Nicolaus Copernicus (1473-1543): Naturverständnis und Revolutionierung des Weltbildes

Breviarium Grimani

I.

 

Das Zeugnis unserer Sinne ist eigentlich eindeutig. Die Beobachtung des Tag- und Nachthimmels legt nahe, die Erde unbewegt in den Mittelpunkt unseres Planetensystems zu stellen und Mond, Sonne und Planeten um sie kreisen oder sich bewegen zu lassen. So hatte die große Mehrzahl der Astronomen des Altertums und des Mittelalters keine prinzipiellen Zweifel an diesem geo-zentrischen Weltbild, in dem die Erde den Mittelpunkt des Weltalls bildet. Nur die rückläufigen Phasen in den Bewegungen der Planeten, zum Beispiel die des Mars, passten nicht in dieses Bild. Um sie erklären und berechnen zu können, entwickelten die Astronomen der Antike komplizierte geometrische Konstruktionen. Man nahm an, dass der Bahnkreis eines Planeten nicht diesen selbst, sondern einen kleineren Kreis, den Epizykel, trug, und dass der Planet durch die Drehung des Epizykels getragen wurde. Wenn nun der Epizykel als Ganzes den Hauptkreis durchlief, erschien es verständlich, dass die Bewegung des Planeten zeitweise rückläufig in die „falsche“ Richtung erfolgen musste.

Dergestalt beschrieb es Klaudios Ptolemaios (100-160 n. Chr.), der dieses Lehrgebäude in einem umfassenden astronomischen und kosmologischen Werk erläuterte, das wir unter dem Namen „Almagest“ kennen. Die ersten beiden Bücher enthalten mathematische Grundlagen und eine allgemeine Einführung in das geozentrische Weltbild entsprechend der aristotelischen Physik. Die übrigen Bücher sind den kinematischen Erklärungen der Planetenbahnen auf der Basis der vorchristlichen Epizykeltheorie des Apollonios von Perge gewidmet, kombiniert mit der ebenfalls vorchristlichen Exzenterthorie des Hipparchos.

Während des gesamten Mittelalters blieb das Studium des „Almagest“ die wichtigste astronomische Lektüre an den Artistenfakultäten der europäischen Universitäten. Johannes de Sacrobosco, Professor an der Pariser Universität, schuf mit seinem „Tractatus de Sphaera“ (um 1230), einer elementaren Einführung in das ptolemäische Weltsystem, das erfolgreichste astronomische Lehrbuch des europäischen Mittelalters, das bis weit ins 17. Jahrhundert tradiert wurde. Noch im späten Mittelalter, als sich die Astronomie als Leitwissenschaft des 16. Jahrhunderts bereits am Horizont abzeichnete, als Johannes von Gmunden, Georg Peuerbach und nicht zuletzt Johannes Regiomontan die Mängel des ptolemäischen Systems erkannt hatten und zu verbessern versuchten, blieben die grundlegenden Axiome des „Almagest“ unangetastet.

Nicolaus Copernicus (1473-1543) war es als erstem Gelehrten des Abendlandes vorbehalten, das riesige, schon vorhandenen Datenmaterial über die Bewegungen der Planeten – mit dem auch schon Klaudios Ptolemaios gearbeitet hatte – neu zu interpretieren und die sich als richtig erweisenden Schussfolgerungen zu ziehen.

 

II.

 

„In remotissimo angulo terrae“, im entferntesten Winkel der Erde: So bezeichnete Copernicus selbst den kleinen Ort Frauenburg (heute: Frombork/ Polen) im Ermland, an dem er über drei Jahrzehnte lang lebte und sein wissenschaftliches Hauptwerk „De revolutionibus orbium coelestium“ verfasste. Noch während seiner Tätigkeit als Sekretär seines Onkels, des ermländischen Bischofs Lukas Watzenrode, schrieb er eine kleine, später „Commentariolus“ genannte Abhandlung, in der er behauptete, dass die Erde sich bewegt, die Sonne jedoch ruht. Die drei erhaltenen Abschriften aus dem 16. Jahrhundert lassen sich in den „Petitiones“ genannten Thesen zusammenfassen. In paraphrasierter Form lauten sie wie folgt:

