Wir haben in unserem Bistum Xingu eine ganz besondere Art, die pastorale Arbeit voranzutreiben, und dabei sind die Laien sehr gefordert: Alle fünf Jahre haben wir eine Versammlung des Volkes Gottes. Jede der 800 Gemeinden hat das Recht, eine Repräsentantin oder einen Repräsentanten zu schicken, um zusammen mit dem Bischof, den Priestern und den Ordensleuten die pastoralen Linien für die nächsten fünf Jahre zu definieren.
Bei einer dieser Versammlungen des Volkes Gottes gab es eine Inszenierung der jungen Leute, die ich nie mehr im Leben vergessen habe. Sie kennen die Geschichte: „Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho und fiel unter die Räuber…“ Sie können es nachlesen, im zehnten Kapitel des Lukas-Evangeliums. „Zufällig ging ein Priester vorbei.“ Mein Onkel war auch Bischof, und er hat es Jesus nie verziehen, dass er das gesagt hat. Darum hat er hinzugefügt: Zufällig kam „ein Priester des Alten Testaments“ des Wegs, sah ihn und ging vorüber. Dann kam ein Levit, sah ihn und ging vorüber. Dann kam eben dieser berühmte Samaritaner oder Samariter. „Und der stieg vom Pferd und hatte Mitleid!“‘ Das ist schön ausgedrückt: „hatte Mitleid“.
Aber die Geschichte geht weiter, und am Schluss fragt Jesus: „Wer ist diesem Menschen, der unter die Räuber gefallen ist, zum Nächsten geworden?“ Wer wurde ihm zum Nächsten? Im griechischen Urtext – die Priester, die hier sind, haben noch Griechisch gelernt – steht es ganz klar. Und die Übersetzung heißt: „Wer war der Nächste?“ oder: „Wer ist der Nächste?“ Nein, das ist keine Feststellung, dass einer in der Nähe ist. Es geht nicht um eine Feststellung des Nächsten-Seins, sondern: Wer wurde zum Nächsten? Wer hat die Entscheidung getroffen, diesem Mann, der unter die Räuber gefallen ist, zu helfen und ihm das Leben zu retten? Also: Es ist eine Entscheidung, die ich fälle. Ich möchte dir, euch allen möchte ich zum Nächsten werden.
Und dann kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen von diesem Gesetzeslehrer: „Der, der ihm Barmherzigkeit erwiesen hat“. Also, nicht nur Mitleid – „Ach, du armes Hascherl, du tust mir Leid“ –, sondern Barmherzigkeit erweisen. Das ist aktiv, da muss ich etwas tun. Ich kann nicht einfach zuschauen und sagen: Na gut, wird schon wieder besser, ich klopfe dir auf die Schultern. Nein, ich muss etwas tun. Und das ist „Zum Nächsten werden“ und Barmherzigkeit erweisen. Unser Papst spricht häufig von der Barmherzigkeit, und Recht hat er. Er hat sogar ein Büchlein herausgegeben: „Der Name Gottes ist Barmherzigkeit“. Noch kein Papst hat so ein Buch herausgegeben.
Ich mache jetzt keinen exegetischen Unterricht, aber das Wort für Barmherzigkeit im Hebräischen heißt „rachamim“, das kommt von der Wurzel „rechem“, und „rechem“ bedeutet Mutterschoß. Also, Barmherzigkeit bedeutet das, was eine Frau, die ein Kind unter ihrem Herzen trägt, für dieses Kind spürt, die ganze Liebe, die Zärtlichkeit, die Hingabe. Ich denke an die Adriana, die ich gut gekannt habe, ein Mädchen, das ich verheiratet habe. Ein Jahr später kam ich hin und fragte sie: Wie geht es dir denn, Adriana? Dann sagte sie: Ja, es geht. Ja, warum nur: Es geht? Ich hätte so gern ein Kind, und bis jetzt nichts. Ein Jahr oder eineinhalb Jahre später kam ich wieder, und die Frau war schwanger. Ich habe nie vergessen, mit welchem Glück und mit welcher Liebe und Zärtlichkeit sie mir erzählt hat, sie trage ein Kind unter dem Herzen. Sie hat dann ihr Hand auf das schon gewölbte Bäuchlein gelegt und gesagt: Sie spürt, wie sich das Kind regt. Das ist Barmherzigkeit! Gott spürt, wie wir uns regen.
