Walter Gropius – Bauhausgründer und Architekt in den Jahren der Weimarer Republik

Seine mediale Präsenz als „Kopf“

Im Rahmen der Veranstaltung "Historische Tage 2018", 14.02.2018

Wie gelang es dem Architekten Walter Gropius (1883-1969), sich in den Kreis der „Weimarer Köpfe“ einzuschreiben? Einen wichtigen Anteil daran hatte die Gründung der Kunstschule Bauhaus im Jahr 1919, die Gropius zu einem Zentrum der Avantgarde machte. Mit dem Bauhausgebäude in Dessau 1926 wurde Gropius auch in weiten Kreisen als Architekt bekannt und zum herausragenden Vertreter des „Neuen Bauens“.

Wenn man bedenkt, dass es heute drei Bauhausmuseen gibt – in Weimar, Dessau und Berlin -, die alle für das Bauhausjubiläum 2019 Neubauten errichten, darf man ihn als den Architekten der Weimarer Republik mit der stärksten Resonanz bezeichnen.

Seine Erfolge und Leistungen wurden vom dem Architekturhistoriker Winfried Nerdinger, dem Medienhistoriker Patrick Rössler und seinem Biographen Reginald Isaacs in den letzten Jahren beschrieben und analysiert.

Heute wissen wir, dass eine solche Resonanz nicht ohne Öffentlichkeit und deren Medien denkbar ist. Dem Medienhistoriker Patrick Rössler zufolge hatte das Bauhaus eine Corporate Identity – „Verhalten, Kommunikation und Erscheinungsbild“ waren auf einander abgestimmt und beeinflussten die Öffentlichkeit. In diesem Prozess war Gropius Akteur, aber vielleicht ebensooft ohne Einflussmöglichkeit auf die unterschiedlichsten Medienerzeugnisse. Im Folgenden sollen verschiedene Aspekte dieser beiden Seiten medialer Präsenz exemplarisch untersucht werden, um die Frage zu beantworten, ob und wie Gropius zu den „Köpfen“ der Weimarer Republik gehörte.

 

Köpfe als Thema der Weimarer Republik

 

Mit den „Köpfen“ wird ein Terminus aufgenommen, der in der Zeit der Weimar Republik geprägt wurde. Dort ist er allgegenwärtig und in unterschiedlichster Weise interpretiert und behandelt worden. Das Thema konnte in vielerlei Genres eingelöst werden: als journalistisches Porträt, als Homestory mit Bildern, als Porträtfotografie oder als Karikatur.

Als ein Beispiel könnte das Buch „Köpfe“ des Journalisten Maximilian Harden dienen. Darin wurde nur die politische Prominenz bedacht. Der Sammelband, der erst 1930 nach Hardens Tod 1927 publiziert wurde, druckte eine Auswahl feuilletonistischer Porträts bedeutender Persönlichkeiten ab.

Einen völlig anderen Zugriff verfolgte die damals blühende Physiognomie. Das Feld dieser Kulturgeschichte, so wie es Claudia Schmölders und Sander Gilman im Jahr 2000 mit „Gesichter der Weimarer Republik“ behandelt haben, soll allerdings mit diesem Beitrag nicht betreten werden.

Zu den methodischen Schwierigkeiten, Gropius als „Kopf“ zu behandeln, gehört das Spannungsfeld zwischen Bauhaus und Person – Gropius als Gründer und die Schule stehen stets in Interaktion und sind verflochten. Gropius setzte sich immer mit der ganzen Kraft seiner starken Persönlichkeit für die Schule ein. Er brachte persönliche finanzielle Opfer, stellte sich vor seine Mitarbeiter und schuf sich ein persönliches Netzwerk, das ihn unterstützte. Auch sein Privatleben war in hohem Maße mit der Schule verknüpft.

 

Walter Gropius als Kopf

 

Um dieses riesige Thema sinnvoll einzugrenzen, soll die Metapher vom „Kopf“ ganz real befragt werden und mit „Sichtbarkeit“ in der Öffentlichkeit verknüpft werden. Befragt werden aus kunsthistorischer Perspektive Karikaturen und Fotografien. Welche Rolle kommt den fotografischen Porträts zu? Eigene fotografische Aktivitäten und fotografische Aufnahmen von Pressefotografen ergänzten sich. Wer veröffentlichte wann und wo welche Karikaturen?

