I.
„Planck liebt Dich.“ Diese Feststellung findet man in einem Brief Elsa Einsteins an ihren Mann vom Herbst 1921 und dieses Zitat macht die engen Beziehungen deutlich, die zwischen beiden Gelehrten bestanden. Planck darf ohne Übertreibung als der Entdecker Einsteins bezeichnet werden, hatte er doch als einer der ersten auf den revolutionären Charakter von Einsteins Aufsatz „Zur Elektrodynamik bewegter Körper“ aus dem Jahre 1905 aufmerksam gemacht und damit die allgemeine Anerkennung der Relativitätstheorie und ihres Schöpfers entscheidend gefördert. Im Übrigen war es ebenfalls Planck, der die Relativitätstheorie mit seinem ureigensten Forschungsfeld, der Thermodynamik, zusammengeführt und in mehreren Arbeiten sowie in Dissertationen seiner Schüler die thermodynamischen Konsequenzen der Einsteinschen Theorie untersucht hat.
Einsteins Spezielle Relativitätstheorie hat die Vorstellungen der klassischen Physik über Raum und Zeit revolutioniert. Einstein wiederum gehörte zu den ersten, der 1905, seinem annus mirabilis, den revolutionären Charakter der Planckschen Quantenhypothese erfasst und schließlich auch zum Durchbruch verholfen hat. Beide haben so mit ihrem Schaffen die moderne Physik begründet und sind als Revolutionäre in die Wissenschaftsgeschichte eingegangen.
Als lupenreinen Revolutionär kann man allerdings nur Albert Einstein bezeichnen, denn Planck hat lange mit seiner revolutionären Entdeckung gehadert und fast ein Jahrzehnt versucht, die Quantenhypothese wieder an die klassische Physik rückzubinden, so dass er eher als Revolutionär wider Willen gelten darf. Ähnlich fällt die Wertung beider Gelehrten hinsichtlich ihrer politischen und gesellschaftlichen Ansichten aus. Diesbezüglich waren zwar beide keine Revolutionäre, doch Einstein zumindest ein Rebell, der sich in seinem persönlichen Leben schon früh gegen alles Autoritäre auflehnte, Pazifist war und sich zudem als Demokrat verstand. Dagegen bestimmte ein ausgeprägter Konservatismus Plancks Verhalten nicht nur in der Wissenschaft. Seine Persönlichkeit wurzelt tief im Wertekanon des deutschen Protestantismus und des Wilhelminischen Obrigkeitsstaats, in dem er sozialisiert wurde und dem er nicht zuletzt karrieretechnisch viel zu verdanken hatte.
Deutlich wurde dieser Gegensatz zum ersten Mal im Sommer 1914 als der Erste Weltkrieg ausbrach und beide Gelehrte sich höchst unterschiedlich verhielten. Einstein zeigte sich sehr besorgt und schrieb seinem Freund und Kollegen Paul Ehrenfest in Leiden: “Unglaubliches hat nun Europa in seinem Wahn begonnen. In solcher Zeit sieht man, welch trauriger Viehgattung man angehört … und (ich) empfinde nur eine Mischung aus Mitleid und Abscheu.“
Einsteins sarkastische Bemerkung war keineswegs zeittypisch, sondern die pointierte Meinung einer Minderheit – wie ja überhaupt Einstein in seiner Zeit die Ausnahme darstellte, wissenschaftlich, aber gerade auch politisch. Im Gegensatz zu Einstein teilte die übergroße Mehrheit der Akademiker und Intellektuellen die allgemeine Kriegsbegeisterung, die Deutschland im Sommer 1914 erfasste hatte. In der deutschen Akademikerschaft hatte sich eine „nationalistisch-militaristische Einheitsfront“ formiert, die sich in nationalistischen und chauvinistischen Tiraden erging und zur rückhaltlosen Unterstützung der deutschen Kriegsführung aufrief.