  1. Die Himmelskreise oder Sphären haben nicht alle ein und denselben Mittelpunkt.
  2. Der Erdmittelpunkt ist nicht der Mittelpunkt der Welt, sondern nur der der Schwere und des Mondbahnkreises.
  3. Der Mittelpunkt der Welt befindet sich in der Nähe der Sonne.
  4. Der Abstand zwischen Erde und Fixsternsphäre ist unmessbar groß. Das Verhältnis der Entfernung Sonne-Erde zur Höhe des Fixsternhimmels ist kleiner als das des Erdradius zur Sonnenentfernung, so dass diese gegenüber der Höhe des Fixsternhimmels unmerklich ist.
  5. Der Erde ist eine tägliche Bewegung eigen, während der Fixsternhimmel ruht und sich nur scheinbar um sie dreht.
  6. Ebenso ist die Sonnenbewegung nur eine scheinbare und entsteht durch die Jahresbewegung der Erde, der mehrere Bewegungen eigen sind.
  7. Die relative Bewegung zwischen der Erde und allen anderen Planeten genügt, um die verschiedenartigsten Erscheinungen am Himmel, zum Beispiel die Rückläufigkeit mancher Planeten, zu erklären.

Der „Commentariolus“ und das auf seiner Grundlage entwickelte astronomische Hauptwerk „De revolutionibus“ bezeichnen – bei aller methodischen Verwandtschaft mit der mittelalterlichen scholastischen Argumentationsweise – den Beginn einer völlig neuen Entwicklung und zugleich die Vollendung der griechischen Astronomie und ihres wirkmächtigsten Vertreters Ptolemaios.

Wesentlich ist, dass sich Copernicus als strikterer, puristischerer Vertreter des Prinzips der Gleichförmigkeit der Himmelsbewegungen erwies als Ptolemaios, dessen Äquanten (Ausgleichspunkte) er ablehnte und durch doppelte Epizyklen, durch epiepizyklische Bewegungen, ersetzte. Copernicus’ Entscheidung, den Äquanten aus der Astronomie zu verbannen, geht auf Modelle der arabisch-islamischen Astronomie des 13. und 14. Jahrhunderts zurück.

Wie viele echte, konstruktive Revolutionäre – so formulierte es der Frankfurter Wissenschaftshistoriker Willy Hartner – war Copernicus in seinem Denken eher konservativ.

Die vielfach geäußerte Behauptung, das heliozentrische Modell von Copernicus erfordere doppelt so viele Epizyklen und sei deshalb schwieriger zu handhaben als das geozentrische, ist insofern nicht richtig, als Copernicus in „De revolutionibus“ insgesamt 48 Kreise jeglicher Art benötigte – gegenüber 40 im „Almagest“. Die Zahl von 27 gilt nur für die vereinfachte Formulierung des geozentrischen Systems in Georg Peuerbachs „Epitomae“.

 

III.

 

Die wichtigsten Lebensstationen von Copernicus sind für das Verständnis der „Revolutionierung des Weltbildes“ durchaus erhellend. Als sicher gilt heute, dass sich Copernicus, der 1473 in der an der unteren Weichsel gelegenen Hansestadt Thorn als Sohn des Großkaufmanns Nicolaus Copernicus d. Ä. geboren wurde, bereits während des Elementarstudiums an der Universität in Krakau der Mathematik und der Astronomie auf eine Weise gewidmet hat, die weit über das geforderte Maß hinausging.

