Ein Rückblick aus der Vergangenheit
Wirft man einmal einen Blick in die historischen Überblickswerke, die im frühneuzeitlichen Schulunterricht Verwendung fanden, so erfährt man, dass das Jahr 1517, in dem Luther seine Thesen veröffentlichte, schon hundert Jahre nach dem Ereignis durchaus als Zeitenwende gelten kann. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts sollte der Schüler – ungeachtet seiner Konfession – jedoch auch darüber unterrichtet werden, was sich außerdem in diesem Zeitraum ereignete. Auch für einen überzeugten Lutheraner wie Christoph Helwig, der als Professor für alte Sprachen an der neu gegründeten Landesuniversität der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt in Gießen unterrichtete, war der Synchronismus ein wesentlicher Bestandteil des Geschichtsunterrichts, der im Rahmen des Studiums der Freien Künste (artes liberales) an deutschen Universitäten erteilt wurde. In seinem 1609 erstmals erschienen tabellarisch gefassten Werk „Theatrum historicum“ markiert sein Drucker das Ereignis „Martinus Lutherus scribit contra Indulgentias, anno 1517“ anhand eines großen Ornaments, das den Epochenbruch graphisch deutlich hervorhebt.
Was noch geschah, ist bei Helwig sozusagen auf einen Blick ersichtlich. Ebenfalls typographisch hervorgehoben fällt die beinahe Gleichzeitigkeit mit Kaiser Karl V. auf. Schaut man genauer hin, so erfährt man von der Belagerung Wiens durch die Türken 1529, den Kriegen zwischen dem Reich und Frankreich und etwas früher, 1454 von der Eroberung Konstantinopels, in den Augen Helwigs ein Umbruchsereignis, da „genau hier das östliche Imperium auf die Türken übergeht“. Auch Ars Typographica findet für das Jahr 1440 Erwähnung; leicht kapitalisiert markiert diese Erfindung ein bedeutendes Ereignis in der Spalte für Academia. Bemerkenswert ist Helwigs Bemerkung über den außereuropäischen Entstehungsort dieser Schlüsselerfindung der Neuzeit, die „schon seit langer Zeit in China bekannt ist und dort auch entwickelt wurde“.
Doch was ist mit der iberischen Expansion, die um 1500 aus heutiger Sicht als das epochemachende Ereignis in keinem historischen Übersichtslehrbuch fehlen darf? Was ist mit der Fahrt des Christoph Columbus nach Westen, mit Vasco da Gamas Indienreise oder Fernão de Magalhães Weltumsegelung? Sie alle finden im „Theatrum historicum“ keinen Platz. Selbst die Entdeckung einer Neuen Welt scheint nicht geeignet in dieser Synopse unterzukommen. Auch bis zur Gegenwart des Autors zu Beginn des 17. Jahrhunderts wird das außereuropäische Geschehen komplett ignoriert. Tatsächlich findet sich erst in der vierten erweiterten Auflage des Werks, besorgt durch Helwigs Schwiegersohn und den Barockautor Johann Balthasar Schupp im Jahr 1638, ein einziger Eintrag in der Spalte der spanischen Dynastie über einen Aufstand in Mexiko für das Jahr 1624. Danach bleibt die Spalte für Spanien ganz frei. Das Reformationsjubiläum von 1617, an dem sich die Publikation der Lutherschen Thesen zum hundertsten Mal jährte, markiert indes die eindeutige Präferenz dieser konfessionellen Historiographie.
Das Schweigen beziehungsweise die Unkenntnis hinsichtlich der Geschichte der portugiesischen und spanischen Reisen nach Asien, Afrika und Amerika im Rahmen dieser synchronistischen Geschichtswerke darf zwar nicht repräsentativ für den historiographischen Kenntnisstand im 17. Jahrhundert im Allgemeinen gelten. Allerdings steht die außereuropäische Geschichte im Rahmen der Geschichtsvermittlung im Schulunterricht, wo solche Tabellenwerke meistens Verwendung fanden, eher im Hintergrund. Das gilt für viele mitteleuropäische, meist protestantische Autoren, wie Christoph Schraders chronologische Tafeln, die weite Verbreitung genossen, die aber auch keine Informationen zur Begegnung mit außereuropäischen Gesellschaften enthalten.