Zu dieser Einheitsfront gehörte auch Max Planck, für den es eine „herrliche Zeit (war), die wir erleben“ und der im Herbst 1914 zusammen mit 93 anderen Intellektuellen zu den Unterzeichnern des sogenannten Aufrufs an die Kulturwelt gehörte. Dieser legitimierte den deutschen Militarismus vorbehaltlos mit dem Schutz der deutschen Kultur und stellte scharfmacherisch fest: “Ohne den deutschen Militarismus wäre die deutsche Kultur längst vom Erdboden getilgt … Deutsches Herr und deutsches Volk sind eins.“
Einstein zählte nicht zu den Unterzeichnern, vielmehr stellte er sich gegen den Aufruf und schloss sich stattdessen dem pazifistischen Gegenaufruf „An die Europäer“ des Berliner Physiologe Georg Nicolai an, der die Macht der politischen Vernunft und eine möglichst rasche Beendigung des Krieges sowie allgemeine Völkerverständigung propagierte. Allerdings hatte dieser Aufruf nur drei weitere Mitunterzeichner und blieb weitgehend unbeachtet. Überhaupt markiert der erste Weltkrieg Einsteins Wandlung zu einem politischen Menschen, der einen (nicht immer konsequenten) Pazifismus vertrat und auch sonst zu politischen Themen Stellung bezog.
Einsteins Wandel zu einem wachen und sich politisch links orientierenden Geist machen auch seine Stellungnahmen zum Kriegende und zum Zusammenbruch des Kaiserreichs deutlich. So schrieb er im November 1918 in dem ihm eigenen Ton an seine Mutter: „Das Grosse ist geschehen … Das ich das erleben durfte!!! Keine Pleite ist so gross, dass man sie nicht gerne in Kauf nähme um so einer herrlichen Kompensation wegen. Bei uns ist der Militarismus und der Geheimratsdusel gründlich beseitigt … Jetzt wir mir erst richtig wohl hier. Die Pleite hat Wunder gethan… Unter den Akademikern bin ich so eine Art Obersozi.“
Einstein gehörte mit dieser Haltung zu den wenigen Akademikern, die den politischen und sozialen Veränderungen jener Zeit große Sympathien entgegenbrachte und zum Protagonisten der Weimarer Republik wurde. Ganz im Gegensatz zur Mehrzahl seiner Kollegen, die dem kaiserlichen Macht- und Obrigkeitsstaat nachtrauerten und dessen Wertvorstellung weiterhin stark verhaftet blieben, einschließlich einer grundsätzlichen Loyalität gegenüber dem nun im holländischen Exil lebenden Kaiser. Hierzu gehörte auch Max Planck, wie seine damaligen Reden in der Akademie deutlich machen, wo er das Amt eines beständigen Sekretars, d.h. eines temporären Akademiepräsidenten, bekleidete; oder auch seine Feststellung im Brieftagebuch zum Jahreswechsel 1918/19: „Alles erscheint einem klein und kaum erwähnenswert neben dem grossen furchtbaren, was unser liebes Vaterlandgetroffen hat – eine endgültige Niederlage, und noch schlimmer, der innere Kampf, in dem sich die noch übrig gebliebenen Kräfte gegenseitig zerfleischen.“
Ganz ähnlich hatte er im Frühjahr 1919 gegenüber Einstein bekannt: „…ich fühle etwas, was Sie allerdings gar nicht verstehen werden … Nämlich die Pietät und unverbrüchliche Zusammengehörigkeit gegenüber dem Staat, dem ich angehöre, auf den ich stolz bin gerade auch im Unglück, und der sich in der Person des Monarchen verkörpert.“
