Leo Weismantel erfährt bis heute eine verblüffende Gegensätzlichkeit der Urteile. Manchen erscheint er als „konservativ“ (A. Klönne), anderen als „progressiv“ (G. Wirth), manchen gilt er als Antifaschist (V. Kahl), anderen als Präfaschist (D. Kerbs), anderen wiederum als weltoffener Katholik (G. Wirth) oder als Antisemit (G. Milzner). Sehen in ihm die einen einen großen Dichter (M. Dierks), so andere einen Vertreter von Heimatkunst und Kitsch (K. Deschner). Womöglich enthält jedes dieser Urteile ein Stück Wahrheit. Weismantel ist nicht in ein Schema zu pressen, denn er war „nicht einseitig genug, um einhellig begriffen werden zu können“ (P. Rech).
Im Folgenden sei versucht, etwas zum Verständnis dieses umstrittenen Katholiken beizutragen. Im Fokus steht die Phase seines frühen öffentlichen Auftretens. Es ist dies die unmittelbare Nachkriegszeit des Ersten Weltkriegs, in der sich Weismantels Intentionen, seine volkspädagogischen Ansätze, sein Verständnis der Rolle des katholischen Intellektuellen in der Gesellschaft allmählich herauskristallisierten.
Eine kurze Biographie
Am 10. Juni 1888 als Sohn eines Kaufmanns in Obersinn/Rhön geboren, wuchs er in einer gläubigen katholischen Familie auf und besuchte ab seinem 12. Lebensjahr das humanistische Gymnasium der Augustiner in Münnerstadt. Aufgrund einer Tuberkuloseerkrankung musste er die Schule vorzeitig und ohne Abitur verlassen und begann nach seiner Genesung 1908 ein Studium der Zahnmedizin in Würzburg, wo er der katholischen Studentenverbindung „Cheruscia“ beitrat. Später holte er das Abitur nach, studierte Geographie und promovierte mit einer Arbeit über die Haßberge.
Schon bald wurde sein Interesse an der Volksbildungsarbeit geweckt: Als an der Würzburger Universität Akademische Arbeiter-Unterrichtskurse eingerichtet wurden, stellte er sich freiwillig als Lehrkraft für Geographie zur Verfügung. Wegen seiner schwachen Gesundheit für kriegsdienstuntauglich befunden, wurde Weismantel nach dem Abschluss des pädagogischen Examens im Frühjahr 1915 als Lehrer für Deutsch, Geschichte und Geographie an einer privaten Handelsrealschule in Würzburg zur Vertretung eingestellt.
Die fünfjährige Lehrertätigkeit (1915-1919) gab ihm Anlass zu seinen ersten kritischen Reflexionen über das Schulsystem und ermöglichte ihm auch erste eigene pädagogische Experimente. Gleichzeitig arbeitete Weismantel an seinem ersten Rhön-Roman „Mari Madlen“, der 1917/1918 in Hochland im Vorabdruck erschien und seinen Verfasser in breiteren Kreisen als Schriftsteller und Exponent der expressionistischen Generation bekannt machte. „Mari Madlen“ brachte ihm allerdings auch den ersten Konflikt mit dem katholischen Milieu, das auf die expressionistische Form des Romans, die darin enthaltenen erotischen Partien und die religiös unklare Botschaft des rätselhaften Schlusses empört reagierte.
In der unmittelbaren Nachkriegszeit und in der Weimarer Republik entfaltete Weismantel dann eine breitgefächerte Tätigkeit als Schriftsteller und Bühnendichter, mit der er in den Kreisen der katholischen Jugendbewegung Erfolg hatte. Weismantel entfaltete zugleich eine reiche kulturpolitische Tätigkeit und arbeitete in der Volksbildungsbewegung mit. Als Vertreter der „Neuen Richtung“ innerhalb der Erwachsenenbildung wirkte er durch Vortragstätigkeit und pädagogische Schriften an der Verbreitung der gestaltenden beziehungsweise intensiven Volksbildung mit. So gab er den entscheidenden Impuls, dass sich die „Neue Richtung“ 1919 auf der bildungspolitischen Tagung in Mohrkirch-Osterholz, die vom Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung einberufen wurde, durchsetzen konnte. Er wirkte im „Hohenrodter Bund“ mit, der die Erwachsenenbildungspolitik der Weimarer Zeit maßgeblich beeinflusste. Und er engagierte sich für eine Reform des Schulwesens, als er von 1924 bis 1928 als Parteiloser für die christlich-soziale Volkspartei von Vitus Heller im Bayrischen Landtag saß.
