I.
Das Jahr 1517, im christlichen Europa der Beginn der Reformation und damit der Beginn tiefgreifender Veränderungen, sah in der Welt des Islam das Ende des Reiches der Mamluken und damit zugleich einen gewaltigen Machtzuwachs des Osmanischen Reiches. Das Mamlukenreich (1250-1517), eines der merkwürdigsten Staatsgebilde der islamischen Geschichte, umfasste Syrien, Ägypten und Teile der arabischen Halbinsel einschließlich der Heiligen Stätten Mekka und Medina. Sultan der Mamluken konnte nur werden, wer als Nichtmuslim meist kiptschakischer, später tscherkessischer Herkunft geboren, als Sklave in das Haus eines mamlukischen Sultans oder Emirs gekommen, dort eine Ausbildung erhalten hatte, zum Islam konvertiert war und dann freigelassen worden war.
Zum Schicksal für diesen lange Zeit so mächtigen, reichen Staat wurden zwei Entwicklungen im weiteren Umfeld. Im Norden rückten die Osmanen seinen Grenzen näher. Entscheidend aber war, dass im Osten ein dritter, äußerst militanter, islamischer Staat aufgetaucht war, der Staat der Safawiden.
Im Sommer 1499 hatte ein zwölfjähriger Junge seinen Zufluchtsort verlassen mit dem Ziel, ein Reich für sich zu erobern. Im Sommer 1501 marschierte er in Täbris ein, der Hauptstadt des turkmenischen Akkoyunlu-Reiches, wo er Münzen auf seinen Namen prägen, die zwölf Imame im Freitagsgebet nennen und die Zwölferschia als wahre Religion verkünden ließ. Dies war die Geburtsstunde des Reiches der Safawiden in Persien und der Beginn einer religiösen Umwälzung, die den bisher überwiegend sunnitischen Raum Persiens auf Dauer in einen schiitischen Staat umwandelte.
Der Name dieses Knaben war Ismail. Sein Ahn Schejch Safieddin war Namensgeber des Derwischordens der Safawiya, dessen frühe Schejche sich durch ihr heiligmäßiges Leben großes Ansehen verschafft und zahlreiche Anhänger unter den turkmenischen Stämmen in Anatolien und Aserbaidschan gewonnen hatten. Im Laufe der Zeit radikalisierten sie sich und versuchten, sich ein eigenes Herrschaftsgebiet zu erobern. Uzun Hasan, der Herrscher der Akkoyunlu, des mächtigen Turkmenenreiches vom Weißen Hammel, schätzte sie und verschwägerte sich mit ihnen, sodass Ismail durch Mutter und Großmutter mit ihm verwandt war. Dem Sohn Uzun Hasans, Yakub und seinen Nachfolgern waren die Safawiden jedoch wegen ihrer großen und ihnen fanatisch ergebenen Anhängerschaft und ihrer politischen Ambitionen unheimlich geworden, sodass sie Ismail und seine Brüder verfolgen ließen. Als das Reich der Akkoyunlu zu verfallen begann, war Ismail, der als einziger Safawide die Verfolgung überlebt hatte, ausgezogen, um sein eigenes Reich aufzubauen.
II.
In zahlreichen Feldzügen eroberte Schah Ismail den Raum, den wir heute als Persien kennen, der in islamischer Zeit bis dahin aber nie eine staatliche Einheit gebildet hatte. Widerstand war im Westen zu erwarten, denn ein großer Teil seiner Anhänger lebte auf osmanischem Territorium. Dort wirkten seit langem safawidische Emissäre. Aufstände seiner Anhänger in diesen Gebieten und militärische Aktionen Ismails in Grenznähe ließen bei den Osmanen Alarmglocken schrillen. Das Osmanische Reich befand sich in diesen Jahren in einer Schwächephase. Naturkatastrophen und die nachlässige Verwaltung des alten und kranken Sultans, lösten angesichts der safawidischen Bedrohung schließlich noch zu Lebzeiten Bayezids II. den Thronstreit aus.
