Leben und historische Einordnung des Jan Hus

Im Rahmen der Veranstaltung "Jan Hus", 06.07.2015

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Jan Hus in den Traditionen der Kirchen

 

Auf den Tag genau vor 600 Jahren, am 6. Juli 1415, wurde der Prager Magister Jan Hus in der XV. Generalsitzung des Konstanzer Konzils nach Verlesung der ihm als ketzerisch angelasteten Artikel als verstockter Ketzer zum Tod verurteilt, als Priester degradiert, dem weltlichen Arm zur Urteilsvollstreckung ausgeliefert und anschließend vor der Stadt auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Um Reliquien zu verhindern, wurde seine Asche im Rhein verstreut.

Die wohl bei vielen seiner Gegner in Böhmen und im römisch-deutschen Reich vorhandene Erwartung, dass die Causa Hus mit seinem Tod abgeschlossen sei, erscheint aus der Rückschau als völlig unrealistisch. Nach Überzeugung der Anhänger war Hus in Konstanz weder überführt, noch rechtmäßig verurteilt worden – „non convictus, non condemnatus“, wie die hussitischen Quellen immer wieder betonten. Seine Verehrung als Wahrheitszeuge und Heiliger setzte unmittelbar nach seinem Tod ein. Gut zwei Monate nach Hussens Feuertod würdigten Rektor, Magister und Doktoren der Prager Universität das Leben und die Verdienste ihres früheren Kollegen in einem an ausgewählte Königreiche und Länder verschickten Zeugnis in überschwänglichen Worten: Hus, der demütig, fromm und tugendhaft lebte und als Spiegel der Heiligkeit erglänzte, habe in Konstanz standhaft den Tod erlitten und damit glorreich über alle Feinde triumphiert. Die Aussteller wünschen, dass Hus – so wie er das Beispiel eines Gerechten war – allen Christgläubigen zu einem Zeugen der katholischen Wahrheit werde.

Ihr Wunsch hat sich durchaus erfüllt: Utraquisten, Taboriten, Böhmische Brüder, Waldenser vornehmlich in Deutschland, Lutheraner, Herrnhuter und die nach 1918 neu konstituierten evangelisch-hussitisch-brüderischen Kirchen auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik hielten das Gedächtnis an den unbesiegten Wahrheitszeugen hoch und bewahrten sein Vermächtnis. Eines der eindrucksvollsten ikonographischen Zeugnisse der Hus-Verehrung stellt die großformatige Miniatur der Apotheose Hussens in dem vor 1517 entstandenen Graduale der Leitmeritzer Utraquisten dar. Über der Szene des Martyriums wird Hus in goldenem priesterlichem Gewand von Gottvater in die Glorie des Himmels aufgenommen.

In der römisch-katholischen Kirche blieb Hus bis in jüngere Zeit der Ketzersohn Wyclifs und Zerstörer der christlichen Einheit Böhmens. Einprägsam hat der preußisch-protestantische Historiker Leopold von Ranke das Weiterleben Hussens unter Verehrern wie Gegnern über die Jahrhunderte hinweg in seiner Weltgeschichte 1888 in den vielzitierten Satz gefasst: „Als Hus tot war, wurde er erst eigentlich lebendig“ – ein Satz, der auch in der folgenden Zeit seine Gültigkeit nicht verloren hat.

