I.
Als Metaphysik gelten letzte Fragen menschlicher Erkenntnis und Existenz. Letzte Fragen sind immer auch erste Fragen, also Fragen des Ursprungs, des Herkommens, der Natur. Es sind die Fragen nach den Prämissen, nach unverrückbaren Axiomen, es geht um Vorannahmen und Verständigungshorizonte. Die Physik ist kein Gegenbegriff, sondern jene Referenz, die sich mit der real zugänglichen Welt der Gegenstände, der Natur befasst, die sich an Fakten hält, an das, was wir anfassen und ausprobieren können. Die Beziehung könnte eine säkularisierte Spiegelung von Jenseits und Diesseits sein.
Jede menschliche Sozialform, jede Kultur hat einen Standort für metaphysische Fragen, auch wenn der Begriff als solcher nicht auftaucht. Nicht nur für Schopenhauer ist der Mensch ein „animal metaphysicum“. Die politische Aufklärung des 18. Jahrhunderts und auch das aus dem Rationalismus hervorgehende naturwissenschaftliche Weltverständnis bekämpfen aktiv oder verdrängen einfach funktionell durch ihren Erfolg die Metaphysik, reservieren die Wissenschaft als Raum, der frei ist von metaphysischer Spekulation. Die Aufklärung und der Szientismus der naturwissenschaftlich-technischen Welt des 19. Jahrhunderts verlassen sich stattdessen auf die Logik der Forschung, auf das Experiment, die zweiwertige Logik und die Falsifizierbarkeit von Aussagen als Prüfsteine für Wahrheitsurteile, auch für unbestreitbare Aussagen über Mensch und Natur. Vernunft wird mit empirisch zugänglichem Wissen gleichgesetzt. Spekulative Philosophie, religiöser Glaube, das sensorisch offene, das kontemplative Hineinhorchen in die Natur werden an die Peripherie verbannt.
Keine Zivilisation hat die wissenschaftliche und technische Beherrschung der Natur so sehr in den Mittelpunkt gerückt und zum System erhoben wie die europäische seit dem Ausgang des Mittelalters. Die Neuzeit war eine von Europa ausgehende Epoche, die den gesamten Globus zu einem Raum für Eroberungen machte, die den letzten Winkel entdecken, ausmessen, ausleuchten, nutzen und gestalten wollte. Der Kolonialismus schien den Europäern zwischen dem 16. und dem frühen 20. Jahrhundert als selbstverständliche Form der Nutzbarmachung, aber auch die Zivilisierung einer Welt, die diesen Weg des Fortschritts und der Weltaneignung noch nicht beschreiten konnte.
II.
Als Europa 1945 in Trümmern lag, ging das nicht spurlos am ideellen Selbstbewusstsein vorbei. Der alte Kontinent hatte nach zwei verheerenden Kriegen seine Zentralität eingebüßt. Er war selbst zum Zivilisierungsfall geworden, hatte in tiefste Abgründe der Barbarei geschaut. Jetzt blickten viele zurück an den Anfang, manche entdeckten mit Rechtsphilosophen wie Hans Welzel oder Gustav Radbruch das vom Rechtspositivismus und politischen Dezisionismus längst abgeschriebene Naturrecht wieder.
Die deutsche Verfassung von 1949, unser Grundgesetz, verfasste nicht wie die Weimarer Verfassung allein die demokratische, die soziale Republik, sondern sie stellte den einzelnen Menschen mit seinen angeborenen Rechten in den Mittelpunkt: stolz und frei, aber auch in seiner Verletzlichkeit und Hilfsbedürftigkeit. Die ebenfalls demokratische Weimarer Reichsverfassung von 1919 griff auf die Aufklärung zurück, das Bonner Grundgesetz wollte hier nichts dementieren, aber als posttotalitäres Dokument doch noch viel tiefer schöpfen. Es schöpft aus den Quellen des neuzeitlichen Menschenbildes, aus dem das normative Weltbild wächst. Das Grundgesetz greift mit seiner Prämisse der Würde des Menschen zurück zum christlich eingebetteten Renaissancehumanismus. Und es verweist auf die metaphysischen Urgründe als Horizont – im Gottesbezug der Präambel ebenso wie mit der Dignitas Humana des ersten Artikels. Das Grundgesetz ist keine allein technische Verfassung, sondern eine post- und antitotalitäre Werteordnung. Es wendet sich gegen Kollektivismus und Staatsgläubigkeit, gegen totalitäre Meisterdenker und gegen Untertanengeist.