Walter Gropius hatte den Berliner Zeitungsausschnittdienst Dr. Max Goldschmidt beauftragt, alle Presseartikel zu sammeln. Diese wurden sorgfältig in große Alben eingeklebt, die sich heute im Bauhaus-Archiv Berlin befinden und online zugänglich sind. Eine Untersuchung der Presseartikel durch Patrick Rössler hat ergeben, dass „Gropius in diesen Jahren das „medialisierte Gesicht und personifizierter Angriffspunkt des Bauhauses“ geworden war.

Bevor wir Gropius Rolle als „Kopf“ darin behandeln, soll ein kurzes biographisches Porträt zuerst mit Person und Werk vertraut machen.

 

Biographie

 

Walter Gropius wurde am 18. Mai 1883 in Berlin geboren. In einem 1924 in der Zeitschrift „Wohnungskultur“ publizierten Lebenslauf betonte er die Verbindung „mit dem Geistesleben des klassizistischen und nachklassizistischen Berlin vom Anfang des 19. Jahrhunderts“. Zu seinen Vorfahren zählte der Architekt Martin Gropius, der heute als Erbauer des sogenannten „Gropiusbaus“, dem ehemaligen Kunstgewebemuseum Berlin, bekannt ist. Gropius‘ Vater war Stadtbaurat in Berlin. Walter Gropius studierte 1903 ein Semester Architektur an der Münchner Technischen Hochschule und weitere vier Semester an der Königlichen Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg. Er verließ die Universität ohne Abschluss.

Nach einer monatelangen Spanienreise 1907/08 trat Gropius 1908 in das Neu-Babelsberger Büro von Peter Behrens ein, damals einer der angesehensten deutschen Architekten. 1910 gründete er sein erstes eigenes Architekturbüro. Sein Partner und wichtigster Mitarbeiter war der Architekt Adolf Meyer, mit dem er bis 1925 zusammen arbeitete.

Gropius wurde 1911 Mitglied des Deutschen Werkbundes, an dessen Jahrbüchern er mitwirkte und für den er wichtige Aufträge ausführte. In diesen Jahren vor dem Ersten Weltkrieg entstanden zwei Bauwerke, die seinen frühen Ruhm begründeten: 1911 die Fagusfabrik für den Schuhleistenfabrikanten Benscheidt in Alfeld, die heute zum Weltkulturerbe gehört. Später wurde deren gläserne Fassade zum ersten modernen Bau und zum Vorläufer des Bauhausgebäudes stilisiert. Der zweite wichtige Bau war 1914 die Werkbundfabrik in Köln, ein temporäres Ausstellungsgebäude.

Gropius selbst hob in seinem zitierten Lebenslauf hervor: „Der Organisationsfähigkeit von Walter Gropius, die zuerst bei der Errichtung der Industrieabteilung der deutschen Werkbundausstellung in Köln 1914 zu Tage trat, war nun ein breites Feld geöffnet.“

Gropius nahm von 1914 bis kurz vor dem November 1918 als Vizefeldwebel und dann als Leutnant am Ersten Weltkrieg teil. Schon in diesen Jahren interessierte er sich für die aufgelöste Kunstgewerbeschule in Weimar, die reformiert werden sollte.

Im August 1915 heiratete er Alma Mahler, die Witwe des verstorbenen Komponisten Gustav Mahler. 1920 wurde die Ehe geschieden. Das gemeinsame Kind starb 1935 an Kinderlähmung. Im Oktober 1923 vermählte er sich mit der 13 Jahre jüngeren Ilse Frank, die als Ise Gropius seine wichtigste und treueste Mitarbeiterin wurde.

