Liebe Anwesende bei dieser festlichen Veranstaltung, die hoffentlich uns allen Mut gemacht hat, Hoffnung gemacht hat. Von dieser Akademie soll ein neuer Impuls für das christlich geprägte politische Handeln ausgehen, für das Arbeiten in den verschiedenen Bereichen des menschlichen Lebens.
Ich gehöre auch zu denen – ich bin jetzt der Dritte – die sich gefragt haben: Warum Frank-Walter Steinmeier? Zwar hat die Jury entschieden, aber wir sind ja in der katholischen Welt. Da ruft man natürlich den Kardinal an und sagt: Herr Kardinal, was sagen Sie zu der Idee? Da habe ich gesagt: Lasst mich mal eine Nacht drüber schlafen. Aber nicht, weil ich irgendein Problem mit der Person – das wissen Sie, Herr Minister – Frank-Walter Steinmeier habe, sondern eben tatsächlich in der Überlegung: Was ist jetzt der Sinn dieses Preises? Erklärt noch einmal, was ihr damit meint, mit diesem Preis, mit diesem Ökumene-Preis.
Ich bin ja erst einige Jahre hier und habe eben auch in Erinnerung, dass es in der Regel Bischöfe und Professoren waren, die mit dem Ökumenischen Preis ausgezeichnet wurden. Aber beim Blick auf diese Preisbegründung und auch auf die Idee fand ich es dann besonders wichtig, jetzt in dieser Stunde einen überzeugten Christen, der im politischen Handlungsfeld steht, auszuzeichnen und damit zu ermutigen, und auch andere zu ermutigen, in der Politik ihren Beitrag als Christinnen und Christen zu leisten, in einer ökumenischen, weiten Vernetzung. Eine ausgezeichnete Idee! Ich glaube auch die Veranstaltung heute zeigt das. Ich kann ja nur ein kleines Schlusswort sagen, einen i-Punkt oder ein Ausrufungszeichen draufsetzen. Die wesentlichen Punkte sind ja in der Laudatio und auch in der großartigen Rede des Herrn Bundesaußenministers deutlich geworden.
Kann man mit der Bibel in der Hand Politik machen? Da sage ich, mit einem kleinen Widerspruch zu dem, was gesagt wurde: Doch, doch! Aber in der rechten Weise, und darauf haben Sie hingewiesen. Was sind die großen Perspektiven? Es wurde auf die Narrative hingewiesen, die wir brauchen, und natürlich ist die Bibel eine Bibliothek. Es ist ja nicht nur ein Buch, sondern es ist eine Bibliothek mit vielen Erzählungen, die aber immer auf das Zentrum hinweisen wollen.
Das will ich zum Schluss dann doch tun: Als Bischof darf ich dann die Bibel einmal zu Wort kommen lassen als das große Narrativ Europas. Die wichtigste Aufklärung, die Europa je erreicht hat, ist für mich das Evangelium, die biblische Botschaft. Und die beginnt eben nicht mit Jesus von Nazareth; sie beginnt mit den ersten Seiten der Heiligen Schrift: Der Mensch wird geschaffen als Mann und Frau, beide auf einer Ebene, es geht um eine Menschheitsfamilie. Also sind alle Brüder und Schwestern. Jeder Mensch ist Bild Gottes, ob er gläubig oder ungläubig ist, Muslim, ausgetreten, homosexuell, heterosexuell, Mann oder Frau, schwarz oder weiß. Jeder ist Bild Gottes. Das ist die größte Revolution, die jemals auf dieser Erde ausgesprochen wurde, in dieser Verbindlichkeit, in dieser Proklamation einer Botschaft.
Haben wir immer auf dem Niveau dieses Satzes gelebt? Sicher nicht, auch wir als Kirche nicht. Bleibt dieser Satz gültig? Natürlich bleibt er gültig. Das kann ich nur unterstreichen – das ist jetzt nicht auszuführen, es ist schon gesagt worden: Deswegen ist christlicher Glaube, biblischer Glaube absolut unvereinbar mit Nationalismus, Ausgrenzung und Rassismus. Absolut unmöglich! Deswegen ist ein Christ nicht nur ein Europäer, jemand, der über Grenzen hinausschaut und den anderen nicht als Bedrohung, sondern als Bruder und Schwester sieht, er ist ein Universalist. Christen sind im Prinzip Universalisten. Das müssen wir als Kirche, als Verantwortliche in der Kirche, immer wieder in Erinnerung rufen.
Oder denken wir an den wunderbaren Text, der im Bereich des Politischen immer wieder zitiert wird: „So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!“ (Mt 22,21) Das wurde oft falsch verstanden als eine Trennung, eine absolute Trennung. Bei Matthäus ist aber eine Orientierung gemeint: „Gebt Gott, was Gott gehört“. Was gehört Gott? Eben der Mensch, der Bild Gottes ist, den ich nicht verzwecken kann, der „Zweck an sich (selbst)“ ist, wie Kant sagt, der nicht benutzt wird, nicht versklavt wird, nicht ausgebeutet wird, nicht Instrument in der Hand eines anderen sein darf. Das ist gemeint mit „gebt Gott, was Gott gehört“: der Mensch. Das ist eine ökumenisch gemeinsame Botschaft; keine katholische Politik, keine evangelische Politik, keine jüdische Politik, sondern eine vom biblischen Glauben her christlich-ökumenische Inspiration für die Politik.