Diese Krisensituation änderte sich erst, als der entschlossenste und rücksichtsloseste der Prinzen, Selim, den Vater vom Thron stieß und selbst als Selim I. die Macht ergriff. Er ließ die aufständischen Anhänger Schah Ismails, dem seine Anhänger inzwischen göttliche Verehrung entgegenbrachten, reichsweit registrieren und in großer Zahl ins Gefängnis werfen oder hinrichten. Selim besiegte den Schah im August 1514 bei Çaldıran, nordöstlich des Vansees, vor allem dank des Einsatzes seiner Feuerwaffen und der Bildung einer Wagenburg. Der Schah floh verwundet. In Täbris, der safawidischen Hauptstadt, plante Selim zu überwintern, um im Frühling den Feldzug fortzusetzen, doch seine erschöpfte Elitetruppe, die Janitscharen, zwang ihn zur Rückkehr.
Bei dieser Rückkehr führte Selim rund tausend Künstler, Handwerker und reiche Kaufleute aus Täbris mit in die Heimat. Sie sollten die osmanische Kultur anregen und bereichern. Selim schob die osmanische Grenze weit nach Osten vor. Schah Ismail verlor mehr als die reiche territoriale und materielle Beute, die den Osmanen zufiel. Er verlor die Überzeugung unbesiegbar zu sein, führte nie wieder ein Heer an und verlor an Prestige bei seinen Anhängern.
Die beunruhigende Konstellation der drei Staaten blieb bestehen, denn die Safawiden waren zwar besiegt, aber keineswegs vernichtet. Wer würde mit wem verbündet, wen angreifen? Sultan Selim beobachtete Anzeichen einer safawidisch-mamlukischen Koalition im Werden. Sein entschlossener Angriff auf die Mamluken 1516/1517 beseitigte für sein Reich die Gefahr. Was blieb, war die osmanisch-safawidische Rivalität, die durch die Glaubensfrage, den sunnitisch-schiitischen Gegensatz, erheblich an Schärfe gewonnen hatte.
III.
Für die Feldzüge gegen die muslimischen Nachbarn war es unabdingbar gewesen, dass zur Vermeidung eines Zweifrontenkrieges mit den christlichen Nachbarn in Südosteuropa und im Mittelmeerraum Friede herrschte. Allerdings war auch hier der Friede nicht gefestigt, hatte doch Papst Leo X. eben zu dieser Zeit (1517) eine Denkschrift über einen umfassenden christlichen Angriffsplan gegen die Osmanen ausarbeiten lassen, der Konstantinopel zum Ziel haben sollte. Kaiser Maximilian (1508-1519) wollte die Osmanen selbst aus Anatolien vertrieben sehen und zeigte sich gewiss, dass man gegen die Hälfte Anatoliens auch den Beistand von Schah Ismail erhalten könne. Derartige Expansionspläne schwirrten immer wieder durch Köpfe und Kanzleien. Auch die Osmanen hatten ihre Eroberungsrhetorik, zeigten oft als Inhaber der gereinigten und letzten Offenbarung Gottes zudem religiöse und durch die Machtstellung des Sultans politische Überlegenheitsgefühle.
Starke osmanische Flottenrüstungen 1519 konnten nur einem christlichen Staat gelten. Doch ehe Sultan Selim noch seine geheim gehaltenen Pläne verwirklichen konnte, starb er überraschend im September 1520. Sein Erbe war der sechsundzwanzigjährige Prinz Süleyman. Er war nicht ohne Erfahrung, insgesamt aber eher ein unbeschriebenes Blatt, galt aber als gerecht und friedliebend. Ein Schaf das auf den Löwen folgte, so meinten manche.
Süleyman war nun Herr eines großen Reiches in Südosteuropa, Kleinasien, Syrien und Ägypten mit einer ethnisch, sprachlich, religiös und kulturell sehr uneinheitlichen Bevölkerung. Dieses Reich, das seine neun Vorfahren in zwei Jahrhunderten errichtet hatten, fühlte er sich verpflichtet zu wahren, zu verteidigen und nach dem Vorbild der Ahnen möglichst auch zu mehren. Die dazu nötigen Mittel, vor allem eine große und kampferprobte Armee standen bereit.
