Paulus – vier Spotlights auf eine vielschichtige Persönlichkeit

Im Rahmen der Veranstaltung "Biblische Tage 2016 – Der Erste Korintherbrief", 21.03.2016

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Ein „interkultureller“ Jude

 

Als nach Darstellung der Apostelgeschichte Paulus bei seinem letzten Aufenthalt in Jerusalem im Tempelreich von römischen Soldaten verhaftet wird, stellt er sich dem Oberst in griechischer Sprache so vor: „Ich bin ein Jude, aus Tarsus in Zilizien stammend, Bürger einer nicht unbedeutenden Stadt“ (Apg 21,39). Und wenig später – so weiß der Historiograph Lukas zu erzählen – beginnt Paulus seine Verteidigungsrede vor den im Tempelbereich anwesenden jüdischen Männern, jetzt allerdings in hebräischer Sprache, mit ganz ähnlichen Worten: „Ich bin ein Jude, geboren in Tarsus in Zilizien“ (Apg 22,3a). Damit liefert Lukas hier zwei interessante Informationen: 1. Paulus ist ein Diasporajude aus Tarsus, der Hauptstadt der römischen Provinz Cilicia. Und 2. Paulus spricht nicht nur Griechisch, wie bei einem Diasporajuden selbstverständlich zu erwarten ist, sondern er ist offenbar auch des Hebräischen (beziehungsweise des Aramäischen) fließend mächtig.

Blenden wir freilich für einen Moment die Informationen der Apostelgeschichte aus und beschränken uns auf die sporadischen autobiographischen Bemerkungen von Paulus selbst in seinen Briefen, so bietet sich auf den ersten Blick ein anderes Bild.

In 2 Kor 11,22 vergleicht sich Paulus hinsichtlich seiner Herkunft mit rivalisierenden Verkündigern, die in die korinthische Gemeinde eingedrungen sind. Jetzt wollen sie, die Paulus ironisch als „Superapostel“ (11,5) und abwertend als „Pseudoapostel“ und „betrügerische Arbeiter“ (11,13) bezeichnen, offenbar gegen ihn als den Gemeindegründer punkten. Dazu betonen sie wohl unter anderem auch ihre geographische, kulturelle und religiöse Verwurzelung im jüdischen Mutterland. Jedenfalls weist Paulus die korinthische Gemeinde selbstbewusst darauf hin, dass er seinen Konkurrenten in dieser Hinsicht durchaus das Wasser reichen kann: „Sie sind Hebräer? Ich auch! Sie sind Israeliten? Ich auch! Sie sind Nachkommen Abrahams? Ich auch!“ (11,22).

Ganz ähnlich äußert er sich im Philipperbrief. Erneut steht das Wirken rivalisierender Verkündiger im Hintergrund, gegen deren Einfluss Paulus die Gemeinde in Philippi immunisieren will (Phil 3,2-16) und die er daher gleich zu Beginn seiner Invektive als „Hunde“ und „böse Arbeiter“ disqualifiziert (3,2). Deutlicher als in 2 Kor aber wird hier, dass es sich bei diesen Konkurrenten um toraobservante christusgläubige Juden handelt, denen die beschneidungsfreie paulinische Verkündigung unter den Heiden ein Dorn im Auge ist. Wahrscheinlich stammten sie aus Jerusalem beziehungsweise Judäa, also aus dem jüdischen Mutterland. Und wie in Korinth scheinen auch diese rivalisierenden Verkündiger ihre palästina-jüdische Identität als Vorzug gegenüber Paulus präsentiert zu haben. Kaum zufällig nämlich schreibt er in 3,4b-5: „Wenn irgendein anderer meint, auf das Fleisch (meint: irdische Faktoren) vertrauen zu können, könnte ich das noch viel mehr: Am 8. Tag beschnitten, aus dem Volk Israel, vom Stamm Benjamin, Hebräer von Hebräern.“