In der politisch offenen Situation der Anfangsmonate des Jahres 1919 gelang es Gropius, die Gründung einer Kunstschule, die als „Staatliches Bauhaus Weimar“ firmierte, als Verwaltungsakt durchzusetzen. Die Eröffnung der Schule 1919 selbst inszenierte Gropius wirkungsmächtig mit der Bildmarke des Manifests, dem Holzschnitt mit der Kathedrale des Malers Lyonel Feininger und der neugeprägten Wortmarke „Bauhaus“. „Die sichere Führung des Bauhauses, der Weitblick in der Berufung der Meister, hat durch alle Wirrnisse des nachrevolutionären Deutschlands hindurch in der kurzen Zeit seines Bestehens dieses Institut zu einem maßgeblichen Faktor der modernen Kunstentwicklung werden lassen“, heißt es dazu in dem biographischen Abriss, den Gropius 1924 für die Zeitschrift „Wohnungskultur“ schrieb.

Zwischen „Reform und Avantgarde“ gewann die Schule mit ihren berühmten Lehrern wie Paul Klee und Wassily Kandinsky und ihren an Grundformen und Maschine orientierten Designs zunehmend Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit.

Im Sommer 1923 inszenierte die Schule unter Aufbietung aller Kräfte und nach monatelanger Vorbereitung die „Bauhauswoche“. Mehrere Ausstellungen, Theateraufführungen und Vorträge hatten landesweit Resonanz. Schon diese ersten Taten und Entscheidungen spiegelten das große Selbstbewusstsein, das die Institution Bauhaus unter Gropius Leitung entwickelt hatte. Zahlreiche weitere Alleinstellungsmerkmale sollten folgen.

Nach dem politischen Rechtsruck anlässlich der Wahlen 1924 konnte sich das Bauhaus nicht mehr lange halten. Obwohl seine Existenz spätestens zum Semesterende am 31. März 1925 beendet gewesen wäre, entschloss sich die Schule mit Gropius an ihrer Spitze, nach einem neuen Träger zu suchen, den man schließlich in der Stadt Dessau fand.

Die Stadt Dessau finanzierte den Neubau eines Schulgebäudes und von vier Wohnhäusern für die Lehrer, genannt Meister. Als dritte Bauaufgabe begann der Bau der Siedlung Dessau Törten. Diese sollte als kleine halbländliche Siedlung die lokale Wohnungsnot in Dessau lindern. Diese „Bauhausbauten“ waren ein Ereignis von nationaler Ausstrahlung und zogen sogar viele ausländische Besucher und Pressevertreter an. Die größte Attraktion war das Schulgebäude selbst. Aufgegliedert nach Funktionen erstreckte sich der Baukörper nach drei Seiten. Auf einem dunklen Sockel erhob sich eine strahlend weiße Architektur mit riesigem Glaskubus, die als sensationell modern und funktional beschrieben wurde. Der Kubus enthielt die Werkstätten; für die Studenten standen 28 Ateliers, eine Mensa, eine Bühne und eine Aula zur Verfügung.

Ein so radikal neues Schulgebäude hatte es in Deutschland bis dahin nicht gegeben. Es war, so Winfried Nerdinger, nach dem Fagusgebäude und der Werkbundfabrik das dritte Gebäude, mit dem er sich in die Architekturgeschichte einschrieb.

Nach zehnjähriger Leitungstätigkeit übergab Gropius ab April 1928 die Führung an den Schweizer Architekten Hannes Meyer. Er zog nach Berlin und arbeitete weiter als Architekt, 1929 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Technischen Universität Hannover. In diesen Jahren folgte Gropius zahlreichen Einladungen zu Vorträgen, viele davon auch im Ausland. Sein Interesse galt dem Siedlungsbau, Beteiligung an Wettbewerben und den Fragen der städtischen Wohnformen. Wichtig war ihm die Vorfabrikation von Häusern, beispielsweise in Zusammenarbeit mit den Hirsch-Kupfer-Werken in Finow bei Eberswalde. Wegen der schlechten Auftragslage, aber auch aus politischen Gründen wanderte Gropius 1934 mit Erlaubnis der Regierung nach England aus.