Wenn stattdessen der einzelne Mensch in den Mittelpunkt der Rechtsordnung rückt, heißt das aber auch wiederum nicht, dass der Mensch und sein Verstandesvermögen, seine Interessen und Bedürfnisse das Letzte und das einzig Maßstäbliche wären. Die Kompassnadel der Vernunft braucht den magnetischen Pol außerhalb des eigenen Blickfeldes. Niemand hat in der Theologie der vergangenen Jahrzehnte anspruchsvoller und prägnanter den dialektischen Zusammenhang zwischen Glauben und Vernunft deutlich gemacht als Josef Ratzinger, Papst Benedikt XVI. Für ihn wendet sich das Christentum nicht gegen den Gott der Philosophen, der für das reine Sein und das reine Denken stand, dessen Ewigkeit und Unveränderlichkeit wie die Mathematik jede Beziehung zum Veränderlichen und Werdenden ausschließt. Der christliche Glaube in dieser Interpretation will nicht die Rückkehr zum Mythos, nicht hinter die klassische Philosophie zurück, sondern etwas vervollkommnen, was ohne Glaube trotz aller menschlichen Anstrengung unvollkommen bliebe. Der Glaube ergänzt die Vernunft, und zwar mit Lebendigkeit, durch die Dornbusch-Erfahrung mit Leidenschaft gefüllt, mit der Flamme schöpferischer Liebe und des Dialogs mit den Menschen, der das Beten erlaubt und den Ratzinger auf die dialogische Struktur Gottes selbst zurückführt.
III.
Wenn die Präambel des Grundgesetzes die verfassungsgebende Gewalt des Deutschen Volkes in die „Verantwortung vor Gott und den Menschen“ stellt, meint sie unzweideutig den methodischen Humanismus als Achtung der Person und die Selbstachtung der Gattung. Zugleich konzediert die Präambel aber auch das Transzendente, den metaphysischen Urgrund, ohne deswegen theokratisch zu werden. Der Gottesbezug ist gewiss eine Formel der Demut, mehr aber noch ein reflektierender Akt der Selbsterkenntnis. Er macht die Grenzen menschlicher Vernunft deutlich, auch die Grenzen menschlicher Gestaltungsmacht und erinnert an die Angewiesenheit auf den unerforschlichen Horizont, der immer jenes ausgreifende Europa geschichtlich kennzeichnende Momentum austariert. Ausgleichendes Gewicht bedeutet insofern die Mahnung, die Grenzen menschlicher Erkenntnisfähigkeit in die Praxis einer Selbstbegrenzung und Selbstgenügsamkeit einfließen zu lassen, für die der Begriff der Metaphysik oder eben auch der Begriff Gottes einen Erinnerungspunkt setzt.
Die Freiheit des einzelnen zur Entfaltung seiner Persönlichkeit markiert die großartige selbstexpansive Idee, wie sie Giovanni Pico della Mirandola in seiner Schrift des späten 15. Jahrhunderts zur Würde des Menschen formuliert hat: „Du kannst zum Niedrigen, zum Tierischen entarten; du kannst aber auch zum Höheren, zum Göttlichen wiedergeboren werden, wenn deine Seele es beschließt.“ Auch eine solche optimistische Idee der Freiheit, die unhintergehbar im menschlichen Willen ihren letzten Grund findet, braucht als konstruktiven Widerpart das Andere, den jenseits der eigenen Verfügbarkeit liegenden letzten Grund, gerade damit sie als individuelle Freiheit wirksam bleiben kann. Entsprechendes gilt für die Demokratie als gemeinsame Selbstentfaltung. Auch sie ist auf das Andere, das Unzugängliche angewiesen, muss ihre Grenzen erkennen, um sittlich geleitet in die Welt ausgreifen zu können.
