I.
Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“, 1924 erschienen, war ein Zeitroman im doppelten Sinne: Er thematisierte zum einen das Phänomen der Zeit an sich, also die pathologische Zeiterfahrung der Protagonisten in der Welt des Lungensanatoriums Berghof, ihre Subjektivierung, ihre Aufsplitterung in konkurrierende Zeitkonzepte. Und zum anderen ging es ihm um die historische Zeit vor 1914 und um den Umbruch der Zeitumstände, um das, was die Zeitgenossen im Sommer 1914 als „Donnerschlag“ erlebten. Denn im Augenblick des Kriegsausbruchs zerbrach die kosmopolitische Welt des Berghofs. An die Stelle der Weltläufigkeit traten die nationalen Antagonismen. Damit hing ein weiterer Aspekt zusammen: Für den Schriftsteller Mann aus seiner Perspektive nach 1918 rührte die „hochgradige Verflossenheit“ der Geschichte vor 1914 daher, „dass sie vor einer gewissen Leben und Bewusstsein tief zerklüftenden Wende und Grenze spielt“, eben in der „Welt vor dem großen Kriege, mit dessen Beginn so vieles begann, was zu beginnen wohl kaum schon aufgehört hat.“
Was war der Erste Weltkrieg? Im Wissen um seine Konsequenzen erscheint er als Auftakt, als elementare Krise und Umbruch des noch jungen 20. Jahrhunderts. Er markierte nicht nur eine bisher ungeahnte quantitative und qualitative Gewaltsteigerung mit annähernd zehn Millionen getöteten Soldaten und fast sechs Millionen getöteten Zivilisten, eine bis dahin völlig unbekannte Dimension von Opferzahlen, eine nie dagewesene Mobilisierung von Gesellschaften und Medien, von Ökonomien und Finanzen, von Deutungen und Rechtfertigungen, sondern auch einen tiefgreifenden Umbruch in der Bedeutung unterschiedlicher Weltregionen und zumal im Gewicht Europas in der Welt.
Wer den Krieg verstehen will, muss nachvollziehen, auf welche Welt des langen 19. Jahrhunderts dieser Konflikt traf. William Gladstone, als liberaler Premierminister Großbritanniens eine der prägenden Figuren des Viktorianischen Zeitalters, wurde 1809 geboren und starb 1898. Hatte er als Kind die Kanonenschüsse von Edinburgh Castle anlässlich der Abdankung Napoleons gehört, so lauschte er am Ende seines Lebens seiner eigenen aufgezeichneten Stimme und lernte auch noch das neu erfundene Telefon als Kommunikationsmittel des 20. Jahrhunderts kennen. Die ungeheure Veränderungsdynamik und Spannung des 19. Jahrhunderts, die historische Brücke in die Zeit vor 1800 und in die Vorgeschichte der Gegenwart, war hier innerhalb eines Menschenlebens konzentriert. Wie lässt sich dieses Erbe des langen 19. Jahrhunderts charakterisieren, und was bedeutete der Erste Weltkrieg für es?
II.
Das Leitmotiv der Dynamik, der Mobilisierung und der Emanzipation bestimmte das 19. Jahrhundert. Sie prägte bei allen regionalen Unterschieden die Konsequenzen des demographischen Wachstums, indem immer größere Bevölkerungsteile mobilisiert wurden, indem sich die industriewirtschaftliche Produktionsweise durchsetzte und sich die auf Rechtsprivilegien beruhende Ständegesellschaft in eine komplexe Klassengesellschaft verwandelte. Der soziale Ort des Individuums wurde immer stärker durch soziale und wirtschaftliche Kriterien bestimmt. Zum Erbe des 19. Jahrhunderts gehörten vor diesem Hintergrund die Erfahrung wirtschaftlichen Wachstums und das Ideal nicht nur der politischen Gleichheit als Bürger, sondern auch der sozialen Gleichheit, so etwa in den immer wieder aufflammenden Konflikten um die Durchsetzung einer Republik als Staatsordnung mit sozial definierten Teilhaberechten, wie dies 1848/49 in Frankreich und auf der demokratischen Linken in Deutschland aufschien.
Am Ende des Jahrhunderts war die Eigendynamik wirtschaftlicher und sozialer Differenzierung offenkundig, und sie stand im Gegensatz zur politisch-ideologischen Vorstellung eines elementaren Klassenkonflikts zwischen kapitalistischem Bürgertum und proletarischer Arbeiterklasse, der nur noch revolutionär gelöst werden könne. Vielmehr verdeckten solche Rhetoriken eine in der Praxis weitgehende soziale Nuancierung von europäischen Gesellschaften, die etwa in den neuen sozialen Gruppen wie Facharbeitern und Angestellten erkennbar wurde, aber auch in der Frage, ob man das Konzept der Revolution auf hochkomplexe Industriegesellschaften überhaupt noch anwenden konnte. Die Konflikte innerhalb der Arbeiterparteien zwischen Anhängern einer proletarischen Revolution und Befürwortern eines evolutionären Reformkurses spiegelten diese Dynamik wider.
Im Ersten Weltkrieg sollten überkommene soziale Rollen und Funktionen in Frage gestellt werden, es kam zu gesellschaftlichen Verschiebungen, neuen Schichtungen und Konstellationen mit Gewinnern und Verlierern. Vor allem wurde der Krieg zum Testfall für Gesellschaften und ihre Fähigkeit zur Integration von sozialen, ethnisch und politisch unterschiedlichen Gruppen unter den Bedingungen eines langen Krieges, in dem die Heimatfront eine immer wichtigere Rolle für die Mobilisierung von Ressourcen spielte.
