Alles klar? Hoffentlich nicht! Von der Täuschung zur Ent-Täuschung
Vor einem Jahr hatten wir einen Gast im Kloster, der bei der Petrusgemeinschaft seine geistliche Heimat gefunden hat. Am ersten Tag beim Kaffee nach dem Mittagessen sagte zu mir, dass er mein Buch „Heute im Blick“ gekauft habe. Er hätte schon noch einige Anfragen. Als ich mich erkundigte, was ihm Mühe mache, antwortete er: „Eine Kirche, in der alles klar ist, ist nicht katholisch.“ Das ist der letzte Satz in der Einführung. Ich schlug ihm vor, einfach weiterzulesen und uns an seinem letzten Klostertag zu einem Gespräch zu treffen. Er eröffnete das Gespräch mit den Worten: „Die Anfragen haben sich in der Zwischenzeit erübrigt. Zum ersten Mal habe ich vor Freude über unseren Glauben geweint.“
Ich bin überzeugt, dass wir in einer gesegneten Zeit leben. Heute spricht Gott zu uns – sogar sehr deutlich. Darum wage ich das zu sagen: Eine Kirche, in der alles klar ist, ist nicht katholisch. Darf man so etwas behaupten? Zuerst muss festgehalten werden, dass mit „katholisch“ nicht eine Konfession gemeint ist, sondern ein Qualitätsmerkmal der Kirche, das die Weite zum Ausdruck bringt. Und dies muss selbstverständlich auch in einer Konfession besonders erfahrbar sein, die sich katholisch nennt.
In unserem christlichen Glaubensleben gibt es zwei Protagonisten. Der erste Protagonist ist Gott selbst. Es ist dieser Gott, der immer wieder überrascht, dessen Gedanken nicht unsere Gedanken sind. Wer einen Gott verehrt, bei dem alles klar ist, verehrt einen von Menschen selbstfabrizierten Götzen, aber nicht den lebendigen Gott unseres Glaubens. Wer Gott begegnet, wird überrascht. Davon zeugt die ganze Heilige Schrift. Alle Menschen, die Jesus Christus begegnen, werden überrascht. Sie staunen. Sie werden aufgerichtet. Sie wagen neue Wege. Sie werden entlarvt. Immer, wenn ich einen Evangeliumsabschnitt lese oder höre, und nicht überrascht werde, habe ich nicht wirklich hingehört. Wie sollte der lebendige Gott, der durch die ganze Geschichte Menschen überrascht, heute nicht mehr überraschen? Wieso sollte plötzlich alles klar sein?
Der zweite Protagonist ist der Mensch. Auch beim Menschen ist nicht alles klar. Er überrascht immer wieder. Davon wissen zum Beispiel Eltern viel zu erzählen. Das Kind ist nicht eine Kopie seiner Eltern. Es geht schon früh eigene Wege. Das ist nicht immer leicht für die Eltern, aber es bezeugt die Originalität jedes Menschen. Selten ist uns bei Menschen alles klar. Das ist immer dann der Fall, wenn wir sagen: „Diesen Menschen kenne ich. Der braucht mir nichts zu sagen.“ Eine solche Haltung zeugt allerdings nicht von Liebe. Und wirklich kennen können wir einen Menschen nur, wenn wir ihn lieben. Aber auch dann bleibt er überraschend – ja erst recht wird er uns immer wieder überraschen. Diese Erfahrung betrifft nicht nur Begegnungen mit anderen Menschen. Nicht einmal uns selbst kennen wir wirklich. Wir bringen es noch und noch fertig, uns selbst zu überraschen. Davon schreibt auch der heilige Paulus: „Ich begreife mein Handeln nicht“ (Röm 7,15). Wir tun, was wir nicht wollen; und was wir wollen, tun wir nicht.
Eine Kirche, in der alles klar ist, ist nicht Ort der Begegnung zwischen Gott und dem Menschen, sondern ein geschlossenes System. Wenn uns in der Kirche alles klar ist, nehmen wir weder Gott noch den Menschen ernst. Darum ist eine Kirche, in der alles klar ist, selbstverständlich nicht katholisch. Es fehlt ihr die Weite. Sie ist vor allem von Enge bestimmt, von Angst vor dem Verlust der Kontrolle. Dann wird sie als bedrohende Institution wahrgenommen, die um ihre Macht kämpft und ihre Privilegien verteidigt. Das steht im Gegensatz zum großartigen Bild, das der heilige Benedikt uns als Kriterium hinterlassen hat: „Wer im Glauben voranschreitet, dem weitet sich das Herz.“ Eine Kirche, in der alles klar ist, ist nicht katholisch. Zumindest das sollte klar sein.