Bei katholischen Autoren von historischen Tabellenwerken im 16. und 17. Jahrhundert ist das etwas anders. Zwar steht auch bei diesen die Geschichte der Begegnung, ihrer Rückwirkungen auf Europa keineswegs im Vordergrund ihrer kompilatorischen Strategie. Allerdings war die Erwähnung der Tätigkeiten der Portugiesen in Afrika und Asien eine Möglichkeit, der lutherischen Erzählung des Epochenbruchs eine ähnlich gewichtige Darstellung entgegenzusetzen. Der französische Bischof und Historiker Gilbert Génébrard, der sich als besonders kämpferischer katholischer Ligist im Umfeld der französischen Religionskriege im späten 16. Jahrhundert radikalisierte, verfolgte diese Strategie in einem vor Helwigs „Theatrum“ veröffentlichten Werk mit dem Titel „Chronographia libri quatuor“. Schlagen wir sein massives Kompendium zum Jahr 1517 auf, entdecken wir im „spatium historicum“ – so nennt man die Spalte für die historischen Darstellung in Tabellenwerken – die Darstellung des Streits zwischen Luther, dem Kurfürsten von Mainz (Albrecht von Magdeburg), dem Dominikanermönch Johann Tetzel, dem Kurfürst von Sachsen und so weiter. Der daraus hervorgehende Lutheranismus habe sich daraufhin weiterverbreitet und ganz Europa entzündet. Für Génébrard stellt der Reformator Luther eine Erscheinung des Antichristen dar, den er darüber hinaus auch mit dem Islam als wahres regnum Antichristi in einen engen Zusammenhang.
Anders als Helwig setzt Génébrard den Thesenanschlag in einen Zusammenhang mit dem gleichzeitig stattfindenden Geschehen der türkischen aber auch der iberischen Expansion: Die endgültige Befreiung des Königreichs Granada für die Christenheit ist ihm ebenso wichtig zu erwähnen wie auch die Bekehrung des Reichs des Manikongo in Afrika (im heutigen Angola) zum Christentum. Das Thema des portugiesischen Reiches interessiert Génébrard aber auch in der gesamten historischen Darstellung um das Jahr 1500. Er berichtet für das Jahr 1520 von der Entdeckung Äthiopiens, das er, dem Wissen der Zeit entsprechend, für das Reich des christlichen Priesterkönigs Johannes hält. Jener sei, so schreibt der Bischof, trotz seiner 150 Jahre noch immer körperlich und geistig sehr aktiv. König Manuel von Portugal wird als christlicher König gelobt, der außerdem die Verbindung zu Indien unterhält. Über mehrere Seiten beginnt der Textteil bei Génébrard mit der Erwähnung des Königs von Portugal und der jeweiligen Fortschritte in der Entdeckung neuer Länder: Die Umschiffung des Kap der Guten Hoffnung, die Ausdehnung des Krieges gegen die Muslime auf Ungläubigen in den Neuen Welten, die Teilung der Welt zwischen Portugal und Kastilien, die Benennung Amerikas nach Amerigo Vespucci, Pedro Cabrals Fahrt nach Brasilien oder die Begegnung mit Christen in Indien, die noch von der ersten Mission des Heiligen Thomas abstammen.
Historiker also, die etwa ein Jahrhundert nach der Zeitenwende schrieben, setzten sich im konfessionellen Disput unterschiedlich mit dem Synchronismus um 1500 auseinander. Während Helwig und andere lutherische Autoren selbst die kastilische beziehungsweise spanische Expansion ignorierten, war der größere Zusammenhang einer gewissen Globalisierung der europäischen Geschichte für katholische Autoren wie Génébard durchaus ein wesentlicher Teil des Arguments seiner Topographie historischer Gleichzeitigkeit.
Europa und die Welt um 1500: Portugal als Bindeglied?
Was wir von dieser konfessionell aufgeladenen Historiographie um 1600 lernen können ist, wie wir uns heute dem Zusammenhang der portugiesischen Expansion und dem Geschehen auf dem europäischen Kontinent annähern können. War überhaupt ein sachlicher Zusammenhang neben der zeitlichen Koinzidenz der Ereignisse zu erkennen? Welche Rolle spielt die von Génébrard aufgerufene Gleichzeitigkeit der Begegnung zwischen Portugiesen und Gesellschaften in Asien und Afrika im historischen Zusammenhang mit der um 1500 beginnenden politischen, wirtschaftlichen und konfessionellen Umwälzung in Europa? Ich denke, dass wir aus der Wahrnehmung der Zeitgenossen auf einige Zusammenhänge schließen können, die uns bislang fremd oder schwer nachvollziehbar waren. Denn die moderne Historiographie zum frühen portugiesischen Kolonialreich hat bis vor kurzem einige wenige Narrative einer zunächst erfolgreichen Expansionsgeschichte, dann aber gescheiterten Kolonialreichsbildung erzählt.