Einstein war fern solcher Bekundungen wie die obigen Passagen zeigen. Darüber hinaus entdeckte er in dieser Zeit sein Judentum wieder und begann sich nach Ende des Ersten Weltkriegs für die zionistische Bewegung zu engagieren. In seiner Schrift „Wie ich Zionist wurde“ stellte er 1921 fest: „Bis vor sieben Jahren lebte ich in der Schweiz und solange ich dort war, war ich mir meines Judentums nicht bewußt und war nichts in meinem Leben vorhanden, das auf meine jüdische Empfindung gewirkt und sie belebt hätte. Das änderte sich, sobald ich meinen Wohnsitz nach Berlin verlegte. Dort sah ich die Not vieler jungen Juden. Ich sah wie Ihnen durch ihre antisemitische Umgebung unmöglich gemacht wurde, zu einem geordneten Studium zu gelangen und sich zu einer gesicherten Existenz durchzuringen. Insbesondere gilt das von den Ostjuden, die unaufhörlich Schikanen ausgesetzt sind … Diese und ähnliche Erlebnisse haben in mir das jüdische nationale Gefühl geweckt.“
Fast zeitgleich war es einer britischen Sonnenfinsternis-Expedition unter Leitung des Astronomen Sir Artur Eddington gelungen, eine Vorhersage der Einsteinschen Allgemeinen Relativitätstheorie, die sogenannte gravitative Lichtablenkung zu bestätigen. Diese spektakuläre Bestätigung rückte Einstein ins Rampenlicht der Öffentlichkeit, machte ihn gewissermaßen zum ersten „Popstar“ der Wissenschaft. Dies verlieh ihm eine beispiellose öffentliche Aufmerksamkeit und Reputation, sah man doch in der Bestätigung der Theorie eines deutschen Juden mit Schweizer Pass durch eine englische Expedition ein Symbol für Hoffnung und Sicherheit in einer Welt, die durch gesellschaftliche Turbulenzen und Unsicherheiten sowie den Wirren von Krieg und Nachkriegszeit geprägt wurde. Damit war die öffentliche Person Albert Einstein und der Einstein-Mythos geboren – die Überzeugung, dass Einstein nicht nur ein überragender Physiker, sondern auch jemand sei, der gewissermaßen als ein Orakel Wahrheit und Zuversicht verbreiten könne. Dadurch wurden Einsteins Person und seine wissenschaftlichen Theorien mit Inhalten aufgeladen, die mit seiner Wissenschaft selbst nichts zu tun hatten. Er selbst wurde in den zwanziger Jahren Gegenstand öffentlicher und insbesondere nicht-wissenschaftlicher Auseinandersetzungen, die den Pazifisten und Demokraten zur Zielscheibe hatten, aber auch dezidiert antisemitisch aufgeladen waren, wie zum Beispiel M. Wazeck in Einsteins Gegner. Die öffentliche Kontroverse um die Relativitätstheorie in den 1920er Jahren. Frankfurt/Main, New York 2009, schreibt.
II.
Vor diesem Hintergrund und angesichts der aktuellen Entwicklung kühlte sich Einsteins Begeisterung für den politischen Umbruch recht schnell ab, auch wenn er ein überzeugter und loyaler Anhänger der Weimarer Republik blieb. Dies sowie sein Pazifismus und Engagement für den Zionismus machten ihn nicht nur zum politischen Außenseiter in der Professorenschaft der Weimarer Republik, sondern auch zur Unperson chauvinistsicher und antisemitischer Hetzkampagnen. Die öffentlichen Auseinandersetzungen erreichten im Sommer 1920 einen ersten Höhepunkt, als eine so genannte „Arbeitsgemeinschaft deutscher Naturforscher zur Erhaltung reiner Wissenschaft“ in der Berliner Philharmonie eine Vortragsreihe gegen die Relativitätstheorie und ihren Schöpfer veranstaltete. Die Hetze blieb nicht ohne Eindruck auf Einstein, der sich verstärkt mit Gedanken trug, Berlin wieder zu verlassen. Dies rief Planck auf den Plan, der seinem Kollegen schrieb: „Aus Südtirol, wo mich keine Nachrichten erreichten, nach Deutschland zurückgekehrt, finde ich die Mitteilungen von der kaum glaublichen Schweinerei, die inzwischen in der Berliner Philharmonie passiert ist, und von dem allen, was damit zusammenhängt … es quält mich der Gedanke an die Möglichkeit, dass Sie am Ende doch einmal die Geduld verlieren und sich zu einem Schritt entschließen könnten, der die deutsche Wissenschaft und Ihre Freunde für das schwerste bestrafen würde, was eine erbärmliche Gesinnung an Ihnen gesündigten hat. An einer ausreichenden Genugtuung seitens der berufenen Vertreter der Wissenschaft darf und soll es Ihnen nicht fehlen.“
