Vernissage der Ausstellung Fremdenzimmer

Gespräch über Flüchtlingsbiographien

Im Rahmen der Veranstaltung "Fremdenzimmer. Vernissage", 06.12.2016

Enno Kapitza

Florian Schuller: 400.000 bis 500.000 Tote soll es inzwischen in Syrien geben. Vor zwei Monaten ist der Nuntius des Papstes in Syrien, Mario Zenari, zum Kardinal erhoben worden. Im großen Interview nach seiner Ernennung hat Mario Zenari, seit 2008 in Syrien, große Kritik geübt an den Groß- und Regionalmächten, die hier Stellvertreterkriege führen: „Das, was man nicht sieht“ – Zitat Mario Zenari – „die größten Schäden sind die Bomben, die in die Seelen eingedrungen sind, in die Herzen der Kinder, die so viel Gewalt gesehen haben. In ein paar Jahren wird man diese Gebäude, die Infrastrukturen wieder aufbauen. Wie aber kann man die Herzen, die Seelen dieser Kinder wieder heilen, die solch tiefe Wunden davongetragen haben. Das ist eine Herausforderung für alle Religionen in Syrien, dieser Wiederaufbau der Seelen.“ Und dann mit einem sehr bewegenden Bild, er trage das Blut der unschuldig Getöteten, das noch an seinen Schuhen klebe, direkt vor das Petrusgrab in Rom.

Heute Abend geht es nicht um eine politische Diskussionsrunde, um den Islam oder den interreligiösen Diskurs, sondern um Bilder, um Fotografien, auch um innere Bilder. Und um ein Buch, in dem die Bilder zu sehen sind, die in großen Formaten bei uns an den Wänden hängen.

Herr Warning, Sie sind der Autor des Buches und leben mit Ihrer Gattin in Roitham, dem wunderbar romantischen Ort des Chiemgau, in dem plötzlich die 16 Syrer aufgetaucht sind, von denen Sie erzählen. Hatten Sie eigentlich vorher ein eigenes inneres Bild von Syrien?

 

Wilhelm Christoph Warning: Ich kannte die syrischen Kirchenväter, die ganz frühen Syrer sozusagen. Mir war auch klar, dass dort die Griechen waren, die Römer. Aber Syrien selbst war Terra incognita für mich. Das hat auch etwas mit unseren Besuchen in Israel zu tun. Da war Syrien immer das Land, das geradezu tabuisiert war. Heute habe ich Syrien durch die Verbindung zu den 16 Menschen, die damals kamen, richtiggehend entdecken können und es sehr bereut, nie dorthin gereist zu sein.

 

Florian Schuller: Herr Kapitza, Sie verbinden schon in Ihrer Person verschiedene Welten: einen deutschen Vater, eine japanische Mutter. So sind Sie in zwei Welten aufgewachsen, in Japan und Deutschland oder Bayern. Auch eine Frage nach Ihren persönlichen Bildern: Überschneiden die sich, träumen Sie japanisch, träumen Sie deutsch? Haben Sie japanische Bilder im Kopf, innere, oder deutsche, westliche?

 

Enno Kapitza: Eine sehr gute Frage. Ich träume tatsächlich auf Deutsch, und in vielen Bildern, aber nie auf Japanisch. Japanisch war aber meine erste Sprache als Kind, aber mit einem Germanisten als Vater ist es unausweichlich, dass Deutsch sozusagen meine Vatersprache ist. Japanische Bilder habe ich natürlich in mir. Diese Bilder sind sehr unbewusst. Ich versuche aber, keine japanische Bildsprache in meine Fotos zu bringen, vielleicht auch unbewusst.

 

Florian Schuller: Sie beide wurden nun konfrontiert mit den 16 Syrern. Was waren Ihre ersten Erfahrungen? Sie, Herr Warning, hatten begonnen und haben bald Herrn Kapitza mit eingeführt in Ihre neue Gemeinschaft.