III.
Emanzipation und Mobilisierung hatten auch eine politische Dimension: Zu den wesentlichen Ergebnissen der europäischen Revolutionen zwischen 1789 und 1848/49 gehörte bei allen Unterschieden im Detail der Übergang von einer monarchisch-absoluten Herrschaftsform zu einer geregelten politischen Teilhabe durch einen Teil der Bevölkerung. Politische Herrschaft konnte nicht mehr als Willkürakt funktionieren, sondern wurde an überpersönliche Legitimation gebunden, an geschriebene Verfassungen, an die Prinzipien des Rechtsstaats und parlamentarischer Mitwirkung.
In der Praxis bedeutete das ein breites Spektrum von konstitutionellen und parlamentarischen Monarchien bis hin zu republikanischen Verfassungen. In diesem Zusammenhang bildeten sich in den europäischen Gesellschaften auch jene ideologischen Bewegungen und politischen Parteien aus, die im Liberalismus, Konservatismus und Sozialismus die richtungweisenden politischen und sozialen Ordnungsentwürfe entwickelten. Zum Erbe Europas aus dem langen 19. Jahrhundert gehörte daher die Erfahrung des ideologischen Wettbewerbs und des politischen Konflikts, aber auch die Trias von Krise, Revolution und Reform: Europas Gesellschaften veränderten sich nicht allein durch revolutionäre Umstürze, sondern zumal durch Reformanstöße, durch die man, wie etwa in Preußen nach der Niederlage gegen Napoleon 1806, die gewaltsame Revolution wie in Frankreich verhindern wollte.
Beim Kriegsausbruch 1914 erschien der Konflikt vielen Zeitgenossen auch den Gegensatz zwischen den von Frankreich und seiner revolutionären Tradition bestimmten „Ideen von 1789“, überhaupt einer westeuropäischen Politiktradition, in die im weiteren Sinne auch der englische Parlamentarismus und das republikanische Freiheitspostulat der amerikanischen Revolution von 1776 gehörten, und den deutschen „Ideen von 1914“ widerzuspiegeln, auf die man sich berief, um sich von eben dieser Tradition mit eigenen Werten wie „Kultur“ und „Gemeinschaft“ zu distanzieren. Das liberale Erbe des 19. Jahrhundert geriet aber auch in eine Krise, weil die entwickelten Formen politischer Teilhabe durch Wahlen und in Parlamenten, die verfassungsmäßig garantierten Grundrechte und viele andere konstitutionelle Errungenschaften auf die Realität von neuartigen Kriegsstaaten traf. In ihnen wurden zwischen 1914 und 1918 nicht allein in Deutschland die zivilen Instanzen der Politik, die Bedeutung von Verfassungen, die Gestaltungsmacht von Parlamenten, politischen Parteien und politischen Grundrechten herausgefordert. Die um 1900 in vielen Gesellschaften dominierenden Konflikte um die Grenzen der politischen Teilhabe, konkret sichtbar in den Konflikten um die Ausgestaltung des Wahlrechts, sollten durch den Krieg vertieft und zugespitzt werden.
IV.
Das 19. Jahrhundert war auch das Jahrhundert des Staates, der seinen Bürgern nicht nur in Wahlen und Parlamenten, bei der Steuererhebung und der militärischen Musterung, sondern auch in Gerichten und Verwaltungen, in Schulen und Universitäten entgegentrat. Als Verfassungs- und Rechtsstaat, als bürokratischer Verwaltungsstaat, als Interventions- und früher Sozialstaat drang er in immer weitere Bereiche des sozialen Lebens vor, die bis dahin privat oder von überkommenen Institutionen wie der Kirche oder Korporationen bestimmt worden waren. Das war etwas anderes als der monarchische Steuer- und Militärstaat des 18. Jahrhunderts im Umgang mit seinen Untertanen. Der Staat des 19. Jahrhunderts erhob nicht nur den Anspruch auf Erfassung und Klassifizierung seiner Bürger, er übernahm auch Verantwortung, wie dies zumal in den Anfängen der staatlichen Sozialversicherungen seit den 1870er Jahren erkennbar wurde.
Diese Prozesse, die man zuspitzend als „Verstaatung“ bezeichnen kann, wurden durch den Ersten Weltkrieg und seine militärische, politische, soziale und ökonomische Mobilisierung großer Teile der Gesellschaft erheblich gesteigert. Bis August 1914 konnte für Großbritannien gelten, dass „ein vernünftiger, gesetzestreuer Engländer durch sein ganzes Leben gehen konnte, ohne die Existenz des Staates zu bemerken, abgesehen vom Postamt und dem Polizisten.“
Das sollte sich nun fundamental ändern: Der Staat wurde nicht nur nach außen ein entscheidender Kriegsakteur, sondern auch nach innen, vor allem als Sozialstaat, als Organisator der Kriegswirtschaft, als Verwaltungsstaat. Doch wurde mit zunehmender Dauer des Krieges auch erkennbar, wo die Grenzen dieser Entwicklungen lagen und welche politischen und sozialen Kosten damit verbunden waren.
V.