1935 erschien sein erstes englisches Buch über das Bauhaus. 1937 erhielt er einen Ruf an die Harvard Universität, den er annahm. Hier errichtete er in der Nähe ein eigenes neues Wohnhaus in Lincoln. 1938 organisierte er mit seinem Team ehemaliger Bauhausmitglieder die erste große Bauhaus-Retrospektive im Museum of Modern Art in New York. Das Buch dazu war bis in den achtziger Jahren auch in deutscher Übersetzung im Handel und beeinflusste lange das Bild der Schule. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs unternahm Gropius zahlreiche Reisen in die Bundesrepublik als Berater zu Fragen des Wiederaufbaus. 1946 gründete Gropius die Architektengemeinschaft TAC, mit der er international Aufträge ausführte. Ein Teil seines Nachlasses, darunter viele Zeichnungen, gelangte als Schenkung zu Lebzeiten in das US-amerikanische Busch-Reisinger-Museum, das heute Teil der Harvard-Museen ist. Ab den sechziger Jahren vermachte Walter Gropius dem Bauhaus-Archiv, erst Darmstadt, dann Berlin, bedeutende Schenkungen. 1968 kam eine zweite große Bauhausausstellung zu dessen 50-jährigen Jubiläum zustande, die ohne Gropius‘ Mitarbeit nicht möglich gewesen wäre. Die Ausstellung tourte weltweit.

Bis zu seinem Tod im Mai 1969 war Gropius ein international gefragter Vortragsredner und Träger zahlreicher Ehrungen und Auszeichnungen. Die Jahre der Weimarer Republik legten den Grundstein zu diesem erfolgreichen Leben.

Die folgende Auswahl nimmt einige der Pressepublikationen, in denen Gropius als Objekt von Fotografen oder Karikaturisten erscheint, genauer in den Blick, stellt aber einige Fotografien vor, deren mediale Spuren noch nicht verfolgt wurden.

 

Die Bauhauswoche 1923

 

Erste gedruckte, wohl zu Publikationszwecken angefertigte Personenaufnahmen mit Walter Gropius entstanden im Zusammenhang mit der Bauhauswoche 1923.

Gropius ließ sich hier mit seinem prominentesten Meister, dem Maler Wassily Kandinsky, und dem in Deutschland hoch angesehenen Rotterdamer Architekten J.J.P. Oud in seinem Weimarer Büro fotografieren. Die Herren rauchen und scheinen ein Gespräch zu führen, während Kandinsky interessiert zuhört. Der Fotograf ist unbekannt. Die Fotografie signalisiert dem Betrachter, dass Gropius hier auf Augenhöhe mit wichtigen ausländischen Künstlern in Kontakt steht. Gropius erscheint als Teamplayer, als Gleicher unter Gleichen. Der Habitus aller Beteiligten vermittelt Seriosität. Das waren wichtige Botschaften gegenüber den staatlichen Geldgebern der Institution und der Öffentlichkeit. Für den „Berliner Börsen Courier“, der einen ausführlichen Bildbericht brachte, war die Fotografie von Gropius und seinen Gästen genauso wichtig wie die Abbildung der dreieckigen Wiege, die sich bis heute erhalten hat, und des radikal vereinfachten Stuhls, der als „Lattenstuhl“ in die Geschichte eingegangen ist. [Bild]

 

Wohnungskultur 1924

 

Die schon zitierte Zeitschrift „Wohnungskultur“ aus Brünn erschien in deutscher Sprache. Die „Wohnungskultur“ war ein Fachorgan, das hauptsächlich über Inneneinrichtung und Architektur berichtete. Sie widmete sich der „industriellen Kultur“ und stand dem Bauhaus sehr freundlich gegenüber. 1924 publizierte sie in ihrer kleinen Serie „Männer unserer Zeit“ eine Porträtfotografie und einen Text, den Gropius ganz offensichtlich selbst verfasst hatte.

Die Fachzeitschrift ist ein gutes Beispiel für Gropius‘ Einsatz von Text und Bild. Das beigegebene Porträt zeigt Gropius wieder mit Fliege, Hemd mit feinen Biesenfalten und Bart und gibt – bisher nicht bekannt – an: „Photoatelier Hüttich-Oemler in Weimar“. In der Porträtmalerei wäre die Fotografie ein „Kniestück“ und signalisiert damit eine gewisse Repräsentativität. Gropius blickt leicht zur Seite und nicht frontal in die Kamera. Beide Hände stecken in den Hosentaschen: ein Gestus, der hier männliches Selbstvertrauen, aber auch Abwendung signalisiert. Die Fotografie vermittelt überlegene Distanz und einen direktoralen Habitus.