 

Wilhelm Christoph Warning: Nein, das war nicht ich, sondern die Verlegerin, Frau Sieveking, die uns zusammenspannte. Wir kannten uns überhaupt nicht, haben aber später festgestellt, dass ich im gleichen Ort groß geworden bin, in dem Enno heute lebt, in Gräfelfing. Enno kam, und meine Frau und ich hatten die Syrer in der ehemaligen Pension vorher gebeten: Der Fotograf kommt morgens um 9 Uhr, bitte seid pünktlich, seid bitte wach und steht auf. Damals wussten wir noch nicht, dass es unterschiedliche Zeitverständnisse gibt. Es gibt ein „syrisches Zeitverständnis“, das ich an einem Beispiel erklären will: Wenn man bei uns eingeladen wird, zum Beispiel um Sieben, dann kommen wir hier spätestens Viertel nach Sieben; ab da beginnt es, sehr unhöflich zu werden. Aber in Syrien kann man dann auch abends um Elf kommen. Das ist nicht unhöflich. Deshalb werden dort die Speisen auch so zubereitet, dass sie über einen längeren Zeitraum genießbar sind. Enno, jetzt müsstest du weitererzählen. Er kam um neun, und dann…

 

Enno Kapitza: Es gab ja vorher bereits ein erstes Kennenlernen. Ich ging mit meiner Frau Ulrike und mit Sabine und Wilhelm hoch zur Gruberalm. Die beiden haben uns vorgestellt, wir wurden gleich mit Tee und Kaffee begrüßt. Ja, und dann kam eben dieser erste Foto-Tag, an dem ich sogar viel zu früh dort war. Die Bewohner der Pension kamen alle ziemlich verschlafen aus ihren Zimmern. Aber weil wir uns schon kannten, war kein Herantasten mehr nötig, sondern wir waren dann gleich mittendrin im Fotografieren. Ich war wirklich überrascht, wie unmittelbar sich diese Männer auf das Projekt eingelassen haben. Weil ich jeden Einzelnen zu einer Porträtsitzung gebeten hatte, war es in Ordnung, dass der letzte Langschläfer am Nachmittag irgendwann aus seinem Zimmer herauskam. Aber der traurige Hintergrund ist der, das haben mir später Sabine und Wilhelm Warning erzählt, dass etliche die Nächte durchwachen, weil sie von Alpträumen geplagt sind und nicht schlafen können.

 

Wilhelm Christoph Warning: Das sind ihre inneren Bilder, genau.

 

Enno Kapitza: Umso erstaunlicher fand ich, mit welcher Ruhe und Gelassenheit sie sich auf die Foto-Termine eingelassen haben, und wie klar und konzentriert sie dabei waren.

 

Florian Schuller: Sie sprechen von Porträtsitzungen. Häufig wird einer einzeln gezeigt, der in die Ferne blickt. Da kann man Sehnsucht oder was immer ahnen. Haben Sie gesagt, stellt euch mal da hin, und dann haben Sie 200 Aufnahmen gemacht und die beste ausgesucht?

 

Wilhelm Christoph Warning: Ich hatte tatsächlich gedacht, dass ich mit jedem einen halben Tag verbringe, was natürlich völlig unrealistisch war. Jede Sitzung dauerte ungefähr nur eine halbe, dreiviertel Stunde. Die Umgebung dort ist eine tolle Landschaft, ein Bilderbuchbayern. Wir gingen spazieren und haben dann Orte gefunden, wo ich jemanden gebeten habe, sich für ihn passend zu positionieren. Aus solchen Momenten heraus sind dann Porträts entstanden.

 

Florian Schuller: Kamen bei solchen Gesprächen auch die inneren Bilder hoch? Sie, Herr Warning, erzählen immer wieder von den entsetzlichen, grausamen Bildern, die sie Ihnen auf ihren Handys gezeigt haben. Aber auch von den Bildern einer guten Vergangenheit. Mir ist beim Lesen des Buches aufgefallen: Zumindest zwei sind ganz stolz auf ihr großes deutsches Auto. Wir würden von einer gut situierten Situation sprechen. Und immer wieder die enge Beziehung zur Familie, zum Beispiel bei Issam, der Vater, der zu Hause im Rollstuhl sitzt und dem er nicht helfen kann.