Von 1496 bis 1500 studierte Copernicus – ebenso wie zuvor sein Onkel, der spätere ermländische Bischof Lukas Watzenrode – an der juristischen Fakultät der Universität Bologna. Doch mindestens ebenso wichtig wie die juristischen Studien wurden für ihn in Bologna die Himmelsbeobachtungen, die er gemeinsam mit dem bekannten Astronomen Dominicus di Novara unternahm. Eine solche Beobachtung – die Bedeckung des Aldebaran im Stier durch den Mond am 9. März 1497 – kennen wir aus den Aufzeichnungen von Copernicus. Novara, geschult an Georg Peuerbach und Regiomontan, galt als Kritiker der ptolemäischen Kosmologie, der bei seinem Studenten die ersten, spätere Forschungen begründenden Zweifel an der Richtigkeit des geozentrischen Systems geweckt hat.

Copernicus verließ Bologna ohne einen akademischen Abschluss. Seine späteren Studienjahre an der Universität Padua waren vorrangig dem Studium der Medizin gewidmet und endeten formal damit, dass er 1503 – offensichtlich aus Kostengründen – an der kleineren und deshalb billigeren Nachbaruniversität Ferrara zum Doktor des Kirchenrechts promoviert wurde.

Mit seiner endgültigen Rückkehr nach Frauenburg und der Wahrnehmung seiner Rechte und Pflichten als Domherr des ermländischen Domkapitels im Spätherbst 1503 waren Copernicus‘ akademische Lehr- und Wanderjahre beendet. Bis zum Ende seines Lebens hielt er sich nun vorwiegend im Ermland auf. Seine weitesten Reisen führten ihn nach Krakau, Danzig, Königsberg und möglicherweise nach Breslau – aber dafür gibt es keine sichere Quelle. Zunächst wirkte er als Sekretär und Leibarzt seines Onkels an der bischöflichen Residenz in Heilsberg (heute: Lidzbark Warmiński/ Polen). Dort fand er neben seiner administrativen und medizinischen Tätigkeit erstaunlicherweise auch noch Zeit für wissenschaftliche Arbeiten. Er beobachtete den Sternenhimmel und übersetzte die Episteln des Theophylaktos Simokattes, eines byzantinischen Autors des 7. Jahrhunderts, aus dem Griechischen ins Lateinische. Begleitet von einem Widmungsgedicht des Humanisten Laurentius Corvinus wurde die Übersetzung 1509 in der Offizin von Johannes Haller in Krakau gedruckt. Paradoxerweise war gerade diese, eher unbedeutende Arbeit, für zwei Jahrzehnte das einzige im Druck erschienene Werk aus der Feder von Copernicus.

Angesichts der wissenschaftlichen und stilistischen Reife des Hauptwerkes könnte man annehmen, Copernicus habe die ihm verbleibenden dreißig Jahre seines Lebens vorrangig zur Verbesserung und Vervollkommnung seines Systems verwendet. Der fränkische Reiterkrieg zwischen dem polnischen Königreich und dem deutschen Orden (1519-1521), die umfangreichen Verwaltungsaufgaben als Administrator des ermländischen Domkapitels, seine Mitarbeit bei der Reorganisation des preußischen Münzwesens und nicht zuletzt seine ärztliche Tätigkeit konfrontierten ihn jedoch mit einer Vielzahl ganz anders gearteter Aufgaben. Erst 1530 zog sich der fast 60jährige Copernicus völlig aus dem öffentlichen Leben zurück.

Eine folgenreiche Abwechslung bildete der Besuch des jungen Wittenberger Mathematikprofessors Georg Joachim Rheticus, der von dem bereits weit verbreiteten wissenschaftlichen Ruf des Copernicus angezogen wurde. Einem Ruf, der zu diesem Zeitpunkt allein auf der gelehrten Korrespondenz und mündlicher Verbreitung beruhte. Völlig zu Recht hat Edward Rosen die Reise von Rheticus ins Ermland die Geburtsstunde der modernen Astronomie genannt. Der Protestant Rheticus kam im Frühjahr 1539 nach Frauenburg, wurde von dem katholischen Domherren Copernicus überaus freundlich empfangen, blieb dort, anders als ursprünglich geplant, für mehr als zwei Jahre und wurde in vielen Diskussionen mit Copernicus gründlich über die Details der neuen Kosmologie informiert. 1542 veröffentlichte Rheticus in Wittenberg mit Copernicus’ Erlaubnis einen kleinen, der „Trigonometrie“ gewidmeten Abschnitt aus dem Hauptwerk.

