Musik und Religion sind zutiefst menschlich: Bevor die ersten Dörfer und Städte entstanden, baute der Mensch vor rund 11.000 Jahren erstmal Tempel. Die ältesten Musikinstrumente, die uns erhalten sind, sind über 35.000 Jahren alt, Flöten aus Schwanenknochen, gefunden auf der Schwäbischen Alb – Deutschland war damals schon Musikland!
Die Neurowissenschaft und die Paläomusikologie zeigen uns inzwischen, dass Musik und Sprache sich beim Menschen gleichzeitig entwickelt haben, womöglich ist Musikalität sogar die Bedingung für die Sprachentwicklung gewesen. Das ist wichtig zu verstehen: Musik ist nicht „nice-to-have“, sie ist keine verzichtbare Zusatzaktivität, Musik ist im Zentrum des Menschseins, ist etwas, das uns definiert.
Das Feld ist zu komplex, um hier betreten zu werden, aber ein kleines Beispiel zur Verdeutlichung: Die Art, wie wir mit Säuglingen kommunizieren, ist weltweit und in allen Kulturkreisen gleich. Wir erhöhen die Stimme etwas und übertreiben die melodische Linie, betonen gewissermaßen die Musikalität der Sprache, unsere Kinder lernen ihre Muttersprache in erster Linie als musikalische Sprache, lange bevor die Wörter anfangen, Sinn zu ergeben. Das ist der Punkt, an dem wir der Bibel mit einem kleinen Augenzwinkern tatsächlich widersprechen dürfen: Am Anfang war nicht das Wort, am Anfang war die Musik. Also haben Musik und Religion dieses gemeinsam: Sie sind zutiefst menschlich und appellieren direkt an unsere Emotionen. Was sie unterscheidet: Musik erhebt im Gegensatz zur Religion keinen moralischen Anspruch. Ein zweiter, wichtiger Unterschied: Auch wenn sie eine tatsächliche Macht über die Menschen hat, haben Musik und die Musikwelt keinen Machtanspruch. In der Frage, die uns heute bewegt, möchte ich in erster Linie die Impulse aus der Musikwelt, insbesondere der klassischen Musik, beleuchten, und mögliche Parallelen und Unterschiede zum kirchlichen Ansatz, dem des Papstes Franziskus in Laudato si’.
Sollte sich die Musikwelt in der Klimakrise engagieren und wie?
Auch wenn sie gerade wieder vom mächtigsten Mann der Welt auf offener Bühne geleugnet wurde: Die Klimakrise ist real, sie ist menschengemacht, sie wird jeden Tag immer spürbarer und an dem Tag, an dem sie nicht mehr zu leugnen sein wird, wird es wahrscheinlich zu spät sein, sie erfolgreich abzuwenden. Das ist ein Punkt, wo der Ansatz von Laudato si’ eine große Schwäche aufweist. Etwas, das zu oft übersehen und zu selten thematisiert wird: Wir müssen die Erde so erhalten und pflegen, nicht nur weil sie schön ist und Gottes Geschenk an uns, sondern damit sie für uns bewohnbar bleibt! Also ist die Antwort ein klares Ja: Die Musikwelt muss sich engagieren, aus praktischen, aus moralischen Gründen und auch weil die Musikindustrie eine Klimabilanz aufweist, die nach Korrektur verlangt. Die Krise kann auch ökonomisch für unseren Industriezweig bedrohlich werden: vermehrte und heftigere Naturkatastrophen, eine verfehlte Transformation unserer Industrien belasten öffentliche Haushalte. Kultur gehört dann oft zu den Sektoren, bei denen der Rotstift zuerst angesetzt wird.
Wie kann Musik sensibilisieren?
Wie kann die klassische Musikwelt auf das Klimathema aufmerksam machen und einen positiven Einfluss auf die Menschen und auf die Gesellschaft haben? Ich möchte hier Dr. Marcel Nicolaus zitieren, Meeresphysiker am Alfred-Wegener-Institut: „Was einen (…) betroffener macht, ist zu sehen, wie schwer es ist, das trotz des guten Wissens zu kommunizieren und in Handlung zu bringen. Dass es wirklich so ist, das habe ich über die letzten Jahrzehnte in meiner Arbeit gelernt. Fakten und Wissen helfen nicht. Erst Betroffenheit führt dazu, dass Leute handeln.“
Emotionen sind die stärkste Waffe, wenn man Menschen zu etwas bewegen möchte. Das haben Populisten leider sehr viel früher als alle anderen kapiert. Deren Rhetorik ist aber in erster Linie negativ. In unserem Fall heißt es: Man will euch euer Auto, euer Fleisch, euren Wohlstand wegnehmen!
