Beim Thema „Machiavelli“ wird mir bis heute immer ein wenig Angst und Bange. Vor ungefähr 40 Jahren, als ich 1977 ein Promotionsthema zu suchen begann, bin ich eher zufällig bei Machiavelli gelandet, zufällig auch deshalb, weil damals relativ viel über die politische Ideengeschichte und ihre Repräsentanten gearbeitet wurde. Mein akademischer Lehrer Iring Fetscher hatte über Rousseau und Marx, andere in seinem Umfeld haben über Hegel, wieder andere über Locke oder Hobbes geschrieben. Infolgedessen war nicht mehr viel übrig. Aber an Niccolò Machiavelli hatte sich so recht keiner herangetraut, denn er war einer der verfemten Autoren; wer sich mit ihm beschäftigte, musste aufpassen, dass er nicht in den Verdacht geriet, ein Machiavellist zu sein.
Sich mit Machiavelli zu beschäftigen war nicht bloß eine intellektuelle, sondern auch eine politische Herausforderung, denn die letzten großen Arbeiten zu ihm stammten damals aus der Nazizeit: auf der einen Seite Hans Freyers Buch über Machiavelli, das in rechtskonservativ klirrendem Schritt daherkam; auf der anderen Seite das in der Schweiz verfasste Buch von René König, für den Machiavelli ein politischer Romantiker war, der intellektuelle Seifenblasen produzierte und sich an ihnen erfreute. Das war eine Kritik an den Rechtsintellektuellen in Deutschland, die König als Steigbügelhalter Hitlers gesehen hat.
Diese beiden Bücher waren damals die letzten, die im deutschsprachigen Raum über Machiavelli publiziert worden waren. Seitdem ich dieses Thema mit der Dissertation abgeschlossen hatte, die 1981 eingereicht und 1982 publiziert wurde, und die man, zu meiner Freude, auch heute noch als Fischer-Taschenbuch bekommen kann, hat es mich nie wieder losgelassen – auch darum, weil ich immer wieder darauf angesprochen werde oder zu politischen Ereignissen etwas sagen soll. Dann heißt es: Aber Sie haben sich doch mit Machiavelli beschäftigt, was würde denn Machiavelli dazu sagen, oder was sagen Sie als Machiavellist dazu? Nun, ich bin aber gar keiner. Also werde ich nachfolgend versuchen, Machiavelli als einen Begründer der Politikwissenschaft vorzuführen. An ein paar Punkten werde ich deutlich machen, wie er das Nachdenken über Politik aus dem Corpus der praktischen Philosophie zu emanzipieren versuchte.
I.
Bevor ich das tue, stelle ich ein paar Überlegungen zu Machiavellis Leben an. Denn ich glaube, dass man die Gedankengänge aus dem „Principe“ und den „Discorsi“ nicht verstehen kann, ohne Machivellis Tätigkeit als Sicherheitsberater der Florentiner Republik über 14 Jahre zu kennen. Zu allererst indes ein paar Bemerkungen zum frühen 16. Jahrhundert.
Die Veranstaltung heißt ja „Jenseits der Reformation“. Aber so ganz aus dem Reformationskontext kommt man bei Machiavelli nicht heraus, obwohl sich bei ihm keine Bemerkung zu Luther findet. Die findet sich hingegen bei seinem Freund, Kollegen und Kontrahenten Francesco Guicciardini. Dieser stand im Dienste der beiden Medici-Päpste Leo X. und Clemens VII., war als Gouverneur päpstlicher Gebiete tätig und schrieb gleichwohl, er liebe Luther mehr als jeden anderen. Diese Renaissanceintellektuellen nahmen also durchaus wahr, was bei den Hinterweltlern im Nordosten Deutschlands, die, wie einige Italiener meinten, nicht einmal richtig Latein konnten, vor sich ging.
Machiavelli indes hatte einen ganz anderen Blick auf die Renaissancepäpste als Luther und seine Anhänger. Er war der Auffassung, die Sünden Italiens seien keine religiösen, sondern politische Sünden. Dazu will ich später noch etwas sagen. Aber wenn wir auf diese Epoche blicken, sehen wir eine ausgesprochen fruchtbare Zeit des politischen Denkens. Da ist Erasmus von Rotterdam, der in dieser Zeit veröffentlicht: „Querela Pacis“, also die Klage des Friedens, oder die „Institutio principis christiani“, die Erziehung des christlichen Fürsten – ein Buch, das er im weiteren Sinne für Karl V. geschrieben hat, als dieser Kaiser geworden ist. Oder da ist Thomas Morus‘ „Utopia“, also der Entwurf einer ganz anderen sozialen Welt. Es ist in vieler Hinsicht reizvoll, Morus und Machiavelli miteinander zu vergleichen, deren Bücher etwa zu derselben Zeit entstanden sind. Und da ist natürlich auch Martin Luther mit den zwei politischen Schriften: „An den christlichen Adel deutscher Nation“ und vor allen Dingen „Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei“. Wenn man diese drei Personen – Erasmus, Morus, Luther, genannt hat, dann ist Machiavelli als der vierte sicherlich der politisch provokanteste Autor, vor allen Dingen mit dem Buch „Il Principe“, aber auch mit den „Discorsi“, den Betrachtungen zur römischen Geschichte des Titus Livius.