Betrachtet man nun die Informationen, die Paulus selbst in 2 Kor 11,22 und Phil 3,5 zu seiner Herkunft bietet, losgelöst vom brieflichen Kontext, so besteht scheinbar ein deutlicher Widerspruch zu den Informationen der Apg. Denn als „Hebräer“ (2 Kor 11,22) und sogar als „Hebräer von Hebräern“ (Phil 3,5) ordnet sich Paulus seiner Herkunft nach explizit dem jüdischen Mutterland und nicht der Diaspora zu. Unter Berücksichtigung aber der jeweils apologetischen Einbindung bieten seine Äußerungen sogar eine implizite Bestätigung dafür, dass seine Rivalen ihn als Diasporajuden einstuften. Und dass sie damit durchaus richtig lagen, gibt Paulus ebenfalls selbst unausgesprochen durch seine Briefe zu erkennen. So weist ihn seine hohe griechische Sprachkompetenz als „native speaker“ aus. Zudem greift er dort, wo er die Heiligen Schriften Israels bemüht, wie selbstverständlich auf die Septuaginta zurück, also auf die prominenteste Bibelversion der Diasporajuden. Und nicht zuletzt verbringt er die erste Phase seiner Verkündigungstätigkeit – noch ganz auf sich gestellt – nach eigener Auskunft in Syrien und Zilizien (Gal 1,21-23), also aus jüdischer Sicht in der Diaspora. Dies aber dürfte nicht nur seiner Überzeugung geschuldet sein, einen göttlichen Auftrag zur Verkündigung unter den Heiden erhalten zu haben (Gal 1,16). Betrachtet man nämlich die Wahl seines ersten Betätigungsfeldes im Licht der Information über seine Herkunft aus Tarsus in Zilizien, die Lukas bietet (Apg 21,39; 22,3a), so wird sie leicht nachvollziehbar: Paulus macht die ersten, vorsichtigen Gehversuche als Verkündiger in einem Umfeld, das ihm geographisch, kulturell und religiös von Kindheit an vertraut ist.

Die Indizien sind also erdrückend, dass Paulus tatsächlich in der Diaspora geboren und aufgewachsen ist. Trotzdem bezeichnet er sich zweimal explizit in seinen Briefen als „Hebräer (von Hebräern)“ (2 Kor 11,22; Phil 3,5). Wollte er seinen Rivalen in Korinth und Philippi damit nicht ins offene Messer laufen, kann dies nur bedeuten: Die Vorfahren des Paulus stammten ursprünglich aus dem jüdischen Mutterland, und das Wissen darum wurde in seiner Familie offenbar auch wachgehalten. Oder anders gesagt: Die Familie des Paulus pflegte bewusst ihre palästina-jüdischen Wurzeln und die daraus erwachsende Identität.

Paulus lernt also von Kindesbeinen an eine hellenistisch geprägte städtische Kultur einer römischen Provinz in der östlichen Reichshälfte kennen. Seine schulische Grundausbildung erhält er als Sohn jüdischer Eltern innerhalb des hellenistisch-jüdischen Bildungswesens. Angesichts der in seiner Familie hochgehaltenen Erinnerung an ihre palästina-jüdische Herkunft hat Paulus aber wohl auch schon früh Hebräisch und/oder Aramäisch gelernt. Jedenfalls geht er als junger Mann – wahrscheinlich bestärkt durch seine Familie – in die Heimat seiner Vorfahren. Dafür spricht ganz entschieden, dass Paulus sich in Phil 3,5 nicht nur als „Hebräer von Hebräern“ bezeichnet, sondern sofort darauf als „dem Gesetz(esverständnis) nach Pharisäer“. Durch seine differenzierte Formulierung stellt er hier klar: Er stammt zwar aus einem Elternhaus mit palästina-jüdischen Wurzeln, jedoch nicht aus einem pharisäisch geprägten Elternhaus. Vielmehr verdankt sich sein Anschluss an das pharisäische Gesetzesverständnis seiner eigenen Entscheidung. Doch diese Entscheidung war nur im jüdischen Mutterland realisierbar. Denn die zahlreichen rituell-kultischen Bestimmungen des Alltagslebens, auf die ein Pharisäer gemäß seinem Gesetzesverständnis verpflichtet war, ließen sich nur in einem jüdisch geprägten Wirtschaftsraum, konkret vor allem in der Tempelstadt Jerusalem, erfüllen.