 

Wilhelm Christoph Warning: Zunächst einmal habe ich Enno beneidet, der ohne Sprache Bilder gemacht hat, die die Tiefe der Personen für mich oft frappierend zum Ausdruck bringen. Mir hat das sehr geholfen, meine Bilder, meine Portraits der Menschen zu schreiben. Denn es gibt die Bilder, die sie mir erzählt haben, und es gibt die Bilder, die sie innen mit sich tragen, und es gibt Bilder, die symbolisch für etwas stehen wie zum Beispiel Autos. In Syrien ist das Auto ein Luxusartikel. Autos kosten ein Vielfaches mehr als in Deutschland und sie bedeuten auch viel mehr. So war der weiße BMW in der Geschichte des einen syrischen Brüderpaars das letzte Geschenk des Vaters, der an Krebs starb. Mit diesem weißen BMW fahren seine fünf Kinder in die Cafés in Damaskus. Und dieser Wagen wird zum Symbol der Beziehung zum Vater und der Zerstörung auch der inneren Werte. Denn im Krieg wird das Auto von der Rakete eines Fliegers getroffen und geht in Flammen auf. Ob das jetzt ein amerikanischer Flieger war, weil man dachte, die IS-Leute fahren mit dem weißen BMW, oder ob es eine Fassbombe al-Assads war, ist egal: Denn diese kleine Geschichte zeigt, dass alles, was diesen Menschen lieb und teuer war, zerstört worden ist. Und das gilt nicht nur für das Brüderpaar, sondern für fast alle Leute in Syrien. Damit sind wir bei den inneren Bildern. Ich hatte natürlich auch in mir Bilder, die bei den Erzählungen der Syrer entstanden sind, die aber oft überhaupt nicht das getroffen haben, was sie mir erzählt haben. Es gab immer wieder ein „lost in translation“.

Aber es gab auch jene Bilder, die sie auf ihren Smartphones mit sich tragen, und die von den vielfachen Verletzungen zeugen, über die die meisten nicht sprechen können, aber sie dann immer wieder durchscrollen, vielleicht auch, um den Schrecken zu entzaubern.

Ich möchte nicht erzählen, was da zu sehen ist. Absoluter Horror. Hier wird sehr viel vom Horror des IS gesprochen; ich kann nur sagen, der Horror von Assad und seinen Kombattanten und den Banden, die er in Lohn und Brot setzt, ist mindestens so fürchterlich, so unmenschlich, so brutal, so widerlich, so menschenverachtend und so abscheulich.

 

Florian Schuller: Herr Kapitza, wir haben gerade daran erinnert: Das Smartphone ist wohl der wichtigste Gegenstand, den die Geflüchteten bei sich haben. Sehe ich es recht, dass Sie nie einen der Syrer mit Smartphone fotografiert haben? Wollten Sie nicht in die Intimsphäre eindringen, oder gab es einen anderen Grund?

 

Enno Kapitza: Anders als bei uns, wo mittlerweile das Smartphone an jedem Abendessentisch danebenliegt, haben die Männer bei den Begegnungen ihre Smartphones einfach weggesteckt. Es wurde nie draufgeschaut. Es war ein Zeichen von Respekt, dass sie voll und ganz da waren. Ich habe sie tatsächlich nie am Smartphone gesehen in dem Moment des Fotografierens. Ich glaube, das machen sie in ihren Zimmern.

 

Florian Schuller: Damit wir uns ein wenig erholen können von diesen schlimmen Erinnerungen, eine Frage nach den inneren Bildern von Deutschland, die die Menschen in Syrien im Kopf hatten. Alaa, ein Fan des FC-Bayern, hat in Syrien alle deutschen WM-Spiele im Fernsehen angesehen und möchte unbedingt Philipp Lahm einmal direkt begegnen: Der war sogar schon einmal in der Allianz-Arena – das haben wahrscheinlich Sie organisiert…

 

Wilhelm Christoph Warning: Nein, das hat er von selbst organisiert, der erste Ausflug überhaupt, den er gemacht hat.

 

Florian Schuller: Mahmoud, sein Kollege, ist umgekehrt Fan von Lionel Messi. Und der Student Nadin, ein Kurde, hat noch in Syrien Neuschwanstein und das Brandenburger Tor gezeichnet. Waren das reine Wunschvorstellungen oder hatten die etwas mit der Wirklichkeit zu tun?

 

Wilhelm Christoph Warning: Ich glaube, sie haben sich viel mehr erhofft. Man muss sich Syrien als sehr abgeschlossenes Land vorstellen. Auslandsreisen gab es dort nur für wenige. Man ging nach Saudi-Arabien zum Arbeiten – das zieht sich auch durch das Buch –, weil es in den letzten Jahren in Syrien eine Wirtschaftskrise gab. Aber die meisten sind praktisch niemals über die Staatsgrenzen hinausgekommen. Das ist auch eine Erklärung, warum viele keinen Pass haben. Es blieb Beirut, der Libanon; da sind sie hingefahren, dort ist es relativ ähnlich. Deshalb entsprachen die Vorstellungen von Deutschland sicherlich nicht der Realität. Die Vorstellung einer Offenheit Deutschlands und einer Humanität, die ihnen hier entgegenfluten würden, und auf die sie gehofft hatten – die sind jetzt fast gänzlich zerstoben.