Das Besondere am europäischen Weg und am westlichen Gesellschaftsmodell kann nur verstehen, wer den evolutionären „Trick“, die scheinbare Paradoxie hinreichend würdigt, mit dessen Hilfe Freiheit im modernen Sinne überhaupt möglich wird. Zur Freiheit gelangt alles nur durch mehr selbst auferlegte Bindung. Die Biologie weiß: Ohne Fähigkeit zur Restriktion keine Evolution und keine Extension. Die Fähigkeit zur Selbstbegrenzung, zur Achtung des Anderen, zum Erkennen der Pflicht, das Gewissen, die begrenzten und begrenzenden Institutionen: All das ist Bedingung einer Freiheit, die durch Abstreifen der äußeren Fesseln in einem Akt der Selbstkonstituierung entsteht.
IV.
Wer auf die europäische Integrationsgeschichte schaut, wird sehen, dass die Wege zur Einheit seit Beginn der Fünfzigerjahre nicht nur Tribute an politische Pragmatik und an die konkrete Machbarkeit bei der Verwirklichung von Ideen zu leisten hatte, sondern auch im geistigen Duktus der Aufklärung erster Ordnung ein metaphysisches Defizit erzeugte, unter dem Europa bis heute leidet. Obwohl nach 1945 eine politische Evidenz zur Einheit Westeuropas im sich anbahnenden Kalten Krieg und nach den Ergebnissen des europäischen Nationalismus bestand, kam die für die politische Zustimmung notwendige kritische Masse für das Projekt der europäischen staatlichen Einigung nicht zustande. Nach dem Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG), die konzeptionell mit einer europäischen politischen Gemeinschaft (EPG) und damit der Vorstufe eines Bundesstaates verbunden werden sollte, hatten die sechs Gründerstaaten die Einheit auf eine Wirtschaftseinheit zurückgeführt. Der gemeinsame Wirtschaftsraum sollte zum gegenseitigen Nutzen Zölle und Handelshemmnisse abbauen, mit wirtschaftlichen Grundfreiheiten grenzüberschreitende Mobilität fördern und auf diesem wirtschaftlich-funktionellen Wege einen politischen und kulturellen Mehrwert erzeugen, der dann in der Zukunft schrittweise zu einer politischen Union führen sollte.
Wir nennen das im Europarecht das „Prinzip der funktionellen Einigung“ und die entstandene neue politische Herrschaftsform eine „supranationale Organisation“. Die funktionelle Einigungsidee überführte den alten Interessenstreit zwischen Staaten in zivile und institutionell wohlgeordnete Formen. Die Staaten blieben souverän, ihre nationalen öffentlichen Kommunikationsräume konnten so französisch, deutsch oder italienisch bleiben, wie sie es seit Langem waren. Zugleich wurde aber die mitgliedstaatliche Politik europäisch pädagogisiert und gleichsam erzogen. Sie mussten sich gemeinsamen Regeln unterwerfen, sich an die kühle Logik des gemeinsamen Marktes anpassen und das Regieren nicht allein national, sondern auch europäisch gemeinschaftlich verstehen. Die großartige Kraft der funktionellen Einigungsidee mit ihrer innovativen supranationalen Logik lag darin, den politischen Wirtschaftsegoismus der Nationalstaaten, wie er seit dem der Merkantilismus gepflegt worden war und wie er sich als ewige Antriebsquelle für Konflikte und Kriege erwiesen hatte, an der Wurzel zu bekämpfen.
Die Dynamik der immer engeren Union wurde sozialtechnisch auf den Weg gebracht und dann das erfolgreiche Modell in den achtziger Jahren mit gemeinsamer Justiz-, Innen- und Asylpolitik sowie durch die Währungsunion auf das Gleis klassischer Staatskompetenzen gesetzt und damit die politische Union, des Maastrichter Unionsvertrages ins Leben gerufen. Genau an der Stelle wurde aber allmählich sichtbar, dass auch eine gut funktionierende, sozialtechnisch ambitionierte Einigungsidee auf sozio-kulturelle Voraussetzungen angewiesen bleibt, die in den Mitgliedstaaten aufgrund von historischer Erfahrung, sprachlicher Prägung, alltagskultureller und religiöser Besonderheiten bestehen, und die nicht einfach zum Gegenstand einer harmonisierenden Richtlinie aus Brüssel gemacht werden konnten. Solch sperrige Kräfte wurden aus der Sicht der Funktionseliten mitunter als lästige und durch gemeinsame Willensanstrengung überwindbare Hindernisse angesehen.
