Ökumene – Statement aus orthodoxer Sicht

Im Rahmen der Veranstaltung "Ökumene, ein Gespräch zu dritt", 04.11.2015

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Das Thema meines Statements bei dieser Podiumsdiskussion ist, so wie ich es verstehe, konkret der Dialog zwischen den christlichen Kirchen. Diesen Dialog können wir nur wirklich schätzen, wenn wir uns die Geschichte anschauen und sehen, was vor dem Beginn des Dialogs passierte.

Seit dem Großen Schisma des 11. Jahrhunderts und ein ganzes Jahrtausend lang bleibt das Christentum gespalten. Für eine lange Zeit bedeutete diese Spaltung nicht nur die Entstehung einer Vielfalt von Konfessionen, sondern auch – leider – Polemik und Konfrontation. Folglich erschien an erster Stelle ein defensiver und apologetischer Konfessionalismus, wobei wir genau definieren sollten, was wir damit meinen. Wenn wir von „Konfessionalismus“ reden, deuten wir an, dass wir uns selbst, unsere Identität, in Gegensatz zu einem Anderen bestimmen. In diesem Geist der Opposition ließen die christlichen Konfessionen im zweiten Jahrtausend Dokumente entstehen, die ihre besonderen Identitäten kennzeichneten. Dies war besonders der Fall bei den orthodoxen konfessionellen Dokumenten des 17. Jahrhunderts; die verschiedenen orthodoxen Bekenntnisse entstanden damals dadurch, dass man von den Protestanten Argumente gegen die Katholiken entlieh und umgekehrt. Da diese Dokumente letztendlich einen bestimmten Anderen widerlegten, entwickelte sich eine polemische Psychologie in dieser Zeit, als die verschiedenen römisch-katholischen und protestantischen Missionare in den orthodoxen Ländern arbeiteten und daher den Widerstand der Orthodoxen provozierten. So sind wir in eine polemische Situation geraten, eine Situation von Krieg zwischen Christen, zwischen uns Christen. Im Namen Christi kämpften wir gegeneinander.

Das andere unglückliche Ergebnis dieser Situation lag darin, dass die verschiedenen Konfessionen ein Gefühl von Selbstgenügsamkeit entwickelten. Sie glaubten nämlich, dass sie die Fülle der Wahrheit besitzen, und dass sie keines Kontaktes und keines Gesprächs mit den anderen Christen überhaupt bedürfen. Dieses Gefühl von Selbstgenügsamkeit war so stark, dass wir ihm bis heute begegnen, insbesondere zwischen denjenigen Orthodoxen, die sich stark gegen jeglichen Dialog mit den anderen Christen widersetzen. Solange wir die Fülle der Wahrheit besitzen, behaupten sie, müssen die Anderen bloß zu uns zurückkehren. Diese Position vertrat aber auch die Römisch-Katholische Kirche bis zum II. Vatikanischen Konzil. Sie zögerte, an der ökumenischen Bewegung teilzunehmen. Dieses Zögern war gerade von jenem Gefühl der Selbstgenügsamkeit diktiert: Wir sind die Kirche, und alle anderen sollen zu uns zurückkehren. In diesem Fall gibt es keinen Dialogbedarf.

Dies war, natürlich, etwas sehr Negatives: Obwohl wir berechtigt sind zu glauben, dass unsere Kirche der Einen, Heiligen, Katholischen und Apostolischen Kirche treu ist, dürfen wir die Möglichkeit nicht ausschließen, dass vielleicht auch die anderen etwas haben, das sie uns geben können, und dass wir ihnen deswegen zuhören sollten. Die ökumenische Bewegung entstand als Reaktion auf diese Situation. Mit dem II. Vatikanischen Konzil hat die Römisch-Katholische Kirche die Entscheidung getroffen, in die ökumenische Bewegung einzutreten. Daher hat sich die Lage geändert und so trat das hervor, was wir Dialog nennen. Der Dialog ist aus dieser neuen Situation geboren. Er ersetzte nicht nur die Polemik, sondern auch das, was wir als friedliche Ko-Existenz, Toleranz, bezeichnen. Toleranz bedeutet, dass die anderen existieren, mit uns existieren dürfen, allerdings haben sie nichts, was sie uns geben könnten. So etwas ist aber nicht wirklich das Wesen des Dialogs. Dialog bedeutet, dass Du dem Anderen zuhörst, während Du Deine eigenen Überzeugungen behältst.