In diesem Sinne waren zwar in einer Presseerklärung Max von Laue, Walther Nernst und Heinrich Rubens für ihren diffamierten Kollegen eingetreten, doch als das Preußische Kultusministerium vertraulich anregte, dass sich auch die Berliner Akademie schützend vor ihr prominentes Mitglied stellen möge, sahen Planck und die anderen Sekretare keinen Anlass für eine öffentliche Erklärung. Als Grund gab Planck an, dass die Polemik inzwischen „eine wesentlich politische Sache geworden sei“, aus der man sich tunlichst herauszuhalten habe und man würde überdies „den Dunkelmännern zu viel Ehre antun, wenn wir das schwere Geschütz der Akademie gegen sie auffahren lassen.“
Das öffentliche Schweigen der Akademie und von Planck persönlich war symptomatisch und spaltete mit dem Rückzug in einen vermeintlich politikfreien Raum die Solidarität mit einem diffamierten Kollegen. Zur öffentlichen Solidarität fühlte man sich allein in wissenschaftlichen Fragen verpflichtet – gegenüber den antisemitischen Pöbeleien und antidemokratischen Denunziationen zeigte man hingegen möglichst Zurückhaltung, da dies die Grenzziehung zwischen Politik und Wissenschaft und damit die „heilige Sache“ der Wissenschaft hätte beschädigen können. Dass diese Trennung ein durchaus im Eigeninteresse gepflegter Mythos, eigentlich selbst eine politische Position war, wollte man genauso wenig zur Kenntnis nehmen wie die Tatsache, dass diese Grenze gerade von jenen, deren Verhalten man mit solchen Ansichten tolerierte, ignoriert wurde. Was für Planck und die meisten seiner akademischen Zeitgenossen als „politisch“ bzw. “unpolitisch“ galt, hatte somit mit einem demokratischen Politikverständnis nur wenig zu tun und orientierte sich vielmehr an Koordinaten, die fest in den obrigkeitsstaatlichen Traditionen des Wilhelminischen Deutschlands verankert blieben – an der vermeintlichen Überparteilichkeit des Beamten als Lebenslüge des Obrigkeitsstaates, so auch die Position von Thomas Nipperdey.
Die Auseinandersetzungen um Einstein spitzten sich im Sommer 1922, nach dem Mord an Walther Rathenau, noch einmal zu, so dass Einstein um sein Leben fürchtete und alle öffentlichen Vorträge und Auftritte absagte. Als Planck davon erfuhr, schrieb er an Einstein: „Wie ein Blitz aus heiterem Himmel trifft mich Ihr werter Brief vom 6. ds. M. Also so weit hat es das Gesindel wirklich gebracht, dass Sie um Ihre persönliche Sicherheit besorgt sind.“
Dennoch blieb Einstein in Berlin und ging nicht auf Angebote ein, die an ihn aus der Schweiz und Holland ergangen waren. Dass Einstein in Berlin blieb, war neben dem anregenden intellektuellen Klima der Stadt wohl nicht zuletzt der Persönlichkeit Plancks geschuldet, dem er – wie er in einem Brief an Paul Ehrenfest aus dem Jahr 1919 bekannt hatte – „versprochen (habe), Berlin nicht den Rücken zu kehren, bevor nicht Verhältnisse einträten, die ihm einen solchen Schritt als natürlich und richtig erscheinen ließen. Du hast kaum eine Vorstellung davon, was für Opfer hier bei der schwierigen allgemeinen Finanzlage gebracht werden, um mir das Bleiben und die Erhaltung meiner in Zürich lebenden Familie zu ermöglichen. Es wäre doppelt hässlich von mir, wenn ich gerade in diesem Augenblick der Erfüllung meiner