Diese Armee hatte zwei Hauptsäulen: die Pfortentruppen und die belehnten Truppen, die Sipahis. Kern der Pfortentruppen waren die Janitscharen, die als Christenknaben alle paar Jahre nach bestimmten Regeln aus der christlichen Bevölkerung durch die Knabenlese ausgelesen, zum Islam bekehrt und bei türkischen Bauernfamilien erzogen, türkisch gelernt hatten. Je nach Eignung dienten sie danach als Pagen am Hofe und erhielten eine Ausbildung in der Saray-Schule. Sie konnten zu den höchsten Ämtern des Reiches aufsteigen, selbst zum Großwesirat. Die übrigen kamen als Janitscharen in die Kasernen und dienten in erster Linie als Infanteristen. Ein besonderes gegenseitiges Vertrauensverhältnis band sie an den Sultan. Kaserniert, fest besoldet und damit stets verfügbar, bildeten sie eine stehende Heereseinheit, etwas, was es in Europa so noch nicht gab. Die Janitscharen zählten zu dieser Zeit etwa 12.000 Mann. Um sie für einen Feldzug aufzubieten, genügte der Befehl des Sultans.
Das Gros des osmanischen Heeres bildete aber die Lehensreiterei. Diesen Sipahis übertrug der Staat die Einkünfte aus einem oder mehreren Dörfern als Timar und dafür leisteten sie Kriegsdienst. Je nach Höhe ihrer Einkünfte hatten sie gerüstete Knechte mit ins Feld zu führen. Sie waren regional organisiert und ihre militärischen Kommandeure waren gleichzeitig Provinzgouverneure. Diese Truppen standen dem Sultan zur Verfügung, ohne dass er Bargeld aus der Staatskasse für ihre Besoldung oder Ausrüstung aufbringen musste. Begrenzt war ihre Einsatzfähigkeit jedoch durch die Feldzugssaison vom 6. Mai bis zum 9. Oktober, denn ihre Pferde fanden im Winter kaum Futter und sie selbst strebten im Herbst zu ihren Timaren, um ihr Einkommen zu sichern.
Dazu kamen die Akıncıs, oder „Renner und Brenner“ als irreguläre, leichte, bewegliche Reiterei, die von der Kriegsbeute lebte. Sie schwärmten vor und neben dem Heer oft weit ins Land aus, überfielen Gehöfte, Dörfer und kleine Städte und verbreiteten Schrecken weit und breit.
Um sich den Respekt der Armee und Autorität bei Volk und Staat zu erwerben, musste „das Schaf“ seine Truppen auch einsetzen. Unbeschäftigt war die osmanische Armee nicht ohne Tendenz zur Rebellion. Ein ungelöstes Problem gab es im Westen. Um den im Grenzbereich zwischen Ungarn und dem Osmanischen Reich seit langem herrschenden Kleinkrieg zu beenden, entsandte Süleyman einen Botschafter an König Ludwig II. von Ungarn. Er bot Frieden, forderte den König jedoch auf, ihn als Oberherrn anzuerkennen. Als „Sultan der Sultane des Ostens und des Westens“ verstand er sich auch als „Kronenspender der Erde“. Der König sah das anders und war entrüstet, warf die Gesandtschaft ins Gefängnis und ließ sie töten. Dieser Affront löste den osmanischen Angriff aus. Belgrad, am Zusammenfluss von Donau und Save, wurde 1521 eingenommen. Es war ein Erfolg von hoher Symbolkraft, erzielte doch Sultan Süleyman schon mit seinem ersten Feldzug dort einen Erfolg, wo sein großer Ahn Mehmed II., der Eroberer von Konstantinopel, 1456 noch gescheitert war. Belgrad war strategisch hochbedeutend, denn mit diesem „Schlüssel zu Ungarn“ konnte man einerseits aggressiv das Tor zur ungarischen Tiefebene aufstoßen, andererseits aber auch defensiv das Tor zum osmanischen Südosteuropa versperren.
Im Jahr 1522 nahm Sultan Süleyman ein den Osmanen schon lange lästiges, sowohl strategisches als auch symbolisches Ziel ins Visier. Diesmal unter Einsatz der Flotte. Die Johanniterritter auf Rhodos, ein Überbleibsel der Kreuzzugszeit, betrieben unmittelbar vor der anatolischen Küste Piraterie, brachten osmanische Schiffe auf, überfielen Landschaften, störten den Handel und die Schifffahrt zu den nun osmanischen Häfen in Syrien und Ägypten, konnten vor allem auch Pilgerschiffe auf dem Weg nach Mekka gefährden. Nach fünf Monaten entschlossenem Widerstand kapitulierten die Ritter. Süleyman hatte ihnen freien Abzug gewährt. Und wieder hatte er gesiegt, wo Mehmed II. gescheitert war.
IV.