Revolutionen standen am Beginn und am Ende des langen 19. Jahrhunderts. Es war aber nicht nur eine Epoche miteinander verbundener politischer Kettenrevolutionen mit Höhepunkten in den Jahren 1789, 1830 und 1848/49. Es war auch die Phase vielfältiger Kommunikationsrevolutionen, deren Wirkungen den politischen Umwälzungen keinesfalls nachstanden, ja vielfältig mit diesen verbunden waren und diese langfristig sogar übertrafen: Im Zeichen von steigenden Alphabetisierungsraten, durch die Verbreitung von Texten und Bildern in neuen Medien und mit Hilfe neuer Techniken – von der Lithographie über die Tageszeitung bis zur Illustrierten, von der Fotographie über Telegraphie bis hin zum Telefon –, durch den Zugang breiterer Bevölkerungsgruppen zu Wissensbeständen, aber auch den veränderten Stellenwert der Öffentlichkeit, der Publikation von Parlamentsdebatten und der Entstehung einer Massenpresse kam der Kommunikation und den Medien eine enorme Bedeutung zu.
Im Ersten Weltkrieg setzte sich so eine Entwicklung fort, die sich seit den Kriegen der Französischen Revolution gezeigt hatte, nun aber durch die technologischen Möglichkeiten und die Massenverbreitung eine neue Dimension annahm: Er war auch ein Medienkrieg, in dem Kommunikation und massenhafte Informationsvermittlung zu eigenen Kriegsfaktoren wurden, sei es in dem neuen Verhältnis zwischen Militär und Presse, der Institutionalisierung von Pressearbeit, den Plakaten, die zu Kriegsanleihen aufforderten, oder in Fotographie und Film, mit denen Kriegserfahrungen, Fremd- und Selbstbilder visualisiert wurden.
Der Weltkrieg provozierte dadurch verstärkt Hoffnungen und Erwartungen, die aber angesichts der Eigendynamik des Kriegsverlaufs häufig nicht und nur ungenügend eingelöst werden konnten. All das ging weit über das gängige Verständnis von Propaganda als suggestive Manipulation von Informationen im Dienst von Militärs und Kriegsstaaten hinaus. Gerade der Krieg sollte offenbaren, wie sich konkrete Medienwirkungen und ihre Nutzung den Intentionen von Militärs oder Politikern vielfach entzogen.
VI.
Nation, Nationalstaat und Nationalismus wurden im langen 19. Jahrhundert Europas zu zentralen Orientierungsmarken staatlicher Behauptung nach außen und politischer Ordnung sowie sozialer Gestaltung nach innen. Abgeleitet vom Ideal der selbstbestimmten Nation als Souverän und der Bereitschaft zur gewaltsamen Verteidigung dieser Nation während der Französischen Revolution sollten Nation und Staat, Volk und Territorium in Übereinstimmung gebracht werden. Diese Nationsbildungen waren vielfach mit Kriegen verknüpft, so etwa in der Etablierung der neuen Nationalstaaten Italien und Deutschland zwischen 1859 und 1871. Zugleich handelte es sich um die innere Nationalisierung von Gesellschaften, der nationalen Aufladung von Institutionen, Symbolen und Traditionen, die praktisch alle europäischen Gesellschaften erfasste.
Damit ließen sich aber auch Gruppen im Inneren marginalisieren oder ausschließen, deren nationale Loyalität man in Frage stellte und die nur unter Vorbehalten zum Kern der Nation gezählt wurden, mochten es bestimmte Religionen und Konfessionen wie Juden oder Katholiken im Deutschen Reich nach 1871 sein, bestimmte ethnische Gruppen wie Dänen oder Polen in Deutschland, Iren in Großbritannien, Trentiner oder Tschechen in Österreich-Ungarn, oder politische Bewegungen wie die sozialistischen Arbeiterparteien vor 1914. Religiöse und ethnische Markierungen überlappten sich häufig, wie im Falle katholischer Iren im Vereinten Königreich oder katholischer Polen im deutschen Nationalstaat.
Mit dem Weltkrieg entwickelten sich zunächst neuartige aggressive Ausprägungen eines Kriegsnationalismus, in denen sich der Nationalismus der Vorkriegszeit fortsetzte und zuspitzte. Angesichts der Massenmobilisierung im Krieg wurden die Kriterien, nach denen man die Zuverlässigkeit nationaler Loyalität bestimmter Gruppen bemaß, immer mehr verschärft. In vielen Gesellschaften wurden im Laufe des Krieges soziale Konflikte und wirtschaftliche Verteilungskrisen mit ethnischen oder religiös-konfessionellen Merkmalen verbunden, um die Loyalität bestimmter Gruppen infrage zu stellen und sie aus der Nation auszuschließen. Solche Prozesse radikalisierten sich während des Krieges, sie gingen immer häufiger mit Gewalt einher. Schließlich konnten sie den Zusammenhalt von Gesellschaften und die Stabilität von politischen Regimen in Frage stellen.
Zwischen 1500 und 1914 reduzierte sich in Europa die Zahl staatlicher Akteure von etwa 500 territorial-politischen Einheiten auf etwa 30 Staaten zum Zeitpunkt des Ersten Weltkrieges. In Mitteleuropa zeigte sich vor allem in der Phase zwischen 1792 und 1815 ein besonderer Zusammenhang zwischen Krieg und Staatsbildung nach außen und nach innen. Auch wie das Prinzip der Volkssouveränität in Konflikten umgesetzt wurde, gehörte zum Erbe des 19. Jahrhunderts: Was in Frankreich 1830 und 1848 primär im Rahmen von Klassenkonflikten ausgetragen wurde, war in Italien, Deutschland und in den multiethnischen Großreichen mit dem Kriterium der Nationalität überlagert. Soziale Konflikte zeigten sich hier nicht so sehr im revolutionären Barrikadenkampf zwischen Klassen auf der Straße, sondern in der ethnischen Differenzierung nach Grenzen. Diese Konversion vertiefte sich im Laufe des Jahrhunderts: Im Panorama von West- nach Ost- und Südosteuropa verwandelten sich „barricades into borders“.