Das journalistische Porträt zeigt, dass die Fachöffentlichkeit Gropius schon 1924 als jemand ansah, der zu den führenden Köpfen in Deutschlands Architekturszene gehört und der mit der europäischen Avantgarde ebenbürtig war. Der französisch-schweizerische Architekt Le Corbusier, der österreichische Architekt Adolf Loos und der niederländische Maler Theo van Doesburg werden vor und nach Gropius als weitere führende Köpfe ihrer Zeit ebenfalls ausführlich mit Text und Fotostrecken präsentiert. [Bild]

 

Louis Held 1924

 

Wohl erst nach dieser Aufnahme entstanden zwei weitere Porträtfotografien im Atelier des Weimarer Hoffotografen Louis Held. Louis Held, dessen Betrieb bis heute in Weimar existiert, hatte praktisch die gesamte Weimarer Kulturelite – angefangen bei Franz Liszt bis zu Henry van de Velde und Elisabeth Förster-Nietzsche – fotografiert.

Gropius trägt, wie häufig in seinem Leben, eine Fliege und nimmt eine Pose ein, die eigentlich nicht zu der eines energiegeladenen rastlosen Organisators passt, als der er sich im Text der „Wohnungskultur“ präsentierte. Er stützt den Kopf mit der linken Hand auf und nimmt damit eine traditionelle Denkerpose ein. Die zweite Fotografie zeigt ihn mit verschränkten Armen, allerdings angeschnitten, so dass deren abweisender Charakter angedeutet bleibt. Diese beiden Fotografien werden gerne in die Jahre zwischen 1919 und 1923 datiert; aber Gropius trug bis Ende 1923 einen Schnurrbart, so dass die Entstehung dieser Aufnahmen erst für 1924 anzunehmen ist. Heute werden diese Fotografien häufig publiziert; in den Jahren des Weimarer Bauhauses scheinen sie nicht nachweisbar. [Bild]

 

Karikatur 1925

 

Aus der Übergangszeit von Weimar nach Dessau stammt die erste Karikatur, die Walter Gropius zum Thema nimmt. Vorbild für die Arbeit des tschechischen Zeichners Jaroslav Kral war offenbar die Fotografie von Hüttich-Oemler aus der früheren Ausgabe der „Wohnungskultur“; allerdings hat der Zeichner richtigerweise den inzwischen entfernten Bart weggelassen.

Genauer betrachtet ist es weniger eine Karikatur als eine Pressezeichnung und eine Solidaritätserklärung mit Gropius und dem Weimarer Bauhaus. Im Text wird die thüringische Landesregierung wegen ihrer Politik gegen das Bauhaus adressiert.

Anlass für die Zeichnung war eine Vortragsserie in Brünn und Prag, zu der Gropius eingeladen war. Er sprach am 4. Dezember 1924 über „Die Wohnung des modernen Menschen“.

Publiziert wurde die Zeichnung in der schon genannten Zeitschrift „Wohnungskultur“ und zwar auf der vorletzten Seite der letzten Ausgabe. Im Januar oder Februar 1925 stellte die Zeitschrift ihr Erschienen ein. [Bild]

 

Das Illustrierte Blatt 1926

 

Die Entstehung der nächsten Fotografie, die Walter und Ise Gropius beim Teetrinken im Wohnzimmer ihres neuerbauten Meisterhauses zeigt, ist genau rekonstruierbar.

