Keine Angst vor dem Fremden

Die Dominikaner in der Auseinandersetzung mit Judentum, Islam und anderen Kulturen

Im Rahmen der Veranstaltung "800 Jahre Dominikaner – Regensburg", 18.06.2016

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I.

 

Wohl kaum eine „andere Organisation des Mittelalters war so mobil wie die Bettelorden des 13. Jahrhunderts. Schon wenige Jahre nach ihrer Gründung begannen Vertreter des Dominikaner- und Franziskanerordens von ihren europäischen Drehpunkten aus neue und bis dahin zum Teil völlig unbekannte Gegenden der Welt zu erwandern und zu erschließen. Sie zogen durch Skandinavien und das Baltikum, querten kaukasische Steppen, erkundeten sodann die Wunderländer Indien, Persien und den geheimnisvollen Osten, besuchten schließlich Arabien, und ließen sich nieder in Nordafrika und im multikulturellen Süden der iberischen Welt“, fasst Anne Müller in unserem Begleitband zur Regensburger Ausstellung die erstaunliche Mobilität der Dominikaner und Franziskaner im Mittelalter recht eindrücklich zusammen. Ziel dieser Reisen war natürlich nicht allein die Erschließung neuer und fremder Welten, sondern zuallererst die Missionierung der dort lebenden Menschen, denen das Evangelium Jesu Christi bekanntgemacht werden sollte. Immer wieder erstaunt dabei die Neugier, mit der die Ordensmänner dem Fremden begegneten, auch wenn sie stets „Kinder ihrer Zeit“ blieben und sich von überkommenen Vorurteilen und Feindbildern oft nicht lösen konnten.

Hans-Werner Goetz hat dieses „Nebeneinander von Polemik und Verfolgung auf der einen und Duldung und Koexistenz auf der anderen Seite“ sogar zu einem wesentlichen Merkmal mittelalterlicher religiöser Vorstellungen erklärt. Denn die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen und Religionen ging nicht automatisch mit einer kritischen Reflexion eigener Positionen einher, doch sie war ein erster und wichtiger Schritt dorthin und konnte – langfristig betrachtet – zu einem besseren Verständnis des Anderen führen.

Schon die Gründung des Dominikanerordens entstand aus der Begegnung mit dem Fremden, Neuen und Andersartigen. Als Mitglied einer diplomatischen Gesandtschaft im Auftrag von König Alfons VIII. von Kastilien – und wir lassen es einmal dahingestellt, ob diese Reisen tatsächlich bis nach Dänemark führten, wie in der Literatur meist zu lesen ist, oder ob sie nicht doch eher einen deutschen Fürstenhof zum Ziel hatten, wie Pater Wolfram Hoyer es im Begleitband zu unserer Regensburger Ausstellung als These formuliert – lernte Dominikus nämlich gleich zwei religiöse Bewegungen kennen, die ihn fortan beschäftigen sollten. Zum einen begegnete Dominikus irgendwo im deutschen Reich einer Gruppe ungarischer Kumanen.

Seitdem wollte der aus Kastilien stammende Heilige zeitlebens dieses Volk nomadischer Steppenhirten, die wie die Balten und Pruzzen zu den letzten Heiden in Europa zählten, missionieren, wenn wir den Aussagen im Kanonisationsprozess Glauben schenken dürfen. Zum anderen traf Dominikus in Südfrankreich auf die Katharer, über die Bischof Voderholzer und Prof. Oberste bereits ausführlich gesprochen haben. Diese Begegnung samt jener berühmten Kneipengeschichte, von der die Legenden berichten, war der Initialfunke zur Gründung eines neuen Ordens, der die Glaubensverkündigung „zum Heil der Seelen“ in seinen Konstitutionen zum ausdrücklichen Ordensziel erhob. Diese ältesten Konstitutionen orientierten sich anfangs zwar noch stark an den Consuetudines der Prämonstratenser, insbesondere in ihrem Abschnitt über die klösterliche Lebensweise, der weitgehend dem monastisch-kanonikalen Ideal der vita religiosa verpflichtet blieb; aber sie nahmen zugleich auch zeitgenössische Korporationsvorstellungen auf: Aus der anfänglichen Kanoniker-Gemeinschaft in Toulouse entwickelte sich so ein ortsunabhängiger, d. h. auf die traditionelle stabilitas loci verzichtender, und überregional agierender Personenverband mit allgemeiner Predigtbefugnis.