Die national- und kolonialhistorische Hagiographie des 19. und 20. Jahrhunderts in Portugal, die einige männliche Heroen in der Expansionsgeschichte hervorhebt, kontrastiert dagegen scharf mit einer strengen Kritik an der mangelnden Fähigkeit der Portugiesen koloniale Herrschaft ohne Gewalt- und Ausbeutungspraktiken aufrechtzuerhalten. Eine Variante der spanischen „leyenda negra“ ist auch, wenn auch in abgeschwächter Form, für das portugiesische Kolonialreich auszumachen. Portugiesen seien demnach schon von Beginn an ihrer Fahrten nach Afrika und Asien mit außerordentlich brutalen Eroberungs- und Unterwerfungsvorstellungen in die den Europäern bislang fremden Kulturräume vorgedrungen. Während sie in Afrika und Asien zunächst kaum über die Etablierung eines Netzwerks von litoralen Stützpunkten und Festungen hinauskamen, gelang ihnen im Südatlantik indes der Aufbau des nachhaltigsten (und wahrscheinlich profitabelsten) Wirtschaftssystem. Letzteres basierte jedoch in erster Linie auf einer Sklavenökonomie, die recht unabhängig vom Mutterland zwischen der Niederlassung an der Kongo-Mündung in Afrika und den Siedlung und Plantagen in Brasilien unterhalten wurde.
In letzter Zeit hat sich zu den politischen, wirtschaftlichen und konfessionellen Fragestellungen der Historiker des portugiesischen Kolonialreichs ein neues Thema hinzugesellt. Dabei handelt es sich um die Bedeutung bestimmter kultureller Praktiken, die Portugiesen gemeinsam mit nicht-europäischen Akteuren ausbildeten, um innerhalb eines globalen Handlungsraums zusammenzuleben, und dabei den Austausch von Menschen, materiellen Gütern und letztlich auch Ideen zu betreiben. Das Spannende an der diesbezüglichen Forschung ist, dass die Vorstellung eines portugiesischen Kolonialvorhabens, das über einen klaren Plan der Expansion verfügte, immer weniger plausibel erscheint. Es scheinen sich vielmehr durch die frühe portugiesische Expansion nach Afrika, Asien und Amerika vielmehr Möglichkeiten für europäische und nicht-europäische Akteure ergeben zu haben, einen globalen Kulturraum zu schaffen, der bestimmten Dynamiken der Verflechtung, Ähnlichkeiten der gegenseitigen Wahrnehmung und der Verfolgung gemeinsamer Interessen gedient hat.
Man spricht in den Geschichtswissenschaften heute von einer geteilten, verbundenen oder verflochtenen Geschichte zwischen den verschiedenen Akteuren, die sich im portugiesischen Kolonialreich begegneten. Die neue Geschichtsschreibung stellt sich gegen einseitige Erzählungen, die sich auf wirtschaftliche, politische oder missionarische Motive der Portugiesen verengen, und dabei die Gegenseite der Begegnungsgeschichte außer Acht lässt.
Aus Zeitgründen werde ich diese komplexe Geschichte gegenseitiger Wahrnehmungen, Praktiken und Ideen aus globaler Perspektive kaum für einen derart ausgedehnten Raum wie dem portugiesischen Kolonialreich selbst im groben Überblick darstellen können. Ich werde daher der Praxis der frühneuzeitlichen Tabellenwerkautoren folgen und einen bestimmten synchronen Ereigniszusammenhang herausgreifen. Im Zentrum steht daher das Jahr 1500. Um diese Zeit erfuhr die damals schon alte portugiesische maritime Reisetätigkeit eine bedeutende Zäsur, die mit der Ankunft Vasco da Gamas in Calicut an der indischen Malabarküste 1498 eingeleitet wurde und mit der Eroberung einiger bedeutender Hafenstädte in Asien innerhalb weniger Jahre zur Errichtung des Estado da Índia, des „Staats von Indien“ führte. Im Jahre 1517 waren die Portugiesen daher nicht nur in der Lage den Gewürzhandel mit Asien über den Seeweg zu kontrollieren, sondern auch die katholische Mission als eine der maßgeblichen Aufgaben des christlichen Europas zu inszenieren.
Das hatte insbesondere mit der Begegnung in zwei Orten zu tun, die ich gerne zum Anlass für eine genauere Betrachtung nehmen möchte: Das Benin-Reich in Westafrika und die Stadt Goa an der indischen Malabarküste. Hier zeigen sich einige der Wechselwirkungen, die sich zwischen Portugiesen und Gesellschaften außerhalb Europas vollzogen. Es lohnt sich also einmal ein Schlaglicht auf diese Orte zu werfen, wo konfessionelle, politische und wirtschaftliche Faktoren ein komplexes Gemengelage ergaben.
