Rahmenbedingungen für die Prinzenreise an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert
Die Prinzenreise stellte als hochadlige Sonderform der Kavalierstour in der Frühen Neuzeit den Abschluss der heimischen Erziehung dar, bei dem das bereits Erlernte perfektioniert und praktiziert werden sollte. Hier wird es jedoch weniger um den Aspekt der Prinzenreise gehen, der in den Kontext der Bildungsgeschichte gehört, auch wenn dieser an sich nicht aus der inhaltlichen Gestaltung dieser Reiseform zu lösen ist.
Seit der Goldenen Bulle Kaiser Karls IV. von 1356 mit ihrem 31. Kapitel bestand eine erste reichsgesetzliche Ausbildungsvorschrift für die Söhne der Kurfürsten. Diese umschloss auch Reisen, die hier vor allem zum Erwerb der Sprachen Latein, Italienisch und Tschechisch sowie der besseren Qualifikation im höfischen Umgang und somit für künftige Kontakte gedacht waren. Von da an durchliefen die Reisen eine deutliche Genese bis sie Prinzenreise und Kavalierstour wurden. Diese waren seit dem 16. Jahrhundert unterschiedlichen Konjunkturen unterworfen. Gemeinhin gilt das letzte Drittel des 17. Jahrhunderts bis etwa 1720 als zweite große Hochphase dieser Reiseform, nachdem bereits eine erste in der Mitte des 16. Jahrhunderts stattfand. Die Bedeutung von Reisen für die Ausbildung des Adels wurde wiederholt in den entsprechenden, erziehungstheoretischen Schriften angesprochen. In den als „Fürstenspiegel“ bezeichneten Anleitungen und Idealvorstellungen der Fürstenerziehung spielten Reisen seit der „Institutio Principis Christianis“ von Erasmus von Rotterdam von 1515 eine nicht immer angesprochene, aber stets wiederkehrende Komponente. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts entwickelte sich dies in zwei Richtungen. Während Veit Ludwig von Seckendorff in seinem kameralistischen Regelwerk „Der Teutsche Fürsten-Stat“ von 1655 ein am heimischen Hof absolviertes Regierungs-Volontariat in der Bedeutung für die Qualifikation eines später regierenden Fürsten mit der Prinzenreise gleichsetzte, formulierte Siegmund von Birken in seinem „Brandenburgischen Ulysses“ von 1669 die Notwendigkeit einer entsprechenden Reise in einer kaum zu übertreffenden Devise mit „Mobiliora, Nobiliora! – Je beweglicher – desto edler!“.
Eine wesentliche, dem adligen Selbstverständnis inhärente Vorstellung ist die Idee des Exklusiven. Dies bedeutet, dass Adlige stets danach strebten, sich gegenüber anderen, vor allem aber auch gegenüber den Standesgenossen abzuheben – sei es durch herrschaftliche, militärische und politische Vorrangstellung, oder sei es durch tugendliche, kulturelle oder religiöse Überlegenheit. Dieses Streben nach einer führenden Stellung in den unterschiedlichen Bereichen ist für die folgenden Überlegungen wesentliche Triebfeder.
Mit dem Westfälischen Frieden von 1648 und den Bestimmungen des Artikels VIII, § 2, 2 IPO war den Reichsständen das „ius territoriale“ und ein Bündnisrecht untereinander und mit Externen bestätigt worden, allerdings unter der Voraussetzung, dass sich eine Allianz nicht gegen Kaiser und Reich richten durfte. Die Reichsstände galten somit auf europäischer Ebene zwar nicht als unmittelbare Untertanen des Kaisers, aber auch nicht als Souveräne. Aufgrund dieser besonderen rechtlichen Stellung der Reichsstände gewann die Prinzenreise des ausgehenden 17. Jahrhunderts eine wichtige Funktion: Die deutschen Prinzen, die als Vertreter ihres fast souveränen Fürstentums auf Reisen waren, sollten über die Kontakte mit Souveränen außerhalb des Reiches einer bestimmten, von den Reichsständen beanspruchten Position in der europäischen Adelshierarchie Ausdruck verleihen.