Gut, aber die Inszenierung ging weiter. Diese jungen Leute haben dann Folgendes in Szene gesetzt: Zuerst kam eine Familie von Bauern, die Eltern mit zwei Kindern, und die gingen über die Bühne. Dann kamen gleich ein paar Revolvermänner und sagten: „Haut’s ab! Sonst wacht’s ihr morgen auf mit Ameisen im Mund.“ Die Bauern sind dann verschwunden. Die Kinder haben sie an der Hand gepackt: Geh’ma, geh’ma, geh’ma! Dann kamen zwei junge hübsche Mädchen, die wurden gleich belästigt und dann entführt und verkauft: Menschenhandel, Frauenhandel, ins Ausland verkauft, kein Mensch weiß, wo sie sind.
Dann kamen zwei oder drei Indios mit ihrem Kopfschmuck, wunderschön, mit Pfeil und Bogen, und da hat es auch gleich geknallt. Die fielen alle um, waren tot. Danach kamen Kinder und Jugendliche mit Zweigen und Bäumchen, die gingen über die Bühne, und dann hörte man aus dem Hintergrund das Geräusch einer Motorsäge, und sie fielen alle um. Und dann war Stille, es war mucksmäuschenstill. Aus dem Hintergrund rief auf einmal eine Stimme: „Und wie stehst du dazu?“ Das ging mir so nahe, weil diese jungen Leute gerade diese vier Punkte, die vier Dimensionen der Verfolgung, der Missachtung der Menschenrechte, auf den Punkt gebracht haben. Und die Frage ist: Wer hat ihnen Barmherzigkeit erwiesen? Wer wurde ihnen zum Nächsten? Wie können wir diesen Menschen Barmherzigkeit erweisen?
Ich bin heute hier, um über Amazonien zu reden, mein Leben für Amazonien. Ich bin 50 Jahre drüben, das ist eine ganz schön lange Zeit. Ich bin damals mit der Norddeutschen Lloyd, einem Frachter, der „Emsstein“, von Hamburg nach dem Kreuz des Südens geschippert. Ich war ein junger Kerl, 26 Jahre alt. Ich habe in Salzburg studiert, bin in Salzburg geweiht worden, von Erzbischof Andreas Rohracher, und bin nach Brasilien. Ich war zuerst 15 Jahre als Priester tätig und habe schon damals die Leute im Busch, und wo immer sie waren, erlebt. Ich habe sie von Anfang an sehr gern gehabt, insbesondere die Menschen, denen es weniger gut ging. Der Einsatz für sie war für mich einfach wichtig. Ich kann mich erinnern: Ich musste zuerst Portugiesisch lernen, und nach einem Monat habe ich bereits die erste Predigt gehalten, am Weihnachtstag mit schlotternden Knien, aber immerhin.
Als ich dann wirklich Portugiesisch verstand, hat mich ein Satz, den ein Mann zu mir gesagt hat, sehr erschüttert. Ich hatte ihm die Frage gestellt: „Wie geht es den Kayapo?“ Das ist ein indigenes Volk am Xingu. Und der Mann gab mir zur Antwort: „Du bist ein junger Pater, kümmere dich nicht um die Indios, die sind alle hinterhältig und falsch, die sind wild, haben keine Zivilisation. Kümmere dich um die Flussbewohner, um die Armen; die brauchen dich. Indios wird es in 20 Jahren, so Gott will, keinen mehr geben.“ Das war für mich nicht nur eine kalte Dusche, sondern eine grausame Dusche. Ich habe gedacht: Das darf doch nicht wahr sein. Wenn es von mir abhängt, werde ich mich dafür einsetzen, dass das nicht passiert.