Als 1519 König Karl von Kastilien und Aragon gegen seinen Konkurrenten König Franz I. von Frankreich zum Kaiser gewählt wurde, sah sich König Franz fast lückenlos von der habsburgischen Ländermasse umrahmt und bedrängt. Wie der osmanisch-safawidische Gegensatz den nahen Orient prägte, so sollte der habsburgisch-französische Gegensatz für lange Zeit die Geschicke Europas maßgeblich bestimmen und auch die Osmanen einbeziehen. Hauptschauplatz war Italien.
Martin Luther hatte das verlotterte Renaissancepapsttum angegriffen, und die osmanischen Türken anfänglich als gerechte Strafe Gottes für die Sünden der Christen aufgefasst, sich dann aber auch scharf gegen sie gestellt. Da sich ihm zahlreiche Fürsten des Reiches anschlossen, nicht aber der burgundisch-spanisch geprägte Kaiser, blieb die religiös-politische Konfrontation zwischen Katholiken und Protestanten nicht ohne Auswirkungen auch auf die habsburgisch-französischen Rivalität, da das katholische Frankreich sich bemühte, den Kaiser durch Unterstützung der Protestanten und Kontakte zu den Osmanen zu schwächen.
Im Jahre 1525 verschränkten sich die Konfliktpotentiale auf spektakuläre Weise. Im Kampf um Italien verlor der französische König 1525 die Schlacht bei Pavia und fiel Kaiser Karl in die Hände. Seine Lage war verzweifelt. Da wandte sich seine Mutter mit der Bitte um Hilfe an den osmanischen Sultan, später auch er selbst. Dies war keineswegs das erste Hilfsbegehren von Christen gegen Christen an einen osmanischen Sultan. Süleyman nahm die Bitte wohlwollend auf, griff aber nicht, wie gewünscht, den Kaiser in Italien an. Er folgte seiner eigenen Politik und unternahm einen zweiten Feldzug nach Ungarn.
Ungarn hatte den Sultan diplomatisch erneut provoziert, war schwach, und warb vergeblich bei den christlichen Nachbarn um wirksame Hilfe. Auf sich allein gestellt konnte im Jahr 1526 bei Mohacs der ungarische Kriegsrat nur auf die Wucht seiner schwer gepanzerten Reiterei zählen. Ihr mutiger Angriff auf das osmanische Zentrum scheiterte im Feuer der osmanischen Kanonen. Die ungarische Armee war vernichtet, der junge König Ludwig tot. Europa wurde aufgeschreckt. Wer war dieser junge Sultan, der Europa so bedrohlich nahe rückte? Flugblätter und andere Schriften, aber auch ein Profilporträt Sultan Süleymans, das noch 1526 in zahlreichen Drucken und Nachdrucken erschien, antworteten auf das Informationsbedürfnis. Selbst Albrecht Dürer zeichnete eine Version.
Ein Teil des ungarischen Adels wählte nun den siebenbürgischen Wojwoden Johann Zápolya zum ungarischen König. Er hatte sich nach dem Abzug Süleymans der Hauptstadt Buda und Zentralungarns bemächtigt. Doch nach dem Wiener Ehe- und Erbschaftsvertrag von 1515 erbte nach dem Tod König Ludwigs Erzherzog Ferdinand, der Bruder Kaiser Karls V., das Königreich Ungarn. Auch er wurde von einem Teil des ungarischen Adels zum König gewählt, griff König Johann Zápolya an und nahm Buda ein, was den gefährdeten Zápolya unter französischem Einfluss veranlasste, 1527 um ein Bündnis mit dem Sultan nachzusuchen. Der Bündnisvertrag von 1528 hielt fest, dass der Sultan ihm nicht nur das Königreich Ungarn, das durch Eroberung ihm gehöre, anvertraue, sondern dass er ihm auch mit aller Macht gegen Ferdinand beistehen werde. Ferdinands Abgesandte kamen zu spät. Die Osmanen verlangten von ihnen die Räumung Ungarns als Vorrausetzung für Gespräche, begründet mit der osmanischen Auffassung, dass „Alles was der Huf des Pferdes eines Sultans berührt hat, sein Eigentum“ ist. Im Streit um Ungarn standen sich damit fortan zwei Rechtsstandpunkte gegenüber: Eroberung gegen Erbschaft.
