Eines der besten und bis heute aktuellen Bücher zur Ethik ist die „Nikomachische Ethik“ (EN) des griechischen Philosophen Aristoteles, der zwischen 384 und 322 v. Chr. lebte. Seit ihrer Entstehung bis zum heutigen Tag wird sie mit Gewinn gelesen und kommentiert. Auch der mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin (1225-1274) schrieb einen Kommentar zur EN und legte sie dem allgemeinen moraltheologischen Teil seiner „Summa Theologiae“ zugrunde. In diesem Vortrag werde ich Teile aus dem ersten und zehnten Buch der EN, in denen es um das Glück geht, vorstellen und mit Erläuterungen und Weiterführungen von Thomas von Aquin ergänzen.
Spezifisch menschliches Tätigsein
Aristoteles geht vom menschlichen Handeln aus. Wenn wir Menschen etwas herstellen oder etwas wissenschaftlich untersuchen, wenn wir handeln oder Entscheidungen treffen, so zielen wir auf ein Gut ab. „Gut“ ist hier ganz allgemein gemeint: etwas, das uns unter irgendeiner Rücksicht als gut erscheint. In dem Sinn verfolgt auch der Dieb ein Gut, nämlich den Besitz der Millionen, die im Safe gelagert sind. Solches zielbezogenes Tun ist der Ausgangspunkt. Dieses „Tun“ muss man weit genug fassen, sodass auch innere Tätigkeiten darunterfallen, wie etwa Entscheidungen zu treffen.
Wenn zum Beispiel jemand sieht, wie die Tante gefährlich stürzt, wie sie bewusstlos daliegt, Blut aus ihrem Kopf rinnt, und keine Hilfe leistet oder holt, weil er hofft, dass sie endlich stirbt – er ist schließlich der Erbe –, dann ist auch dies eine Entscheidung, aus der eine Unterlassung resultiert. Freilich darf man das „Tun“ auch nicht zu weit fassen. Wer schnarcht oder gedankenverloren den Bart kratzt, „tut“ auch etwas, aber nicht in dem hier gemeinten Sinn. Daher unterscheidet Thomas im Kommentar und in der „Summa Theologiae“: Es geht nicht um alles, was der Mensch irgendwie tut, sondern nur darum, was er tut, wenn er freiwillig um eines Zieles willen tätig ist; wenn er aus einem überlegten Willen heraus tätig ist. Wie kommt man nun aber vom Begriff des zielbezogenen Tuns zum Glück?
Vom zielbezogenen Tun zum Glück
Man könnte den Eindruck gewinnen, bei Aristoteles entgleise der Zug, bevor er den Bahnhof verlässt. Nachdem er im ersten Satz der EN feststellt, dass alle menschlichen Tätigkeiten nach einem Gut streben, schreibt er: „Deshalb hat man das Gute treffend als das bezeichnet, wonach alles strebt.“ (EN 1094 a 3) Hat Aristoteles hier einen logischen Fehler begangen? Sagt er: Alle Handlungen zielen auf ein Gut. Also gibt es ein Gut, auf das alle Handlungen zielen? Alle Wege führen zu irgendeinem Ort. Also gibt es einen Ort – Rom vielleicht – zu dem alle Wege führen? Hat Aristoteles einen solchen kapitalen Fehlschluss gezogen? Ich glaube nicht. Und auch Thomas sagt im Kommentar: „Es ist aber nicht ein einziges Gut, auf das alle hinzielen. Daher beschreibt er hier nicht ein (einziges) Gut, sondern Gut allgemein verstanden.“ (EN 1, 1) Aristoteles sagt also lediglich, dass der Ausdruck „gut“ von den Leuten – vermutlich Platonikern – treffend erläutert wurde, die sagten: „Gut ist das, wonach alles strebt.“
Also: Jedes Handeln strebt auf ein Ziel oder Gut. Nun wissen wir, dass Ziele aufeinander hingeordnet sein können. Es ist ein vertrautes Bild. Ich laufe zum Bahnhof. Ein Bekannter sieht mich, hält mich auf und fragt:
Warum rennst du?
Ich: Weil ich den Zug nach München erreichen will.
Er: Warum willst Du nach München?
Ich: Weil ich dort in der Katholischen Akademie Bayern einen Vortrag über das Glück halten werde.