Doch die Währungsunion und die gemeinsame Asylpolitik im Schengen- und Dublin-System erwiesen sich neben allen Erfolgen gerade unter Druck und Herausforderungen auch als Überdehnung der Möglichkeiten funktioneller, rechts normativ verbindlich gemachter Einigungsprojekte. Die europäisierte Verrechtlichung staatlich genuin gedachter Kompetenzen machte das Legitimationsdilemma der Supranationalität offenbar, weil sie tief in den politischen Primärraum der Staaten über Fiskaldisziplin im Rahmen der Währungsunion oder Aufnahmeverpflichtungen im Rahmen einer gemeinsamen Asylpolitik eingriffen.
V.
Ein Ergebnis dieser Überspannung sozialtechnischer Potenziale ist die Entstehung oder Verstärkung populistischer Bestrebungen, die praktisch in allen westlichen Demokratien mit fortschreitender Globalisierung und wirtschaftlicher Dynamisierung auftreten. Der rechte wie der linke Populismus versprechen nicht nur einfache Lösungen in einer komplex gewordenen Welt, sondern sie versuchen auch das Herz zu wärmen jenseits zweckrationaler Imperative. Der rechte Populismus hält am Ziel einer kulturell und ideell homogenen Nation als metaphysischen Bezugspunkt auch an der individuellen Freiheit fest, er wirkt deshalb schon auf den ersten Blick rückwärtsgewandt. Es gibt aber auch einen linken Populismus, der politisch überzogen gegen die Logik offener Märkte und die Funktionsmechanismen des Wettbewerbs regieren will und nicht wie das Konzept der sozialen Marktwirtschaft mit einer intelligenten Steuerung der Marktkräfte operiert, um sie am Maßstab der Entfaltungsfreiheit, der Chancengerechtigkeit und des Wohlergehens der Bürger zu nutzen.
Beide Seiten beteuern, die wahre Demokratie zu verteidigen: als homogene (Volks-)Gemeinschaft oder als klassenbewusste Solidargemeinschaft, und zwar gegen den offenen, integrationsbereiten Staat oder gegen die global vernetzte Wirtschaft mit Markt und Wettbewerb. Die Wärmestuben des Populismus, ihre manchmal aufreizende Sprache, die sich an Leidenschaften, Evidenzerlebnissen der Ungerechtigkeit, an wirklichen oder vorgeblichen Skandalen entzündet, sind mit ihrem partiellen, aber doch beunruhigendem Erfolg zugleich ein Symptom für das metaphysische Defizit in westlichen Gesellschaften. Wir sollten nicht vergessen, was in die totalitären Verführungen des 20. Jahrhunderts in ihrem übersteigerten Nationalismus, im Faschismus und Kommunismus angerichtet, wie sie das Menschliche gequält, gefoltert und gemordet haben.
VI.