Inzwischen war Weismantel 1920 mit seiner Frau und den zwei Kindern nach Marktbreit umgezogen. Hier gründete er im März 1928 ein pädagogisches Lehr- und Forschungsinstitut, das er weitgehend aus eigenen Mitteln finanzierte: die „Schule der Volkschaft für Volkskunde und Erziehungswesen“. Möglicherweise war dies die Reaktion auf die Arbeit der Hohenrodter, die seiner Meinung nach in der abstrakten und akademischen Erörterung von Volksbildungsfragen stecken blieben und die Praxis vernachlässigten. Die Marktbreiter „Schule der Volkschaft“ erlangte nationale und internationale Bedeutung; ihre erste Tagung im August 1928 wurde sogar vom Völkerbund finanziert.
Obwohl Weismantels Name nach Hitlers Machtergreifung auf der Liste von 88 Schriftstellern stand, die das „Gelöbnis treuester Gefolgschaft“ unterschrieben, wurde er alsbald in seiner Schriftstellertätigkeit behindert. 1936 wurde sein Marktbreiter Institut geschlossen. Weismantel kehrte nach Würzburg zurück und widmete sich nun ausschließlich der Dichtung, verfasste insbesondere religiöse Schriften und Künstlerromane. Nachdem er 1943 Schreibverbot erhalten hatte, zog sich Weismantel im Sommer 1944 in seine Heimatgemeinde Obersinn zurück, um der Verfolgung durch die Gestapo, die ihn bereits zweimal verhaftet hatte, zu entkommen.
1945 wurde Weismantel von der amerikanischen Militärregierung als kommissarischer Schulrat und Lehrerbildner für den Bezirk Gemünden am Main eingesetzt. Die Beharrlichkeit, mit der er in diesen Funktionen seine Konzepte für eine Schulreform durchzusetzen versuchte, zog ihm allerdings bald die Gegnerschaft des bayrischen Kultusministeriums zu, das ihn 1947 seines Amtes enthob. Nach einigen Jahren als Leiter und Professor für Kunsterziehung und Deutsch am neugegründeten „Pädagogischen Institut“ in Fulda wurde Weismantel 1951 in den vorzeitigen Ruhestand versetzt.
Der Mut zum Einsatz gegen die Politik der Wiederbewaffnung und der atomaren Aufrüstung sowie für einen Dialog mit der DDR und mit Russland bedeutete für Weismantel den Weg in die zunehmende Isolation. Anerkennung und Ehrungen fehlten aber nicht: 1949 wurde Weismantel in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung berufen, 1950 bekam er die Willibald-Pirckheimer-Plakette der Stadt Nürnberg, und 1963 verlieh ihm die Berliner Humboldt-Universität die Ehrendoktorwürde. Im gleichen Jahr, ein Jahr vor seinem Tod, wurde er mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille geehrt.
Leo Weismantel und der Patmos-Kreis
Es war Carl Muth, der Weismantel die Tür zum Patmos-Kreis öffnete, denn er vermittelte die erste Begegnung zwischen ihm und Eugen Rosenstock (1888-1973), dem „Hochland“-Mitarbeiter, der Weismantel in das Netzwerk seiner Freunde und Bekannten einführte, aus dem der Patmos-Kreis entstand. 1919 gehörten zu diesem Kreis außer Weismantel und Rosenstock auch Hans und Rudolf Ehrenberg sowie Werner Picht.
