Jesus auf dem Prüfstand

Der Sohn Gottes als Besatzungskind, Überlebender der Kreuzigung und glücklicher Familienvater

Im Rahmen der Veranstaltung "Jesus (Christus)", 30.03.2026

Jesus Christ - detail from Deesis mosaic, Hagia Sophia, Istanbul, Edal Anton Lefterov/Wikimedia Commons

Allen Unkenrufen zum Trotz herrscht nach wie vor großes Interesse an der Person Jesu. Dass sich dieses Interesse nicht immer in Bahnen bewegt, wie sie vom bibelwissenschaftlichen oder kirchlichen Standpunkt aus wünschenswert wären, steht auf einem anderen Blatt. Publikumswirksam werden immer wieder sensationelle Funde präsentiert, verborgene Schriften an das Licht der Öffentlichkeit geholt und spektakuläre Dinge aus dem Leben Jesu enthüllt, die das Christentum in seinen Grundfesten zu erschüttern scheinen. Die nachfolgenden Ausführungen widmen sich drei besonders mysterienbehafteten Aspekten der Biografie Jesu, nämlich der Spurensuche nach Jesu leiblichem Vater, den Spekulationen um einen Scheintod Jesu am Kreuz und den Mutmaßungen um das geheime Liebesleben Jesu.

Jesus als Besatzungskind

Alljährlich zur Weihnachtszeit verbreiten Medien mit schöner Regelmäßigkeit die sensationelle Nachricht, dass es sich bei Jesus von Nazareth nach neuesten bibelwissenschaftlichen Erkenntnissen um ein Besatzungskind handelte, dessen Vater ein römischer Legionär namens Panthera war. In Wirklichkeit gehören derartige Mutmaßungen über den Familienhintergrund Jesu bereits in der Antike zum festen Repertoire der Polemik gegen das Christentum. Relativ neu ist lediglich die Behauptung, man könne in Bad Kreuznach sogar den Grabstein von Jesu leiblichem Vater besichtigen.

Im späten 2. Jahrhundert verfasste der platonische Philosoph Celsus eine gegen das Christentum gerichtete Abhandlung, die den Titel Die wahre Lehre trug. Dieses Werk hat die nach der Konstantinischen Wende einsetzenden christlichen Büchervernichtungen nicht überlebt, ist aber aus der Gegenschrift des Kirchenvaters Origenes zu großen Teilen bekannt, wo umfangreiche Passagen daraus zitiert werden. Bevor Celsus selbst vom Standpunkt der platonischen Philosophie aus mit dem Christentum abrechnete, schickte er seinen Ausführungen jüdische Kritik an der Person Jesu voraus, die ihm zu Ohren gekommen war. Die Frage nach der Herkunft Jesu stellte dabei einen der Hauptangriffspunkte dar. In diesem Zusammenhang begegnet bei Celsus aus jüdischem Mund die Behauptung, die Jungfrauengeburt sei von den Christen erdichtet worden. In Wirklichkeit entstamme Jesus einer ehebrecherischen Beziehung. Seine Mutter habe sich mit einem Soldaten namens Panthera eingelassen, woraufhin sie von ihrem Verlobten, dem Zimmermann, verstoßen worden sei und das Kind heimlich zur Welt gebracht habe (Origenes, Contra Celsum 1,32).

