Produktive Krisen

Transformationen des Gottesdenkens in der alttestamentlichen Literatur

Im Rahmen der Veranstaltung "Alles bleibt anders", 24.11.2025

Paul Hudson from UK / Wikimedia Commons, CC BY 2.0

Religionen pflegen, sich mit dem Nimbus des Ewiggültigen zu umgeben. Wenn wir die biblischen Texte aber in der Reihenfolge ihrer Entstehung lesen, erkennen wir, dass sich ihr Gottesdenken im Laufe von Jahrhunderten deutlich verändert hat. Dabei zeigt sich im Rückblick, dass vor allem Krisenzeiten besonders kreativ waren, denn sie führten immer wieder zu weichenstellenden Transformationen der Theologie.

Israel, sein Gott und seine Göttin

Während der Späten Bronzezeit (um 1550–1130 v. Chr.) wurde die nördliche Levante von den Hethitern und die südliche Levante von Ägypten beherrscht. In der nördlichen Levante blühte die Hafenstadt Ugarit. Keilschrifttexte, die dort seit 1927 entdeckt wurden, erlauben uns die Rekonstruktion ihres Pantheons, in dem an oberster Stelle das Götterpaar El und Aschera stand, gefolgt vom Götterpaar Baal und Anat sowie von weiteren Göttinnen und Göttern bis hinunter zu den Totengöttern Mot und Malik, der in der Bibel als Moloch wiederkehrt.

Dagegen hatten die vormals blühenden Städte der südlichen Levante, von Hazor abgesehen, keine Stadtmauern mehr und wurden von Stadtfürsten regiert, die Ägypten tributpflichtig waren und das Land ausbeuteten. Zwar haben wir aus dem Süden keine längeren religiösen Texte, aber Ortsnamen und Personennamen zeigen, dass dort offenbar dieselben Göttinnen und Götter verehrt wurden wie im Norden.

Damals war das Bergland fast menschenleer. Doch im 13. Jh. v. Chr. verließen immer mehr Menschen die Städte in den Ebenen, um der Abgabenlast zu entkommen, und zogen mit ihren Schafen und Ziegen ins Bergland, wo im Laufe der Zeit eine neue und weitgehend egalitäre Gesellschaft von Kleinbauern und Kleinviehnomaden entstand. Diese trug den Namen „yisra El“, der bedeutet „es streitet El (für uns)“ und bezeugt, dass sie El als ihren Schutzgott betrachtete.

Wie aber kam dann YHWH nach Israel? Oder wie kam Israel zu YHWH? YHWH stammte aus Midian auf der Arabischen Halbinsel, der Südspitze der Sinaihalbinsel östlich gegenüber. Die Schnittstelle zwischen YHWH-Verehrern aus Midian und El-Verehrern aus Israel könnte Timna gewesen sein, ein Bergbaurevier nordwestlich von Eilat, wo Kupfer und Türkis abgebaut und mit Eselkarawanen weiträumig vertrieben wurde. Vermutlich sind sich dort YHWH-verehrende Midianiter und El-verehrende Israeliten begegnet und haben ihre Hauptgottheit gleichgesetzt: Unser El ist euer YHWH, und euer YHWH ist unser El. Bei dieser Gleichsetzung dürfte YHWH auch Els Partnerin Aschera übernommen haben, und die beiden bildeten nun ein Paar, denn 1976/77 wurde an der antiken Karawanenstraße von Israel und Juda nach Midian in Kuntillet Agˇrūd im südöstlichen Negev eine Karawanenstation aus dem frühen 8. Jh. v. Chr. freigelegt, in der sich mehrere Graffiti fanden, in denen wörtlich „YHWH und (seine) Aschera“ um ihren Segen angerufen wurden. 1967 war in H˘irbet el-Qōm in der südlichen Schefela, westlich von Hbron, ein Felskammergrab aus dem späten 8. Jh. v. Chr. mit einer Felsinschrift entdeckt worden, in der ein Beter YHWH dankt, ihn „durch (seine) Aschera gerettet“ zu haben. Und in etlichen Grabungen in Juda kamen in großer Zahl Figurinen mit fülligen Brüsten zutage, die aus dem späten 8. bis frühen 6. Jh. v. Chr. stammen und vermutlich niemand anderen repräsentieren als YHWHs Partnerin Aschera. – Polytheismus pur, von Monolatrie noch keine Spur, von Monotheismus ganz zu schweigen.