Er: Warum willst du dort einen Vortrag halten?
Ich: Gute Frage. Aber ich muss weiter, sonst versäume ich wirklich noch den Zug.
Es gibt also ganze Zielketten. Wir wollen das eine um des anderen willen und das andere um wieder eines anderen willen. Aber wohin geht das? Manche meinen, es gehe im Kreis, ungefähr so:
Er: Warum willst du in der Katholischen Akademie Bayern einen Vortrag halten?
Ich: Weil ich berühmt werden will. Ein Vortrag in dieser Akademie kann mich in die Reihe der intellectual celebrities katapultieren.
Er: Aber warum willst du berühmt werden?
Ich: Damit ich viel Geld verdiene.
Er: Und warum willst du viel Geld verdienen?
Ich: Damit ich mir teure Urlaube leisten kann.
Er: Und warum willst du Urlaub?
Ich: Damit ich wieder gut arbeiten kann. Im Urlaub fallen mir neue Ideen für neue Vorträge ein, die ich halten könnte.
Er: Aha, du hältst also Vorträge, um Vorträge zu halten; du arbeitest, um zu arbeiten.
Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Es geht im Kreis. Andere meinen, die Kette gehe ins Unendliche: Wir tun das eine um des anderen willen und das andere um wieder eines anderen willen und so weiter und so fort. Nun könnte man entgegnen: Wir leben nicht unendlich, zumindest nicht hier auf Erden. Die Kette unserer Ziele ist also nicht unendlich. Eines Tages holt uns der Tod ein, und dann ist die Zielkette auch zu Ende. Die Kette wäre also endlich, hätte aber keine Richtung.
Aristoteles hingegen meint: „Wenn es nun ein Ziel des Handelns gibt, das wir seiner selbst wegen wollen, und das andere nur um seinetwillen, und wenn wir nicht alles wegen eines anderen uns zum Zwecke setzen – denn da ginge die Sache ins Unendliche fort, und das menschliche Begehren wäre leer und eitel – so muss ein solches Ziel offenbar das Gute und das Beste sein.“ (EN 1094 a 18-23)
Eine Kette von Zielen, die ins Unendliche geht, einen Regress ins Unendliche, wie man philosophisch sagt, scheint Aristoteles auszuschließen. Thomas erläutert dies und sagt: In einer Ordnung von Zielen, wo das eine nicht ohne das andere bestehen kann, muss es ein erstes Glied geben. Dies betrifft beim Handeln sowohl die Absichtsordnung als auch die Ausführungsordnung. Gäbe es in der Absichtsordnung kein erstes beziehungsweise letztes Ziel, dann würde das Streben nicht bewegt. Wir würden nichts anstreben. Gäbe es in der Ausführungsordnung kein erstes beziehungsweise letztes Glied, so könnten wir nie mit der Ausführung der Handlung beginnen. Ohne letztes Ziel, so Thomas, würde man nichts anstreben und keine Handlung ausführen können. (Summa Theologiae I-II, 1, 4) Eine Frage lautet: Wollte Aristoteles bereits an dieser Stelle und mit diesem Argument beweisen, dass es ein letztes Ziel allen menschlichen Handelns gibt oder gar geben muss? Der Satz beginnt hypothetisch: „Wenn es ein Ziel menschlichen Handelns gibt…“. Es scheint also noch nicht bewiesen zu sein, dass es ein einziges letztes Ziel allen menschlichen Handelns gibt; auch nicht, dass es ein einziges letztes Ziel gibt, auf das hin jede einzelne Person ihr gesamtes Planen und Handeln hinordnet. Was mit dem Regressargument nahegelegt wird, scheint die viel moderatere Behauptung: Jede Handlung hat ein je eigenes Endziel.
Diese Behauptung ist plausibel. Ich fühle mich krank und gehe zum Arzt. Warum? Weil ich gesund werden will. Warum will ich gesund werden? Dumme Frage – könnte man sagen. Gesund zu sein ist ein grundlegendes Ziel. Oder: Ich fahre nach Wien. Warum? Um in der Staatsoper „La Traviata“ zu sehen. Warum? Weil mir das Vergnügen bereitet. Warum will ich Vergnügen? Dumme Frage. Das will man um seiner selbst willen. So ist es plausibel anzunehmen, dass unsere Handlungsketten bei solchen grundlegenden Zielen oder Gütern enden. Aristoteles schließt zunächst nicht aus, dass es mehrere davon geben könnte. Thomas aber meint, Aristoteles habe bereits an dieser Stelle bewiesen, dass es ein einziges letztes Ziel allen menschlichen Handelns geben muss.
Wie dem auch sei, sicher ist, dass Aristoteles im ersten Buch der EN doch nach dem letzten Ziel und dem höchsten Gut im Singular fragt. Mit dem oben zitierten, hypothetischen Satz hat er – unter anderem – eine Bedingung formuliert, die er später noch ausführt, eine Bedingung, welche ein Kandidat, der Letztziel sein soll, erfüllen muss: Es muss ein Gut sein, das immer um seiner selbst willen und niemals um eines anderen willen gewollt wird. Dahinter steckt folgendes Wertprinzip: Wenn x um y willen gewollt wird, dann ist y wertvoller als x. Das Beste muss also etwas sein, das niemals um eines anderen willen gewollt wird, sondern um dessentwillen alles andere gewollt wird. Eine zweite Bedingung schließt an: Es muss ein Gut sein, das sich selbst genügt, genauer: „das für sich allein das Leben begehrenswert macht, so dass es keines weiteren bedarf.“ (EN 1097 b 14-16) Dies ist die Bedingung der Autarkie. Etwas, das diese beiden Bedingungen erfüllt, ist das letzte Ziel.
Nun lautet die Frage: Gibt es etwas, das diese beiden Bedingungen erfüllt? Freilich. Es ist das, was auf Griechisch „eudaimonia“, auf Latein „beatitudo“ genannt und auf Deutsch oft mit „Glück“ oder „Glückseligkeit“ übersetzt wird. Man könnte es auch „gelingendes Leben“ nennen. Aristoteles schreibt: „Also: die Glückseligkeit stellt sich dar als ein Vollendetes und sich selbst Genügendes, da sie das Endziel allen Handelns ist.“ (EN 1097 b 21) Was wollen wir also letztlich und im Ganzen unseres Lebens? Glücklich sein, erfüllt leben, ein gelingendes Leben führen. Das ist das letzte Ziel all unseren Handelns. Glücklich sein wollen wir, nicht um anderes zu erreichen, sondern um seiner selbst willen. Und: Ein glückliches, gelingendes Leben genügt sich selbst. Es bedarf keines Zusatzes. Man kann zum Glück nichts auf solche Weise hinzufügen, dass es vergrößert wird. Wenn man „Glück“ superlativisch versteht, dann verträgt es auch keinen Zusatz.
Worin das Glück besteht
Glücklich sein wollen wir letztlich. Aber mit dieser Erkenntnis ist wenig gewonnen. Das gibt ja eh fast jeder zu, das ist quasi eine Selbstverständlichkeit. Die schwierige Frage kommt erst: Worin besteht das Glück? Im Besitz von Reichtum? Im Erleben von Lust? Darin, berühmt zu sein oder geehrt zu werden? Da scheiden sich die Geister. Thomas bringt gut auf den Punkt, worin alle übereinkommen und worüber es Meinungsverschiedenheit gibt. Er schreibt: „Wir können vom letzten Ziel auf zweifache Weise reden: erstens, indem wir uns auf den Begriff des letzten Ziels beziehen, zweitens, indem wir uns auf das beziehen, was den Begriff des letzten Ziels erfüllt. Was den Begriff des letzten Ziels betrifft, so kommen alle im Streben nach dem letzten Ziel überein, denn alle streben danach, ihre je eigene Vollendung zu erreichen. Aber bezüglich dessen, was diesen Begriff erfüllt, kommen nicht alle Menschen im letzten Ziel überein, denn manche streben nach Reichtümern als vollendetem Gut, manche aber nach der Lust, wieder andere nach irgend etwas anderem.“ (Summa Theologiae I-II, 1, 7)
Nun könnte man meinen: Für die Frage, worin das Glück besteht, gibt es keine allgemeingültige Antwort. Man setzt sich ein letztes Ziel, es liegt nicht einfach vor. Um es mit dem preußischen König Friedrich II. zu sagen: „Jeder soll nach seiner Façon selig werden.“ Es ist eine weltanschauliche Frage, so etwas wie eine Frage des Geschmacks. Da ist Argumentation nicht mehr möglich. „De gustibus non est disputandum.“ Tatsächlich dürften auch heute viele diesen relativistischen Standpunkt teilen. Aristoteles und Thomas teilen ihn aber nicht. Selbst beim Geschmack gibt es guten und schlechten Geschmack. Bei Geschmacksfragen, so Thomas, richtet man sich nach dem, der den besten Geschmack hat. Und so sei es auch bei der Frage, worin das Glück besteht: Aus der Tatsache, dass die Menschen verschiedene Auffassungen darüber haben, was das Letzte oder Wichtigste im Leben ist, folgt nicht, dass es auch der Sache nach eine solche Vielfalt gibt. Nach Thomas muss jenes Gut das Vollendetste sein, wonach jene streben, die eine gut disponierte Emotionalität haben. (Summa Theologiae I-II, 1, 7)
Wir kennen es vielleicht auch aus eigener Erfahrung, dass unsere Vorstellungen vom Glück manchmal enttäuscht werden. Wir sagen: Bis jetzt habe ich geglaubt, das Wichtigste sei, berühmt zu werden. Seit ich aber an einer gefährlichen Krankheit leide, sehe ich, dass dies ein schnödes Ziel ist. Das Wichtigste und Beste im Leben ist etwas anderes.
Auch Aristoteles glaubt, dass es eine richtige Antwort auf die Frage gibt, worin das Glück besteht. Um diese Antwort zu finden, stellt er Überlegungen darüber an, was wir Menschen im Wesentlichen sind. Das Glück, so meint er, muss darin bestehen, dass wir uns als Menschen verwirklichen, das heißt dass wir jene Fähigkeiten, die spezifisch menschlich sind, zur Entfaltung bringen und gut ausüben. Zu dieser Auffassung kommt er mit Hilfe einer Überlegung, die als „Ergon-Argument“ bekannt ist. „Ergon“ heißt: Tätigkeit, Werk. Dinge haben ein für sie charakteristisches Werk, oder sagen wir besser: eine für sie typische Funktion. Werkzeuge beispielsweise haben ein bestimmtes Werk, eine bestimmte Funktion. Das Werk des Messers ist das Schneiden. Das Werk der Säge ist das Sägen. Auch einzelnen Organen wird ein ihnen spezifisches Werk zugeschrieben. Das Werk der Augen ist das Sehen, das Werk des Gehörs ist das Hören, das Werk des Herzens besteht darin, Blut in den Körper zu pumpen. Auch der Kitharaspieler hat, insofern er Kitharaspieler ist, ein für ihn spezifisches Werk: das Kitharaspielen.
Nun kann ein Messer für sein Werk besser geeignet sein als ein anderes. Beide haben zwar das gleiche Werk, unterscheiden sich aber in der Qualität. Ebenso kann ein Auge besser sehen als ein anderes und ein Kitharaspieler besser spielen als ein anderer. Ein hervorragendes Messer ist eines, welches sein Werk hervorragend erfüllt. Es hat das, was Aristoteles „aretē“ nennt, auf Deutsch könnte man sagen: Gutsein, Vortrefflichkeit, Exzellenz, Tugend. Die „aretē“ des Messers macht das Messer und sein Werk gut; die „aretē“ des Auges macht das Auge und sein Werk gut; die „aretē“ des Kitharaspielers macht den Kitharaspieler als solchen und sein Werk gut.
So ist es naheliegend zu fragen: Hat auch der Mensch ein Werk, das ihm als Mensch zukommt? Gibt es eine spezifisch menschliche Funktion? Und kann der Mensch besser oder schlechter beschaffen sein, um sein spezifisches Werk auszuüben? Aristoteles antwortet mit ja. Das Werk des Menschen ist der Lebensvollzug dessen, der Vernunft, Überlegung („logos“) hat. Das spezifisch Menschliche besteht in der Vernunftbegabtheit. Das Vernunftvermögen kann in guter oder schlechter Verfassung sein. Die guten Verfassungen des Vernunftvermögens werden entsprechend dem oben Gesagten „Tugenden“ genannt. Sein Werk gut verrichten heißt, es gemäß der entsprechenden Tugend verrichten. Aristoteles schreibt: „das menschliche Gut ist der Tugend gemäße Tätigkeit der Seele, und gibt es mehrere Tugenden: der besten und am meisten vollendeten Tugend gemäße Tätigkeit. Dazu muss aber noch kommen, dass dies ein volles Leben hindurch dauert; denn wie eine Schwalbe und ein Tag noch keinen Frühling macht, so macht auch ein Tag oder eine kurze Zeit noch niemanden glücklich und selig.“ (EN 1098a16-21) Das Glück besteht also in einer Tätigkeit der Seele. Das besteht darin, sein Menschsein auf vollendete Weise zu verwirklichen.
Es ist klar, dass es mehrere Tugenden gibt. Aristoteles unterscheidet zwei Arten von Tugenden: ethische Tugenden, welche uns dazu befähigen, in einer Situation emotional angemessen zu reagieren und aufgrund richtiger Überlegung richtig zu handeln (dazu gehören Tapferkeit, Maß, Gerechtigkeit, Freigebigkeit, Umgänglichkeit, Freundlichkeit); und dianoetische Tugenden, welche uns befähigen, die Wahrheit herauszufinden und einzusehen (Know-How, Wissen, Verstehen, Weisheit). Zu den dianoetischen Tugenden gehört auch die Klugheit. Sie hat eine besondere Stellung inne. Sie befähigt uns, einerseits Wahrheiten herauszufinden. Daher ist sie eine dianoetische Tugend. Andererseits: Die Wahrheiten, die wir durch die Klugheit herausfinden, betreffen das, was wir in konkreten Situationen tun sollen. Insofern hat sie es mit unserem Handeln zu tun, und niemand kann die ethischen Tugenden haben, ohne klug zu sein.
In welchen Tätigkeiten das Glück besteht
Nun fragt man sich freilich: Welche von den vielen Tätigkeiten, die den verschiedenen Tugenden entsprechen, macht glücklich? Besteht das Glück in nur einer Art von Tätigkeit, oder in verschiedenen Arten von Tätigkeiten? Ist das Glück eine dominante Größe oder ist es eine inklusive Größe, zu der eine Reihe aufeinander nicht reduzierbarer Arten von Tätigkeiten gehören? Aristoteles scheint die Meinung zu vertreten, das Glück bestehe in einer Art von Tätigkeit: in der Tätigkeit, die der besten und vollkommensten Tugend gemäß ist. Das höchste Vermögen des Menschen ist sein Verstand, die Fähigkeit, Wahrheiten einzusehen. Das Glück muss also in der Vollendung und Ausübung dieser Fähigkeit bestehen, in einem Leben der „theoria“: der Schau, der Einsicht, der Betrachtung, der Kontemplation der höchsten Wahrheiten. Da die Weisheit die höchsten Wahrheiten zum Gegenstand hat, besteht also das Glück in der Ausübung dieser dianoetischen Tugend.
Das griechische Wort für Weisheit ist „sophia“ – und hier deutet sich an, was nach Aristoteles die Philosophie, also die Freundschaft zur Weisheit, zum Glück beiträgt. Glücklich ist, wer Weisheit ausübt, wer also die höchsten Wahrheiten betrachtet. Mit „Betrachtung“ ist nicht die Untersuchung gemeint, mit der wir solche Wahrheiten entdecken. Denn die Untersuchung geschieht ja, um eines anderen Zieles willen, nämlich diese Wahrheiten zu erfassen, und erfüllt daher eine notwendige Bedingung für das Letztziel nicht. Gemeint ist das Betrachten von Wahrheiten, die man bereits erkannt hat. Aristoteles resümiert: „Wenn andererseits gilt, dass sich die Tätigkeit des Verstandes als eine betrachtende durch ihre Ernsthaftigkeit auszeichnet, dass sie nach keinem weiteren Ziel außer ihr selbst strebt, dass sie eine ihr eigentümliche Lust besitzt, welche die Tätigkeit verstärkt, dass ferner die Autarkie sowie die Muße und das Freisein von Mühe, soweit es dem Menschen möglich ist, und alles andere, was dem Glückseligen zugeschrieben wird, offensichtlich mit dieser Tätigkeit verbunden sind – wenn das so ist, dann wird das vollkommene Glück des Menschen also diese Tätigkeit sein, falls sie die vollständige Länge eines Lebens einnimmt; denn nichts, was zum Glück gehört, ist unvollständig“. (EN 1177 b 18-26)
Aristoteles fügt allerdings hinzu, dass dieses Glück für den Menschen als Menschen zu hoch sei. Er kann es nur leben, insofern er etwas Göttliches in sich hat. Damit ist der Verstand gemeint. Wenn der Verstand – im Vergleich mit dem Menschen als aus Leib und Seele zusammengesetztem Wesen – göttlich ist, dann ist auch die Betätigung des Verstandes im Vergleich mit den anderen Lebensvollzügen des Menschen göttlich. Wir nehmen an, dass die Götter oder Gott im höchsten Maß selig oder glücklich sind, sagt Aristoteles am Ende des zehnten Buches der EN. Welche Tätigkeit soll man ihnen zuschreiben? Die Tätigkeit des Gottes, die an Seligkeit herausragt, ist eine betrachtende Tätigkeit („theoria“), so Aristoteles. „Auch unter den menschlichen Tätigkeiten wird also diejenige, die dieser am nächsten verwandt ist, das größte Glück mit sich bringen“. (EN 1178 b 22-23)
Am Ende seines anderen Ethikbuches, der „Eudemischen Ethik“, wird Aristoteles ebenfalls theologisch. Das Kriterium für unsere Entscheidungen ist die Frage: Was hilft uns, den Gott zu verehren und zu betrachten und was ist dafür hinderlich? Er schreibt: „Jene Wahl nun und jene Erwerbung der natürlichen Güter, seien es körperliche oder Geld oder Freunde oder die sonstigen Güter, welche am meisten die Betrachtung Gottes ermöglicht, die ist die beste und dieser Maßstab ist der schönste. Jedwede andere Form aber, welche durch Mangel oder Übermaß (in Wahl und Besitz der Güter) daran hindert, dem Gott zu dienen und der Schau zu leben, die ist schlecht.“
Da der Mensch im gesellschaftlichen Raum lebt und ein soziales Lebewesen ist, bedarf er aber auch der ethischen Tugenden und der Klugheit, die ihn befähigt, herauszufinden, was hier und jetzt zu tun richtig ist. Das Glück „an zweiter Stelle“ besteht also in der Ausübung dieser Tugenden. Darüber, wie Aristoteles das Verhältnis dieser beiden Lebensformen – der theoretischen auf der einen und der praktischen auf der anderen Seite – gesehen hat, wird unter den Exegeten gerätselt.
Christliche Deutung
Thomas und viele Theologen des Mittelalters deuten das Verhältnis im christlichen Sinn. Sie unterscheiden zwischen vollendetem und unvollendetem Glück. Das vollendete Glück besteht in der Schau des Wesens Gottes. Wir sehnen uns danach zwar von Natur aus, aber es ist zu hoch für uns. Mit unseren eigenen, natürlichen Vermögen allein können wir es nicht erreichen. Es bedarf daher des Göttlichen in uns: Tugenden, die von Gott eingegossen sind (die theologischen Tugenden), nämlich Glaube, Hoffnung und Liebe. Der Glaube befähigt uns, Wahrheiten über Gott und den Weg zu ihm für wahr zu halten, die weder von sich aus einleuchten noch strikt beweisbar sind. Die Hoffnung befähigt uns, die Schau Gottes als ein Gut zu erfassen, das wir mit Gottes Hilfe erreichen können. Die Liebe befähigt uns, jetzt schon Gott freundschaftlich verbunden zu sein und ihn um seiner selbst willen zu lieben. Mit diesen Tugenden beginnt das ewige Leben in uns, das in der himmlischen Heimat, vollendet wird in der Schau des Wesens Gottes. Das unvollendete Glück hingegen, das in der Ausübung der Klugheit und der moralischen Tugenden besteht, ist hier auf Erden möglich und für alle Menschen erreichbar.
Dass das Glück einerseits in einer Tätigkeit der Seele, andererseits in Gott besteht, ist für Thomas kein Widerspruch. Er unterscheidet zwischen der Sache selbst, die zu erreichen wir uns sehnen, und dem Erreichen dieser Sache. Was die Sache selbst betrifft, so kann nur Gott letztes Ziel sein. Was hingegen das Erreichen der Sache betrifft, ist es freilich eine Tätigkeit der Seele, nämlich unsere Schau. (Summa Theologiae I-II, 2, 7)
Das vollendete Glück besteht letztlich in der Schau des göttlichen Wesens. Thomas begründet diese These in zwei Schritten. Erstens: Der Mensch ist nicht vollständig glücklich, solange für ihn noch etwas zu ersehnen und zu suchen bleibt. Zweitens: Menschen wollen nicht nur wissen, dass etwas der Fall ist, sie wollen auch erkennen, warum es der Fall ist. Wenn sie etwas beobachten, so wollen sie herausfinden, warum es so ist. Sie wollen die Ursachen erkennen, oder genauer: das Wesen dieser Ursachen.
Thomas bringt folgendes Beispiel: Wir beobachten eine Sonnenfinsternis, fangen an zu staunen und fragen: Warum ist das so? Wir denken, dass es dafür eine Ursache geben muss. Damit sind wir aber noch nicht zufriedengestellt. Wir wollen wissen, warum sich die Sonne verfinstert, wir wollen eine Erklärung. Aus der Einsicht in das Wesen der Dinge wollen wir erfassen, warum sich die Sonne verfinstert. Und solange wir das nicht erfassen, bleibt ein Suchen und Fragen und Sehnen offen. Der Verstand ist noch nicht zufriedengestellt. Denn der Verstand ist die Fähigkeit, das Wesen der Dinge zu erfassen, und vollendet ist er nur, wenn er von einer Sache tatsächlich erfasst, was sie wesentlich ist. Man will die Wirkungen aus dem Wesen der Ursachen erklären können.
So verhält es sich auch bezüglich Gott. Aus Beobachtungen der Welt und ihrer Eigenschaften kommen wir zusammen mit einigen metaphysischen Annahmen zum Schluss, dass es eine Ursache dafür geben muss: Gott. Die berühmten „Fünf Wege“ sind nach Thomas Beweise dafür, dass es eine erste Ursache von allem geben muss, die Gott genannt wird. Aber damit ist der Verstand nicht zufriedengestellt. Wir wollen nicht nur wissen, dass Gott ist, sondern auch, was Gott ist. Solange dies nicht eingesehen ist, sind wir nicht vollends glücklich. Es bleibt etwas, das wir ersehnen und suchen. Das vollendete Glück kann also nur in der Schau des Wesens der ersten Ursache aller Dinge bestehen, in der Schau des Wesens Gottes.
Nun sind Sie vielleicht von diesen Thesen enttäuscht. Sie werden sagen: Das Glück soll in einer so strohtrockenen intellektuellen Tätigkeit bestehen? Wo bleibt der Lustfaktor, wo bleiben andere erfreuliche Zustände? Das Glück muss doch etwas mit Genuss, Freude, Frieden, Liebe zu tun haben! Viele Menschen – Utilitaristen und andere Hedonisten zum Beispiel – glauben ja, Glück bestehe in nichts anderem als im Erleben von Lust. Keine Sorge!
Aristoteles und Thomas haben die Lust beziehungsweise den Genuss nicht vergessen. Sie gelangen aber aufgrund einer bestimmten Auffassung von Lust zu einem etwas anderen Ergebnis als Hedonisten. Lust ist nach Thomas eine Art Befriedigung des Willens. Erreichen wir das, was wir wollen, dann ist das Wollen befriedigt – und dieses Befriedigtsein ist die Lust. Die Frage ist: Was wollen wir eigentlich, wenn wir etwas wollen? Die Sache beziehungsweise Tätigkeit oder die Lust? Angenommen, Sie wollen Klavier spielen. Was wollen sie dann: Klavier spielen oder Lust? Thomas würde sagen: Klavier spielen. Lust stellt sich ein, wenn Sie erreichen, was Sie wollen. Er schreibt: „Der Genuss wird dadurch verursacht, dass das Streben im erreichten Gut zur Ruhe kommt. Da das Glück nichts anderes als das Erreichen des höchsten Guts ist, kann es Glück ohne begleitenden Genuss nicht geben“. (Summa Theologiae I-II, 4, 1) Genuss ist ein Akt des Strebens ebenso wie Friede und Liebe. All diese Akte des Strebens setzen voraus, dass wir den Gegenstand des Wünschens erreicht haben. So unterscheidet Thomas also zwischen dem Wesen des Glücks, das ihm zufolge in der Schau Gottes besteht, und dem, was sich daraus ergibt: Liebe, Friede, Freude, Genuss.
Einige Fragen
Die aristotelisch-thomistischen Vorstellungen vom Glück scheinen manchen zu abgehoben, zu individualistisch und nicht ethiktauglich. Schauen wir uns diese drei Einwände etwas näher an.
- Diese Vorstellung vom Glück ist abgehoben, intellektualistisch, weltfremd, ja elitär: Wer würde das Glück darin sehen, stundenlang die höchsten und ewigen Wahrheiten zu betrachten? Vielleicht einige Philosophen, falls sie an solche Wahrheiten glauben und eine Ahnung davon haben, wie man es anstellt, sie zu betrachten. Eine winzige Zahl. Aber was ist mit den Milliarden normaler Menschen, die tagtäglich ihrer Arbeit nachgehen und sich um ihre Familie kümmern?
An diesem Einwand zeigt sich, wie wichtig es ist, die Beziehung zwischen den beiden Lebensformen näher zu klären. Es erscheint unwahrscheinlich, dass Aristoteles geglaubt hat, das Glück bestehe nur in der Betrachtung ewiger Wahrheiten. Wen unter den Bürgern Athens seiner Zeit hätte man da glücklich nennen können? Ein paar Naturphilosophen, Metaphysiker und Mathematiker von Zeit zu Zeit. Wahrscheinlicher ist, dass er geglaubt hat, das Glück bestehe im guten Leben in der Polis, das heißt in der klugen Ausübung der ethischen Tugenden. Wer darüber hinaus auch noch Einblick in das Wesen des Guten hat, wer versteht, warum sich alles so verhält, wie es sich verhält, und die Freizeit mit der Betrachtung dieser Erklärungen verbringt, muss gänzlich glücklich sein. Wir Menschen stellen letzte Warum-Fragen, und es erfüllt uns mit Zufriedenheit, wenn wir Zusammenhänge verstehen. Ferner spricht Aristoteles auch von anderen Gütern, die man braucht, um glücklich zu sein: äußere günstige Umstände, Gesundheit, Nahrung und dergleichen mehr. Er ist also nicht gänzlich weltfremd.
- Das Betrachten von ewigen Wahrheiten ist eine individualistische Angelegenheit. Aber wir sind doch soziale Wesen: Sollten nicht gute Beziehungen, Freundschaften, Liebe zum Glück gehören?
Sicher wäre das bloße Betrachten von ewigen Wahrheiten keine gesellige Tätigkeit. Versteht man aber das Verhältnis der beiden Lebensformen so, wie ich es gerade angedeutet habe, dann ergibt sich dieses Problem nicht mehr. Gelingendes Leben des Einzelnen setzt immer auch eine funktionierende Gemeinschaft voraus. Dem Thema Freundschaft widmet Aristoteles zwei Bücher seiner EN. Auch für Thomas ist es fraglos, dass wir für das unvollendete Glück hier auf Erden der ethischen Tugenden in einer funktionierenden Gemeinschaft bedürfen. Und obwohl uns seiner Meinung nach nur Gott ganz erfüllen kann, gehört auch im Jenseits zum Gutsein des Glücks („bene esse beatitudinis“) die himmlische Gemeinschaft. (Summa Theologiae I-II, 4, 8)
- Diese Vorstellung von Glück gibt für eine Begründung der Ethik nichts her: Aristoteles war sich bewusst, dass er eine Ethik nur in groben Zügen zeichnen und kaum materiale Inhalte liefern kann. Dennoch gibt seine Vorstellung vom Glück etwas für ethisches Nachdenken her. Denn mit seinem Ergon-Argument weist er darauf hin, dass Ethik etwas mit dem zu tun haben muss, was wir Menschen wesentlich sind. Wissen über den Menschen, über seine Funktionsweisen, darüber, wie er tickt, sollte Aufschluss darüber geben, wie der Mensch sowohl sich selbst als auch andere Menschen richtig behandelt.