VII.
Bereits das 19. Jahrhundert veränderte die Beziehung zwischen Europa und Außereuropa, wie zwischen den anderen Weltregionen untereinander, durch neue, vielfältige Verflechtungen. Dazu zählten nicht allein die europäische Expansion und die Schaffung abhängiger Kolonien, die in der zweiten Jahrhunderthälfte im Zeichen zunehmender internationaler Konkurrenz zu einem konfliktträchtigen Wettlauf um die Verteilung der nach Wahrnehmung vieler Zeitgenossen noch „freien“ Territorien in Afrika und Asien führte. Verflechtungen zeigten sich auch in den Migrationsbewegungen, dem Waren- und Wissensaustausch.
Nur in diesem Sinne lässt sich das 19. Jahrhundert mit dem Signum einer „Weltgeschichte Europas“ (Hans Freyer) kennzeichnen, insofern Europa noch eine entscheidende Referenz für die übrigen Gesellschaften bildete. Dabei stellten die Globalisierungsschübe, also die Vielfalt von Transferbeziehungen und Verflechtungen von Wirtschafts-, Finanz- und Wissensmärkten über die Grenzen der Nationalstaaten hinaus, die europäischen Nationalstaaten keinesfalls in Frage, sondern stabilisierten sie immer wieder.
Für das Verhältnis zwischen Europa und Außereuropa sowie der Weltregionen untereinander markierte der Erste Weltkrieg einen tiefen Einschnitt, der sich nicht allein in der Ablösung der europäischen Pentarchie zeigte, jener Staatenordnung also, die mit Großbritannien, Frankreich, Russland, der Habsburgermonarchie und Preußen/Deutschland seit dem 18. Jahrhundert die internationalen Beziehungen bestimmt hatte. Das Ende der deutschen Kolonien nach 1918, ihre Um- und Neuverteilung sowie die Auflösung der multiethnischen Empires, zumal des Osmanischen Reiches, schufen neue Handlungs- und Einflussmöglichkeiten, während zugleich die Abhängigkeit der europäischen Mächte, zumal Großbritanniens, von den Kriegsleistungen ihrer Kolonialreiche enorm zunahm.
Der Erste Weltkrieg sollte aber nicht nur aus europäischer Perspektive eine neue Phase von Kolonialisierung und Dekolonialisierung einleiten: Ebenso wichtig wurde die Erfahrung der durch den Krieg ausgelösten globalen Mobilisierung von Menschen und Rohstoffen, wurden Migrationsströme und die Kriegserfahrungen von Kolonialgesellschaften außerhalb Europas. Wie das Beispiel der britischen Dominions Kanada, Australien und Neuseeland zeigen sollte, gingen die Kriegserfahrungen dieser Gesellschaften nicht darin auf, Soldaten und kriegswichtige Materialien bereitzustellen. Der Krieg veränderte vielmehr ihr Gewicht als Akteure innerhalb des Empire und prägte die innere Nationsbildung in diesen Gesellschaften.
VIII.
Aus der Periode der Französischen Revolution, den aus ihr hervorgehenden Kriegen und den Konflikten mit dem Napoleonischen Kaiserreich zwischen 1792 und 1814/15 ergab sich ein besonderes internationales Ordnungsdenken, das Europa langfristig und in seinen Grundzügen bis 1914 prägte. Es beruhte zunächst auf der Absicht, die postrevolutionäre Staatenwelt Europas durch ein besonderes Gleichgewichtssystem zu stabilisieren, das hegemoniale Ausgriffe wie die der französischen Revolutionsregime und des Napoleonischen Kaiserreichs verhindern sollte. Zu dieser Sicherheitskonzeption gehörte auch das Bemühen, Konflikte zu entideologisieren und den Staatenkrieg nicht zu einem internationalisierten Bürgerkrieg werden zu lassen.
Hier setzte die sogenannte Kongressdiplomatie an: Danach sollten Staatenbeziehungen nicht zum Objekt öffentlicher Diskussion werden. Stattdessen setzte man darauf, Konflikte in geheimen Verhandlungen zwischen Regierungsvertretern frühzeitig einzuhegen und sich dabei am Ideal souveräner Staaten zu orientieren. Zwischen 1815 und 1871 war diese Politik der Konfliktbegrenzung und Kriegseinhegung durchaus erfolgreich, und selbst in der Phase der Kriege um die Etablierung neuer Nationalstaaten in Italien zwischen 1859 und 1870 und in Deutschland zwischen 1864 und 1871 kam es allenfalls zu bilateralen Konflikten, während es bis zum Ende des 19. Jahrhunderts keine umfassenden und ausschließenden Bündniskonstellationen gab, die mehr Staaten in die Konflikte involviert hätten. Während also in jenen Gebieten Kerneuropas, die seit dem 17. Jahrhundert immer wieder Schauplätze von Kriegen gewesen waren, ein großer Konflikt vermieden werden konnte, entstanden in den Kolonien und zumal in Südosteuropa, auf dem Balkan, neue Konflikträume und Spannungszonen. Hier wirkten die 1815 entwickelten Ordnungskonzepte nicht, aber in diese Räume ließen sich Machtkonflikte ableiten, was die internationale Ordnung indirekt stabilisierte.