In der Illustrierten Presse, wie sie sich seit 1925 entwickelte, gab es großes Interesse an prominenten Zeitgenossen – Schauspieler, Angehörige des Adels, Künstler, Schriftsteller –, die in ihren Wohnungen in möglichst ungezwungener Haltung – dennoch posierend wegen der Belichtungszeiten – dargestellt wurden. Siegfried Kracauer betextete beispielsweise „Berühmte Männer zu Hause“ für „Das Illustrierte Blatt“ am 3.April 1926 mit „Spezialaufnahmen“ von A. Binder. Text und Bild wurden dabei häufig als Einheit konzipiert,

Die Herstellung unserer Fotografie war Teil eines Medienereignisses: der Eröffnung des Dessauer Bauhausgebäudes am 4./5. Dezember 1926. Diese Eröffnung wurde monatelang – und letztlich erfolgreich – geplant – sowohl von Walter Gropius und seinem Team wie von Teilen der Presse. Gropius hatte entschieden, zwei Blätter zu bevorzugen: Die „Bauwelt“, die führende überregionale Architekturzeitschrift und „Das illustrierte Blatt“ wurden exklusiv beliefert und das breite Publikum und die Fachwelt so gleichermaßen bedient.

Wer war „Das illustrierte Blatt“? Das IB nannte sich selbst auf ihrem Briefbogen „Größte deutsche Tiefdruck-Zeitschrift“ und war verlegerisch Teil der renommierten Frankfurter Zeitung; sie hatte 1929 eine Auflage von 291.000.

Die Zeitschrift äußerte detaillierte Wünsche: „Denken Sie bitte daran, daß wir großes Interesse daran haben, vor allen anderen Zeitschriften eine umfassende Würdigung in unserem Blatt zu bringen. Je besseres Fotomaterial Sie uns zur Verfügung stellen können, umso mehr Raum können wir für eine Veröffentlichung frei machen. Also vielleicht eine schöne Gesamtansicht, Detailaufnahmen, Innenräume und eine Aufnahme der Meister, möglichst recht ungezwungen. Vielleicht wieder auf dem Dach in der Ecke. Vor allem würden uns die praktischen Sachen interessieren, die für den Haushalt neu sind. Von den schon fertigen Wohnhäusern der Meister werden sicher charakteristische Interieurs (Ecken usw.) aufgenommen werden können, womöglich mit den Bewohnern. Auch Paul Klee in seinem Atelier wäre eine reizvolle Aufnahme…“

Das Bauhaus erfüllte diese Wünsche der Illustrierten und gab eigene Fotos in Auftrag. Gropius und seine Frau unterzogen sich der Mühe, eine missglückte Aufnahme in ihrem Wohnzimmer beim Teetrinken zu wiederholen. So posieren Walter und Ise Gropius sicher auch als prominentes Ehepaar. Wie die Seite der Illustrierten zeigt, wählte das Blatt von den zugeschickten Fotos einige Architekturaufnahmen, aber auch den gewünschten Paul Klee. Das Foto des Ehepaars Gropius wurde allerdings nicht für die Publikation ausgewählt.

Nur selten gelingt es, solche Querverbindungen zwischen Anforderungen und Anpassungen an die Medien zu rekonstruieren. [2 Bilder]

 

Pressefotos von Walter Obschonka 1926

 

Der Fotograf Walter Obschonka ließ Gropius anlässlich der Eröffnung des Dessauer Bauhauses im Dezember 1926 in seinem Arbeitszimmer vor den Aktenschränken Platz nehmen. Mit dieser Pose charakterisierte er Gropius als Direktor des Bauhauses. Das Telefon und ein überfüllter Schreibtisch liefern entsprechende Accessoires.

Obschonka ließ auch – praktisch direkt vor Gropius Arbeitszimmer – einige der Meister mit Gropius auf dem Gang posieren. Der langgezogene Flur und die Fenster vermitteln einen Eindruck von der neuen radikal schmucklosen Architektur.

Das Foto vereint den Maler Wassily Kandinsky und seine Frau Nina, die Maler Georg Muche, Paul Klee und leicht hervortretend, Walter Gropius, wieder mit Fliege und Zigarette. Sie tragen sogar noch ihre Hüte. Nina Kandinsky hält einen Blumenstrauß in ihren Händen. Beide Fotografien erfüllten die neuen Bedürfnisse der Illustrierten Presse nach lebendigen Aufnahmen. [Bild]

 

Benedikt Fred Dolbin 1927

 

Ein Jahre später wurde Walter Gropius anlässlich eines Vortrags „Typisierter Siedlungsbau und maschinelles Bauen“ in der Volkshochschule Magdeburg von dem damals prominenten Pressezeichner und Karikaturisten B. F. Dolbin gezeichnet. Die Karikatur wurde am 16. Oktober 1927 in der Magdeburger Zeitung publiziert.