Du sollst nur einem dienen

Um 750 v. Chr. stieg Assur zur dominierenden Großmacht im Vorderen Orient auf. 720 v. Chr. nahm König Sargon II. das Nordreich Israel ein, und das Südreich Juda geriet unter Druck.

Zuhause hatte Sargon II. allerdings mit einem Legitimationsproblem zu kämpfen, denn er war illegal auf den Thron gekommen, und antwortete auf dieses Problem mit der Legende, sein sagenhafter Vorfahre Sargon I., der um 2340 v. Chr. das erste Großreich Mesopotamiens gegründet hatte, sei von illegitimer Geburt gewesen, darum von seiner Mutter in einem Binsenkörbchen im Eufrat ausgesetzt und zu seinem Glück von der Göttin Ischtar gefunden worden. So erklärte sich sein Aufstieg vom Findelkind zum ersten Großkönig, und er segnete seinen Nachfolger, der eines fernen Tages nach ihm kommen und ebenfalls den ganzen Orient unterwerfen sollte – eine wunderbare Propagandaerzählung aus der Zeit jenes Königs, der sich selber in propagandistischer Absicht „Sargon II.“ nannte.

Militär und Propaganda waren indes nicht die einzigen Mittel der assyrischen Macht. Hinzu kam ein Drittes, denn die Assyrer zwangen die unterworfenen Völker zu sogenannten „Bundesverträgen“, die stets denselben Aufbau in sieben Abschnitten aufwiesen: (1) Sie begannen mit der Selbstvorstellung des Großkönigs von Assur, (2) erinnerten an seine bisherigen Beziehungen und vermeintlichen Wohltaten an seinen Vasallen und (3) verpflichteten diese, nur ihn zu „lieben“ und ihm allein zu dienen. Dann folgten (4) umfangreiche Bestimmungen, was zu tun und zu lassen sei, und schlossen (5) mit der Ausrufung von Segen und Fluch für die Achtung oder Missachtung des Vertrages und (6) der Anrufung göttlicher Zeugen sowie (7) mit einer Verordnung zur Aufbewahrung der Urkunden in den Tempeln der Vasallen und ihrer regelmäßigen öffentlichen Verlesung.

1955 wurde in Kalchu im heutigen Irak ein solcher Vasallenvertrag von König Asarhaddon entdeckt, den die Fürsten Mediens 672 v. Chr. unterzeichnen mussten. Zwei Jahre zuvor hatte Asarhaddon König Manasse von Juda gezwungen, ihm einen Teil seiner Bevölkerung als Bausklaven auszuliefern, damit sie ihm Lehmziegel zum Bau seiner Vorratshäuser für seine Waffen und seine Beute streichen, und wir müssen davon ausgehen, dass Manasse 672 v. Chr. ebenfalls genötigt wurde, einen Vasallenvertrag zu unterzeichnen, in dem er sich verpflichten musste, den König von Assur allein zu „lieben“ und ihm allein zu dienen.

Diese Texte blieben in Jerusalem nicht ohne Antwort. Einen Aufstand zu unternehmen wie das Nordreich wäre sinnlos gewesen und hätte den Untergang auch des Südreiches bedeutet. Aber man ließ sich das Denken nicht nehmen. Wenigstens denken konnte man noch – und schreiben: Widerstandsliteratur.

So entstand nach dem Vorbild der Sargonlegende die in Ex 2 überlieferte Legende, Mose sei ebenfalls von seiner Mutter in einem Binsenkörbchen ausgesetzt und zwar von keiner Göttin, aber von der Tochter des Pharao gefunden worden und zum Führer seines Volkes aufgestiegen, der jenen Sklaventreiber, der sein Volk als Bausklaven genötigt hatte, Lehmziegel zum Bau von Vorratshäusern zu streichen, erschlug.

Ebenso erfuhr der Bundesvertrag Asarhaddons eine brillante Antwort, und zwar im Buch Deuteronomium, das sowohl im Ganzen als auch in einzelnen Kapiteln die Gliederung der Bundesverträge aufgreift und in der abschließenden Ausrufung von Segen und Fluch in Kapitel 28 sogar wörtlich auf den Vasallenvertrag von 672 v. Chr. rekurriert, um diesem einen Gegenentwurf entgegenzustellen und zu sagen: Wir haben schon einen Bundesvertrag, und zwar mit jenem HERRN, der uns vor Zeiten aus der Sklaverei in die Freiheit geführt hat; ihn allein werden wir „lieben“ und ihm allein werden wir dienen.

