Steile Klippen: kontroverse Themen im ersten Korintherbrief

Im Rahmen der Veranstaltung "Biblische Tage 2016 – Der Erste Korintherbrief", 21.03.2016

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Briefe als Problemanzeigen

 

Warum schreibt man Briefe? Dass man dies nicht absichtslos tut, sondern aus einem bestimmten Anliegen heraus, hat bereits die antike Brieftheorie bedacht. Ihr zufolge ist das grundsätzlichste Anliegen die Herstellung von Kontakt: Durch den Brief ist der Absender beim Adressaten anwesend. In einer Zeit, in der ein Austausch über eine räumliche Trennung hinweg nur durch den Brief möglich war, ist diese Funktion tatsächlich so fundamental, dass sie oft das einzige Anliegen darstellt.

Auch Paulus nutzt das Medium des Briefes in einem grundsätzlichen Sinn, um mit seinen Gemeinden in Kontakt zu bleiben. Dennoch ist, wenn wir einmal vom Philipperbrief absehen, die Existenz von Briefen in seinem Fall meist Problemanzeige. Der Apostel schreibt nicht nur, weil er im Austausch bleiben will mit den Gemeinden, die er gegründet hat. Er will gewöhnlich Unklarheiten beseitigen, Kritik üben, etwas in Ordnung bringen. Zwar hat Paulus weniger Briefe verfasst, als ihm zugeschrieben wurden, aber immerhin doch so viele und zum Teil so umfangreiche, dass wir staunen können: Da gab es viele Unklarheiten zu beseitigen, Kritik zu üben, in Ordnung zu bringen! Warum ist das Wirken des Paulus mit so zahlreichen kontroversen Themen verbunden? Warum sieht sich Paulus genötigt, einen derart langen Brief nach Korinth zu schicken, dass sich manche Ausleger auch wegen des Umfangs gar nicht vorstellen konnten, dass das alles in einem Brief stand? Man kann eine zweifache Antwort auf diese Frage geben: Paulus hatte alles andere als eine einfache Aufgabe vor sich – und er war wohl alles andere als eine einfache Persönlichkeit.

 

Das Verhältnis zwischen Paulus und Gemeinde

 

Den zweiten Teil der Antwort will ich nur kurz streifen, weil der Punktscheinwerfer in einem anderen Beitrag auf die Person des Paulus gerichtet wird (s. S. ). Wir begnügen uns mit einem Blitzlicht. Etwas überspitzt kann man sagen: Wo Paulus hinkommt, gibt es Ärger. Sieht er die „Wahrheit des Evangeliums“ bedroht, gibt es für ihn keinerlei Kompromiss – da können Petrus, Jakobus, Barnabas und die ganze Gemeinde von Antiochia anderer Meinung sein (Gal 2,11-14). Beschränken wir uns auf das Verhältnis des Paulus zur Gemeinde von Korinth, mit der er nicht um die Wahrheit des Evangeliums streiten musste, so zeigt sich: Auch hier geht es nicht ohne Probleme ab. Im ersten Korintherbrief aber stimmt die Beziehung noch einigermaßen. Wenn sich die Gemeinde mit einem Fragebrief an ihn wendet, wird er als Autorität akzeptiert, von der man sich Antworten erwartet. Wenn Paulus sich als Vorbild präsentiert (1 Kor 11,1: „Werdet meine Nachahmer!“; siehe auch 1 Kor 4,16); wenn er Lob und Tadel verteilt (1 Kor 11,2.17); wenn er ankündigt, in der Frage der Herrenmahlfeier konkrete Anordnungen zu treffen, sobald er in die Gemeinde kommt (1 Kor 11,34) – dann scheint er nicht davon auszugehen, dass seine Position in der Gemeinde in Frage steht. Nur so lässt sich auch erklären, dass er in 1 Kor 15,8 von sich sagt, er sei nicht wert, Apostel genannt zu werden, weil er die Kirche Gottes verfolgt hat. Wehe, ein anderer würde behaupten, Paulus sei nicht wert, Apostel genannt zu werden! Paulus sagt es, weil er nicht damit rechnet, dass ein anderer sich zu dieser Behauptung versteigen könnte. Es ist kein Zufall, dass wir von solcher Selbstrelativierung im zweiten Korintherbrief nichts lesen. In ihm spiegelt sich ein äußerst scharfer Konflikt. Und wenn man weiß, dass das Verhältnis zwischen Paulus und der korinthischen Gemeinde sich bald nach der Abfassung des ersten Korintherbriefes extrem abgekühlt hat, kann man in diesem Schreiben Spuren entdecken, in denen sich jene Zerrüttung ankündigt. Der Parteienstreit zeigt, dass Paulus nicht die einzige Autorität war: Neben ihm erscheinen Petrus und vor allem Apollos (1 Kor 1,12; 1 Kor 3,4-6.22). Paulus lässt in diesem Zusammenhang auch eine kritische Einschätzung seiner Person in Korinth durchblicken (1 Kor 4,3-5). Außerdem spricht er von Aufgeblasenen, die seine Abwesenheit genutzt hätten, um sich wichtig zu machen (1 Kor 4,18-21). In 1 Kor 9,3 charakterisiert Paulus die folgenden Ausführungen als „Verteidigung gegenüber denen, die mich verhören“. Es scheint also bereits Risse im Verhältnis zwischen der Gemeinde beziehungsweise Teilen der Gemeinde und ihrem Gründer zu geben. Ein Bruch ist aber im ersten Korintherbrief noch nicht erkennbar. Was die kontroversen Themen in diesem Schreiben betrifft, so geht zumindest dessen Verfasser davon aus, dass er sich bei der Klärung jener Themen nicht eigens um seine Position als entscheidende und wegweisende Autorität kümmern muss.

