Ökumene – Visionen aus reformatorischer Sicht

Im Rahmen der Veranstaltung "Ökumene, ein Gespräch zu dritt", 04.11.2015

shutterstock

I.

 

Was verbindet Alt-Rom und Neu-Rom/Konstantinopel und das viel jüngere Wittenberg, können Sie sich fragen? Auf den ersten Blick wenig, da die reformatorische Bewegung innerhalb der abendländisch-lateinischen Kirche zunächst kaum Berührungen mit Konstantinopel und den östlichen Kirchen hatte; sie war in ihrem Kern eine Kontroverse in der westlichen, lateinischen Kirche nördlich der Alpen, die als Ausgangspunkt den Protest des Wittenberger Priestermönchs und Professors Martinus um das mittelalterliche Ablasswesen hatte und sehr bald zum grundsätzlichen Dissens um die Autoritätsfrage in der Kirche wurde. Aber das stimmt nur auf den ersten Blick: Denn die Wittenberger, zuerst Luther bei der Disputation in Leipzig 1519 und dann vor allem Philipp Melanchthon und die Theologen aus meiner Heimat in Siebenbürgen, suchten sehr schnell den Kontakt nach Konstantinopel, um mitten in der konfessionell-polemischen Kontroverse in der lateinischen Kirche der griechischen, der orthodoxen Kirche darzulegen, dass Wittenberg nichts Neues einzuführen gedachte.

Sie, verehrter Metropolit Ioannis, haben in Ihrer Rede heute dankenswerterweise darauf verwiesen: „Orthodox Theology … must also listen to the voice of the Reformation.“ Die frühe ökumenische Bewegung im 20. Jahrhundert ist, auch als Frucht der im 19. Jahrhundert aufblühenden Bibellesebewegung, im Kontext reformatorisch geprägten Christentums, vor allem in den angelsächsischen Kirchen entstanden. Die Geburtsorte der ökumenischen Bewegung – wenn ich das verkürzt sagen darf – sind weder Wittenberg noch Rom, sondern Städte in England, den Niederlanden und die Missionsgebiete in Asien und Afrika. Weniger bekannt ist, dass das Ökumenische Patriarchat schon am 20. Januar 1920 einen Brief an alle Kirchen, wo immer sie sein mögen, schrieb, in dem es die Kirchen aufforderte, trotz der bestehenden Lehrunterschiede, einen Bund zum gegenseitigen Beistand zu schaffen auf Proselytismus untereinander zu verzichten und die Gemeinschaft des Handelns zu suchen.

Diese Freundschaft und dieses Wohlwollen füreinander könne in folgender Weise im Einzelnen bezeugt werden:

  • durch die Annahme eines einheitlichen Kalenders zur gleichzeitigen Begehung der großen christlichen Feste durch alle Kirchen;
  • durch den Austausch brüderlicher Briefe zu den großen Festen des Kirchenjahres, an denen das üblich ist, und bei außergewöhnlichen Ereignissen;
  • durch vertrautere Beziehungen zwischen den Vertretern der verschiedenen Kirchen in aller Welt;
  • durch Beziehungen zwischen den theologischen Schulen und den Vertretern der theologischen Wissenschaft und durch Austausch theologisch-kirchlicher Zeitschriften und Werke, die in den einzelnen Kirchen veröffentlicht werden;
  • durch Studentenaustausch zwischen den geistlichen Schulen der einzelnen Kirchen;
  • durch Einberufung allchristlicher Konferenzen für Fragen von gemeinsamem Interesse;
  • durch unparteiische und in stärkerem Maße historische Prüfung der dogmatischen Unterschiede, vom Katheder aus wie auch in theologischen Abhandlungen;
  • durch gegenseitige Achtung der Sitten und Gebräuche einer jeden Kirche;
  • durch gegenseitige Erlaubnis, Kapellen und Friedhöfe zur Beisetzung und Beerdigung von im Ausland verstorbenen Angehörigen eines anderen Bekenntnisses zu benutzen;
  • durch ein Übereinkommen über die Mischehen zwischen Angehörigen verschiedener Konfessionen;
  • schließlich durch gegenseitige Unterstützung der Kirchen in der Arbeit des religiösen Aufbaus, der Liebestätigkeit und dergleichen.

Solch ein offener und lebendiger Austausch zwischen den Kirchen sei wertvoll und nützlich für den ganzen Leib der Kirche. Denn Gefahren aller Art bedrohten nicht mehr nur diese oder jene Teilkirche, sondern die Kirche in ihrer Gesamtheit, da die tiefste Wurzel des christlichen Glaubens und der gesamte Aufbau christlichen Lebens und christlicher Gemeinschaft angegriffen seien.