Folglich müssen wir auch das Buch Deuteronomium als Widerstandsliteratur gebildeter Kreise in Jerusalem interpretieren, in dem einmal durchdacht und ausformuliert werden sollte, was es heißen müsste, nicht nach den Befehlen des Königs von Assur zu handeln, sondern das zu tun, was dem Willen jenes Gottes entspricht, der Israel in die Freiheit geführt hatte.

Dann ist die Moseerzählung keine Legende aus grauer Vorzeit und das Buch Deuteronomium keine Erinnerung an einen Bund, den YHWH vor Jahrhunderten mit seinem Volk am Sinai geschlossen hätte, sondern beide sind fiktionale Literatur, und die Rede vom „Bund“ Gottes mit seinem Volk erscheint in einem neuen Licht: als eine äußerst kreative theologische Antwort auf eine existentielle politische Krise, so dass wir zuspitzend formulieren können: Ohne die neuassyrische Krise gäbe es keine Monolatrie, keinen Mose im Binsenkörbchen, keinen „Bund“ zwischen YHWH und seinem Volk und keine „Liebe“ zwischen YHWH und jenen, die ihm folgen.

Es gibt nur einen

Um 640 v. Chr. begann das assyrische Reich, langsam zu kollabieren. 612 v. Chr. eroberten und zerstörten babylonische und medische Truppen gemeinsam Ninive, seine letzte Hauptstadt. Jerusalem atmete auf, und die Freude war groß – aber sie kam zu früh, denn die Babylonier blieben nicht in Ninive stehen. Vielmehr stieß der junge König Nebukadnezzar II. 605 v. Chr. in die nördliche Levante und 604 v. Chr. die südliche Levante vor.

Jeremia warnte in Jerusalem vor einem Aufstand gegen die neue Großmacht, doch seine Appelle verhallten. Jerusalem wagte den Aufstand und wurde 597 v. Chr. erobert. Zwar wurde die Stadt noch nicht zerstört, aber ihre Oberschicht nach Babylonien deportiert.

Von dort aus warnte einer der Deportierten, Ezechiel, Jerusalem vor einem zweiten Aufstand. Er erzählt in Ez 8–11 von seiner ersten Tempelvision, er sei in Babylon eines Nachts am Schopf gepackt und nach Jerusalem getragen und dort genötigt worden, die Frevel seines Volkes zu sehen und zu schauen, wie YHWH seinen Tempel verlässt und auf dem Ölberg im Osten Aufstellung nimmt, um seine Stadt dem Untergang preiszugeben.

Das von Ezechiel angesagte Unheil traf ein: Jerusalem unternahm einen zweiten Aufstand, und Nebukadnezzar nahm die Stadt 587 v. Chr. zum zweiten Mal ein, kannte nun aber keine Verschonung mehr, sondern zerstörte sie und deportierte zum zweiten Mal die führende Schicht nach Babylon.

Und Ezechiel? Er hätte mit seinen Unheilsworten fortfahren können, wiederholte sie aber nicht und äußerte auch keine Häme. Stattdessen zog er aus der Katastrophe die Konsequenzen, vollzog am tiefsten Punkt der Geschichte die Wende, mutierte vom Unheilsprophet zum Heilspropheten und erzählte in Ez 40–47 von einer zweiten Tempelvision: Er sei 574 v. Chr. erneut nach Jerusalem gebracht worden, das damals nur noch ein Schutthaufen war, und habe dort eine neue, ideale quadratische Stadt geschaut und gesehen, wie die Herrlichkeit YHWHs von Osten nach Westen in einen neuen Tempel zurückkehrte, um in ihm Wohnung zu nehmen.

Kein Reich währt ewig, und so waren auch Babylons Tage gezählt, denn am südöstlichen Horizont stieg im persischen Reich König Kyros II. auf und eroberte im Sturm nicht nur das medische Reich, sondern auch das lydische Reich bis zur Ägäis. König Nabonid von Babylon verschlief die Situation, während sein Volk schon auf Kyros setzte und hoffte, dass er in Babylon einziehen und Nabonid vom Thron stoßen werde. Schließlich lief ein Teil der babylonischen Truppen zu Kyros über, die Bevölkerung der Stadt öffnete ihm im Herbst 539 v. Chr. die Tore und hieß ihn als Befreier willkommen. Kyros führte seinen fulminanten Sieg auf einem Keilschriftzylinder, der 1879 in Babylon gefunden wurde, auf seine göttliche Berufung durch Marduk, den Stadtgott von Babylon, zurück. Dieser habe das Elend seines Volkes in Babylon gesehen, nach einem Erlöser gesucht, ihn in Persien gefunden und nach Babylon geführt, um ihm die Herrschaft zu übertragen.