 

Das Grundproblem: die Vermittlung zweier Welten

 

1) In der Tat können wir recht zuversichtlich behaupten: Bei den Fragen, die im ersten Korintherbrief kontrovers behandelt werden, ist nicht Paulus selbst das Problem. In vielen Fällen schlägt eine sachliche Schwierigkeit durch, die die Verkündigung des Evangeliums grundsätzlich betrifft. Die Christus-Botschaft ist in der jüdischen Tradition verwurzelt, blieb aber bereits in der ersten christlichen Generation nicht auf den jüdischen Raum beschränkt, sondern wurde auch den Heiden verkündet. Dies war keineswegs die erste Begegnung zwischen der jüdischen und der heidnisch-hellenistischen Welt, weshalb man nicht davon sprechen kann, dass sich in der christlichen Gemeinde zwei völlig fremde Welten begegnet seien. Aber manche Probleme in Korinth haben damit zu tun, dass die Mehrheit in der Gemeinde aus einem religiösen und kulturellen Milieu stammt, das mit den Eigenheiten des jüdischen Gottesbekenntnisses nicht vertraut war.

2) Um die Hintergründe dieser Schwierigkeiten besser zu verstehen, werfen wir zunächst einen Blick auf das Diaspora-Judentum. „Diaspora“ bedeutet „Zerstreuung“ und bezeichnet in unserem Fall das Phänomen, dass Juden nicht allein in dem von Gott geschenkten Land lebten, sondern auch in anderen Teilen der Welt. Dabei entwickelte das Diasporajudentum eine starke missionarische Kraft, die einigen Erfolg verbuchen konnte. Der jüdische Glaube konnte im hellenistischen Kulturraum durchaus anziehend wirken. Vor allem in der Verkündigung des einen, unsichtbaren, weltüberlegenen Gottes und in den anspruchsvollen ethischen Geboten konnte er dem Lebensgefühl der heidnischen Antike entgegenkommen.