Wie also kann eine aufgeklärte Gesellschaft, solche Risiken erkennend, lernen und reagieren? Wie kann Europa sein metaphysisches Defizit ausgleichen? Wer diese Diskussion mit Aussicht auf Erfolg führen will, muss sich der üblichen politischen Rechts-Links-Mechanik entziehen. Jemand, der für die Stärkung der sozialen Marktwirtschaft streitet, ist nicht per se links und wer an die antiken und christlichen Wurzeln Europas erinnert, ist nicht per se rechts. Löst man sich von politisch oktroyierten Denkblockaden, wird man erkennen, dass die öffentliche Wahrnehmung der westlichen Gesellschaften sich allzu lange sozialtechnisch verengt hat und den Raum des Metaphysischen aus der Öffentlichkeit ins Private verbannt hat. Kirchen sind heute zwar anerkannte Verbände, die in Rundfunkräten, auf politischen Podien und den Ethikkommissionen durchaus nicht nur geduldete, sondern auch erwünschte Akteure sind. Aber das gilt im Wesentlichen nur, solange sie nicht allzu sperrig in ihrem Glaubensbekenntnis oder in ihren ethischen Positionen sind, sondern sich politisch anschlussfähig artikulieren, am besten nahe an den herrschenden aktuellen Werteinstellungen und Auffassungen. Nicht so sehr der Eigensinn und das Andere der Religion sind gefragt, sondern eher funktional passgenaue Aussagen und Bestätigungen. Im öffentlichen Meinungsraum mit seinen einfachen Rezeptionsstrukturen von Gut und Böse, Richtig und Falsch, mit der Vorliebe für einfache populäre Symbolik wird eine Theologie wie die des emeritierten Papstes schlicht nicht verstanden. Die Kirchen sollten deshalb klug und auf der Hut sein, sich nicht im Übermaß in die genuinen Operationen des politischen Systems zu begeben, denn sie müssten ihr Wesen verändern, um hier dauerhaft erfolgreich und anschlussfähig zu sein. Christliche Gehalte, die politisch adaptiert werden, mag man als Erfolge oder gar als Zeichen der Glaubensgewissheit deuten, aber sie verändern in der Mechanik der Macht ihren Charakter. Der Glaube, auch und gerade wenn er politischer Macht leuchten und die Welt mit gutem Grund kritisch begleiten will, muss doch im Kern darauf bestehen, nicht politisch zu sein.
Hier liegt ohnehin ein tieferes Problem von struktureller Affinität und systematischer Differenz. Ohne die jahrtausendealte Dialektik von Vernunft und Glaube ist das europäische Gesellschaftsmodell nicht nachhaltig und kann sich nicht wirklich überzeugend erklären. Die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts betont, dass der Einzelne im Mittelpunkt der Rechtsordnung steht, der einzelne Mensch Träger der Würde ist, niemals zum Ding werden darf, herabgewürdigt zur bloßen Verfügungsmasse, zu Material und zum bloßen Objekt. Aber wo kommt eine solche Vorstellung her, wo findet sie ihre metaphysischen Wurzeln?
Für Josef Ratzinger kommt diese Vorstellung aus dem Christusglauben, wie er schreibt: „Das aber bestätigt noch einmal den unendlichen Vorrang des Einzelnen vor dem Allgemeinen. Dieses früher entwickelte Prinzip zeigt sich hier wiederum in seinem ganzen Gewicht. Die Welt bewegt sich auf die Einheit in der Person zu. Das Ganze erhält seinen Sinn vom Einzelnen und nicht umgekehrt. Dies einzusehen rechtfertigt auch noch einmal den scheinbaren Positivismus der Christologie, jene für die Menschen aller Zeiten so skandalöse Überzeugung, die einen Einzelnen zur Mitte der Geschichte und des Ganzen macht. (…) Wenn es wahr ist, daß am Ende der Triumph des Geistes steht, das heißt der Triumph der Wahrheit, Freiheit, Liebe, dann ist es nicht irgendeine Kraft, die am Schluss den Sieg davon trägt, dann ist es ein Antlitz, das am Ende steht. Dann ist das Omega der Welt ein Du, eine Person, ein Einzelner. Dann ist die allumfassende Komplexion, die unendlich alles umfassende Vereinigung, zugleich die endgültige Verneinung alles Kollektivismus, die Verneinung jedes Fanatismus der bloßen Idee, auch einer sogenannten Idee des Christentums. Immer hat der Mensch, die Person, den Vorrang vor der bloßen Idee.“
VII.