Tatsächlich können auch wir alles einhalten, was im Gesetz steht, aber immer mehr Ungläubige werden. Das Schlimme kann sich einschleichen, über das der Geigenbauer Martin Schleske schreibt: „Es ist eine subtile Form des Unglaubens, wenn man sich an das, was man glaubt, gewöhnt hat. In der Gewöhnung ist die Seele ohne Hoffnung und der Geist ist ohne Fragen.“ Da ist alles klar. Das ist besonders die Versuchung der Frommen. Kardinal Alfred Bengsch (1921-1979), Bischof von Berlin, war sich dieser Gefahr bewusst. Er sprach sie in aller Deutlichkeit an: „Es gibt auch eine Frömmigkeit, die Schlaf ist, gefährlicher Schlaf, denn sie hat ein gutes Gewissen. Wir sind im Besitz erstarrt. Wir sind nämlich so sehr und so sicher im ‚wahren Christentum‘, dass uns nichts mehr fehlt. Wir haben doch den menschgewordenen Heiland, wir haben die Sakramente, wir haben die wahre Lehre, wir sind geborgen in der wahren Kirche – wo ist da noch Raum für die Erwartung? Freilich, es gibt den Tod und das Leben nach dem Tode. Aber steht das nicht für unser Gefühl ‚auf einem anderen Blatt‘? Hier jedenfalls ist alles klar und fertig wie ein perfekter Versicherungsvertrag.“
Illusionen in der Kirche
Da täuschen wir uns aber ganz gehörig – gerade im Zentralen unseres Lebens. Die Mönche, die im 4./5. Jahrhundert in der ägyptischen Wüste gelebt haben, sprechen oft von Illusionen. Sie meinen damit Vorstellungen und Lebenshaltungen, die nicht der Wirklichkeit entsprechen, aber unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit und unser Handeln Tag für Tag stark beeinflussen. Illusionen – in deutscher Sprache können wir sie auch Täuschungen nennen – behindern uns, zutiefst menschlich und authentisch zu werden. Sie sind nicht einfach falsch – das würden wir leicht merken und uns folglich von ihnen verabschieden. Aber sie verfälschen die Wirklichkeit. Das Tragische bei jeder Illusion ist daher, dass wir auf die Wirklichkeit nicht angemessen reagieren können. Denn wir reagieren immer auf die Wirklichkeit, wie wir sie uns vorstellen und nicht darauf, wie sie tatsächlich ist. Das heißt: Wir reagieren oft auf Illusionen. Und das kann natürlich nicht gut herauskommen. Hier passiert im Kleinen und im Großen, was Johann Wolfgang von Goethe mit einem treffenden Wort formuliert hat: „Wenn man das erste Knopfloch verfehlt, kommt man mit dem ganzen Zuknöpfen nicht zurecht.“ Oft merken wir das erst, wenn wir für den letzten Knopf das entsprechende Knopfloch nicht finden. Vorher haben wir ungestört einen langen Weg zurückgelegt, ohne dass wir den Fehler, der zu Beginn passiert ist, bemerkt hätten. So kann es uns auch im Leben ergehen. Je mehr wir in Illusionen leben, umso mehr reagieren wir nicht auf die Wirklichkeit, sondern auf unsere Illusionen. Das ist der beste Weg ins Unglück. Der bekannte Kommunikationsforscher Paul Watzlawick erzählt dazu in seinem Büchlein „Anleitung zum Unglücklichsein“ ein eindrückliches Beispiel aus dem Alltagsleben. Es ist die Geschichte mit dem Hammer. „Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht’s mir wirklich. – Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch noch bevor er ‚Guten Tag’ sagen kann, schreit ihn unser Mann an: ‚Behalten Sie sich ihren Hammer, Sie Rüpel!’ „Bestimmte Personengruppen können ähnliche Illusionen-Kisten vorweisen. Um besser zu verstehen, was Illusionen und ihre Auswirkungen sind, sei hier ein Blick in die Kiste der Personen in kirchlichen Berufen gewagt. Der Verständlichkeit halber werden sie bewusst pointiert dargestellt, wenn nicht sogar überspitzt.
„Ich bin etwas Besseres.“ Als ich in den USA zum Studium weilte, kam mir vieles – auch im Leben der Kirche – recht ungewohnt vor. Komisch, ja sogar abstoßend berührt haben mich Fernseh-Werbespots für Priesterberufungen. An einen kann ich mich noch besonders erinnern. Es wurde ein schicker junger Mann in Priesterkleidung gezeigt, der mit einer Aktentasche in der Hand wie ein Manager eine Straße heraufkam. Dann wurde eine Frau eingeblendet, die die einzigen Worte des Werbespots sprach: „My son, the Father!“ Mit diesem Werbespot wurde natürlich vor allem an die Gefühle der Mütter appelliert. Aber die Botschaft war klar: Der Priester ist etwas Besseres.
Mich berührt es immer auffällig eigenartig, wenn in der Liturgie die Streitreden Jesu gegen die Pharisäer und Schriftgelehrten vorgetragen werden: von wegen breiten Gebetsriemen, vorderste Plätze in der Synagoge, Ehrenplätze bei Festveranstaltungen (vgl. zum Beispiel Mt 23). Stellen wir uns einmal vor: In unserer Pfarrei findet ein Dorffest statt. Wir werden weder aufgefordert, bei den Ehrengästen Platz zu nehmen noch werden wir bei der Begrüßung erwähnt. Seien wir ehrlich: Was wird sich da in unseren Herzen abspielen?