Luso-afrikanische Beziehungen in Benin
Wann genau die Portugiesen das Königreich Benin mit seiner Hauptstadt Benin-Stadt im Landesinneren und seinem Emporium in Ughoton das erste Mal besuchten, ist aufgrund schlechter Quellenlage nicht genau überliefert. Bekanntlich rückten portugiesische Schiffe mit jeder Reise im 15. Jahrhundert unter der Patronage des Prinzen Heinrich des Seefahrers immer weiter an der Küste Westafrikas vor. Die berühmten Portolankarten zeigen das Vorrücken deutlich, wie etwa die Cantino-Karte von 1502, auf der Flaggen an den topographischen Punkten zu sehen sind, wo sogenannte „padrãos“ aufgestellt wurden. Solche steinernen Säulen mit einem Kreuz und einer Inschrift der jeweiligen Expedition, kennzeichnen das expansive Raumempfinden der Portugiesen anschaulich. Die Kanaren waren schon im 14. Jahrhundert entdeckt, Kap Bojador von Gil Eannes 1434 erfolgreich umschifft, den Senegal-Fluss erreichte man ein paar Jahre später, der Venezianer Cà da Mosto erforschte die Region des Gambia-Flusses sowie die Kapverdischen Inseln und Fernão Gomes erkundete zusammen mit einer Gruppe von Kapitänen, die dicht besiedelte Küste von Guinea und die vorgelagerten Inseln nach dem Tod Heinrichs im Jahre 1469 (São Tomé 1471). Diogo Cão setzte die Reisen fort, erreichte 1482 den Kongo und schließlich 1485/86 Cape Cross in Namibia, das gleichzeitig den vorläufigen Endpunkt dieses afrikanischen Flügels der Expansion darstellte. 1488 gelang es Bartolomeu Dias, das Kap der Guten Hoffnung zu umrunden, was gleichzeitig die ptolemäische Annahme einer dortigen Landbrücke zwischen Afrika und eines australischen Kontinents widerlegte. Der Seeweg nach Asien war damit frei.
Die Frage, was eigentlich die Fahrten der Portugiesen motivierte, warum sie hartnäckig an der Westküste Afrikas entlangfuhren, obwohl dieses Unterfangen als ausgesprochen gefährlich galt, hat viele Antworten erhalten. So lange der Seeweg nach Asien jedoch als verschlossen galt, war Afrika selbst Ziel der iberischen Expeditionen gewesen. Denn Afrika war nicht nur durch die Geographie des Ptolemäus und die arabische Kartographie im Mittelmeerraum relativ gut bekannt. Es galt darüber hinaus als ein Land des Reichtums, wo insbesondere Gold vermutet wurde, das die an Edelmetall arme portugiesische Wirtschaft dringend bedurfte und begehrte. Außerdem hielt sich eine hartnäckige Vermutung von der Existenz eines christlichen Königreichs, jenseits des muslimischen Einflussbereichs, das man südlich der Sahara vermutete.
Ausdruck der Hoffnung, den Goldhandel in Nordafrika zu umgehen, indem man einen Zugang im Süden suchte, war der Bau von São Jorge da Mina im Jahre 1482. Die Goldminen waren den Portugiesen allerdings selbst nicht zugänglich und auch hier bemühten sie sich von Anfang an, mit den lokalen Händlern und Herrschern ein gutes Kooperationsverhältnis aufzubauen. Der Zusammenhang von Markt und Herrschaft war in dieser Region Afrikas meist nicht besonders ausgebildet, das heißt es gab wenig zentralisierte Kontrolle über Handelsbeziehungen zwischen Portugiesen und Afrikanern. Der Bau einer Festung bedeutete zwar, dass den Europäern ein befestigter Ort zugestanden wurde, doch blieben die guten Beziehungen zu lokalen Akteuren die wichtigste Bedingung portugiesischer Existenz in Afrika.
