Ich begrüße dieses von der Katholischen Akademie Bayern, der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI. Stiftung und dem Papst Benedikt Institut angeregte gemeinsame Nachdenken über das Thema „Europa – christlich?“, weil es eine Hoffnung ausspricht, der wir uns anvertrauen können und dürfen, und daher habe ich die Einladung zu dem Gespräch sehr gerne angenommen. Angesichts meiner jahrzehntelangen Verbundenheit mit der Ökumene nehme ich auch gerne die Gelegenheit wahr, auf das Thema zu antworten und damit meine eigene ökumenische Berufung zu verknüpfen.
I.
Die fortdauernde Trennung unter den Kirchen wurde damals und wird auch heute noch als Skandal beklagt und als Schuld bekannt. Im festen Willen beieinander zu bleiben und zusammenzuwachsen gilt für die Ökumene – nach wie vor – die Pluralität der Konfessionen zu akzeptieren, als zentrale Verpflichtung bei der Suche nach Einheit der getrennten Kirchen. Schmerzhafte Erinnerungen sollen durch Buße, Vergebung und Bereitschaft zur Revision beidseitiger Bilder verarbeitet und geheilt werden.
Die Kirche ist im Hinblick auf das kommende Reich Gottes berufen, ein Zeichen für die zukünftige Einheit der Menschheit zu sein. Aber unsere moderne säkulare Gesellschaft – manche nennen sie eine zerrissene Welt – vernimmt diese Berufung der getrennten Christenheit heute mit Skepsis und verweist auf eigens hervorgebrachte Mittel der Vereinigung, die oft wirksamer erscheinen. Dem Außenseiter seinerseits erscheinen die Kirchen ihrerseits zu schwach, irrelevant und zu sehr mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt.
Gott hat indessen bereits in der Geschichte das Werk des Einsammelns begonnen. Sein jetzt für uns noch verhülltes mystisches Werk erreicht seine Vollendung, wenn es am Ende aller Zeiten schließlich enthüllt wird. Das Ziel der ökumenischen Suche nach voller Gemeinschaft ist erreicht, wenn alle Kirchen einander die Kirche Christi als einen Leib erkennen können. Von Anfang an war es die Rolle der Orthodoxen innerhalb der Ökumene, Zeugnis abzulegen für die Existenz und Tradition der ungeteilten Kirche der ersten Jahrhunderte. Die Einheit der Kirche manifestierte sich im 1. Jahrtausend schon derartig, dass sie reichlich Raum geboten hat für Verschiedenheit und offene Gegenüberstellung unterschiedlicher Interessen und Überzeugungen. Für die Ökumene ergibt sich die Verpflichtung, immer neu diesen Raum zu öffnen, damit der Geist Gottes unter uns wirken kann. Unsere suchende Welt soll ja ohne Schaden die gute Nachricht des Evangeliums hören.
Im Rahmen der ökumenischen Verantwortung steht für die einen die Bemühung um kirchliche Einheit eindeutig im Vordergrund, für die anderen ist aber die Ausrichtung auf das christliche Zeugnis und den Dienst in der weltweiten Ökumene von vordringlicherer Bedeutung. Die Spuren der Spannungen in der Geschichte der ökumenischen Bewegung sind keineswegs verschwunden, jedoch ein tieferer Blick in die ökumenischen Vertrautheiten der Orthodoxen, Katholiken und Christen der reformatorischen Tradition lassen erkennen, dass die ökumenische Bewegung über ein beachtliches Potential an Konfliktbearbeitung verfügt.
Wird es nun der Ökumene im Blick auf Europa im 21. Jahrhundert gelingen, die tief liegende Spaltung zwischen den christlichen Konfessionen zu überwinden und die drei Traditionen des Katholizismus, der Orthodoxie und der reformatorischen Kirchen zusammenzubinden? Wird der Dialog zwischen den drei großen christlichen Traditionsströmungen, welche doch die europäische Geschichte und Kultur so sehr bestimmt haben, fruchtbar werden? Sehen sich Christen von heute in der Lage, über die Bedeutung ihrer Mitarbeit in der Ökumene Auskunft zu geben? Wie setzen wir uns in einer stark pluralistischen Welt gemeinsam als Kirchen für die Ökumene als Mission und Evangelisation ein?