Gregor der Große (540-604) spricht diese Illusion im Leben des Seelsorgers in seinen Schriften wiederholt an: „Wir wissen, dass Vorgesetzte vielfach von ihren Untergebenen übermäßige Ehrfurcht verlangen und nicht so sehr um Gottes Willen als vielmehr anstelle Gottes geehrt werden wollen. Sie überheben sich innerlich stolzen Herzens, verachten im Vergleich mit sich selbst alle Untergebenen. Mit hochfahrendem Sinn wollen sie nicht anerkennen, dass sie denen, für die sie einmal zu Vorgesetzten gemacht wurden, im Grunde gleichgestellt sind. Sie freuen sich an der Einzigartigkeit ihrer Vorrangstellung, nicht aber an der Gleichheit des geschöpflichen Standes. Jeder hochmütige Vorgesetzte macht sich sooft der Apostasie schuldig, als er sich darin gefällt, anderer Menschen Vorsteher zu sein, und an der Einzigartigkeit seiner ehrenvollen Stellung Gefallen findet. Er bedenkt nicht, wem er selbst unterstellt ist, und freut sich, den Gleichartigen nicht gleich zu sein. Sooft ein Vorsteher sich überhebt, weil er andere führt, trennt er sich durch die Sünde des Hochmuts vom Dienst des höchsten Weltenlenkers.“
Wir können rational und mit unseren Worten sehr wohl eine Haltung vertreten, die mit der gelebten Haltung nicht übereinstimmt. Niemand von uns würde einfach so zugeben, dass er sich für etwas Besseres hält. Im Gegenteil. Zudem gibt es Menschen, die es uns nicht leicht machen, von der Illusion wegzukommen. Wir alle haben unsere Verehrerinnen und Verehrer. Vom heiligen Philipp Neri (1515-1595) wird eine köstliche Episode erzählt. Als eine vornehme Frau vor ihm in die Knie fiel, hat er sich damit geholfen, dass er der Dame die Frisur durcheinander brachte. Dann hatte sie plötzlich andere Prioritäten und er hatte seine Ruhe. „Ich muss die anderen tragen und ertragen.“ Wer einen kirchlichen Beruf ausübt, muss immer wieder geben. Nicht zuletzt deshalb ist auch hier die Erfahrung des Burnouts nicht fremd. Ausgebrannt aber ist nicht so sehr jemand, der zu viel arbeitet, sondern jemand, der nicht genügend empfängt. Genauso ist es beim Feuer, von dem dieser Begriff genommen wird. Das Feuer erlischt nicht, weil es zu viel gebrannt hat, sondern weil zu wenig Brennstoff nachgekommen ist. Der Mensch kann letztlich nur geben, was er selbst empfängt. Wenn das Empfangen zu kurz kommt, versiegt mit der Zeit auch das Geben. Burnout! Darum ist es ein besonderer Gnadenmoment im Leben, wenn man realisiert, dass man nicht nur die anderen trägt und erträgt, sondern dass man auch selbst getragen und ertragen wird.
„Ich müsste alles machen.“ Viele Menschen in kirchlichen Berufen fühlen sich überfordert. Von oben und von unten hagelt es Erwartungen. Mit der Zeit kann es soweit kommen, dass man sich verantwortlich fühlt für diejenigen, die kommen, und für diejenigen, die nicht kommen. Immer mehr gerät man in eine Erlöserposition. Der deutsche Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter hat das Dilemma im Buch „Der Gotteskomplex“ plastisch dargestellt. Aber: Auch der Mensch, der einen kirchlichen Beruf ausübt, ist selbst Verwundeter und bedarf der Erlösung. Wir brauchen selbst immer wieder Zeiten des Auftankens. Wenn wir das nicht bewusst in unseren Alltag einplanen, wird es immer mehr verschwinden. Wir werden immer genug zu tun haben, um uns selbst zu vernachlässigen.
Wohin das führen kann, schildert der heilige Bernhard von Clairvaux (1090-1153) im Brief an seinen ehemaligen Schüler Papst Eugen III. mit deutlichen Worten: „Weit klüger wäre es, Dich alldem wenigstens für eine Zeit zu entziehen, als Dich davon ziehen zu lassen und allgemach dorthin, wo Du nicht hinwillst, gezogen zu werden. Wohin?, fragst Du. Nun, zum harten Herzen. Frag nicht weiter, was dieses sein mag, erschrickst Du nicht davor, so hast Du’s bereits. Eben dies ist das harte Herz, das sich vor sich selbst nicht entsetzt, weil es sich nicht mehr spürt. Eines, das keine Zerknirschung entzweireißt, keine Wendung zu Gott erweicht, kein Beten bewegt, das keiner Drohung nachgibt, durch Strafen sich weiter verstockt. Wohltaten lassen es ungerührt, Ratschläge stimmen es nicht um, es richtet unerbittlich, vor Schimpflichem schreckt es nicht zurück, geht frisch auf Gefährliches zu, ist angesichts von Menschlichem unmenschlich, fordert Göttliches frech heraus, vergisst das Vergangene, vernachlässigt das Jetzige, blickt nicht auf das Kommende vor. Ein solches Herz behält vom Vergangenen nichts übrig als die angetanen Schmähungen, von der Gegenwart überhaupt nichts, von der Zukunft höchstens den Vorblick und die Zubereitung der Rache. Um kurz alles Arge dieses grässlichen Übels zusammenzufassen: das harte Herz kennt weder die Furcht Gottes noch die Ehrfurcht vor dem Menschen. Schau: in dieser Richtung könnten Deine verfluchten Beschäftigungen Dich drängen, falls Du so weiterfährst, wie Du begannst: Dich ihnen rückhaltlos auszuliefern und nichts für Dich übrigzubehalten. Du verlierst Deine Zeit.“