Der neuen Gemeinschaft ging es nämlich nicht mehr in erster Linie um die Selbstheiligung des einzelnen Ordensmannes, sondern um das Heil aller, also auch derjenigen, die vom Evangelium Jesu Christi bislang nichts gehört hatten oder es in seiner kirchlichen Deutung ablehnten. Honorius III. gab dem Orden 1217 entsprechend den Auftrag „bewaffnet mit dem Schild des Glaubens und dem Helm des Heiles (Eph. 6,16f.), und ohne Furcht vor denen, die den Leib töten können (Mt. 10,28), das Wort Gottes“ auch unter den „Feinden des Glaubens“ zu verbreiten.

Dieser Missionierungsauftrag, der sich zunächst auf die südfranzösischen Katharer und andere Häretiker konzentriert hatte, wurde von den Dominikanern schon früh auf andere Gruppen, beispielsweise die Juden übertragen. Erste Bekehrungsversuche von Juden lassen sich in England (Oxford, später auch in London) nachweisen, wo der Orden die Judenpolitik Heinrichs III. unterstützte. Diese judenmissionarischen Aktivitäten des Ordens ließen auch nach dem aufsehenerregenden Übertritt des Dominikaners Robert von Reading zum Judentum im Jahre 1275, in dem jüdische Chronisten des 16. Jahrhunderts und in der Folge auch einige Historiker wie Heinrich Graetz (1817-1891) den Anlass für die Vertreibung der Juden aus England (1290) sahen, keineswegs nach. Statt auf eine Ausweisung der Juden zu drängen, verstärkten die englischen Dominikaner vielmehr ihre Predigttätigkeit, zumal ihnen Edward I. 1280 den Auftrag erteilte, Zwangspredigten für die Juden zu halten.

Vergleichbare Anordnungen hatte es zuvor schon in anderen europäischen Ländern (z. B. wiederholt im Königreich Aragon) gegeben, doch Edward konnte sich zudem auf das päpstliche Breve „Vineam Sorec“ von 1278 berufen, das sowohl die Dominikaner als auch die Franziskaner zur organisierten Judenmission in Europa aufrief. Beide Bettelorden standen deswegen unter einem beträchtlichen Erfolgsdruck, der durch den Konkurrenzkampf untereinander noch verstärkt wurde. Die Päpste des 13. Jahrhunderts wussten dies geschickt zu nutzen und setzten die beiden jungen Orden nicht nur in der Ketzerbekämpfung (Inquisition) ein, sondern auch für andere Aufgaben ein. 1245 schickte Innozenz IV. beispielsweise eine Gruppe von Dominikanern und Franziskanern zu den asiatischen Tartaren, um sie als Bündnispartner gegen die Muslime zu gewinnen. Als Predigerorden, der sich von Anfang an die Bekehrung von Häretikern und Andersgläubigen zur Aufgabe gemacht hatte, erschienen die Dominikaner für die Übernahme dieser Aufgaben besonders gut geeignet.

Hinzu kam das intellektuelle Profil des Ordens. Schon Dominikus hatte eine solide theologische Ausbildung als unabdingbare Voraussetzung für die Predigt angesehen und mit seiner Aussendung der Brüder nach Paris und Bologna die Anbindung an das städtische Universitätsmilieu gesucht, aus dem sich dann spätestens unter seinem Nachfolger Jordan von Sachsen (Ordensmeister 1222-1237) ein erheblicher Teil des Ordensnachwuchses rekrutierte. Mit der Verpflichtung zum lebenslangen Studium und dem Ausbau eines ordensweiten, sich an den zeitgenössischen universitären Standards orientierenden Aus- und Fortbildungssystems wurde der Dominikanerorden schließlich in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zu einem Hauptträger scholastischer Theologie und Philosophie. Die intensive Auseinandersetzung mit dem eigenen christlichen Glauben und seiner rationalen Begründung diente unter anderem dazu, abweichende bzw. der kirchlichen Lehre widersprechende Auffassungen besser erkennen und argumentativ entkräften zu können.