politischen Hoffnungen, vielleicht zum Teil um äussere Vorteile willen, Menschen ohne Not den Rücken kehrte, die mich mit Liebe und Freundschaft umgeben haben, und denen mein Scheiden in dieser Zeit vermeintlicher Erniedrigung doppelt schmerzlich wäre. … Ich kann von hier nur dann weggehen, wenn eine Wendung eintritt, die mein ferneres Bleiben unmöglich macht. Eine solche Wendung könnte eintreten. Tritt sie nicht ein, so wäre mein Weggehen mit einem schnöden Wortbruch Planck gegenüber gleichbedeutend, und auch sonst treulos. Ich müsste mir später selbst Vorwürfe machen.“
Anfang 1933 trat dann mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten eine solche Wendung ein, denn in einem Land, in dem die Freiheits- und Bürgerrechte so massiv und brutal verletzt wurden wie in Nazi-Deutschland, wollte Einstein nicht leben. Damit fühlte er sich an das Planck einst gegebene Versprechen nicht mehr gebunden, zumal dieser Einsteins öffentliche Erklärung gegen „die Akte brutaler Gewalt und Bedrückung“ nicht verstehen wollte und sie gar als eine Beteiligung an der „ausländischen Greuelhetze“ diskreditierte. Dass Planck die politischen Zeichen der Zeit nicht erkannte und wohl auch nicht sehen wollte, macht die Tatsache deutlich, dass er im März 1933 routinemäßig seinen Osterurlaub angetreten und sich für sechs Wochen von Berlin in Richtung Italien verabschiedet hatte. Unmittelbar vor der Abreise Plancks und unter dessen Federführung brachte das Sekretariat der Akademie noch in einem Brief an Einstein das Missfallen über sein Verhalten zum Ausdruck und legte ihm den freiwilligen Rücktritt von seinem Akademieamt nahe. Allerdings ließ sich die Angelegenheit nicht ganz so geräuschlos bereinigen, wie Planck und seine Kollegen es erhofften.
Einstein kam nämlich einem groß aufgezogenen und von den nationalsozialistischen Machthabern instrumentalisierten Akademieausschluss zuvor und informierte am 28. März 1933 die Akademie, dass er seine Mitgliedschaft niederlege. Max von Laue erinnerte sich 1947 an die unbeschreibliche Wut im NS-Wissenschaftsministerium, dass Einstein „ihnen durch seinen Austritt zuvorgekommen war.“ Die Akademie selbst fühlte sich indes im Umfeld des sogenannten Juden-Boykotts vom 1. April 1933 veranlasst, in einer – allerdings unabgestimmten – Presseerklärung des amtierenden Sekretars Ernst Heymanns scharfmacherisch zu erklären, dass „sie … keinen Anlaß (hat), den Austritt Einsteins zu bedauern.“
Zwar gab es noch ein Nachspiel, da einige Mitglieder gegen die unabgestimmte Erklärung Protest einlegten, doch zu einer offiziellen Rücknahme kam es nicht. In diese zwiespältigen Reaktionen der Akademie fügt sich auch das Verhalten Plancks, der sich zu einem Abbruch seines Urlaubs und zu einem klärenden Eingreifen in die Vorgänge nicht veranlasst sah – obwohl Max von Laue und andere Berliner Kollegen ihn dazu brieflich gedrängt hatten. Planck blieb in Italien – wohl auch, weil eine sofortige Rückkehr für ihn eine zu starke Exponierung in dieser unerquicklichen Angelegenheit bedeutet hätte. Nach seiner Rückkehr Ende April fand Planck zwar auf der den „Fall Einstein“ abschließenden Sitzung der Akademie anerkennende Worte für die wissenschaftliche Leistung Einsteins, „deren Bedeutung nur an den Leistungen Johannes Keplers und Isaac Newtons gemessen werden kann“. Doch meinte er zum Schluss noch feststellen zu müssen, dass „Einstein selber durch sein politisches Verhalten sein Verbleiben in der Akademie unmöglich gemacht hat.“
III.