„Ich habe alles im Griff.“ Das ist die verhängnisvollste Illusion, der ein Mensch verfallen kann. Wer große Verantwortung trägt und überzeugt ist, alles im Griff zu haben, sollte den Platz am besten sofort räumen. Denn das ist eine Situation, die für ihn und für die anderen gefährlich ist. Wer alles im Griff hat, hat es nicht mit Menschen zu tun, höchstens mit Steinen. Aber selbst dann hat er nicht alles im Griff. Er selbst ist ein Mensch, der immer wieder überrascht wird und selbst überrascht. Diese Illusion ist so sehr salonfähig geworden, dass wir in den Medien gelobt werden, wenn wir noch über unseren Tod bestimmen wollen. Da kann man sich und anderen nur wünschen, dass wir wenigstens nicht auch noch in der Illusion sterben, wir hätten alles im Griff. Zum Schluss noch etwas Happiges. Die Situation der Kirche ist dramatisch. Es gibt viele, die das nicht realisieren. Sie wollen es gar nicht wahrhaben. Sie bleiben in ihren Illusionen. Verschiedene Statistiken halten uns immer wieder Zahlen vor Augen, aber sehr oft schauen wir nicht hinter die Zahlen. Fast täglich sind wir damit konfrontiert, dass Menschen sich von der Kirche verabschieden. Warum verlassen viele Menschen die Kirche? Warum wächst in unseren Ländern bezüglich Religionszugehörigkeit besonders die Bevölkerungsgruppe, die sich aus jenen zusammensetzt, die sich von jeder Religion verabschiedet haben? Seit 1960 hat sich in der Schweiz die Zahl derjenigen, die zu keiner Glaubensgemeinschaft gehören, praktisch alle 10 Jahre mehr oder weniger verdoppelt. 1960 machte das 0,5 Prozent der Bevölkerung aus und im Jahr 2013 sind es bereits 22,2 Prozent. Bald wird diese Gruppe grösser sein als die Reformierten (26 Prozent) und in ein paar Jahren auch grösser als die Katholiken (38 Prozent). Auch in Deutschland ist der Anteil von Menschen ohne Religionszugehörigkeit sehr hoch. War er 1970 in Westdeutschland bei 3,9 Prozent, erreicht er 2013 in der wiedervereinigten Bundesrepublik 34 Prozent und ist damit über dem der römisch-katholischen Kirche (29,9 Prozent) und dem der evangelischen Kirche (28,9 Prozent).
In den Niederlanden war es im 2015 so weit, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung zu keiner Glaubensgemeinschaft gehört. Wenn wir die vorhin genannten Zahlen anschauen, müssen wir nicht Pessimisten sein mit der Prognose, dass 2025 die Zahl derjenigen, die zu keiner Glaubensgemeinschaft gehören, um die 50 Prozent sein könnte. Zudem dürfen wir beim Blick hinter die Zahlen nicht vergessen, dass sich ein großer Teil derjenigen, die zur Kirche gehören, innerlich von der Kirche bereits verabschiedet hat. Offenbar gelingt es uns nicht, die Freude des Glaubens glaubwürdig zu verkünden.
Die Freude des Glaubens zum Brennen bringen: Provokatives auf den Weg
Es ist uns wohl allen klar, dass wir nur dafür begeistern können, wofür wir selbst begeistert sind. Paul Zulehner sagte in einem Vortrag in St. Pölten: gesagt: „Evangeliumskraft, nicht Strukturreform rettet die Kirche.“ Darum wollen wir es wagen, umzukehren, uns Christus zuzuwenden. Wahre Umkehr ist Umkehr zum Leben (vgl. Apg 11,18). Das ist übrigens auch der Sinn des Heiligen Jahres. Wir sollen umkehren, nicht die anderen. Papst Franziskus sagt dazu: „Es ist ein Jubeljahr – und ich sage das, indem ich an unsere Heilsgeschichte erinnere – für die Umkehr, damit unser Herz größer werde, großzügiger, mehr Sohn Gottes, mit mehr Liebe.“ Umkehren möchte ich schlicht so beschreiben: Leben, was wir sagen; leben, was wir beten, leben, was wir feiern. Daraus möchte ich Ihnen vier Provokationen mit auf den Weg geben.
Die Taufe ernst nehmen. Die Taufe ist die Grundlage unseres Christseins, unseres Kircheseins. So bekennen wir im Großen Glaubensbekenntnis: „Wir glauben die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“, „Wir bekennen die eine Taufe.“ Das ist klar in unserem Bekenntnis – aber alles andere als klar in unserem Leben. So wird vielem, was wir bekennen, durch unser Leben widersprochen. Kardinal Alfred Bengsch, Bischof von Berlin, schreibt: „Wir haben in der Taufe ein neues Leben erhalten. Wir sind in der Taufe mit Christus gestorben und leben von da an mit Ihm und in Ihm. Wer also weiß, dass Christsein heißt: Mitsterben und Mitauferstehen mit Christus, der weiß auch sofort, welches Fest der Höhepunkt des Kirchenjahres ist: Ostern. Denn in der Liturgie vom Gründonnerstag bis zur Osternacht feiert die Kirche am deutlichsten das heilbringende Leiden und die Auferstehung des Herrn. Die Fastenzeit bekommt ihren Sinn von Ostern her, dem Hochfest unserer Erlösung; sie ist Einübung in das Christ-sein; sie ist nichts anderes als Ernst machen mit unserem Getauftsein.“
Wir anerkennen über die Konfessionsgrenzen gegenseitig die Taufe, aber wir nehmen sie nicht ernst. Immer noch ist ein Mensch, der von einem reformierten Pfarrer getauft wird, dann reformiert; und er von einem katholischen Pfarrer getauft wird, dann ist er katholisch. Und was passiert, wenn er von einem Atheisten getauft wird (was das Kirchenrecht als Möglichkeit vorsieht: can. 861 § 2)? Etwa ein atheistisch-christlicher Mensch? Da wird deutlich, wie wenig ernst wir nehmen, was wir sagen. Warum sollte ich mit einem Getauften nicht das Sakrament der Versöhnung feiern, wenn er darum bittet, auch wenn er zu einer anderen Konfession gehört? Wie ist es theologisch nachvollziehbar, dass Atheisten, Muslime und Getaufte anderer Konfessionen in Sachen Zulassung zu den Sakramenten gleich behandelt werden?