Derartige Vorstellungen dürften auch im Hintergrund stehen, wenn Jesus im Talmud an mehreren Stellen den Beinamen Ben Pandera oder Pantera trägt. Die neutestamentlichen Stammbäume Jesu, die über die männliche Herkunftslinie laufen, setzen Josef als Vater Jesu voraus (Mt 1,16; Lk 3,23). Im Kontrast dazu soll mit dem Glaubenssatz von der Jungfrauengeburt (Mt 1,18; Lk 1,35) die Göttlichkeit Jesu in besonderer Weise herausgestellt werden. In der antiken Umwelt des Neuen Testaments stieß dies auf entschiedene Ablehnung und wurde mit der Legende von der Zeugung Jesu durch einen römischen Soldaten konterkariert. Im 19. Jahrhundert formulierte der Tübinger Theologe David Friedrich Strauß sarkastisch, dass damit dem christlichen Dogma nur Recht geschehen sei. Eine zu starke Zumutung müsse sich auf eine derbe Abweisung gefasst machen, denn auf einen groben Klotz gehöre nun einmal ein grober Keil. Die Behauptung, Jesus sei in Wirklichkeit das Kind eines gewissen Panthera gewesen, kann also kaum Anspruch auf geschichtliche Zuverlässigkeit erheben. Dennoch hat sie dem frühen Christentum hart zugesetzt. Später wurde daher der Name Panthera in den Stammbaum Jesu integriert, um der Polemik den Wind aus den Segeln zu nehmen. Der Kirchenvater Epiphanius von Salamis überliefert im 4. Jahrhundert die überraschende Nachricht, dass Jesu Großvater Jakob den Beinamen Panthera getragen habe und der heilige Josef daher als „Panthersohn“ bezeichnet worden sei. Darin spiegelt sich der Versuch wider, der scheinbar nicht aus der Welt zu schaffenden Betrachtung Jesu als Abkömmling des Panthera die Spitze abzubrechen. An Jesu väterlicher Herkunftslinie haftete, so lautet die Botschaft der von Epiphanius rezitierten altkirchlichen Tradition, tatsächlich der Name Panthera, ohne dass sich daraus der Rückschluss auf die Zeugung Jesu durch einen römischen Soldaten ergäbe.

Einzelne Bibelwissenschaftler nehmen die Ben-Pantera-Tradition allerdings für bare Münze. Gerd Lüdemann erklärte 1997 in seinem Buch Jungfrauengeburt? Jesus nicht nur zum unehelichen Kind des römischen Besatzungssoldaten Panthera, sondern bereicherte dies zudem um Vergewaltigungstheorien. Die in der patriarchalen Lebenswelt des Neuen Testaments aus dem Rahmen fallende Bezeichnung Jesu als Marias Sohn in Markus 6,3 zeige, dass Josef nicht der Vater sein könne. Da für Maria ein sexuelles Abenteuer kaum wahrscheinlich zu machen sei, dränge sich die Annahme einer Vergewaltigung auf. Der nordamerikanische Religionswissenschaftler James D. Tabor zieht dagegen in seinem 2006 veröffentlichten Buch Die Jesus-Dynastie. Das verborgene Leben von Jesus und seiner Familie und der Ursprung des Christentums eher eine frei gewählte Beziehung Marias mit Panthera in Erwägung und bringt diesen Panthera zudem mit einem inschriftlich bezeugten Bogenschützen der römischen Rhein-Legionen in Verbindung, auf den 1906 bereits der Bibelwissenschaftler Adolf Deißmann aufmerksam gemacht hatte. Im Jahr 1859 wurde beim Bau des Bahnhofs Bingerbrück der Grabstein eines römischen Soldaten namens Tiberius Julius Abdes Pantera entdeckt, der sich heute im Museum Römerhalle in Bad Kreuznach befindet. Das Fundstück enthält eine nahezu lebensgroße Abbildung des Verstorbenen, bei der allerdings der Kopf abgebrochen und verloren gegangen ist. Der unten in den Stein eingemeißelten Inschrift zufolge stammte Tiberius Julius Abdes Pantera aus der phönizischen Stadt Sidon und hatte vierzig Jahre als Soldat in der ersten Kohorte der Bogenschützen gedient, bevor er im Alter von 62 Jahren in Germanien verstarb. Die auf dem Grabstein genannte Bogenschützenkohorte war im Jahr 6 n. Chr. von Palästina zunächst nach Dalmatien und drei Jahre später dann in die Nähe von Bingen verlegt worden. Tabor hält es im Blick auf diesen archäologischen Fund nicht für ausgeschlossen, dass verlässliche Spuren des leiblichen Vaters Jesu an den Rhein führen. All diese Spekulationen um eine Zeugung Jesu durch einen römischen Soldaten gehen allerdings an der Wirklichkeit vorbei, wenn es sich bei der Panthera-Tradition erst um eine polemische Reaktion des Judentums auf das christliche Dogma von der Jungfrauengeburt handelt.