 

Florian Schuller: Herr Kapitza, was war anders, als wenn Sie Österreicher oder Bayern in einer fremden Umgebung fotografiert hätten, in die man sich einfinden musste?

 

Enno Kapitza: Zunächst, die wenigsten konnten überhaupt Englisch, manche auch ein paar Brocken Deutsch. Die meisten Porträtsitzungen waren deshalb fast nonverbal, rein mit Gesten. So hatte sich alles sehr schnell reduziert auf eine ganz klare Begegnung. Anders als vielleicht bei jemandem, dem ich zehn Minuten Zeit abtrotzen kann für ein Foto, und der vielleicht noch, wenn er irgendwie im Stress ist, dann genervt wird. Es war für mich als Fotograf schon außergewöhnlich, dass jeder so anwesend war im Hier und Jetzt. Selten habe ich so klare Menschen erlebt.

 

Florian Schuller: Gehen wir mal bei den inneren Bildern in die andere Richtung. Einer, Al Ahmad, hat mit seinen Eltern in Saudi-Arabien für drei Jahre gelebt. Die Mutter durfte nicht aus dem Haus gehen, also eine völlig andere Situation. Gibt es innere Bilder der, in der alten Sprache würde man sagen, arabischen Bruderstaaten um Syrien herum, oder wurde das Thema gar nicht angesprochen?

 

Wilhelm Christoph Warning: Es wurde nicht angesprochen. Das läuft auf zwei Ebenen. Es gibt eine grundsätzliche Verbindung kraft der Sprache. Die Sprache spielt eine zentrale Rolle im Arabischen, weil sie ja das Wort, die Offenbarung Gottes ist im Koran. Aber andererseits grenzen sich die Staaten schon sehr stark ab. Es gibt auch eine Form nationalen Stolzes: Syrien ist schon die Spitze, und dann kommt lange nichts, und dann kommen die anderen Staaten…

 

Florian Schuller: Das passt dann ja ganz gut zu Bayern?

 

Wilhelm Christoph Warning: Ja, es gibt schon ein Selbstverständnis als Syrer. Natürlich ist der Staat ein künstliches Gebilde, von den Franzosen und den Engländern so gezogen. Deshalb ist es nicht homogen und auch schwierig, ein Land mit vielen Minderheiten. Letztlich hat der Nationalismus damit zu tun. Den Libanon etwa sehen manche Syrer als ihr Gebiet, weil der Libanon von den Franzosen abgetrennt wurde. Es ist also schwierig mit den inneren Bildern Arabiens, und natürlich hört auch unser Ohr die verschiedenen Dialekte nicht heraus.

 

Florian Schuller: Kommen wir zu einem anderen vielleicht schwierigen Thema. 16 Männer und keine Frau. Mahmoud hatte jetzt immer noch eine Freundin in Syrien, mit der er per Smartphone kommunizierte. Aber die Beziehung scheint zu Ende gegangen zu sein…

 

Wilhelm Christoph Warning: …genau.

 

Florian Schuller: Die beiden Brüder Kaisa und Ryfad sind verheiratet. Ryfad hat eine Tochter, die er bisher noch nicht sehen konnte. Wo holt man sich in der Situation Ablenkung oder Zuwendung? Es sind Männer zwischen 19 und 39 Jahren. Welche Bilder von Frauen begleiten sie?

 

Wilhelm Christoph Warning: Ich weiß das nur aus Facebook. Manche posten natürlich irgendwelche tollen Stars. Aber man sollte wissen, dass sie aus einer Familienstruktur kommen, in der der Mann alles organisiert und die Verantwortung trägt. Jetzt hängen sie nachts oder tagsüber am Smartphone, weil das die Nabelschnur zur Familie ist. Über Whatsapp geht das kostenlos, sonst könnten die sich das gar nicht leisten.