Verglichen mit dieser intellektuell ungemein fruchtbaren Zeit ist die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts eher ruhig geblieben. Es gibt ein paar Autoren, vor allem jesuitischer Provenienz, die versucht haben, die Gedanken Machiavellis, die inzwischen auf dem Index stehen, wieder ins Gespräch zu bringen. Giovanni Botero gehört zu ihnen, oder auch der Beichtvater Herzog Maximilians von Bayern, Adam Contzen, ist einer davon. Beide haben versucht, Machiavelli und bestimmte moralphilosophische Fragen wieder zusammenzubringen, was Machiavelli strikt getrennt hatte.
Warum diese Produktivität in der ersten Hälfte des Jahrhunderts? Ich glaube, weil es eine Zeit dramatischer politischer und gesellschaftlicher Veränderungen war. Diese begannen 1494 mit dem Einmarsch des französischen Königs Karl VIII. in Italien. Das war der Auftakt zu einem halben Jahrhundert Krieg um Italien, der bis in die Mitte des 16. Jahrhundert hinein dauerte und den Arthur Schopenhauer treffend in der Karl V. zugeschriebenen Formel zusammengefasst hat: Was mein Bruder Franz (Franz I., König von Frankreich) will, will ich auch – sozusagen der Einklang der Herzen – dann kommt ein Doppelpunkt und dahinter steht: Mailand. Somit ist klar, es ist eine Konstellation des Krieges, um die es geht, des europäischen Krieges, an dem nicht nur Spanier und Franzosen beteiligt sind, sondern auch deutsche Landsknechte; diese sind es auch, die 1527 Rom stürmen und den berüchtigten Sacco di Roma veranstalten.
Das also ist Machiavellis Fragestellung: Wie konnte es dazu kommen, dass Italien zum Schauplatz der Kämpfe um die europäische Hegemonie geworden ist? Er sagt, es sind die Sünden Italiens, die dazu führten. Er meint das jedoch nicht religiös oder theologisch, sondern er meint damit politische Fehler: Wir Italiener des frühen 16. Jahrhunderts müssen jetzt die politischen Fehler ausbaden, die andere vorher gemacht haben. Das ist sein Impuls. Es ist kein wesentlich theoretisches Interesse, sondern ein praktisches Problem, das ihn dazu bringt, in die Theorie zu gehen, um für die Praxis Antworten geben zu können. Das ist das Eine. Das Andere sind die sozioökonomischen Umwälzungen der Zeit: Etwa der Bauernkrieg in Deutschland von 1524 bis 1526, der Aufstieg des Geldes, eine Reduzierung der Bedeutung von Naturalwirtschaft, die Erfahrung von Verarmung einerseits und von Bereicherung andererseits, die unteren Gesellschaftsschichten, die zunehmend in Bewegung kommen, der neue geistige Austausch durch den Buchdruck. All das spielt eine Rolle und erklärt, warum die vier Genannten – Erasmus, Morus, Luther und Machiavelli – Texte geschrieben haben, die heute noch für uns von Interesse und von Bedeutung sind.
Machiavelli ist, entgegen der Vermutung, die entstehen kann, wenn man nur den „Principe“ liest, ein Repräsentant des „governo largo“, einer Regierungsform in Florenz, in der auch die bürgerlichen und insbesondere die kleinbürgerlichen Schichten in der Politik etwas zu bestellen haben. Politik ist für ihn nicht eine Angelegenheit der großen und feinen Familien ist, wie etwa der Medici, der Strozzi und ein paar anderer. Das heißt, wir sollten den „Principe“ und die „Discorsi“ als einen Versuch verstehen, auf eine doppelte Krise zu antworten: die Krise der internationalen Politik und die Krise der innergesellschaftlichen Verhältnisse.
II.
Deswegen jetzt ein paar Bemerkungen zu Machiavellis Leben: Sein Geburtsjahr ist 1469. Wir wissen nicht viel über seine Jugend; er hat offensichtlich einen ordentlichen Lateinunterricht bekommen. Sein Vater war ein Büchernarr, aus seinem Verzeichnis des Haushaltes wissen wir, dass er sehr viel Geld für den Ankauf von Büchern ausgegeben hat, und der junge Niccolò dürfte in diesen Büchern fleißig gelesen haben. Das hat mit Florenz zu tun, auch mit dem Mäzenatentum der Medici, die eine Bibliothek eingerichtet haben, aus der man Bücher auch ausleihen konnte. Das wäre in anderen Gefilden Europas in der Form nicht möglich gewesen. Deswegen kommt es nicht von ungefähr, dass wir es hier mit einem Florentiner zu tun haben. Jedenfalls hat er so gut Latein gelernt, dass der Chef der Regierungskanzlei in Florenz sagt: Ich brauche einen, der für mich als Sekretär der zweiten Kanzlei den Briefverkehr erledigt, der muss gut Latein können, das soll Niccolò Machiavelli machen. Und so tritt dieser im Jahre 1498 seine Karriere in der Florentiner Politik an.
Aber vorher passiert noch etwas Aufregendes: Im Jahr 1494 kommt Karl VIII. mit seinen Truppen auf dem Weg nach Neapel an Florenz vorbei, und dabei bricht die Medici-Herrschaft zusammen, die das gesamte 15. Jahrhundert in Florenz bestimmt hat. Die Herrschaft der Medici fällt wie ein Kartenhaus zusammen. Es kommt zu einer Volksbewegung der in hohem Maße religiös motivierten Massen unter Anführung des Dominikanermönchs Girolamo Savonarola. Über vier Jahre regiert Savonarola mit seinen Predigten Florenz. Sein Charisma resultiert daraus, dass er den Einmarsch Karls VIII. nach Italien und den Sturz der Medici in Florenz vorausgesagt hat, als man davon noch gar nichts gehört hatte. Jetzt glauben ihm die Leute, sie gehen immer wieder zu seinen Predigten.