Um seinen Vasallen und Verbündeten Zápolya gegen den Habsburger zu unterstützen und um seine eigenen Rechte auf Ungarn zu wahren, war Süleyman schon im Mai 1529 erneut nach Ungarn aufgebrochen. Das geteilte und umkämpfte ungarische Königreich befand sich im Chaos. Süleyman aber strebte geordnete Verhältnisse im Vorfeld seiner Grenzen an. Ein unter osmanischer Oberhoheit stehendes, stabiles Ungarn nach dem Muster der abhängigen Fürstentümer Moldau und Walachei erschien als Lösung. Auf jeden Fall galt es zu verhindern, dass das Königreich Ungarn Österreich verstärkte und Ausgangspunkt sein konnte für schnelle Angriffe auf osmanisches Territorium aus kurzer Distanz.
Anders als Sultan Süleyman konnte König Ferdinand die Aufstellung eines Heeres nicht einfach befehlen. Er musste mit Fürsten, Adligen und Städten direkt und im Reichstag lange, zähe Verhandlungen um Geld und Mannschaften führen. Kompromisse waren zu finden, denn es herrschte Misstrauen, teils aus konfessionellen Gründen teils aus der Unterschiedlichkeit der politischen Ziele. Die Protestanten vor allem ließen sich stets nur gegen Zugeständnisse in der Religionsfrage zu Zusagen von Geld und Mannschaften bewegen. Auf solche Weise trugen die Osmanen allerdings nur indirekt zur Stabilisierung des Protestantismus bei, ohne dabei selbst etwas zu gewinnen.
Den Österreichern war erst nach dem Fall von Ofen (Buda) so recht klargeworden, dass der Sultan nun König Ferdinand in seiner Hauptstadt Wien aufsuchen wollte. Einsichtig hatte man sich angesichts des Kräfteverhältnisses entschlossen, sich ganz auf die Verteidigung der Stadt zu konzentrieren. Eine Massenflucht der Bürger setzte ein. Doch 17.000 Mann Truppen sollten sie verteidigen. Am 26. September 1529, also sehr spät im Jahr, bezog der Sultan seine prächtige Zeltburg vor Wien. Der Anmarsch war eine einzige Strapaze für Mensch und Tier gewesen. Fast von Anfang an hatte es geregnet. Der Boden war aufgeweicht, Bäche und Flüsse waren angeschwollen, zahlreiche Brücken mussten geschlagen werden, Kanonen blieben im versumpften Gelände stecken.
Nach islamischem Kriegsrecht forderte der Sultan die Stadt zur Übergabe auf und sicherte ihr Schonung für diesen Fall zu, andernfalls aber werde er sie verwüsten und niemanden schonen. Die Verteidiger trafen letzte Maßnahmen, verstärkten die veralteten Mauern aus dem 13. Jahrhundert und postierten die Geschütze auf den Dachböden der abgedeckten Häuser oder auf Holzplattformen an der Mauerinnenseite. Die rund hundert Geschütze der Verteidiger erwiesen sich qualitativ und quantitativ der osmanischen Belagerungsartillerie annähernd gleichwertig, war doch die Masse der osmanischen Artillerie beim Anmarsch liegengeblieben. So entschloss sich der Divan zum Minenkrieg. Die Verteidiger erfuhren davon und legten Gegenminen. Trotz der Abwehr aller Anstürme der Osmanen wurde die Lage der Verteidiger kritisch: „Wien lag tatsächlich in den letzten Zügen“ schreibt ein österreichischer Historiker.
Auch die Lage der Belagerer hatte sich verschlechtert. Militärisch war man nicht zum Ziel gekommen, Proviantmangel machte sich bemerkbar, die Truppen wurden unwillig und die Jahreszeit schritt mit unfreundlichem Wetter unaufhaltsam voran. So beschloss ein Kriegsrat für den 14. Oktober einen allerletzten Sturmangriff. Doch wieder hielten die Verteidiger stand. Noch am Abend beschloss der großherrliche Divan den Rückzug. Ein früher Wintereinbruch überraschte die Osmanen auch wirklich schon auf der ersten Station des schwierigen und verlustreichen Rückmarsches in dem von ihnen selbst verwüsteten Land.
Die Osmanen werteten den Feldzug trotz allem insgesamt als Erfolg, denn das Heer war unbesiegt und Ungarn war nun vollständig gewonnen. Groß war die Erleichterung in Wien. Eine Flut von Flugblättern und anderen Druckschriften mit Nachrichten aus Wien, nicht selten illustriert, durchmischt mit Gräuelpropaganda, die einerseits empören und Furcht auslösen sollte, andererseits den Abwehrwillen stärken, berichtete über das Geschehen vor Wien.