Weiter schreibt Metropolit Dorotheos, als Verweser des Ökumenischen Patriarchats: Aus allen diesen Gründen und in dem sehnlichen Wunsch, dass die anderen Kirchen unsere oben angeführten Gedanken und Meinungen über die Notwendigkeit eines solchen Kontakts und solcher Gemeinschaft zwischen den Kirchen – wenigstens als einen Anfang – teilen, bitten wir eine jede Kirche in aller Welt, uns ihr Urteil und Denken hierüber bekanntzugeben, sodass wir, nachdem wir durch gemeinsame Einwilligung und Entscheidung das Werk abgesteckt haben, auch zusammen sicheren Schrittes zu seiner Verwirklichung schreiten können und so „Wahrheit übend in Liebe wachsen in allen Stücken an dem, der das Haupt ist, Christus, von welchem aus der ganze Leib zusammengefügt ist und ein Glied am anderen hanget durch alle Gelenke, wodurch eins dem anderen Handreichungen tut – nach dem Werk eines jeden Gliedes in seinem Maße – und macht, dass der Leib wächst zu seiner Auferbauung in der Liebe“ (Eph 4,15f.).

Das heißt, wenn man es holzschnittartig formuliert, so ist in dem Dreieck Konstantinopel, Rom und Wittenberg, die ja an sich sehr unterschiedlich sind, sicherlich eher Konstantinopel einer der zentralen Orte, der die ökumenische Bewegung des vergangenen Jahrhunderts wesentlich mit unterstützt und initiiert hat.

 

II.

 

Die reformatorische Bewegung, wie sie sich schließlich vor 500 Jahren in Wittenberg an der dortigen Universität zu Wort meldete, hat vielfältige Dimensionen, die wir hier heute Abend sicher nicht in der Tiefe reflektieren können. Meines Erachtens ist im Blick auf die bestehenden Feierlichkeiten zum 500-jährigen Gedenken des Thesenanschlags des Augustinermönchs Dr. Martin Luther entscheidend, dass wir das gemeinsame Zeugnis des Glaubens und die Konsequenzen des Glaubens an Jesus Christus, unseren Herrn und Gott, in dem gegenwärtigen postmodern-säkularen Kontext artikulieren und formulieren.

Ich bin daher sehr dankbar, dass die Evangelische Kirche in Deutschland und die Deutsche Bischofskonferenz durch den Briefwechsel zwischen Heinrich Bedford-Strohm und Kardinal Reinhard Marx die bevorstehenden Feierlichkeiten in Deutschland unter ökumenischen Horizont begangen werden, nämlich als Christusfest. Dass am Fest der Kreuzerhöhung am 14. September ein ökumenischer Gottesdienst gefeiert werden soll, zeigt, dass wir auf dem Weg zu einer gemeinsamen Vision (so die Studie von „Faith and Order“) in Deutschland weitergehen.

Das zwischen den Kirchen Selbstverständliche stellt uns in einer säkularen, manche sagen postmodernen Gesellschaft vor ganz neue Fragen. Die Ökumenische Bewegung, wie sie sich dann in den verschiedenen Formen und in den vielen Textgestalten niedergeschlagen hat, steht, das kann ich als Regionalbischof aus Ost- beziehungsweise Mitteldeutschland nur erinnern, gegenwärtig vor ganz anderen Herausforderungen; nämlich einer sogenannten „Ökumene der dritten Art“. Diese vom katholischen Ordinarius an der Erfurter Universität, Eberhard Tiefensee, konstatierte „Ökumene der dritten Art“ meint die Ökumene der Religions- und Konfessionslosen sowie der religiös Desinteressierten und stellt alle Christen, aber ebenso Juden und Muslime sowie Menschen anderer Religionen vor ganz neue Fragen.

Die religiös indifferenten Menschen sind in dem Sprengel, wo ich meinen bischöflichen Dienst versehe, die absolute Mehrheit, und ihre Kultur prägt ohne jeden Zweifel auch Christen und Kirchen, die als stabile, aber kleine Minderheit in der Diaspora zwischen Wittenberg, Eisleben, Erfurt, Berlin und Magdeburg leben. Für die religiös Indifferenten ist die Gottesfrage lebensweltlich faktisch irrelevant, und wir wissen als Kirchen und auch als evangelische Theologen meines Erachtens noch sehr wenig über den Nicht-Glauben derer, die vergessen haben, dass sie Gott vergessen haben. Wie können wir diese Mitmenschen in die Gemeinschaft der Getauften einladen, beziehungsweise wie und an welchen Orten begegnen wir ihnen, um mit ihnen das Mysterium der Menschwerdung Gottes in Christus feiern zu können? Ich will an dieser Stelle einen Aspekt vertiefen.

 

III.