Jesus als Überlebender der Kreuzigung

Um kaum einen Ausschnitt aus dem Leben Jesu ranken sich derart viele Mythen wie um seinen Tod. Neben den Evangelien bezeugen auch Josephus und Tacitus die Hinrichtung Jesu durch Pontius Pilatus. Mutmaßungen, dass Jesus die Kreuzigung überlebt haben könnte, sind aber so alt wie das Christentum selbst. Der schon erwähnte platonische Philosoph Celsus verglich das Ostergeschehen mit den Hadesfahrten griechischer Persönlichkeiten wie Orpheus, Zalmolxis oder Pythagoras, die sich für einige Zeit den Augen der Menschen entzogen hätten, um dann mit der Behauptung wieder hervorzutreten, sie seien aus dem Totenreich zurückgekehrt (Origenes, Contra Celsum 2,56). In den neuzeitlichen Spekulationen über einen Scheintod Jesu spielt die jüdische Religionsgemeinschaft der Essener, deren Mitglieder laut Josephus über besondere Heilkünste verfügten, eine zentrale Rolle.

Die These, dass Jesus die Kreuzigung überlebte und von Essenern gesund gepflegt wurde, begegnet bereits im 18. Jahrhundert bei dem rationalistischen Theologen Carl Friedrich Bahrdt. Große Verbreitung fand sie durch den 1849 ans Licht der Öffentlichkeit getretenen und angeblich auf einen Augenzeugen des Kreuzigungsgeschehens zurückgehenden Essäerbrief, der aus der berühmten Bibliothek von Alexandria stammen soll, sich aber schon nach kurzer Zeit als neuzeitliche Fälschung erwies. Während Jesus laut diesem Dokument sechs Monate nach der Kreuzigung an den Spätfolgen der Foltern starb, lässt Holger Kersten in seinem Bestseller Jesus lebte in Indien von 1983 ihn noch Jahrzehnte des unbeschwerten Lebens in Kaschmir genießen.

Kreuzestod und Auferstehung Jesu werden bei Kersten als geschickte Inszenierung ausgegeben, die von langer Hand vorbereitet war. Drahtzieher sollen zwei aus dem Neuen Testament bekannte Personen gewesen sein, nämlich der Ratsherr Josef von Arimathäa (Joh 19,38) und der Pharisäer Nikodemus (Joh 19,39). Der die Kreuzigung überwachende römische Soldat habe ebenfalls zur geheimen Anhängerschaft Jesu gehört und sich an dem konspirativen Unternehmen beteiligt, indem er dem am Kreuz hängenden Jesus einen schmerzstillenden und narkotisierenden Opiumtrank verabreichte. Bei der vorgetäuschten Bestattung Jesu hätten Angehörige des Essener-Ordens, dem Jesus früher einmal angehört und immer noch nahegestanden habe, den bewusstlos vom Kreuz abgenommenen Körper in das mit Heilessenzen präparierte Grabtuch gelegt, um ihn im Schutz der Grabhöhle einer Heilbehandlung zu unterziehen. Während der Opiumtrank den scheintoten Gekreuzigten tief schlafen ließ, habe die Bandage mit der riesigen Kräutermenge die Wundheilung beschleunigt. Bei seinen Erscheinungen nach Ostern soll Jesus versucht haben, den nicht in die Rettungsaktion eingeweihten und daher entsetzten Jüngern mit aller Eindringlichkeit zu beweisen, dass sein Körper nach wie vor irdischer Natur sei. Danach habe er sich in den Osten aufgemacht. Vor Damaskus sei Jesus noch dem Apostel Paulus begegnet, bevor ihm auch in der römischen Provinz Syrien der Boden unter den Füßen zu heiß wurde und er sich über Persien nach Kaschmir absetzte. Dort sei er im Alter von über achtzig Jahren gestorben. Als letzte Ruhestätte Jesu betrachtet Kersten das in der Altstadt von Srinagar gelegene Grab des Yuz Asaf, bei dem es sich nicht um einen muslimischen Heiligen, sondern um Jesus von Nazareth gehandelt habe. Mit diesen Erwägungen folgt Kersten dem mehr als fragwürdigen Werk Jesus in India von Mirza Ghulam Ahmad von 1899, in dem die Theorie von Jesu Tod in Kaschmirs Metropole Srinagar erstmals entfaltet wird. Ahmad berief sich bei seinem Hirngespinst auf eine Offenbarung, die ihm von Allah zuteilgeworden sei.