V.
Innerhalb der Regierungszeit Sultan Süleymans heben sich die Jahre 1523 bis 1536 als besondere Epoche hervor. Es war die Zeit des Großwesirates Ibrahim Paschas, eines aus der Knabenlese hervorgegangenen Pagen griechischer Herkunft. Er war ein enger Jugendgefährte Süleymans, den er gegen allen Brauch zum Großwesir und Armeeführer erhoben hatte. Selbst die Schwester hatte er ihm zur Frau gegeben und ihm nahe beim Sultanspalast einen Palast errichtet. Ihn hatte der Sultan nach Ägypten geschickt, um das Land nach einem Aufstand zu befrieden und ihm eine gesetzliche Ordnung zu geben. Als Serdar hatte er die Feldzüge gegen Wien 1529 und dann 1532 tief hinein in die österreichischen Erblande organisiert und befehligt. Die Bitte seines „Bruders“ Ferdinand um Frieden hat er im Namen von Süleyman, dem „Vater“ Ferdinands, im Jahre 1533 erfüllt. Beide ungarischen Könige, Ferdinand und auch Zápolya, waren damit Vasallen Sultan Süleymans.
Ibrahim Pascha verhandelte mit den Botschaftern der europäischen Staaten und zeigte sich bestens über Europa und die europäische Politik informiert. So machte er den Versuch durch Übernahme europäischer Symbole, die Macht des Sultans und die osmanische Herrschaft den Europäern verständlicher und akzeptabler zu machen. In Venedig ließ er für Süleyman eine kostbare Krone herstellen. Ebenso ungewohnt waren den Osmanen die antikisierenden Triumphbögen und prächtigen, vor Gold und Juwelen strotzenden Umzüge, die er während des ungarischen Feldzug 1532 vor allem in Belgrad nach dem Muster der Krönung Karls V. in Bologna 1529 für Süleyman inszenierte, um Süleymans Weltherrschaftsanspruch gegen den Karls V. zu unterstreichen.
Den religiös-sozialen Aufstand des Kalender in Anatolien schlug Ibrahim Pascha im Jahre 1527 nieder. Solange aber die Grenze nahe war und notfalls ein schneller Abzug Richtung Persien möglich war, waren die Turkmenen nicht zur Ruhe zu bringen. Der Friede mit König Ferdinand 1533 machte den Rücken frei für einen Feldzug gegen Schah Tahmasp, den Sohn Schah Ismails, dessen Strategie es war, der osmanischen Armee auszuweichen, sich ihr nie zu stellen. So konnte er nicht besiegt werden und die Osmanen besetzten fast kampflos die Hauptstadt Täbris, Bagdad und weite Landstriche dazwischen. Süleyman sandte ein Siegesschreiben an König Ferdinand, in dem er Ibrahim Pascha wegen seiner hervorragenden Leistung hohes Lob spendet. Kurze Zeit nach der Rückkehr in die Hauptstadt ließ Süleyman aber seinen so vertrauten, fast allmächtigen Großwesir unverhofft nachts im Bett erdrosseln. Ibrahim Pascha, war, so die wahrscheinlichste Erklärung, dem Sultan zu selbstherrlich und anmaßend geworden. Damit endete auch die Verwendung europäisierenden Symbolik in Süleymans Politik.
Im Jahre 1519 hatte sich der türkische Pirat Hayreddin Barbarossa, der sich eine eigene Herrschaft in Nordafrika geschaffen hatte, als Vasall dem osmanischen Sultan Selim I. unterstellt. Damit griff das osmanische Territorium im südlichen Mittelmeer bis weit nach Westen aus. Von Ungarn bis Nordafrika erstreckte sich damit auch der Raum der osmanisch-habsburgischen Konfrontation. Sie äußerte sich als Seekrieg zwischen wechselnden Bündnissen im nordafrikanischen Raum, wobei es auch zu muslimisch-christlichen Koalitionen kam. Karl V. hatte 1528 den Genuesen Andrea Doria, einen hervorragenden Seemann, zum Admiral ernannt. Die Osmanen forcierten ebenfalls den Flottenbau und da ihnen ein tüchtiger Admiral fehlte, wurde Hayreddin Barbarossa nach Istanbul eingeladen und 1533 zum Großadmiral der osmanischen Flotte ernannt.