In den letzten Jahrzehnten haben die intensiven Bemühungen von Historikern und Theologen um die Klärung der Lebensumstände Hussens und die Einschätzung seines Reformwerks die zuvor bestehenden nationalen und konfessionellen Barrieren weitestgehend überwunden. Einen wichtigen Schritt in der Wahrnehmung Hussens als christlicher Reformer bedeutete die 1960 erstmals erschienene Monographie des belgischen Benediktiner Paul de Vooght über die Häresie Hussens. Hervorragende Bedeutung für die Hus-Forschung hatten die beiden internationalen Hus-Symposien 1993 in Bayreuth und 1999 im Vatikan. Allein schon die Ortswahl der letztgenannten Zusammenkunft setzte ein Zeichen über die gewandelte Einstellung Roms in der Frage Hus. Unter dem Titel „Jan Hus ve Vatikanu“, Jan Hus im Vatikan, erschienen die Dokumentation über das Symposium. Darin findet sich folgendes Statement des Konstanzer Mediävisten Alexander Patschovsky: „Unmittelbar vor Anbruch des neuen Jahrtausends christlicher Zeitrechnung sich in Rom im Vatikan zu versammeln und Bilanz zu ziehen hinsichtlich einer der folgenreichsten tragischen Entscheidungen der Kirche, ist ein schon im Moment des Vollzugs historisches Ereignis. Daß die katholische Kirche in der Person des Heiligen Vaters ihren Frieden mit Jan Hus und der mit seinem Namen untrennbar verbundenen Reform der Kirche in seinem Heimatland Böhmen zu machen sucht, verdient Respekt und ist ein Zeichen der Verheißung für eine Zukunft, die vom Dialog und nicht von gegenseitiger Verdammung bestimmt ist.“

 

Hus und die Reform der Kirche

 

Der aus einfachen Verhältnissen stammende Jan Hus wurde nach 1370 in dem kleinen südböhmischen Ort Husinec geboren, unweit der Stadt Prachatitz am Goldenen Steig, dem alten Handelsweg zwischen Bayern und Böhmen. Vom Ortsnamen Husinec abgeleitet nannte er sich später Hus. Der Zusammenhang des Namens mit dem tschechischen Wort „husa“ – zu deutsch: „Gans“ – führte dazu, dass er später vielfach in guter oder böser Absicht als solche bezeichnet und in der lutherischen Reformation symbolisch als die in Konstanz gebratene Gans dargestellt wurde. In Prachatitz besuchte er die Pfarrschule. Nach seiner eigenen Aussage in seinen „Büchern über den Ämterkauf“ von 1413 habe er damals vorgehabt, bald Priester zu werden, um eine gute Wohnung und Kleidung zu haben und von den Menschen geschätzt zu werden. Selbstkritisch fügte er dann hinzu: „Aber dieses Begehren erkannte ich als böse, sobald ich die Schrift verstanden hatte.“

Wahrscheinlich vor 1390 zog Hus zum Universitätsstudium nach Prag, der Hauptstadt des Königreichs Böhmen und damals auch Residenzstadt des römisch-deutschen Königs, Sitz des Prager Erzbischofs und Aufenthaltsort zahlreicher Vertreter des hohen Adels, der Wissenschaften und Künste. Unter der Regierung Kaiser Karls IV. aus dem Hause Luxemburg hatte die Stadt einen glanzvollen Aufstieg genommen. Zu den herausragenden Leistungen aus dieser Zeit zählten neben dem Ausbau der Burg und des Doms auf dem Hradschin die Gründungen der Universität und der Prager Neustadt. Die Errichtung der letzteren führte in den folgenden Jahrzehnten zu tiefgreifenden Wandlungen im sozialen, kirchlichen, nationalen und administrativen Gefüge der Gesamtstadt Prag. Mit dem Regierungsantritt des böhmischen und römisch-deutschen Königs König Wenzel IV., dem ältesten Sohn Karls IV., im Jahr 1378 und der schrittweisen Abkehr von der Regierungslinie des Vaters kam es zu wachsenden Spannungen im weltlichen Bereich. Der Konflikt zwischen ihm und Erzbischof Johann von Jenstein, seinem früheren Hofkanzler, hatte gravierende Schäden im staatlich-kirchlichen Verhältnis zur Folge. Er gipfelte in der von Wenzel geplanten Errichtung eines westböhmischen Bistums mit Sitz in Kladrau und der Ermordung des erzbischöflichen Generalvikars Johannes von Nepomuk. Hus hat diese sicher miterlebt, aber mit Rücksicht auf König Wenzel in seinen Schriften darüber geschwiegen.