Bevor ich auf diese zentralen Fragen eingehe, sei die im Jahre 1920 vom Patriarchat Konstantinopel veröffentlichte Enzyklika „An die Kirchen Christi in der ganzen Welt“ vorausgestellt. Es handelt sich um ein Dokument der Orthodoxen Kirche, dass die Orthodoxen bei der Gestaltung der modernen ökumenischen Bewegung eine führende Rolle spielen sollen. Wenn auch manche Orthodoxe dieser Einsatzbereitschaft mit Zurückhaltung begegneten, so war es einer der berühmtesten und verehrtesten orthodoxen Theologen des 20. Jahrhunderts, Vater Georgij Florovskij, der sich als Sprecher der Orthodoxie in der ökumenischen Gemeinschaft durchsetzte. Für Florovskij stellt die Teilnahme am ökumenischen Gespräch „eine Verpflichtung dar, die dem Kern des orthodoxen Selbstverständnisses entspricht“. Solch eine Teilnahme wäre keine Revolution in der Geschichte der Orthodoxie, sondern eine natürliche Konsequenz des beständigen Betens der Kirche für die Einheit aller. Die orthodoxe Kirche muss in Angelegenheiten, die mit der Förderung der christlichen Einheit in der heutigen Welt zu tun haben, einen zentralen Platz einnehmen. Auch die Kirchenväter, mahnt Florovskij, strebten danach, den apostolischen Glauben an neue geschichtliche Gegebenheiten und lebensnotwendige Herausforderungen anzupassen. Florovskij war auch einer der Autoren der bedeutenden 1950 verabschiedeten Toronto-Erklärung, die manche orthodoxe Bedenken an der Notwendigkeit der Ökumene ausräumte. In der Folgezeit, als auch viele Orthodoxe in den Westen emigrierten, begann eine gewaltige Arbeit in interkirchlichen Institutionen, die heute zu Beginn des 21. Jahrhunderts in einem dichten Netz verflochten sind. Dieses dichte Netz will ein Raum sein, in dem sich die ökumenischen Suchprozesse der Orthodoxen, Katholiken und Christen der reformatorischen Tradition entwickeln sollen. Durch eng verknüpfte, auf einander bezogene Strukturen soll zur Koordination ökumenischer Aufgaben der heutigen Zeit das Bewusstsein zu wechselseitiger Verantwortung und Rechenschaftspflicht verstärkt werden.
II.
Während sich der Einigungsprozess auf internationaler Ebene durchsetzt, muss sich Vergleichbares in den zwischenkirchlichen Beziehungen entwickeln. In einer Phase der Suchbewegung nach tragfähiger Ordnung für das Zusammenleben der europäischen Gesellschaften und Kulturen hinkt eine gespaltene Christenheit noch zu sehr hinter der internationalen Gemeinschaft her. Sollen denn die Kirchen aus ihrer wechselseitigen institutionellen Isolierung herausgerufen werden? Soll dies vom Staat oder von der Gesellschaft her geschehen? Ist dies nicht Sache der Kirchen selbst?
Vor unseren Augen können wir den fortschreitenden Prozess einer Entkirchlichung der Gesellschaft miterleben, in der sich Menschen auf das Leben in einer multikulturellen, komplexen und pluralen Welt einstellen. Im veränderten europäischen Kontext sollte das Kirchesein nicht als totale Ablehnung des Prozesses der Globalisierung wahrgenommen werden, sondern geradezu als Kraft der Transformation, auf der gemeinsamen Suche nach einer lebensfähigen menschlichen Gemeinschaft und im steten Bemühen um Bewahrung der Schöpfung. Die Ökumene muss jetzt ihre Chance wahrnehmen, aktiv den Prozess des geschichtlichen Wandels mitzugestalten.
Das frühere Vertrauen in den unaufhörlichen Fortschritt, als könnten Wissenschaft und Technologie für jedes erdenkliche Problem eine Lösung finden und allein für die Ordnung der Gesellschaft verantwortlich sein, nimmt ab. Im beschleunigten Prozess der Globalisierung mit all seinen Auswirkungen für den kulturellen und moralischen Zusammenhalt der Gesellschaft suchen immer mehr Menschen nach umfassender Sinngebung und nach spiritueller Verwurzelung in der Gemeinschaft.
Wachsende konservative und fundamentalistische Tendenzen unter Kirchengliedern erschweren die Ausweitung und Vertiefung ökumenischer Gemeinschaft. Die christliche Ökumene müsste aber doch als Modell für die weltweite menschliche Gemeinschaft dienen! Das Engagement für die Ökumene erfordert daher auch theologische Überlegungen zu unserem Thema, zur Klärung der Grundlagen ökumenischer Bemühungen.
