erwartete gute Zukunft bereits in die Gegenwart hinein und zeigte, dass und wie sich hier und jetzt schon etwas verändern konnte – und tatsächlich veränderte.
Denn wenn diese neue Zeit angebrochen ist, muss nichts bleiben, wie es ist. Neu denken, die Welt in einem neuen Licht sehen, vertrauen, neu und anders handeln – nichts anderes meinen die Worte Jesu zu Beginn des Markusevangeliums: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15) Die neue Welt Gottes gibt neue Maßstäbe für das Denken ebenso wie für das Handeln vor. Was bislang im Zentrum stand, muss dort nicht bleiben, was oder wer am Rand stand, wird plötzlich wichtig. Scheinbar unumstößliche Sachzwänge verlieren ihre Gültigkeit. Und die Evangelien behaupten: Es ist möglich! Jesu Taten, seine Gleichnisse, seine Ethik zeigen, wie es geht.
Transformationspotential liegt also in der Botschaft selbst. Die Paulusbriefe zeigen, wie diese Dynamik aufgenommen und weitergesponnen wurde und die Gemeinden miteinander ein neues und gerechteres Miteinander ausprobierten (Gal 3,26–28).
In einer unheilen Gegenwart das Andere denken, modellhaft praktizieren und Zukünfte entwerfen zu können, darin liegt ein enormes Transformationspotential biblischer Literatur in Zeiten von Krisen – um durch Krisen hindurchzugehen und lebensvolle Perspektiven freizusetzen.