Als weiterer Beleg dafür, dass Jesus die Kreuzigung überlebte, dient Kersten das Grabtuch von Turin, dessen Blutspuren sich einem Lebenden verdankten. Da die Blutflecke auf dem Leinen unwiderlegbarer Beweis dafür seien, dass Jesus nach der Kreuzigung noch am Leben war, stelle die Reliquie eine ernsthafte Gefahr für den Fortbestand des christlichen Glaubens dar. Deshalb habe die römisch-katholische Kirche 1988 eine Manipulation des Radiocarbontests am Turiner Grabtuch veranlasst, um es als mittelalterliche Fälschung ausgeben zu können. In dem gemeinsam mit Elmar Gruber verfassten pseudowissenschaftlichen Enthüllungsroman Das Jesus-Komplott von 1992 unternimmt Kersten den Versuch, die Machenschaften der „Radiocarbon-Mafia“ und der „Vatikan-Guerilla“ detailliert ans Tageslicht zu bringen. Wissenschaftlich lässt sich allerdings nicht nachweisen, dass die Blutflecke im Turiner Grabtuch von einem Lebenden stammen. Selbst wenn die Reliquie echt sein sollte, würde sie also keinen Beweis dafür darstellen, dass der darin Eingehüllte nur ohnmächtig war.

Ergänzend beruft sich Kersten auf den Koran, der eine vom biblischen Befund abweichende Schilderung des Todes Jesu bietet. Der Koran kann sich nicht vorstellen, dass Allah seinen Gesandten Jesus den Händen der Frevler überließ. Von Pontius Pilatus als dem eigentlich für den Kreuzestod Verantwortlichen ist keine Rede. Den Juden als den frevlerischen Feinden Jesu gelingt es nach der Darstellung des Korans nicht, ihn zu kreuzigen. Vielmehr sei ihnen eine ähnliche Gestalt erschienen. Diese Aussage ist wohl so gemeint, dass anstelle Jesu eine andere, ihm zum Verwechseln ähnlich sehende Person am Kreuz starb. Weniger zwingend sind Auslegungstraditionen dieser Koranstelle, denen zufolge die Juden sich lediglich einbildeten, Jesus gekreuzigt zu haben. Das um 1600 auf der Iberischen Halbinsel entstandene Barnabasevangelium, das in muslimischen Kreisen als einzig zuverlässige Quelle für das Leben Jesu gilt und hohes Ansehen genießt, konkretisiert die vagen und mehrdeutigen Angaben des Korans. Während Jesus im Barnabasevangelium nach dem letzten Abendmahl direkt in den Himmel entrückt wird, erleidet der Verräter Judas an seiner Stelle den Kreuzestod. Dass solche fantasievollen Spekulationen keine historische Evidenz besitzen, versteht sich von selbst. In vergleichbarer Weise hatte bereits im 2. Jahrhundert der christliche Gnostiker Basilides die Behauptung aufgestellt, dass in Wirklichkeit nicht Jesus, sondern Simon von Kyrene ans Kreuz gegangen sei.