Aber gehen wir zurück zu den Landarbeitern, den ersten, die bei unserer Inszenierung über die Bühne gegangen sind. Es ist heute immer noch der Fall, dass gewöhnliche Bauern einfach von Grund und Boden vertrieben werden. Man legt ihnen nahe, das Land zu räumen, und wenn sie das nicht tun, dann kracht’s. Und Leute, die sich für diese Menschen einsetzen, schweben in Lebensgefahr. Ich denke an Schwester Dorothy Stang und auch andere wie den Familienvater Dema. Sie haben sich mit Herzblut für diese armen Bauern eingesetzt. Dorothy wurde am 12. Februar 2005 ermordet. Sie war eine Mitarbeiterin von mir. Zehn Tage vorher war sie noch bei mir, und ich habe ihr gesagt: Du bist in Gefahr, aber wir glaubten nie, dass das bitterer Ernst werden könnte. Wir hatten immer gedacht, es ist ein Einschüchterungsmanöver, damit sich Dorothy nicht weiter für diese Menschen einsetzt. Einige kamen zu mir und haben gesagt: Als Bischof soll ich diese Frau aus dem Verkehr ziehen, die sei gegen ihre Interessen. Elf Jahre liegt ihr Tod nun schon zurück.
Dema war ein Familienvater, ein ganz lieber Mensch, er hatte vier Kinder. Seine Frau hieß Maria da Penha. Auch er wurde erschossen, weil er sich für die Mitmenschen, die Mitbauern eingesetzt hat. Kaltblütig, in der Nacht vom 24. auf den 25. August 2001. Er fiel seiner Frau zu Füßen und soll als letztes Wort gesagt haben: „Penha, schau auf unsere Kinder!“ Das sind nur zwei Beispiele für Schicksale von Menschen, die ihr Engagement für Bauern ohne Land mit dem Leben bezahlt haben.
Es gibt in Brasilien eine Organisation, die Landpastoral, die sich ganz besonders für diese Bauern einsetzt. Es geht um Rechtsbeistand. Es geht nicht nur darum, dass wir einfach versuchen, den Leuten Mut zu machen, sie brauchen Rechtsbeistand! Das ist sehr wichtig, denn sie haben Rechte, aber diese Rechte werden ihnen genommen, oder man will sie ihnen zumindest nehmen. Deshalb brauchen wir kompetente Rechtsanwälte, die sich für diese Leute einsetzen.
Die Zweiten in der Inszenierung waren die hübschen Mädchen, die belästigt worden sind und dann als Sklavinnen ins Ausland verkauft werden. Solche Fälle passieren gerade im Amazonasgebiet, wo junge Mädchen, zum Teil minderjährig, 15, 16 Jahre alt, einfach irgendwo abgefangen, zunächst missbraucht und dann bis über die Grenze verschleppt werden. Noch vor einigen Jahren hat man das gar nicht zur Kenntnis genommen. Viele Familien wussten nicht, wo ihre Kinder geblieben sind.
Ich habe einen solchen Fall bei uns in Altamira erlebt. Mädchen wurden vor unserer Schule am Freitag abgefangen. Geschäftsleute, Unternehmer – ein Gynäkologe und ein Stadtvertreter waren auch dabei – haben die Mädchen einfach gepackt, irgendwo auf ein Landgut gebracht und dort missbraucht, und kein Mensch hat etwas dagegen getan. Bis dann die Leute zu mir gekommen sind und gesagt haben, was passiert ist. Da bin ich auf die Barrikaden gestiegen und bis zum Justizministerium und den Sicherheitsbehörden gegangen. Die Täter wurden schließlich festgenommen. Ich habe vor laufender Fernsehkamera – da waren alle Sender da – gesagt: „Das sind keine Männer, das sind Monster!“ Die gehören hinter Schloss und Riegel. Was sie angestellt haben, ist nicht wiedergutzumachen. Für diese Mädchen ist das Leben gelaufen. Die Verantwortlichen wollten das natürlich nicht hören und haben mich mit dem Tod bedroht.
Dann zu den nächsten Personen der Inszenierung – den Indios: Man hat die Indios in Brasilien bis zur Bundesverfassung von 1988 dazu verdonnert, sich in die nationale Gesellschaft einzugliedern. Das heißt: Ein Indio wird nur Brasilianer oder Brasilianerin, wenn sie oder er die Identität aufgibt. Das ist das Schrecklichste, was einem passieren kann. Ich sage dem Bayern: Du musst aufhören, ein Bayer zu sein! Da möchte ich schauen, wie der reagiert. Ihr dürft nicht mehr in der Weltöffentlichkeit sagen: Ich bin aus Bayern, oder ich bin aus München. Ich muss das verleugnen, um Deutscher zu sein. Da greift man sich ans Hirn, aber so hat man es mit den Indios gemacht, bis 1988.