Im Vordergrund stand dabei vor allem die Bemühung, ein entsprechendes Zusammentreffen mit dem französischen König als den wichtigsten und vom Reich aus gesehen nächsten Monarchen des kontinentalen Europas zu erwirken. Konnte eine Begegnung mit dem französischen König nicht stattfinden, mussten aufgrund des eben dargelegten Verständnisses andere Souveräne aufgesucht werden. Durch ein Zusammentreffen mit skandinavischen Königen oder den Souveränen der italienischen Halbinsel, wie etwa dem Papst, war es ebenfalls möglich, die für das eigene Territorium und die Dynastie beanspruchte Souveränität zu reklamieren. Vordergründiges Ziel der Prinzenreise war die Ausbildung des Prinzen in Studien und Exerzitien, kombiniert mit dem Erwerb von Fremderfahrung durch die Reise zum eigenen Nutzen und dem des Territoriums. Entscheidender Gradmesser war dabei die den Prinzen entgegengebrachte Ehre, die genau an den heimischen Hof kommuniziert wurde, während Lernerfolge der studierenden Prinzen als unabdingbarer Reisezweck stillschweigend vorausgesetzt wurden.
Ende des 17. Jahrhunderts, in einer Zeit des sich noch nicht endgültig ausgebildeten Staatensystems, die Heinz Duchhardt als „spannenden Übergangsphase“ bezeichnet hat, bot sich den Reichsständen die Gelegenheit, in den politischen Konstellationen der ludowizianischen Kriege Position zu beziehen und sich gegenüber dem Kaiser als eigenständig zu behaupten. Als Beleg dient hier die Teilnehmerliste, die diejenigen Fürsten, aber auch Prinzen erwähnt, die 1691 an dem frühen Kongress zur Beilegung des Neunjährigen Krieges zwischen 1689 und 1698 in Den Haag anwesend waren. Die hier aufgelisteten Fürsten und Prinzen hielten sich zumeist inkognito in den Vereinigten Niederlanden auf. Die Prinzen waren jedoch vornehmlich zur Vervollkommnung der heimischen Studien und Exerzitien vor Ort und sammelten durch die zufällig dort stattfindende Tagung zusätzliche Erfahrungen im standesgemäßen Umgang bei Visiten und Divertissements, aber auch im Umgang mit anderen Fürsten, Prinzen und Adligen. Dabei konnte das aktuelle Zeitgeschehen sich auf eine ursprünglich geplante Reiseroute auswirken: Kriegszüge und Schlachten beeinflussten die Reisewege auf zweierlei Arten: Zum einen wurden gefährliche Schauplätze gemieden, auf der anderen Seite boten versammelte Heere, Belagerungen und Schlachten den jungen Adligen die Möglichkeit, als junger Volontär erste Erfahrungen im militärischen Bereich zu sammeln, zumal die Beschäftigung als Militär vor allem für nachgeborene Söhne ein standesgemäßes Betätigungsfeld darstellte.
Prinzenreise als Karrierestrategie kurfürstlicher Häuser
Die Kurfürsten konnten innerhalb der Reichshierarchie nicht mehr aufsteigen außer sie wurden zum König beziehungsweise Kaiser gewählt. Der gewählte deutsche König war ab 1508 faktisch auch zum Kaiser bestimmt. Zu dieser Zeit dominierte bis 1742 die Habsburger Dynastie das Amt des Kaisers, sodass sie einen erheblichen Einfluss auf die Politik der deutschen Fürsten und Kurfürsten ausübte. Bezeichnend ist hierbei, dass die Habsburger gegen Ende des 17. Jahrhunderts die Prinzenreise nicht als Element ihrer Fürstenerziehung nutzten. Weder der lang regierende Leopold I. (1656-1705) noch seine Nachfolger Joseph I. (1678-1711) und Karl VI. (1685-1740) reisten während ihrer Prinzenzeit unter Erziehungsaspekten ins Ausland. Dies lag in der Hauspolitik und den Bildungsidealen der Habsburger begründet. Sie führten seit Generationen keine Prinzenreise mehr durch, da der zeremonielle Aufwand selbst eines inkognito reisenden Angehörigen des Hauses Habsburg zu groß war. Darüber hinaus sollten die während einer Reise eventuellen Gefahren für den Reisenden vermieden werden. Im Fall des späteren Josephs I. kam hinzu, dass er bereits 1690 im Alter von zwölf Jahren zum deutschen König gewählt wurde und eine wie auch immer anschließend durchgeführte Prinzenreise zu erheblichem zeremoniellen Aufwand und politischen Implikationen geführt hätte.