In jüngerer Vergangenheit sorgte der Geschichtsprofessor Johannes Fried mit seinem binnen kürzester Zeit in drei Auflagen erschienenen Buch Kein Tod auf Golgatha (2019) für Aufsehen. Wie der Untertitel des Werkes besagt, macht sich der Autor auf die Suche nach dem überlebenden Jesus. Zur biblischen Schlüsselstelle wird dabei Joh 19,34. Die dortige Nachricht, dass einer der römischen Soldaten seine Lanze in den Körper des am Kreuz hängenden Jesus stieß, woraufhin sogleich Blut und Wasser aus der Stichwunde herausflossen, sei medizinisch zu lesen. Der Soldat habe den Pleura-Spalt getroffen, der zwischen Rippenfell und Lungenfell liegt, und dem Gekreuzigten damit das Leben gerettet, da durch den Lanzenstich das dort aufgestaute Serum abfließen konnte. Fried bietet wie alle Vertreter der Scheintodtheorie ein reines Hypothesenkonstrukt ohne jede Beweiskraft.

Jesus als glücklicher Familienvater

Einen besonderen Reiz übt auf viele Menschen der Versuch aus, das geheime Liebesleben Jesu zu ergründen. Die vier biblischen Evangelien zeigen, dass Maria Magdalena eine zentrale Rolle in der Jesusbewegung spielte. Den Stoff für Spekulationen über eine Liebesbeziehung liefert aber erst das Philippusevangelium aus Nag Hammadi. Es handelt sich um die koptische Übersetzung eines verlorengegangenen griechischen Originals, das vermutlich Ende des 2. Jahrhunderts in Kreisen des Gnostikers Valentinus verfasst wurde. Dort heißt es: „Drei Frauen hatten ständigen Umgang mit dem Herrn: seine Mutter Maria, seine Schwester und Magdalena, die seine Gefährtin genannt wird“ (EvPhil 32). Zudem ist davon die Rede, dass der Heiland Maria Magdalena mehr als alle Jünger liebte und sie oftmals auf ihren Mund küsste (EvPhil 55). Dies dient Dan Brown in seinem Da-Vinci-Code als hinreichender Beweis für eine Ehe Jesu mit Maria Magdalena und eine gemeinsame Tochter namens Sarah. Allerdings ist der im Philippusevangelium gewählte Begriff für Gefährtin nicht gleichbedeutend mit Ehefrau oder Geliebte. Zudem ist der Kuss im Philippusevangelium kein erotischer Akt oder gar ein versteckter Hinweis auf Geschlechtsverkehr, sondern ein Gestus, der die spirituelle Befruchtung symbolisiert und mit dem die Gnostiker sich gegenseitig ihrer innigen geistlichen Gemeinschaft versichern. Zudem gehört das Philippusevangelium keineswegs zu den frühesten Dokumenten des Christentums, sondern ist deutlich jünger als die zwischen 50 und 110 entstandenen neutestamentlichen Schriften. Neue Evidenz für das Liebesglück Jesu versuchte Karen King, Historikerin an der Harvard University, zu erbringen. Sie sorgte 2012 für Furore, als sie ein angeblich aus dem 4. Jahrhundert stammendes gnostisches Papyrus-Fragment vorstellte, in dem Jesus von seiner Frau spricht. Das Objekt machte schnell als „The Gospel of Jesus’ Wife-Papyrus“ die Runde, ist aber inzwischen als Fälschung entlarvt. Der katholische Theologe Bernhard Lang sprach 2017 in einem Bericht der Neuen Zürcher Zeitung ganz treffend davon, dass es sich um
„Mrs. Jesus made in the USA“ handele.