 

II.

 

Dass das Verhältnis zum Judentum dabei ambivalent blieb und es weder bei den Dominikanern noch bei den Bettelorden insgesamt zu einer einheitlichen antijüdischen Haltung kam (Jeremy Cohens These eines spezifischen „mendicant anti-Judaism“ ist daher zu widersprechen), ist vor allem den unterschiedlichen Schulen und theologischen Richtungen des 13. und 14. Jahrhunderts zuzurechnen. So reichte das Spektrum allein im Dominikanerorden von der Tendenz, den jüdischen Glauben zu häretisieren und zu dämonisieren, bis hin zu gemäßigten Positionen, wie sie etwa Thomas von Aquin († 1274) vertrat. Wenn Thomas beispielsweise Zwangstaufen und die Trennung jüdischer Kinder von ihren Eltern strikt ablehnte, wandte er sich damit zugleich gegen die Auffassung seines Mitbruders Wilhelm von Rennes OP († nach 1259), der den Juden als „servi“ alle Besitzrechte und folglich auch die Rechtsgewalt, „potestas“ über die eigenen Kinder absprach. Zwar sah auch Thomas in der jüdischen Minderheit – entsprechend der zeitgenössischen Praxis – nur ein Eigentum des jeweiligen Landesherrn, doch er erinnerte zugleich an dessen Verpflichtung, die Juden zu schützen und ihr grundsätzliches Existenzrecht zu achten. Von der ursprünglichen Intention, die Machtpolitik der Fürsten gegenüber „ihren“ Juden naturrechtlich einzuschränken, ist daher auch die spätere Wirkungsgeschichte, die Thomas‘ Lehre von der „ewigen Knechtschaft“ der Juden („servitus Iudaeorum“) im ausgehenden Mittelalter und in der frühen Neuzeit entfalten sollte, zu unterscheiden. Die Lehrmeinung Wilhelms fand indes Eingang in das populäre „Speculum doctrinale“ des Dominikaners Vincent von Beauvais († ca. 1264) und wurde insbesondere von dem Franziskanertheologen Johannes Duns Scotus († 1308) wieder aufgegriffen und unterstützt, konnte sich aber bei den Mendikanten – auch dank der thomistischen Gegenposition – nie als mehrheitsfähige Meinung durchsetzen.

Auch in ihrer Haltung zum nachbiblischen jüdischen Schrifttum nahmen die Dominikaner keinen einheitlichen Standpunkt ein. Einerseits entwickelten Thomas und sein Lehrer Albertus Magnus († 1280), aber auch Meister Eckhart († 1328) und andere dominikanische Gelehrte ein ausgeprägtes Interesse für die Werke des Moses Maimonides († 1204), den sie vielfach als Autorität anführen (darin unterschieden sich die Dominikaner übrigens entscheidend von den Fideisten in der Folge Bonaventuras, aber auch von den radikalen Aristotelikern und „Averroisten“!). Andererseits diente die Beschäftigung mit der jüdischen Traditionsliteratur oft nur dazu, die Unhaltbarkeit und Absurdität jüdischer Glaubensvorstellungen aufzuzeigen. Zu diesem Zweck stellte beispielsweise Theobald von Sézanne OP im Umfeld der Talmudverbrennung 1242 in Paris eine Sammlung von Talmudexzerpten zusammen, die verschiedenen antijüdischen Polemiken als Grundlage diente. Gemeinsam mit Albert gehörte er auch zu den Theologen, die an der Pariser Universität mit der Prüfung und Verurteilung des Talmuds beauftragt wurden.