Das war im Königreich Benin jedoch etwas anders. Dort erschienen Portugiesen erstmals um 1485 im Zuge einer allgemeinen Erforschung des Landesinnern von Westafrika. Man fuhr zunächst den Senegal-Fluss 60 Seemeilen hinauf, um die großen Handelsstädte am Niger zu erreichen: Das Mali-Reich entdeckte man 1488 und 1489 wurde eine Expedition zu einem König im Senegal entsandt; Pedro da Evora erreichte schließlich Timbuktu im Jahr 1490. João Afonso de Aveiro, Gesandter des Königs João II. machte seinen ersten Besuch im Benin-Reich bereits 1484 und wurde dort vom König in Benin-Stadt freundlich empfangen. Auf der Rückreise Aveiros wurde er von einem Diplomaten des Oba, dem Gouverneur der Hafenstadt Ughothon, an den Hof in Lissabon begleitet. In den nächsten Jahren entwickelte sich Beziehungen zwischen den Portugiesen und dem straff geordneten afrikanischen Königreich, das nicht nur über klare Hierarchien zwischen Hofbeamten und Händlern an der Küste, sondern auch über eine große Hauptstadt mit ausgedehnter Palastanlage verfügte. In Ughoton errichteten die Portugiesen eine Faktorei, wo insbesondere Siedlern von der Insel São Tomé ein Handelsprivileg erteilt wurde. Allerdings entwickelte sich der Handel in Benin für die Portugiesen nur sehr schleppend. Sklavenhandel mit den Europäern handhabte der Oba sehr restriktiv, der Benin-Pfeffer spielte zwar anfänglich eine große Rolle, doch mussten die Portugiesen dafür große Mengen von Manillas (Armringe) aus Kupfer, Bronze oder Messing einführen (jährlich etwa 25 bis 49 Tonnen). Mit dem Aufkommen des Handels mit asiatischem Pfeffer wurde die Faktorei in Ugothon schließlich aufgegeben.
Den Kupferimporten nach Benin verdanken wir jedoch ein seltenes Zeugnis afrikanischer Wahrnehmung der Portugiesen um 1500. Außerordentliche Arbeiten aus Bronze, Platten, Armbänder und Masken, die zum Teil noch heute erhalten sind, stellen Portugiesen und Gesichter der Europäer dar und geben uns eine Vorstellung davon, wie präsent diese in dem westafrikanischen Staat waren. Die rechteckigen Platten zierten die Fassade des Palasts des Oba und waren bis zur militärischen Eroberung durch britische Truppen im Jahr 1897 an diesem Ort. Heute kann man einige von diesen Darstellungen im British Museum betrachten. Auffällig sind die Kleider und Hüte der Portugiesen, die aber oft in Gruppendarstellungen zusammen mit afrikanischen Würdenträgern, Kriegern und Hofbeamten zu sehen sind. Das lässt darauf schließen, dass Portugiesen sich nicht nur für kurze Zeit im Königreich aufhielten. Tatsächlich nimmt man an, dass afro-portugiesische Siedler auf São Tomé bereits um 1500 in Benin aktiv waren und wohl auch dem Oba als Söldner dienten.
Indes zerschlugen sich die Hoffnungen der Portugiesen, diesen Herrscher zum Christentum zu bekehren. Denn anders als der Manikongo, dessen Reich man später zumindest für hunderte Jahre erfolgreich christianisierte, ließ sich der König von Benin nicht von den spirituellen Vorteilen des Christentums überzeugen. Die Erwartungshaltung, den Oba für das Christentum zu gewinnen, erklärt sich mithin aus der imaginären Vorstellung des Priesterkönigs, den man immer wieder in solchen afrikanischen Herrscherfiguren zu erkennen glaubte. Das Ziel, einen christlichen Alliierten gegen die auch in dieser Region operierenden muslimischen Händler und deren politischen Einflüsse zu gewinnen, war dabei die Strategie, die Portugiesen während des gesamten 16. Jahrhunderts verfolgten. Doch scheint es, dass der Oba eigene Interessen in den Vordergrund stellte und auch sonst nicht zum Christentum neigte. 1516 berichtet der Händler Duarte Pires, der am Hof des Oba weilte, in einem Brief (20. Oktober 1516) an König Manuel, dass portugiesische Missionare den Oba über ein Jahr bei einem Feldzug begleitet hätten. Dabei muss den Portugiesen klar geworden sein, dass dessen Bedarf an Feuerwaffen ein Motiv für die Annäherung an die Portugiesen gewesen sein mag. Da ihm solche als nicht-christlicher Herrscher aufgrund eines päpstlichen Verbots nicht geliefert werden durften, sah er im Christentum ein Mittel zum Zweck, um seine eigenen strategischen Ambitionen zu erfüllen.