Auch der Konfliktherd, der im Sommer 1914 zum Anlass für den Ersten Weltkrieg wurde, verwies auf die südosteuropäischen Spannungszonen, wo der Rückzug des Osmanischen Reiches und die gegenläufigen Interessen Russlands und der Habsburgermonarchie aus einem gefährlichen Machtvakuum ein hochlabiles Krisengebiet hatten entstehen lassen.
IX.
Eine entscheidende Voraussetzung für das internationale Ordnungsdenken und damit auch für die relativ lange Abwesenheit großer kriegerischer Auseinandersetzungen in Europa lag in der Fähigkeit der Staaten zum Krieg, ihrer Bellizität, und damit der prinzipiellen Gewaltbereitschaft. Diese Kriegsfähigkeit der Staaten war für die Aufrechterhaltung des internationalen Kräftegleichgewichts, auch durch das Mittel gegenseitiger Abschreckung wie für die Stabilisierung der inneren Verhältnisse der Staaten nach 1815 eine wesentliche Voraussetzung. Das zeigte sich vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als es zu immer größeren Rüstungsanstrengungen und zur Entwicklung von Massenheeren durch die Einführung der Wehrpflicht in allen größeren europäischen Gesellschaften mit Ausnahme Großbritanniens kam. Zugleich aber wurde die prinzipielle Kriegsfähigkeit der europäischen Staaten außerhalb des Kontinents, zumal im Möglichkeitsraum der Kolonien, unter Beweis gestellt – erst im Sommer 1914 sollte sich das ändern. Erst damit setzte eine Phase beispielloser Gewaltkaskaden im 20. Jahrhundert ein.
Bellizität wurde im 19. Jahrhundert auch ein Ausdruck wirtschaftlicher und technologischer Errungenschaften von Industriegesellschaften, ihrer Fähigkeit, neue soziale Gruppen zu integrieren, sich politisch zu behaupten und in einem Zeitalter wachsenden internationalen Wettbewerbs die eigene Zukunftsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Nicht zufällig erfuhren gerade die Schlachtflotten im Zuge der kolonialen Expansion eine enorme symbolische und politische Aufwertung. Mit ihnen ließen sich Wirtschaftsstärke und technologischer Fortschritt, globale Mobilität und die Bereitschaft zur gewaltsamen Intervention kommunizieren – das prägte die Strategien des Seekrieges in einer sich industrialisierenden Welt und bedingte einen neuen Blick auf das Verhältnis von Land- und Seekrieg wie zwischen Kontinentalstaaten und globalen Imperien. Aus diesen Entwicklungen ergaben sich aber auch neue Zwänge und Dynamiken: Es zeichneten sich nämlich neue Entscheidungskonstellationen ab, in denen die militärischen Eliten und ihr Beharren auf strategischen Notwendigkeiten die Spielräume der Politik veränderten.
Die zwischen 1815 und 1914 gelungene relative Begrenzung von kriegerischer Gewalt war zunächst auf Kerneuropa beschränkt: Denn an den von der Mitte Europas aus gesehen südöstlichen Peripherien, auf dem Balkan mit seiner charakteristischen Mischung von zahlreichen Konfliktfaktoren – eine multiethnische Bevölkerung, ein politisches Vakuum durch den allmählichen Rückzug des Osmanischen Reiches, dazu Russland und die Habsburgermonarchie als konkurrierende Großmächte und der Wettbewerb von zunehmend radikal agierenden Nationalbewegungen bei relativ schwacher Staatlichkeit in der Region – kam es bereits vor dem Sommer 1914 zu einer ganzen Reihe von Kriegen, in denen sich die Gewalt gegen die ethnisch und religiös-konfessionell gemischte Bevölkerung radikalisierte.
Erst recht galt diese Grenze der Konflikt- und Gewalteinhegung für die kolonialen Kriege europäischer Mächte gegen indigene Bevölkerungen, so im Sudan 1898, in Südafrika zwischen 1899 und 1902 sowie in der deutschen Niederschlagung der Herero- und Nama-Aufstände seit 1904. Wenn es Beispiele im langen 19. Jahrhundert gab, an denen man die mögliche Zukunft der Kriegsgewalt erkennen konnte, so war es in Ansätzen der Krimkrieg von 1853-56, aber vor allem der Amerikanische Bürgerkrieg. Von 1861 bis 1865 wurden 2,1 Millionen Soldaten aus den Nordstaaten und 880.000 Mann aus den Konföderierten Südstaaten mobilisiert, der Krieg forderte mehr als 750.000 Todesopfer, darunter über 620.000 Soldaten, das waren knapp 2,5 Prozent der nordamerikanischen Bevölkerung – und in etwa so viele amerikanische Todesopfer wie in den Revolutionskriegen des 18. Jahrhunderts, dem Krieg von 1812, dem Mexikanischen Krieg, dem Spanisch-Amerikanischen Krieg, den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts und dem Korea-Krieg zusammen. Er dokumentierte die neuartigen Zusammenhänge zwischen der Massenmobilisierung und der Rechtfertigung bisher ungekannter Opferzahlen, zwischen gesteigerter Gewalt auch gegen die Zivilbevölkerung des Gegners und dem Zweifel an der Loyalität einzelner Gruppen in der eigenen Gesellschaft.