Allerdings standen einer eingehenderen Auseinandersetzung mit der rabbinischen Literatur mangelnde Hebräischkenntnisse häufig im Wege. Für die Missionsarbeit in Spanien wurden daher ab 1250 eigene Sprachschulen gegründet, an denen Arabisch und Hebräisch unterrichtet wurde. Als Sprachlehrer wurden häufig Konvertiten eingesetzt; einzelne Ordensbrüder wie Raimund Martini (Ramón Marti) OP († um 1285), der ab 1281 das ordenseigene „studium hebraicum“ in Barcelona leitete, unterrichteten aber auch selbst. Martini beherrschte nicht nur mehrere Sprachen, sondern besaß auch umfangreiche Kenntnisse der arabischen, rabbinischen und syrischen Literatur und gilt daher gemeinhin als einer der ersten Orientalisten. 1278 vollendete er sein Hauptwerk Pugio fidei adversus Mauros et Iudaeos („Dolch des Glaubens gegen Araber und Juden“), das erstmals einen Teil des rabbinischen Schrifttums für ein christliches Publikum zugänglich machte.

Anders als seine an der Pariser Talmudverurteilung beteiligten Mitbrüder verdammte Martini den Talmud nicht, sondern sah in ihm vielmehr ein verkanntes Zeugnis für den christlichen Glauben. Martini war tatsächlich der Meinung, dass die Juden mit ihren eigenen Texten von der Rechtmäßigkeit des christlichen Glaubens überzeugt werden könnten. Jüdische Bücher waren folglich nicht zu verbrennen, sondern für die Missionsarbeit zu nutzen. Nach der Disputation von Barcelona (1263), bei der die von Martini beschriebene Strategie von dem jüdischen Konvertiten und Dominikaner Pablo Christiani († 1274) erstmals angewandt wurde, ordnete König Jakob I. von Aragon dementsprechend nur die Tilgung der als blasphemisch geltenden Stellen im Talmud an. Der vom König eingesetzten Zensurbehörde gehörte neben Pablo Christiani und dem früheren Ordensmeister Raimund von Peñafort OP († 1275) ab 1264 auch Martini an, der seine Talmudstudien seitdem noch intensivierte. Trotz der teils heftigen antijüdischen Polemik, die sich in seinen Werken ebenfalls finden lässt, steht Martini daher meines Erachtens für eine eher gemäßigte Richtung innerhalb des Dominikanerordens, während sich dominikanische Inquisitoren wie Bernard Gui († 1311) weiterhin für die Konfiszierung und Verbrennung jüdischer Schriften, insbesondere des Talmuds, einsetzten.

Wie weit die Meinungen im Orden bei der Frage, ob die rabbinische Traditionsliteratur zu vernichten oder als Missionsinstrument zu erhalten sei, auseinandergehen konnten, zeigen auch einige Beispiele aus der frühen Neuzeit: In der Tradition Guis standen z. B. die Kölner Dominikaner um Jakob von Hoogstraeten (Hochstraten) OP († 1527), die sich in dem Streit mit dem Humanisten Reuchlin auf die Seite Johannes Pfefferkorns stellten, der seit 1509 in verschiedenen Gegenden des deutschen Reichs jüdische Bücher beschlagnahmen ließ, um sie zu vernichten. In den satirischen „Dunkelmännerbriefen“ (1515/17) wurden die beteiligten Dominikaner deswegen heftig angegriffen und parodiert. Judenmissionare wie Petrus Nigri (Schwarz) OP († um 1483) und Giuseppe Maria Ciantes OP († 1670) orientierten sich dagegen an der Missionsstrategie Martinis. Auch Philologen wie Agostino Giustiniani OP († 1536) und Pedro de Palencia OP († 1621) verwiesen gerne auf Martinis Werk, um das eigene Interesse an der hebräischen Sprache und der rabbinischen Bibelauslegung im Orden zu rechtfertigen. Der Hebraist Sixtus von Siena OP († 1569) nahm schließlich eine merkwürdig vermittelnde Position zwischen beiden Standpunkten ein, indem er zwar die Verbrennung des Talmuds befürwortete und sich 1559 sogar aktiv an einer Bücherverbrennung in Cremona beteiligte, aber gleichzeitig für die Erhaltung des Sohar eintrat, da er glaubte, die Juden mithilfe kabbalistischer Texte zum Christentum bekehren zu können.

 

III.