Dieser unter dem Titel „De lateribus et angulis triangulorum“ (Über die Seiten und Winkel von Dreiecken) erschienene Separatdruck stimmt mit den beiden letzten Kapiteln aus dem ersten Buch des Hauptwerkes wörtlich überein. Im Anschluss daran gab Copernicus dem fortgesetzten Drängen von Rheticus und Tiedemann Giese (1480-1550) nach und erteilte die Zustimmung zur Drucklegung seines Hauptwerkes. Giese, der engste Freund von Copernicus und damalige Bischof von Kulm, hatte das entstehende astronomische Werk bereits seit Jahrzehnten anteilnehmend begleitet. Quasi im Vorgriff auf die Veröffentlichung des Hauptwerkes erhielt Rheticus die Erlaubnis, 1540 in Danzig einen ersten Bericht, die „Narratio prima“, über das neue Weltsystem zu veröffentlichen. Ausführlich erläutert er dort, dass Copernicus – im Gegensatz zur antiken und mittelalterlichen Astronomie – davon ausging, dass der Fixsternhimmel unbeweglich sei. Die Erscheinung der Präzession, die nach antiker Auffassung eine Folge der Bewegung des Fixsternhimmels war, beruhte für Copernicus richtigerweise auf einer Verlagerung der Erdachse. Erst ganz am Ende des Büchleins wird auf die revolutionäre Änderung des Weltbildes durch Copernicus hingewiesen. Später hat Rheticus noch eine Abhandlung mit dem Titel „De motu Terrae“ verfasst hat, in der er Copernicus’ Lehre entschieden gegen den Vorwurf verteidigte, sie widerspreche der Heiligen Schrift.

 

IV.

 

Copernicus selbst fasst in seiner an Papst Paul III. gerichteten Vorrede zu „De revolutionibus“ den wesentlichen Inhalt der sechs Bücher folgendermaßen zusammen: „Im ersten Buch beschreibe ich die Anordnung aller Kreisbahnen zusammen mit den von mir der Erde zugesprochenen Bewegungen, so dass dieses Buch gewissermaßen den ganzen Aufbau des Universums enthält. In den übrigen Büchern setze ich dann die Bewegungen der übrigen Gestirne und aller Kreisbahnen mit der Bewegung der Erde zusammen, damit daraus geschlossen werden kann, bis zu welchem Grad die Bewegungen und Erscheinungen der übrigen Gestirne und Bahnen ‚gerettet’ werden können, wenn sie auf die Bewegungen der Erde bezogen werden.“

Für die Erde nahm Copernicus im elften Kapitel des ersten Buches eine dreifache Bewegung an. Die erste besteht in einer täglichen Rotation um die eigene Achse von West nach Ost, wodurch der Kreislauf von Tag und Nacht entsteht. In einer zweiten Bewegung beschreibt der Mittelpunkt der Erde einen jährlichen Umlauf um die Sonne in der Ebene des Tierkreises. Mit einer solchen Bewegung ist jedoch erst der scheinbare Lauf der Sonne im Tierkreis erklärt, aber noch nicht das Entstehen und der Wechsel der Jahreszeiten, denn die Erdachse würde bei einer alleinigen Mittelpunktsbewegung ebenfalls kreisförmig um die Sonne bewegt werden und immer dieselbe Ausrichtung der Sonne gegenüber beibehalten. Copernicus führt daher noch eine dritte, ebenfalls jährliche Bewegung ein, bei der die Erdachse oberhalb und unterhalb der Bahnebene eine Kegeloberfläche beschreibt. Die Kombination der zweiten und dritten Bewegung führt dazu, dass die Erdachse stets eine konstante Ausrichtung gegenüber der Bahnebene besitzt. Wenn wir heute von einem jährlichen Umlauf der Erde um die Sonne sprechen, unterscheiden wir nicht mehr wie Copernicus zwischen einer Bewegung des Erdmittelpunktes und der Erdachse, sondern denken uns von vornherein die zweite und dritte Erdbewegung kombiniert, indem wir die Erde als Ganzes betrachten und die Ausrichtung ihre Achse im Raum als konstant ansehen.

