Die Frage nach dem Warum der Revision
Es braucht keine ausführliche Begründung für die Notwendigkeit, Bibelübersetzungen in gewissen Zeitabständen zu revidieren. Das verbindet die Bibel mit anderen literarischen Zeugnissen, deren fremdsprachiger (oder auch archaischer) Ursprung immer wieder für nachfolgende Generationen durch Neuübersetzungen erschlossen beziehungsweise durch Kommentierung verständlich gemacht werden muss. Das liegt zum einen an der Weiterentwicklung und den Veränderungen im Bedeutungsgehalt einzelner Begriffe und Wendungen und den damit verbundenen Änderungen im heutigen Sprachgebrauch, denen ja jede lebendige Sprache unterliegt. Zum anderen ist jede Übersetzung geprägt von Sprachgewohnheiten, Mentalitäten und Verstehenshorizonten der jeweiligen Zeit, die in eine Übersetzung bewusst und unbewusst mit einfließen und den Text auch im gewissen Sinn interpretieren.
Zudem gibt es auch Erkenntnisfortschritte bei der Bewertung der frühen Textzeugen der biblischen Schriften und deren Einordnung. Manche Handschriftenfunde aus jüngerer Zeit lassen uns genauer die komplexe Überlieferungsgeschichte von Texten aus alter Zeit erkennen, die bei weitem nicht so linear verlaufen ist, wie man sich das gemeinhin vorstellt. Die neuere Exegese hat weithin von der Vorstellung von Urschriften der biblischen Bücher Abschied genommen. Gerade die Überlieferungsgeschichte des Pentateuch und der Prophetenschriften zeigen, dass unsere heutigen Vorstellungen von individueller Autorenschaft für das vorhellenistische Judentum nicht zutreffen. Das Verständnis der Art und Weise, wie im frühen Judentum überlieferte Texte rezipiert, von Tempelschulen „fortgeschrieben“ und erst nach und nach „kanonische“ Geltung erhielten, hat sich vertieft. Das alles sind durchaus Gründe, die von Zeit zu Zeit eine Überarbeitung alter Textübertragungen rechtfertigen.
Einen zusätzlichen Grund für den Entschluss, die Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift von 1979 einer Revision zu unterziehen, ergab sich aus dem Umstand, dass im deutschen Sprachraum auch eine Überarbeitung der liturgischen Bücher der Kirche ansteht. Im Jahr 2002 war die dritte Ausgabe des für die lateinische Kirche maßgeblichen römischen Messbuchs, des Missale Romanum, erschienen. Die Messbuchreform für den deutschen Sprachraum ist also überfällig. Auch andere liturgische Bücher – wie etwa Rituale, Lektionare, Breviere – müssen demnächst neu durchgesehen werden. Grundlage dafür ist eben auch eine zeitgemäße Bibelübertragung, die sich für den liturgischen Gebrauch eignet und sich dort, also auch beim mündlichen Vortrag, bewährt.
Eine moderate Revision
Von Anfang an stand für die bischöflichen Herausgeber fest, die alte Einheitsübersetzung nicht zu ersetzen. Sie sollte vielmehr eine „moderate Revision“ erfahren. Denn die Übersetzung von 1979 ist auch heute durchaus brauchbar und ansprechend. Sie war der Versuch, in gehobener Umgangssprache die biblische Botschaft Lesern und Hörern nahe zu bringen, nicht nur für die private Lektüre, sondern auch für den Gebrauch im Gottesdienst, der Katechese und im schulischen Religionsunterricht. Diese Bibelübertragung wollte „Lern- und Lebensbuch“ für eine ganze Generation sein. Das ist der damaligen Übersetzung durchaus gelungen. Die Einheitsübersetzung von 1979 hat mit dazu beigetragen, angeregt durch die Weisung des Zweiten Vatikanischen Konzils, der Heiligen Schrift in unserer Kirche wieder neu den ihr gebührenden Platz zu geben.