Das Grundlegende ist für mich klar: Die Taufe neu entdecken und so die Kirche neu entdecken. Da sind nicht zuerst die anderen gefordert, sondern wir alle ganz persönlich. Lassen Sie mich dazu vier kurze Sätze zitieren: „Die Kirche sind wir alle! Wir alle, die Getauften, sind die Kirche, die Kirche Jesu. Alle, die Jesus, dem Herrn, nachfolgen und die in seinem Namen den Geringsten und den Leidenden nahe sind und die versuchen, etwas Erleichterung, Trost und Frieden zu spenden. Alle, die das tun, was der Herr uns geboten hat, sind die Kirche.“
Nichts ist hier von den Konfessionen gesagt, nichts von Papst und Bischöfen, nichts von Pfarreirat und von Kirchenverwaltung. Wenn wir die Bedeutung der Taufe ernstnehmen, dann ist klar: Die Kirche sind wir alle! Diese Worte sind von Papst Franziskus, aus der Ansprache bei der Generalaudienz am 29. Oktober 2014. Wie wenig realisieren wir das noch. Bereits vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil sagt Heinz Schürmann zu Priestern über das Fehlen des Reifens bei Gläubigen: „‚Wie das Kind, das nicht wächst, kein Kind bleibt, sondern ein Zwerg wird, so bleibt der Anfänger, der nicht rechtzeitig auf den Weg der Fortschreitenden gelangt, kein Anfänger, sondern wird eine zurückgebliebene Seele. Ach, es scheint fast so, dass die große Mehrzahl der Seelen sich in der Gruppe der zurückgebliebenen Seelen befindet‘ (Lallemant). Hier müsste ein Schwerpunkt der Seelsorge liegen.“
Das Wort Gottes hören. Nicht nur in der Kommunion begegnet uns Jesus Christus, sondern auch im Wort Gottes, das wir hören. Der heilige Hieronymus (347-420) schreibt: „Wir essen das Fleisch und trinken das Blut Christi im Geheimnis (der Eucharistie), aber auch in der Lesung der Heiligen Schrift.“ Darum tun wir gut daran, ganz Ohr zu sein, wenn Gottes Wort gelesen wird. Dieses Wort dürfen wir in uns aufnehmen. Hören wir, was Origenes (circa 185-254) darüber sagt: „Wenn man euch den Leib des Herrn reicht, so hütet ihr ihn mit aller Sorgfalt und Verehrung, damit kein Krümchen auf die Erde falle. Wenn ihr aber so große Sorgfalt anwendet, seinen Leib zu bewahren, wie könnt ihr dann glauben, es sei eine geringere Schuld, das Wort Gottes zu vernachlässigen als seinen Leib?“
Eine solche Haltung gegenüber dem Wort Gottes bewegt zur Umkehr. Diese tiefe Ehrfurcht vor dem Wort Gottes hat das Zweite Vatikanische Konzil neu entdeckt: „Die Kirche hat die Heiligen Schriften immer verehrt wie den Herrenleib selbst, weil sie, vor allem in der heiligen Liturgie, vom Tisch des Wortes Gottes wie des Leibes Christi ohne Unterlass das Brot des Lebens nimmt und den Gläubigen reicht.“ Allerdings bricht hier eine kirchliche Haltung durch, die geradezu nach Umkehr schreit: Wie anders würden solche Aussagen eines Konzils beim Menschen ankommen, wenn sie in aller Ehrlichkeit formuliert wären? Der Satz könnte etwa lauten: „Die Kirche hat die Heiligen Schriften nicht immer verehrt wie den Herrenleib selbst. Das hat sie heute neu entdeckt. Das verdankt sie nicht zuletzt den kirchlichen Gemeinschaften, die aus der Reformation herausgegangen sind. Wieder neu will sie vor allem in der heiligen Liturgie vom Tisch des Wortes Gottes wie des Leibes Christi ohne Unterlass das Brot des Lebens nehmen und den Gläubigen reichen.“ Wer das Wort Gottes gläubig empfängt, empfängt den Leib und das Blut Christi! Wie wenig zeugen Auseinandersetzungen über Wort-Gottes-Feiern am Sonntag, dass die Kirche die Heiligen Schriften immer verehrt wie den Herrenleib selbst. Hier ist eine Brücke zum Miteinander der getrennten christlichen Gemeinschaften, die noch kaum entdeckt und wirklich genutzt wird.