Mit seinem Entschluss, sich der Gruppe der Pharisäer anzuschließen, distanzierte sich Paulus zugleich von der ihm vertrauten hellenistischen Kultur. Diese hatte seit Beginn der ptolemäischen und seleukidischen Vorherrschaft ab dem 4. Jahrhundert vor Christus zunehmend auch Einfluss in Palästina gehalten. Doch es war ein religiös motivierter Kreis von „Frommen“ (Chassidim), der sich den Veränderungen durch die Kultur des Hellenismus von Anfang an widersetzte. Aus diesem Kreis der Chassidim bildeten sich im Laufe der Zeit verschiedene religiöse Gruppen heraus, wie etwa die Pharisäer. Sie bildeten auch im 1. Jahrhundert nach Christus noch ein Gegengewicht gegen die unter der Vorherrschaft der Römer und ihren jüdischen Klientelfürsten weiter fortschreitende Hellenisierung des jüdischen Mutterlandes. Indem sich Paulus den Pharisäern anschloss, tauchte er also in eine für ihn als Diasporajuden bisher unbekannte, ganz und gar von der Tora beziehungsweise einem spezifischen Toraverständnis bestimmte kulturelle Welt ein.

 

Vom gewaltbereiten Fundamentalisten zum Apostel Christi Jesu

 

Während seiner pharisäischen Phase, die Paulus wohl hauptsächlich in Jerusalem verbrachte (Apg 22,3b), entwickelt er sich einerseits zum gewaltbereiten Fundamentalisten und trifft andererseits auf christusgläubige Juden, die die Auswirkungen seiner religiösen Radikalisierung zu spüren bekommen. Diese Phase spricht Paulus selbst in Phil (3,5f) und ausführlicher noch im Galaterbrief an. In Gal 1,13f blendet er zu Beginn des umfangreichen autobiographischen Briefabschnitts (1,13-2,21) in die Lebensphase zurück, die seiner Annahme des Christusglaubens unmittelbar vorausging. Dabei stellt er sie unter die Überschrift „Mein Wandel einst im Judentum“ (V. 13a). Diesen Wandel thematisiert Paulus zunächst hinsichtlich seiner geradezu fanatischen („über die Maßen“) Verfolgung der Christusgläubigen (V. 13b), bei denen es sich in dieser frühnachösterlichen Zeit in Jerusalem durchweg um christusgläubige Juden handelte. Wenn Paulus daher von seinem „Wandel im Judentum“ spricht, meint er also seine theologisch-religiöse Orientierung innerhalb des pluralen, frühen Judentums. Darin aber unterschied er sich so stark von den christusgläubigen Juden, dass er sie zu vernichten trachtete.

Wenngleich Paulus sich in Gal 1,13f anders als in Phil 3,5 nicht explizit als Pharisäer bezeichnet, gibt er sich doch implizit als solcher zu erkennen. Denn er erwähnt die „Überlieferungen seiner Väter“, also die mündliche Tradition, die für Pharisäer unter dem Kriterium der Offenbarungsqualität dieselbe Würde besaß wie die schriftliche Tora. Doch präzisiert Paulus seine Information noch, indem er sich einen „Eiferer (gr. zēlōtēs) im Übermaß“ für diese väterlichen Überlieferungen nennt (V. 14). Damit aber outet er sich als Sympathisant des radikalen zelotischen Flügels der Pharisäer. Der Eifer dieser Splittergruppe richtete sich auf das strikte Einhalten des jüdischen Religionsgesetzes pharisäischer Lesart, und nach dem Vorbild des Pinhas (Num 25) waren ihre Mitglieder bereit, ihr Ziel auch gewaltsam durchzusetzen. Paulus bezeugt in Gal 1,13f nun selbst, dass sich seine zelotische Gewaltbereitschaft gegen christusgläubige Juden wendete. Das aber impliziert: Er warf den Anhängern des Messias Jesus von Nazaret Abfall vom jüdischen Religionsgesetz vor.