Dass Emotionen wirken, das sehen wir jede Minute in den sozialen Medien. Angst, Empörung, Ablehnung, Verwirrung, Aggression: Diese negativen Emotionen sollen in uns eine Reaktion herbeiführen, uns zu einer kurzfristigen Handlung bewegen, auf Neudeutsch: Sie triggern uns.
Man könnte etwas mutlos werden im Angesicht dieser Macht: auch deswegen, weil sich zu viele Politikerinnen und Politiker, die eigentlich nicht zu den Populisten zählen, sich dieser Werkzeuge bedienen – und das ist, wie wir in unseren Demokratien sehen, ein zweischneidiges Schwert.
Negative Emotionen behindern z. B. unsere Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu verstehen – das ist beim Klimawandel fatal.
Aber gerade hier können wir als Künstler:innen ansetzen und positive Impulse setzen: Die Menschen kommen zu uns in der Regel, um Positives zu erleben. Niemand kauft eine Konzertkarte, um per se getriggert zu werden. Das setzt aber auch voraus, dass wir uns, ganz besonders als klassische Musiker:innen, für ein breites und diverses Publikum öffnen. Das ist eben die Kraft und eine Besonderheit der klassischen Musik: Sie spricht Menschen aller Gesellschaftsschichten an und Menschen mit den verschiedensten politischen Einstellungen.
Es ist in den letzten Jahrzehnten schon einiges geschehen, um die klassische Musik nahbarer zu machen, genug ist es sicher noch nicht. Aber hier sehen wir ganz deutlich, warum wir einerseits in der Pflicht sind, ein diverses, inklusives Publikum anzusprechen – eben nicht nur eine Elite –, andererseits warum es so wichtig ist, dass der Musikbetrieb öffentlich finanziert bleibt. Er ist ein öffentlicher Dienst, ein Dienst an die Gesellschaft. Eine mangelnde staatliche Finanzierung macht ihn zwangsläufig elitär und schadet dadurch der ganzen Gemeinschaft. An dieser Stelle ein Verweis auf die Studie Kultur und Demokratie – die Evidenz aus dem Jahre 2023, die für die EU-Kommission erstellt worden ist, zum Wert von Kultur für die Gesellschaft.
Musik als Botschaft
Die positive Kraft der Musik kann durchaus von Nutzen sein. Positive Emotionen sind nämlich nachhaltiger. Sie haben zwar nicht die Schockwirkung, die zu schnellen Reaktionen führt, aber sie beeinflussen langfristig Motivation und Handlungsfähigkeit. Warum ist das eine gute Nachricht? Weil wir durchaus als Musiker:innen einiges in unsere Konzerte packen können, das auf ein komplexes Thema wie der Klimawandel verweisen kann, das zum Denken anregen, Betroffenheit auslösen oder einfach positiv berühren kann. Unsere Konzertbesucherinnen und -besucher bekommen sozusagen ein kleines Extra zu ihrem rein musikalischen Erlebnis, mehr oder weniger bewusst. Das fängt bei den einfachsten Ideen an: Es gibt viele Musikwerke, die auf die Schönheit und den Wert der Schöpfung hinweisen. Beethovens Pastorale, Vivaldis Vier Jahreszeiten, Haydns Schöpfung oder die Alpensinfonie von Richard Strauss.
Da sind wir gefragt, als künstlerisch Verantwortlichen, zwischen Dramaturgie und musikalischer Leitung, Programme zu entwerfen, die nicht nur musikalisch ansprechend sind, sondern auch noch, mehr oder weniger klar und bewusst, eine Botschaft enthalten. Musik ist auch ein Spiegel der Gesellschaft und es ist bezeichnend, wie viele Komponistinnen und Komponisten heutzutage sich mit der Umweltthematik beschäftigen und sie in ihre Werke einfließen lassen. Ein paar Beispiele:
- Direkte Verweise, wie in Tipping Points – Kipppunkte von Rachel Portman, oder Inlandsis, eine klimatische Trilogie zur Eiskappenschmelze von Camille Pépin.