Der Rechtswissenschaftler Rosenstock, in einem großbürgerlichen jüdischen Elternhaus in der Großstadt Berlin aufgewachsen und 1906 evangelisch geworden, war Chefredakteur der neugegründeten Daimler-Werkzeitung in Stuttgart. Werner Picht (1887-1965), ebenfalls evangelisch, war Referent für Volksbildungsfragen im Preußischen Kultusministerium und stellte die Verbindung zwischen dem Patmos-Kreis und der Volksbildungsbewegung her. Hans Ehrenberg (1883-1932) war außerordentlicher Professor für Philosophie an der Universität Heidelberg und Mitglied der SPD, kam wie Rosenstock aus dem liberalen jüdischen Bildungsbürgertum und war 1909 ebenfalls zum evangelischen Glauben konvertiert. Wie Rosenstock, war er mit Franz Rosenzweig und Karl Barth befreundet, die nur kurze Zeit dem Patmos-Kreis angehörten. Rudolf Ehrenberg (1884-1969), evangelisch getaufter Halbjude, Vetter von Hans Ehrenberg, wirkte als Privatdozent der Physiologie an der Universität Göttingen, war aber auch Theologe und Dichter.
Der Patmos-Kreis stellte somit einen konfessionsübergreifenden Kreis dar und ermöglichte dem Katholiken Weismantel einen regen Austausch mit Protestanten und Judenchristen. Der Name „Patmos“ verweist auf den Ort der Visionen in der johanneischen Apokalypse und gab der Empfindung Ausdruck, in einer apokalyptischen Zeit zu leben. Zugleich drückte er das Bedürfnis nach Zukunftsvisionen und den Glauben an die Möglichkeit ihrer Verwirklichung aus. Die Vision, die Weismantel, Rosenstock und Ehrenberg in ihrem Briefwechsel 1919 immer wieder heraufbeschworen, war die Vision der „Gemeinschaft“, die sie im Patmos-Kreis im Kleinen bereits verwirklicht sahen. Die Freude über die entdeckte Gemeinsamkeit des Fühlens und Hoffens trotz der Verschiedenheit der Konfessionen und ihrer jeweiligen Wirkungsfelder ist aus ihren Korrespondenzen deutlich herauszuhören. Die Patmos-Freunde fühlten, dass sie „eine neue Jugend“ erlebten.
In seiner unveröffentlichten Autobiographie von 1938 erläutert Weismantel die Ziele des Kreises: „Wir glaubten, dass für dieses neue, dieses andere Deutschland neue, geistige Voraussetzungen zu schaffen wären, vornehmlich nach zwei Richtungen“: Zum einen „schien es uns unerlässlich, die Grundlagen einer neuen einheitlichen Volkskultur zu schaffen. Ich prägte damals als Erster das Wort: ‚Volksbildung ist gleich Volk-Bildung!‘“ Zum anderen ging es um „die Bewältigung der sozialen Frage und einer neuen Volks-Ordnung.“
Wie Weismantel im Patmos-Kreis das Ziel einer neuen einheitlichen Volkskultur zu verwirklichen suchte, sei an zwei Beispielen erörtert, in denen Weismantel eine tragende Rolle spielte: In seinem Einsatz um die Erneuerung der Universität und in der Gründung des Patmos-Verlags in Würzburg. Beides fällt in den nach-revolutionären Sommer des Jahres 1919.
Für eine „christliche Hochschule“
Der Anstoß zu einer Beschäftigung mit der Universität ging vom „Hochland“ aus. Im Mai 1919 veröffentlichte die Zeitschrift unter dem Pseudonym Doctor Libertus einen Aufsatz Rosenstocks mit dem Titel „Die Krise der Universität“, den die Redaktion ausdrücklich in eine Kontinuitätslinie mit der eigenen, von Anfang an gepflegten kritischen Haltung zur modernen Bildung stellte. Sie wollte damit die katholischen Kreise zur Selbstbesinnung anregen.
Rosenstock sah zwei Krisenerscheinungen der Universität: erstens die utilitaristische Degenerierung der Universität, weil die „Brotstudenten“, das heißt die vom Krieg heimgekehrten Studenten, im Studium primär ein Mittel sahen, um baldmöglichst zum Broterwerb zu gelangen; zweitens die fortgeschrittene Spezialisierung und positivistische Prägung der Geisteswissenschaften, die Rosenstock als „wissenschaftlichen Materialismus“ ablehnte.