Mitten hinein in diese Phase seines fanatischen Gesetzeseifers trifft Paulus nun nach eigenem Bekunden eine Offenbarung Gottes (Gal 1,15f). Sie hat Gottes Sohn zum Inhalt, und zwar verbunden mit dem Auftrag, ihn als Evangelium unter den Heiden zu verkünden. Im scharfen Kontrast zu seiner bisherigen Überzeugung gelangt Paulus jetzt also zur Gewissheit: Der ihm als Sohn Gottes offenbarte Jesus Christus (Gal 1,12) ist in Person das Evangelium, also die Heilsbotschaft. Dadurch sieht er sich gezwungen, den neuralgischen Punkt zu akzeptieren, der ihn als pharisäischen Eiferer Gewalt gegen christusgläubige Juden üben ließ, nämlich: In Jesus Christus kommt die Heilsfunktion der Tora an ihr Ende und ihr Ziel (Röm 10,4). Die logische Schlussfolgerung daraus war für ihn, Jesus Christus als Evangelium dem göttlichen Auftrag gemäß unter den Heiden zu verkünden – und zwar ohne deren Verpflichtung auf das jüdische Religionsgesetz.

Bis Paulus entsprechend seiner Beauftragung mit der Verkündigungsarbeit unter den Heiden beginnt, vergehen allerdings noch rund zwei Jahre (Gal 1,16-23). Diese Zeit brauchte er wohl, um seinen theologischen „Kompass“ im Licht seines Offenbarungserlebnisses neu auszurichten. Während der ersten Verkündigungsphase in Syrien und Zilizien stößt er dann zur Gemeinde im syrischen Antiochia, wo er für sein Projekt der auflagenfreien (keine Beschneidung; keine Verpflichtung auf die Kulttora) Heidenmission auf Gleichgesinnte trifft (Apg 11,19-26) und Mitglied im Gemeindeleitungsteam wird (Apg 13,1f). In Anbindung an die antiochenische Gemeinde setzt Paulus gemeinsam mit Barnabas bei der Jerusalemer Gemeindeleitung durch, dass christusgläubig gewordene Heiden nicht zum Judentum konvertieren müssen (Gal 2,1-10; Apg 15,1-19). In zunächst engerer, dann loserer Anbindung an die antiochenische Gemeinde erzielt Paulus auf zwei Missionsreisen mit Barnabas und Johannes Markus (Apg 13,1-14,28) beziehungsweise mit Silas und Timotheus (Apg 15,40-18,22) beachtliche Missionserfolge unter den Heiden. Doch dann gibt die Gruppe christusgläubiger Juden in Antiochia zunächst dem Drängen konservativer Jerusalemer Kreise um Jakobus nach und beendet dem Beispiel des Petrus folgend die Tischgemeinschaft mit den Gemeindemitgliedern heidnischer Herkunft (Gal 2,11-13). Wenig später akzeptiert sie einen Kompromiss, den Lukas in der Darstellung von Apg 15,20.29 – einem breiten Forschungskonsens nach historisch unzutreffend – bereits beim Jerusalemer Aposteltreffen verankert. Dieser Kompromiss (in der Fachwelt Jakobusklauseln genannt) erwartet von den Heidenchristen die Beachtung bestimmter ritueller Mindeststandards als Vorbedingung für eine Tischgemeinschaft mit christusgläubigen Juden. Der grundsätzliche Verzicht auf eine Beschneidungsforderung und eine Verpflichtung auf die gesamte Kulttora steht dabei keinesfalls zur Debatte. Paulus jedoch zeigt sich nicht kompromissbereit. Denn für ihn stellen die geforderten Mindeststandards bereits ein Einfallstor für „die Werke des Gesetzes“ dar, unterminieren also die alleinige Heilsfunktion Christi. Mit dieser Sichtweise steht er offenkundig unter den christusgläubigen Juden Antiochias isoliert dar. Konsequent bricht er daher die Verbindung zur dortigen Gemeinde ab.