Andres sah dies bei den Kurfürsten des ausgehenden 17. Jahrhunderts aus. Diese entwickelten unterschiedliche Strategien, ihren Aufstieg innerhalb der europäischen Adelshierarchie voranzutreiben. Bei einigen spielte dabei die Prinzenreise ihrer männlichen Sprösslinge eine erhebliche Rolle. Auf die Bedeutung der bayerischen Prinzenreisen soll an dieser Stelle nicht eingegangen werden. Als kurzer Hinweis sei jedoch die Bemerkung gestattet, dass auch der Vater von Karl Albrecht, Maximilian II. Emanuel von Bayern (1662-1726), eindeutige Ziele mit den Prinzenreisen seiner Söhne verband. Der spätere Kurfürst von Köln etwa, Clemens August von Bayern (1700-1761), für den frühzeitig eine geistliche Laufbahn vorgesehen war, hielt sich im Alter von 17 Jahren mit seinem ebenfalls für geistliche Ämter vorgesehenen Bruder Philipp Moritz für gut zwei Jahre in Rom zu geistlichen Studien auf, was deutlich unter dem Aspekt einer Karriere fördernden Strategie zu bewerten ist. Andere Kurhäuser nutzten zu diesem Zeitpunkt andere politische Taktiken, bei denen eine Prinzenreise aber auch eine untergeordnete Rolle spielen konnte. Hier ist das Haus Brandenburg ein geeignetes Beispiel. Während der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620-1688) sich in seiner Jugend vier Jahre in den Vereinigten Niederlanden zur Perfektionierung seiner Studien aufhielt, wurden seine Söhne aus der ersten Ehe am heimischen Hof erzogen und nicht auf Reisen geschickt. Sein Nachfolger Karl Emil starb nach einem Militärvolontariat im Alter von 20 Jahren, der nächstfolgende Bruder Friedrich, der später König in Preußen wurde, erhielt in Köpenick eine Nebenresidenz und absolvierte ebenfalls, möglicherweise bedingt durch seine körperliche Schwäche, keine Prinzenreise. Die Söhne aus der zweiten Ehe des Großen Kurfürsten hingegen reisten, soweit dies bekannt ist, durchaus. Dies bedeutet jedoch nicht, dass im Haus Brandenburg die Prinzenreise nicht zur Demonstration einer kulturell fundierten Politik führen konnte. Die eingangs erwähnte Beschreibung der Reise des Christian Ernst von Brandenburg-Bayreuth (1644-1712) in den Jahren 1659 bis 1661, der „Brandburgische Ulysses“, diente vor allem dazu, die auf Reisen zu erwerbende Weisheit und die durch ihren Erwerb gesteigerte Ehre auch auf das Gesamthaus Brandenburg zu übertragen. Unter Kurfürst Friedrich III./I. (1657-1713), der den Aufstieg zum König nicht nur vehement verfolgte, sondern auch erreichte, wird die Ausstrahlung auf das Gesamthaus auch an seinen Handlungen gegenüber den unter seiner Vormundschaft stehenden Prinzen Christian Albrecht (1675-1692) und Georg Friedrich (1678-1703) von Brandenburg-Ansbach zu Beginn der 1690er Jahre deutlich. Zwar teilte sich Friedrich die Aufgabe des Vormundes mit dem Onkel der Prinzen, Friedrich VII. Magnus von Baden-Durlach und versah die Aufgaben zunächst in Absprache mit dem Durlacher Markgrafen. In dem Moment, in dem es darum ging, die Verlegung des Aufenthaltsortes der Prinzen in den Vereinigten Niederlanden von Utrecht nach Den Haag zu diskutieren, setzte der Brandenburger sich über Friedrich Magnus hinweg: Der Kurfürst von Brandenburg veranlasste den Umzug und sogar eine anschließende Englandreise ohne den Durlacher zu Rate zu ziehen. Während dieser ein auf den Studien und Wissenschaften basierendes Bildungskonzept seiner Neffen verfolgte, legte Friedrich III. von Brandenburg ein auf zeremoniellen Umgang und gesellschaftlichen Umgang definiertes Ideal für die Ansbacher Prinzen als Konzept an, das sich in der Betonung der gloire des Gesamthauses Brandenburg manifestierte. Die Vermehrung der gloire war das legitimierende Leitmotiv des im Aufstieg in die oberste Riege des Hochadels begriffenen Kurbrandenburg, das sich auch auf das Gesamthaus übertrug. So formulierte Friedrich III. in einem Brief an seinen Neffen Christian Albrecht im Juli 1690, in dem er sich erfreut zeigt, dass dieser bereits gute Fundamente in seinen Studien gelegt hat: „damit sie [Christian Albrecht] dermahl einst die Wohlfahrt Ihres Landes, und gloire unsers gemeinsamen Hauses merklich vermehren mögen“.