Für Einstein zählte der eilfertige Konformismus seiner Akademiekollegen zu den schmerzlichsten Erfahrungen seines Lebens. Allzu willfährig hatten sie sich dem politischen Druck gebeugt und damit der nationalsozialistischen Gleichschaltung dieser traditionsreichen Institution den Weg geebnet. Auch Plancks Lavieren gegenüber den nationalsozialistischen Machthabern, den offensichtlichen Akten brutaler Gewalt und den flagranten Rechtsverletzungen stand er verständnislos gegenüber. Seine tiefe Enttäuschung macht ein Brief vom 6. April 1933 deutlich, in dem er Planck mit einem Anflug von Bitterkeit daran erinnerte, „ … daß ich Deutschlands Ansehen in all diesen Jahren nur genützt habe, und dass ich mich niemals daran gekehrt habe, dass – besonders in den letzten Jahren – in der Rechtspresse gegen mich gehetzt wurde, ohne dass es jemand der Mühe wert gehalten hat für mich einzutreten.“
In seiner Antwort machte Planck die unüberbrückbaren politischen Standpunkte beider deutlich, wenn er bezüglich des Akademieausschlusses schreibt: „Daß ich bei diesen Verhandlungen nicht anwesend war, tut mir unendlich leid, aber die Sache ist nun erledigt, und von dem Hauptresultat, dem Verlust, den die Akademie und mit ihr die deutsche Wissenschaft nunmehr erlitten hat, hätte ich kaum etwas ändern können. Denn es sind hier zwei Weltanschauungen aufeinandergeprallt, die sich miteinander nicht vertragen. Ich habe weder für die eine noch für die andere volles Verständnis. Auch die Ihrige ist mir fern, wie Sie sich erinnern werden von unseren Gesprächen über die von Ihnen propagierte Kriegsdienstverweigerung. Das alles hindert nicht, sich persönlich zu achten, besonders wenn man durch Jahre hindurch in freundschaftlichem Verkehr gestanden hat und durchaus reichen Gewinn für das eigene Leben ziehen konnte. Deshalb danke ich Ihnen besonders für Ihre freundlichen Worte über die Fortdauer unserer persönlichen Beziehungen.“
War es für Planck und seine protestantische Staatsfrömmigkeit jenseits allen Vorstellungsvermögens, dass mit der nationalsozialistischen Machtübernahme Unrecht, Gewalt und Verbrechen im Mantel der Staatsmacht die politische Bühne betreten hatten, so wollte Einstein nicht akzeptieren, dass Planck, dem er als Mentor und väterlichen Freund nach wie vor zugetan blieb und wohl auch manches nachsah, der vermeintlichen Rettung der deutschen Wissenschaft wegen an seinen wissenschaftspolitischen Ämtern festhielt und sich damit von den Nationalsozialisten instrumentalisieren ließ: “ … ich wäre auch als Goj unter solchen Umständen nicht Präsident der Akademie und der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft geblieben“, stellte er im Herbst 1934 gegenüber einem amerikanischen Kollegen fest.
Plancks Motto war hingegen „Weiterarbeiten“, wie Fritz Stern es einmal auf den Punkt gebracht hat, „und Kontinuität im guten wie im bösen Sinne war das Kennzeichen der deutschen Wissenschaft im Dritten Reich.“
In diesem Sinne hatte sich Planck auch anfangs den neuen Machthabern weitgehend angepasst, womit sich in seinem Verhalten das Versagen der deutschen Eliten im Nationalsozialismus und gegenüber der von ihnen ungeliebten Weimarer Republik widerspiegelt. Beispielswiese hoffte er, dass mit der nationalsozialistischen Machtübernahme endlich die chronische und seit Jahren anhaltende Unterfinanzierung der Wissenschaft beendet würde und damit der Glanz der deutschen Wissenschaft bewahrt und weiter befördert werden könne. Für den Repräsentanten der deutschen Wissenschaft und engagierten „Wissenschaftsmanager“ war dies ein zentrales Lebensanliegen, für das man bereit war, Kompromisse mit den nationalsozialistischern Machthabern einzugehen und selbst deren Übergriffe hinzunehmen. Das dies ein Pakt mit dem Teufel war, wurde Planck wohl Mitte der dreißiger Jahre klar. Seitdem zeigte er deutliche Distanz zur Nazi-Diktatur und zuweilen sogar Zivilcourage.