Das im Jahr 1378 beginnende Große Abendländische Schisma mit zunächst zwei konkurrierenden Päpsten in Rom und Avignon sowie seit dem Konzil von Pisa 1409 zusätzlich mit einem von diesem gewählten dritten Papst belastete durch die in Kirche, Staat und Volk entstehenden Polarisierungen das friedliche Miteinander. Die Folgen der Spaltung boten vielfachen Anlass zu Kirchenkritik, gerade von Seiten der wyclifitisch-hussitischen Reformbewegung, und wirkten sich vor allem seit 1407 nachhaltig auf die Politik König Wenzels aus.

Um 1400 gab es in Prag neben dem Dom, dem Metropolitankapitel und der erzbischöflichen Kurie drei Kollegiatkapitel, über zwei Dutzend Klöster, über 40 Pfarreien mit vielen Kapellen und eine Reihe von Spitälern. Entsprechend dieser hohen Zahl kirchlicher Institutionen war der Anteil des Welt- und Ordensklerus sowie der weiblichen Ordensangehörigen an der Gesamtbevölkerung der Prager Städte überaus hoch. Unter dem Klerus entstanden zum Teil extreme soziale Spannungen. Der niedere Klerus hatte mit wachsenden Existenzschwierigkeiten zu kämpfen. Das Verhalten eines Teils des hohen Klerus gab Anlass zu wachsender Kleruskritik. Nach dem Visitationsprotokoll des Prager Archidiakonats von 1393 waren Konkubinat, Wirtshausbesuch und Spielsucht unter dem Stadt- und Landklerus weit verbreitet. Hus hat noch aus der Haft in Konstanz seinen Nachfolger an der zur Predigt in tschechischer Sprache begründeten und päpstlich privilegierten Kapelle zu den unschuldigen Kindern von Bethlehem – kurz Bethlehemkapelle genannt – eindringlich vor der Gefahr gewarnt, die für einen Geistlichen von einer Frau ausgehe.

Gegenüber der seit Gründung der Universität und mit der Heirat Annas, der Schwester König Wenzels, mit König Richard II. von England 1382 endgültig dominierenden philosophischen Richtung eines gemäßigten Nominalismus fanden nun die Ideen des Oxforder Theologen und radikalen Kirchenkritikers John Wyclif Eingang an der Universität – und mit ihm der philosophische Realismus. Im Zug der Emanzipationsbestrebungen der böhmischen Universitätsnation wandten sich vor allem jüngere tschechische Magister dieser Richtung zu, darunter Hussens Lehrer Stanislaus von Znaim, die radikal gesinnten Magister Jacobellus von Mies, Hieronymus von Prag und auch Jan Hus. Die meisten der älteren deutschen Magister hingen hingegen weiterhin dem Nominalismus an. Der entstehende Universalien- und Wyclif-Streit war somit von Anfang an in hohem Maß von Auseinandersetzungen zwischen den Generationen und Nationalitäten bestimmt.

Die Prager Erzbischöfe und eine größere Zahl von Mitgliedern des Welt- und Ordensklerus sowie der Universität setzten sich in Wort und Schrift nachdrücklich für notwendige Reformen ein. Besondere Erwähnung verdienen die Bemühungen um eine stärkere Einbindung der Laien in das kirchliche Leben, unter anderem durch die Empfehlung zu häufigem Kommunionempfang. Im Blick auf die Reformbemühungen von Erzbischof Johann von Jenstein stellte der Mediävist Ferdinand Seibt fest: „Es war die Tragik der Entwicklung daß Jenstein nicht imstande war, alle Reformbemühungen zu vereinigen, und daß nach seiner Resignation weder sein Neffe und Nachfolger Olbram (Wolfram) von Škvorec (1396-1402) noch Zbyněk Zajíc von Hasenburg (1402-1411) bei bemerkenswerter Reformfreudigkeit sich dem Anliegen der wyclifitisch-hussitischen Reformer gewachsen zeigten.“

Von nachhaltiger Wirkung waren die Predigten des als „Vater der böhmischen Reformation“ geltenden tschechischen Predigers Jan Milič von Kremsier, der eine Generation vor Hus die Bildung jener Gemeinde anbahnte, die später zum Kern der hussitischen Reformbewegung wurde. Mit anderen Vertretern der sogenannten böhmischen „Devotio moderna“ forderte er die Rückkehr der veräußerlichten Kirche zu den Prinzipien der Urkirche auf der Grundlage der Heiligen Schrift. Hus hat ihre Anliegen in breitem Umfang aufgegriffen, sich aber nicht ausdrücklich aus sie berufen.