Wie wenig sorgfältig und ehrfürchtig wir mit dem Wort Gottes umgehen, erfahren wir immer wieder. So wird unsere Verkündigung leer. Dazu eine kleine Erfahrung aus „Heute im Blick“: „Ich erinnere mich noch gut an eine Eucharistiefeier in unserer Gnadenkapelle anlässlich einer Goldenen Hochzeit. Mit dabei war auch ein Enkel des Jubelpaares. Yanis, ein aufgeweckter 4-jähriger Knabe, hing mir während des ganzen Gottesdienstes geradezu an den Lippen. Er sang das Alleluja nach der Lesung aus vollem Herzen mit. Dabei war allerdings nur der Text identisch mit dem Text, den alle andern sangen, aber auch die Melodie kam von Herzen. Als ich den Psalm 47 zu singen begann, klatschte Yanis begeistert in die Hände. Dann aber stellte Yanis mit Schrecken fest, dass er allein klatschte. Ich wusste zuerst nicht, was jetzt los war. Er drehte sich verwundert zu seiner Mutter und fragte sie halblaut: ‚Warum machen wir nicht, was er uns sagt?‘ Erst dann merkte ich, dass er nur tat, wozu ich aufgerufen hatte: „Ihr Völker alle, klatscht in die Hände.“
Zu Fehlern stehen und um Vergebung bitten. Wie gehen wir mit unserem Versagen um? Tun wir so als ob alles anders gewesen wäre? Solche Formulierungen finden wir nicht nur in den Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils oft. Leute, die in der Kirche große Verantwortung wahrnehmen, haben schon oft versagt. Wir haben als Kirche wichtige Aspekte vernachlässigt. Auch in unserem persönlichen Leben gibt es das Versagen. Sind wir bereit, dazu zu stehen und nicht andere dafür verantwortlich zu machen? Der spanische Tennisspieler Rafael Nadal verspielte am 5. September 2015 zum ersten Mal eine 2:0-Satzführung. Bei der Medienkonferenz sagte er: „Das ist kein Spiel, das ich verloren habe. Es ist ein Spiel, das er gewonnen hat. Er war einfach besser. Ich habe eine gute Einstellung gezeigt und bis zum letzten Punkt gekämpft. Das war in diesem Jahr nicht immer so.“ Journalisten ließen in ihrem Nachfragen nicht nach und legten Änderungen im Team nach. Darauf reagierte Nadal genervt: „Ich habe genügend darüber gesprochen, oder? Wenn ich schlecht spiele, ist das nicht die Schuld anderer Leute. Ich bin selber schuld. Du musst dich selber im Spiegel anschauen und dir sagen, dass es dein Fehler ist.“ Wenn jemand etwas ändern müsse, dann sei er es. Eine solche Haltung berührt. Sie ist Vorbild für alle Getauften – sogar für Bischöfe!
Christus ist die Mitte. Da fällt mir die einfachste Eucharistiefeier ein, von der ich je gehört habe, aber auch die eindrücklichste. Der vietnamesische Kardinal Franz Xaver van Thuan (+2002) war von 1976 bis 1989 seines Glaubens wegen in Isolationshaft. Er musste viele unvorstellbare Schikanen über sich ergehen lassen. Nur über einen kleinen Spalt kam ein wenig Sonnenlicht in den Raum, aber mehr noch nutzte allerlei Ungeziefer diesen Zugang. Wegen Magenproblemen wurde van Thuan von Zeit zu Zeit ein kleines Fläschchen Wein gestattet. Dies ermöglichte es ihm, täglich Eucharistie zu feiern. Da er keinen Kelch zur Verfügung hatte, goss er ein paar Tropfen Wein in seine Handfläche und legte ein paar Brotkrümel daneben – und so feierte er Eucharistie. Da war kein schönes Messgewand, keine Orgel, kein Orchester, ja nicht einmal ein Kelch. Und doch war das Wichtigste da: Jesus Christus war da.
Wenn wir Christus in der Feier der Eucharistie als die Mitte wahrnehmen, werden wir ihn auch in unserem Alltag wahrnehmen. Die selige Mutter Teresa von Kalkutta hat immer wieder betont, dass derselbe Christus, den sie am Morgen in der Eucharistiefeier empfange, ihr tagsüber in den Armen auf den Straßen begegne. Aus derselben Tiefe formuliert der heilige Johannes Chrysostomus in seinem Kommentar zum 25. Kapitel des Matthäusevangeliums sehr provokative Gedanken: „Willst du den Leib des Herrn ehren? Vernachlässige ihn nicht, wenn er unbekleidet ist. Ehre ihn nicht hier im Heiligtum mit Seidenstoffen, um ihn dann draußen zu vernachlässigen, wo er Kälte und Nacktheit erleidet. Jener, der gesagt hat: ‚Dies ist mein Leib‘, ist der gleiche, der gesagt hat: ‚Ihr habt mich hungrig gesehen und mir nichts zu essen gegeben‘, und ‚Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.‘ Was nützt es, wenn der eucharistische Tisch überreich mit goldenen Kelchen bedeckt ist, während er Hunger leidet? Beginne damit, den Hungrigen zu sättigen, dann verziere den Altar mit dem, was übrigbleibt.“
Wer Gott wirklich ins Zentrum stellt, stellt auch den Menschen ins Zentrum. Und wer den Menschen ins Zentrum stellt, stellt Gott ins Zentrum. Diese Einsicht hält der heilige Papst Johannes Paul II. (1920 –2005) für eine der größten Einsichten des Zweiten Vatikanischen Konzils: „Während verschiedene Geistesströmungen in der Vergangenheit und der Gegenwart dazu neigten und neigen, Theozentrik und Anthropozentrik voneinander zu trennen und sogar in Gegensatz zueinander zu bringen, bemüht sich die Kirche, darin Christus folgend, sie in der Geschichte des Menschen auf organische und tiefe Weise in Verbindung zu bringen. Das ist auch ein Grundgedanke, vielleicht sogar der wichtigste, in der Lehre des letzten Konzils.“
Eine Ent-Täuschung zum Schluss
Zum Schluss möchte ich eine Ent-Täuschung bringen, die zusammenfasst, was wir gehört haben. Ich bin 23 Jahre in die Schule gegangen – Primarschule, Orientierungsschule, Lehrerseminar, Philosophie- und Theologiestudium, Psychologiestudium. Kindergarten gab es bei uns in dem Bergdorf damals noch nicht. Nur einmal bin ich in all diesen Jahren aus dem Klassenzimmer geflogen – im Religionsunterricht. Das war am 1. April 1977. Der Pfarrer teilte uns ein Blatt aus. Weil es mir so langweilig war, sorgte ich selbst für Unterhaltung. Und es ist mir gelungen. Aus dem ausgeteilten Zettel machte ich einen Flieger, schrieb „1. April-Narr“ darauf und schoss den Flieger durchs Schulzimmer. Er landete beim Pfarrer – und ich vor der Türe.