Auch Savonarola sieht in den Sünden die Ursache für den Zusammenbruch, aber er versteht unter Sünde etwas ganz anders als Machiavelli: Savonarola meint Sodom und Gomorra im Leben von Florenz. Infolge seiner Predigten werden die „Eitelkeiten“ verbrannt, und auch Botticelli verbrennt ein paar Bilder, auf denen er unbekleidete Frauen gemalt hat, in der Regel natürlich Göttinnen der Antike. Botticelli ist von Savonarola ebenfalls zutiefst beeindruckt. Aber wie das so ist – Savonarola kann sich nicht halten. Er wird, vermutlich auf Geheiß aus Rom, von einem Franziskaner zur Feuerprobe herausgefordert, entzieht sich dieser Feuerprobe und schon ist das Charisma aufgelöst.
Warum auf Geheiß aus Rom? Weil Savonarola gegen den Papst polemisiert. Er nennt ihn einen „Wolf im Schafspelz“ und ähnliches mehr, das hört man in Rom natürlich nicht gerne. Savonarola möchte den Gebrauch des Religiösen zu politischen Zwecken in Florenz ausdehnen, dadurch gerät er mit dem Renaissancepapst Alexander VI. frontal aneinander. Alexander VI., ein Borgia-Papst, ist übrigens der erste, der den Mut hat, seine Kinder auch seine Kinder zu nennen und nicht mehr zu behaupten, es handele sich um seine Neffen. Er sagt: Das sind meine Kinder, schau an, wie prächtig sie sind: Lucrezia Borgia, Cesare Borgia.
Mit Savonarolas Sturz kommt die Stunde Machiavellis. Er tritt zu diesem Zeitpunkt in die zweite Kanzlei ein und wird bald der Vertraute des neuen Staatsoberhauptes der Florentiner Republik, sein Sicherheitsberater, könnte man sagen. Außerdem dient er der Republik als Gesandter. Denn offiziell reist als Botschafter immer ein Adliger, der von einem Fachmann begleitet wird, schließlich muss einer dabei sein, der von der internationalen Lage etwas versteht und der die regelmäßigen Berichte schreibt. Das ist Niccolò Machiavelli. So kommt er weit herum. Er besucht den Süden des damaligen Deutschland, die Schweiz und Tirol, beurteilt La Magna, die Große, wie er Deutschland nennt, nach diesen Ländern. Er kommt nach Frankreich, hat mit den damals Mächtigen der Welt Kontakt. Und er macht sich einen Spaß daraus, an die Regierung in Florenz Briefe zu schreiben, in denen er sagt: Die Mächtigen werden dieses und jenes tun, ich habe mit ihnen gesprochen und schätze sie so sein. So sagt er über Maximilian I., selbst wenn in Deutschland alle Bäume Golddukaten trügen, würde dieser Kaiser ständig an Geldnot leiden. Er bietet in seinen Berichten eine Mischung aus spaßhaften Bemerkungen und tiefgründigen Analysen. Kurzum, er übt das Schreiben politischer Texte.
Gleichzeitig macht er politische Reformvorschläge. Denn Florenz betreibt eine Verteidigungspolitik, bei der man Soldaten in den Dienst nimmt, die einen militärischen Auftrag erfüllen sollen: die Condottieri. Sie haben aber kein großes Interesse daran, diese Aufgabe schnell und effektiv zu erfüllen, sondern wollen das Geld einzustreichen und die Zeit verstreichen lassen. Florenz muss immer wieder neue Finanzmittel aufbringen, um die Condottieri, die eingestellt werden und trotzdem nicht das leisten, was sie leisten sollen, bezahlen zu können. Also baut Machiavelli eine Volksmiliz, eine Bürgerwehr auf, die an die Stelle der Söldnersoldaten tritt und mit der es ihm 1509 tatsächlich gelingt, Pisa, das 1494 von Florenz abgefallen war, zurückzuerobern.
Das ist der Höhepunkt in Machiavellis politischer Karriere. Er ist derjenige, der das Problem Pisa löst, an dem die Republik über zehn Jahre lang laboriert hat. Nie hat die Eroberung geklappt. Er aber hat es hinbekommen. Drei Jahre später jedoch die Katastrophe: Bei der Verteidigung von Prato versagt seine Bürgermiliz in dem Augenblick, als sie es mit spanischen Berufssoldaten zu tun bekommt. Diese gehen die Sache ganz anders an, als die in der Toskana rekrutierten Bauern, die Miliz fällt auseinander und die Medici, die diese spanischen Soldaten in ihren Dienst genommen haben, kehren mit Waffengewalt nach Florenz zurück.