Hus schloss das Studium der Artes an der Prager Dreifakultätenuniversität 1393 als „baccalarius artium“, 1396 als „magister artium“ ab. Bei der ersten Graduierung bestätigte ihm sein Promotor, dass er durch Fleiß einen guten Geist erworben, aber seinen Körper wegen körperlicher Krankheit vernachlässigt habe. Von Letzterer ist auch später noch mehrfach in den Quellen die Rede. 1397/98 nahm er – wohl von der Universität abgeordnet – an einer Reise König Wenzels in den Westen des Reichs teil. Ein Jahrzehnt später erwähnt Hus im Zusammenhang mit weiblichen Kleider- und Schmuckwünschen beiläufig, dass er am Rhein aufwendig geschmückte Frauen gesehen habe. Neben seiner Lehrtätigkeit an der Prager Artistenfakultät begann Hus um 1398 mit dem Studium der Theologie. 1400 wurde er zum Priester geweiht. Im folgenden Jahr begann er als Prediger bei St. Michael in der Prager Altstadt, wo er durch seine Parteinahme für den inzwischen als deutscher König abgesetzten Wenzel IV. und gegen den neuen deutschen König Ruprecht von der Pfalz einen ihm lange gewogenen Fürsprecher gewann. Seit 1402 war er Rektor der schon erwähnten Bethlehemkapelle in der Prager Altstadt. Im Wintersemester 1401 war Hus Dekan der Artistenfakultät, im Wintersemester 1409 Rektor der Universität.

Seit 1398 beschäftigte sich Hus zunächst intensiv mit den philosophischen Werken Wyclifs. Die um diese und bald auch um die theologischen Werke Wyclifs geführten Disputationen mündeten schon bald in Auseinandersetzungen um die Anwendbarkeit der Wyclifschen Doktrin auf die Reformdiskussionen ein. Die Bemühungen der allgemein als Wyclifisten bezeichneten Anhänger des Wyclifschen Realismus zielten dabei immer stärker auf Ausweitung ihres Einflusses und schließlich auf die volle Beherrschung der Universität.

An der Bethlehemkapelle gewann Hus durch seine charismatischen Predigten, in denen er die Kirche seiner Zeit der ursprünglichen Kirche gegenüberstellte und den weltlichen Besitz der Kirche sowie den Reichtum des höheren Klerus anprangerte, eine wachsende Gemeinde aus allen Schichten der Prager Bevölkerung bis hin zu Königin Sophie. Die hohe Bedeutung, die Hus selbst der Predigtstätte zumaß, klingt noch aus einem späteren Brief aus der Konstanzer Kerkerhaft an seine Anhänger in Prag an: Behaltet Bethlehem lieb, solange Gott dort die Predigt seines Wortes gewährt. Auf diese Stelle ist der Teufel ergrimmt, gegen sie hat er Pfarrer und Kanoniker aufgestachelt, als er sah, dass an dieser Stelle seine Herrschaft untergraben werde.

Hus wurde wegen seiner Reformgesinnung von Erzbischof Zbyněk Zajíc von Hasenburg lange Zeit hoch geschätzt. Er trat 1405 und 1407 als Prediger auf den Prager Diözesansynoden auf und war unter anderem als theologischer Gutachter in dem 1404 ausgebrochenen Streit um das Wilsnacker Wunderblut tätig, das er als Betrug entlarvte. Seine Kritik an Missständen in der Kirche setzte zunächst nicht an der Institution selbst, sondern bei deren Amtsträgern an: Er rief sie zu einem Leben nach den Evangelien und zur Christusnachfolge auf.