Nach der Eröffnung des Bauhausgebäudes und dem großen Interesse der Medien daran gehörte er mittlerweile zur Kulturprominenz der Weimarer Republik, die Dolbin in zahllosen schnell und sicher gezeichneten Blättern festhielt und den Tages- und Wochenzeitungen anbot. Spätestens seit der Eröffnung des Bauhauses und dem Einzug in die Illustrierte Presse hatte Gropius die Teilöffentlichkeit der Fachpresse hinter sich gelassen. Mit diesem „Prominentenbonus“ war er auch einer Karikatur würdig geworden. [Bild]

 

Associated Press 1928

 

Die nächste Fotografie erzählt auch mit ihrer Rückseite eine Geschichte. Sie zeigt Walter Gropius neben seinem Entwurf für die Zeitung Chicago Tribüne von 1922, einen der ersten US-amerikanischen Architekturwettbewerbe für einen Wolkenkratzer. Die Rückseite weist die Fotografie als Ergebnis eines Agenturfotografen aus. Der Bilderdienst der Associated Press of America hatte Gropius einen Privatabzug zur Verfügung gestellt, den dieser offenbar an die Zeitschrift „Die Dame“ weitergegeben hatte. Es ist unbekannt, ob „Die Dame“ diese Fotografie veröffentlichte. Wie damals üblich, wurde das Foto von der „Dame“ zurückerbeten und auch zurückgeschickt.

Die Aufnahme wurde offensichtlich für ein US-amerikanisches Publikum angefertigt, da für dieses der Chicago-Bezug noch von Interesse sein konnte.

Der Fotograf wählte eine repräsentative Ganzfigurenansicht. Wieder trägt Gropius seine Fliege, er hat wieder die Hände in den Taschen und blickt nachdenklich und eher abweisend in die Ferne. [Bild]

 

Kladderadatsch 1928

 

Das Chicago-Foto und die folgende Trümmerkarikatur entstanden wahrscheinlich fast gleichzeitig. Anlass ist Gropius‘ Kündigung als Leiter des Bauhauses zum 1. April 1928. In der Hand hält er seinen Vertrag, was darauf anspielt, dass Gropius das Institut vorzeitig verließ. Gropius argumentierte damals, er habe das Bauhaus verlassen, um sich wieder der Architektur zu widmen. Die Karikatur wertete dagegen den Rücktritt als Niederlage, denn das Bauhaus liegt in Trümmern. Der Zeichner Hans Maria Landluft zeigte ihn mit Bart, den er längst abgelegt hatte.

Der „Kladderadatsch“ war ein bekanntes Satiremagazin, das wöchentlich erschien. In der Weimarer Republik galt es als rechtsgerichtet. [Bild]

 

Menschen der Zeit 1930

 

Im fotografischen Buchgenre gab es eigene Reihen und Serienpublikationen mit „Köpfen“, von denen hier einige genannt sein sollen: 1925 hatte der Fotograf August Sander „Antlitz der Zeit“ veröffentlicht, 1930/31 publizierte Helmar Laska „Köpfe des Alltags“. Ebenfalls 1930 erschien „Unsere Zeit in 77 Frauenbildnissen“. In dieses große Interesse an fotografierten Köpfen ordnet sich auch der Fotoband „Menschen der Zeit. 101 Bildnis aus deutscher Gegenwart“ ein. Verleger war der Karl Robert Langewiesche aus Königstein mit der Reihe der „Blauen Bücher“. Langewiesche hatte mit dieser Reihe seit 1902 das preiswerte Fotobuch populär gemacht. Sein Buch enthält eine Abteilung Baukunst. Hier sind fünf Architekten in alphabetischer Reihenfolge abgebildet: Paul Bonatz, Fritz Höger, Wilhelm Kreis, Hans Poelzig, Richard Riemerschmidt. Wir würden sie heute dem konservativen Lager oder – wie Poelzig – dem Expressionismus zuordnen. Nur mit Poelzig verbanden Gropius freundschaftliche Beziehungen. Er selbst wurde nicht in den Bildband aufgenommen. Der Architekturpublizist und Berater der Verlegers, Walter Müller-Wulkow, so schreibt es Rainer Stamm in „Autopsie“, hatte auch Walter Gropius und Erich Mendelsohn vorgeschlagen, doch der Verleger stimmt dem nicht zu. Die Auswahl von Langewiesche blieb konservativ und Gropius ausgeschlossen.