Sie dachten, dass der Familiennachzug nicht besonders schwierig ist. Sie sind bewusst alleine gekommen, weil sie diese unglaublich gefährliche Überfahrt über das Meer im Herbst den Kindern und Frauen nicht zumuten wollten. Und jetzt sitzen sie da und müssen über diese Nabelschnur Smartphone erleben, dass sie nicht tun können. Das ist bis heute so.

Dazu kommt, dass zum Beispiel einer über ein halbes Jahr – das ist eine Geschichte, die mich sprachlos macht in ihrer Inhumanität – auf seinen Bescheid gewartet hat, weil das BAMF angeblich so lange seine Papiere geprüft hat. Endlich ist dieser Bescheid gekommen, er hat jetzt subsidiären Schutz, das heißt, ein Jahr mit dem zeitlichen Verbot, die Familie nachzuholen. Der ist vollkommen am Ende, psychisch, physisch. Und jetzt hat man ihm noch gesagt, er muss, weil er keinen Pass hat, einen bei der syrischen Botschaft in Berlin beantragen und abholen, einen syrischen Pass, weil er einen Pass haben muss, wenn er in Deutschland leben will. Das kostet nicht nur 400 Euro, die er nicht hat, sondern er muss nun an den Ort fahren, von dem die Bedrohung für ihn ausgeht, zu den Vertretern des Assad-Regimes, vor denen er geflohen ist. Die Botschaft ist ja Territorium des syrischen Staates. Da reicht meine Phantasie nicht, um mir ein Bild zu machen. Ich kann nur vermuten, dass es politisch gewollt ist, den Leuten das Leben hier so schwer wie möglich zu machen, und das finde ich schamlos.

 

Florian Schuller: Herr Kapitza, Ihr Eindruck, wenn Sie als Fotograf zu den 16 Männern gekommen sind? Hat man mal über Frauen gesprochen?

 

Enno Kapitza: Beim ersten Treffen war meine Frau Ulrike dabei, und es war eine sehr respektvolle Begegnung. Wir haben danach nie wieder über Frauen gesprochen. Im Gegenteil, ich hatte das Gefühl, dass sie in einer inneren Verbindung nach Syrien leben. Die Wahrnehmung ihrer momentanen Situation und ihrer Umwelt ist sehr eingeschränkt, auch ihr Blick auf Frauen. Es dreht sich wirklich alles um diese Nabelschnur, die Verbindung nach Hause, zu ihren Frauen, Müttern, Töchtern. Natürlich schaut sich jeder gerne hübsche Frauen an, gerade junge Männer. Aber ich hatte nicht das Gefühl, dass das hier ein großes Thema ist.

 

Florian Schuller: Anderes Thema: Religionen. Wenn ich es richtig gelesen habe, Herr Warning, haben Sie selten über Religionspraxis mit den 16 Syrern gesprochen. Aber was immer wieder als selbstverständlich auftaucht, sind einzelne Kontakte zu anderen Religionen. Khalid hat mit Christen Ostern gefeiert. Von Bei Aziz Al-Sawa, dem Pferdeflüsterer, heißt es, die Eltern hätten Aramäisch gesprochen. Waren das syrisch-orthodoxe Christen? Oder Hassan von Chamischli, der viele Christen in seinem Ort getroffen hatte, die am Ende des Osmanischen Reiches geflohen waren.

 

Wilhelm Christoph Warning: Ich hatte sie einmal mitgenommen in eine Kirche und habe etwas erklärt. Dann hat eben jener, der mit seinen christlichen Freunden auch Ostern gefeiert hat, gesagt, was erklärst du denn, ich weiß das ja alles. Religion ist nicht wirklich das zentrale Thema. Vielmehr wird die ganze Vielfalt des syrischen Landes deutlich, weil es viele Minderheiten gibt, unterschiedliche Religionen oder Konfessionen, Sunniten und Schiiten, Alawiten, Jesiden, Drusen und nahezu alle christlichen Konfessionen. Darüber sprechen wir schon, und sie wissen, dass ich praktizierender Christ bin, und akzeptieren das auch.

 

Florian Schuller: Herr Kapitza, haben Sie in Ihrer Karriere als internationaler Fotograf auch religiöse Szenen gefilmt, religiöse Praktiken und Riten?

 

Enno Kapitza: Ich war jetzt in Nepal, in einem buddhistischen Hochtal, dort haben wir einige Riten fotografiert, also betrachtet. Vor nun fast schon 20 Jahren war ich mal beim Dalai Lama. Dort in Dharamsala durften wir buddhistische Meditation und Praktiken begleiten.