Die in der Korrespondenz mit dem Ansbacher Prinzen wiederholt erscheinende Betonung der Position der Kurlinie innerhalb des Gesamthauses Brandenburg durch Friedrich III. hatte dabei mehrere Funktionen. Zum einen entsprach dies dem verinnerlichten Selbstverständnis der Führungsrolle der Brandenburger Kurlinie, die auch gegenüber den Nebenlinien unmissverständlich kommuniziert werden musste. Daneben galt es, den jungen Verwandten als späteren Fürsten auf eine gemeinsame Linie einzuschwören, um somit einen weiteren Verbündeten zu haben, der selbstverständlich der Politik der brandenburgischen Hauptlinie folgte.
Das sächsische Kurhaus verfolgte eine andere Strategie, um sich innerhalb der europäischen Adelshierarchie herauszuheben, was ich etwas ausführlicher an den Beispielen der Söhne Kurfürst Georgs III. (1647-1691), Georg und Friedrich August nach England herausarbeiten möchte. 1685 und 1686 befand sich der spätere Kurfürst Johan Georg IV. von Sachsen (1668-1694) unter dem Inkognito eines Grafen von Barby auf seiner Prinzenreise durch Europa. Er brach in einem Alter von 17 Jahren in Dresden Mitte November 1685 auf um zunächst über Frankfurt und Straßburg reisend gut drei Wochen später in Paris einzutreffen. Hier und auch in Versailles hielt er sich gut ein halbes Jahr lang auf. Während dieser Zeit intensivierte er seine ritterlichen Exerzitien und sein Studienprogramm, nahm aber auch rege am Leben des französischen Königshofes teil. Von Paris begab er sich einen Tag nach der Bewunderung des Grand Carousell in Gegenwart der Dauphine von einem Fenster der grand ecurie direkt über Calais reisend nach England, wo er gut vier Wochen im Juni und Juli 1686 verweilte, um anschließend über Gottorf und das Reich wieder nach Sachsen zurückzukehren. Im Jahr 1690 holte er seine ursprünglich im Anschluss der bereits getätigten Reisen geplante Italientour nach. Nach Wien reiste der sächsische Kurprinz jedoch nicht.
Während seines fast fünfwöchigen Aufenthaltes in England im Sommer 1686 bezog der kursächsische Erbprinz in London beziehungsweise Windsor Quartier, da das Hauptanliegen seiner Englandreise die Präsentation am englischen Hof war. Die Beschreibung dieser Zusammenkünfte stellt für diese Zeit auch den Hauptteil seines Reisediariums dar. Prominenter Introdeur am Hof war der Bruder von Johann Georgs Mutter Anna Sophie, Georg von Dänemark, und seit 1683 Gemahl der englischen Prinzessin Anna. Nach seiner Ankunft in London und einem Ruhetag begab sich der sächsische Kurprinz an den Königshof in Windsor, wo er zunächst mit seiner hoheitlichen Verwandtschaft zusammentraf und in Begleitung von Prinz Georg mit dem seit April 1685 regierenden König Jakob II. und seiner zweiten Gattin Maria Beatrice d’ Este Bekanntschaft machte. Gut die Hälfte der Zeit seines Aufenthaltes in England verbrachte Johann Georg in Gesellschaft der königlichen Familie und konnte sogar zum König engere Kontakte knüpfen, der ihn zum Manöver seiner Truppen mitnahm und ihn in seine Kutsche lud. In der Zeit ohne die Königsfamilie besichtigte er London, traf mit anderen in London verweilenden Prinzen zusammen oder musste witterungsbedingt im Haus bleiben. Dass der Hauptzweck seines Aufenthaltes nicht im Besichtigungsprogramm lag, wie es durchaus während einer die heimische Erziehung abschließenden Prinzenreise angemessen gewesen wäre, zeigt sich daran, dass außer London und Hampton Court, das auf dem Weg nach Windsor besichtigt wurde, keine weiteren sehenswerte Orte in Augenschein genommen wurden. Johann Georg besichtigte zwar die wichtigsten Sehenswürdigkeiten, die Betonung der zeremoniellen Behandlung durch die Königsfamilie als Hauptaspekt der Reise wird jedoch durch die zum Teil pauschalen Formulierungen im Reisediarium zu dem Besichtigungsprogramm unterstrichen. Die