 

Benedikt Fred Dolbin 1931

 

Der Zeichner B.F. Dolbin sollte Gropius 1931 noch einmal treffen und schnell skizzieren. Er berichtete darüber: „Sprach in der Pause nur mit (Walter) Gropius; erschütternd seine Klage über Beschäftigungslosigkeit. Ich hätte nie vermutet, daß es diesem anerkannten Könner schlecht gehen könne“, so berichtet Dolbins Biograph Will Schaber für den April 1931. Ob diese Karikatur je veröffentlicht wurde? [Bild]

 

Neue Leipziger Zeitung 1932

 

Die vielleicht letzte Beschäftigung der Illustrierten Presse mit Gropius ist eine Doppelseite der „Neuen Leipziger Zeitung“ vom 4.September 1932.

Anlass war der Beschluss des Dessauer Gemeinderates, das Bauhaus aufzulösen. Gropius wird doppelt so viel Raum eingeräumt wie seinem Nachfolger Hannes Meyer und dem amtierenden Direktor Ludwig Mies van der Rohe. Es wird deutlich, dass Gropius in der Wahrnehmung der Presse stärker mit dem Bauhaus verbunden wird als seine beiden Nachfolger. [Bild]

Es ist kaum zu klären, wie die Redaktion an die ausgewählte Fotografie von Hugo Erfurth kam, die dieser 1928 am Bauhaus Dessau aufgenommen hatte. Gropius hat die Haare in die Stirn gekämmt, diesen Pony trug er nur kurz 1927/28.

Hugo Erfurth (1874-1948) legte ab 1923 eine „Galerie der Köpfe meiner Zeit“ an. Er zählte zu den wichtigsten Porträtfotografen der Weimarer Republik.

Es existieren Abzüge mit zwei leicht unterschiedlichen Positionen. Einmal frontal und einmal leicht schräg, die unterschiedlich beschnitten publiziert wurden. Selten schaut Gropius so frontal in die Kamera und auf den Betrachter. Auch hier hat er die Hände in den Taschen und schafft damit Rückzug und Distanz.

 

Zusammenfassung

 

Es wurden einige publizierte und damals vielleicht unpublizierte Abbildungen ausgewählt, auf denen Gropius in den Jahren der Weimarer Republik als „Kopf“ adressiert wurde oder sich selbst dem Fotografen stellte.

Gropius stellte in eigenem Auftrag angefertigte Porträtfotografien zur Verfügung, die auch gedruckt werden. Die Arbeit der Karikaturisten konnte er nicht beeinflussen. Mit der Bauhauseröffnung 1926 wuchs der Bildbedarf. Fotografen wie Obschonka arrangierten die Fotos selbst; aber Gropius war bemüht, den neuen Bedürfnissen Rechnung zu tragen. Er und das Bauhaus gingen auf die Wünsche der Fotografen ein, die Homestories und sprechende Fotografien verlangten.

Nur in den kurzen Jahren seiner Dessauer Bauhauszeit 1926/28 gehörte Walter Gropius in der Resonanz der zeitgenössischen Presse zu einem der führenden „Köpfe“. Mit dem Ausscheiden aus dem Bauhaus ließ das Interesse der Presse nach. Die Präsenz in einem der weitverbreiteten Fotobücher mit „Köpfen“ scheiterte am konservativen Verleger. Erst in den USA und in der jungen Bundesrepublik gelang es Gropius, sich als Bauhausgründer erneut und bis heute erfolgreich in die Geschichte einzuschreiben.

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