Vielleicht eines der größten Erfolgserlebnisse in meinem Leben ist, dass es uns gelungen ist, mit dem Rat für indigene Völker der Bischofskonferenz und zusammen mit den Indios, mit den Vertretern der verschiedenen Völker, ihre Rechte in die Verfassung zu bringen. Das war ein Kampf, ich möchte fast sagen, beinahe auf Leben und Tod. Aber es ist uns gelungen! Ich kann mir heute nicht einmal mehr vorstellen, wie das möglich war.
Am 1. Juni 1988 stimmte die Plenarsitzung der Verfassungsgebenden Nationalversammlung dem Textentwurf des speziellen Kapitels über die Rechte der indigenen Völker zu. Und in der Sitzung vom 30. August 1988 erhielt das Kapitel über die Indios von insgesamt 453 Stimmberechtigten: 437 Ja-Stimmen, acht Enthaltungen und acht Nein-Stimmen. Ich sage heute immer noch: Die Hand des Herrn war über mir, über uns, wie es beim Propheten Ezechiel steht. Heute gelten zwei Verfassungsartikel, 231 und 232, in denen steht: Die Indios haben ein Recht auf ihr angestammtes Land, haben ein Recht auf ihre kulturellen Ausdrucksformen, haben ein Recht auf ihre Religion, haben ein Recht auf ihr soziales Gefüge. Und das steht so in der Verfassung! Bis dahin haben wir die Indios immer verteidigt im Namen allgemein gehaltener Menschenrechte. Jetzt können wir sagen: Wenn man die Rechte der Indios verletzt, ist das Verfassungsbruch, und das klingt ein bisschen anders.
Leider Gottes haben wir heute im Nationalkongress viele Vertreter des Agrobusiness und der Großgrundbesitzer, die von den Indios nichts wissen wollen. Jetzt beginnen sie eine Kampagne, diese Verfassungsartikel zu revidieren oder umzuschreiben. Unser Kampf geht bis heute darum, diese Artikel beizubehalten. Aber was das Wunderbare ist: Die Indios sind in den letzten Jahrzehnten im positiven Sinn politischer geworden. Sie steigen auf die Barrikaden und fordern: Wir verlangen das, was unser gutes Recht ist! Wir vom Rat für indigene Völker helfen ihnen dabei. Auch die internationale Presse ist meistens da, das macht auch Eindruck. Ich hoffe, dass diese Artikel Bestand haben. Solange uns der liebe Gott den Atem schenkt, werden wir darum kämpfen, dass die Indios ihre Rechte behalten. Sie sind Menschen, genauso wie wir alle. Sie haben andere kulturelle Ausdrucksformen und haben ein Recht auf ihr Land.
Es ist sehr schwierig zu erklären, wie ihre Beziehung zum Land ist. Für uns hier in Europa ist Land meistens etwas, was man kauft und verkauft. Früher hat man noch von einer heimatlichen Scholle gesprochen. Aber jetzt kauft man das Land oder kann es verkaufen: Das Land wird zur Ware! Für die Indios ist das Land keine Ware. Sie haben eine Kind-Mutter-Beziehung zu ihrem eigenen Land. Das ist das Land ihrer Mythen, ihrer Riten, dort haben sie ihre Vorfahren beerdigt. Es gehört einfach zu ihnen. Sie verstehen nicht, wenn man einen Besitztitel vorweist: Das gehört mir! Einer hat einmal gesagt: Ich verstehe die Weißen nicht, denn die kommen mit einem Blatt Papier an, und da steht drauf: República Federativa do Brasil, Definitiver Besitztitel! Und da steht dann, dass irgendeinem Menschen der Grund von diesem Fluss bis zehn Kilometer zum nächsten Fluss gehört.
Dann fragt der Indio: Hat der den Wald geschaffen? Nein. Hat der das Wild geschaffen, das im Wald ist? Nein. Hat der die Flüsse geschaffen? Nein. Hat der die Fische geschaffen, die im Fluss schwimmen? Nein. Lässt er die Sonne scheinen? Nein. Lässt er den Regen fallen? Nein. Wieso kann er sagen, es gehört ihm? Das ist ihre Logik. Eine interessante Logik, nicht wahr? Natürlich weiß ich, dass man das nicht so einfach umsetzen kann in deutsches Rechtsverständnis, aber: Ich kann den Indios nicht verweigern, dass sie so denken. Und darum ist die Abgrenzung, die sogenannte Demarkierung der indigenen Gebiete, die in der Verfassung vorgesehen ist, unendlich wichtig.