Begegnungen mit der Königsfamilie wurden hingegen detailliert beschrieben, gab die dem Prinzen entgegengebrachte Ehre Hinweise auf die ihm und seinem Haus zugedachte Stellung innerhalb der europäischen Adelshierarchie. Für Johann Georg von Sachsen geschah diese Einordnung auf fast höchster Ebene seinem Rang als zukünftigen Kurfürsten entsprechend, der sich als inkognito reisender Kurprinz fast auf Augenhöhe nicht nur mit dem englischen, sondern bereits zuvor mit dem französischen König bewegt hatte. Auf der anderen Seite konnte Jakob II. durch sein großzügiges Verhalten gegenüber einem der mächtigsten protestantischen Reichsfürsten beziehungsweise gegenüber seinem ältesten Sohn positive Wirkung für sich erzielen. Johann Georg von Sachsen konnte mit seinem erfolgreichen Bestehen an einem weiteren Königshof beweisen, dass die Kurfürsten von Sachsen zur obersten Liga der Reichsfürsten gehörten und auch innerhalb der europäischen Adelshierarchie sehr weit oben angesiedelt waren, was nicht zuletzt durch die dynastischen Verbindungen zum dänischen Königshaus belegt wurde.
Bei den hier präsentierten Beispielen zeigt sich, dass für den intendierten Aufstieg der Kurhäuser unterschiedliche Strategien zur Unterstreichung der beanspruchten Position innerhalb der europäischen Adelshierarchie gesucht wurden, bei der die Prinzenreise der Erbprinzen, aber auch ihrer nachgeborenen Brüder und der Nebenlinien unterschiedlich genutzt wurden. Während in Kurbrandenburg mehr auf militärische Vormachtstellung und die gloire des Gesamthauses rekurriert wurde, waren die Prinzenreisen in Kursachsen besonders ausführlich und aufwendig in einer Zeit, in der die Aufstiegsbestrebungen besonders stark waren. Die auf die Rezeption durch die auswärtigen Mächte ausgelegte Taktik ging schließlich 1697 aus, als Friedrich August von Sachsen zum König von Polen gewählt wurde, auch wenn er zu diesem Zweck zum Katholizismus konvertieren musste.
Die Prinzenreise als Karrierestrategie fürstlicher Häuser
Das Konzept, über die Prinzenreise ihrer männlichen Sprösslinge, deren spätere Karriere zu fördern, aber auch die eigene Politik zu gestalten, zeigt sich auch gut an den entsprechenden Touren der deutschen Fürstendynastien. Da hier, mehr noch als bei den kurfürstlichen Häusern, die Möglichkeiten auf Aufstieg innerhalb der Reichshierarchie vorhanden war, wurde diese auch stark genutzt. Auffällig für das ausgehende 17. und beginnende 18. Jahrhundert war dabei die Frequenz des Kaiserhofes in Wien als Gradmesser der politischen Ambitionen. Galt der Wiener Kaiserhof vor dem Westfälischen Frieden von 1648 als ein wesentliches Reiseziel von auf Prinzenreise befindlichen Prinzen, gleichsam als Präsentation beim obersten Landesherrn, zeigte sich nun eine Wende in der Häufigkeit von Besuchen in Wien. Tatsächlich besuchten von den 61 zwischen 1671 und 1681 geborenen deutschen Prinzen nur drei den Kaiserhof, für zwei weitere war eine Reise dorthin ursprünglich vorgesehen gewesen. Die drei Prinzen, die sich in dieser Zeit die Mühe machten, zumeist auf der Rückreise von Italien aus, nach Wien zu reisen, verfolgten ganz konkrete Ziele.
Auf zwei dieser Reisen möchte ich kurz eingehen: Der katholische Franz Alexander von Nassau-Hadamar (1674-1711) reiste nach juristischen Studien in Straßburg, Trier und Köln im Alter von 21 Jahren für drei Jahre durch Europa. Auf dem Rückweg von Italien hielt er sich einige Zeit am Kaiserhof auf und kehrte 1695 nach Hadamar zurück. 1710 wurde er aus einem doch eher unbedeutenden Territorium stammend zum Kammerrichter in Wetzlar ernannt. Die Ernennung zu diesem durchaus politischen Amt ist neben den juristischen Voraussetzungen auf die guten Beziehungen zum Kaiser zurückzuführen, die sicher mit dem Besuch in Wien 15 Jahre zuvor gelegt worden sind.