Neben Texten aus dem Bereich der Gnosis dienen die Schriftrollen von Qumran immer wieder als Ausgangspunkt dafür, großen Jesusgeheimnissen auf die Spur zu kommen. Ein anschauliches Beispiel für wildeste Spekulationen bietet die Australierin Barbara Thiering, deren 1992 veröffentlichtes Werk Jesus the Man im Jahr darauf unter dem Titel Jesus von Qumran. Sein Leben – neu geschrieben auf Deutsch erschien. Das Buch ist ein beeindruckendes Produkt blühender Fantasie, das allerdings den Anspruch erhebt, die geschichtliche Wahrheit über Jesus zu enthüllen. Die Autorin will glaubhaft machen, dass Jesus sich hinter zwei geheimnisumwitterten Gestalten der Qumranschriften, nämlich dem Lügenmann und dem Frevelpriester, verbirgt. Um das abenteuerliche Leben des „Jesus von Qumran“ lückenlos dokumentieren zu können, bedarf es laut Thiering einer Dechiffrierung der neutestamentlichen Schriften, die eine Unmenge versteckter Informationen enthielten. Das Ergebnis liest sich wie ein Abenteuerroman. Jesus sei unweit von Qumran geboren und mit zwölf Jahren als Novize in den Essener-Orden aufgenommen worden, der zu jener Zeit unter der Leitung von Johannes dem Täufer gestanden habe. Später habe Jesus mit priesterlichen Ansprüchen Johannes dem Täufer die Leitung der Gemeinschaft streitig gemacht. Dieser Konflikt spiegle sich in den Qumranschriften in der versteckten Bezeichnung Jesu als Lügenmann und Frevelpriester wider. Im September des Jahres 30 habe Jesus Maria Magdalena geehelicht, da er als Nachkomme Davids dazu verpflichtet gewesen sei, für einen männlichen Thronfolger zu sorgen. Wenige Jahre nach der Heirat habe sich Jesus auf die Seite der Zeloten geschlagen, die gegen die Römer Krieg führten, und sei auf einem Maultier in Qumran eingezogen (Mk 11,1-11), das im Neuen Testament unter dem Decknamen Jerusalem begegne. Weil sich Jesu Erwartung eines Eingreifens Gottes nicht erfüllt habe, sei er von Judas Iskariot aus Enttäuschung an die Römer verraten worden. Pontius Pilatus habe sich nach Qumran begeben, um Jesus dort zum Tode zu verurteilen und außerhalb der Siedlung kreuzigen zu lassen. Allerdings sei es Jesu Anhängern gelungen, ihn durch einen Gifttrank in Bewusstlosigkeit zu versetzen und vom Kreuz abzunehmen, um ihn in den Höhlen von Qumran durch Heilkräuter wieder gesund zu pflegen. Maria Magdalena sei zu jener Zeit mit einer Tochter schwanger gewesen. Nach der überstandenen Kreuzigung habe Jesus mit ihr auch noch einen Sohn namens Jesus Justus gezeugt, den Paulus später im Kolosserbrief erwähne (Kol 4,11). Im Jahr 44 sei es aber zu einer Ehekrise gekommen und Maria Magdalena habe die Scheidung eingereicht. Daraufhin habe Jesus, der nun Paulus auf seinen Missionsreisen begleitete, in Philippi in zweiter Ehe die Purpurhändlerin Lydia geheiratet. Über das Ende Jesu, der ein Alter von etwa siebzig Jahren erreicht habe, wisse man nichts Genaues. Er sei am ehesten in Rom bald nach den Christenverfolgungen Neros an Altersschwäche gestorben. Ebenso gut könne er aber auch den Lebensabend mit seiner Familie in Südfrankreich auf dem Landgut des Herodes Antipas verbracht haben und dort verschieden sein.

Von den Medien wurden die wilden Spekulationen um Jesus aus Qumran begeistert aufgenommen. In der Fachwelt rief das mit wissenschaftlichem Anspruch daherkommende Fantasiegebilde nur ungläubiges Kopfschütteln hervor. Die Art und Weise, wie Barbara Thiering den Qumranschriften und den neutestamentlichen Texten ihre scheinbaren Geheimnisse entlockt, ist methodisch indiskutabel. Die Spekulationen über den nur scheinbaren Kreuzestod und über die beiden Ehen Jesu sind uneingeschränkt aus der Luft gegriffen. Weder Jesus noch Johannes der Täufer oder andere Gestalten des Urchristentums standen in irgendeiner erkennbaren Beziehung zu der Gemeinschaft von Qumran.