Während seiner anschließenden dritten Missionsreise (52-56) bekommt Paulus den Druck konservativ-toraobservanter Judenchristen noch stärker zu spüren. Wenn die Anzeichen nicht trügen, setzt um die Mitte der 50er Jahre eine gezielte „Nachmissionierung“ dieser Gruppe in den von Paulus gegründeten heidenchristlichen Gemeinden ein. Am unmittelbarsten greifbar werden ihr Wirken und ihre Zielsetzung im Galaterbrief. Im offenkundigen Widerspruch zu der einige Jahre zuvor in Jerusalem getroffenen Vereinbarung (Gal 2,1-10; Apg 15,1-19) fordern die „Konkurrenzverkündiger“, die den damals unterlegenen toraoberservanten Kreisen theologisch nahe gestanden haben dürften, von den galatischen Heidenchristen sich beschneiden zu lassen (Gal 6,12f). Die Beschneidung aber impliziert Verpflichtung auf die Tora, und dafür steht exemplarisch die Beachtung eines aus der Tora abgeleiteten und an den Gestirnen orientierten Festkalenders (Gal 4,8-10). Doch nicht nur in Galatien, auch in Philippi (3,2-11) und Korinth (2 Kor 11,4 mit Gal 1,6-9) haben die konservativ-judenchristlichen Rivalen des Paulus offenbar versucht, die Gemeinden von der Heilsinsuffizienz seiner auflagenfreien Evangeliumsverkündigung zu überzeugen. Paulus nimmt die Herausforderung an und stellt sich dem Kampf um seine Gemeinden. Denn er ist sich gewiss: Die erfolgreiche Verteidigung des ihm von Gott selbst anvertrauten, authentischen Evangeliums (Gal 1,11f. 15f) entscheidet gleichermaßen über das Heil der christusgläubig gewordenen Heiden wie über seine Glaubwürdigkeit als Apostel Christi. Wie schon zuvor beim antiochenischen Zwischenfall, so blitzt auch jetzt erneut die kompromisslose Entschiedenheit des einstigen zelotisch-pharisäischen Fundamentalisten in der Frage hervor, die den Dreh- und Angelpunkt seiner theologischen Überzeugung bildet. Anders freilich als zuvor der pharisäische Paulus führt der christusgläubige Paulus jetzt seinen Kampf ohne Gewalt gegen die Andersdenkenden.

 

Verkündiger mit Managerqualitäten

 

Paulus war ein urbaner Mensch. Die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er in städtischen Zentren, die nach antiken Maßstäben Großstädte waren. Selbst sein Rückzug in die Arabia unmittelbar nach seinem Offenbarungserlebnis (Gal 1,17) bildet keine Ausnahme. Denn in der Arabia waren bedeutende hellenistische Städte gelegen, die Handelszentren der Nabatäer bildeten.

Diese Urbanität bestimmte auch das missionarische Wirken des Paulus. Er machte sich die gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Strukturen hellenistischer Städte, die ihm seit jeher vertraut waren, zunutze, um Gemeinden zu gründen und sie auf eine funktionierende infrastrukturelle Basis stellen zu können. Sein planvoll-strategisches Vorgehen hätte dabei jedem modernen Manager Ehre gemacht. So suchte sich Paulus, wenn er in einer Stadt zu verkündigen begann, seine ersten Ansprechpartner unter den gottesfürchtigen Heiden im Umfeld der städtischen Diasporasynagogen. Diese heidnischen Sympathisanten des jüdischen Glaubens gehörten nicht zu den ärmsten Schichten der städtischen Bevölkerung. Sie verdienten ihren Lebensunterhalt nicht selten durch Handwerk und/oder Handel. Damit verbunden standen sie in der Regel auch einem Hauswesen vor, das gemäß den zeitgenössischen sozialen und ökonomischen Strukturen eine komplexe Lebens- und Produktionsgemeinschaft mit entsprechendem Gebäude bildete. Wenn es Paulus gelang, einige solcher Hausvorstände für seine Botschaft zu gewinnen, war damit die Keimzelle für eine neue Gemeinde von Christusgläubigen gegeben. Denn erstens war es angesichts der religiös-kultischen Dimension einer antiken Hausgemeinschaft wahrscheinlich, dass auch die übrigen Mitglieder des Hauses früher oder später den Christusglauben annahmen; und zweitens boten die Häuser die infrastrukturelle Basis in räumlicher, finanzieller und personeller Hinsicht, um eine Gemeindeorganisation aufzubauen. So ist es alles andere als Zufall, dass gerade namentlich genannte Gemeindemitglieder verschiedentlich mit ihrem Hauswesen beziehungsweise dessen Einsatz für die Gemeinde erwähnt werden (vgl. etwa Stephanas: 1 Kor 1,16; 16,15-18; Gaius: 1 Kor 1,14; Röm 16,23; Priska und Aquila: 1 Kor 16,19; Röm 16,3-5). Wichtig war aber auch der Faktor der Mobilität dieser für den Erfolg der paulinischen Verkündigung entscheidenden Zielgruppe. Denn gerade die Vermarktung von Waren außerhalb der eigenen Stadt ermöglichte den Hausvorständen oder anderen Hausangehörigen, auf ihren Reisen Kurierdienste in Gemeindeangelegenheiten und/oder für Paulus zu übernehmen (etwa Stephanas: 1 Kor 16,17f; Phoebe: Röm 16,1f). Nicht zuletzt kam die Mobilität dieser Gemeindemitglieder auch der Verbreitung des Evangeliums zugute (etwa 1Thess 1,8). Die gerade unter dem Vorzeichen der zeitnah erwarteten Wiederkunft Christi marketingstrategisch kluge Schwerpunktmission des Paulus in ausgewählten städtischen Zentren ermöglichte ihm also, äußerst arbeitsökonomisch eine größtmögliche Zahl an Menschen mit der Evangeliumsbotschaft zu erreichen. So kann er bereits Mitte der 50er-Jahre seine Arbeit in der Osthälfte des Imperiums als erfüllt betrachten und seinen Blick nach Westen richten (Röm 15, 17-24).

