Kirchenfürst, Theologe, Netzwerker

Die Tagebücher des Münchner Kardinals Michael von Faulhaber

Im Rahmen der Veranstaltung "Kirchenfürst, Theologe, Netzwerker", 29.06.2026

Erzbischöfliches Archiv München

Mit der Veranstaltung Kirchenfürst, Theologe, Netzwerker – Die Tagebücher des Münchner Kardinals Michael von Faulhaber wurde am 29. Juni 2026 in der Katholischen Akademie in Bayern der Abschluss eines außergewöhnlichen Forschungsprojekts gefeiert: Nach zwölfjähriger Arbeit liegt die digitale Edition der Tagebücher des Münchner Erzbischofs Kardinal Michael von Faulhaber unter www.faulhaber–edition.de vollständig vor. Die in Gabelsberger-Kurzschrift verfassten Aufzeichnungen, die Faulhaber – seit 1913 als Bischof von Speyer und von 1917 bis zu seinem Tod 1952 als Münchner Erzbischof – verfasst hat, wurden vollständig transkribiert, wissenschaftlich erschlossen und userfreundlich online zugänglich gemacht. Insgesamt sind 10.729 Tagebucheinträge und 14.252 Kurzbiografien der im Tagebuch erwähnten Personen online gestellt. Damit steht eine einzigartige Quelle zur Kirchen-, Zeit- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts Forschenden ebenso wie einer interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung.

Seit Beginn des Projekts wirkte die Akademie in Kooperation mit dem Seminar für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte der Universität Münster unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. h. c. Hubert Wolf, dem Institut für Zeitgeschichte München–Berlin unter der Leitung von Prof. Dr. Andreas Wirsching und dem Erzbischöflichen Archiv München vielfältig vor allem als Ort interner Besprechungen und bei öffentlichen Präsentationen von Zwischenergebnissen mit. Die ersten Jahrgänge des Tagebuchs wurden 2015 in einer Akademieveranstaltung präsentiert. Per Knopfdruck und begleitetet von wissenschaftlichen Analysen gingen damals Teile der Jahrgänge 1918, 1919 und 1933 online. Zu Begleitveranstaltungen der Veröffentlichung weiterer Jahrgänge fanden sich historisch interessierte Menschen im Februar 2019, im Oktober 2020 und im November 2021 im Saal der Akademie ein. Mit der jetzt im Juni 2026 stattgefundenen Abschlussveranstaltung schloss sich der Kreis.

Als besondere Gäste der Veranstaltung konnten wir Prof. Dr. Magnus Brechtken, den stellvertretenden Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, Prof. Dr. Johannes Merz, den Direktor des Erzbischöflichen Archivs und der Bibliothek sowie Prof. Dr. Elke Seefried, Professorin an der RWTH in Aachen, Vorsitzende des Historischen Kollegs München, und ehemalige stellvertretende Leiterin des Editionsprojekts begrüßen. Aus dem Editionsbeirat nahmen Professorin Margit Szöllösi-Janze und die Professoren Franz Xaver Bischof, Martin Baumeister und Georg Seiderer an diesem Abend teil. Sie alle hatten das Projekt über viele Jahre mit großem Engagement begleitet.

In Vertretung des Münchner Erzbischofs Kardinal Reinhard Marx war Generalvikar Christoph Klingan gekommen, der die Bedeutung des Projekts für eine offene und wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit der Geschichte der Kirche hervorhob. Die Veröffentlichung der Tagebücher, so Klingan, gehe auf die Entscheidung von Kardinal Marx zurück, diese historischen Quellen unabhängig erforschen zu lassen. Denn Geschichtswissenschaft sei keine Gegnerin der Kirche, sondern unverzichtbare Helferin bei der Suche nach den Fakten. Zugleich betonte er, dass mit der Veröffentlichung der Edition die eigentliche wissenschaftliche Arbeit erst beginne, da die umfangreichen Quellen zahlreiche neue Fragestellungen ermöglichten.

Dr. Peer Volkmann, Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte, stellte in seinem Vortrag die Entstehung und Arbeitsweise des Editionsprojekts vor. Er erläuterte die Herausforderungen der Transkription der historischen Kurzschrift, die editorischen Grundsätze sowie die Möglichkeiten der digitalen Edition. Deutlich wurde, welch enormer wissenschaftlicher Aufwand hinter der Erschließung von mehr als 4.000 Seiten Tagebüchern und tausenden Gesprächsnotizen steckt.

Der Münsteraner Kirchenhistoriker Prof. Dr. Dr. h.c. Hubert Wolf und der Paderborner Kirchenhistoriker Jun.-Prof. Dr. Matthias Daufratshofer stellten ihre Präsentation unter das Motto „Deo Gratias, ist gutgegangen“ – eine Formulierung, die Kardinal Faulhaber genau 75 Jahre zuvor, am 29. Juni 1951, in seinem Tagebuch verwendet hatte, als er von der Priesterweihe in Freising kam. Anhand verschiedener Beispiele, wie etwa Faulhabers Verbindungen zum Widerstand während der NS-Zeit, stellten sie bisher unbekannte Tagebucheinträge und Beiblätter in den historischen Kontext und verdeutlichten damit, welches Potential die Edition für die Bewertung auch gut erforschter historischer Themen haben kann. „Mit der Edition ist freilich nur die erste Decodierungsphase der Faulhaber-Tagebücher von Gabelsberger-Stenographie in Langschrift abgeschlossen. Jetzt kann die zweite Decodierung beginnen, denn erst durch minutiöse wissenschaftliche, mitunter kreative Auswertung beginnen die oft kurzen und kryptischen Einträge wirklich zu sprechen“ – so Hubert Wolf.

Die Aufzeichnungen zeichnen ein differenziertes Bild des Kardinals und lassen einfache Urteile über seine Person nicht zu, wie Matthias Daufratshofer hervorhob.

Besondere Akzente setzten Schülerinnen und Schüler des Münchner Wittelsbacher-Gymnasiums. Fünf junge Menschen aus dem Fachbereich Geschichte trugen ausgewählte Passagen aus den Tagebüchern vor und machten dadurch die Persönlichkeit Faulhabers und die Atmosphäre seiner Zeit unmittelbar erfahrbar. Die Lesungen verliehen den historischen Quellen eine eindrucksvolle Lebendigkeit und zeigten, dass die Tagebücher weit mehr sind als reine Dokumente kirchlicher Verwaltung.

Auch die musikalische Gestaltung lag in den Händen von Schülerinnen und Schülern des Wittelsbacher-Gymnasiums. Mit Werken verschiedener Komponisten spannten sie einen eindrucksvollen musikalischen Bogen durch den Abend.

Die Veranstaltung zeigte, dass die Online-Edition weit über den Abschluss eines Forschungsprojekts hinausweist. Sie eröffnet neue Zugänge zu einer prägenden Persönlichkeit der deutschen Kirchengeschichte und schafft zugleich eine belastbare Grundlage für zukünftige wissenschaftliche Forschungen. Damit wird ein wichtiges Stück kirchlicher und gesellschaftlicher Erinnerungskultur dauerhaft gesichert und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Und Geisteswissenschaftler erbringen den Beweis, dass sie allen Unkenrufen zum Trotz wissenschaftliche Großprojekte in der Laufzeit zu einem erfolgreichen Abschluss bringen können.

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