Das republikanische Staatsoberhaupt muss sofort ins Exil. Und auch Machiavelli – erstaunlicherweise als einziger aus der Administration – wird umgehend entlassen; er gilt als der klügste und überzeugendste Kopf der Republikaner. Die Entlassung ist für ihn schon frustrierend genug, aber dann kommt noch hinzu, dass ein paar Wochen später einem jungen Mann ein Zettel aus der Tasche fällt, auf dem ein Verschwörungsplan skizziert ist. Unter den Namen, die dort als Unterstützer stehen, findet sich auch der von Niccolò Machiavelli. Also wird Machiavelli verhaftet, verhört, gefoltert. Es kommt nichts dabei heraus. Vermutlich war er in diese Verschwörung gar nicht eingeweiht. Sie war auch erst am Anfang und offenbar schlecht organisiert, also eine Dilettanten-Veranstaltung. Machiavelli sitzt jetzt im Gefängnis und hat Glück. 1513 wird Giovanni de‘ Medici als Leo X. zum Papst gewählt, und da ist es üblich, dass man eine Amnestie erlässt. Machiavelli wird amnestiert, allerdings mit der Auflage, dass er nicht in Florenz bleibt, sondern auf sein Landgut in der Nähe von San Casciano muss – in Florenz hat er nichts mehr zu suchen.
III.
Das ist für jemanden, der so lange Politik gemacht hat und eigentlich in den politischen Stiefeln sterben möchte, eine Katastrophe. Was macht Machiavelli jetzt? Er kümmert sich um die Bewirtschaftung seines Gutes, aber das füllt auch nicht den ganzen Tag aus. Er fängt an zu lesen, er studiert systematisch die antiken Historiker. Er beschreibt das in einem eindrucksvollen Brief an Francesco Vettori. Dort kann man nachlesen, wie er seinen Tag zubringt, wie er sich schmutzig macht, wenn er die Landarbeiter beaufsichtigt, wie er mit den Fuhrleuten gegenüber seinem Haus Tricktrack spielt – aber eigentlich schämt er sich für all das. Denn am Abend zieht er vornehme Kleider an und liest die römischen Historiker. Dann kommt dieser wunderbare Satz: „Und ich frage sie und ihre Menschlichkeit macht, dass sie mir antworten.“
Machiavelli beschreibt seine Lektüre, vor allem die des Titus Livius, als einen Vorgang des Gesprächs. Er spricht mit den Verfassern und sie antworten ihm. Und aus diesem Gespräch entsteht sein erster politischer Text, die „Discorsi sopra la prima deca di Tito Livio“, also die Abhandlungen über die ersten zehn Bücher der römischen Geschichte des Titus Livius. Was schreibt er jetzt? Er schreibt über Fragen, die ihn beschäftigen, über Italien in seiner Zeit. Was haben die Republikaner in Florenz falsch gemacht, so dass die Medici zurückkehren konnten? Was erfahre ich, wenn ich den fernen Spiegel, die römische Geschichte des Livius, aufstelle und hineinschaue? So sind die „Discorsi“ entstanden, mit dem einem Auge auf Rom gerichtet und mit anderen auf seine eigene Gegenwart – eine Doppellektüre sozusagen.
Und dann unterbricht er die Arbeit, wir können heute sagen, Erstes Buch, 18. Kapitel, und wendet sich einem ganz anderen Thema und der Frage zu: Wie lässt sich eine neu erworbene Herrschaft stabilisieren? Das ist kein Problem der römischen Geschichte, die irgendwie anfängt und sich entwickelt. Aber wenn ein Herrscher durch Glück und Zufall ein Staatsgebiet erworben hat, wie kann er das auf Dauer behaupten? Das ist eine Frage, mit der Machiavelli sich plötzlich beschäftigt. Er bricht die Arbeit an den „Discorsi“ ab und schreibt diesen Text, von dem er Vettori berichtet, es sei ein kleines Büchlein „de principatibus“, also über Fürstenherrschaften, was dann später unter dem Titel „Il principe“, der Fürst, veröffentlicht wird.
Was Machiavelli darin macht, ist etwas ungeheuer Aufregendes. Er verwirft die politischen Kategorien des Aristoteles, also des Neoaristotelismus der Universitäten des 15. und 16. Jahrhunderts. Er verwirft die Aristoteles-Adaption des Thomas von Aquin, auch deren zentrale Schematisierung politischer Ordnung. Dabei wird deutlich, wie Machiavelli versucht, die Reflexion über Politik aus dem Corpus der Philosophie herauszunehmen, hier insbesondere aus der praktischen Philosophie, zu der Ethik, Ökonomie und Politik gehören. Er will die Wissenschaft von der Politik als eine eigene Form des Denkens etablieren, bei der die Philosophen und insbesondere die vorangestellte Ethik nichts zu melden haben.
Aristoteles hat in seiner „Politik“ ein Sechser-Schema von Staatsformen entwickelt. Er stellt die Frage: Wie viele Personen üben die Herrschaft aus – einer, einige oder viele? Es gibt also drei mögliche Verfassungen. Dann unterscheidet er diese drei noch einmal anhand der Frage: Üben sie die Herrschaft in ihrem eigenen Interesse aus oder üben sie die Herrschaft aus im Interesse des Gemeinwohls? So kommt er auf sechs Verfassungsformen. Diese werden dann ausgefüllt: Die Herrschaft eines Einzelnen im Interesse des Gemeinwohls heißt Monarchie, im eigenen Interesse dieses Einzelnen ist es eine Tyrannis; die Herrschaft Einiger im Interesse des Gemeinwohls heißt Aristokratie, im eigenen Interesse der Wenigen ist es eine Oligarchie; die Herrschaft Vieler in Orientierung am Gemeinwohl nennt Aristoteles Politie, jene im Eigeninteresse des Volkes Demokratie.