Zu den Managerqualitäten des Paulus gehört ebenfalls, dass er ein „networker“ war. Davon zeugt die Vielzahl von Personen, die er in seinen Briefen namentlich erwähnt. Selbst in der römischen Gemeinde, die er weder gegründet noch bei Abfassung des Römerbriefes bis dato besucht hatte, pflegte er zahlreiche persönliche Kontakte zu einzelnen Gemeindemitgliedern (Röm 16,1-16). Auf diesen großen Personenkreis konnte er sich verlassen und bei Bedarf um Unterstützung bitten. Als Managertyp erweist sich Paulus jedoch auch darin, dass er sich konsequent von Begleitern trennte, die sich als nicht zuverlässig oder kooperativ genug erwiesen. So weigert er sich nach den Erfahrungen der ersten Missionsreise, Johannes Markus ein weiteres Mal mitzunehmen. Als Barnabas das nicht akzeptieren will, setzt er die bis dahin bewährte Zusammenarbeit mit ihm nicht fort (Apg 15,36-39). Ähnlich dürfte es Silas/Silvanus ergangen sein, der Paulus gemeinsam mit Timotheus auf der zweiten Missionsreise begleitet (1 Thess 1,1; Apg 15,40-18,5). An der dritten Missionsreise nimmt Silas jedoch nicht mehr teil. Die Vermutung liegt nahe, dass Paulus sich von ihm trennte, weil Silas als Jerusalemer Judenchrist (Apg 15,22) ihn beim antiochenischen Zwischenfall in seiner kompromisslosen Haltung nicht unterstützte.

 

„Wenn ich schwach bin, bin ich stark“

 

Mehr als zwei Jahrzehnte hat Paulus unermüdlich das Evangelium unter den Heiden verkündigt und dabei weit über 30.000 Kilometer unter den beschwerlichen Reisebedingungen der Antike zurückgelegt. Er selbst bezeugt in 2 Kor 11,23-27 über die Strapazen der Reisen hinaus noch zahlreiche weitere Mühsale, die er als Diener Christi (V. 23) zu ertragen hatte, darunter mehrere Gefängnisaufenthalte, Körperstrafen und sonstige Misshandlungen. Wenngleich Paulus persönliche Themen nur anspricht, sofern sie seine Argumentation stützen, ist angesichts dieser großen Strapazen doch eine Beobachtung bemerkenswert: In seinen überlieferten Briefen gibt es nur zwei Indizien für eine physische Erkrankung. So könnte Paulus in Erinnerung an seine Erstverkündigung in Galatien mit Gal 4,15 auf ein Augenleiden anspielen. Auch beim „Stachel/Dorn im Fleisch“ (2 Kor 12,7), der Paulus offenbar massiv quält, dürfte es sich um ein körperliches Leiden handeln, das – wie der Kontext nahelegt – bereits vor längerer Zeit ausgebrochen und inzwischen chronisch geworden war. Trotz der damit verbundenen Schmerzen hinderte es Paulus aber nicht daran, seine Missionsarbeit weiterhin intensiv zu betreiben. Damit spricht der Befund insgesamt dafür, dass er eine robuste körperliche Konstitution besaß.