Sein Lösungsvorschlag sah eine grundsätzliche Veränderung der Lehrmethode vor sowie den Abschied von der Hochschule als „Fachschule“. Konkret: Die Vorlesung sollte dem Gespräch des Professors mit den Studenten Platz machen und die strenge Abgrenzung der Wissensbereiche voneinander sollte zugunsten einer „Einheit der Dozentenschaft in einem Geiste“ und einer „einheitlichen Anschauung der Geisteswelt“ aufgegeben werden. Die neue Hochschule stellte in diesem Konzept eine „geistige Gemeinschaft“ dar. Rosenstock sprach auch von einem neuen Erkenntnisprinzip, das er als „das Erlebthaben des inneren Gesichts“ bezeichnete, das zum „neuen Wissen“ führen sollte, das Rosenstock mit „christlicher Anschauung“ gleichsetzte.
Was ihm vorschwebte, erläuterte er in einem mit Weismantel abgestimmten Vortrag, zu dem ihn der Würzburger Pädagoge am 30. Juni nach Würzburg eingeladen hatte und für den beide Freunde die innovative Form des „Gesprächs vor Zeugen“ wählten. Rosenstock schrieb der Universität die Aufgabe zu, „Führer des Volkes“ zu erziehen, entsprechend seiner Vorstellung, dass die Erziehung des Volkes von der Erziehung der Erzieher auszugehen habe. Als Voraussetzung dafür galt ihm, dass die Universität „Erlebnishochschule“ werde. Die „Führer des Volkes“ müssten lernen, das Schicksal des ganzen deutschen Volkes in sich selbst zu erleben und den unteren Schichten am eigenen Beispiel zu zeigen, wie man sich durchringe. „Führer“-Sein setzte demnach das „Gemeinschaftserleben“ mit dem Volk voraus.
Diesem Gemeinschaftsdenken entsprach Rosenstocks Forderung nach einer „neuen Volkswissenschaft“ als dem Kern einer neu zu gründenden „christlichen Hochschule“, „in der es“ – so die Vision Rosenstocks in einem Brief an Weismantel – „keine juristische, theologische und philosophische Fakultät in rohem Nebeneinander mehr gibt, sondern eine beherrschende Christliche Volkslehre“. Der für die Moderne charakteristische Ausdifferenzierungs- und Spezialisierungsprozess sollte rückgängig gemacht werden. Rosenstock gab somit einer kulturkritischen Haltung Ausdruck, die seit der Jahrhundertwende – wie Dieter Langewiesche gezeigt hat – protestantischen Bildungsbürgern und katholischen Gebildeten gemeinsam war, und die sie nun nach Kriegsende in der Vision des christlichen Abendlandes vereinigte.
Rosenstock fasste die Krise der Universität als übergreifendes geistiges Problem auf, als „Kulturkrise“. Es fällt auf, dass er sich nicht zu den aktuellen Bestrebungen der Studierenden nach Partizipation und Mitbestimmung äußerte, die in Würzburg wie an anderen deutschen Universitäten in vollem Gang waren. An einer Reform der Universität im Sinne einer Demokratisierung ihrer Strukturen zeigte er kein Interesse. Vielmehr ging es ihm um das Verhältnis der Universität zur außeruniversitären Welt. Insbesondere sprach Rosenstock den von der Akademikerschaft empfundenen Prestigeverlust, den Verlust ihres Führungsanspruchs an. Seine Worte an die Würzburger Hörer konnten in dieser Hinsicht nicht deutlicher sein: „Sie sind die geborenen Führer; Sie haben Angst und müssen Angst haben hier um diese Führerrechte geprellt zu werden, weil heut das Volk seine Akademiker ausspeit.“ Rosenstocks Krisendiagnose und seine Lösungsvorschläge erwuchsen also aus einem Konkurrenzstandpunkt zwischen Akademiker und Volk.