 

Die reformatorische Bewegung, wie sie sich als Konflikt- und Differenzbewegung innerhalb der abendländischen Kirche nördlich der Alpen etablierte und als deren Protagonisten in Wittenberg Luther und Melanchthon, wahrgenommen wurden, fasst ihr Bekenntnis unter dem Schlagwort „Solus Christus“ zusammen. Solus Christus – Christus allein: als Schlüssel für das Leben und Zeugnis der Getauften in dieser Welt. Ich bin sehr dankbar, dass unser geehrter Metropolit Ioannis in seinem Lebenswerk einen Aspekt des Kirche-Seins herausgearbeitet hat, der gerade für die lutherische Kirche des Augsburger Bekenntnisses zum wichtigen hermeneutischen Schlüssel wurde, nämlich die eucharistische Ekklesiologie, wie sie Professor Zizioulas in seinen Vorlesungen zur christlichen Dogmatik formuliert hat.

Zunächst erinnere ich mich mit Freude an die Vorlesungen hier in München und dann in Erlangen, wo im Rahmen der ostkirchlichen Veranstaltung die Arbeiten von Professor Zizioulas vorgestellt worden waren. Er hat zu Fragen der einen und der vielen Kirchen sowie der Einheit der Kirchen zunächst einmal betont, dass die Einheit der Kirche nicht nur als eucharistische im Heiligen Abendmahl, sondern in Einheit von Glaube, Liebe, Taufe und Heiligung sei.

Für mich selber war es eine zentrale theologische Lektüre der Arbeiten von Professor Zizioulas, dass er betont, dass die im Herrenmahl versammelte Gemeinschaft am jeweiligen Ort in dem Mahl des Herrn die ganze Kirche ist, als sie sich nämlich bei Christus ganz gegenwärtig schenkt und präsent ist. Christus kann nicht geteilt werden durch Geografie, sondern er vereinigt in sich alle Orte in dieser Welt, und obwohl das Heilige Mahl in verschiedenen Städten und Orten weit voneinander entfernt gefeiert wird, gibt es nicht mehrere „Christusse“ oder Christuspräsenzen. Die Feier des heiligen Abendmahls „garantiert“ gewissermaßen, ja sie versinnbildlicht die Einheit der Kirche, weil sie eine eucharistische Einheit zwischen Gott und Mensch ist. Jede Kirche, die das Heilige Abendmahl stiftungsgemäß feiert, feiert die Gegenwart des auferstandenen Christus ganz an diesem Ort.

Das heißt also, dass die einzelnen Kirchen nicht Fraktionen Christi sind, sondern dass Christus im Mahl ganz gegenwärtig und damit auch die Kirche Jesu Christi ganz gegenwärtig ist. Gewiss gibt es an diesem Punkt gerade zwischen der reformatorisch-lutherischen Theologie und der orthodoxen Theologie einer eucharistischen Ekklesiologie eine ganze Reihe sehr enger Berührungspunkte. Für Lutheraner ist gerade der präsentisch-eschatologische Aspekt der Eucharistie, wie ihn der Geehrte herausgearbeitet hat, eine wichtige Frucht der ökumenischen Dialoge mit der Orthodoxen Kirche. 2006 konnten in Bratislava im Dialog zwischen dem Lutherischen Weltbund und allen Orthodoxen Kirchen der sieben Ökumenischen Konzile bekannt werden: Gemeinsam werde die eschatologische Dimension der Eucharistie unterstrichen und deren Bedeutung für Ökologie und soziales Handeln betont. Die Teilnehmenden der 13. Plenartagung der Gemeinsamen lutherisch-orthodoxen Kommission hatten in den jeweiligen Traditionen breite Bereiche der Übereinstimmung im Blick auf das Verständnis der Eucharistie im Leben der Kirche festgestellt. Die internationale Dialogkommission nahm auf ihrer Tagung vom 2. bis 9. November 2006 in Bratislava eine Gemeinsame Erklärung zum Thema „Das Mysterium der Kirche: Die Heilige Eucharistie im Leben der Kirche“ an. In dieser Erklärung bekennen Orthodoxe wie Lutheraner, dass Christi Leib und Blut mit Brot und Wein geeint werden, um von den Kommunizierenden zu sich genommen zu werden, was sie mit Christus und untereinander vereint.

Eine uns allen gemeinsame Herausforderung in unseren Breiten, aber besonders in Ostdeutschland, so glaube ich, bleibt ein konstruktiver Dialog mit der schwer zu fassenden, aber existenten säkularen Konfessionslosigkeit – der dritten nichtreligiösen Ökumene. Sie lieber Metropolit Zizioulas haben uns heute ins Gedächtnis geschrieben, dass der Dialog jeden Partner verwandelt – ein solcher Dialog kann nicht konfessionell, sondern nur gemeinsam christlich sein.

Weitere Medien vom Autor / Thema: Theologie | Kirche | Spiritualität

Aktuelle Veranstaltungen zum Thema: Theologie | Kirche | Spiritualität