Aristoteles begreift als Demokratie als die, wenn sie so wollen, Parteidiktatur des Demos, nicht als die Herrschaft aller, sondern als die Herrschaft einer bestimmten, wenn auch großen Gruppe, die ihr Interesse durchsetzt. Später, nach Aristoteles, wird das etwas verschoben, da wechselt die Demokratie an die Stelle der Politie, und dort, wo Demokratie stand, steht Ochlokratie, also die Herrschaft des Pöbels. In dieser Sechserordnung mit ihren qualitativen und quantitativen Dimensionen arbeiten und denken wir im Prinzip bis heute. Es ist ein wunderbares Schema, das Aristoteles zusammengedacht hat, nachdem er seine Schüler ausgeschickt hat, überall Verfassungen aufzuschreiben und zu protokollieren. Machiavelli verwirft all das.
Das kann man im ersten Kapitel des „Principe“ nachlesen. Dort sagt er, es gibt Alleinherrschaften und es gibt Freistaaten, also Republiken. Freistaaten interessieren mich jetzt nicht mehr, die habe ich in den „Discorsi“ abgewickelt, die sind jetzt nicht mein Thema. Von den Alleinherrschaften gibt es welche, die ererbt sind, und solche, die neu erworben sind. Ererbte, hereditäre Alleinherrschaften interessieren mich jetzt nicht mehr, mich interessieren nur noch neu erworbene. Da gibt es ein paar Zwischenmodelle: Ist das Volk gewohnt, in Freiheit zu leben, oder hat nur ein Wechsel des Alleinherrschers stattgefunden? Dann aber kommt er zum entscheidenden Punkt: Es gibt neu erworbene Alleinherrschaften, die sind erworben worden durch virtù, durch Tapferkeit, Tüchtigkeit, Männlichkeit, und es gibt welche, die sind erworben worden durch Fortuna, also durch die Gunst des Glücks.
Ich habe ganz bewusst den italienischen Begriff virtù verwendet und nicht das deutsche Wort, das üblicherweise genommen wird, nämlich Tugend, weil bei uns Tugend einen anderen Bedeutungskranz hat als virtù. Tugend ist aus dem 19. Jahrhundert heraus über weite Strecken hin eigentlich eine weibliche Eigenschaft, während in virtù nicht nur der lateinische Begriff virtus, sondern auch vir/der Mann steckt. Es geht um Männlichkeit und Durchsetzungsvermögen. Das ist wichtig, um die Polarität zu Fortuna als dem Inbegriff des Unbeständigen und Launenhafte, der weiblicher Zickigkeit, bei der man gar nicht genau weiß, woran man ist, deutlich zu machen. Und damit ist Machiavelli bei seinem Thema, denn er will sich jetzt im Weiteren damit beschäftigen, wie man eine Herrschaft stabilisieren kann, die durch glückliche Umstände erworben worden ist, und wie sie derjenige, dem sie zuteil geworden ist, auf Dauer so ausüben kann, als sei sie durch eigene Tüchtigkeit, virtù, erworben.
Das ist die Frage. Das schränkt natürlich auch die Geltungsbedingung aller weiteren Aussagen des „Principe“ ein. Das vergisst Machiavelli manchmal. Dann tut er so, als würde er ganz allgemeine Politikregeln formulieren. Aber die Eingangsüberlegungen im ersten und zweiten Kapitel des „Principe“ begrenzen das, worüber er nachdenkt, darauf, wie sich der Leser des Textes, also ein Herrscher, dem durch Glück eine solche Herrschaft zugefallen ist, verhalten solle. Das Sechserschema des Aristoteles wird quasi ersetzt durch ein in ganz anderer Weise auf Handlung angelegtes Schema, vor dem man nicht als Intellektueller, als Philosoph, als Theoretiker steht und seine Ordnung hat, sondern bei dem man permanent in dieser binären Kodierung Entscheidungen treffen muss: Hereditär oder neu erworben? – Neu erworben – Mit eigenen Waffen oder durch Glück? Und so weiter. Dann ist man am Punkt: Machiavelli sagt zum Herrscher: Das ist deine Situation, und wir reden jetzt darüber, wie du dich verhalten musst. Natürlich hat er da einen im Auge, der ihn fasziniert und über den er sich auch sehr lobend äußert, was ihm bei späteren Lesern viel Ärger eingebracht hat: Das ist der besagte Papstsohn Cesare Borgia.
IV.
Die launenhafte Frau Fortuna hat diesem dadurch in die Hände gespielt, dass sein Vater Papst ist und eine Koalition mit den Franzosen eingegangen ist. Er überredet die Franzosen, seinem Sohn militärische Einheiten zur Verfügung zu stellen, mit denen Cesare sich ein Herzogtum in der Romagna erobert. Vermutlich hat er vor, noch viel weiter auszugreifen, das Gebiet von Florenz zu attackieren und ein mittelitalienisches Herzogtum zu etablieren, unmittelbar angrenzend an den Kirchenstaat.