X.
Zum 19. Jahrhundert gehörte die zunächst verbreitete Wahrnehmung eines umfassenden Fortschritts und einer immer besseren und gestaltbareren Zukunft, sei es durch mehr politische Teilhabe, durch wirtschaftliches Wachstum und mehr soziale Gleichheit, verbesserte Bildung und Wissensfortschritte, durch mehr Mobilität oder verbesserte Hygiene, durch Verbreitung einer europäisch gedachten Zivilisationsidee auf der ganzen Welt. Seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts traf dieser Fortschrittsglaube als Kern des bürgerlichen Zukunftsversprechens auf immer mehr Zweifel. Die Kulturkritik, die Rezeption der Schriften Friedrich Nietzsches, aber auch die vielfältigen Reformbewegungen und künstlerischen Strömungen um 1900 offenbarten, dass das Fortschrittsversprechen brüchiger geworden war.
Sowenig man aus diesen Tendenzen auf eine verbreitete Hoffnung auf einen befreienden Krieg, ja ein Herbeisehnen eines großen Krieges schließen kann, sowenig lässt sich übersehen, wie stark die Leitmotive von Fortschritt, Wachstum und Expansion bereits vor 1914 unter Druck geraten waren. Dazu trug auch ein tiefgreifender Umbruch im Verständnis der Wirklichkeit bei. Das galt in der zeitgenössischen Physik, wo das überkommene Raum-Zeit-Kontinuum in der Relativitätstheorie Albert Einsteins in Frage gestellt wurde, und es wurde in der Psychoanalyse Siegmund Freuds durch die Entdeckung des Unterbewussten erkennbar.
Der Erste Weltkrieg stand im Zeichen beider Entwicklungen, sowohl des Fortschrittsversprechens und seiner Desillusionierung, zu der er erheblich beitrug, als auch des Umbruchs der Wirklichkeitswahrnehmung. Daneben zeigte sich nach 1914 aber auch eine ganz eigene Verknüpfung von Krieg und Wissenschaft, denn zahlreiche Forscher waren ohne Weiteres bereit, ihr Wissen in den Dienst des eigenen Landes zu stellen, sei es in den Fluten von Rechtfertigungsschriften zeitgenössischer Historiker, Theologen, Ökonomen und Soziologen oder in der militärischen Nutzung neuer naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und neuer Technologien für die Entwicklung neuer Kriegsmittel und Ersatzstoffe.
XI.
Mit dem zuvor Genannten hängt ein letzter Aspekt zusammen, nämlich das Selbstbild und die Positionierung des Einzelnen im historischen Prozess. Die Beschäftigung mit der Geschichte auf ganz unterschiedlichen Ebenen, in Denkmälern, Museen und Geschichtsvereinen, in den zahllosen historischen Romanen, aber eben auch in der entstehenden Geschichtswissenschaft als einer bürgerlichen Orientierungswissenschaft gerade in Deutschland wurde ein Leitmotiv des 19. Jahrhunderts. Dahinter stand die Suche nach der individuellen und kollektiven Selbstvergewisserung in einer Epoche, die zumal seit den 1860er und 1870er Jahren vom Modus der Beschleunigung erfasst schien.
Das war etwas anderes als die Unterscheidungen zwischen „früher“ und „später“ oder „vorher“ und „nachher“, die sich auf punktuelle Ereignisse wie Revolutionen oder Kriege beziehen konnten. Im Unterschied zur Phase nach 1800 entwickelte sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts eine ganz neue Qualität der Zeiterfahrung bei gleichzeitiger subjektiver Wahrnehmung schrumpfender Räume. Dazu trugen technische Errungenschaften bei: Verkehrsverdichtung und Beschleunigung standen am Ende des Jahrhunderts im Zeichen von Dampfschiffen, Eisenbahnen und Automobilen, welche die mit natürlicher Antriebskraft betriebenen Segelschiffe und Kutschen zu ersetzen begannen. Das kabel- und drahtgebundene Nachrichtennetz der Welt trat 1899 in ein neues Zeitalter, als die erste drahtlose Nachrichtenübermittlung zwischen England und Frankreich gelang, der 1901 die erste transatlantische Übertragung folgte. Das Ergebnis dieser Beschleunigungen reduzierte den wahrgenommenen Raum der Zeitgenossen und damit auch die Distanz zwischen Ereignis und Nachricht.
Diese Entwicklungen konfrontierten viele Zeitgenossen aber auch mit neuartigen Krisensymptomen: Die historisch erfahrene Zeit und die eigene, individuell-biographische Zeiterfahrung traten immer weiter auseinander. Chiffren dieser Entwicklung waren am Beginn des 20. Jahrhunderts nicht zufällig der „Zählzwang“ und die „Eilkrankheit“ der Protagonisten aus Robert Musils Romanen und Erzählungen, und vor allem „Choc“, „Trauma“ und „Nervosität“ als Symptome einer krankhaften Zeit.