So bei der Feier anlässlich des einjährigen Todestages von Fritz Haber, als Planck aus Achtung vor der Lebensleistung seines verstorbenen Kollegen und seiner Verdienste für Deutschland die Gedenkfeier gegen den Widerspruch der NS-Wissenschaftsbürokratie und anderer NS-Autoritäten, aber mit Billigung der Reichswehr durchführte – gegenüber Lise Meitner soll er in diesem Zusammenhang trotzig festgestellt haben: „Diese Feier werde ich machen, außer man holt mich mit der Polizei heraus“. Allerdings sollte man in seinem Engagement weniger ein Zeichen politischen Widerstands, sondern vor allem die mutige Bekräftigung wissenschaftlicher Autonomie sehen, das sich in erster Linie gegen unbillige Übergriffe der NS-Bürokratie richtete. Trotz allem zeigt es Planck als couragierten und aufrechten Zeitgenossen.
Bevorzugtes Forum seiner kritischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus wurden indes seine öffentlichen Vorträge, die er in großer Zahl in ganz Deutschland, aber auch im Ausland hielt und mit denen er schon in der Weimarer Republik einem interessierten Laienpublikum naturwissenschaftliche Erkenntnisse aus erster Hand zu vermitteln suchte. In ihnen wurden nun verstärkt Themen thematisiert, die quer zur nationalsozialistischen Ideologie und Weltanschauung standen.
So betonte sein Vortrag „Religion und Naturwissenschaft“ aus dem Jahre 1937 die Bedeutung religiöser Werte für das sittliche Handeln der Menschen und stellte dem Ungeist und der Unmoral der NS-Herrschaft die Werte des Christentums und des menschlichen Anstands entgegen. Plancks Motto „Hin zu Gott“ war so nicht nur Ausdruck der tiefen Religiosität des Gelehrten, sondern nicht zuletzt Ausdruck seiner inneren Auflehnung und geistigen Gegenwehr. Dies machte ihn für viele auch zu einem Hoffnungsträger – insbesondere für jene, die es verstanden, zwischen den Zeilen zu lesen.
IV.
Plancks Leben war von großer persönlicher Tragik geprägt – so starb seine Frau Marie gerade 48jährig an Tuberkulose und hinterließ den Witwer mit 4 Kindern. Alle hat Planck überlebt: der Sohn Karl fiel im Ersten Weltkrieg vor Verdun und die Zwillingstöchter Grete und Marie starben beide im Wochenbett 1917 bzw. 1919; der ihm besonders nahestehende Sohn Erwin wurde schließlich noch kurz vor Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft im Januar 1945 als Mitverschwörer des 20. Juli hingerichtet. Selbst ein Gnadengesuch an Hitler, in dem er „als Dank des deutschen Volkes für meine Lebensarbeit, die ein unvergänglicher geistiger Besitz des deutschen Volkes geworden ist“, um die Umwandlung der Todesstrafe in eine Freiheitsstrafe bat, vermocht das bittere Schicksal nicht abzuwenden. Schon im Jahr zuvor war sein Haus im Berliner Grunewald bei einem alliierten Bombenangriff vollständig ausgebrannt, wobei nicht nur ein Großteil der materiellen Habe Plancks verloren ging, sondern auch seine Bibliothek und die unersetzlichen wissenschaftlichen Aufzeichnungen, Tagebücher und Briefe.
Die letzten Lebensjahre lebten Planck und seine Frau in äußerst beschränkten Verhältnissen bei einer Nichte in Göttingen und auch in dieser Zeit von allgemeiner Not und Altersgebrechen verschloss er sich nicht der an ihn herangetragenen Bitte, noch einmal Verantwortung für die deutsche Wissenschaft zu übernehmen. Mit dem Freitod von Albert Vögler stand die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft nach dem Ende des Dritten Reichs nicht nur ohne Präsident dar, sondern mit Beschluss des Alliierten Kontrollrats auch vor ihrer Auflösung. So übernahm Planck im Sommer 1945 nochmal für ein Interregnum das Präsidentenamt, das für den Greis sicher mehr Bürde als Würde war. Doch trug sein Verhalten mit dazu bei, den Bestand und den Neubeginn der KWG zu sichern.