Nebenbei, das ist dann der vierte Punkt, haben wir damit auch die Chance, einen Teil, wenigstens einen Teil von Amazonien zu retten. Die indigenen Völker haben ein Recht auf ihr Gebiet, auf ihr soziales Gefüge. In diesem Zusammenhang muss ich leider Gottes noch etwas über Belo Monte sagen. Der Staudammbau ist jetzt in der Endphase. Belo Monte ist eine internationale Angelegenheit. Denken wir ja nicht, dass das nur eine brasilianische Angelegenheit ist. Da sind europäische Firmen verschiedener Länder beteiligt, die auch lautstark schreien, dass damit Arbeitsplätze gesichert werden, dass das alles rechtens läuft.
Brasilien ist ein Rechtsstaat, hat mir einer erklärt – er ist nicht herübergekommen, er hat das hier erklärt – und hat eine demokratisch gewählte Regierung. Und wenn die Regierung beschließt, dass an dieser Stelle ein Staudamm gebaut wird und ein Riesenkraftwerk entsteht, ein Wahnsinnsprojekt, dann ist das rechtens! Ich habe da immer geantwortet: Sie sollen mal rüberkommen und fragen, ob alles auch rechtens zugeht, was mit den Leuten da angestellt wird, speziell mit den Indios.
Es ist so, dass solch ein Projekt zum Subjekt der Geschichte wird. Und der Mensch wird zum Objekt, also zur Sache. Das Projekt wird andernorts, höheren Ortes, einfach beschlossen: Dort muss das Kraftwerk hin! Das habe man schon seit über 30 Jahren im Blickfeld gehabt. Dann kommt man darauf, dass dort zufällig – zufällig! – Indios leben, verschiedene Völker sogar. Also müssen diese Indios einer „Lösung“ zugeführt werden, und diese Lösung können wir uns ja vorstellen.
Die Zwangsumsiedlung ist immer eine Tragödie, weil die Indios eben mit diesem ihrem Land verbunden sind, sie werden herausgerissen. Oft meint man: Man kann diese Situation mit Geld in den Griff bekommen. Man hat sie zum Teil vollgestopft mit Geld. Man spricht von einem Genozid, von einem Ethnozid, und ich spreche gern von einem Aurizid, „Aurum“ heißt Gold im Lateinischen. Man tötet also durch Gold, man tötet durch Geld. Man drückt ihnen das Geld den Schlund hinunter, damit sie still sind. Und wenn die Indios an den Stadtrand kommen, weil eben das Geld vorhanden ist, verfallen leider Gottes die meisten oder doch sehr viele dem Alkohol. Die Mädchen sind eine Beute der Prostitution. Ein Volk geht zugrunde! Denn die Menschen sind aus ihrem Gefüge herausgerissen.
Wenn wir dann aufschreien, sagen die anderen: Das sind Vagabunden, die gehören weg! Die Kirche verteidigt sie, und dann heißt es: Der Bischof hat nichts anderes zu tun, als diese Leute zu verteidigen. Es sind aber unsere Mitmenschen! Wer hat sie zu dem gemacht, was sie sind in der Stadt? Wenn man sie aus ihrem sozialen Gefüge herausreißt – der Kulturschock ist schon längst da –, dann ist es das Ende. Das ist eine Tragödie, aber davon spricht eigentlich kaum jemand.
Das über die Indios. Und im Zusammenhang damit die Mitwelt. Ich empfehle euch allen das päpstliche Rundschreiben Laudato si‘ zu lesen. Etwas Wunderbares! Ich hatte immer Probleme mit diesen Rundschreiben. Ich habe angefangen, diese Texte zu lesen, aber es ist mir immer schwergefallen weiterzulesen. Und gewöhnliche Leute, die keine theologische Vorbildung haben, sind auch nicht viel weiter gekommen. Unser Papst Franziskus redet frisch von der Leber weg und schreibt auch so. Also kann ein Laie – und Laien sind das Volk Gottes; nicht Laien, die nichts verstehen – das auch lesen.