- Das Schlagzeugkonzert Leviathan von John Psathas, das wir vor einem Jahr mit den Münchner Symphonikern und Alexej Gerassimez aufgeführt haben. Für dieses Werk wurde gezielt Ozeanmüll gesammelt und darauf gespielt. Das Werk ist so toll, dass das Publikum jedes Mal ausrastet.Positive Emotionen und eine Botschaft. In dem Fall hatten wir eine Meeresbiologin von Greenpeace Deutschland für die Konzerteinführung eingeladen, auch ihre Worte waren so positiv und faszinierend, dass das Konzert zehn Minuten später beginnen musste.
- Ein letztes Beispiel, das inzwischen international ein Hit geworden ist: das Recycling Concerto von Gregor
Mayrhofer. Für sein Schlagzeug-Konzert hat er ebenfalls, auf faszinierende Weise Müll in Musikinstru-
mente verwandelt.
Wir sind also gefragt, subtil und ansprechend, diese Thematik in unsere Konzertprogramme einfließen zu lassen – und das macht übrigens viel Spaß!
Musiker:innen als Botschafter:innen
Künstler:innen sind Bürger. Meinungsfreiheit gilt auch für sie, auch die Freiheit, sich oder sich nicht zu engagieren, aus welchem Grund auch immer. In erster Linie Ölkonzerne haben es grandios geschafft, die Verantwortung von sich selbst auf den Einzelnen umzulenken. Umso schöner ist es zu sehen, dass die Orchestermusiker:innen in Deutschland die Klugheit besitzen, das Problem von der systemischen Seite aus anzugehen. Und das als Kollektiv, als Orchester des Wandels. Alle Orchester und Opernhäuser stehen nämlich vor ähnlichen Problematiken, die Lösungen werden auch ähnlich sein. Auch das setzt ein Zeichen, ein Impuls in die Gesellschaft.
Ein Beispiel, in dem Fall aus Aarhus, Dänemark: Dort werden keine Blumen mehr am Ende des Konzertes geschenkt. Die Spielzeiten der Orchester finden in der Regel in Jahreszeiten statt, in denen Blumen in unseren Breiten gar nicht wachsen. In Aarhus erhält man stattdessen einen Baum aus recycelter Pappe, als Symbol für einen gepflanzten Baum – die Pflanzung erfolgt über eine Partnerstiftung. Dort habe ich nicht nur schöne Konzerte dirigiert, sondern bin inzwischen „Besitzer“ von drei Bäumen. Auch bei den Münchner Symphonikern gibt es seit dieser Spielzeit keine Blumen mehr, sondern recycelte Kerzen aus einer Behindertenwerkstatt. Nachhaltigkeit und Inklusion. Das sind sichtbare Zeichen, die auch Konzertgänger:innen inspirieren können. Viele dieser tollen Ideen und Lösungen kommen vom Orchester des Wandels.
Unser Geschäft ist sehr stark international, Reisen gehört dazu. Ein Solist, eine Dirigentin, hat einen höheren Marktwert, wenn er und sie in den wichtigen Metropolen der Welt auftritt. Es heißt ja auch „Weltkarriere“. Die Orchester und Opernhäuser „müssen“ in Paris, London, New York, Shanghai und Tokyo präsent sein, wenn sie zur Weltspitze gehören wollen. Es ist momentan nicht absehbar, dass dieses System sich bald ändern wird: Niemand will der Erste sein, der nicht mehr reist. Solistinnen und Dirigenten würden ihre Karriere womöglich sabotieren, wenn sie Reisen ablehnen würden.