Im Prinzip finanziert der Kirchenstaat Cesares Truppen. Aber Cesare hat das Problem, auf Truppen angewiesen zu sein, die sich als Söldner verstehen. Seine Obristen, seine Condottieri, fragen sich, warum eigentlich dieser Cesare, dieser eingebildete Papstsohn, den ganzen Gewinn abgreifen soll, das könnten sie doch auch selber. Sie haben doch die Macht. Also meutern oder rebellieren Cesares Obristen gegen ihn, und in dieser Situation ist Machiavelli als Florentiner Gesandter im Lager Cesares. In Florenz hat man nämlich Angst, dass er demnächst mit seinen Truppen Florenz angreifen und erobern wird. Also schicken sie ihren schlauesten Mann zu ihm, um herauszufinden, was Cesare vorhat. Machiavelli agiert also als eine Mischung aus Diplomat, Spion und politischem Verhandlungsführer. Er beschreibt in seinen Berichten, noch bevor irgendetwas passiert ist, die Lage Cesares und sagt: Ich glaube, er wird die meuternden Obristen umbringen. Der Brief ist in Florenz gerade eingetroffen, da verträgt sich Cesare plötzlich mit seinen Obristen, man trifft sich im Örtchen Sinigaglia, die Obristen kommen allein, ohne militärische Bedeckung. Kaum sind sie in der Stadt, ist Cesares Militärpolizei da und erdrosselt sie.
Machiavelli erzählt diese Geschichte nicht mit Abscheu: grauenhaft, so etwas zu machen, das ist Verrat. Vielmehr berichtet er in dem Gestus, dass man so seine Probleme löst. Und ich, so Machiavelli – natürlich spielt dabei auch Eitelkeit eine Rolle, wir bewegen uns ja in der Politik – und ich habe es vorausgesagt. Das siebte und achte Kapitel des „Principe“, die positiv über Cesare und diese Aktion handeln, sind eigentlich das Gelenkstück des Buchs. An diesem Punkt weiß der Leser, ich bewege mich hier nicht mehr in einem Text der Moralphilosophie. Das hat entscheidend zum schlechten Ruf Machiavellis beigetragen.
Über Caterina de‘ Medici, die einen französischen König geheiratet hat, unter deren Regentschaft die Bartholomäusnacht im August 1572 stattfindet, schreiben die Hugenotten danach: Klar, sie hat Machiavelli gelesen, bei ihm ist eine solche Aktion beschrieben; dass Admiral Coligny und alle anderen Hugenotten in Paris umgebracht worden sind, das ist auf den teuflische Fingerzeig des Florentiners zurückzuführen. Das ist eine Linie, die sich eigentlich bis in das Jahr 1934 hier in Bayern, in Wiessee hinzieht. Es gibt einen Text von Dolf Sternberger, der heißt „Sinigaglia und Wiessee“. Wenn ich meine Studenten quälen will, dann sage ich zu ihnen: Dolf Sternberger hat einen Text geschrieben, Sinigaglia und Bad Wiessee, über den sogenannten Röhmputsch, die Ermordung der SA-Führung und des linken Flügels der NSDAP durch die SS. Hitler habe angeblich den „Principe“ gelesen, stimmt zwar nicht, aber er habe gesehen: Ich habe Schwierigkeiten, weil Röhm und seine Leute die zweite Revolution machen wollen; ich muss ein Bündnis mit den konservativen Eliten schließen, was nur gelingt, wenn ich die SA ausschalte; also beseitige ich sie und bin dann aus der Zwickmühle heraus. In mancher Hinsicht ist die Konstellation ähnlich, doch die Behauptung, Hitler sei auf diese Idee gekommen, weil er Machiavellis „Principe“ gelesen habe, ist, soweit wir die Lektüre Hitlers kennen, falsch.
Machiavelli geht in seinem „Principe“ noch etwas weiter, bis zu dem Punkt, an dem er den Katalog der Kardinaltugenden aufgreift, nämlich Gerechtigkeit, Tapferkeit, Klugheit und Mäßigung, iustitia, fortitudo, prudentia und modestas, also den moralphilosophischen Kern der politisch-theoretischen Abhandlungen bis dahin. In der Sala della Pace im Palazzo Pubblico in Siena ist ein wunderbares Bild von Ambrogio Lorenzetti zu sehen, in dem die Segnungen dieser Tugenden darstellt werden; nur wenn sie herrschen, Gerechtigkeit, Klugheit, Tapferkeit und Mäßigung, dann ist der Staat in Ordnung. Machiavelli nimmt diese Tugenden unter die ideologiekritische Lupe. Dabei kommt heraus, dass Gerechtigkeit ganz wichtig ist; aber es kommt für den Fürsten nicht darauf an, dass er gerecht ist, sondern dass er bei seinen Untertanen im Anschein der Gerechtigkeit steht. Wenn er gerecht ist, hat er nämlich sehr viel weniger Handlungsoptionen, als er bräuchte. Aber wenn sein Volk glaubt, er sei ungerecht, ist das schlecht. Also soll er den Anschein der Gerechtigkeit erwecken, aber keineswegs bei jeder Gelegenheit gerecht sein. Ich glaube, dass Machiavelli an dieser Stelle etwas ausgesprochen hat, was für jeden erfolgreichen Politiker ganz selbstverständlich ist. Heute nimmt man solche Worte indes nicht mehr in den Mund, sondern spricht von Imagepflege.
Hier sieht man auch die Differenz zu jemandem wie Erasmus von Rotterdam. Dieser beschreibt in seiner „Institutio principis christiani“ sehr ausführlich, wie der junge Kaiser Karl V. ein gerechter Mann werden soll. Dieses Werk gehört zu Texten, von denen Machiavelli sagt, sie nähmen die Welt so, wie sie sein soll, und die glaubten dann, sie sei tatsächlich so. Wer mit dieser Sicht in die politische Welt gehe, werde in ihr scheitern. Es komme vielmehr darauf an, die Welt zu beschreiben, wie sie ist, und gleichzeitig aus der Tugendpredigt eine politische Strategie zu machen.