 

Florian Schuller: Biegen wir in die Zielgerade ein. Wir hatten am Anfang von den Traumbildern Deutschlands gesprochen. Kommen wir zu den konkreten Bildern, den Erfahrungsbildern: Ein schönes Foto haben Sie im Buch, Gott sei Dank. Es zeigt Walid, den Gitarrenspieler, der von einem unbekannten Mann in München eine Gitarre geschenkt bekommen hatte. Die Gitarre, die man auf den Bildern sieht, das ist wahrscheinlich diese geschenkte Gitarre.

 

Wilhelm Christoph Warning: Es gibt natürlich auch positive Bilder, nicht nur die Gitarre. Zum Beispiel sind wir auf einen Berg gegangen mit Mahmoud, der ein junger kräftiger Zeitgenosse ist. Und dann saßen wir oben und er schaute und war ganz still. Wir haben gefragt: Bist du traurig? Er: Nein, es ist so unfassbar schön hier.

Ein anderes Bild ist, dass sie bei Menschen willkommen sind, sozusagen in die Familie aufgenommen. Aber immer bleibt ein Stück Unsicherheit und Angst, dass sie nicht ernst genommen und abgelehnt werden. Manchmal ist es das Gefühl eines tiefen Minderwertigkeitskomplexes, sie haben Angst, irgendetwas zu tun oder zu sagen, was man falsch beurteilen könnte. Aber grundsätzlich gibt es viele Momente der Gemeinsamkeit, auch des Feierns. Etwa in der örtlichen Pfarrei, jetzt gerade vor Weihnachten. Die 16 syrischen Männer haben die Pfarrei eingeladen und bereiten ein großes Essen für alle.

Insofern ist das Bild Deutschlands natürlich differenziert, und je länger sie hier bleiben, desto differenzierter wird es. Aber im Zentrum steht immer, das wird in Enno Kapitzas Bildern auch deutlich, eine Form von Trauer, eine Verschleierung. Sie tragen etwas mit sich, was zerbrochen ist. Dass wird sehr lange dauern, oder vielleicht auch gar nie vergehen. Denn was sie erlebt haben, ist so heftig, dass man sich manchmal denkt, wie viel Kraft sie haben müssen, dass sie all das überstehen und dass sie so sind, wie sie heute sind.

 

Florian Schuller: Herr Kapitza, haben sie auch unterschiedliche Gemütslagen bei ihren Fototerminen mitbekommen? Wie häufig waren Sie denn überhaupt da?

 

Enno Kapitza: Natürlich sind alle 16 syrische Männer wie jeder Mensch komplett unterschiedlich. Einer geht aus sich heraus, der andere ist zurückgezogen; einer ist still und traurig, der andere kann alles überspielen. Ich hatte immer das Gefühl, dass jedes Mal, wenn ich jemanden traf, ein innerlicher Anlauf stattfand: Jetzt muss ich da sein, jetzt muss ich mit dem Fotografen reden. Also aus einem sich-Verschalen heraustreten. Das konnten sie aber sehr gut. Richtige Trauer habe ich in meinen Begegnungen nicht gespürt. Das wird dir anders ergangen sein, Wilhelm.

 

Wilhelm Christoph Warning: Ich habe mal gesagt, ihr habt immer ein Moment der Traurigkeit. Sie haben geantwortet, ja, das ist ja auch kein Wunder, das haben wir alle.

 

Florian Schuller: Frau Warning, Sie waren wahrscheinlich eine der wenigen Frauen, mit denen die Syrer von Anfang an Kontakt hatten. Welchen Eindruck von diesen 16 Männern gewannen Sie?

 

Sabine Warning: Einen sehr unterschiedlichen – je nachdem, ob sie aus ländlicher Gegend kommen, wo sie sehr traditionell aufgewachsen sind, oder aus Städten. Das ging bis zum Handgeben. Bei den städtischen Syrern war es gar kein Problem, bei denen vom Land war mehr Distanz spürbar. Am einfachsten war es für mich als Frau, dass wir bei den Jungen gesagt haben, wir sind Mama und Papa, und damit war ich Mama Sabine und konnte sie in den Arm nehmen.