Du glaubst weiter, dass Du der Wahrheit treu bist, aber im gleichen Moment hörst Du dem Anderen zu und bist bereit das, was der Bruder glaubt, ernst zu nehmen. In dieser Beziehung, in Respekt und Liebe für Deinen Bruder, gehst Du zusammen mit ihm in Richtung Wahrheit. Der Dialog steht also nicht gegen die Wahrheit; er stellt keine Relativierung der Wahrheit dar. Er ist nicht so etwas wie Verhandlungen. In den Verhandlungen opferst Du etwas, um etwas anderes zu gewinnen. Nicht so im Dialog. Der Dialog wird auf der Annahme aufgebaut, dass der Andere auf dieselbe Tradition, wenn auch aus einer anderen Perspektive hinschaut, und dass Du versuchst, durch das Gespräch einen gemeinsamen Grund auf der Basis der Bibel und der Tradition der ungetrennten Kirche zu erreichen. Daher gilt es als Charakteristikum der Dialoge, dass sie eine bestimmte Art des Verstehens und des Interpretierens der Tradition etablieren; der Tradition, die wir einmal gemeinsam teilten. Zumindest ist dies die Position, die die Orthodoxe Kirche über die Dialoge mit anderen Christen eingenommen hat. Aus der Sicht der Orthodoxen Kirche sind die Dialoge mit den Nicht-Orthodoxen auf der Annahme gegründet, dass es eine gemeinsame Tradition gibt oder gab, und dass diese gemeinsame Tradition wiederentdeckt werden soll.

Mit diesem Hintergrund sind wir nun in eine Ära eingetreten, die als Ära des Dialogs bezeichnet werden darf, als die dialogische Ära. Als die Römisch-Katholische Kirche in diese Ära durch das II. Vatikanum eingetreten ist, haben sich alle Christen in bilateralen Dialogen zwischen den verschiedenen Traditionen, Kirchen oder Konfessionen involviert. Die Orthodoxen legen besondere Bedeutung auf den Dialog mit den Katholiken, mit denen sie im ersten Jahrtausend vereint waren. Natürlich ist auch der Dialog mit den Protestanten sehr wichtig, aber, geschichtlich betrachtet, ist die Reformation ein Phänomen des zweiten Jahrtausends. Die Frage lautet, wie wir alle, Protestanten, Katholiken und Orthodoxe, vereint werden könnten in der Tradition, die einmal uns allen gemeinsam war.

Der Dialog zwischen Katholiken und Orthodoxen wurde offiziell 1980 initiiert. Er fing mit den Themen an, die die zwei Seiten einen, und nicht mit denjenigen, die sie von einander trennen. Dies bedeutete eine Abweichung vom Geist der Konfrontation und der Polemik. Und dieser neue Zugang, nämlich mit dem zu beginnen, was uns eint, und sich dann allmählich den Problemen anzunähern, die uns trennen, erwies sich, meine ich, als sehr konstruktiv im Fall des Römisch-Katholisch-Orthodoxen Dialogs. Wir haben sehr wichtige Dokumente produziert, und sogar zuerst in dieser konkreten Stadt: Ich meine das Dokument von München (1982), bei dem es darum ging, wie die zwei Gesprächspartner das Mysterium der Kirche in seiner Beziehung zur Heiligen Dreieinigkeit betrachten und sogar in Bezug auf die Erfahrung dessen, was wir gemeinsam haben – und das ist die Eucharistie der Kirche.