Die Episode der portugiesischen Präsenz in Benin stellt jedoch eine Ausnahme in der luso-afrikanischen Geschichte dar. Denn Benin war, anders als andere Küstengesellschaften in Westafrika, in der Lage eine regelrecht protektionistische Handelspolitik zu verfolgen, die eine zu starke Einflussnahme der Portugiesen verhinderte. Das war anderswo nicht der Fall. In Orten wie São Tomé, die Küste Senegambiens, Elmina oder andere Festungen und Faktoreien, so erfährt man aus späteren europäischen Berichten, dass Portugiesen beinahe überall präsent waren und meist mit den afrikanischen Gesellschaften zusammenlebten, Heiraten mit Afrikanerinnen eingingen, die portugiesische Sprache als lingua franca etablierten, wobei sich einige kreolische Varianten herausbildeten. Anderen Europäern musste die westafrikanische Küstengesellschaft einerseits bekannt, andererseits aber auch fremd erscheinen. Tatsächlich war man als Franzose oder Niederländer froh, sich auf Portugiesisch zu verständigen, wenn man den Angehörigen dieser lusoafrikanischen Kultur begegnete.
Goa – „Schlüssel zu ganz Indien“
Die Öffnung des Seewegs nach Asien veränderte das Wissen der Portugiesen von der Welt in vielerlei Hinsicht. Die Erkundung der Küste Ostafrikas brachte die aus Sicht der Portugiesen enttäuschende Erkenntnis, dass die Gewässer und auch die Landwege bereits von zahlreichen muslimischen Herrschern und Händlern vereinnahmt und kontrolliert wurden. Von Sofala in Mozambique über Malindi bis Kochi begegnete man nicht dem erhofften Priesterkönig, sondern ganz verschiedenen muslimischen Gruppierungen. Pedro Alvarés Cabral, der die zweite Flotte nach Vasco da Gama im Jahre 1500 nach Indien führte, musste lernen, dass es sowohl Anhänger der Schia als auch Sunniten gab, die der Vorstellung eines homogenen Islam widersprachen. Die Jahre nach diesen ersten beiden Expeditionen waren denn aber vor allem von Auseinandersetzungen mit den Mamelucken geprägt, die bislang den Seehandel über das Rote Meer mit Indien kontrollierten. Die komplizierten Routen über Land und Meer, die den Gewürzhandel aus dem Osten über Indien, Persien, Syrien und schließlich bis nach Venedig führten, waren den Portugiesen nicht vollkommen verständlich. Trotzdem fürchteten venezianische Beobachter, dass die Entdeckung der Kap-Route den Anfang vom Ende ihres Wohlstandes bedeuten würde.
Dass die Portugiesen zu diesem Zeitpunkt bereits einen Plan hatten, wie der lukrative Markt mit den kostbaren Gütern aus Asien in ihre Hände zu bringen sei, kann bezweifelt werden. So waren es denn auch nicht die portugiesischen Flotten, die für Engpässe des Handels im Jahr 1502 von den besorgten Venezianern verantwortlich gemacht wurden, sondern Streitigkeiten unter arabischen Herrschern am Roten Meer (die Scherifen von Mekka). Während sich der erste Vizekönig des Estado da Índia Francisco de Almeida ab 1505 zunächst in Kochi in Calicut einrichtete, erreichte die mamelukische Flotte unter dem Emir Husain al-Kurdi Bash al-‘Askkar nach der Befriedung der Konflikte im Roten Meer den Indischen Ozean. Husain verbündete sich dann mit dem Gouverneur von Diu, Malik Ayaz, um die Portugiesen in einer Seeschlacht entscheidend zu schlagen. Der Malik aber wechselt die Seiten und die Mameluken unterlagen in diesem Aufeinandertreffen. Von diesen Ereignissen erschüttert, nicht zuletzt durch den Tod seines Sohnes, entschied sich Almeida 1508 dafür, die Expansion nach Osten zu stoppen und stattdessen Kochi als Handelszentrum auszubauen. Almeidas „minimalistische Strategie“ ging davon aus, dass der Zugang zu Ressourcen – Holz für Schiffsbau, Metall für Artillerie und hervorragenden Handwerker in Indien – entscheidend für den Verbleib der Portugiesen in der Region sei. Diese Ressourcen gäbe es insbesondere im Sultanat von Diu, weshalb man die Verbindung dorthin kontrollieren und sie den Venezianern und Mameluken verwehren sollte.