Ein anderes Leitmotiv in der Suche nach Selbstvergewisserung wurde in der Kulturkritik des ausgehenden 19. Jahrhunderts und den Debatten um 1900 erkennbar: Das Verhältnis des Individuums zur aufziehenden Massengesellschaft, die Behauptung des Einzelnen in der Masse, die für viele Zeitgenossen ein zutiefst ambivalentes Ergebnis der demographischen Entwicklung, der wirtschaftlichen Dynamik und sozialen Mobilisierung geworden war. Auch dies gehörte zum Erbe des 19. Jahrhunderts, und viele der zeitgenössischen Debatten um Massenpresse und Massenkonsum, um Versittlichung, Sexualität und Körper, um den Gegensatz zwischen anonymer Gesellschaft und identitätsstiftender Gemeinschaft drehten sich im Kern um dieses Problem.
Europa um 1900: Das war ein irritierendes Nebeneinander von ganz unterschiedlichen und ambivalenten Strömungen. Zu dieser spannungsgeladenen Situation gehörte auch das Nebeneinander von Rationalität und Subjektivierung. Politische Theoretiker und Sozialphilosophen diagnostizierten um 1900 angesichts der starken Tendenzen zur Rationalisierung in der Wirtschaft, der Verwaltung, der Politik in modernen Gesellschaften einen Mangel an Instinkt, Intuition, Subjektivität und damit auch irrationalen Elementen, ohne die sich aber der Einzelne verloren und isoliert vorkommen müsse.
Zumal Max Webers Konzentration auf Ekstase und Charisma dokumentierte die wahrgenommenen Grenzen, allein mit Hilfe rationaler, bürokratischer und legaler Prozesse politisches und soziales Handeln zu regeln. Zu dieser Spannung gehörte auch der zeitgenössische Blick auf Gewalt. Die Vorstellung von Gewalt als einer bloß irrationalen Macht, zu der man sich wie George Sorel oder die Futuristen programmatisch bekannte, war das eine. Aber wiederum war es Max Weber, der betonte, dass systemische Gewalt auch den legitimen, gut geführten und friedlichen Staaten innewohne. Jede Form sozialer und politischer Ordnung beruhe auf der staatlichen Verfügung über Gewalt. Lenin schließlich verknüpfte exakte Analyse der Politik, rationale Organisation durch eine revolutionäre Avantgarde, kalkulierte Strategie – und hohe Gewaltbereitschaft miteinander. Die aus dem 19. Jahrhundert überkommene Vorstellung, dass sich Rationalität stets mit Fortschritt zu Frieden und Vernunft mit liberalen Verfassungen und Gewalteinhegung verbinde, wurde um 1900 mindestens auf der Ebene der politischen und sozialen Theorie in Frage gestellt.
Den Ersten Weltkrieg allein aus dem 19. Jahrhundert erklären zu wollen, wäre verfehlt. Es würde das Jahrhundert zu einer bloßen Vorgeschichte des Krieges machen, in der am Ende nur diejenigen Prozesse und Zusammenhänge berücksichtigt würden, die zur vermeintlichen Erklärung des Krieges taugten – und nicht auch diejenigen, die dagegen sprächen. Keine Geschichte ist aber bloße Vorgeschichte des Späteren – diese Perspektive nimmt vielmehr vor allem derjenige ein, der von den Strukturen des Vorvergangenen die Erklärung des Vergangenen erwartet. Die „vergangene Zukunft“ des 19. Jahrhunderts aber hatte viele mögliche Entwicklungswege, deren Vielfalt nicht vorschnell durch den einen Pfad entwertet werden sollte, der sich am Ende durchsetzte.
XII.
Als der Krieg im August 1914 konkret wurde, da nahmen die bürgerlichen Eliten, zumal die deutschen Intellektuellen, besonders intensiv daran Anteil, indem sie demonstrativ ihre Verbundenheit mit der eigenen Nation im Krieg betonten. Und doch mischte sich in diesen Kulturkrieg schon im Sommer 1914 ein eigentümliches Bewusstsein vom Umbruch der Zeit, der alle Werte und Erfahrungen des langen 19. Jahrhunderts in Frage zu stellen schien. Am 2. August 1914 hielt Ernst Troeltsch, Professor der Theologie an der Universität Heidelberg, eine bemerkenswerte Rede. Sie ging nicht auf im situativen Patriotismus der Stunde. Vielmehr war sich der Heidelberger Theologe sicher, dass der Krieg alle überkommenen Sicherheitsversprechen, die auf Rationalität beruhenden sozialen und staatlichen Ordnungsstrukturen aus dem 19. Jahrhundert und damit auch die Basis bürgerlicher Kultur radikal in Frage stellen werde: „So zerbrechen auch uns heute alle rationellen Berechnungen. Alle Kurszettel und Kalkulationen, die Versicherungen und Zinsberechnungen, die Sicherstellungen gegen Unfälle und Überraschungen, der ganze kunstreiche Bau unserer Gesellschaft hat aufgehört, und über uns allen liegt das Ungeheure, das Unberechenbare, die Fülle des Möglichen.“
Wenn sich bereits in der Julikrise 1914 die verheerenden Wirkungen von grundlegenden Misskalkulationen, von verfehlten Wirkungsannahmen, von Handlungsdruck und individueller Überforderungen gezeigt hatten, so galt das zugespitzt auch für den Auftakt des konkreten Krieges. Die Akteure mochten im Sommer 1914 mit dem Krieg als Möglichkeit operiert haben, aber sie waren alsbald mit einer Kriegsrealität konfrontiert, mit der sie in ihren quantitativen und qualitativen Ausmaßen nicht hatten rechnen können – daraus ergab sich das Paradoxon von hypertrophen Kriegsplanungen und Kriegsszenarien bei gleichzeitig unzureichender Vorbereitung.