Aber trotzdem gibt es Lösungsversuche: Manche skandinavischen Orchester laden z. B. nur noch Gastkünstler:innen ein, die mit dem Zug anreisen können. Dass ich als Chefdirigent der Münchner Symphoniker mit dem Fahrrad zu Proben und Konzerten fahren kann, ist ein Glücksfall, aber es ist vor allem eine Seltenheit. Sich engagieren und andere Menschen inspirieren, können aber auch einzelne Musikerinnen, wie z. B. die Cellistin Tanja Tetzlaff mit ihrem Filmprojekt Suiten für eine verwundete Welt, in dem sie Bachs sechs Suiten für Solo-Cello an vom Klimawandel bedrohten und von Klimakatastrophen bereits zerstörten Orten spielt – „Erst Betroffenheit führt dazu, dass Leute handeln.”
Feminismus und Ökofeminismus
Dass diese Thematik, die ich für ausschlaggebend halte, von Franziskus weitestgehend ausgelassen wurde, ist schade, aber nicht unbedingt verwunderlich. Es ist fraglich, ob eine Kirche das Patriarchat überhaupt in Frage stellen kann. Aber auch hier können wir als Musiker:innen deutliche und positive Impulse setzen. In Bezug auf Dirigentinnen zum Beispiel hat sich in der Klassikwelt schon einiges getan. Bei Komponistinnen ist es noch ein etwas weiterer Weg. Aber auch die Struktur unseres Geschäftsmodells ist – wie die meisten anderen auch – immer noch stark auf Männer ausgerichtet und muss nachhaltig geändert werden.
Warum wir uns für die Gleichberechtigung stark machen und auch da Impulse setzen sollten? Um mit Franziskus und mit der Bibel zu sprechen: weil es moralisch richtig ist, weil wir alle Geschöpfe Gottes sind, weil er uns als Mann und Frau geschaffen hat. Aber auch weil wir sonst 50 % aller Talente in der Musikwelt, in der Welt überhaupt vermissen. Und in der menschengemachten Klimakrise zeigt sich eine einfache Rechnung: Statistisch gesehen haben Männer einen größeren Anteil am Problem, während Frauen häufiger Teil der Lösung sind.
Grenzen
Musik und Religion können, wie wir gesehen haben, Impulse in der Gesellschaft setzen und einen klaren und messbaren Effekt haben. Beide können und sollen Menschen inspirieren. Beide wollen alle Menschen ansprechen, unabhängig vom sozialen Status und von der Herkunft. Diesbezüglich sind ihre Grenzen oft selbst auferlegt und dadurch auch überwindbar.
Aber die deutlichere Grenze ist da, wo die Entscheidungen getroffen werden: in der Politik. Im Falle der Kunst ist es relativ einfach zu verstehen: Solange meine Aktion unpolitisch bleibt oder zu bleiben scheint bzw. nicht mit klarer Kritik oder Forderungen an die Politik gekoppelt ist, ist sie akzeptabel oder gar willkommen – viele Maßnahmen sind nämlich auch ökonomisch sinnvoll.
Als Verantwortungsträger habe ich eine Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft, aber auch gegenüber meinen Musikerinnen und Musikern: die Institution, die ich leite, nicht zu gefährden. Immer noch entscheiden Politiker, Menschen, über unsere Finanzierung: „Wes Brot ich ess‘, des Lied ich sin“. Der Vorteil der Musik: Sie muss sich Wörtern nicht bedienen, sie kann auf Dinge verweisen, ohne sie anzusprechen. Auf dieser Art kann sie wunderbar subversiv wirken.
CODA
Musik und Religion sind zutiefst menschlich, sie berühren uns und geben uns Trost und Orientierung. Beide sprechen zu dem Einzelnen, können uns aber verbinden, Hoffnung wecken und die Schönheit der Schöpfung erfahrbar machen. Gerade in der Klimakrise mit ihrer Komplexität und in einer lauten Welt brauchen wir diese positiven Impulse. Fakten reichen eben nicht aus – Menschen müssen berührt werden. Die Musikwelt kann in dieser Frage auch Vorbild sein: durch nachhaltiges Handeln, durch Programme, durch Künstlerinnen und Künstler, die als Botschafter auftreten, durch eine aktive Öffnung zur Welt, in ihrer Vielfalt und Diversität. Es ist wie in der Musik: Erst die Summe der Instrumente macht die Harmonie. Die Bewältigung der Klimakrise ist eine Gemeinschaftsaufgabe, und wir alle sind Teil dieses Orchesters.