Die Attraktivität jüdischen Lebens unter den Völkern konnte zwei verschiedene Reaktionen hervorrufen. Erstens: Heiden traten zum Judentum über und verpflichteten sich auf die Gebote der Mose-Tora („Proselyten“). Für Männer schloss dies die Beschneidung ein, die sozialen Folgen waren für alle Proselyten immens. Sie beachteten umfassend die Vorschriften des mosaischen Gesetzes, also auch die Speise- und Reinheitsgebote sowie die Sabbatregelungen. Das bedeutete den Ausstieg aus der bisherigen sozialen Welt eines Heiden. Die Einladung eines alten Freundes zu einem Essen konnte man nun nicht mehr annehmen; der Sabbat trennte als Ruhetag ebenfalls von der Welt, der der Proselyt zuvor zugehörte; und auch an kultischen Vollzügen in heidnischen Tempeln nahm man nicht mehr teil.

Daher ist es verständlich, dass es, zweitens, auch Sympathisanten des Judentums unter den Heiden gab, die diesen scharfen sozialen Schnitt nicht vollzogen. Sie werden als „Gottesfürchtige“ bezeichnet. Sie lebten im Umkreis der Synagoge, traten aber nicht zum Judentum über. In der persönlichen Lebensweise konnten sie sich durchaus an den Geboten der Tora orientieren, aber sie mussten sie nicht unter allen Umständen einhalten. Sozial hochgestellte Personen kamen, wenn sie ihren Status nicht gefährden wollten, nicht herum um die Beteiligung am öffentlichen Leben – und das lief in einer hellenistischen Stadt ohne Rücksicht auf jüdische Gebräuche ab.

Der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus behauptet am Ende des 1. Jahrhunderts: „Aber auch schon unter den Massen bemerkt man seit längerer Zeit viel Eifer für unsere Religion, und es gibt kein Volk und keine griechische oder barbarische Stadt, wo nicht unser Brauch, am siebenten Tage die Arbeit ruhen zu lassen, Eingang gefunden hätte und wo nicht das Fasten, Anzünden von Lichtern und viele unserer Abstinenzgebote beobachtet würden“ (Gegen Apion II 282). Was das Ausmaß der Orientierung an jüdischen Gebräuchen angeht, so dürfte Josephus, wie so häufig, übertreiben. Aber dass es ein wahrnehmbares Phänomen von Sympathie für das Judentum auch unter jenen gab, die selbst Heiden blieben, kann man seiner Darstellung entnehmen.

3) Das Verhältnis der Diasporajuden zur heidnischen Umwelt war aber nicht nur positiv bestimmt. Die Fremdheit, die einerseits den Reiz der jüdischen Religion ausmachen konnte, war andererseits auch ein möglicher Grund von Anfeindungen. Die Juden wohnten innerhalb der hellenistischen Städte in eigenen Vierteln, weil sie nur so die Reinheitsvorschriften des Gesetzes einhalten konnten. Die Diasporajuden lebten zwar bewusst unter den Heiden, blieben gleichwohl in der Fremde, wohnten in einer „Stadt in der Stadt“. So kam es immer wieder zu Feindseligkeiten der heidnischen Bewohner einer Stadt den Juden gegenüber (siehe Josephus, Jüdische Altertümer XVI 27-65).

In religiöser Hinsicht blieb der Anspruch auf Alleinverehrung eines einzigen Gottes in der hellenistischen Welt sicher vielen fremd. In ihr war weithin anderes plausibel: eine möglichst umfassende religiöse Absicherung der menschlichen Existenz. Verschiedene Kulte standen nicht in Konkurrenz zueinander, sondern ergänzten sich. Literarisch bezeugt ist die Existenz von Altären für „unbekannte Götter“. Sie bekunden die Sorge, niemanden aus der Götterwelt in der Verehrung zu vernachlässigen, um sich nicht den Zorn des Übersehenen zuzuziehen. Die programmatische Beschränkung auf einen einzigen Gott konnte in diesem Rahmen als Mangel empfunden werden. Oder von der anderen Seite betrachtet: Wer sich einem religiösen System mit solch exklusiven Monotheismus anschloss, vollzog einen wirklichen Bruch mit seiner Herkunft (siehe auch 1 Thess 1,9).