Tapferkeit übersetzt Machiavelli anschließend dahingehend: Es kommt darauf an, dass der Herrscher eigene Truppen hat und nicht von irgendwelchen Condottieri abhängig ist. Oder Klugheit und Weisheit: Es kommt darauf an, dass der Herrscher, wenn er glaubt, er sei ein Löwe, möglichst viele Füchse um sich versammelt, also Leute wie ihn, Niccolò Machiavelli; die Löwen können die Wölfe schrecken, weil sie so groß und mächtig sind. Aber sie tragen den Kopf immer hoch und können deshalb die Fallen und Gruben nicht wittern, die im Boden sind. Dazu brauchen sie die Füchse. Also Klugheit ist etwas, was sich der Herrscher über Vertrauenspersonen verschaffen muss. Machiavellis Füchse, das sind heute die Spin-doctors, die Fährtenleser und Fährtenleger.
Mäßigung, ja das ist ganz gut: Du, Herrscher, sollst dich unter Kontrolle haben. Du sollst deine Vorstellungen, alles gehöre dir, weil du ein großer Mann bist, nicht hemmungslos ausleben. Lass die Finger davon, in die Vermögensverhältnisse deiner Untertanen einzugreifen. Dann kommt im „Principe“ dieser große Satz: Denn die Menschen vergessen eher den Tod ihres Vaters als die Wegnahme des väterlichen Erbes. Das ist Machiavellis böser Blick auf die Menschen, denen er alles zutraut. Davon muss ein Herrscher, der sich auf Dauer halten will, ausgehen. Und natürlich: Lass die Finger von den Frauen der Untertanen, denn das bringt die gehörnten Ehemänner in Rage und sie denken dann darüber nach, dich umzubringen. Mäßigung ist für Machiavelli eine Form der Herrschaftsstabilisierung – und nicht der Tugend.
Man sieht: Machiavelli ist ein großer „Umwerter der Werte“. Er nimmt ihnen ihre Großartigkeit und er führt sie auf das zurück, was ihr funktionaler Wert im Hinblick auf die Vorgabe politischer Selbsterhaltung ist. Er sagt das Wort, das wir heute dafür haben, nur wenige Male: Ragione di stato. Stato ist bei ihm noch gar nicht so sehr der moderne Begriff des Staates als eher der des Status‘, der Herrschaft, die gerade besteht. Aber aus diesem Selbsterhaltungsinteresse heraus sollte der Herrscher die Tugenden evaluieren, sich nicht als Untertan der Tugenden betrachten, die vorgegeben sind, denn dann wird er scheitern, sondern mit den Tugenden spielerisch umgehen, nach den Vorgaben der ragione di stato.
Solche Überlegungen sind ein Skandal, vor allen Dingen seit Beginn der Gegenreformation. Zunächst einmal, nach Machiavellis Tod 1527, erschien der „Principe“ in der päpstlichen Druckerei. Damit hat man anscheinend keine Probleme. Diese beginnen aber in den späten 1530er, frühen 1540er Jahren. Der englische Kardinal Reginald Pole (1500-1558) bemerkt: Ich habe diese Nacht dieses kleine Büchlein gelesen und ich habe gefunden, es ist mit dem Finger des Teufels geschrieben. Danach kommt das Buch auf den Index.
V.
Abschließend möchte ich noch ein paar kurze Bemerkungen darüber machen, was eigentlich der Beginn von Wissenschaftlichkeit bei Machiavelli ist. Natürlich kann man auch sagen, der „Principe“ ist eine Betrachtung sehr kühler Art, frei von den Vorgaben der Moralphilosophie. Aber das ist im strengen Sinn eigentlich nicht wissenschaftlich, sondern Beratung eines aktiven Politikers in einer konkreten Situation, nämlich im Umgang mit einem Glücksfall, bei dem er nicht weiß, ob diese Bedingungen perpetuierbar sind, und bei der er auch nicht weiß, ob er sie jederzeit wiederherstellen kann. Das ist auch das Pech Cesare Borgias. Denn als sein Vater 1503 plötzlich stirbt, ist er selber, der die spanischen Kardinäle in der Hand hat, todkrank. Die spanischen Kardinäle wählen zunächst einen Papst im Sinne Cesares. Aber Pius III. lebt nicht lange, nach ein paar Wochen ist er tot. Dann müssen sie wieder wählen, und jetzt macht Cesare einen Fehler, denn er lässt zu, dass sie Giuliano della Rovere wählen, Papst Julius II., der ein entschiedener Gegner der Spanier, also auch Cesare Borgias, ist. Julius II. nimmt Cesare dieses und jenes weg, dann lässt er ihn einkerkern und Cesares Karriere ist vorbei. Das System, die Glückssträhne zu perpetuieren, scheitert also. Im Übrigen ist Machiavelli auch bei diesen Papstwahlen wieder in Rom, die er beobachten muss, denn es ist ja nicht unwichtig, mit wem als zukünftigen Papst es Florenz zu tun haben wird. Und er analysiert die Situation abermals. Das Ganze gipfelt dann in der Überlegung des 25. Kapitels, das im ursprünglichen Werk das letzte war: in der Aufforderung, Fortuna zu schlagen und zu stoßen. Hier finden sich dann die Formulierungen, die allen Feministinnen ein Gräuel sind: Fortuna ist ein Weib und liebt, wie alle Weiber, die jungen Männer, also die, die sie schlagen und stoßen. Und denen gibt sie ihr Füllhorn. Das kann man feministisch lesen: Das ist ein typischer Machotext. Als Beleg dafür kann man Briefe Machiavellis anführen, in denen er beschreibt, wie er mit Prostituierten ein Verhältnis hat. Damit hat man für das Verständnis seiner politischen Ratschläge aber nicht sehr viel gewonnen.