 

Wilhelm Christoph Warning: Ich darf noch kurz etwas zu der Bezeichnung „Mama“ und „Papa“ sagen. Sie ist ein Zeichen des Respekts. Man spricht niemand mit dem Vornamen an, der älter ist, und die Älteren werden gesiezt, so, wie das früher auch bei uns in Deutschland vorkam. Deshalb haben wir die Beinamen Mama und Papa bekommen. Aber für manche sind wir es wirklich, ersatzweise.

 

Florian Schuller: Eine letzte Frage. Vom Jüngsten, Rami, der vielleicht eine Ausbildung als Elektriker anfangen möchte, erzählen Sie, dass er stumm bleibt, er auch keine Fotos zeigt. Kann ich mich eigentlich auch vor Bildern schützen? Zunächst eine Frage an den Fotografen. Die Kraft der Bilder, der äußeren Bilder und der Bilder, die ich in mir trage, der Bilder, die ich auf dem Smartphone immer wieder zurück und vorwärts scrolle: Welche Kraft haben die Bilder, und gibt es eine Gegenkraft, sich gegen Bilder zu immunisieren?

 

Enno Kapitza: Das kann ich nicht annähernd nachvollziehen, weil die schrecklichen Dinge, die Rami erlebt hat, mir nie widerfahren sind. Ich weiß nicht, wie lange solche Bilder in einem fortarbeiten. Ich wurde einmal überfallen hier in München auf der Straße. Das Bild ist mir lange nachgehangen, das Bild, aber es ist bei Weitem nicht so etwas, wie wenn alles um einen herum zerfällt.

 

Florian Schuller: Es gibt ja nicht nur die zerstörerische Kraft der Bilder, sondern auch die rettende Kraft. Wir sind wieder beim weißen BMW und beim Mercedes 190. Die Bilder kämpfen in unserem Innern.

 

Wilhelm Christoph Warning: Absolut. Es gibt gute Bilder. Übrigens ganz ähnlich wie beim Erzählen. Es gab Interviews, wo ich am Schluss dachte, obwohl ich beruflich sehr viel Erfahrung miteinbringen konnte, wie soll ich da je eine Geschichte erzählen, weil ich so wenig erfuhr. Es gab viele kulturelle Codes, die wir am Anfang nicht verstanden haben. Von sich etwas zu erzählen ist in Syrien nur innerhalb der Familie oder unter Freunden üblich, aber auch da mit Vorsicht. Ganz einfach deshalb, weil dieses Land über eine sehr lange Zeit eine Diktatur war. Es gibt mehrere Geheimdienste, die jeweils spezielle Bevölkerungsgruppen bespitzeln. Deshalb dringen Bilder nicht nach draußen, in die Öffentlichkeit. Überlebt haben die Menschen seit vielen Generationen immer im Klan und in der Familie, weil man sich da gegenseitig geholfen hat. Was wir Zivilgesellschaft nennen, funktioniert dort nur im Ansatz, und hätte sich vielleicht entwickeln können, wäre dieser Ansatz nicht mit brutaler Gewalt von Assad niedergemacht worden.

 

Florian Schuller: Zum Schluss möchte ich auf den ältesten der 16 zurückkommen, auf Salem, der aus Aleppo stammt. Sie, Herr Warning, bringen eine Art Traumsequenz, wenn Sie von Salem erzählen, der über den Dächern von Aleppo steht und diese wunderbare Stadt, dieses Weltkulturerbe, betrachtet, und die Wirklichkeit ist ganz anders. Wir haben viel über die inneren Bilder der Syrer gesprochen. Aber mal ganz persönlich gefragt: Welches Bild eines Ortes oder einer Landschaft trägt denn Ihre Identität?

 

Wilhelm Christoph Warning: Ich wurde als Kind, weil ich Heuschnupfen hatte, an die Nordsee geschickt, auf die Insel Amrum, und habe sehr Heimweh gehabt. Es stieg ins Unermessliche, weil abends – man musste um halb acht einschlafen – irgendwo eine Kurkapelle oder ein Blasorchester spielte. Blasorchester war für mich Bayern, die haben losgelegt, und ich habe losgelegt zu heulen. Da lag ich jeden Abend heulend da. Heimat? Ja, natürlich Bayern. Also, eine der vielen Heimaten. Ich könnte auch sagen, Griechenland. Ich könnte auch sagen, Italien. Ich könnte auch sagen, Schubert. Ich könnte auch sagen, Mozart oder Bach. Ich könnte auch sagen, 20. Jahrhundert, 21. Jahrhundert, das, was mich umgibt.