 

Freilich blieben die erhofften Missionserfolge – gleich welche Strategie denn nun angewandt wurde – in der Regel aus. In Paris soll sich beispielsweise infolge der Predigten von Pablo Christiani 1269 kein einziger Jude zum Christentum bekehrt haben, obwohl oder vielleicht gerade weil die christlichen Zuhörer sogar mit Steinen auf die anwesenden Juden warfen. Auch der Ruf Raimunds von Peñafort als erfolgreicher Judenmissionar geht wahrscheinlich nur auf spätere Heiligenlegenden zurück. Für das Königreich Aragon im 13. Jahrhundert zweifelt Robin Vose sogar die Existenz einer größeren dominikanischen Missionskampagne oder -bewegung insgesamt an und hält sie für ein Konstrukt früher Ordenshistoriographie, das von der Forschung ungeprüft übernommen wurde. Selbst die Massenkonversion von Juden zum Christentum im Königreich Neapel (1292) war vermutlich weniger das Ergebnis genuiner Missionsbemühungen durch dominikanische Prediger, sondern vielmehr eine Folge repressiver Maßnahmen durch die Inquisition und daher in ihrer Zeit singulär.

Anscheinend konnte erst Vinzenz Ferrer OP (1350-1419) mit seinen Predigten größere Missionserfolge erzielen, indem er auf seine jüdischen Zuhörer einen mehr oder wenigen starken (moralischen wie politischen) Druck ausübte. Welchen Einfluss die spanischen Pogrome von 1391, die Ferrer verurteilte, und das von ihm beeinflusste Statut von Valladolid (1412), das die Rechte der jüdischen Bevölkerung in Kastilien stark einschränkte, auf die zahlreichen Konversionen hatten, ist allerdings noch nicht hinreichend geklärt. Die Berichte über Ferrers Massentaufen in Spanien führten jedenfalls dazu, dass die Bettelorden ihre judenmissionarischen Anstrengungen im 15. Jahrhundert wieder verstärkten.

Während in Deutschland und Italien vorwiegend franziskanische Prediger zur Bekehrung der Juden aufriefen, konzentrierten sich die dominikanischen Judenmissionare vor allem auf die iberische Halbinsel. Wahrscheinlich hat auch Petrus Nigri (Schwarz) OP seine Hebräischkenntnisse in Salamanca erworben, bevor er in verschiedenen deutschen Städten, u. a. 1474 in Regensburg zu predigen kann – mit minimalem Erfolg, da sich die spanischen Verhältnisse nicht einfach auf die Situation im deutschen Reich übertragen ließen.

Auch wenn Nigris Texte zahlreiche antijüdische Vorurteile und Polemiken enthalten, waren seine Hebräischstudien grundlegend, und sie wurden von Luther und anderen immer wieder herangezogen.

Aus den erhaltenen Quellen ergibt sich, wie schon Berthold Altaner festgestellt hat, der Eindruck, dass „im Dominikanerorden relativ viel getan worden ist, um das Studium fremder für die Mission wichtiger Sprachen“ zu fördern; doch es bleibt unklar, „ob alle Beschlüsse und Verfügungen auch wirklich ausgeführt wurden“. So klagte bereits einer der Nachfolger des hl. Dominikus als Ordensmeister, Pater Humbert von Romans OP, 1255 über das mangelnde Interesse einiger Brüder, fremde Sprachen zu erlernen, zu denen er ausdrücklich Hebräisch und Arabisch rechnete. Neben guten Sprachkenntnissen sollten seiner Meinung nach die Missionare aber auch über gute geografische Kenntnisse verfügen. Für die Mission unter Muslimen empfahl er, „den Koran zu studieren, dazu das Leben Mohammeds sowie die Geschichte der Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen.“ Ja, er gab seinen Lesern sogar weiterführende Lektüreempfehlungen an die Hand.