Ein mögliches antihabsburgisches Zusammenspiel zwischen dem König von Frankreich und dem osmanischen Sultan hatte sich schon 1525 im Hilferuf Franz I. angedeutet. Neue Kontakte führten zum Plan eines gemeinsamen Angriffs. Franz I. sollte 1537 die Lombardei angreifen, Süleyman von Albanien aus das Königreich Neapel zu Land und zu See. Dabei sollte eine französische Flotte Hayreddin Barbarossa unterstützen. Doch der König griff Mailand nicht an und seine Flotte erschien zu spät. Süleyman brach den Angriff auf Neapel ab. Zu großem Ruhm kam Hayreddin Barbarossa dann durch den Sieg über eine päpstlich, habsburgisch, venezianische Flotte unter Andrea Doria im September 1538 bei Preveza. Für mehr als dreißig Jahre sicherte sich die osmanische Flotte damit die Vorherrschaft im Mittelmeer. Eine aufsehenerregende, koordinierte Flottenoperation der französisch-osmanischen Allianz erfolgte im Jahre 1543: Hayreddin Barbarossa belagerte Nizza und überwinterte mit seiner Flotte als Gast des französischen Königs in Toulon. Aber so gering der Erfolg der Unternehmung auch war, diese Allianz bot den Habsburgern die Möglichkeit, religiöse Empörung zu demonstrieren und eine heftige Propaganda gegen Frankreich auszulösen. Dabei hatte man selbst dem Sultan weitgehende Angebote gemacht und außerdem Kontakte zu einem anderen „Glaubensfeind“, dem nicht weniger muslimischen Safawidenschah geknüpft.
In Ungarn hielten unterdessen die Kämpfe zwischen König Ferdinand und König Johann Zápolya an, 1541 griff Süleyman ein und nahm den zentralen Teil Ungarns mit der Hauptstadt Buda trotz der hohen Kosten, die damit langfristig verbunden waren, unter direkte osmanische Verwaltung. Den Sohn Zápolyas belehnte er mit Siebenbürgen und östlichen Teilen Ungarns, Ferdinand blieb der Norden und Westen. Weitere zermürbende Kämpfe folgten, ehe dann Verhandlungen begannen, die über mehrere Waffenstillstandsvereinbarungen 1547 zu einem Frieden führten, der den Status quo festschrieb, darüber hinaus aber König Ferdinand einen jährlichen Tribut von 30.000 Gulden für sein ungarisches „Königreich“ auferlegte, der österreichische Terminus dafür war „Türkenverehrung“.
Friede im christlichen Westen bedeutete nun wieder freie Hand gegen den schiitischen Osten. Die Flucht eines safawidischen Prinzen nach Istanbul im Jahre 1548 und safawidische Angriffe auf osmanisches Territorium im Jahre 1554 führte zu weiteren Feldzügen. Der Schah blieb bei seiner erprobten Strategie des Zurückweichens und war nicht zu fassen, stieß aber nach dem Abmarsch der Osmanen seinerseits zu, sodass viel zerstört wurde, aber wenig gewonnen. So folgte dem osmanisch-habsburgischen Frieden von 1547 im Mai 1555 der Friedensschluss von Amasya zwischen Sultan und Schah und im gleichen Jahr 1555 auch der Augsburger Religionsfrieden zwischen Protestanten und Katholiken. So wichtig diese Friedensschlüsse auch waren, Endpunkte waren sie nicht, dafür sorgte schon die sunnitisch-schiitische Polemik, die katholisch-protestantische Polemik, die christlich-muslimische Polemik und die habsburgisch-französische Polemik. Auf einem letzten ungarischen Feldzug starb der kranke, alte Süleyman im Jahre 1566.
VI.
Die osmanische Expansion ist in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts schon weitgehend an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gestoßen. Was sein Vater Selim in einem Schwung erobert hatte, musste Süleyman sichern und bewahren. Ebenso die eigenen zäheren Eroberungen. Je weiter die Grenzen vorgeschoben wurden, desto schwieriger wurden Kommunikation und Verwaltung, desto aufwendiger wurden Sicherung und Verteidigung, desto weiter und beschwerlicher wurden die Anmarschwege der Feldzüge. Die Safawiden blieben ein schwieriger, kaum fassbarer, letztlich unbesiegter Gegner. Die Habsburger blieben ein unbequemer Gegner, gegen den Ungarn zwar gehalten werden konnte, der aber wie auch die Safawiden eine osmanische Grenzsicherung erzwang, die im Kern aus zahlreichen Festungen bestand, dazu aus einer teuren Flotte. Das bedeutete hohe Kosten für Mannschaften, Sold und die Instandhaltung.