So ist auch die Hinwendung zum Gott Israels und zu Jesus Christus notwendig mit dem Abschied von der heidnischen Götterwelt verbunden. Dass Paulus dazu befähigt war, in seiner Mission auf diese existentielle Neuorientierung hinzuwirken, hängt sicher auch mit seiner Herkunft zusammen. Er stammte aus Tarsus, war deshalb mit beiden Welten vertraut und konnte zwischen ihnen vermitteln. Er kannte einerseits das Leben in einer hellenistischen Stadt und war andererseits fest in der spezifisch jüdischen Tradition verwurzelt. Die Probleme, die aus der Übernahme des Christusbekenntnisses durch Heiden erwuchsen, dürften ihn nicht grundsätzlich überrascht haben. Der erste Korintherbrief zeigt, dass er damit umgehen konnte.

 

Streitpunkte im 1. Korintherbrief – Gründe und Hintergründe

 

Was ergibt der Ausflug in religionsgeschichtliche Hintergründe für die kontroversen Themen im ersten Korintherbrief? Betrachten wir die Zusammensetzung der Gemeinde, so findet sich ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Vertrautheit mit jüdischer Gottesverehrung für die Mehrheit der Adressaten nicht vorausgesetzt werden kann. Paulus beschreibt deren Vergangenheit jedenfalls in diesem Sinn: Sie wurden, als sie Heiden waren, zu den stummen Götzen gezogen (1 Kor 12,2). Auf diese Weise lässt sich ein „Gottesfürchtiger“ nicht kennzeichnen, er wird ja zum Gott Israels hingezogen. Proselyten und Judenchristen fallen ganz aus dieser Charakterisierung heraus. Wertet man die Angaben aus der Apostelgeschichte aus (Apg 18,1-8), so erweitert sich allerdings das Spektrum: Dort wird der Name eines Gottesfürchtigen genannt, Titius Justus, außerdem der Name des Synagogenvorstehers, also eines Juden, Krispus, der ohne diesen Titel auch in 1 Kor 1,14 erscheint: Paulus hat ihn getauft. Priska und Aquila sind ebenfalls eindeutig Judenchristen (Apg 18,2). Angesichts dieser Zusammensetzung der Gemeinde erklärt sich recht gut die Existenz der Fragen und Streitpunkte, die Paulus im ersten Korintherbrief behandelt, und die Art und Weise, wie er das tut.

Bleibende Verhaftung an soziale und religiöse Herkunft. Dies betrifft jene Kontroversen, die mit der bleibenden Verhaftung der Heidenchristen an ihre soziale und religiöse Herkunft verbunden sind. Darunter kann man die Themen fassen, die Paulus im 5. und 6. Kapitel bespricht. Dass einer „die Frau seines Vaters hat“ (wohl die Stiefmutter) sei ein krasser Fall von Unzucht, den es nicht einmal unter Heiden gebe (1 Kor 5,1). Mit dieser Formulierung gibt Paulus zu erkennen, dass er in diesem Umfeld mit einigem rechnet. Das ist für uns hier der entscheidende Punkt. Ob Paulus damit Recht hat, dass das angeprangerte Verhalten unter Heiden nicht vorkomme, kann offen bleiben. Die rhetorische Funktion seiner Bemerkung ist klar: Das Ungeheuerliche am Tun des Unzuchtsünders wird dadurch gesteigert, dass mit ihm selbst bekannterweise niedrige sexualethische Standards noch unterboten werden. In 1 Kor 6,12-20 kommt Paulus in allgemeinerer Form auf das Thema zurück, wenn er erläutert, warum der Besuch im Bordell durch die in Christus gewonnene Freiheit nicht gedeckt ist. Er muss seine Adressaten dazu auffordern, die Unzucht zu meiden (1 Kor 6,18). Sie sind von ihrer Herkunft her an jene niedrigen sexualethischen Standards gewohnt, die der Jude Paulus „unter Heiden“ als verbreitet erkennt. Das Prozessieren vor heidnischen Gerichten, das in 1 Kor 6,1-11 kritisiert wird, erweist die bleibende Verhaftung an die bisherige Lebenswelt. Auf deren Einrichtungen wird weiterhin zurückgegriffen, weil man den neuen Status noch nicht verstanden hat: Richter über die Welt und untereinander Brüder und Schwestern, die mit einem Streit anders fertig werden sollten als durch den Gang vor ein weltliches Gericht.