Ion Bria, ein rumänischer Ökumeniker aus Genf, wurde bekannt als Organisator zahlreicher Konsultationen und Autor einiger Niederschriften zum Thema „Verständnis der missionarischen Berufung der Kirche“. Bria verknüpft Ökumene mit Mission und unterstreicht das Ethos der orthodoxen Mission als eine „Liturgie nach der Liturgie“, als Fortsetzung der Eucharistie in der Kirche im alltäglichen Leben der Gläubigen. Für Bria ist die Eucharistie kein Selbstzweck, sondern Dienst für die Auferbauung des einen Leibes Christi.
Die Liturgie ist a) die Versammlung des Volkes Gottes und b) das Aussenden der Gemeindemitglieder, um in der Welt wahrhaftige Zeugen der Liebe Gottes zu sein. Also beruht die Mission der Kirche auf der ausstrahlenden und verwandelnden Kraft der Liturgie. Die Liturgie bestimmt das geistliche Zeugnis eines jeden Christen. Das sichert auch der Ökumene die nötige Spiritualität und schützt gegen Entmutigung und Ökumenemüdigkeit.
Dieser bedeutende orthodoxe Beitrag der Liturgie nach der Liturgie wurde von Vater George Tsetsis, ebenfalls aus Genf, und Herrn Papaderos von der orthodoxen Akademie auf Kreta noch erweitert. Diese beiden Theologen gehen von dem einigenden Faktor der Liturgie aus, dem liturgischen Prinzip, um auf die ökumenische Berufung und den Dienst an Welt/Kultur/Politik/Menschen als liturgische Diakonie hinzuweisen. Ökumenische Bemühung sei keine Pflicht oder moralische Haltung gegenüber der Misere unserer zerstrittenen Welt, etwas Zusätzliches zu unserer Gemeinschaft in Christo, sondern echter Ausdruck unserer heiligen eucharistischen Gemeinschaft, eben Brias Liturgie nach der Liturgie. Die Herausforderungen der Ökumene würden dann zum Segen, wenn wir uns immer wieder zur Liturgie, zu Christo selbst zurückwenden, in dem die Kirche ihr Sein und ihre Aufgabe hat. Daraus strömt die Mission der Kirche als Leib Christi, der ganzen Welt das Evangelium zu bringen. Gott Vater sendet seinen eigenen, geliebten Sohn, um alles mit sich zu versöhnen und durch den Heiligen Geist zu vereinigen. Es ist Gottes Wille von Ewigkeit her, alle Dinge in Christo zu vereinigen.
Tsetsis und Papaderos gehen geradezu auf orthodoxe Vorurteile ein, wo angeblich die horizontalen Aktivitäten (sozial-politischen) die vertikalen Dimensionen (theologischen) an den Rand drängen. Jeder Versuch, die beiden Dimensionen der Einheit und der Mission voneinander zu trennen, verletzt die Ganzheit des Dienstes Christi an der Welt. Beide Gebote gehören zum Wesen der Kirche als Leib Christi.
Diese theologischen Überlegungen waren äußerst wichtig, um die Ausweitung und Vertiefung ökumenischer Gemeinschaft angesichts der Herausforderungen der modernen Gesellschaft zu verstehen. In der Ökumene wurde das orthodoxe Zeugnis dankbar und sehr nachhaltig aufgenommen. Die theologischen Gedankengänge und Begriffsunterscheidungen gaben auch besonders den Orthodoxen der europäischen Diaspora Zusammenhalt und Impulse für den weiteren ökumenischen Weg.
Heute befasst sich der griechische Metropolit Johannes Zizioulas in der Ökumene mit der kritischen Aufarbeitung der traditionellen theologischen Positionen, von denen sich die Orthodoxen bisher in ihrer Beteiligung an der ökumenischen Bewegung haben leiten lassen. Für Zizioulas stellt dies eine Herausforderung an die Orthodoxie selbst dar.