Eine neue Phase begann indes mit der Ankunft des zweiten entsandten Vizekönigs, Afonso de Albuquerque, der eine aggressivere Strategie im Sinn hatte und weitere Eroberungen vorsah. Aus einem Streit zwischen Almeida und Albuquerque ging letzterer siegreich hervor und Albuquerque begann 1510 mit der Einnahme von Goa, die dieser im nächsten Jahr als Hauptstadt des Estado da Índia auszubauen begann. Goa – „a chave de toda a Índia“, „der Schlüssel zu ganz Indien“ – erhielt im Laufe der Jahre monumentale Bauwerke, welche die Stadt im portugiesischen Stil prägen sollte. Unterdessen verfolgte Albuquerque weitere Feldzüge. In schneller Abfolge gelang es den Portugiesen, unter Ausnutzung von Rivalitäten zwischen Muslimen und Hindus, zunächst 1511 das Handelszentrum Malakka auf der malayischen Halbinsel und Tor zu den bis dahin unbekannten Gewürzinseln (Molukken) zu erobern. Es folgten Sumatra, Flores auf Java, Timor, die Banda-Inseln, Ambon und die Inselsultanate auf Ternate und Tidore. 1514 wurde Ormuz an der Meerenge zum Persischen Golf erobert und mit einer Burg befestigt. Die Kontrolle des Roten Meers hingegen wurde als nicht mehr entscheidend angesehen und nicht weiter verfolgt. Nach 1515 war demnach die dauerhafte Existenz eines portugiesischen Estado da Índia nicht mehr rückgängig zu machen.
Während das wirtschaftliche Ziel, den Gewürzhandel in portugiesische Hand zu bringen, teilweise erfüllt wurde – ein bedeutender Teil des Handels fand lange noch über den Landweg statt –, war das konfessionspolitische Ziel des Kampfes gegen den Islam in weite Ferne gerückt. Stattdessen schienen sich die Portugiesen mit der neu wahrgenommenen Lage des religiösen Pluralismus in Asien zu arrangieren. Später, in den 1580er Jahren, berichtete der holländische Kaufmann Jan Huygen van Linschoten über das Leben in Goa, dass „dort alle möglichen Nationen wie Inder, Heiden, Mohren, Juden, Armenier, Gujaratis, Banyaner, Brahmanen und aller indischen Nationen und Völker seien, die hier leben und Handel treiben“. Es gelte außerdem Gewissensfreiheit, gesetzt den Fall sie praktizierten ihre Rituale hinter verschlossenen Türen. Die indische Sozialordnung des Kastensystems, die Linschoten hier zu beschreiben scheint, wurde in Goa von den Portugiesen nicht unangetastet gelassen. Es ergeben sich Hinweise darauf, dass die portugiesische Kolonialmacht begonnen hatte, „in die lokale Ordnung einzugreifen und die bestehende Gleichgewichte neu zu justieren begann“.
Allerdings gelang es den Portugiesen auch nicht, eine ganz eigene administrative Herrschaftsordnung zu etablieren. Im Gegenteil: Es ist eine gegenseitige Abhängigkeit in der Herausbildung neuer Herrschafts- und Sozialstrukturen im Estado da Índia wahrzunehmen. „Alte Verzeichnisse“, Berichte von „Büchern“ der „Schreiber“ und von „ihren Archiven“, die vor Ankunft der Portugiesen entstanden sind, zeigen das auch islamische und hinduistische Machthaber politische Praktiken des (administrativen) Wissens anwendeten, die den portugiesischen Land- und Eigentumsregistern in Goa (Forais und Tombos) nicht unähnlich waren, wenn nicht gegenseitig beeinflussten. Ähnliches gilt auch für die architektonische Neugestaltung Goas unter den Portugiesen: Albuquerques Pläne zur Neugestaltung der Stadt sahen zwar die Errichtung eines Vizekönigpalasts vor, aber dieser ging doch in seinen Ursprüngen auf die Zeit der islamischen Herrschaft zurück. Die Befestigungsanlagen der Stadt und das Straßennetz blieb bestehen. Einzig die Kathedrale von Goa oder der Bogen der Vizekönige (Arco dos Vice-Reis) waren eindeutige Akzente der portugiesischen Präsenz.
Ein geteilter globaler Kulturraum
In dieser gegenseitigen Verflechtung von portugiesischen und indigenen Elementen der Herrschaft, des Wissens, der Materialität entspricht Goa als Stadt auch der immer wieder wahrnehmbaren Verschmelzung von agency und den vermeintlich genuin europäischen Voraussetzungen der portugiesischen Expansion. Viele ihrer „Entdeckungsfahrten“ wären ohne navigatorische Kenntnisse nicht-europäischer Lotsen nicht möglich gewesen. Arabische Seeleute halfen den Portugiesen bei ihren Fahrten durch den Indischen Ozean; Araber, Gujaratis, Javaner und Malayen bei den Reisen von den Häfen an der Malabarküste nach Ceylon, Malakka, den Sunda Inseln, Java, den Molukken, Sumatra und Siam; und später Chinesen bei der Navigation des Seewegs von Malakka über Macao nach Japan. Portugiesen waren außerdem angewiesen auf indigene Expertisen, Wissen, Fähigkeiten und Ressourcen. Ohne das nautische Wissen des Lotsen aus Gujarati, den Vasco da Gama in Malindi mit an Bord nahm, hätte er nicht den Ozean von Afrika nach Indien queren können. Afonso de Albuquerque war bei der Eroberung Malakkas auf den Beistand der hinduistischen Händler von der Coromandelküste angewiesen.