In Laudato si‘ spricht der Papst eine ganz neue Sprache. Wir haben das früher auch schon gesagt: Es geht nicht um eine anonyme Umwelt um uns herum, sondern es geht um die Mitwelt. Und übrigens: Wir gehören da auch dazu! Können wir in Bayern ohne die wunderbare Landschaft leben? Das können wir nicht! München ist schön, aber der Hintergrund sind die Berge. Man ist gleich in den Alpen, kann da Ski fahren oder Bergsteigen, ist schnell in Salzburg und Innsbruck, das gehört aber zu Österreich… Hier sind wir geboren, hier haben wir unsere Wurzeln. Ich habe sie in Vorarlberg, das ist auch keine Schande. Wir gehören dazu und wir haben einen Auftrag. Das sagt der Papst ganz klar. Für diese Welt, für diese unsere Mitwelt haben wir die Verantwortung den zukünftigen Generationen gegenüber. Wir können nicht so tun, als ob wir die letzte Generation wären.
Als es um Belo Monte gegangen ist – damals hat der Bau noch nicht begonnen – fand eine Versammlung in Altamira statt. Die Indios waren da, und dann ist einer auf die Ladefläche eines Lastwagens gestiegen, hat ein Mikrophon in die Hand genommen, auf den Fluss geblickt, auf die wunderschöne Insel vor Altamira, die jetzt abgeholzt ist – kahlgeschlagen, grausig, ein Paradies geht zugrunde – und hat gesagt: Was wird aus unseren Kindern? Die Männer in Altamira haben immer von einem Geldregen geträumt, die Frauen nicht. Interessant ist, dass die Frauen in Altamira ganz besonders gegen dieses Projekt gekämpft haben. Frauen sind von Natur aus auf die nächste Generation ausgerichtet, sie denken mehr als die Männer an ihre Kinder und Kindeskinder. Aber diese Verantwortung haben wir alle zu übernehmen, was der Papst auch wunderschön in seiner Enzyklika beschrieben hat.
Für mich ist es auch persönlich ein wunderbares Ereignis, dass Amazonien tatsächlich in der Enzyklika vorkommt. Sie können es nachlesen, Nummer 37 und 38. Und über die indigenen Völker spricht er in 145 und 146. Ich war vorher bei ihm, am 4. April 2014. Jetzt sagt er sogar, er möchte so etwas wie eine Synode für Amazonien abhalten. Ich finde, das wäre wirklich ein Riesenerfolg. Wir werden sehen…
Es geht also um die Mitwelt, und in Amazonien hat man in den letzten Jahren und Jahrzehnten einen solchen Raubbau betrieben, dass man sich das kaum vorstellen kann. Aber da denkt man wieder: Das ist eine innerbrasilianische Angelegenheit… Doch: Wohin kommt denn das Holz? Ich habe jetzt erfahren, dass es immer noch nach Europa geht. Und 50 Prozent der Exporte sind illegal, aber hier legalisiert man es einfach. Es gibt auch bei uns eine Umweltbehörde, aber die schweigt. Ich bin im hintersten Winkel einer Nebenstraße von Amazonien, da sehe ich einen Lastwagen nach dem anderen, voll beladen mit Edelholz. Die warten dort. Sie haben gehört, dass die Umweltbehörde in der Stadt das Sägewerk kontrolliert. Wenn sie wissen, dass die Behörde wieder weg ist, dann wird Tag und Nacht herausgefahren in das Sägewerk. Kein Hahn kräht mehr danach! Und dieses Holz bekommen wir dann in Europa. Das ist nur einer der Eingriffe in Amazonien.
Der andere ist der Großgrundbesitz, speziell die Viehwirtschaft. Das kann man sich in Bayern auch nicht vorstellen. Hier wächst das Gras von selbst. Bei uns muss man es aber pflanzen: Da wird zuerst einmal der tropische Regenwald entwaldet, und dann wird Gras gepflanzt, wobei der Humus nur ganz dünn ist. Aber der Großgrundbesitz breitet sich aus. Riesige Rinderherden weiden dort, und dazu wird dann noch Soja und Zuckerrohr angebaut, wo tropischer Regenwald gewesen ist. Die Motorsäge, die die Jugendlichen damals nachgeahmt haben, läuft noch heute. Und was wird übrigbleiben, fragen wir uns.