Zu den prominentesten Missionaren zählte in dieser Zeit Riccoldus de Monte Crucis OP (1243-1320), der lange als Missionar im Nahen Osten tätig war: Nach der Rückkehr in seinen Heimatkonvent in Florenz verfasste er mehrere Schriften über den Islam, aber auch über die Juden. Immer wieder weiß Riccoldus dabei auch Positives über die beiden Religionen zu berichten. Über die Juden schreibt er etwa, dass sie zwar die Gottessohnschaft Christi ablehnen, aber Jesus für einen in jeder Hinsicht vorbildlichen Menschen halten würden; „homo sanctissimus“ sei er für sie. Ebenso lobend hebt er den Gebetseifer und die Sittenstrenge der Muslime hervor und rühmt ihre Gastfreundschaft, wie er selbst sie bei seinen Missionsreisen erfahren hat.

Während Riccoldus von persönlichen Begegnungen mit Juden und Muslimen berichten konnte, standen einige scholastische Theologen des Dominikanerordens zumindest gedanklich in einem regen Austausch mit den jüdischen und arabischen Denkern ihrer Zeit.

Thomas beschäftigte sich in seiner um 1260 verfassten Summa Contra Gentiles beispielsweise mit der Frage, wie eine Debatte mit Nichtchristen zustande kommt. Dabei ist Thomas überzeugt, dass auf die „natürliche Vernunft“ gebaut werden müsse. Thomas bekennt, dass er sich mit dem Islam überhaupt nicht auskennt und vermutlich hat er auch die damals vorhandene Koranübersetzung nicht konsultiert. Generell war Thomas vom Nutzen einer aktiven Missionspredigt nicht sehr überzeugt. Aber seine Schriften wie die Summa Contra Gentiles bezeugen die intellektuellen Auseinandersetzung mit anderen Denk- und Glaubensweisen. Ende des 13. Jahrhunderts setzte sich im Dominikanerorden die Meinung durch, dass Muslime nicht bekehrbar seien.

Dennoch gab es immer wieder Dominikaner wie Felix Fabri († 1502), die sich über einzelne Muslime sehr positiv äußern konnten. Fabris Werke hatten eine wichtige Vermittlerfunktion. Nach seinen beiden Pilgerreisen ins Heilige Land verfasste Fabri einen lateinischen Reisebericht für seine Mitbrüder und andere lateinkundige Gelehrten. Für die vier adeligen Begleiter, die seine zweite Pilgerfahrt finanziert hatten, schrieb er eine frühneuhochdeutsche Fassung, die 1557 im Druck erschien. Sie richtete sich an ein breites Publikum, an Kinder und Hausfrauen sowie Diener und Mägde, denen der Bericht vorgelesen werden könne, um ihnen eine Pilgerfahrt in Gedanken zu ermöglichen. So schilderte Fabri auch die Nützlichkeit von Kamelen als genügsame Lastenträger und Reittiere. Zugleich ist Fabri für seine heftigen antijüdischen Ausfälle gegen die Juden in Ulm bekannt. So ist auch er ein Beispiel für die Ambivalenz der Beschäftigung mit dem Fremden.

 

IV.

 

Ein Dialog der Religionen, wie er heute gepflegt wird, ist erst eine Errungenschaft des 20. Jahrhunderts. Freilich haben einige Dominikaner entscheidende Beiträge zu diesem Dialog geleistet und waren beispielsweise – wie Bruno Hussar und Georges Anawati – maßgeblich an der Entstehung der Konzilserklärung „Nostra aetate“ zu den nichtchristlichen Religionen beteiligt. Nicht zufällig hatten bereits 1961 fünf deutsche Dominikaner bei einer Umfrage der Zeitschrift „Wort und Wahrheit“, was sie denn vom bevorstehenden Konzil erwarten würden, ein erneuertes christlich-jüdisches Verhältnis angemahnt. Pater Willehad Paul Eckert OP (1926-2005) setzte sich entschieden für eine Bekämpfung antijüdischer Vorurteile innerhalb der christlichen Tradition ein. Angesichts der Herausforderungen unserer Tage – angefangen bei den fundamentalistischen Strömungen, die sich keineswegs nur im Islam, sondern in allen Religionen beobachten lassen, bis hin zu den derzeitigen Flüchtlings- und Migrationsbewegungen – ist die Frage, wie wir dem Fremden begegnen, aktueller denn je.

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