Sehr deutlich wird die Rolle, die die Herkunft der Adressaten für die Themen des ersten Korintherbriefes spielt, in der Frage, ob man Götzenopferfleisch essen dürfe. Für einen frommen Juden, der sich an die Tora gebunden weiß, ist dies überhaupt kein Thema: Solches Fleisch ist tabu. Für die Heidenchristen aber fragt sich, ob sie bei ihrer bisherigen Praxis bleiben können. In der Gemeinde gibt es dazu zwei verschiedene Positionen, und Paulus ist wohl ausdrücklich um Weisung angegangen worden. Was er genau geantwortet hat, ist nicht einfach zu erheben und muss jetzt auch nicht entschieden werden (siehe dazu der Beitrag auf S. ). Deutlich aber wird in jedem Fall: Zur Debatte steht das Verhältnis von Christus-Bekenntnis und religiöser Prägung der Adressaten, und dies auch im Blick auf die soziale Lebenswelt, denn Paulus bespricht in diesem Zusammenhang auch den Fall einer privaten Einladung außerhalb der Gemeinde.

Ein drittes Problemfeld wird durch Missstände beim Herrenmahl markiert. Was genau falsch läuft in der Gemeindeversammlung wird nicht einhellig rekonstruiert. Es scheinen aber soziale Differenzen eine nicht unerhebliche Rolle gespielt zu haben. Das hellenistische Vereinswesen war wesentlich durch Gastmähler geprägt. Dort gemachte Erfahrungen könnten auch auf die Herrenmahlfeier übertragen worden sein. Wer eine ungleiche Zuteilung von Portionen gewohnt war, mag auch weniger Anstoß genommen haben an einer Situation, die Paulus wohl überspitzt so beschreibt: „Der eine hungert, der andere ist betrunken“ (1 Kor 11,21). Auch dürfte die gemischte soziale Zusammensetzung der Gemeinde für einige eine neue Erfahrung gewesen sein. Hellenistische Vereine waren in ihrer Sozialstruktur gewöhnlich (nicht durchweg) homogen. Dass die „Nichthabenden“ beschämt werden (1 Kor 11,22), also der Gegensatz zwischen Arm und Reich im Ablauf der Herrenmahlfeier durchschlägt, könnte sich vor diesem Hintergrund erklären.

Dass einige in der Gemeinde von Korinth sagen, es gebe keine Auferstehung von Toten (1 Kor 15,12), dürfte in den Schwierigkeiten gründen, die diese jüdische Zukunftshoffnung in der hellenistischen Welt bereiten konnte. Der griechischen Tradition war die Vorstellung einer leiblichen Existenz nach dem Tod fremd. Der bereits genannte Flavius Josephus übersetzt deshalb bei der Beschreibung von Überzeugungen jüdischer Gruppen für sein hellenistisches Publikum, etwa im Fall der Sadduzäer: Diese Gruppe lehnt die Fortdauer der Seele nach dem Tod ab (Der Jüdische Krieg II 165). In den Evangelien lesen wir: Die Sadduzäer sagen, eine Auferstehung gäbe es nicht (Mk 12,28) – eine an jüdischer Tradition orientierte Formulierung. Was auch immer die Auferstehungsleugner positiv vertreten haben, die Ablehnung der Totenauferstehung liegt auf der Linie ihrer kulturellen Herkunft.