 

Florian Schuller: Das 20. Jahrhundert ist ein arg gefährliches Jahrhundert, da gab es so viele Morde und Verbrechen wie nie…

 

Wilhelm Christoph Warning: Aber ich bin ein Mensch dieses 20. Jahrhunderts und zu Hause in seiner Kultur.

 

Florian Schuller: Herr Kapitza, Sie können wahrscheinlich wählen zwischen Japan und Deutschland?

 

Enno Kapitza: Mittlerweile jetzt, im reiferen Alter sozusagen, fällt mir die Wahl sehr leicht. Früher als Kind fand ich es sehr schwierig, mich zu entscheiden, was für mich Heimat ist. Jetzt habe ich tatsächlich, wie Sie sagen, das Privileg, zwei Heimaten zu haben. Wenn ich nach Tokio komme, fühle ich mich zuhause, sobald ich dort die Straßengerüche wahrnehme, die Nudelküchen, und Garküchen, wenn ich die Geräusche, die Sprache höre, fühle ich mich zuhause, und genauso hier auch in München. Eigentlich ist München meine Heimat.

 

Florian Schuller: Ich möchte schließen mit einem Satz des Fans von Philipp Lahm. Der sagt im Buch: „Ich hatte ja keine Wahl. Ich habe schlimme Bilder gesehen. Vielleicht werde ich eines Tages die Bilder los. Ich weiß es nicht. Sie gehören jetzt wohl zu meinem Leben. Gehört Deutschland zu meinem Leben? Auch das weiß ich nicht“. Herr Warning, Herr Kapitza, ganz herzlichen Dank für dieses Gespräch.

Weitere Medien vom Autor / Thema: Kunst | Kultur

Florian Schuller: Herr Maget, Sie haben im Vorgespräch gesagt, nach nur zwei Stunden Flugzeit von München sei man in Tunis, das gilt aber doch auch für einen Flug nach Athen.   Franz Maget: Und trotzdem sind Sie, wenn Sie in Tunis aussteigen, in einer anderen Welt. Was ich als erstes gespürt habe, ist, dass das…
I.   Der Schriftsteller Max Frisch pflegte mit Vorliebe Fragebögen zu erstellen. Bei einem lautet die erste Frage: „Halten Sie sich für einen guten Freund?“ Sie alle, davon gehe ich aus, würden mit „Ja“ antworten. Nicht zuletzt deshalb haben Sie sich wohl hier eingefunden, oder nehmen – wie und wo auch immer – per Liveschaltung…
I.   „Wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt.“ Dieser Satz aus dem 8. Kapitel des Römerbriefes ist der eine Brennpunkt jener Ellipse urphilosophischer, urtheologischer Wirklichkeitsdeutung, deren anderer Brennpunkt im ersten Kapitel der Bibel so lautet: „Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Und siehe,…

Aktuelle Veranstaltungen zum Thema: Kunst | Kultur

Reinhardhauke
Das Buch Hiob II
Verlangen nach Gerechtigkeit. Eine altorientalische Diskursgeschichte (NUR ONLINE)
Montag, 19.01.2026
Ordo-socialis-Preis 2025 an Sylvie Goulard
Dienstag, 27.01.2026
Akademiegespräch am Mittag mit Abt Dr. Johannes Eckert OSB und Sr. Dr. Katharina Ganz OSF (NUR ONLINE)
Mittwoch, 28.01.2026
Ministerie van Buitenlandse Zaken/Wikimedia Commons
Menschenrechte verteidigen
… nach dem Seitenwechsel der USA
Mittwoch, 28.01.2026
naturalista_Canva
Aufklärung und Religion
Historische Tage 2026
Donnerstag, 19.02. - Samstag, 21.02.2026
Nikita Dhawan/TU Dresden; Daniel Fulda/Vincent Leifer
Welche Geschichten von Aufklärung erzählen wir heute?
Podiumsgespräch im Rahmen der Historischen Tage 2026
Donnerstag, 19.02.2026
Wikimedia Commons
Auf Wanderschaft
Das Konzept der jüdischen Aufklärung im Deutschen Kaiserreich
Freitag, 20.02.2026
HAI LATTE von Carsten Strauch, Piotr J. Lewandowski
Augenblicke
Die Kurzfilmrolle 2026
Donnerstag, 26.02.2026