Zusätzlich zu den im ersten Buch genannten drei Erdbewegungen musste Copernicus im dritten Buch noch zahlreiche weitere, kleinere Bewegungen der Erdachse und damit auch der Erde als Ganzer einführen, um etwa die Präzession der Äquinoktien an sich, die Unregelmäßigkeit dieses Vorrückens und die Veränderlichkeit der Schiefe der Ekliptik zu erklären. Ähnlich kompliziert gestaltet sich die Behandlung der Bewegungen der übrigen Planeten und des Mondes. Dadurch erhält sein Hauptwerk einen Grad an Komplexität, der dem des ptolemäischen „Almagest“ mindestens gleichkommt und in deutlichem Kontrast zu den mehr qualitativen und leicht verständlichen Ausführungen im ersten Buch steht. Der Hinweis – oder sollte man sagen die Warnung – in der Vorrede: „Mathematische Dinge werden für Mathematiker geschrieben“ erwies sich als berechtigt.

Symptomatisch für das weitere Schicksal des kopernikanischen Weltsystems war das Wirken Philipp Melanchthons. Als geistiges Haupt der Bildungsreformen an den protestantischen Universitäten reichte sein Einfluss weit über Wittenberg hinaus. Gegenüber dem Heliozentrismus nahm er – ebenso wie Luther – eine dezidiert kritische und ablehnende Haltung ein. Melanchthon verhinderte auch, dass Copernicus’ Hauptwerk in Wittenberg gedruckt wurde. Aber er war durchaus aufgeschlossen für die Übernahme von astronomischen Daten und einigen beschreibenden theoretischen Konzepten aus Copernicus’ Werk, denn manches davon ließ sich auch unter Beibehaltung eines geozentrischen Weltsystems nutzen. Diese Haltung prägte die Einstellung zahlreicher anderer Gelehrter, sodass Robert Westman mit einiger Berechtigung von einem „Melanchthon circle“ und der „Wittenberg Interpretation of the Copernican Theory“ sprechen konnte.

 

V.

 

In seinem Hauptwerk äußert Copernicus recht deutlich, dass er nicht gewillt sei, zu grundlegenden naturphilosophischen Fragen außerhalb der Astronomie Stellung zu beziehen. Wenn man unter dem „Zeugnis des Himmels“, d. h. der Natur, eigene Beobachtungsergebnisse versteht, wird man von den überlieferten Quellen enttäuscht sein. Insgesamt sind 63 eigene Himmelsbeobachtungen von Copernicus überliefert. Dafür können auch, aber nicht nur die schlechten Witterungs- und damit Beobachtungsbedingungen im nebelverhangenen Frauenburg am Frischen Haff verantwortlich gemacht werden. Im 30. Kapitel des 5. Buch von „De revolutionibus“, das von „Neueren Beobachtungen der Bewegung des Merkur“ handelt, erläutert er die natürlichen Vorteile, die die Alten bei der Beobachtungen dieses Planeten hatten: „Uns aber, die wir in einem rauheren Klima wohnen, versagte die Natur diese Bequemlichkeit.“