Auch der Schiffsbau, der Bau der großen Karacken verlagerte sich nach Indien, wo man sich auf die Qualität des tropischen Teak-Holzes ebenso verlassen konnte, wie das im Atlantik für das brasilianische Hartholz galt. Ebenso verließen sich Portugiesen gänzlich auf nicht-europäische Technologien: Nach der Eroberung Malakkas charterte Afonso de Albuquerque eine chinesische Dschunke, um Waren und Handelsgüter in die Molukken zu überführen – eine Praxis, die sich weiter bewähren sollte. Dabei blieb auch der portugiesische Handel mit Gewürzen auf den asiatischen Raum beschränkt. Viele Portugiesen kehrten nicht mehr aus dem Osten in die Heimat nach Portugal zurück, sondern blieben vor Ort sesshaft, um dort ihren Geschäften nachzugehen.
Ähnliches gilt zwar nicht für Afrika in dem Maße wie für Asien, auch wenn ein Bericht von 1528 noch davon spricht, dass im Landesinneren von Ostafrika „hunderte“ Portugiesen leben würden, Familien hätten, mal Mineralien abbauten oder sich dort als Söldner für indigene Fürsten darbieten würden. Im Südatlantik hingegen entwickelte sich zwischen Afrika und Brasilien ein Wirtschaftsraum fast ohne Rückbindung an Europa. Und in Westafrika betrieben die indigenen Gesellschaften neben dem transatlantischen Handel einen intensiven Küstenhandel, der vor der Ankunft der Portugiesen nicht existierte.
Resümee
Wie schließen wir also den Kreis dieser Darstellung, den wir mit einigen Einblicken in synchronistische Tableaus um 1600 begonnen haben? Die Frage nach dem historischen Zusammenhang, die sich entweder angesichts der Auslassung oder der Hervorhebung der portugiesischen Expansion im Kontext von konfessionell aufgeladener Historiographie ergibt, kann hier zwar nicht abschließend aufgelöst werden. Doch erhellt der Vergleich der unterschiedlichen historischen Wahrnehmungen von der portugiesischen Expansion den langsam verlaufenden Ablösungsprozess europäischer Geschichte und der gleichzeitig damit verlaufenden Herausbildung eines globalen Kulturraums. Für Helwig spielte das, was außerhalb der christlichen Heilsgeschichte stattfand, keine Rolle; Génébrard, wir erinnern uns, stellt die portugiesische Expansion als Katholik zurück in den Rahmen dieser Eschatologie. Beide Perspektiven heben so entweder negativ oder positiv einen gewissen Zusammenhang der globalen und europäischen Geschichte her.
Allerdings hat diese Sicht zu einer allmählichen Loslösung der europäischen Geschichte von der Geschichte der globalen Verflechtungen geführt. Wenn die neueren Studien zum portugiesischen Kolonialreich recht haben und dieses Reich weniger europäisch war als man das bislang glaubte, dann müssen wir die Frage nach den historischen Zusammenhängen vielleicht neu stellen. Dann macht es auch wenig Sinn, sich an einer Epochenschwelle der europäischen Geschichte abzuarbeiten, wenn man nicht wirklich weiß welche Zäsuren in einem globalen Zusammenhang gelten können. 1517 mag aber Anlass dafür sein, konfessionelles Zeitalter und die globale Verflechtung ganz anders zu verbinden: So könnte man tatsächlich fragen, welche Einflüsse der indische Religionspluralismus auf die Glaubensspaltung in Europa hatte. Nicht nur das Wissen über die Existenz anderer „heidnischer“ Glaubenssystem, sondern auch das Wissen um die Möglichkeit der Koexistenz solcher Glaubenssysteme, war eine wertvolle Lehre für die Portugiesen aus Afrika und Asien. Dass diese sich fruchtbar für die Teilnahme der Portugiesen am neu entdeckten Kulturraum erwies, zeigt sich sehr wohl schon um 1500 in vielen Praktiken der Übernahme, Übersetzung und Anpassung. Ob aber diese Lehre auch in Europa insgesamt aufgegriffen und ebenso pragmatisch umgesetzt wurde, bleibt mehr als fraglich.