Da gibt es auch wieder eine Beziehung zu unserem lieben, alten Europa. Wir glauben immer, Brasilien ist weit, weit weg. Es ist aber wissenschaftlich bewiesen, dass Amazonien eine klimaregulierende Funktion hat. Also: Wenn Amazonien nicht mehr existiert, dann haben wir auch hier das Nachsehen, über den Atlantischen Ozean hinweg. Wenn man dagegen die Indianergebiete abgrenzt, die Nationalparks respektiert und vielleicht sogar vergrößert, können wir wenigstens ein Drittel von Amazonien retten.
Das waren jetzt meine vier Punkte. Und nun kommt meistens die Frage: Hat das irgendetwas mit dem Amt eines Bischofs zu tun? Man hat mich schon gefragt, ob ich noch ein katholischer Bischof bin. Ich habe gesagt: Ich denke schon, ich zelebriere jeden Tag. Warum setzt sich ein Bischof also für seine Leute ein? Ich bin nicht allein, das möchte ich als erstes sagen. Nicht, dass ihr glaubt, der Bischof macht das im Alleingang, der ist allein unterwegs! Es gibt viele Menschen, die am selben Strick ziehen. Aber ein Bischof steht doch mehr im Rampenlicht, auch bei den Behörden, und das müssen wir weidlich ausnützen. Aber ich kann mein bischöfliches Amt und meine bischöfliche Sendung nicht auf die Menschen reduzieren, die am Sonntagabend zufällig in der Kathedrale sind, wenn ich dort zelebriere.
Hirte heißt, auch wirklich Hirte zu sein und die Anliegen, die Nöte und Sorgen der Menschen zu spüren, die außerhalb des Gotteshauses leben, außerhalb meiner Kathedrale. Ich kann mich gut erinnern, als ich mit 41 Jahren Bischof geworden bin. Da habe ich eine Versammlung einberufen mit den Priestern, den Ordensleuten und mit den Laien, Frauen und Männern, Jugendlichen. Alle trafen sich dann zur Gruppenarbeit und wollten dem neu ernannten Bischof ein Konzept übergeben.
Was die Priester gesagt haben, das kann man sich vorstellen: Ich soll als Bischof Mitbruder bleiben, die Mitverantwortung und Kollegialität sollen funktionieren. „Du bist zwar Bischof, aber bleib‘ trotzdem der Pater Erwin“, hat es geheißen. Bei der ersten Versammlung war interessant: Da gab es gleich ein Problem, das man erledigen musste. Meine Mitbrüder blickten auf mich und sagten: „Du bist jetzt Bischof, du musst jetzt sagen, was zu tun ist.“ Ich habe gesagt: „Okay, was? Habt ihr nicht gerade von der Kollegialität gesprochen, von der Mitverantwortung?“ Da haben sie den Kopf hängen lassen. Als Bischof ist man oft allein, sehr allein. Die Ordensleute, die lieben Schwestern haben gesagt: „Der Bischof soll sie hie und da besuchen kommen, soll auch in ihren Häusern zelebrieren, sie anhören.“ Ja, das habe ich immer versucht.
Dann kamen die Laien. Und das Erste, was sie vom Bischof verlangen, ist: „Er soll ein Mann Gottes sein, ein betender Bischof!“ Das wollten die Laien, stellt euch das vor! Und der zweite Punkt: Der Bischof soll sein Bistum nicht vom Schreibtisch aus verwalten und leiten, sondern er soll rausgehen, dorthin, wo sie sind, damit er am eigenen Leib erfährt, was sie erfahren. Das habe ich 35 Jahre lang versucht zu tun. Am Bischofssitz bin ich drei oder vier Monate im Jahr gewesen, die restliche Zeit war ich immer unterwegs.
Eines der größten Probleme für uns sind die eucharistielosen Gemeinden. Das kann man sich in Bayern nicht vorstellen. Mein Bistum ist etwas größer als Deutschland. Deutschland erstreckt sich, habe ich mir sagen lassen, auf etwa 350.000 Quadratkilometer, mein Bistum auf 365.000. In diesem Riesengebiet existieren etwa 800 kleinere oder größere Gemeinden. Jede Pfarrei umfasst zwischen 30 und 90 dieser Gemeinden.