Der 1403 offen ausgebrochene und sich seit 1406 verschärfende Streit um Wyclif bestimmte fortan das geistige Klima an der Universität, strahlte aber bald auch darüber hinaus. Von Anfang an spielte dabei die Remanenztheorie eine herausragende Rolle. Seit 1406 wurde Hus vor allem wegen seiner Predigten von den Wyclifgegnern an der Universität und im Prager Klerus bei Erzbischof Zbyněk, dann in Rom zunächst bei Papst Gregor XII. und später bei den Konzilspäpsten Alexander V. und Johannes XXIII. als Anhänger der Wyclifschen Häresie angeklagt. In seiner programmatischen Schrift „Über das Lesen häretischer Bücher“ von 1410 verteidigte Hus die Lektüre solcher Bücher mit den darin auch enthaltenen Wahrheiten. Im Streit um die von Zbyněk zunächst ins Auge gefasste und schließlich durchgeführte Verbrennung der Schriften Wyclifs und um das offensichtlich gegen ihn gerichtete Verbot der Predigt an nicht autorisierten Plätzen zerbrach das bisherige Einvernehmen mit dem Erzbischof. Drei Tage nach der Verbrennung exkommunizierte Zbyněk Hus. Einer Zitation an die päpstliche Kurie folgte Hus nicht und setzte trotz des Verbots seine Predigttätigkeit in der Bethlehemkapelle fort.

Am Streit um die Änderung der Universitätsverfassung zugunsten der böhmischen Universitätsnation und dem Erlass des Kuttenberger Dekrets vom 18. Januar 1409, der zum Auszug von etwa 700-800 deutschen Magistern und Studenten an andere Universitäten und zur Gründung der Leipziger Universität führte, war Hus zwar in Zusammenarbeit mit dem königlichen Hof beteiligt, die Führungsrolle in der Reformbewegung erlangte er jedoch erst mit der demonstrativen Wahl zum Rektor der Universität am 17. Oktober 1409. Ihm gegenüber vertraten Hieronymus von Prag, Jacobellus von Mies und der deutsche Hussit Nikolaus von Dresden vielfach radikalere Positionen.

Mit seiner Stellungnahme gegen die Verkündigung eines von Johannes XXIII. gegen den abgesetzten römischen Papst Gregor XII. und dessen weltliche Beschützer gewährten Kreuzzugsablasses, an dem König Wenzel finanziell beteiligt war, verlor Hus 1412 die königliche Gunst. Trotz seiner Fürsprache wurden am 11. Juli 1412 drei junge Männer, die den Ablasspredigern widersprochen hatten, öffentlich hingerichtet. Sie wurden spontan als die ersten Märtyrer der Reformbewegung verehrt. In einer kurz danach im Collegium Carolinum der Prager Universität abgehaltenen Disputation über die Auslegung ausgewählter Wyclif-Artikel exponierte sich Hus durch seine Stellungnahmen zur Predigt im Fall der Exkommunikation, der nichtautorisierten Predigt, dem Recht der weltlichen Gewalt auf Einzug von Kirchenvermögen, dem Zehnten, den Folgen von Todsünden und vor allem zum Wyclifschen Artikel 15: „Niemand ist Herr, niemand ist Prälat, wenn er sich im Stand der Todsünde befindet.“

Seine Prager Gegner forcierten den an der päpstlichen Kurie laufenden Prozess. Wegen Nichterscheinens vor der Kurie in Rom sprach Kardinal Pietro degli Stefaneschi die verschärfte Exkommunikation über ihn aus, die am 18. Oktober 1412 auf der Prager Synode feierlich verkündet wurde. Am gleichen Tag appellierte Hus demgegenüber in ebenso feierlicher Form an Christus als gerechtesten Richter. Die Berufung auf diese, im Kirchenrecht nicht vorgesehene Instanz war eine eklatante Missachtung der kirchlichen Autorität.