Was könnte dieser aus dem Christusglauben theologisch begründete methodische Humanismus bedeuten, was heißt das für die Zukunft der Europäischen Union? Es heißt vielleicht, dass die Überschätzung politischer Gestaltungsmacht mit finanziellen und rechtlichen Mitteln bis in private, vielleicht sogar intimste Lebensverhältnisse hinein regulieren zu können, eine ernste Gefahr für die ideelle, die angemessene metaphysische Grundlage Europas ist. Denn der methodische Humanismus verlangt scheinbar gegensätzliche Anstrengungen: Der Mensch soll über sich hinauswachsen, lernen, suchen, sich bilden, und mutig sich binden, dabei den jeweils Anderen und den Nächsten als das Spiegelbild seiner selbst und zugleich als Spiegel des Göttlichen achten. Die politische Gemeinschaft schafft dafür einen Entfaltungsrahmen, eine Infrastruktur der Freiheit, reicht die Hand den Hilfsbedürftigen.
Wenn eine Gesellschaft vielfältiger, aber auch spannungsgeladener oder sogar gewaltbereiter wird, wenn sie sittlich ihre Orientierung verliert, entstehen neue Anforderungen an die Rechts- und Friedensordnung. Aber die politische Gemeinschaft kann und darf keinen neuen Menschen unter Einsatz der zu Verfügung stehenden Mittel herbei regulieren; sie ist auf den langen Weg von Bildung, Erziehung, Motivation und Abbildung der Leistungsgerechtigkeit wie der helfenden Aktivierung in Sozialstrukturen verwiesen. Politik muss den Eigensinn und die Freiheit achten, sonst bleiben die Beteuerungen der Vielfalt bloße Lippenbekenntnisse. Die von der Kirche immer wieder angemahnte Subsidiarität hat starke politische Leuchtkraft, denn vielen leuchten immer nur die zentralen und eben die politischen wie rechtlichen Lösungen ein.
Bei aller charakteristischen funktionellen Einigung und globalen Mobilisierung haben wir indes zu wenig Aufmerksamkeit auf Grunderfahrungen menschlicher Existenz gerichtet, die in der Nähe der Familie, der Liebe und in Gemeinschaften entstehen. Im alltagsweltlichen Raum, angefangen von der Liebesbeziehung junger Menschen bis zur aufopfernden Pflege des gebrechlichen Ehepaares lebt die unmittelbare Nähe und Erfahrung des Anderen wie des eigenen Selbst, also ursprüngliche Sozialität. Die für alle Menschen gleichbemessene Nähe zu Gott stiftet ebenfalls originäre Gemeinschaft und nicht so sehr die kühlere gesellschaftliche Assoziation. In ursprünglicher Gemeinschaftsbildung entsteht etwas, das nicht immer weiter verrechtlicht, politisiert, ökonomisiert oder auf öffentliche Einrichtungen externalisiert werden kann.
Die technischen, wirtschaftlichen und politischen Imperative der westlichen Gesellschaftsformation werden ihre Überzeugungskraft und ihre Wirkung auf Dauer nur dann erhalten können, wenn jene andere Welt lebendiger Erfahrung, des weiteren Sinnhorizonts, des Unerforschlichen und des Schicksalhaften nicht völlig verbannt wird. Wenn das Metaphysische nicht als Esoterik, als Mythos oder gar als eine aus den Fugen geratene Leidenschaft ideologischer Destruktion zurückkehren soll, dann kommt es auf die Wiedergewinnung jener spannungsreichen, aber letztlich konstruktiven Beziehung von Glaube und Vernunft an, die Benedikt sein Leben lang angemahnt hat. Nicht ein bevormundendes Europa, das paternalistisch mit sozialtechnischen Allmachtsphantasien und ohne institutionelles Feingefühl agiert, ist unsere Zukunft, sondern ein Europa der vernünftigen Balance. Ein Europa des rechten Maßes, des pragmatischen Augenmaßes und eines, das seine kulturellen und religiösen Wurzeln kennt, sein Herkommen, die Möglichkeiten und Grenzen seiner materiellen Potenziale. Die Zukunft liegt in einem Europa, das seine normative Signatur zwischen persönlicher Freiheit, der Gleichheit vor dem Gesetz und des demokratischen Zusammenhalts, getragen von der Dignitas Humana als grundlegende geistige Kraft kennt und zugleich Respekt zeigt vor jenen spirituellen Quellen der Zivilisation, die sich ihren verschlungenen Weg gebahnt hat durch mehr als zwei Jahrtausende der spannungsreichen Ambivalenz von Glaube und Vernunft.