Auf diesem Blatt war ein typisches Schema über die Kirche, das Sie wohl alle kennen. Dargestellt war eine Pyramide: Im vergangenen November durfte ich die Exerzitien der Benediktinergemeinschaft in St. Lambrecht begleiten. Ein Mitbruder schenkte mir damals dieses Modell der Pyramide. Oben ist der Papst, dann kommen die Bischöfe, dann die Priester und Ordensleute, und unten der Rest: die Laien. Dieses Bild ist uns vertraut. Die so dargestellte Pyramide entspricht dem Römischen Reich: Oben der Kaiser, dann die Fürsten, die Beamten und das Volk. Bei diesem Modell ist klar: Oben entscheidet, unten folgt. Am 18. Oktober haben wir im Evangelium das Wort Jesu gehört: „Bei euch aber soll es nicht so sein!“ (Mk 10,43). Und warum war es doch über viele Jahrhunderte immer wieder so? Darüber habe ich damals gepredigt.
Seit der konstantinischen Wende (312/313) wurde die Kirche zu einer Macht, die nicht nur dem Evangelium den Weg bahnte, sondern auch vieles übernommen hat, das nicht im Evangelium gründet. Bischöfe werden heute noch immer wieder Kirchenfürsten genannt – und einige benehmen sich leider auch so und fühlen sich gebauchpinselt. Das Denken vieler Getaufter ist immer noch geprägt von der konstantinischen Wende. Auf tragische Weise nehmen auch heute noch Amtsträger vieles, was im damaligen Staatsverständnis gründet, als kirchliche Tradition wahr und beklagen Glaubensverlust, wenn sich die äußere Gestalt der Kirche verändert. Doch Tradition im theologischen Verständnis ist viel mehr: Treue zu Jesus Christus durch den wechselhaften Lauf der Geschichte. Dabei ist gerade die momentane Situation eine gottgeschenkte Herausforderung, sich als Kirche auf den Weg zu machen: Neu entdecken, dass der christliche Glaube nicht einfach ein Denksystem ist, wie viele Menschen drinnen und draußen Kirche leider wahrnehmen.
Papst Franziskus überrascht uns immer wieder. Das erlebte ich wiederum, als ich am 19. Oktober die Ansprache las, die Papst Franziskus am 17. Oktober bei der Feier zum Gedenken an die Einrichtung der Bischofssynoden durch Papst Paul VI. vor genau 50 Jahren gehalten hat. In dieser Ansprache kommt der Papst auf das Bild der Pyramide zu sprechen. Er sagt: „Jesus hat die Kirche gegründet und an ihre Spitze das Apostelkollegium gestellt, in dem der Apostel Petrus der ‚Fels‘ ist (vgl. Mt 16,18), derjenige, der die Brüder und Schwestern im Glauben ‚stärken‘ soll (vgl. Lk 22,32). Doch in dieser Kirche befindet sich der Gipfel wie bei einer auf den Kopf gestellten Pyramide unterhalb der Basis.“
Bereits diese Aussage ist überraschend – und doch im Blick auf das Evangelium verblüffend konsequent. Also kehren wir diese Pyramide um. Allerdings ist es schwierig, sie zum Stehen zu bringen. Mit ein paar Stützen klappt es vielleicht. Aber es ist gefährlich. Jede kleine Erschütterung kann sie zum Kippen bringen. Lassen wir sie jetzt zuerst einmal liegen.
Papst Franziskus fährt fort: „Darum werden diejenigen, welche die Autorität ausüben, „ministri‘, ‚Diener‘, genannt, denn im ursprünglichen Sinn des Wortes ‚minister‘ sind sie die Kleinsten von allen.“ Vom Dienst in der Kirche wird oft gesprochen. Aber leben wir auch, was wir sagen? Ein paar Beispiele dafür, wie wenig wir glauben, was wir bekennen, lege ich im Buch „Heute im Blick“ dar. Hören wir daraus einen Abschnitt zu diesem Thema. Da wir in der Schweiz keine schwierigen Bischöfe haben, blieb mir nichts anderes übrig, als einen aus Italien zu nehmen.