Die Beziehung der Kirche zur Heiligen Dreieinigkeit und zur Eucharistie war das erste Thema, das zeigte, dass die beiden Seiten viel gemeinsam haben. Ins Licht des Gemeinsamen sollen wir unsere Unterschiede stellen. Ich denke, dass sich diese Methode als besonders konstruktiv erwiesen hat, und ihr folgen wir in diesem Dialog. Nach dem Dokument von München  haben wir ein Dokument über die Kirche und die Sakramente der Kirche verabschiedet, das Dokument von Bari (1985): Wir haben versucht zu finden, was zwischen den Kirchen gemeinsam und was unterschiedlich ist. Und danach kam das Dokument über die apostolische Sukzession (Neu Walaam, Finnland 1989). Dann sind wir mit der gleichen Methode weitergegangen zu Themen, wo wir unterschiedlicher Meinung sind. Ein Thema, womit wir uns in diesem Dialog auseinandersetzen mussten, war das Problem der Orientalischen Katholischen Kirchen, der sogenannten Unierten Kirchen. Wegen dieses Themas wurde für eine Weile der Dialog unterbrochen.

Dieser wurde dennoch fünf Jahre später mit einem Thema fortgesetzt, das uns Jahrhunderte lang getrennt hat, nämlich dem Primat des Bischofs von Rom. Nachdem wir einen gemeinsamen Grund mit den vorherigen ekklesiologischen Dokumenten festgelegt haben, haben wir dieses dornige Thema diskutiert. Das Ergebnis war die Verabschiedung des Ravenna-Dokuments (2007), das eine merkwürdige Konvergenz zwischen beiden Seiten aufweist. Wir sind alle damit einverstanden, dass der Primat ein wesentlicher Aspekt der Kirche auf allen Ebenen ist: auf der lokalen, der regionalen und der universalen Ebene. Aber wir sind auch damit einverstanden, dass dieser Primat nur im Kontext der Synodalität ausgeübt werden kann. Und dies war wirklich ein großer Schritt vorwärts, ein Schritt von, ich meine, historischer Bedeutung. Nun hat natürlich diese Primatsfrage viele Aspekte, und wir machen noch weiter, in der Hoffnung, dass, indem wir dieser Methode folgen, wir einen Punkt erreichen können, an dem dieses Thema, das uns so viele Jahrhunderte trennt, uns endlich einen wird. Diese Hoffnung ist auch auf die sehr ermutigenden Zeichen gegründet, die wir empfangen, wenn wir den heutigen Papst Franziskus hören, der die Bedeutung der Synodalität in seinen Reden und Handlungen hervorhebt. Dies ermutigt mich sehr, und ich hoffe, dass dieses Thema endlich aufhören wird, uns voneinander zu trennen.

Alle diese Bemerkungen zeigen, dass wir weitermachen müssen. Wir müssen auf den Dialog bestehen und jegliche Polemik aufgeben. Dies soll unterstützt werden durch das, was wir ‚Dialog der Liebe’ nennen, das heißt, dass die zwei Seiten vorsichtig sein sollen. Man darf den Anderen auf keinen Fall beleidigen. Zwischen Orthodoxen und Katholiken finden regelmäßig Gespräche statt und alle Probleme, die auftauchen mögen, werden besprochen und gelöst. So unterstützt der Geist des Dialogs der Liebe den Dialog der Wahrheit. Das ist sehr ermutigend.

Jetzt, in Bezug auf die anderen Dialoge, meine ich, dass der Fortschritt nicht derselbe ist, weil es scheint, dass sich das Interesse der protestantischen Seite für die Einheit der Kirche in der Wahrheit und in der gemeinsamen Tradition abgeschwächt hat. Die Protestanten haben die ökumenische Bewegung begonnen, sie waren am Anfang enthusiastisch, aber jetzt, glaube ich, dass sie Priorität auf gesellschaftliche Fragen und nicht auf dogmatische Themen legen, und dies macht es jetzt schwierig. Trotzdem haben die Christen keine Alternative  zum Dialog. Dies ist der einzige verfügbare Weg für die Förderung der christlichen Einheit. Und wir sollten darauf bestehen, dass man diesem Weg weiter folgt.

Übersetzung aus dem Englischen: Georgios Vlantis

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