Das Ergebnis des Krieges für das 20. Jahrhundert, das war den Zeitgenossen unmittelbar bewusst, ging nicht allein in der Quantität der Kriegsopfer auf. Es war nicht messbar anhand der Millionen von toten Soldaten und Zivilisten. Hinter der schieren Quantität der Opfer verbarg sich eine grundsätzlich neue Qualität von Gewalterfahrungen. Obwohl die Opfer anders als im Zweiten Weltkrieg zumeist noch Soldaten waren, entstand eine neue Dimension der Gewalt gegen die Zivilbevölkerung, so in Belgien und Nordfrankreich, in Serbien, Armenien und vielen Gebieten Osteuropas. Zu den Opfern zählten viele Tote bisher nicht selbstständiger Bevölkerungen im Verband der Empires – das verband bei allen Unterschieden die polnischen mit den indischen und den aus Afrika und Ostasien rekrutierten Soldaten. Und zur fortdauernden Wirkung des Krieges gehörten auch das Heer der zurückbleibenden Verwundeten und die damit verbundenen langfristigen staatlichen Versorgungsleistungen für Kriegsinvalide. Gerade sie gaben dem Krieg im Frieden ein Gesicht.
Der Sieger des Weltkrieges war keine Nation, kein Staat, kein Empire, und sein Ergebnis war keine Welt ohne Krieg. Der eigentliche Sieger war der Krieg selbst, das Prinzip des Krieges, der totalisierbaren Gewalt als Möglichkeit. Das wog langfristig umso schwerer, weil es im fundamentalen Gegensatz zu jenem Leitmotiv stand, das sich während des Krieges entwickelt hatte und das für viele Soldaten ein entscheidender Grund gewesen war, den Krieg mit allen Mitteln fortzusetzen. Die Hoffnung, ein letzter grausamer Krieg müsse am Ende gegen das Prinzip des Krieges überhaupt geführt werden, das Vertrauen darauf, dass der Weltkrieg ein „war that will end war“ sei, sollte bitter enttäuscht werden. Schon die unmittelbare Phase nach dem 11. November 1918 dokumentierte, dass kriegerische Gewalt auch weiterhin ein Mittel der Wahl blieb: um wie in Irland und Polen neue Nationalstaaten zu etablieren oder territorial zu arrondieren, um wie in Russland in einem blutigen Bürgerkrieg einer Ideologie zum Sieg zu verhelfen oder wie in der Türkei die Bedingungen eines Friedensvertrags gewaltsam zu revidieren. Was im Sommer 1914 im Kern als Staatenkrieg begonnen hatte, mündete seit 1917 in eine Vielzahl neuer Gewaltformen, die weit über das formale Ende des Krieges im Westen hinausreichten. Dazu gehörten, immer wieder überlappend, nationale Unabhängigkeits- und Staatsbildungskriege, ethnische Konflikte und Bürgerkriege.
Was sich veränderte, das war der Blick auf die Möglichkeiten der Gewalt vor dem Hintergrund einer neuartigen Unübersichtlichkeit, eines Zeitalters der Frakturen, die zu neuen Kategorienbildungen zwang. Es war nach 1918 kein neuer stabiler Ordnungsrahmen – weder gesellschaftlich, noch politisch, noch international – erkennbar. Aber die neuen Modelle des Bolschewismus wie des Faschismus wandten sich unverkennbar gegen das liberale Erbe des 19. Jahrhunderts, nicht zuletzt in der ausgesprochenen Gewaltbereitschaft und dem entgrenzten Terror nach innen und außen. Das hatte mit vielfältigen Weltkriegserfahrungen zu tun, den Übergängen vom Staatenkrieg in die Revolution und den Bürgerkrieg genauso wie mit den enttäuschten Erwartungen in vielen Gesellschaften. Um 1930 schien das Modell des liberalen Verfassungsstaates und der Parlamentarismus jedenfalls seine Zukunft hinter sich zu haben.
Was aber war die Konsequenz dieser radikalen Entwertung von Erwartungen durch eine Explosion von Gewalterfahrungen in kurzer Frist seit dem Sommer 1914? Bis in die frühe Neuzeit waren Erwartungshorizonte und Erfahrungsräume in einem zyklischen Zeitverständnis aufeinander bezogen geblieben. Zwischen 1770 und 1850 brach diese Zeitvorstellung auseinander, weil die Erwartungen der Menschen im Zeitalter der Französischen Revolution weit über ihre Erfahrungen hinausschossen.
Das, was im August 1914 begann und im November 1918 nicht endete, kehrte diese Tektonik radikal um: Nun entlarvte der Krieg die Fortschrittserwartungen, jenes Erbe des 19. Jahrhunderts, als harmlose Szenarien, die der Dynamik der Erfahrungen in diesem Krieg nicht mehr standhielten. Das Ergebnis war eine Glaubwürdigkeitskrise in nahezu allen Lebensbereichen: eine Krise der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, der ideologischen Entwürfe zur Rechtfertigung von Staaten und Reichen, von Nationen, Ethnien und Klassen. Darin, in dieser elementaren Verunsicherung, in verkürzten Geltungsfristen und Halbwertzeiten großer Ordnungsideen, liegt ein Erbe des Krieges, der im August 1914 geöffneten „Büchse der Pandora“ bis in unsere Gegenwart.