Der Vortrag Rosenstocks gab nun Anlass sowohl zu einer öffentlichen Diskussion, als auch zum privat ausgetragenen Disput zwischen Rosenstock, Weismantel, Ehrenberg und dem Würzburger Theologieprofessor Georg Wunderle (1881-1950). Dieser griff im Fränkischen Volksblatt vom 5. Juli 1919 die „Unverständlichkeit“ und „Willkürlichkeiten“ des Vortrags an und bezeichnete Rosenstocks Losungswort der „Erlebnishochschule“ als „Gipfel der Verschwommenheit“. Weismantel bedauerte Rosenstock gegenüber zwar den Ton von Wunderles Stellungnahme, machte seinen Freund jedoch seinerseits auf Probleme aufmerksam und zeigte sich dabei als Mann der Praxis: Sinn und Zweck ihres „Gesprächs“ sei den Zuhörern nicht klar geworden. Ein genaues Programm der neuen Hochschule sei ebenso notwendig, wie eine klare Formulierung der Schlüsselbegriffe „Erlebnis“ und „Wissenschaft“. Im Übrigen berichtete Weismantel über große Erregung in Würzburgs klerikalen Kreisen und forderte auf, „restlose Klarheit“ zu schaffen, damit jene nicht „nach Rom laufen, uns unser Hochland verketzern und in St. Peter wider uns Sturm läuten.“ Rosenstock aber lehnte Weismantels Forderung nach einem Programm der neuen Hochschule als „Mache“ ab.
Weismantel hatte inzwischen eine Diskussion mit Wunderle geführt. Seinem Bericht ist zu entnehmen, worum es diesem ging. Wunderle bestand auf der Funktion der Universität als Berufsausbildungsstätte der Akademiker. Einen Erziehungsanspruch, den er hinter Rosenstocks und Weismantels Projekt erkannte, wollte er nur der Kirche und von ihr zu gründenden Kreisen zuerkennen.
Weismantel als katholischer Intellektueller stand – anders als Rosenstock – in dieser Auseinandersetzung in einem doppelten Konkurrenzverhältnis: zum „Volk“ und zur katholischen Kirche. Sein Wunschbild der „neuen Hochschule“ als einer geistigen Gemeinschaft war mit den kirchlichen Vorstellungen nicht zu vereinbaren, zumal Weismantel dabei noch wesentlich weiter ging als seine evangelischen Freunde: „Mir wird es immer klarer, dass wir selbst noch nicht die letzte Konsequenz gezogen haben. Eine ‚christliche Hochschule‘ nach unserem Sinne schließt aus der Gemeinschaft aus: die Jugend, welche noch nicht in der Universität ist, jene Elemente, die noch nicht Christen sind. Die letzte Gemeinschaft wird erst erzielt, wenn die moderne Hochschule das lebende Pantheon der Gegenwart wäre.“
Dieser „grenzenlosen“ Vorstellung Weismantels widersprach Hans Ehrenberg, der befürchtete, dass die Hochschule damit zur „Kulturschule“ wurde. Die Hochschule durfte seiner Meinung nach aber nur „christlich“ sein, denn nur so könne sie als „Mittelpunkt eines zukünftigen geistigen Lebens“ über ihren eigenen Rahmen hinaus strahlen.
Hans Ehrenberg bot Weismantel seine professorale Unterstützung gegen den Kollegen Wunderle an. Doch Weismantel ergriff lieber selbst das Wort im Fränkischen Volksblatt, um Klarheit zu schaffen. In zwei „offenen Briefen“ vom Juli und vom September 1919 führte er die mit Rosenstock und Ehrenberg ausgetauschten Gedanken zusammen. Zugleich versuchte er, den Mangel eines klaren Programms mit konkreten pädagogischen Vorschlägen auszugleichen. Weismantel zeigte dabei wie Rosenstock kein Vertrauen in eine Reform der alten Strukturen, um die soziale und geistige Not der jungen Akademiker zu beseitigen. Wie Rosenstock überhöhte er die Krise der Universität zur Krise der Menschheit. Rettung könne nur aus der „Selbsthilfe“ des Einzelnen, und zwar aus seiner Mitarbeit am Aufbau der neuen Volksgemeinschaft kommen. Zu klären sei jedoch „die Frage unserer Einstellung vom Individualmenschen zum Gemeinschaftswesen“.