Dreizehn Feldzüge und einige Eroberungen können allein nicht begründen, warum die 46 Jahre der Regierung Süleymans als die Blütezeit des Osmanischen Reiches gelten, wenn seine Jahre auch nicht ohne Probleme blieben. Die Osmanen, insbesondere auch Sultan Süleyman hatten eine alte orientalische Staatsweisheit verinnerlicht: „Keine Macht ohne Truppen, keine Truppen ohne Geld, kein Geld ohne Wohlstand, kein Wohlstand ohne Gerechtigkeit und gute Verwaltung“. Gerechtigkeit und eine gute Verwaltung suchte Sultan Süleyman zu verwirklichen. Dass ihm dies gelang, zeigt die Tatsache, dass die osmanische Verwaltung die Finanzen aufbringen konnte, die seine starke Armee für all die Feldzüge und die Grenzsicherung benötigte, und dass man ihn mit dem Ehrentitel „Kanuni“, der Gesetzgeber, in Erinnerung behielt. Gewiss, im Reich galt die Scharia, das von Gott gegebene Gesetz, das die Kadis im reichsumfassenden Netz der Gerichtssprengel vertraten. Doch die Scharia regelte nicht alle Bereiche des Lebens. Diese Lücke füllte der Kanun, ein staatlich erlassenes Recht, das auf dem Willen des Sultans beruhte. Es gab Kanunnames mit reichsweiter Geltung und es gab zahlreiche Kanunnames für einzelne Provinzen und staatliche Einrichtungen. Der Tenor der Provinzkanunnames war es, das rechtliche, soziale und finanzielle Verhältnis zwischen Bauern und Timarinhabern klar zu regeln und die Bauern gegen Willkür und Ausbeutung durch Amtsträger zu schützen. Dabei wurde Rücksicht auf örtliche Verhältnisse genommen, nicht selten griff man dabei auf Regelungen früherer Herrscher zurück, an die das Volk gewöhnt war, was bei frisch eroberten Provinzen das Einleben erleichtern sollte. Süleyman wurde zum großen Kanun-Gesetzgeber der Osmanen. An wichtiger öffentlicher Stelle, in der Bauinschrift seiner Istanbuler Moschee nennt er sich einen Ländereroberer und den Verbreiter der Kanune. Gerechtigkeit nach Scharia und Kanun war ihm so wichtig, dass er selbst zwei seiner Söhne hinrichten ließ, als sie des Aufruhrs beschuldigt wurden.
Die Europäer nannten ihn „den Prächtigen“ und dieser Beiname wirft Licht auf die unvergleichliche Pracht seiner Hofhaltung und damit auch auf seine Rolle als Förderer der Kultur und der Künste. Er dichtete selbst und unterstützte Dichter und Geschichtsschreiber. Er beschäftigte zahlreiche Künstler und Kunsthandwerker, die auch die Geschichte seiner Regierungszeit in einem prächtigen Band mit Miniaturen illustrierten.
Seine bedeutendste kulturelle Rolle fand er aber als Bauherr, als Auftraggeber für den bedeutendsten Architekten der Osmanen, Mimar Sinan. Er wirkte von 1539 bis1588 als Reichsoberarchitekt und baute Moscheen, Medresen, Brücken, Hane, Krankenhäuser, Hamams, Verteidigungsanlagen in vielen Städten des Reiches. Besonders aber setzte er für Sultan Süleyman in der Hauptstadt mit den Moscheen für seine Tochter, seinen verstorbenen Sohn Mehmed und seine eigene Süleymaniye mit Medresen, Knabenschule, Krankenhaus, Grabbauten und Geschäften Akzente in die Stadtlandschaft, durch die Sultan Süleyman dem Beinamen „der Prächtige“ auch durch seine Bauten vollauf gerecht wird. Mit bedeutenden Helfern prägte der ernste, fromme, seiner Verantwortung bewusste Mann das Goldene Zeitalter der mit Europa so vielfach verflochtenen osmanischen Nachbarkultur.