Oder die wunderbare Geschichte, die wir am Sonntag in allen katholischen Kirchen im Evangelium gehört haben und die für mich zu den schönsten Texten Europas gehört. Ob ich gläubig bin oder nicht, ob ich Christ bin oder nicht, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Es ist die Geschichte vom barmherzigen Samariter, im 15. Kapitel des Lukas-Evangeliums. Jesus widerspricht dort dem Gesetzeslehrer, der ja eine Definition will und sagt: es muss doch einmal eine Grenze geben, es muss doch einmal Schluss sein, es geht doch um meine Interessen. Definiere mir bitte, wo ich aufhören muss, zu lieben. Definier‘ mir das, Jesus von Nazareth.
Und Jesus erzählt die Geschichte, die Sie alle kennen, die Geschichte vom barmherzigen Samariter, und dreht das Ganze um. Er sagt: Es geht gar nicht darum, dass du eine Definition bekommst, wann du nicht mehr helfen sollst. Es geht darum, dass du begreifst, wie du denn auf die Welt schaust. Alle, die dem Samariter vorausgegangen sind, sagen: Was wird aus mir? Da ist ein Überfallener – was wird aus mir, wenn ich ihm helfe, fragt der Priester, der Levit. Und der Samariter, der Ausländer, der Verachtete, der nicht dazugehört, sagt: Was wird aus ihm? Was wird aus ihm, wenn ich vorübergehe? Es ist der teilnehmende Blick; der auch noch nicht alle Probleme löst, aber offen bleibt für den Anderen. Deshalb beklagt Papst Franziskus das Fehlen dieses teilnehmenden Blickes, wenn er von einer Globalisierung der Gleichgültigkeit spricht.
Das sind noch keine Lösungen für alle Probleme. Aber den Blick abzuwenden und zu sagen, die Folgen für andere gehen mich nichts an – etwa in der Flüchtlingskrise oder in der politischen Frage des Friedens oder der Versöhnung; Hauptsache, wir haben unsere Interessen durchgesetzt; die Folgen, langfristige Folgen für andere, sind nicht unser Problem. Das sind Haltungen, die eben nicht christlich inspiriert sind, und, so darf ich doch auch sagen, im Letzten auch unvernünftig sind. Denn das will ich abschließend sagen: Die christlich inspirierte Politik – die von Christen geprägte Politik, die von solchen Narrativen herkommt – ist nicht unvernünftig. Ich spreche ab und zu auch von der Vernunft der Seligpreisungen.
Manchmal ärgere ich mich, wenn ich durch Museen gehe oder auch durch große Schlösser geführt werde: Die Geschichte scheint hauptsächlich aus Königen und Feldmarschällen zu bestehen, großen Politikern, die Kriege geführt haben. Gut, oft wird auch an andere erinnert. Aber die Dominanz insgesamt ist doch relativ stark. Jesus sagt nicht, selig, die Kriege gewonnen haben, sondern er sagt, selig, die Frieden stiften, selig, die keine Gewalt angewandt haben, selig, die andere Mittel in Anspruch genommen haben, um das Ziel zu erreichen. Das ist doch nicht unvernünftig! Und wir haben es ja eben sozusagen heruntergebrochen auf die ganz praktische Politik des Dialogs, des Denkens vom Anderen her. Wir haben gesehen, was es bedeutet, diese Perspektive im Blick zu behalten.
Noch einmal: Das ist nicht eine naive Romantik, sondern ich glaube, diese große Perspektive muss im Blick bleiben, sonst verlieren wir uns im Einzelnen und verheddern uns in Interessen, die im Grunde genommen langfristig nicht bedeutend sind. Heute ist, wie schon gesagt wurde, das Fest des heiligen Benedikt, des Vaters Europas. Johannes Paul II. hat ihn zum Patron Europas ausgerufen. Ja, was wissen wir sonst noch von Politikern aus dem 5. und 6. Jahrhundert? Nicht so viel. Kaum, dass wir einen Namen in Erinnerung haben. Aber der heilige Benedikt hat mit seiner Art, das Evangelium zu leben, sich zurückzuziehen, Klöster zu organisieren Europa vielleicht nachhaltiger geprägt als mancher, der damals als großer Mann oder große Frau galt.
Diese Hoffnung sollten wir einbringen, auch in die konkrete Politik, auch in die Gestaltung der Welt. Ich glaube, wir haben es gespürt, und wir haben ja auch Zeit genug gehabt in den letzten Jahren, Frank-Walter Steinmeier zu beobachten: Der Preis geht an den Richtigen. Aber es ist ein Preis zur Ermutigung für alle. Ich möchte dies wirklich noch einmal nutzen, um viele, viele Christinnen und Christen aufzurufen, sich in den politischen Parteien, im gesellschaftlichen Leben, zu engagieren. Es ist höchste Zeit, unsere Narrative aufzurufen und mit praktischem Engagement zu erfüllen. Gottes Segen dazu!
Die frei vorgetragene Ansprache wurde für die Drucklegung geringfügig sprachlich bearbeitet. Der Stil des gesprochenen Wortes bleibt erhalten.