Eine erste Antwort versuchte Weismantel zu geben, indem er folgende Leitlinien der neuen Universität formulierte: 1) Ablehnung einer Universität, die auf Spezialforschungsinstituten gründet und in der die Professoren dem Selbstzweck der Wissenschaft verpflichtet sind; 2) Vorrang der neuen Rolle des Professors als „Bildner“ vor der Rolle des Forschers; 3) Bildung weniger im Sinne von Berufsausbildung, denn als Persönlichkeitsbildung; 4) Umgestaltung der Universität zur „Erlebnishochschule“, die nicht bloß Wissen, sondern Fähigkeiten vermittelt; 5) Einzug einer Erlebnispädagogik, die auf „gelebtes Wissen“ und „Können“ statt auf „totes“ Wissen setzt, vom inneren Erlebnis, von der schöpferischen Kraft und der Persönlichkeit des Lernenden ausgeht.
Seinen pädagogischen Ansatz beschrieb er als eine „Begegnung“ von Lehrern und Schülern, an der beide als Gebende und Empfangende, als Lehrende und Lernende beteiligt sind. Die „Arbeits-Gemeinschaft“ – ein Schlüsselbegriff der intensiven Volksbildung – wurde zum Unterrichtsmodell.
Ausdrücklich plädierte Weismantel für das Recht des Studenten, die Vorlesung jederzeit mit Zwischenfragen zu unterbrechen, und so den Hochschullehrer von seinem Katheder herunterzuholen. Stellte Weismantel damit hierarchische Strukturen, autoritatives Denken und Lehren im Rahmen der Hochschule in Frage? Forderte er durch die Hintertür der Erlebnispädagogik gar eine Demokratisierung der Hochschule?
Die Bilder, die Weismantel in seiner Argumentation bemüht, raten zur Vorsicht. Nach der Exemplifizierung seiner Erlebnispädagogik in einer Deutschstunde in der Schule schließt er: „Jede Leistung war eine natürlich-wertvolle Ursache der Erscheinung: Dem Schüler war die Schule zu seiner Werkstatt geworden, in der er als Geselle unter der Führung des Meisters der Werkstatt seine Werke schuf. Er war eingestellt in die natürliche Gesellschaftsordnung der Schaffenden: des Bauern, des Handwerkers, des Kaufmanns – aus denen sich als aus dem allein natürlichen und gesunden Erdboden Wissenschaft und Kunst erhebt.“
Weismantel greift wiederholt auf das Bild der mittelalterlichen Werkstatt zurück, in der es Meister, Gesellen und Lehrlinge gibt, eine klare Hierarchie, eine feste Ordnung, er evoziert das Erlebnis der Eingliederung in einer ständischen Gesellschaft, in der jeder seinem angeblich natürlichen Stand angehört und seinen festen Platz hat. Und schließlich: Weismantel lässt zwar den Professor vom Katheder herabsteigen, aber er lässt ihn auf der obersten Stufe sitzen, damit sich seine „Jünger“ – wie Weismantel sagt – um ihn gruppieren können. Der demonstrative Gestus des Verzichts auf die eigene privilegierte Stellung implizierte keineswegs den Verzicht auf den eigenen Führungsanspruch.