Anders verhielt es sich im Fall Leopolds von Anhalt-Dessau (1676-1747). Der schon früh dem Militär zugeneigte Prinz – er erhielt bereits 1688 von Kaiser Leopold ein Regiment zu Fuß verliehen –, stand nach dem Tod seines Vaters Johann Georg II. (1627-1693) unter der vormundschaftlichen Regentschaft seiner Mutter, Henriette Katharina von Nassau-Oranien (1637-1708). Sie bestand auf der üblichen Länderreise ihres Sohnes bevor er seine Militärkarriere starten durfte. Daher absolvierte er von November 1693 an eine verkürzte Prinzenreise, die sich im Wesentlichen auf Italien beschränkte. Diese erfolgte aber in der großen Variante, die ihn nicht nur nach Venedig, Florenz und Rom, sondern auch nach Neapel führte. Auf der Rückreise traf er im Herbst 1694 in Turin, wo er drei Wochen blieb, auf Prinz Eugen, mit dem er von da an freundschaftlich verbunden war. Im Januar 1695 hielt er sich fast vier Wochen in Wien auf, wo er am 6. Januar mit Kaiser Leopold zusammentraf. Nach seiner Rückkehr an den heimischen Hof begab er sich sogleich zur Belagerung von Namur und kämpfte bis zum Ende des Neunjährigen Krieges an den verschiedenen Schauplätzen und legte damit die Basis für seine erfolgreiche Militärkarriere. Seine Mutter hatte zwar zuvor beim Kaiser den vorzeitigen Antritt der eigenständigen Regierung erwirkt. Ihre Intention war dabei, den Sohn durch den Regierungseintritt in den eigenen Landen und somit fern vom durchaus nicht ungefährlichen Kriegsgeschehen zu halten. Doch Leopold trat diese erst nach dem Ende der Kriegshandlungen mit dem Frieden von Rijswijk 1697 im Mai 1698 an. Es ist davon auszugehen, dass das konsequenzlose Ablehnen Leopolds von Anhalt-Dessau und die satt dessen begonnene Militärkarriere auf die gute Beziehung zum Kaiser nach der persönlichen Begegnung 1695 zurückzuführen ist. Der Rückgang der Besuche deutscher Prinzen am Kaiserhof fiel auch den Zeitgenossen auf, zumal die landsässigen Adligen der Erblande weiterhin ungebrochen nach Wien reisten. Franz Philipp Florin forderte 1719 in seinem „Oeconomus prudens et legalis continuatus oder Grosser Herren Stands und adelicher Haus-Vatter“ dezidiert den Besuch am Kaiserhof: „Allein überhaupt, soll ein jeder Printz und junger Herr ohne Ausnahme in Teutschland reisen, und vornehmlich den Kayserlichen Hof besuchen, damit er die Majestät dieses großen Oberhauptes siehet, und in der Nähe erkennen lernet, was man ihm vor einen Respect zu geben schuldig seye, welches gewiß mehr Nutzen schaffen wird, als alle Reisen in fremde Länder.“
Florin verkannte aber hierbei, um was es bei der Prinzenreise um 1700 ging. Sie bedurfte nicht mehr der Präsentation beim Kaiser, sondern den Gewinn an Ehre und Ansehen durch auswärtige Souveräne, um innerhalb der Hierarchie des Reichsadels aufzusteigen.