Im Herbst 1412 verließ Hus unter dem Druck der Ereignisse Prag, lebte in den folgenden zwei Jahren unter dem Schutz des böhmischen Adels auf verschiedenen Burgen im Exil, predigte auf dem Land und entfaltete eine fieberhafte Tätigkeit als Schriftsteller. Teilweise noch in Prag entstanden die zu seinen Hauptwerken zählenden tschechischen „Auslegungen“ von Glaubensbekenntnis, Zehn Geboten und Vaterunser. Die Auslegung des Credo enthält das berühmte, von Joh 8,32 ausgehende Bekenntnis Hussens zur Wahrheit, das gemeinhin als Schlüssel zu seiner überlegenen, schließlich den Tod nicht scheuenden Haltung gilt: Darum frommer Christ, suche die Wahrheit, höre die Wahrheit, lerne die Wahrheit, liebe die Wahrheit, sprich die Wahrheit, halte die Wahrheit fest, verteidige die Wahrheit bis zum Tod, denn die Wahrheit befreit dich von der Sünde, vom Teufel, vom Tod der Seele und schließlich vom ewigen Tod. In den eng an Wyclifs Simonie-Traktat angelehnten „Büchern über den Ämterkauf“ erhob er seine schärfsten Angriffe gegen Missstände in der Kirche. In seinem Traktat „Über die sechs Verirrungen“ legte er sein Reformprogramm in umfassender Weise dar. Einzelne Passagen daraus wurden als Inschriften an den Innenwänden der Bethlehemkapelle angebracht. Wohl im Frühjahr 1413 schloss Hus in differenzierender Anlehnung an Wyclifs Kirchentraktat sein Hauptwerk „Über die Kirche“ ab.

 

Hussens Prozess vor dem Konstanzer Konzil

 

Die Einberufung des Konstanzer Konzils zu Ende des Jahres 1413 leitete die letzte Phase des gegen Hus als Vertreter der Reformbewegung in Böhmen geführten Prozesses ein. König Wenzel IV. und sein 1410 zum deutschen König gewählter Halbbruder Sigismund (ab 1433 Kaiser) strebten auf Grund der immer häufiger erhobenen Forderung nach Eingreifen des weltlichen Arms eine Behandlung der böhmischen Frage vor dem Konzil an, um den durch den Vorwurf der Ketzerei erschütterten Ruf des Landes wieder herzustellen und sich selbst vom Vorwurf der Ketzerbegünstigung zu befreien. Auf Drängen Sigismunds, aber – wie er vor dem Konzil wiederholt betonte – freiwillig war Hus bereit, unter sicherem Geleit nach Konstanz zu kommen, sich dort einer Examinierung in öffentlicher Audienz zu unterziehen, zu predigen und gegebenenfalls auch für die Wahrheit des Gesetzes Christi sterben zu wollen. In drei vor der Abreise nach Konstanz konzipierten Ansprachen wollte er vor der Kirchenversammlung auf Grundfragen des christlichen Lebens eingehen: „Über den Frieden“, „Von der Vollgenügsamkeit des Gesetzes Christi“ und „Von der Erleuchtung durch den Glauben“.

Trotz des Geleitbriefs wurde Hus bald nach seiner Ankunft – noch vor dem Eintreffen Sigismunds in Konstanz – auf Veranlassung der Kardinäle in Haft gesetzt. Die von ihm erwartete Disputation zur Darlegung seiner Überzeugungen wurde ihm verwehrt. Unter den Anhängern der hussitischen Reformbewegung in Böhmen trug die ohne Wissen Sigismunds erfolgte Verhaftung diesem den seither unablässig wiederholten Vorwurf des Geleitbruchs ein. Obwohl ein Urteil gegen Hus noch nicht gesprochen war, sah ein Gutachten des Kurienbeamten Dietrich von Niem vom Mai 1415 mit Blick auf Hus bereits vor, dass das einem Ketzer gewährte Geleit einseitig gelöst werden könne.

Auf Grund von Bemühungen Sigismunds wurden Hus Anfang Juni 1415 drei öffentliche Anhörungen vor dem Konzilsplenum zugestanden. Hus weigerte sich, die ihm hier und in nichtöffentlichen Verhören vorgelegten, zumeist aus seinem Traktat „Über die Kirche“ gezogenen, aber zum Teil grob entstellten, verkürzten oder unzutreffenden Anklageartikel zu widerrufen und forderte die Widerlegung seiner Thesen aus der Schrift. Trotz mehrfacher Entschärfung der Anklageartikel war Hus nicht zum Widerruf bereit. Seine Position wurde aussichtsloser, als er sich im Juni 1415 entgegen seiner ursprünglich abwartenden Haltung in der Kelchfrage in einer kurzen Stellungnahme entschieden dagegen wandte, dass das durch Christus und die Apostel eingesetzte Kelchsakrament als Ketzerei verurteilt worden war. Jacobellus von Mies hatte vorher den Laienkelch in Prag eingeführt und das Konzil hatte dies verurteilt. Damit stellte sich Hus gegen das Konzil.