Im Zusammenhang mit der ökumenischen Diskussion zur gegenseitigen Anerkennung der Taufe wirft Zizioulas die Frage auf, inwiefern dies auch eine Anerkennung von Ekklesialität auf Seiten der nicht-kanonischen Gemeinschaft zur Folge haben müsse. Zizioulas schließt sogar nicht aus, dass der ökumenischen Bewegung eine ekklesiologische Bedeutung zugesprochen werden könnte: alles, was zur Auferbauung des Geheimnisses der Kirche beiträgt, was dem Leben und der Einheit der Kirche zur Anerkennung und Erfüllung verhilft, ist von ekklesiologischer Bedeutung. Seine kritische Anfrage gehört zur Debatte, ob die Ökumene in der säkularisierten Welt nicht zu einer rein weltlichen Organisation werden wird.
Der ehemalige russische Metropolit von Smolensk und jetzige russische Patriarch Kyrill seinerseits erinnert an die Toronto-Erklärung mit ihren strengen Abgrenzungen als Basis des gemeinsamen Verständnisses innerhalb der Ökumene. Auf dieser Basis sollen Dialog und Zusammenarbeit der Kirchen auf dem Weg zur Einheit fortgesetzt werden. Eine Vertiefung der ökumenischen Gemeinschaft ist für Kyrill ein Wunschdenken, ohne dass sie je in einer wirklichen Ausweitung des ökumenischen Bewusstseins in der Geschichte Wurzeln gefasst hat. Das Papsttum einerseits und der fehlende Zugang der protestantischen Theologie zur normativen und verpflichtenden Tradition der Kirche andererseits verhindern laut Kyrill wirklichen Fortschritt. Die Legitimierung einer unbegrenzten Vielfalt in Verbindung mit dem Begriff Pluralismus entfernen die Kirchen des säkularisierten Westen von den absoluten moralischen Normen der biblischen Tradition. Dies gehört für Metropolit Kyrill in den umfassenderen Kontext der kulturellen Konflikte, die im 21. Jahrhundert auf die Kirchen und die ökumenische Bewegung zukommen werden.
Hier stellt sich die Frage nach dem gemeinsamen Verständnis der Ökumene, Prioritäten zu erkennen, um unsere ausdrückliche Mitverantwortung bei den Veränderungsprozessen im lokalen, nationalen, regionalen und weltweiten Kontext besser wahrnehmen zu können.
III.
Die Mutterkirchen der europäischen Diaspora befassen sich heute in den Ländern Osteuropas nach einer langen Periode der Unterdrückung und Marginalisierung damit, wieder ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Ökumenische Kontakte mit den entsprechenden Einflüssen werden hier und da als unwillkommen und störend zurückgewiesen. Paradoxerweise macht gerade in Serbien das Beispiel der Einführung des Religionsunterrichts in den Schulen deutlich, wie solide die ökumenische Zusammenarbeit funktioniert. Das ist ein wichtiger Beitrag für die Rolle der Kirche beim Aufbau der Gesellschaft in Serbien, gleichzeitig aber auch für das ökumenische Zeugnis in der europäischen Diaspora.
Bei aller Überlastung, der die Mutterkirchen ausgesetzt sind, tun die Orthodoxen Kirchen Osteuropas ihr bestmögliches, die Herausforderungen der Ökumene im Hinblick auf das 21. Jahrhundert anzunehmen. Heute kann man von einer historischen Übergangssituation sprechen, in der sich Kirche und Gesellschaft befinden. Weltweite Veränderungsprozesse führen zur Prüfung des Selbstverständnisses nicht nur der Ökumene und ihrer Orientierung, sondern auch der orthodoxen Kirche selbst. Dafür kann das Zeugnis der orthodoxen Diaspora in Westeuropa von größter Bedeutung sein.
Die Erwartung an die Kirchen Europas, durch Ökumene zur Entschärfung oder Überwindung von gesellschaftlichen und politischen Konflikten beizutragen, wird immer dringlicher. Nur durch beispielhafte ökumenische Konfliktbearbeitung zur Überwindung schmerzlicher Trennung werden der Friedensauftrag der Kirche und seine heutige Relevanz seitens der suchenden Welt nicht in Frage gestellt werden können.
Indem die Kirchen zeigen, dass der Dialog empfindliche Gegensätze zu überwinden vermag und durch Klärung schwierigster ökumenischer Fragen zur Einheit führt, könnte sich die Ökumene entscheidend auswirken auf die Suche der sich globalisierenden Welt nach tragfähigen Formen weltweiter menschlicher und friedlicher Gemeinschaft im 21. Jahrhundert beziehungsweise im dritten Jahrtausend.