Wer war dieser Gott Marduk? Im mesopotamischen Pantheon hatte er lange nur eine untergeordnete Rolle gespielt, doch als Babylon zur Weltmacht aufstieg, gelang auch ihm ein erstaunlicher Aufstieg. Das babylonische Schöpfungsepos Enuma elisch erzählt, die Welt sei vor Zeiten fast im Chaos versunken, doch Marduk habe sie gerettet. Darum kürten ihn die Göttinnen und Götter schließlich zu ihrem König und sprachen: „Auch wenn die Menschen uneins sind, was (die Benennung der) Götter angeht, bei welchem Namen auch immer wir (= die Göttinnen und Götter) ihn (= Marduk) nennen, für uns sei nur er unser Gott!“ Anschließend übertrugen sie auf ihn in einer langen Litanei die Namen der 50 wichtigsten Göttinnen und Götter, womit diese nur noch als unterschiedliche Erscheinungsformen Marduks betrachtet wurden.

Und eine weitere Litanei, die zum Abschluss des babylonischen Neujahrsfestes gebetet wurde, rief ebenfalls alle Göttinnen und Götter Babyloniens an, betrachtete sie ebenfalls nur noch als unterschiedliche Gesichter Marduks und mündete in die rhetorische Frage: „Gibt es überhaupt einen Herrn außer ihm?“

Damit näherte sich die Gottesverehrung in Babylon dem Monotheismus – eine theologische Herausforderung für die judäischen Deportierten, die ihren Gott YHWH verehrten: Sollte YHWH ebenfalls nur eine der vielen Masken des babylonischen Gottes Marduk sein?

Einer der bedeutendsten theologischen Köpfe unter den judäischen Deportierten war ein anonymer Prophet, dessen Sprüche in Jes 40–55 überliefert sind, weshalb er in der exegetischen Forschung seit 1892 als „Deuterojesaja“ bezeichnet wird.

Er leistete in dieser Krise eine der wichtigsten theologischen Transformationen, denn er ließ in Jes 44,24–45,7 verkünden, dass (nicht Marduk, sondern) YHWH den persischen König Kyros zum Messias berufen habe, eine Antwort auf die Herrschaftspropaganda des Kyros-Zylinders, dessen Formulierungen teilweise wörtlich aufgenommen und umgedreht wurden, und vollzog in diesem Kontext erstmals den Schritt, YHWH zum einzigen Gott schlechthin zu erklären, den revolutionären Übergang vom ­Polytheismus zum Monotheismus, dessen Geburt sich somit überraschend präzis auf den Herbst 539 v. Chr. datieren lässt.

So erweist sich die Krise dieses Jahres als Sprungbrett für einen der größten religionsgeschichtlichen Schritte der Menschheit, doch war die Geschichte damit noch nicht zu Ende, denn Deuterojesaja war zwar theologisch innovativ, hatte seine theologischen Innovationen aber nicht immer in allen Konsequenzen durchgedacht.

Dafür haben andere Autorinnen und Autoren mit Deuterojesaja über Deuterojesaja hinaus weitergedacht, zum Beispiel die Autorinnen und Autoren der sogenannten „Priesterschrift“, die unmittelbar nach Deuterojesaja, aber noch vor 520 v. Chr. geschrieben wurde und bei ihrer Wiederentdeckung im 19. Jh. völlig zu Unrecht Priestern zugeschrieben wurde.

Diese bezeichnet Gott in der Urgeschichte, die sich auf die Ahnen der ganzen Menschheit bezieht, als „Elohim“ – als „Gott“ ohne Namen, in den Erzelternerzählungen hingegen, die sich nicht nur auf die Ahnen Israels, sondern auch auf die arabischen Völker beziehen, als „El Schadday“, was die Einheitsübersetzung provisorisch als „Gott der Allmächtige“ wiedergibt, und nur in der Moseerzählung, die sich allein auf Israels Ahnen bezieht, offenbart er am brennenden Dornbusch seinen Namen „YHWH“, was erklärt, warum nur Israel die eine einzige Gottheit, die die Welt erschaffen hat, als „YHWH“ anzurufen pflegt und zugleich offen lässt, unter welchen Namen sie sich anderen Völkern – vielleicht als Marduk oder als Ischtar, als Zeus oder als Venus – offenbart haben könnte.