In der XV. Generalsitzung des Konzils am 6. Juli 1415 wurde Hus als verstockter Ketzer zum Tod verurteilt. Der vorbereitete Beschluss über seine Absetzung und Einschließung zeigt, dass die Richter bis zuletzt mit der Möglichkeit eines Widerrufs gerechnet hatten. Hus lehnte diesen ab, um die Reformbewegung nicht durch Zugeständnisse gegenüber dem Vorwurf der Häresie zu belasten und fasste die Gründe der Verweigerung des Widerrufs unmittelbar vor seiner Degradierung als Priester ein letztes Mal zusammen: „Ich scheue mich, das zu tun, um nicht angesichts des Herrn als Lügner dazustehen, auch um nicht gegen mein Gewissen und gegen Gottes Wahrheit zu verstoßen, da ich die fälschlicherweise gegen mich angeführten Sätze niemals behauptet habe, vielmehr ihnen entgegen geschrieben, gelehrt und gepredigt habe, und auch deswegen, um nicht einer so großen Menge, der ich gepredigt habe, sowie anderen getreu das Wort Gottes Verkündigenden Ärgernis zu geben. Hus, der bis zuletzt seine Freunde ermahnt hat, sich ststs an das Gesetz Christi zu halten, opferte sich in reformatorischem Selbstbewußtsein für die mit seinem Namen verbundene Reformbewegung.

In der Beurteilung des Hus-Prozesses und der Rolle der Richter gingen die Auffassungen entsprechend der grundsätzlichen Einstellung der Autoren zur Hus-Frage weit auseinander. Die Palette reicht von der Beschuldigung, dass Hus einem Justizmord zum Opfer gefallen sei, und dem pauschalen Vorwurf der Voreingenommenheit seiner Richter bis zur Überzeugung, dass der Prozess gegen ihn in gerechter Weise geführt und Hus zu Recht verurteilt wurde. Wie der vor wenigen Wochen verstorbene Prager Rechtshistoriker Jiří Kejř in einer umfassenden Monographie über den Hus-Prozess nachgewiesen hat, lassen sich beim Verfahren vor dem Gericht des Prager Erzbischofs und vor dem Gericht an der päpstlichen Kurie schwerwiegende Unregelmäßigkeiten feststellen, darunter die Beiziehung falscher Zeugen. Im Gegensatz dazu wurden in Konstanz Prozessvorschriften nicht verletzt. Der Hauptwiderspruch zwischen der Rechtsauffassung des Konzils und dem Angeklagten lag nach Jiří Kejř in Hussens Überzeugung, in allem nach dem Gesetz Gottes zu handeln, auch wenn er dabei geltende Rechtsregeln verletzte.

So sei geschlossen mit dem den Worten des früheren Prager Erzbischof Kardinal Miloslav Vlk, der in den beiden letzten Tagen als offizieller Vertreter von Papst Franziskus an den ökumenischen Hus-Gedenkfeiern in Prag mitwirkte und im Vorwort seines zuvor genannten Buches schreibt: „Dozent Kejř hat aufgezeigt, dass der gesamte Husprozess ein klassisches Beispiel dafür ist, wie – auf beiden Seiten – die Wahrheit ohne liebevolle Reflexe und ohne den Blick auf die anderen verabsolutiert wurde und anstelle des biblischen Gebots der Liebe das Kirchenrecht ohne Liebe angewandt wurde. Beiden Seiten, aber vor allem der Machtposition der Kirche fehlte die Liebe nicht nur in der Art und Weise, wie man auf Hus als Menschen zuging, sondern leider wurde gegen sie auch bei der Suche und der Präsentation der Beweismittel in bedeutendem Maß verstoßen.“

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