In einem Fall scheint die Problemlage umgekehrt zu sein: Nicht die Verhaftung an die bisherige Lebenswelt und deren Wertvorstellungen begründet eine kritikwürdige Situation, sondern das Verlassen der üblichen Konventionen. Die Rede ist von den Ausführungen des Paulus zum Auftreten von Frauen in der gottesdienstlichen Versammlung. Wenn Frauen beten oder prophetisch reden, soll ihr Kopf nicht unverhüllt sein (1 Kor 11,2-16). Ob sich dies auf eine textile Kopfbedeckung oder die Haartracht bezieht, ist umstritten. Wie auch immer hier zu entscheiden ist, Paulus führt gesellschaftliche Konventionen gegen das Verhalten der korinthischen Frauen ins Feld. Es geht um ein Verhalten, das Ehre oder Schande bringt (1 Kor 11,4-6); um das, was sich gehört (1 Kor 11,13); um das, was als Brauch anerkannt ist (1 Kor 11,16). Die Frauen in der korinthischen Gemeinde bleiben in der Sicht des Paulus nicht ihrer Herkunft zu sehr verhaftet; sie machen wohl ein wenig zu ernst mit der neu gewonnenen Existenz in Christus: dass da nicht mehr Mann und Frau sei (Gal 3,28). Nicht in jeder Hinsicht, so Paulus, gilt die Aufhebung der Differenz. Auch wenn er versucht, dafür die Schöpfungsordnung als Argument einzubringen, so wird doch deutlich: Entscheidend ist das gesellschaftlich Akzeptierte. Paulus will nicht, dass in Korinth gegen den Brauch verstoßen wird.

Zur Rolle der Jesustradition. Die Zusammensetzung der korinthischen Gemeinde lässt uns nicht nur die konkret aufgebrochenen Streitfragen verstehen. Sie kann auch erklären, warum zur Lösung der anstehenden Fragen die Jesustradition eine so geringe Rolle spielt. Diese Tradition ist in lebensweltlicher Hinsicht wesentlich geprägt durch das ländliche Milieu in Galiläa und religionsgeschichtlich ganz im Gottesbekenntnis Israels verankert. Fragen, die jüngst zum Christusglauben bekehrte Heiden in einer hellenistisch geprägten Großstadt umtreiben, kann sie nur im Ausnahmefall beantworten. Welche Rolle die Jesustradition für Paulus spielt, ist umstritten. Ausdrückliche Zitate finden sich in den Briefen nur selten. Daraus folgt allerdings nicht, dass Paulus auf Jesusworte in seiner Evangeliumsverkündigung vor Ort kaum zurückgegriffen hätte. Die Zahl möglicher Anspielungen ist in den Briefen höher als die ausdrücklicher Zitate, und solche Anspielungen setzen voraus, dass die Hörer mit dem Stoff vertraut sind. Diese Einsicht schafft aber das Faktum nicht aus der Welt, dass Paulus die Autorität des Herrn so selten ausdrücklich bemüht. Und dieses Faktum fällt umso mehr auf, als Paulus in 1 Kor 7 deutlich macht, mit dem Wort des Herrn eine übergeordnete Autorität anzuführen: Was zur Ehescheidung zwischen glaubenden Partnern zu sagen ist, „sage nicht ich, sondern der Herr“ (7,10); für den Fall, dass nur einer der Partner zur Gemeinde gehört, gibt Paulus selbst Weisung: „Den Übrigen sage ich, nicht der Herr“ (1 Kor 7,12). Ebenso hat Paulus zu den Jungfrauen „kein Gebot des Herrn“ (1 Kor 7,25). Auch wenn er seinen eigenen Rat keineswegs gering schätzt, da er ja den Geist Gottes hat (1 Kor 7,40), so zeigt sich doch: Wo es ihm möglich scheint, beruft er sich ausdrücklich auf das Wort des Herrn. Dass er es nicht häufiger tut, bedeutet demnach: Die Probleme in seinen Gemeinden lassen sich nur ausnahmsweise mit Bezug auf die Autorität der Jesustradition entscheiden.

Spannungen innerhalb der Gemeinde. Die Kommunikation zwischen Gemeinde und Paulus, die sich im Spiegel des Briefes zu erkennen gibt, weist auf erhebliche Spannungen innerhalb der Gemeinde hin. Damit ist nicht nur gemeint, dass in bestimmten Fragen unterschiedliche Positionen bezogen wurden, wie es sich etwa bei der Haltung zum Götzenopferfleisch gezeigt hat. Die Spannungen, die nun unser Thema sind, bestehen vielmehr darin, dass bestimmte Vorgänge in der Gemeinde selbst als Fehlentwicklungen eingestuft werden. Wenn Paulus Kritik übt an Tendenzen und Verhaltensweisen, dann steht er nicht als einsamer Mahner einem geschlossenen Gemeinde-Block gegenüber, sondern greift auf, was zumindest einzelne Glaubende ihm gegenüber vorbringen.