Was bewirkte Weismantels Engagement in der Hochschulfrage? In seiner unveröffentlichten Autobiographie berichtet er, das Projekt sei von klerikalen Kreisen torpediert worden. Und er offenbart bei dieser Gelegenheit seinen eigenen Standort im Katholizismus der 1920er Jahre: „Die katholische Akademikerschaft wurde […] abgelenkt auf innerkirchliche Erneuerungsbestrebungen der Liturgie eines mönchisch orientierten Innenlebens und so wurde eine große Einsatzmöglichkeit, welche die Kirche in jener Zeit in Deutschland gehabt hätte, einer volks- und weltfremden Richtung in der Kirche geopfert. […] Bedeutsam war für mich in jener Zeit die Erfahrung, dass der Versuch, die katholische Akademikerschaft, die unter klerikaler Führung stand, für einen solchen Einsatz neuer Volkwerdung zu gewinnen, an dieser Führung scheiterte, und dass sich Tendenzen herausbildeten, die parallel zum politischen Parteiwesen auch die katholischen kulturellen Bestrebungen eng im Rahmen eines innerkirchlichen ‚Interessenbereiches‘ hielten.“
Der Patmos-Verlag
Weismantels Vorstoß, ein „lebendes Pantheon der Gegenwart“ zu realisieren, fand im Gründungsplan des Patmos-Verlages Ausdruck, an dessen Entwurf Weismantel wesentlich beteiligt war. In einer Denkschrift versuchte er, führende Persönlichkeiten des deutschen Kulturlebens für das Projekt zu gewinnen. Mit Verweis auf den Namen „Patmos“ stellte Weismantel den Verlag als Verlag der „neuen zukunftschauenden Menschheit“ vor. Eine Vision Weismantels war dabei eine als Gegenprojekt zum Völkerbund verstandene, alle Völker umfassende „Geistesgemeinschaft“, zu welcher Deutschland durch sein Beispiel führen sollte.
Weismantel war davon überzeugt, dass für die Bewältigung der Krisensituation am Ende des Krieges „Weltanschauungsgemeinschaften“ eine zentrale Rolle spielen würden. Dem Patmos-Verlag sollte es obliegen, die zeitgenössischen geistig-kulturellen Strömungen zu verfolgen und zu beeinflussen, indem er diesen „Gesinnungsgemeinschaften“ seine Tore öffnete.
Hinter diesem Plan stand eine verlegerische Strategie, die dem Verlag eine solide finanzielle Basis garantieren sollte. Ausgehend von der Überzeugung, dass die chaotische Gegenwart sich nach der „großen Persönlichkeit“ sehne, zielte der Verlag auf die Gewinnung führender Persönlichkeiten der jeweiligen geistigen Strömungen, um durch sie ihre „Gefolgschaft“ und zugleich den Absatzgebiet für ihre Werke zu gewinnen. Die Schlüsselrolle innerhalb des Verlages war einem Direktor zugedacht, der allein über die Bedeutsamkeit eines Werkes entscheiden sollte.
Seinem Selbstverständnis nach sollte sich der geplante Verlag von den „kapitalistischen Verlagen“ dadurch abgrenzen, dass er dem Lesepublikum nicht bestimmte Werke aufdrängte, sondern sich in den Dienst der Gesinnungsgemeinschaften stellte. Seine Gestalt als „Kulturgemeinschaft“ diente auch der Verbesserung der Stellung der Verlagsautoren, die nicht mehr als Einzelne um ihre Gemeinden hätten ringen müssen.
Weismantel präsentierte in diesem Zusammenhang übrigens sich selbst als führende Persönlichkeit des deutschen Katholizismus und machte auf seine Einflussbereiche aufmerksam, etwa den Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine und den Bühnenvolksbund. Er hegte den ambitionierten Plan, gemeinsam mit Carl Muth einen Zusammenschluss dieser Organisationen unter anderem mit dem Volksverein und der Görres-Gesellschaft ins Leben zu rufen. Dem Patmos-Verlag stellte Weismantel seine Bühnenstücke, sein Legendenwerk sowie seine für die Volkshochschulbewegung verfassten Lehrbücher zur Verfügung.
Das Novum des geplanten Verlags lag aber woanders. Weismantels Denkschrift ist nämlich zu entnehmen, dass er und seine Freunde drei Gesinnungsgemeinschaften für bedeutend hielten: die christliche, die „heidnische“ und die jüdische, die sie als Ausdruck dreier „Menschentypen“, der Heiden, Christen und Juden, betrachteten. Der Plan sah demnach die Gründung einer Verlagsgruppe Neubau-Verlage vor, die einen Eleusis-Verlag für die „heidnische“ Gruppe, einen Moriah-Verlag für die jüdische und den Patmos-Verlag für die Christen umfasste.