Dies zeigt sich insbesondere während des Neunjährigen Krieges, wo insbesondere durch das der Reichskriegserklärung von 1689 impliziertem Reiseverbot für Frankreich alternativ andere Souveräne und Monarchen in Europa aufgesucht wurden. Wäre tatsächlich der eigentliche Zweck der Prinzenreise vor allem die Bildung gewesen, hätte Frankreich als vorbildliches Land mit seinem herausragenden Hof von Italien abgelöst werden müssen. Dieses blieb jedoch an zweiter Stelle der frequentierten Länder, Platz 1 nahmen nun die Vereinigten Niederlande ein. Zwar waren diese aufgrund des „Goldenen Zeitalters“ immer noch ein begehrtes Reiseziel, da sie in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht immer noch sehenswert waren, der Zenit dieses Landes war aber schon so weit überschritten, dass nach zusätzlichen Motiven für eine Reise dorthin gesucht werden muss. Zudem gab es nicht wirklich einen herausragenden, mit Paris konkurrenzfähigen Hof. Diese Situation trat erst nach der Glorious Revolution von 1688 ein als mit der Person Wilhelms III. von Nassau-Oranien (1650-1702) nicht nur der Statthalter der Vereinigten Niederlande anzutreffen war, sondern zugleich ab 1689 der englische König. Die seit den frühen 1690er Jahren in den Vereinigten Niederlanden stattfindenden Kongresse waren eine weitere Attraktion, die junge Fürstensöhne von ihren Vätern und Vormündern dorthin schicken ließ. Dabei war diese Kombination von vermeintlich politischer Teilhabe und gleichzeitigem Kontakte knüpfen derart attraktiv, dass unabhängig der konfessionellen Ausrichtung eine Reise in die Vereinigten Niederlande wenn nicht konkret absolviert, so doch in Erwägung gezogen wurde. Ein Beispiel hierfür ist die Ausbildungszeit des katholischen Fürsten Meinrad von Hohenzollern-Sigmaringen (1673-1715), ab 1695 Fürst Meinrad II. Nachdem er einen längeren Aufenthalt an der Ritterakademie in Parma absolviert hatte, wurde 1696 eine Reise in die Vereinigten Niederlande ins Auge gefasst, da neben der Option, die Französischkenntnisse zu vertiefen, die politischen Konstellationen dieses notwendig erscheinen ließen. Die finanziell schlechte Situation Hohenzollern-Sigmaringens ließ jedoch Vormund Franz Anton von Hohenzollern-Haigerloch davon absehen, diese Reise zu genehmigen.
Für die nachgeborenen Prinzen der fürstlichen Dynastien wurde die Prinzenreise oft genutzt, um ihnen eine bessere militärische Ausbildung zu verschaffen, sowie auch schon zu diesem frühen Zeitpunkt eine Anstellung in fremden Diensten zu besorgen. War die militärische Betätigung als Feldherr eine dem fürstlichen Ideal entsprechende Eigenschaft barg sie doch auch Gefahren für Leib und Leben, die man insbesondere im Fall der Erbprinzen gerne vermeiden wollte. Da aber die den Prinzen in ihrem Unterricht oft als nacheifernswerte Vorbilder präsentierten Fürsten militärisch herausragende Persönlichkeiten waren – angefangen bei Alexander dem Großen über Caesar, Karl dem Großen und schließlich Karl V. –, befanden sich die fürstlichen Eltern in einem Dilemma: einerseits war der tugendhafte Militär ein Ideal, andererseits bedeutete dies in realiter eine Gefahr. Wenn dann auch noch der eigene Vater, der regierende Fürst, ein erfolgreicher Militär war, war es erst Recht schwer, die richtige Balance zwischen Ausbildung und Schutz zu finden. Erbprinz Friedrich von Hessen-Kassel (1676-1751), dessen Vater, Landgraf Karl (1657-1730) einer der erfolgreichsten Heerführer in den Kriegen gegen Ludwig XIV. war, führte seinen Sohn bedächtig an das Kriegshandwerk heran, das zuvor Bestandteil der theoretischen und praktischen Ausbildung war. Nachdem er sich kurz vor seiner Abreise aus den Vereinigten Niederlanden die vor Texel liegende vereinigte englisch-niederländische Flotte ansehen konnte, reiste er 1694 nach Brüssel, um dort die Formierung der alliierten Armee zu studieren. Anschließend durfte er das Feldlager seines Vaters und des badischen Markgrafen Ludwig Wilhelm begutachten.