Paulus sitzt in Ephesus und ist auf Informationen über Vorgänge in Korinth angewiesen. Besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass er nicht nur auf den Brief aus der Gemeinde reagiert, sondern sich in manchen Kritikpunkten auf ungenannte Informanten bezieht. Den besonders krassen Fall von Unzucht, den er im 5. Kapitel bespricht, führt er mit der Bemerkung ein: „Man hört“ (1 Kor 5,1). In derselben Weise übergeht er die Quelle, die ihm von den Missständen bei der Herrenmahlfeier berichtet hat: „Ich höre, dass es Spaltungen unter euch gibt“ (1 Kor 11,18). Woher er weiß, dass Gemeindeglieder sich vor einem „weltlichen“ Gericht streiten (1 Kor 6,1-11), sagt er nicht; ebenso schweigt er von den Informationen, die ihn dazu veranlasst haben, vor der Unzucht zu warnen (1 Kor 6,12-20). Paulus wurde von Dingen unterrichtet, die manche als Missstand verstehen – sonst hätten sie nichts gesagt und Paulus hätte nichts gehört.

Sein Schweigen zu seinen Quellen fällt umso mehr auf, als er in anderen Fällen Informanten (Leute der Chloë in 1 Kor 1,11) oder Quelle (Brief in 1 Kor 7,1) ausdrücklich nennt. Es zielt wohl darauf, die Spannungen nicht zu vertiefen. Inwiefern die hier erkennbaren Spannungen mit der unterschiedlichen Herkunft der Gemeindeglieder zusammenhängen, muss offen bleiben. Denkbar ist dies durchaus, lässt sich aber im Einzelnen nicht belegen.

 

Zum Schluss: Dank an die Problemgemeinde

 

Man kann erschrecken über das Ausmaß von Kontroversen, die den ersten Korintherbrief bestimmen. Ging es nicht wenigstens am Anfang etwas einmütiger zu? Offensichtlich nicht. Selbst die Apostelgeschichte, die das Ideal der Einmütigkeit für die Jerusalemer Urgemeinde vor Augen stellt, hält dieses Bild nicht durch und erzählt von Streit und Uneinigkeit. Diese Tatsache hat auch etwas Tröstliches: Wir brauchen uns nicht zu grämen, den reinen Zustand einer idealen Ursprungszeit verloren zu haben. Es hat diesen Zustand nicht gegeben.

Es ist aber auch nicht abwegig, den frühen Kontroversen selbst etwas Gutes abzugewinnen. Was wüssten wir von Paulus und seinen Gemeinden, wenn es keine Probleme und Missstände gegeben hätte? Wären in Galatien keine Gegner der paulinischen Mission aufgetreten, hätten wir ein wichtiges Zeugnis der Rechtfertigungstheologie nicht. Auch der Römerbrief wäre dann wohl anders, jedenfalls erheblich kürzer ausgefallen. Hätten die Korinther das Herrenmahl vorbildlich gefeiert, würden wir wahrscheinlich heute behaupten, Paulus kenne die Abendmahlstradition nicht.

Wir müssen der Problemgemeinde dankbar sein, dass sie Problemgemeinde war. Sie hat Paulus zur literarischen Produktion gezwungen. Briefe sind, wie eingangs gesagt, häufig Problemanzeigen. Da davon auszugehen ist, dass sich Paulus nur bei konkretem Anlass die Mühe eines Briefdiktats macht und sich umso größere Mühe macht, je bedeutender die Fragen sind, müssen selbst Harmoniebedürftige hier das Lob der Kontroverse singen. Ohne sie wüssten wir noch weniger von der prägenden Zeit des Urchristentums.

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