Schon in seiner Kritik der „Trepidationstheorie“ von Johannes Werner (Brief an Bernhard Wapowski vom 3. Juni 1524) hatte Copernicus entschieden kritisiert, dass jener die Genauigkeit seiner Beobachtungsdaten höher eingeschätzt habe als die der antiken Astronomen. Im Gegensatz dazu schätzte Copernicus die Genauigkeit seiner eigenen Beobachtungen sehr kritisch ein. In seinen „Ephemeriden“ für das Jahr 1551 (Leipzig 1551) äußerte sich Rheticus dazu folgendermaßen: „Nicht gern mochte er [Copernicus] sich auf kleinste Distanz-Bestimmungen einlassen, wie sie andere anstrebten, die mit peinlicher Genauigkeit bis auf zwei, drei oder vier Minuten den Ort der Gestirne ermittelt zu haben meinen, während sie zuweilen dabei um einige Grade abirren. Ich selbst, äußerte sich Copernicus weiter, würde hocherfreut sein wie Pythagoras, als er seinen Lehrsatz entdeckte, wenn ich im Stande wäre, meine Ermittlungen bis auf zehn Minuten der Wahrheit nahezuführen.“

Die Beobachtungsinstrumente, die Copernicus zur Verfügung standen und die bis zu Galilei die gebräuchlichen Hilfsmittel des Astronomen blieben, ließen auch bei einem wesentlich größeren Beobachtungsumfang keine wesentlich genaueren Ergebnisse zu. Ausgangspunkt der empirischen und rechnerischen Erfassung der Phänomene waren häufig spekulative Erwägungen oder philosophische Theorien, die auf Platon und die platonische Tradition zurückgehen. Vice versa haben die rechnerischen Ergebnisse dann wiederum befruchtend, bestätigend oder korrigierend auf die philosophische Reflexion zurückgewirkt. Copernicus‘ Konzept von der Einfachheit, Einheitlichkeit und Symmetrie des Weltgebäudes finden wir bis in die Wortwahl übereinstimmend in einem Buch des Horaz wieder, das man für das Studium der Astronomie nicht unmittelbar als maßgeblich empfinden wird. Im „Liber de arte poetica“ finden wir in Vers 23 die Formulierung: „Schließlich sei eine Kraft selbstverständlich einfach und einheitlich.“ Hier dürfen wir eine der Quellen vermuten, die Copernicus benutzt hat.

Scheinbare Ungleichmäßigkeiten und Irregularitäten aufzuklären war eine Aufgabe der Forschung. „Man muss vielmehr“, schreibt er, „der Weisheit der Natur nachgehen, die, indem sie sich sehr gehütet hat, irgendetwas Überflüssiges und Unnützes hervorzubringen, vielmehr oft einen und denselben Gegenstand mit vielen Wirkungen begabt hat.“ („De revolutionibus“, Buch 1, Kap. 10). Die „Weisheit der Natur“ ließ sich viel klarer von denen studieren, die in der Mathematik erfahren sind, wie es auch schon im „Commentariolus“ hieß. Und auch nur denen ließ sich die neue Kosmologie plausibel erklären. Denn, so schreibt er: „Wenn all dies schwierig, fast unbegreiflich und gegen die Meinung vieler sein sollte, so werden wir es, so Gott will, klarer als die Sonne machen, wenigstens für die, die in der Mathematik nicht unwissend sind.“

Vor allem für diejenigen galt es, die „Ordnung der Himmelskreise zu erklären („De revolutionibus“, Buch 1, Kap. 10): „In der Mitte aber von allen thront die Sonne. Wer aber möchte in diesem schönsten Tempel diese Leuchte an einen anderen oder besseren Ort setzen als an diesen, von dem aus sie alles zugleich zu erleuchten vermag?“

Im 7. Kapitel des 1. Buches von „De revolutionibus“: „Warum die Alten glaubten, die Erde ruhe in der Weltmitte, gleichsam als Mittelpunkt“, erfahren wir von der Natur der „schweren Gegenstände“: „Da nun die Erde, nach welcher die schweren Gegenstände von allen Seiten her rechtwinklig auf die Oberfläche – vermöge ihrer eigenen Natur – sich hinbewegen, kugelförmig ist.“ Im 8. Kapitel, dem wahrscheinlich wichtigsten naturphilosophischen Abschnitt, ist fortwährend von der Naturgemäßheit die Rede, von dem, was von Natur aus geschieht: „Wer aber annimmt, dass die Erde sich drehe, der wird gewiss auch der Meinung sein, dass diese Bewegung eine natürliche und keine gewaltsame sei. Was aber der Natur gemäß ist, das bringt gegensätzliche Wirkungen hervor im Vergleich zu dem, was durch Gewalt geschieht […]. Grundlos ist also die Befürchtung von Ptolemaeus, dass die Erde und alle die in Umdrehung versetzten irdischen Gegenstände durch die Tätigkeit der Natur auseinandergerissen würden.“