Wenn es keine literarischen Belege für das Liebesglück Jesu gibt, lässt es sich dann vielleicht durch archäologische Relikte nachweisen? Ende Februar 2007 wurde auf einer Pressekonferenz in New York die sensationelle Nachricht von der Entdeckung eines Kammergrabes in Jerusalem verbreitet, das Jesus, Maria Magdalena, einem gemeinsamen Kind namens Jehuda und weiteren Mitgliedern der heiligen Familie als letzte Ruhestätte gedient haben soll. Gleichzeitig präsentierte man dem staunenden Publikum in einer beeindruckenden dramaturgischen Inszenierung die angeblichen Sarkophage von Jesus und Maria Magdalena. Vorgestellt wurde diese Sensation von dem weltbekannten Regisseur James Cameron und dem renommierten Dokumentarfilmer Simcha Jacobovici. Mit ihnen saßen der bereits erwähnte James D. Tabor und der israelische Archäologe Shimon Gibson auf dem Podium. Im Hintergrund dieser spektakulären Enthüllung, die ein gewaltiges Medienecho auslöste, stand eine zu jenem Zeitpunkt mehr als ein Vierteljahrhundert zurückliegende archäologische Entdeckung in Jerusalem, der man bis dahin keine größere Bedeutung beigemessen hatte.

Im März 1980 kam im Jerusalemer Vorort Talpiot bei Tiefbauarbeiten für einen Wohnkomplex eine Grabhöhle mit Ossuaren aus dem 1. Jahrhundert ans Tageslicht. In Jerusalem war es um die Zeitenwende üblich, verstorbene Personen nach Ende des Verwesungsprozesses umzubetten und ein zweites Mal zu bestatten. Unmittelbar nach Eintreten des Todes wurde der Leichnam gesalbt, in Tücher gehüllt und in einer Grabkammer auf einer Bank beigesetzt. Nach ungefähr einem Jahr, wenn der Verwesungsprozess zum Abschluss gekommen war, sammelte man die Knochen ein und legte sie in einen kleinen Kalksteinsarg, ein Ossuar, in dem sie in einer Nische der Grabkammer ihre letzte Ruhestätte fanden. Sechs der zehn Steinsärge aus dem Grab von Talpiot tragen Inschriften mit den Namen der Personen, deren Gebeine darin bestattet wurden. Dazu zählen ein Jeschua bar Josef, eine auch Mara genannte Mariamene, ein Jehuda bar Jeschua, eine Marja und ein Jose. Als Jacobovici die Objekte 2003 in Augenschein nahm, war er sofort davon überzeugt, dass es sich bei der Grabhöhle von Talpiot um das Familiengrab Jesu gehandelt haben müsse, in dem dieser mit Mariamene alias Maria Magdalena, dem gemeinsamen Sohn Jehuda, seiner Mutter Maria und seinem Bruder Jose (Mk 6,3) beigesetzt worden sei. Der für den Discovery Channel produzierte Dokumentarfilm The Burial Cave of Jesus von Cameron und Jacobovici flimmerte Ostern 2007 weltweit über die Bildschirme. Ergänzend brachte Jacobovici gemeinsam mit Charles Pellegrino das Buch The Jesus Family Tomb auf den Markt.

Bei genauerer Betrachtung zeigen sich deutliche Risse im idyllischen Bild vom Familienglück Jesu, wie es von der Grabhöhle in Talpiot angeblich widergespiegelt wird. Das Jeschua-Ossuar weist im Gegensatz zu den Ossuaren der Mariamene und des Jehuda keinerlei Verzierungen auf und hat eine nur hingekritzelte Inschrift. Es ist kaum anzunehmen, dass ausgerechnet das Ossuar des Jesus von Nazareth derart nachlässig und lieblos gestaltet worden wäre. Auch dafür, dass Maria Magdalena zu ihren Lebzeiten als Mara oder Mariamene bezeichnet wurde, fehlen Belege. Die Namen auf den Särgen von Talpiot waren im Judentum der Zeit Jesu derart weit verbreitet, dass sie keinen zwingenden Rückschluss auf die Familie Jesu erlauben. Daran würde sich auch nichts ändern, wenn das ohne Herkunftsnachweis illegal auf den Markt gebrachte Jakobus-Ossuar ebenso aus dem Grab von Talpiot stammen sollte, wofür es aber keinerlei Beweis gibt.