Auf der Rückreise 1695 von seiner Tour aus Italien besah er die Belagerung von Casale, wo er den für seine spätere militärische Karriere wichtigen Kontakt zu Prinz Eugen von Savoyen knüpfen konnte. Von dort aus begab er sich fast direkt zur Belagerung von Namur, wo er erstmals offiziell als Erbprinz von Hessen-Kassel als Volontär teilnahm und in den folgenden Jahren als Militär eine Laufbahn antrat. Dabei war Friedrichs persönliches Interesse am Kriegswesen recht stark. Er forcierte die Rückreise aus Italien, da er unbedingt noch nach Namur wollte, dass sein Hofmeister dies schon bemängelte: „Le desir d’aller en Campagne passe si fort l’esprit S.A. qu’il ne songe quasi a autre chose.“
Gerade für die Prinzen, die eine militärische Laufbahn anstrebten, waren die Auslandsaufenthalte während der Prinzenreise zur Zeit eines Krieges von großem Nutzen. Sie konnten erste Einblicke in das Kriegshandwerk erhalten, als Volontär an den Militäraktionen teilnehmen und sogar eine Anstellung in fremden Diensten erlangen. Somit wurden erste Verbindungen geknüpft, die für die Zukunft oft entscheidend sein konnten. Im militärischen Bereich war es offensichtlich einfacher, für die zukünftige Laufbahn hilfreiche Netzwerke aufzubauen, als im politischen Bereich. Dies lag zum einen an der Vereinbarkeit der militärischen Anstellung mit einer standesgemäßen Beschäftigung, vor allem für nachgeborene Prinzen. Dazu kam, dass bereits erfolgreiche Feldherren wie Prinz Eugen, der selbst ein nachgeborener Prinz war, sich der Notwendigkeit von Förderung des militärischen Nachwuchses bewusst waren, da sie nur selbst auf diese Weise ihre Karriere hatten starten können.
Auf der anderen Seite war aber auch der Preis für dies Karriere nicht unerheblich: Das gesundheitliche Risiko war recht hoch, und zwar nicht nur durch die direkten Kampfhandlungen, sondern auch durch in den Lagern immer wieder auftretenden Krankheiten. Immerhin neun der Prinzen, die zwischen 1671 und 1681 geboren wurden, fielen im Kriegsgeschehen wenn nicht noch im Neunjährigen Krieg, so doch kurz darauf im Spanischen Erbfolgekrieg. Als konkretes Beispiel: Alle sieben Söhne Landgraf Karls, die das Erwachsenenalter erreichten, traten eine Laufbahn im Militär an. Von diesen fielen drei, wobei lediglich Ludwig direkt im Kampfgeschehen verstarb, während Karl und Leopold an Entkräftung am Ende der Kampagne starben. Hierbei spielten sicherlich auch die hygienischen Umstände eine Rolle.
Deutlich wurde jedoch, dass die zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert für die auf Prinzenreise befindlichen Fürstensöhne ein karriereförderndes Element darstellten. Nachdem durch die Anschauung oft ein erster Kontakt mit dem Militär ermöglicht worden war, nutzen vor allem die nachgeborenen Söhne die Gelegenheit, eine Karriere in fremden Diensten zu starten, die ihnen nicht nur ein Auskommen sicherte, sondern auch den Erwerb von Ruhm und Ehre, der auf die gesamte Dynastie ausstrahlte.
Zusammenfassung
Die Prinzenreise deutscher Fürstensöhne an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert galt vordergründig der Perfektionierung der heimischen Erziehung und wurde mit den Reisen durch Frankreich, Italien, den beiden Niederlanden und England sowie bisweilen den skandinavischen Höfen dem standesgemäß geforderten Bildungsideal gerecht. Die fürstlichen Väter und Vormünder, die ihre Schützlinge auf Reisen schickten, betonten stets dabei den Nutzen für die Prinzen, aber auch für das eigene Territorium. Dieser lag dabei weniger auf den nach den Reisen besser ausgebildeten Fürsten als vielmehr auf den während dieser Fahrten geknüpften Kontakten. Diese äußerten sich in der den Prinzen entgegengebrachten Ehre, die sich in der zeremoniellen Behandlung der jeweiligen Vertreter einer Dynastie durch die auswärtigen Könige und Souveräne ausdrückte. Auf diese Weise nutzen die deutschen Reichsfürsten die Prinzenreise ihrer Söhne als kommunikatives Medium, den beanspruchten Rang innerhalb der europäischen Adelshierarchie zu kommunizieren.
Darüber hinaus konnten vor allem nachgeborene Prinzen während der Kriege dieser Zeit die Gelegenheit nutzen, sich oft zunächst als Volontäre einen Einstieg in eine Militärkarriere zu verschaffen.
Wie unterschiedlich und Variantenreich dabei das Spektrum der angewendeten Strategien war, wurde deutlich. Dabei wurden die vielschichtigen Zeichensysteme der Frühen Neuzeit genutzt, die der realen politischen Gewichtung eines Territoriums nicht immer entsprachen. Es zeigt sich erneut, dass kulturelle Erscheinungsformen wie die Prinzenreise als Medium der Politik verstanden werden müssen.