Wenn man sich dagegen das Gemälde Andrea Mantegnas anschaut, das im Palazzo Ducale in Mantua zu sehen ist, lernt man mehr. Im Vordergrund steht ein sehr junger Mann, neben ihm jemand, von dem man sagen könnte, es ist sein Privatlehrer; sie betrachten eine eigentümliche Figur, die auf einer Kugel daherkommt, also eine Art Fortuna, in diesem Fall heißt sie Occasione, die Gelegenheit. Sie hat eine riesige Locke, die ihr in das Gesicht hängt, am Hinterkopf dagegen ist sie kahl rasiert. Der junge Mann will hin zu Occasione und die Gelegenheit am Schopfe ergreifen. Machiavelli hat auch ein Gedicht darüber geschrieben mit dem Titel „Capitolo della occasiona“, also Kapitel über die Gelegenheit; darin beschreibt er, wenn Occasione auf einen zukommt, erkennt man nicht, wer es ist, weil sie diese unordentliche Frisur hat. Aber wenn sie vorbei ist, sieht man: Ah, das war die Gelegenheit, doch dann kann man sie nicht mehr am Schopfe ergreifen, weil sie hinten kahl geschoren ist. Dieses Bild, das offenbar im Italien der Renaissance eine zentrale Rolle spielt, wird von Mantegna in einem neostoischen Sinne interpretiert: Der Lehrer hält den jungen Mann zurück, der sozusagen bei jeder Gelegenheit aufspringen will, aber, weil er keine Erfahrung hat, nicht weiß, dass viele solcher Gelegenheiten täuschend sind. Die Predigt Mantegnas – und Mantegna steht hier stellvertretend für die neostoische Schule – heißt: Halte dich zurück, beobachte! Schau genau hin, wenn du meinst, es sei die Gelegenheit zum Erfolg, die du siehst. Es könnte auch die zum Scheitern sein. Machiavelli würde jetzt nicht grundsätzlich sagen: Das ist Unsinn, also losmarschieren, es wird schon alles gut werden. Er würde vielmehr sagen: Beobachte genau; aber wenn du deine Herrschaft mit Gunst der Fortuna errungen hat, dann kannst du es dir nicht leisten, zuzuwarten, zu zögern und die Occasioni vorbeiziehen zu lassen, sondern dann musst du energisch zupacken.
Das 25. Kapitel bezieht sich also zurück auf die Ausgangssituation: Du hast deine Alleinherrschaft nicht geerbt, sondern neu erobert, und du hast es mit der Gunst der Fortuna getan; dann hast du nicht die Möglichkeit, neostoisch zu agieren, sondern dann musst du entschlossen und entschieden auftreten. Hier zeigt sich also doch wieder etwas wie die konditionierende Eingrenzung bestimmter Vorschläge, die Machiavelli eigentlich immer im Verfahren des Vergleichs herausdestilliert. In den „Discorsi“ nämlich ersetzt er die Herangehensweise der Moralphilosophie durch eine Systematik des Vergleichs. Er bildet darin etwas aus, was heutigen Politikwissenschaftlern das Herz höher schlagen lässt, nämlich ein sogenanntes Vierfelderschema, der „kleine Hausaltar“ methodisch argumentierender Politikwissenschaft. Und zwar stellt er bei einem Beispiel aus der Antike für den governo largo, also die breite Beteiligung des Volkes, und den governo stretto, die geringe Beteiligung des Volkes, ein ebenso doppeltes Beispiel aus seiner Zeit gegenüber, so dass er vier Positionen hat. Diese lauten bei ihm in der Regel: Rom, antik und breite Beteiligung des Volkes – Sparta, antik und geringe Beteiligung des Volkes; Florenz, Gegenwart, breite Beteiligung des Volkes – Venedig, Gegenwart, geringe Beteiligung des Volkes. Durch diese Gegenüberstellungen glaubt Machiavelli, Aussagen über politische Stabilität machen zu können, die empirisch belastbar sind.
Daraus gewinnt er die Fragestellung, die ihn seit langem umtreibt und auf die er nach einer Antwort sucht: Warum verlief die Florentiner Geschichte im Hinblick auf eine umfassende Machtentfaltung so schlecht, während sie in Rom so gut verlaufen ist? Das heißt: Er benutzt sein Vierfelderschema, um Antworten auf eine Frage zu bekommen, die er in dieser Form zum ersten Mal stellt. Darin ist er ein typischer Theoretiker der Renaissance, also einer Zeit, die das Bewusstsein davon hat, dass sie nicht mehr in der Kontinuität der Antike steht. Machiavelli stellt Rom und Florenz einander gegenüber und beobachtet Differenzen. Die Beobachtung der Differenzen zwischen den beiden, die von der Struktur her Ähnlichkeiten aufweisen müssten, ist für ihn der Beginn einer wissenschaftlichen Analyse dessen, warum das Eine gut läuft und das Andere schlecht. Das ist der Anfang einer wissenschaftlichen Beobachtung von Politik.