Nach dem überwältigenden kommerziellen Erfolg des Mythos vom angeblichen Familiengrab Jesu war Simcha Jacobovici offenkundig auf den Geschmack gekommen und präsentierte den staunenden Augen der Öffentlichkeit wenige Jahre später die nächste große Jesussensation. Gemeinsam mit Barrie Wilson versuchte er 2014 in dem Buch The Lost Gospel den um die Zeitenwende entstandenen jüdischen Liebesroman Josef und Aseneth als Dokument zu enttarnen, das in verschlüsselter Form die Liebesgeschichte von Jesus und Maria Magdalena erzähle. Die Ägypterin Aseneth ist aus Gen 41,45 als Ehefrau des biblischen Erzvaters Josef bekannt. In dem Roman Josef und Aseneth wird geschildert, wie die ägyptische Priestertochter Aseneth in Liebe zu Josef entbrennt, dieser sich aber weigert, eine unreine Heidin zu küssen. Erst als Aseneth die Bildnisse der ägyptischen Gottheiten zerstört, sich zur jüdischen Lebensweise bekehrt und von einem Engel Gottes Vergebung für ihr vorheriges Tun erfährt, steht der Hochzeit nichts mehr im Wege und bald gehen aus der Ehe zwei Söhne hervor. Der Versuch von Jacobovici und Wilson, diese Schrift als in Wirklichkeit von Maria Magdalena und Jesus handelndes Evangelium plausibel zu machen, ist komplett an den Haaren herbeigezogen und auf ganzer Linie gescheitert.

Fazit

Am Ende unseres Streifzuges durch die Welt der Jesusmythen steht ein ernüchterndes Fazit. Für keinen der drei geheimnisumwitterten Bereiche aus dem Leben Jesu, die unter die Lupe genommen wurden, stehen die sensationellen Enthüllungen auf einem tragfähigen Fundament.

Dass der römische Soldat Panthera der leibliche Vater Jesu war, ist zwar bereits im 2. Jahrhundert bezeugt und theoretisch denkbar. Wahrscheinlich handelt es sich bei dieser Überlieferung aber um einen polemischen Gegenentwurf zum christlichen Dogma der Jungfrauengeburt. Wenn man die Zeugung Jesu durch den Heiligen Geist nicht als geschichtliche Tatsache, sondern als Glaubensaussage betrachtet, spricht alles für Josef als den leiblichen Vater Jesu.

Sämtliche Spekulationen über einen Scheintod Jesu am Kreuz bleiben ohne beweiskräftigen Anhalt. Mutmaßungen, dass der Lanzenstich des römischen Soldaten eine lebensrettende Maßnahme war, Jesus als nur Ohnmächtiger die Kreuzigung überlebte, von Essenern gesund gepflegt wurde und als alter Mann in Kaschmir, Rom oder Südfrankreich verstarb, sind reine Fantasiegebilde.

Eine Ehe Jesu mit Maria Magdalena samt gemeinsamen Kindern ist nicht auszuschließen und wäre für einen jüdischen Rabbi alles andere als ungewöhnlich. Wenn man das Dogma ernstnimmt, dass Jesus Christus nicht nur wahrer Gott, sondern auch wahrer Mensch war, würde mit Jesus als verheiratetem Familienvater für das Christentum nicht die Welt zusammenbrechen. Allerdings lässt sich ein derartiges Familienglück Jesu weder aus archäologischen Relikten wie den in Talpiot gefundenen Steinsärgen noch aus literarischen Quellen wie den Qumranschriften, dem gnostischen Philippusevangelium oder dem jüdischen Liebesroman Josef und Aseneth belegen. Das Rätsel des geheimen Liebeslebens Jesu ist nach wie vor ungelöst und es bleibt weiterhin viel Raum für Spekulationen.

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