Eine Gottheit für alle

Seit 333 v. Chr. eroberte Alexander der Große den Vorderen Orient, und sein Kriegszug sowie die Diadochenkämpfe nach seinem Tod vermittelten den betroffenen Völkern den Eindruck, das Ende der Welt sei gekommen – oder zumindest das Ende jener Welt, wie sie sie kannten.

Woran sollten sie sich in dieser Krise halten? Woran sich orientieren? An den Unheilsansagen der frühen Propheten wie Amos, Hosea, Micha, Jesaja, Jeremia und den frühen Worten Ezechiels? Oder an den Heilsansagen der späten Verkündigung Ezechiels, Deuterojesajas, Haggais oder Sacharjas?

Dabei musste man sich – zumindest nach Meinung gewisser Redaktoren – nicht zwischen beiden Optionen entscheiden. Vielmehr hielten sie an beiden fest. Schließlich war das gegenwärtige Unheil nicht zu bestreiten. Andererseits gaben sie ihre Hoffnung auf Heil nicht auf, sondern verbanden die Unheilsansagen des historischen Jesaja mit den Heilsansagen Deuterojesajas zu einem Doppelwerk, um in ihm den Weg vom gegenwärtigen Unheil zum ausstehenden Heil in Worte zu fassen.

Allerdings stellte sich dabei die Frage, wem das erwartete Heil zukommen werde. Während die erste Redaktion dieses Doppelwerkes die Grenze zwischen Heil und Unheil zwischen Israel und den anderen Völkern ansetzte, kalkulierte die zweite Redaktion ein, dass es auch in Israel Gerechte und Frevler gebe und das Gericht auch innerhalb Israels zwischen Gerechten und Frevlern zu scheiden habe, was die dritte und letzte Redaktion schließen ließ, dass dasselbe auch für die Völker gelte, weshalb die Zugehörigkeit zu Israel nicht mehr als heilsrelevant gelten könne, sondern allein das Verhalten der Einzelnen zähle.

Ein sehr später Zusatz zum Buch Jesaja bringt diese Transformation des Gottesdenkens auf den Punkt und lässt Gott in Kapitel 19,25 sagen: „Gesegnet ist mein Volk, Ägypten, und das Werk meiner Hände, Assur, und mein Erbbesitz, Israel!“ Und der ähnlich späte redaktionelle Abschluss des Buches Amos formuliert in Kapitel 9,7: „Seid ihr für mich denn mehr als die Kuschiter (= Sudan), ihr Israeliten? – Spruch des HERRN – Wohl habe ich Israel aus Ägypten heraufgeführt, aber ebenso die Philister aus Kaftor (= Kreta) / und die Aramäer aus Kir (= am mittleren Euphrat)“, womit auch das letzte Alleinstellungsmerkmal Israels aufgegeben ist.

Darum lässt sich wiederum etwas zuspitzend formulieren: Ohne die frühhellenistische Krise gäbe es kein Jüngstes Gericht, nur ein einziges Gottesvolk und keine Chance für alle Menschen zum Heil.

Was bleibt

Offenkundig ist das biblische Gottesdenken nicht zeitlos, sondern in Auseinandersetzung mit Krisen entstanden. Zwar pflegen sich Religionen mit dem Nimbus des Ewiggültigen zu umgeben, doch hält dieses Selbstbild der historischen Analyse nicht stand. Aber es basiert nicht auf Betrug, sondern erklärt sich aus der Funktion mythisch-religiöser Symbolsysteme, das festzuhalten, was einer Symbolgemeinschaft als unbedingt gültig gelten soll.

Zwar kann das Erkennen der ausgeblendeten Metamorphosen zur historischen Relativierung des Unbedingten führen, doch unterscheidet sich reifes religiöses Denken nach Ernst Cassirer vom rein mythischen Denken dadurch, dass es sich selbst durchschaut und über sich selbst zu reflektieren versteht. Dann kann es auch realisieren, dass Krisen das Potential zu fruchtbaren weichenstellenden Transformationen religiöser Symbolsysteme in sich tragen, auf die wir uns gelassen einlassen können.

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