Ein Traktat, in dem der Naturbegriff eine wichtige Rolle spielt, stammt nicht von Copernicus selbst, sondern von seinem Schüler Rheticus. Wir können jedoch davon ausgehen, dass der vor dem 28. August 1541 entstandene Text von Copernicus gebilligt, wenn nicht von ihm mitverfasst wurde. In der Widmung seines geographisch-kartographischen Traktats, der deutschen „Chorographia“, an Herzog Albrecht in Preußen, den früheren Hochmeister des Deutschen Ordens beschreibt Rheticus, „wie durch sunderliche schikung Gottes alle andre lobliche kunst zw vnsren zeitten herfur komen, vnd Gott der herre, neben seinem Wort, auch durch sein geschopf vnd Creatur wil erkant werden, wie dan die alten rechten philosophi bekennet haben, Das die natur der schonste Spiegel Gottlicher maiestet seye, darinnen Gottes macht vnd gegenwertikait gewaltig vnd sichtlich erkennet wert. Also befinde Jch warlich, das er die hohen kunst welche man Mathematicas nennet nicht will lenger dahinden bleiben lassen. Die Geometry thut sich gewaltig heruor.“ Diese Auffassung von der Natur als dem schönsten Spiegel göttlicher Majestät, die erkannt werden will, weist schon weit über Copernicus hinaus auf die Physikotheologie des späten 17. Jahrhunderts hin.

 

VI.

 

Auf die weitere Rezeptionsgeschichte der heliozentrischen Kosmologie und die experimentellen Beweise ihrer Gültigkeit im 19. Jahrhundert kann hier nicht eingegangen werden. Zum Ausklang soll auch nicht an die bedeutenden wissenschaftlichen Erben des Domherren aus Frauenburg, an Galileo Galilei und Johannes Kepler, erinnert werden, sondern an einen der – in diesem Zusammenhang – weniger bekannten Protagonisten der neuen Astronomie und Kosmologie im 17. Jahrhundert. Ich meine den Magdeburger Bürgermeister Otto von Guericke (1602-1686). In seinen „Experimenta nova, ut vocantur, Magedburgica de vacuo spatio“ (Amsterdam 1672), die zu einem beträchtlichen Teil – viel mehr als man gemeinhin annimmt – der Astronomie gewidmet sind, erläuterte er die Idee, das man die Vermittlung der modernen heliozentrischen Kosmologie, stärker rationalisieren müsse. Dass man Kometenbahnen berechnen könne, galt ihm bereits als eine unzweifelhafte wissenschaftliche Tatsache. Mit der Möglichkeit ihrer Berechenbarkeit verschwindet auch die Bedeutung der Kometen als Schreckens- und Wunderzeichen. Die seit der Antike tradierte Lokalisierung der „bösen Geister unter dem Himmel“, wie es in der Luther-Bibel heißt (Eph 6,12), in der sublunaren Feuersphäre war in der neuen Kosmologie gegenstandslos geworden. Am Ende des 30jährigen Krieges sicher eine friedliche und tröstliche Botschaft.

I.   Das Zeugnis unserer Sinne ist eigentlich eindeutig. Die Beobachtung des Tag- und Nachthimmels legt nahe, die Erde unbewegt in den Mittelpunkt unseres Planetensystems zu stellen und Mond, Sonne und Planeten um sie kreisen oder sich bewegen zu lassen. So hatte die große Mehrzahl der Astronomen des Altertums und des Mittelalters keine prinzipiellen Zweifel…
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