Wir haben im Moment 31 Priester, 31! Und von diesen 31 sind sieben bereits – in Brasilien sagt man „pra lá de Bagdá“, also jenseits von Bagdad, das heißt schwer über 70. Ich bin auch einer davon. Was passiert in diesen Gemeinden, wenn nicht Frauen und Männer, Jugendliche und ältere Leute die Verantwortung, die ehrenamtliche Verantwortung für ihre Gemeinde übernehmen? Dann gibt es kein kirchliches Leben. Der Priester zieht von Ort zu Ort, genauso wie der Bischof das getan hat und immer noch tut. Aber das große Problem sind die eucharistielosen Gemeinden. Das habe ich auch dem Papst gesagt und den Bischöfen hier in Deutschland.
Was können wir in unserer Kirche tun, damit auch diese Menschen am Sonntag Eucharistie feiern können? Da müssen wir uns etwas einfallen lassen. Das heißt jetzt nicht, wie ihr glaubt: Der Bischof ist gegen den Zölibat! Das ist eine Verkürzung, wenn man sagt: Zölibat ja oder nein. Wenn ein Mann oder eine Frau sich entscheidet, zölibatär zu leben, ist das eine wunderbare Sache. Es ist eine Entscheidung, die er oder sie fällt. Das Problem ist, wenn man die Eucharistiefeier verkoppelt mit einem, nur mit einem zölibatären Priester.
Dann kommt noch dieses Wort, das ich gar nicht mehr hören kann, von den „viri probati“. Also, das sind tadellose „erprobte Männer“! Und wer befindet, dass dieser Mann ein erprobter Mann ist, ein tadelloser Mann ist? Wer befindet darüber? Welche Kriterien müssen gefunden werden, damit man sagen kann, dieser Mann ist es? Und übrigens – ich bin selber Priester – sind wir alle erprobte Männer, die wir zölibatär leben? Also, ich kann das Wort nicht mehr hören. Das ist diskriminierend.
Wir müssen etwas tun, das weiß der Papst auch selber, wir beten darum, dass in den nächsten Jahren eine Entscheidung fällt. Es geht um die Eucharistiefeier, die in den Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils und in päpstlichen Rundschreiben immer wieder apostrophiert worden ist als das Zentrum unseres Glaubens. In Amazonien haben 90 Prozent unserer Gemeinden keine reguläre sonntägliche Eucharistiefeier, und 70 Prozent, liebe Leute aus Bayern, 70 Prozent haben die Eucharistiefeier nur drei- bis viermal im Jahr.
Nur ein kleines Beispiel zur Illustration: Ich komme in eine kleine Gemeinde, die Leute haben ein Kirchlein gebaut. Ganz einfach und hübsch, sie haben sich sehr angestrengt. Und dann kommt der Bischof zur Einweihung, ich habe mich darauf gefreut. Maria, die Katechetin, und ich ziehen an einem Tuch, das dann herunterfällt, die Türe geht auf. Und ich schaue hinein, erschrecke und sage: Maria, da fehlt etwas! Ja, was soll fehlen, Bischof? Da fehlt der Altar! Da steht nämlich nur ein Ambo. Das erinnert an andere christliche Kirchen, aber nicht an die katholische. Dann sagt sie zu mir: Ja, wir haben eh keine Eucharistiefeier. Heute werden wir einen Tisch herüberholen von der Schule und ein schönes Tischtuch darüberlegen. Für uns ist ja nur der Ambo da.
Da haben bei mir die Alarmglocken geläutet. Die Leute haben keinen Zugang mehr zur Eucharistie! Also, bitte versteht mich richtig: Das ist ein Riesenproblem in unseren Gemeinden. Was können wir tun? Papst Franziskus weiß davon, die deutschen Bischöfe wissen davon, die brasilianischen Bischöfe ebenso. Wir beten jetzt darum, dass möglichst bald eine Entscheidung fällt, die ganz sicher auch Einfluss hat auf die Weltkirche. Man muss das nicht gleich für die gesamte Kirche entscheiden, aber man muss doch versuchen, auf diese Leute einzugehen, sie dort abzuholen, wo sie sind.
Liebe Leute, ich danke für die wunderbare Aufmerksamkeit! Wir haben ganz pünktlich begonnen. Punkt 7 Uhr hat eine Glocke, ein Gong geläutet. Das ist hier ein bisschen anders als in Brasilien. Dort kann jemand die Frage stellen: Wann beginnt die 8-Uhr-Messe?