Ob die Neubau-Verlage als Konkurrenzgründung zum Diederichs-Verlag gedacht waren, lässt sich zwar nicht belegen, doch handelte sich offensichtlich um ein affines Unternehmen, und es wundert wenig, dass der 1920 gegründete Patmos-Verlag gerade in der bei Diederichs erscheinenden Zeitschrift „Die Tat“ sein erstes Programm öffentlich machte. Unter dem Titel „Der Bücher vom Kreuzweg erste Folge“ erschien das Bühnenstück „Der Wächter“ unter dem Galgen von Weismantel sowie jeweils ein Werk von Hans Ehrenberg, Werner Picht, Eugen Rosenstock, Rudolf Ehrenberg und Karl Barth. Der Verlag gab also an erster Stelle der christlichen Gruppe Stimme, und das hatte nach Weismantel seinen Sinn: es ging zunächst einmal darum, die Leiderfahrung des Krieges zu bewältigen: die christliche Gruppe ist „naturgemäß in der neuen Gemeinschaftsbewegung an der Spitze, weil sie eine Beziehung des Menschen zum Leid herzustellen vermag.“
Der Patmos-Verlag existierte zwei Jahre später nicht mehr, der Eleusis- und der Moriah-Verlag wurden nie realisiert, der Patmos-Kreis löste sich. In seiner Autobiographie berichtet Weismantel, die Schwierigkeiten der wachsenden Inflation hätten das Projekt zunichte gemacht. Er habe zwar im Kösel-Verlag Unterstützung gefunden, aber die bereits vollzogene Fusion sei auf innerkirchlichen Druck hin wieder aufgelöst worden. Der Patmos-Verlag wurde schließlich vom Bühnenvolksbund übernommen. Weismantel spielte dort weiterhin eine tragende Rolle und konnte seine dramatischen Werke dort verlegen.
Der Plan der „Neubau-Verlage“ zeigt, dass Weismantel über den interkonfessionellen Dialog hinausging, um eine interreligiöse Zusammenarbeit in der Volksbildung zu begründen. Hier liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen seinem Ansatz und jenem des Zentralbildungsausschusses der katholischen Verbände Deutschlands, der sich zwar auch dem Paradigma der „Volksbildung als Volk-Bildung“ verschrieben hatte, aber „bewußt milieu- und konfessionsbezogen“ (C. Herrmann/J. Paulus) ausgerichtet war. Weismantel betrachtete damals das Judentum noch als Bestandteil des „neuen geistigen Deutschland“, 1938 glaubte er aber das Judentum als Bedrohung für die Volksgemeinschaft sehen zu müssen. Ein Bekenntnis zum Dritten Reich war dies, wie seine Biographie zeigt, nicht. Inwieweit andererseits seine Volkserziehungsbestrebungen Männern wie Hitler in die Hände gespielt haben, müsste anhand seiner theoretischen Aussagen, seiner konkreten Praxis der Bildungsarbeit und seiner Dichtung differenziert untersucht werden.
Betrachtet man Weismantels Konzepte für die Erneuerung der Universität und für den Patmos-Verlag, so kann man daran zweifeln, dass das Führer-Gefolgschaft-Modell, das er auf Universität und Gesellschaft übertrug, seine Beschwörung einer vorindustriellen ständischen Gesellschaftsordnung, seine Betonung der Kräfte des Schöpferischen gegen jene der Ratio wirklich geeignet waren, mündige Staatsbürger zu erziehen, die die junge Demokratie tragen sollten. Und man kann sich auch fragen, ob die im historischen Kontext durchaus nachvollziehbare Sehnsucht nach Einheit, nach Gemeinschaft – gekoppelt mit der Vorrangstellung der „Gesinnung“ und einer (partei)politikfeindlichen Haltung – nicht vielleicht geeignet war, die Ansätze eines toleranten, demokratischen Miteinanders im Keim zu ersticken.
Weismantels bleibende Verdienste sind die Impulse, die er dem Katholizismus der 1920er Jahre gegeben hat: die Beachtung der Individualität des Einzelnen in der Pädagogik, die Aufwertung des Schöpferischen im Menschen, die Dialogbereitschaft über die religiösen Grenzen hinweg und nicht zuletzt der Aufruf, den „Turm“ zu verlassen, um Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen.