Zur Kreuzestheologie des Paulus

„Wir aber verkündigen Christus als den Gekreuzigten“ (1 Kor 1,23)

Im Rahmen der Veranstaltung "Biblische Tage 2016 – Der Erste Korintherbrief", 21.03.2016

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Einführung

 

Im Alten Testament und im Neuen Testament (ebenso im Koran) redet nicht Gott unmittelbar selbst, sondern wir haben es mit Gottes-Bildern zu tun. Gottesbilder, die von Menschen stammen und deshalb selbstverständlich verglichen und beurteilt werden können. Jeder Mensch hat ein Bild, ein Modell von Gott; auch der Atheist, nämlich dass es Gott nicht gibt, nicht geben darf. Der Skeptiker, dass es ihn vielleicht gibt, vielleicht aber auch nicht. Der Gleichgültige, dass ihn Gott nicht zu interessieren hat. Jede Weltanschauung, jede Philosophie und natürlich jede Religion hat ein Modell von Gott. Was ist das Besondere des christlichen, hier des paulinischen Gottesmodells?

Bei Paulus gewinnt eine biographische Erfahrung theologische Qualität. Er verfolgte die Jesusanhänger wegen ihrer Behauptung, ein Gekreuzigter sei der Messias (Gal 1,13.23; 1 Kor 15,9; Phil 3,6). Diese Botschaft musste im Kontext von Dtn 21,22f als Blasphemie bekämpft werden: „Wenn es bei jemandem eine Schuld gibt, eine Verurteilung zum Tode, und er hingerichtet wird, indem ihr ihn an einem Holz aufhängt, soll sein Leib nicht die Nacht am Holz zubringen, sondern ihr sollt ihn an jenem Tag begraben, denn jeder, der am Holz hängt, ist von Gott verflucht. So sollt ihr das Land, das der Herr, dein Gott, dir zum Anteil gibt, nicht beflecken.“ Paulus war als Pharisäer davon überzeugt, dass genau dieser von der Tora ausgesprochene Fluch über dem Gekreuzigten liegt (Gal 3,13).

Die Offenbarung bei Damaskus kehrte dieses theologische Koordinatensystem um. Paulus erkennt bei Damaskus, dass der am Holz Verfluchte Gottes Sohn ist, das heißt im Licht der Auferstehung wird das Kreuz vom Ort des Fluches zum Ort des Heils. Deshalb kann Paulus den Korinthern zurufen: „Wir aber verkündigen Christus als Gekreuzigten, für Juden ein Anstoß, für Heiden eine Torheit“ (1 Kor 1,23). Das Kreuz wird so bei Paulus zum Signum des neuen Glaubens schlechthin. Es bildet nicht nur den Ausgangspunkt einer neuen Definition des Jesus von Nazareth, sondern einer völlig neuen Gottes- und Weltsicht. Paulus entwirft ein völlig neues Gottesbild, das bis heute unter den Religionen höchst umstritten ist. In seinen Briefen erscheint das Kreuz als historischer Ort des Todes Jesu, als argumentativ-theologischer Topos und als theologisches Symbol.

 

Das Kreuz in der paulinischen Theologie

 

Das Kreuz als historischer Ort. Die Rede vom Kreuz ist bei Paulus immer theologisch gefüllt. Sie löst sich aber nicht von der Geschichte, sondern ihr Ausgangspunkt ist das Kreuz als Ort des Todes des Jesus von Nazareth. Mit der Wendung „Anstoß des Kreuzes“ (1 Kor 1,25; Gal 5,11) nimmt der Apostel Bezug auf die konkrete, entehrende Hinrichtungsart der Kreuzigung, die einen Menschen als Verbrecher, nicht aber als Gottessohn ausweist.

Die Kreuzigung galt als eine entehrende Strafe. Der Delinquent musste oftmals den Querbalken zur Kreuzigungsstätte tragen; er wurde angenagelt (Joh 20,25.27) und starb zumeist nach einem langen Leidenskampf. Um das Leben des Gekreuzigten zu verlängern oder zu verkürzen, hatten die Henker verschiedene Methoden entwickelt. Der Tod konnte schon nach drei Stunden oder auch erst nach drei Tagen eintreten. Die Todesursache resultiert in der Regel aus dem Zusammenwirken folgender Faktoren: 1. traumatischer Schock; 2. orthostatischer Kollaps (Blutabsacken während aufrechter Körperhaltung in die untere Körperhälfte); 3. Ateminsuffizienz (Erstickung); 4. Herzbeuteltamponade (Ansammlung seröser Flüssigkeit am Herzen). Verantwortlich für Kreuzigungen in Palästina zeichnete durchweg der römische Statthalter. Die Kreuzigung war die bevorzugte römische Todesstrafe für Sklaven und Aufständische. Im Zeitraum zwischen 63 vor und 66 nach Christus wurden alle Kreuzigungen in Palästina an Aufständischen und ihren Sympathisanten von den Römern durchgeführt.

Das Kreuz als argumentativ-theologischer Topos. Als argumentativ-theologischer Topos erscheint das Kreuz bei Paulus in mehreren Sachzusammenhängen: In Korinth geht es zunächst um die sachgemäße Bestimmung der Weisheit Gottes. Paulus versucht der nach gegenwärtiger Vollendung strebenden Gemeinde zu verdeutlichen, dass diese Weisheit sich gerade dort offenbarte, wo sie es nicht vermutet (1 Kor 1,18ff). Nicht in der äußeren Macht, der Pracht, dem Ansehen oder in der menschlichen Weisheit zeigt sich Gott, sondern am und im Kreuz. Die Logik des Gegenteils bestimmt das paulinische Denken; Gott erwählte die Geringen und Verachteten (1 Kor 1,26-29) und der Apostel muss ein Leben in Niedrigkeit und ständiger Gefährdung führen, obwohl er doch das göttliche Evangelium verkündigt (1 Kor 2,2). Wenn Teile der korinthischen Gemeinde meinen, sich schon im Stand der Weltvollendung zu befinden (1 Kor 4,8), dann verwechseln sie die Weisheit der Welt beziehungsweise ihre eigene Weisheit mit der Weisheit Gottes. Sie unterscheiden nicht wie Paulus konsequent zwischen dem göttlichen und menschlichen Geist, zwischen der göttlichen und der menschlichen Erkenntnis. Es gibt keine Weisheit und Herrlichkeit am Gekreuzigten vorbei (1 Kor 2,6ff).

In einem zweiten, nämlich polemischen Kontext erscheint das Kreuz auch im Galaterbrief. Gegenüber der Beschneidungsforderung der judaistischen Gegner betont Paulus, dass gerade der Gekreuzigte die Getauften und Glaubenden vom Gesetz befreit hat (Gal 3,13; 5,11). Im Kreuzestod nahm Christus stellvertretend „für uns“ (Gal 3,13) den im Gesetz ausgesprochenen Fluch auf sich, der jeden trifft, der aus dem Gesetz das Leben realisieren will. Wenn das Gesetz den Gekreuzigten als Verfluchten charakterisiert, kann das Gesetz nicht gleichzeitig verbindliche Grundlage für Christen sein. Diesen Gegensatz wollen jene auflösen, die die Beschneidung predigen, um nicht (von Juden) „um des Kreuzes Christi willen“ (Gal 6,12) verfolgt zu werden. Das Kreuz Christi und das Gesetz schließen sich aus, denn die Heilsgabe des Geistes kommt aus dem Glauben an den Gekreuzigten (Gal 3,1-5).

Innerhalb der Ethik dient der Verweis auf das Kreuz schließlich der Begründung des neuen Seins. Die Existenzwende der Glaubenden ist ursächlich mit dem Kreuz verbunden, denn der Transfer in das neue Sein vollzieht sich als Mitgekreuzigtwerden der Glaubenden in der Taufe. Der mit Christus gekreuzigte alte Mensch ist gestorben und von der Sünde geschieden (Gal 2,19; Röm 6,6), lebt nun als „neue Schöpfung“ in der Kraft des Geistes. Es gilt: „Die aber zu Christus Jesus gehören, haben das Fleisch mit (seinen) Leidenschaften und Begierden gekreuzigt“ (Gal 5,24; 6,14). Die neue Existenz der Glaubenden und Getauften trägt das Zeichen des Kreuzes.

Das Kreuz als Symbol. Das Kreuz ist in allen Argumentationszusammenhängen immer auch ein Symbol. Weil es zuallererst ein historischer Ort bleibt, vermag das Kreuz gleichzeitig Faktum und Symbol zu sein. Es hat Verweischarakter und präsentiert zugleich durch die Kraft des Geistes das Vergangene als Gegenwärtiges. Als Ort des einmaligen Transfers Jesu Christi in das neue Sein prägt das Kreuz auch die gegenwärtige Existenz der Christusgläubigen. Es benennt jeweils die Statusüberschreitung vom Tod zum Leben und gewinnt in einem zweifachen rituellen Kontext seine Aktualität: a) In der Taufe erfolgt die Einbeziehung in das Kreuzigungs- und Auferstehungsgeschehen, indem die Macht des Todes und der Sünde überwunden und der Status des neuen Seins verliehen werden. Sowohl in Gal 2,19 als auch in Röm 6,5f wird die in die Gegenwart hineinwirkende und sie neu bestimmende Realität und Kraft des einmaligen Mitgekreuzigtwerdens in der Taufe betont. b) Paulus entfaltet im Gal eine staurologisch begründete Kritik in der Beschneidungsforderung der Judaisten. Als Initiationsritual konkurriert die Beschneidung mit der Taufe, und deshalb auch mit dem Kreuz. Die Beschneidung hält an der ethnischen Differenz zwischen den Juden und den übrigen Völkern fest, während das Kreuz die Umwertung aller bisherigen Werte symbolisiert und die Taufe ausdrücklich alle bisherigen Privilegien aufhebt (Gal 3,26-28). Das Kreuz symbolisiert Gottes überraschendes, menschliche Maßstäbe außer Kraft setzendes Handeln. Die Weisheit des Kreuzes verträgt sich nicht mit der Weisheit der Welt. Das Kreuz ist die radikale Infragestellung jeglicher menschlicher Selbstbehauptung und individualistischen Heilsstrebens, weil es in die Ohnmacht und nicht in die Macht, in die Klage und nicht in den Jubel, in die Schande und nicht in den Ruhm, in die Verlorenheit des Todes und nicht in die Glorie vollständig gegenwärtigen Heils führt. Diese Torheit des Kreuzes lässt sich weder ideologisch noch philosophisch vereinnahmen, sie entzieht sich jeder Instrumentalisierung, weil sie allein in Gottes Liebe gründet.

Die Rede vom Kreuz ist das Spezifikum paulinischer Theologie. Der Apostel entwickelte sie nicht aus der Gemeindeüberlieferung, sondern aus seiner Biographie: Bei Damaskus offenbarte ihm Gott die Wahrheit über den Gekreuzigten, der nicht im Tod blieb. Das Wort vom Kreuz benennt die grundlegenden Transformationsprozesse im Christusgeschehen und im Leben der Glaubenden und Getauften, sodass es direkt in das Zentrum des paulinischen Denkens führt. Die Kreuzestheologie erscheint als fundamentale Gottes, Welt- und Existenzdeutung; sie ist die Mitte der paulinischen Sinnwelt. Sie lehrt, die Wirklichkeit von dem im Gekreuzigten offenbar werdenden Gott her zu verstehen und daran sein Denken und Handeln auszurichten. Menschliche Wertungen, Normen und Klassifizierungen erhalten vom Kreuz Christi her eine neue Deutung, denn Gottes Werte sind die Umwertung menschlicher Werte. Das Evangelium vom gekreuzigten Jesus Christus gewährt im Glauben Rettung, weil sich hier der Gott bekundet, der gerade in der Verlorenheit und Nichtigkeit Retter der Menschen sein will. Im Kreuz zeigt sich Gottes Liebe, die zu leiden und deshalb auch zu erneuern vermag.

 

Kreuz und Auferstehung oder: Wie ist Gott zu denken?

 

Warum aber ist das Kreuz so wichtig für die frühen Christen? Jesus war einer von Tausenden von Gekreuzigten. Die Antwort ist einfach und zugleich folgenschwer: Weil von allen Gekreuzigten dieser eine nicht im Tod geblieben ist. Für Paulus ist der Auferstandene der Gekreuzigte (2 Kor 13,4: „Denn er wurde aus Schwachheit gekreuzigt, aber er lebt aus Gottes Kraft“). Allein die Auferstehung wirft ein neues Licht auf den Tod Jesu. Es gibt bei Paulus eine Wechselwirkung zwischen Tod und Auferstehung. Die Auferstehung begründet sachlich die Heilsbedeutung des Todes, zugleich gewinnt das Auferstehungskerygma in der paulinischen Hermeneutik des Kreuzes eine letzte Zuspitzung. Auch nach der Auferstehung bleibt Jesus der Gekreuzigte (1 Kor 1,23; 2,2; Gal 3,1); der Auferstandene trägt die Nägelmale des Kreuzes.

Die Bedeutung des Kreuzes erschließt sich allein von der Auferstehung, von der Realität der Auferstehung her. Paulus lässt an der Bedeutung der Auferstehung als Fundament des Glaubens keinen Zweifel: „Wenn aber Christus nicht auferstanden ist, dann ist auch unsere Verkündigung leer und auch euer Glaube ist leer“ (1 Kor 15,14) und: „Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig, so seid ihr noch in euren Sünden … so sind wir die elendsten unter allen Menschen“ (1 Kor 15,17.19b). Paulus versteht offensichtlich Tod und Auferweckung Jesu als ein leibliches Geschehen in Raum und Zeit. Darauf weist vor allem die Zeugenliste in 1 Kor 15,6–9 hin, speziell die Erwähnung der 500 Brüder in 1 Kor 15,6: „Danach ist er gesehen worden von mehr als 500 Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen.“ Viele von den 500 Brüdern leben noch und können befragt werden, das heißt die Korinther können die Realität der Auferstehung nachprüfen! Rudolf Bultmann erfasst diese Textintention zutreffend, wenn er betont: „Ich kann den Text nur verstehen als den Versuch, die Auferstehung Christi als ein objektives historisches Faktum glaubhaft zu machen.“ Bultmann fährt dann aber fort: „Und ich sehe nur, daß Paulus durch seine Apologetik in Widerspruch mit sich selbst gerät; denn mit einem objektiven historischen Faktum kann allerdings das nicht ausgesagt werden, was Paulus V. 20–22 von Tod und Auferstehung Jesu sagt.“ Was von Paulus als geschichtliches Ereignis begriffen wurde, will Bultmann in den Bereich des Mythologischen schieben, um so die Glaubwürdigkeit des Evangeliums in der Moderne zu wahren. Der einzige Auferstehungszeuge, von dem wir schriftliche Nachrichten besitzen, verstand die Auferstehung Jesu Christi von den Toten jedoch offenkundig als ein Ereignis innerhalb der Geschichte, das sein eigenes Leben völlig veränderte. Für Paulus ist dieses Verständnis von Auferstehung keine Interpretationsfrage, sondern Bestandteil des Evangeliums. Nur wenn Jesus Christus leibhaftig und damit wirklich von den Toten auferstanden ist, können Christen auf Gottes endzeitliches Retterhandeln hoffen.

Wie ist es möglich, die Wahrheit des Evangeliums von der Kreuzigung und Auferstehung Jesu Christi von den Toten in einer Zeit zu behaupten, wo der Wahrheitsanspruch exklusiv an die Rationalität (natur)wissenschaftlicher Methodik gebunden ist? Welche Plausibilität besitzen die Argumente der Bestreiter und Befürworter der Wirklichkeit der Auferstehung?

Drei Interpretationsmodelle sind in der Diskussion von Bedeutung: Hermann Samuel Reimarus (1694-1768) unterscheidet zwischen dem Anliegen Jesu und dem seiner Jünger: Jesus war ein jüdischer politischer Messias, der ein weltliches Reich aufrichten und die Juden von der Fremdherrschaft erlösen wollte. Die Jünger standen nach der Kreuzigung vor der Vernichtung ihrer Träume, sie stahlen den Leichnam Jesu und erfanden die Botschaft von seiner Auferstehung. Nach David Friedrich Strauss (1808-1874) liegt der historische Ursprung des Osterglaubens in Visionen der Jünger in Galiläa, weit weg vom Grab Jesu, das erst in einer sekundären Legende zum leeren Grab wurde. Die Erscheinungsberichte verweisen auf Visionen der Jünger, die durch frommen Enthusiasmus und die außerordentliche Belastungssituation hervorgerufen wurden. Der Auferstehungsglaube hat seine Ursache in innerpsychischen Vorgängen, wobei die Jünger nicht betrügen wollten, sondern subjektiv überzeugt waren, den Auferstandenen gesehen zu haben. Rudolf Bultmann stellt fest: „wie der Osterglaube bei den einzelnen ‚Jüngern‘ entstand, ist in der Überlieferung durch die Legende verdunkelt und ist sachlich von keiner Bedeutung.“ Bultmann versteht Ostern als ein eschatologisches Ereignis; als solches werde Ostern gerade missverstanden, wenn man es mit weltlichen Kriterien erklären will, denn die Auferstehung ist kein beglaubigendes Mirakel. Vielmehr: Die Auferstehung ist nichts anderes „als der Ausdruck der Bedeutsamkeit des Kreuzes.“ Deshalb gilt: Jesus ist „ins Kerygma auferstanden“. Was das bedeuten soll, weiß kein Mensch! Was bei Paulus noch eine historische Tatsache war (1 Kor 15,6), ist nun die bloße Interpretationsfigur eines Geschehens mit unklarem Realitätsstatus. Die Probleme aller drei Modelle sind offenkundig: Während das Kreuz als historisches Datum akzeptiert wird, verschwindet die Auferstehung als unzugängliches Geschehen im Dunkel der Geschichte. Damit wird aber zugleich das Kreuz Jesu seiner Bedeutung beraubt! Und vor allem: Weder Kreuz noch Auferstehung werden sinnvoll mit dem Leben und Glauben der Menschen verbunden. Wie aber ist das möglich?

Ausgangspunkt muss der Gottesgedanke sein. Auferstehung wird bei Paulus wie im gesamten Neuen Testament immer streng als exklusive Gottestat verstanden (1 Thess 4,14; 1 Kor 6,14a; 15,4.15; Gal 1,1; Röm 4,24f; 6,9; 8,11; 10,9). Das eigentliche Subjekt der Auferstehung ist Gott, das heißt die Rede von der Auferstehung Jesu Christi ist zuallererst eine Aussage über Gott selbst und damit qua definitionem geläufiger empirischer Verifikation entzogen! Als schöpferisches Handeln Gottes an dem gekreuzigten und gestorbenen Jesus von Nazareth muss die Wirklichkeit der Auferstehung deshalb unterschieden werden von menschlichen Erfahrungen und Verarbeitungen dieser Wirklichkeit. Damit ist die Wirklichkeit der Auferstehung aber keineswegs ausgeschlossen. Gottes Wirklichkeit ist größer als unsere Erfahrungen! Würde Gott nur das können, was auch wir können beziehungsweise für möglich halten, dann wäre er nicht Gott, sondern in der Tat unser Produkt. Wenn der Mensch die Möglichkeiten Gottes mit seinen eigenen gleichsetzt, redet er nicht mehr von Gott! Lässt man Gott hingegen Gott sein, dann muss man ihm auch zugestehen, Dinge zu tun, die unser Begreifen bei Weitem übersteigen. Wenn Gott der Schöpfer des Lebens und der Welt ist, dann vermag er auch einen Gekreuzigten von den Toten aufzuerwecken! Auferstehung ist somit ein Geschehen eigener Art, das seine Plausibilität in sich selbst, nämlich in Gott hat und sich säkularen Übersetzungen oder Relativierungen entzieht. Die entscheidende Erfahrung und Einsicht der glaubenden Menschen lautet: In der Auferstehung Jesu Christi von den Toten hat Gott den Tod zum Ort seiner Liebe zu den Menschen gemacht. Genau diese Erfahrung machen Christen immer wieder: Ihr Gott ist der Gott der Lebendigen. Natürlich sind diese Lebens- und Alltagserfahrungen nicht wirklich vergleichbar mit „Auferstehung von den Toten“, dennoch haben sie Hinweischarakter: Gott handelt in meinem Leben und für mein Leben und ich darf die Hoffnung haben, dass er auch in meinem Tod handeln wird, so wie er es an Jesus getan hat (Röm 8,11). Auferstehung der Toten ist keine Vertröstung auf das Jenseits, sondern eine Erweiterung der Perspektive: Weg von der gegenwärtigen Überhöhung des Diesseits mit ihren destruktiven Folgen hin zu einer Hoffnung, die Diesseits und Jenseits umfasst. Wir sollten uns nicht verunsichern lassen: Religion ist keine Illusion oder Projektion, sondern ein Teil des Lebens und der Wirklichkeit. Bei Milliarden von Menschen ist der Glaube (wie die Liebe oder die Hoffnung) eine psychische Realität, die zur Deutung, zum Verstehen und zur Bewältigung von Lebenssituationen und Lebenssinn beiträgt; als einleuchtend, hilfreich und gut empfunden wird. Insofern ist der Glaube natürlich auch ein Wissen; ein ganz besonderes Erfahrungs- und Lebenswissen, denn jedes Wissen entsteht aus Erfahrung und Deutung. Der Glaube weiß: Was für Kreuz und Auferstehung Jesu gilt, der sein Leben „für uns“ losließ, um es von Gott neu zu erhalten, dürfen auch wir erhoffen: dass Gott uns durch unseren biologischen Tod hindurch Leben schenken wird. Dieses Wissen ist keineswegs überholt, wie seit über 300 Jahren behauptet wird. Vielmehr wird immer deutlicher, dass die Moderne/Postmoderne selbst eine Inszenierung ist. Sie propagiert sich als die überlegene Epoche, weil in ihr die Erkenntnis, das Wissen, die Wissenschaften und der Fortschritt zum Wohle des Menschen eingesetzt werden. Der Historismus, der alles Übernatürliche aus der Geschichte verbannen will und dem Reimarus, Strauss und Bultmann verpflichtet sind, ist ein Teil dieser Selbstinszenierung, indem er behauptet, die modernen Wissenschaften auf dem Gebiet der Geschichte zu repräsentieren, zu entzaubern, indem nun angeblich das wahre Erkennen den Mythos ablöst. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wird jedoch überdeutlich, dass die Moderne selbst ein Mythos ist und genau das Gegenteil von dem bewirkt, was verheißen wurde: Zerstörung statt Fortschritt!

 

Das Kreuz und die Theologie der Religionen

 

Die Kreuzigung des Jesus von Nazareth am 7. April 30 ist auf der einen Seite ein zufälliges historisches Ereignis, auf der anderen Seite als Ausgangspunkt der gesamten neutestamentlichen Theologie ein weltgeschichtliches Datum. Die Erscheinungen des Auferstandenen führten die frühen Zeugen zu der Einsicht, dass der von Jesus verkündigte Gott sich umfassend mit ihm identifizierte, sodass Gott selbst Jesus einen göttlichen Status als Sohn zuerkannte. Jesus verkündigte einen Gott der Liebe, der seine Liebe zum Sohn gerade im Leiden und im Tod erwies. So wurde die Erniedrigung am Kreuz nicht als unangemessen für einen Gottessohn überwunden oder eliminiert, sondern bereits bei Paulus zum maßgeblichen Bestandteil des Gottesbildes. Das Revolutionäre dieses Vorganges war dem Apostel bewusst: „Wir aber verkündigen Christus als Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis, den Völkern eine Torheit“ (1 Kor 1,23). Hier wird nicht weniger als ein völlig neues Gottesbild etabliert! Indem Gott sich mit Jesus identifiziert, identifiziert er sich auch mit dessen Leiden und Tod. Gott und Leiden/Tod sind nun nicht einfach mehr Gegensätze oder unvergleichbare Kategorien, sondern sie werden zusammen gedacht: Gott ist auch im Leiden und im Tod gegenwärtig. Damit erfährt das Konzept des allmächtigen Gottes im Judentum, bei den Griechen/Römern sowie (später) im Islam eine wesentliche Modifizierung, ja sogar Kontrastierung. Was bei Jesus anfing, gilt nun auch für andere und für alle Zeit: Gott erwählt die Schwachen (1 Kor 1,26-29) und weicht dem Leid und dem Tod nicht aus. Dieser völlig neue Ansatz verfügt über großes Deutungspotential, was insbesondere Paulus, Markus, Johannes und der Hebräerbrief zeigen. Krisen, Krankheit oder Sinnleere bedeuten nicht Gottesferne, sondern auch in den schweren und dunklen Seiten des Lebens ist Gott anwesend, das Menschliche ist ihm in keiner Weise fremd. Mit dem Kreuz beginnt somit das christliche Projekt der Humanisierung des Gottesgedankens.

Zugleich markiert das Kreuz aber bis heute den entscheidenden Unterschied des Christentums zu Judentum und Islam, ja zu jeder Gottesvorstellung. Im Alten Testament gibt es zwar viele Hinweise auf Gottes Barmherzigkeit und Liebe (beispielsweise Dtn 7,7f; Ps 86,15; 103,8; 145,8), aber insgesamt dominiert der herrschende, richtende und strafende Gott (etwa Jos 8; Joel 4; Sach 12-14). Auch bei den Griechen ist Gott kategorial von den Menschen geschieden. So fordert Epikur seine Schüler auf, sich eine zutreffende Vorstellung über Gott zu machen: „Erstens halte Gott für ein unvergängliches und glückseliges Wesen, entsprechend der gemeinhin gültigen Gottesvorstellung, und dichte ihm nichts an, was entweder mit seiner Unvergänglichkeit unverträglich ist oder mit seiner Glückseligkeit nicht in Einklang steht“ (Diogenes Laertius 10,123). Für den entstehenden Islam war die Vorstellung, dass Jesus als der nach Mohammed zweitwichtigste Gesandte des einen allmächtigen Gottes von Juden gekreuzigt wurde, natürlich anstößig und unannehmbar. Deshalb übernahm man eine doketische Interpretation der Kreuzigung, die zuvor schon in christlich-gnostischen Kreisen von Bedeutung war. Im Koran, Sure 4,158, wird berichtet, die Juden hätten gesagt: „‘Wir haben Christus Jesus, den Sohn Marias, den Gesandten Gottes, getötet.‘ Sie haben ihn aber nicht getötet, und sie haben ihn nicht gekreuzigt, sondern es erschien ihnen eine ihm ähnliche Gestalt.“ Eine vergleichbare Vorstellung belegt Irenäus, Adversus Haereses I 24,4, für den Gnostiker Basilides (um 130 n. Chr.), der über Simon von Kyrene berichtet: „Der wurde dann aus Unwissenheit und Irrtum gekreuzigt, nachdem er von ihm (Christos) so verwandelt worden war, dass man ihn für Jesus hielt; Jesus selbst hatte die Gestalt Simons angenommen, stand dabei und machte sich über sie lustig. Denn weil er die körperlose Kraft war und der Nous des ungezeugten Vaters, konnte er sich beliebig verwandeln und ist so zu dem aufgefahren, der ihn gesandt hatte, und lachte dabei über sie, da man ihn nicht festhalten konnte und er für alle unsichtbar war.“ Über die Lehre des Kerinth (um 100 n. Chr.) heißt es bei Irenäus, Adversus Haereses I 26,1: „Nach der Taufe ist der Christos von der Gewalt, die über alles herrscht, in Gestalt einer Taube auf ihn herabgekommen. Da verkündigte er den unbekannten Vater und tat Wunder. Zu guter Letzt hat der Christos aber Jesus wieder verlassen. Und Jesus hat gelitten und ist auferweckt worden; der Christos ist aber leidensunfähig.“

In der Gnosis wie im späteren Islam schließt Gottes überragende Gottheit seine wirkliche Menschwerdung und ein echtes Leiden aus. Hier wie dort wird die Kreuzigung Jesu als historische Tatsache einfach geleugnet, weil sie nicht in das theologische Konzept passt. In beiden Fällen dürfte der Platonismus im Hintergrund stehen, für den Menschliches/Weltliches und Göttliches für immer und grundsätzlich kategorial verschieden und geschieden sind. Jede Vermischung wird als Sakrileg angesehen.

Was bedeuten diese grundlegenden Unterschiede für den Dialog der Religionen? Ganz einfach: Sie markieren das Zentrum und zugleich die Grenzen des Dialogs! Das Zentrum, weil es um die Struktur der Gottesbilder geht. Jede Religion muss sich nach der Aufklärung die Frage gefallen lassen: Wie sieht dein Gottesbild aus und wo kommt es her? Die Antwort, es kommt von Gott, reicht nicht aus, denn alles ist historisch bedingt und alles stammt von Menschen. Deshalb müssen die Religionen sich der Zumutung der historischen Präzisierung und damit Relativierung unterziehen. Der historische Vergleich von Religionen ist unumgänglich, um die divergierenden Wahrheitsansprüche aufzunehmen und kritisch zu prüfen. Verweigern sich Religionen diesem notwendigen Schritt, muss man sie als totalitär bezeichnen. Öffnen sie sich, dann wird sich sehr schnell zeigen, dass die Christologie und hier speziell das Kreuz der Streit- und Differenzpunkt ist und bleibt, denn in Kreuz und Auferstehung hat sich Gott zum Gott des Sohnes gemacht!

Das Kreuz bedeutet im Hinblick auf das Christentum: Hier vollzieht sich die Identifikation des ewigen Schöpfers mit seinem Gegenteil, dem sterblichen Geschöpf. Weil Gott dies an Jesus von Nazareth vollzieht und damit dessen Gottesverkündigung legitimiert, wurde er als Sohn in die Gottesvorstellung selbst mitaufgenommen. Die Liebe wird damit unaufgebbar in Gott selbst verankert. Das neue Gottesbild ist dabei aber nicht nur eine Wertidee, sondern es hat sich im Leben, Sterben und der Auferstehung Jesu Christi geschichtlich realisiert und wurde zum Ausgangspunkt einer rasanten historischen Entwicklung. Jesus verkörpert in einzigartiger Weise das Modell von Gott als Liebe, darin besteht seine bleibende Bedeutsamkeit. Das Besondere des christlichen Gottesmodells besteht also darin, dass die denkerische Idee von Gott als Inbegriff der Liebe und des Guten sich in einer historischen Person vollständig realisiert hat. Das Gedachte und das Geschehene fallen in Jesus Christus zusammen. Hier liegt die unaufgebbare Bedeutung der Person Jesu Christi für die Bestimmung des Gottesbildes. Wenn ich ihn aus der Bestimmung dessen, was Gott sein soll, herausnehme – was in weiten Kreisen der Kirche und der Theologie zur Zeit passiert – bekomme ich ein anderes Bild von Gott. Ein Modell, das um seine historische Verifikation gebracht wird; es ist dann jedenfalls nicht mehr der Gott des Neuen Testaments, sondern eine neuzeitliche Selbstinszenierung. Das Neue Testament hingegen vertritt durchgängig einen christologischen Monotheismus, das heißt das Wirken Jesu Christi wird als authentische Auslegung des einen Gottes Israels und der ganzen Menschheit verstanden, die in Kreuz und Auferstehung von diesem Gott selbst beglaubigt wurde. Jesus wird Gott eben nicht einfach untergeordnet, das gesamte Neue Testament insistiert auf der göttlichen Würde Jesu.

Das Kreuz erschien nun im Licht der Auferstehung und war nicht mehr der Ort des Scheiterns, sondern ein Symbol des Lebens. Die Erfahrung der Auferstehung gab den Jüngern und Jüngerinnen Jesu eine neue Perspektive und erlaubte es ihnen, die vorösterliche Bedeutsamkeit des Jesus von Nazareth aufzunehmen und unter nachösterlichen Bedingungen neu zu interpretieren. Jesu Verkündigung wurde als authentische Gottesauslegung verstanden, die Gott selbst in Kreuz und Auferstehung beglaubigte. Der Kern der neuen Selbst- und Weltsicht lautet: Gott ist so, wie Jesus ihn in seiner Lehre, seinem Leben und seinem Sterben ausgelegt hat. Diese Einsicht und die Erfahrungen des Wirkens des Heiligen Geistes setzten nicht nur einen vielfältigen Interpretationsprozess in Gang, sondern führten auch zu einer neuen soziologischen Größe: der Gemeinde der Getauften und Glaubenden, die von Jerusalem aus das Kreuz als Symbol des lebendigen und liebenden Gottes in die ganze Welt hinaustrugen.

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