„Ein etwas schwieriger italienischer Bischof machte einen Pastoralbesuch in einer Pfarrei. Geben wir ihm den Namen Enrico. Wie im Messbuch vorgesehen, betete er im ersten Hochgebet: ‚Wir bringen sie [= die Opfergaben] dar vor allem für deine heilige katholische Kirche in Gemeinschaft mit deinem Diener, unserem Papst Johannes Paul, mit mir, deinem unwürdigen Diener und mit allen, die Sorge tragen für den rechten, katholischen und apostolischen Glauben.‘ Das hatte der aufmerksame Pfarrer wohl gehört und nahm in Zukunft den Bischof beim Wort. So betete er fortan im Hochgebet jeweils: ‚Vollende dein Volk in der Liebe, vereint mit unserem Papst Johannes Paul, mit unserem unwürdigen Bischof Enrico…‘ Selbstverständlich gab es auch in dieser Pfarrei besonders fromme Leute, die dies in größter Sorge sofort dem Bischof meldeten. Der Kirchenfürst schritt ein und forderte, dass der Pfarrer diesen Blödsinn sofort unterlasse. Doch der Pfarrer antwortete ihm, ‚er habe sie aus seinem eigenen Munde vernommen, und wenn der Bischof es Gott nur sage, weil es sich so gezieme, so sage er es dem Herrn dagegen aus voller Überzeugung, damit er ihn bekehren möge.‘“
Glauben wir, was wir sagen? Wir gehen wir mit so tiefen Worten wie „Dienst“ und „unwürdig“ um? Machen wir damit nicht oft die Kirche lächerlich, ja sogar Gott? Es ist Papst Franziskus ein Herzensanliegen, dass wir nicht nur so tun „als ob“. In unserem Glauben geht es nicht um Karriere. „Bei euch soll es nicht so sein!“ Wie aber sieht Autorität für Getaufte aus? Hören wir auf Papst Franziskus in seiner Ansprache: „Im Dienst am Volk Gottes wird jeder Bischof für den ihm anvertrauten Teil der Herde zum Vicarius Christi, zum Stellvertreter jenes Jesus, der sich beim Letzten Abendmahl niedergekniet hat, um den Aposteln die Füße zu waschen (vgl. Joh 13,1-15). Und in gleicher Sichtweise ist der Nachfolger Petri nichts anderes als der Servus servorum Dei – der Diener der Diener Gottes.“
Das ist einer der Titel des Papstes: Diener der Diener Gottes. Wie provokativ und tief diese Aussage ist! Und wie wenig haben wir das realisiert, geprägt vom Autoritätsdenken dieser Welt! Das hält uns der Bischof von Rom heute vor Augen. Damit bringt er einige ins Schwitzen – nicht nur in Rom. Das fordert alle Getauften heraus. Das fordert uns alle heraus. Unsere Autorität muss sich messen an der Fußwaschung. Dann bringt Papst Franziskus seine Gedanken auf den Punkt: „Vergessen wir das nie! Für die Jünger Jesu ist gestern, heute und immer die einzige Autorität die Autorität des Dienstes, die einzige Macht die Ohnmacht des Kreuzes, getreu den Worten des Meisters: ‚Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein‘ (Mt 20,25-27). Bei euch soll es nicht so sein: Mit diesen Worten stoßen wir zum Kern des Geheimnisses der Kirche vor – „bei euch soll es nicht so sein“ – und empfangen das Licht, das notwendig ist, um den hierarchischen Dienst zu verstehen.
Ein anderer Mitbruder aus St. Lambrecht hatte eine großartige Idee, wie wir die Pyramide umgekehrt zum Stehen bringen können: Sie in ein Wasserbecken legen. Das Wasser erinnert uns an die Taufe. Die Taufe ist das grundlegende Sakrament. Das Wasser ist Symbol für Gott. Wir dürfen uns Gott anvertrauen.
Wer diese Umkehr wagt, behauptet nicht mehr, dass die Bischöfe über den Theologen seien oder umgekehrt. Das sind weltliche Kategorien. Das ist Zeitgeist vergangener Jahrhunderte. „Bei euch aber soll es nicht so sein!“ Jede und jeder in der Kirche hat Aufgaben und Verantwortungen, die man nicht gegeneinander ausspielen kann. Der heilige Paulus schildert diese kirchliche Weise des Lebens mit einem eindrücklichen Bild: Leib Christi (vgl. 1 Kor 12,12-30).
Umkehr heißt: Sich Gott zuwenden, sich ihm anvertrauen. Und genau die Liebe, die wir dann erfahren dürfen, ist die Motivation unseres Tuns. Der heilige Paulus drückt das aus mit den eindrücklichen Worten: „Caritas Christi urget nos!“ – „Die Liebe Christi drängt uns!“ (2 Kor 5,14).
Ein großer Zeuge des Glaubens im 20. Jahrhundert ist Dietrich Bonhoeffer. Am 21. Juli 1944, nach dem missglückten Attentat gegen Hitler, schreibt er Eberhard Bethge: „Ich erinnere mich eines Gespräches, das ich vor 13 Jahren in Amerika mit einem französischen jungen Pfarrer hatte. Wir hatten uns ganz einfach die Frage gestellt, was wir mit unserem Leben eigentlich wollten. Da sagte er: ich möchte ein Heiliger werden (und ich halte für möglich, dass er es geworden ist); das beeindruckte mich damals sehr. Trotzdem widersprach ich ihm und sagte ungefähr: ich möchte glauben lernen. Lange Zeit habe ich die Tiefe dieses Gegensatzes nicht verstanden. Ich dachte, ich könnte glauben lernen, indem ich selbst so etwas wie ein heiliges Leben zu führen versuchte. Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen – sei es einen Heiligen oder einen bekehrten Sünder oder einen Kirchenmann (eine sogenannte priesterliche Gestalt), dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern das Leiden Gottes in der Welt ernst, dann wacht man mit Christus in Gethsemane, und ich denke, das ist Glaube, das ist metánoia; und so wird man ein Mensch, ein Christ. Wie sollte man bei Erfolgen übermütig oder an Misserfolgen irrewerden, wenn man im diesseitigen Leben Gottes Leiden mitleidet?“ Dann wirft man sich Gott ganz in die Arme. Ich freue mich, wenn unsere heutige Begegnung uns für diese Freude des Glaubens ermutigt!