Im 2 Kor gibt es allerdings einige Hinweise, die erahnen lassen, dass die Situation der Gemeinden in Korinth und Galatien um das Jahr 55 Paulus psychisch schwer belastet hat. Nach Abfassung des ersten Korintherbriefes hatte sich das Verhältnis der Gemeinde zu Paulus so verschlechtert, dass er sich kurzfristig zu einem spontanen Besuch in Korinth entschloss. Vor Ort wurde er von einem Gemeindemitglied offenbar mit schweren Vorwürfen attackiert, ohne dass sich die Gesamtgemeinde sofort davon distanzierte. Paulus brach deshalb seinen Besuch ab und schrieb bald darauf einen geharnischten Brief an die Gemeinde, mit dem er Titus nach Korinth schickte (2 Kor 2,1-13). Der zeitnah zum zweiten Korintherbrief verfasste Galaterbrief belegt, dass Paulus auch um die galatischen Gemeinden in großer Sorge sein musste. Denn sie standen unmittelbar davor, dem Werben der toraobservanten judenchristlichen Konkurrenzmissionare nachzugeben (Gal 4,10.21; 5,2-4; 6,12). Diese Phase der Ungewissheit, bevor er von Titus beruhigende Nachrichten aus Korinth erhielt (2 Kor 7,5-16), hat Paulus anscheinend in eine schwere Krise gestürzt (2 Kor 2,12f; 7,5). Vielleicht darf man sogar 2 Kor 1,8-10 als Hinweis auf einen depressiven Erschöpfungszustand („Burn-Out“) deuten. Gewiss muss eine solche Diagnose spekulativ bleiben. Doch für sie spricht, dass die akute Gefahr, die Gemeinden in Korinth und Galatien zu verlieren, Paulus in seinem apostolischen Selbstverständnis mit einem drohenden „Super-GAU“ konfrontierte. Denn wenn er die von ihm gegründeten Gemeinden als „Siegel seines Apostelamtes“ (1 Kor 9,2) und als „sein Empfehlungsschreiben“ (2 Kor 3,2) verstand, dann musste für ihn ein Scheitern seiner apostolischen Beziehung zu ihnen gleichbedeutend sein mit einem Scheitern an seinem von Gott erhaltenen Auftrag als Apostel. Dass ihm eine solche Perspektive tatsächlich wie ein Todesurteil vorkommen konnte (2 Kor 1,9), die wohl schon nicht mehr zu hoffen gewagte Aussöhnung mit der korinthischen Gemeinde aber als eine von Gott gewirkte Rettung aus Todesnot (2 Kor 1,10), ist keinesfalls abwegig.

Letztlich ist Paulus aus dieser tiefen Krise wahrscheinlich gestärkt hervorgegangen. Denn er stellt sich auf breiter Front – mal mehr abwehrend, mal mehr vorbeugend, mal mehr invektiv, mal mehr argumentativ, auf jeden Fall aber offensiv (2 Kor 10-13; Röm 1,16-8,39; Phil 3,2-16) – der Auseinandersetzung mit den Konkurrenzverkündigern, die schon bald auch in der korinthischen Gemeinde für erneute Unruhe sorgten. Ja, er plant sogar die Verlagerung seiner Verkündigungsaktivitäten nach Spanien (Röm 15,23f). Doch bei seinem zuvor absolvierten Jerusalembesuch, auf den er in Röm 15,30f bereits mit unguten Gefühlen vorausblickt, wird Paulus wohl auf Betreiben streng toratreuer Jerusalemer Gruppen aufgrund seiner christologisch begründeten Haltung zu Gesetz und Tempel verhaftet (Apg 21,27f). Damit aber wird er zum Opfer eines Kreises von Gesetzeseiferen, dem er selbst vor seiner Lebenswende einst angehört hatte.

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