Im Frühjahr 1946 übergab er schließlich die Präsidentschaft an Otto Hahn, der aus der englischen Internierung nach Göttingen zurückgekehrt war; vor allem aber stimmte er der Umbenennung der Forschungsorganisation in Max-Planck-Gesellschaft zu, womit er ihr Fortbestehen zunächst für die britische Zone und später auch in allen drei Westzonen unter einem zeitgemäßen Namen ermöglichte. In einem Grußtelegramm an die Gründungsversammlung gab er „seiner“ Gesellschaft auf den Weg, dass die Max Planck Gesellschaft stets die Tradition der Kaiser Wilhelm Gesellschaft fortsetzen und sich immer bewußt bleiben (möge), daß sie unabhängig von allen Strömungen der Zeit nur der Wahrheit der Wissenschaft dienen soll.“ Damit wurde einem Idealbild wissenschaftlicher Forschung das Wort geredet, das die Ambivalenz moderner Wissenschaft und die gerade im Nationalsozialismus betriebenen Entgrenzungen verdrängte. Am 4. Oktober 1947 starb Max Planck 89jährig in Göttingen und wurde dort Tage später unter großer öffentlicher Anteilnahme beigesetzt.
Albert Einstein, der mit seiner Emigration den Kontakt zu Max Planck abgebrochen hatte und von 1934 bis zu seinem Tode im Jahre 1955 am Institute for Advanced Study in Princeton wirkte, widmete seinem väterlichen Freund, Mentor und Kollegen einen sehr persönlich gehaltenen Nachruf, der auf der Gedenkfeier der amerikanischen Akademie verlesen wurde und feststellte, „daß auch in diesen Zeiten, in denen politische Leidenschaft und rohe Gewalt so große Sorgen und Leiden über die Menschen verhängen, das Ideal des Erkennens unvermindert hochgehalten wird. Das Ideal … war in Max Planck in seltener Vollkommenheit verkörpert.“
Darüber hinaus nahm er den Kontakt zu Magda Planck wieder auf und fand in seinem Kondolenzschreiben an die Witwe versöhnliche und bewegende Worte der Erinnerung an den „nobel denkenden und fühlenden Menschen“ und die gemeinsamen Jahre in Berlin: „Es war eine schöne und fruchtbare Zeit, die ich in seiner Umgebung miterleben durfte … Die Stunden, die ich in Ihrem Hause verbringen durfte, die vielen Gespräche, welche ich unter vier Augen mit dem wunderbaren Manne führte, werden für den Rest des Lebens zu meinen schönsten Erinnerungen gehören. Daran kann die Tatsache nichts ändern, dass uns ein tragisches Schicksal auseinander gerissen hat … Von ferne teile ich mit Ihnen den Schmerz des Abschieds.“
Fünf Jahre später wusste Einstein noch dem New Yorker Antiquar Rudolf Kallir von Planck zu berichten, dass er „einen tief ehrlichen und wohlwollenden Menschen gekannt (habe), dessen Herz so weit von der Zunge entfernt war. Stets setzte er sich für das ein, was er für recht hielt, auch wenn es in Universität und Akademie nicht sonderlich bequem für ihn war. Er hat mich in Berlin auch einige Male besucht, um mir ins Gewissen zu reden, wenn ich Dinge that, die für ihn tabu waren. Er war stark traditionsgebunden in seiner Beziehung zu seinem Staate und zu seiner Kaste. Aber er war stets willens und fähig, meine ihm fern liegenden Überzeugungen aufzunehmen und zu würdigen., so dass es nicht ein einziges Mal zu einer Verstimmung kam. Was mich mit ihm verband, über alle gegenseitigen Überzeugungen hinweg, das war unsere wunschlose und aufs Dienen gerichtete Einstellung zu menschlichen Problemen und Aufgaben. So kam es, dass er, ein an seinen engeren und weiteren Kreis stark gebundener, ernster Mann mit einem Zigeuner, wie ich es war, einem Unverbundenen, der allem gerne die komische Seite abgewann, durch fast zwanzig Jahre in schönster Eintracht lebte.“