Der Name „Einheitsübersetzung“ ergab sich übrigens aus der Tatsache, dass 1979 zum ersten Mal eine gemeinsame offizielle Bibelübersetzung aller deutschsprachigen Diözesen für den kirchlichen Gebrauch vorgelegt wurde. In der Geschichte der deutschsprachigen katholischen Bibelübersetzungen war das ein herausragendes Ereignis. Dass Teile dieser Übersetzung auch von der EKD mitgetragen wurden (was bei der Revision, wie bekannt, leider nicht gelang), war ein zusätzlicher Gewinn, der freilich mit der Bezeichnung „Einheitsübersetzung“ nicht zu tun hat.
Die „moderate Revision“ sollte also die Einheitsübersetzung von 1979 in ihrer Substanz im Wesentlichen erhalten. Die Überarbeitungen der einzelnen biblischen Schriften sind nun in ihrer Intensität unterschiedlich, wie ja auch die vorherigen Übersetzungen der einzelnen Schriften trotz allen Bemühens um stilistische Einheitlichkeit als ein Gemeinschaftswerk vieler Bearbeiter unterschiedlichen Charakter trugen. Im Alten Testament sind, aufs Ganze gesehen, insgesamt mehr Überarbeitungen notwendig gewesen, um den Urtext möglichst sachgerecht wiederzugeben. Hie und da sind veränderte beziehungsweise neue Textgrundlagen, etwa für Jesus Sirach, für die Übersetzung benutzt worden, was für das Neue Testament nicht notwendig war.
Durchgängig sind die Einleitungen neu geschrieben worden. Die Gliederungen und die Zwischenüberschriften wurden überarbeitet, die Anmerkungen reduziert. Es werden in Kürze gute Kommentierungen für den revidierten Bibeltext auch für Nichttheologen durch das Stuttgarter Bibelwerk vorgelegt werden.
Bei der Revision des Neuen Testaments ist besonders auch auf die ökumenische Signatur der bisherigen Einheitsübersetzung geachtet worden. Häufig gebrauchte neutestamentliche Hymnen, Cantica und Gebete sind unverändert geblieben. Die geistliche Vertrautheit mit solchen Texten, die oft Herzensgebete vieler Christen darstellen, ist ja ein hohes Gut. Viel Vertrautes bleibt also. Einiges wird uns ungewohnt vorkommen. Das mag dann eine willkommene Chance sein, das bisher Gewohnte neu und vertieft zu hören.
Freilich zeigte sich, dass manche Revisionseingriffe dann doch weiter gingen als vorher angedacht. Das lag zum einen an der unterschiedlichen Übersetzungsqualität mancher Schriften der alten Einheitsübersetzung, zum anderen natürlich an dem trotz aller redaktionellen Vorgaben unterschiedlichen Verständnis der Revisoren von ihrer Tätigkeit und der Intensität, mit der sie diese angingen.
Gottlob gab es in der alten Einheitsübersetzung kaum „falsche“ Übersetzungen, wohl aber Versehen: In Joh 9,11 hieß es etwa vom Blindgeborenen, dass er „wieder“ sehen konnte. Aber es gab auch „Modeworte“ wie etwa in Mk 1,22 „betroffen sein“, was geändert wurde in: „Sie waren „voll Staunen“ über seine Lehre.“
Einige weitere Verabredungen für die Revisionsarbeit seien hier für Interessierte genannt:
- Metaphern und Redefiguren der alten Texte, die in der Übersetzung von 1979 im Sinne der damals oft vertretenen Theorie der dynamischen Übersetzungsäquivalenz durch „das Gemeinte“ ersetzt worden waren, sollten neu in den Blick treten, etwa: „den Bund aufrichten“, statt: „den Bund schließen“.
- Signalworte in den Texten selbst wie etwa „und siehe“, „selig“, die in der alten Einheitsübersetzung geflissentlich vermieden wurden, sollten wieder ergänzt werden, wie überhaupt Tendenzen zum Weglassen einzelner Worte zurückgedrängt wurden.
- Dem Text in Klammern beigefügte Erläuterungen sollten grundsätzlich entfallen. Eine Ausnahme: Wenn Namen narrativ eine Rolle spielen, sollte zuerst der hebräische oder griechische Name benannt und dann in Klammern die Bedeutung des Namens in Übersetzung hinzugefügt werden.
- Auf laute Lesbarkeit und Verständlichkeit des Textes beim Hören, wie sie besonders im Gottesdienst von Bedeutung sind, sollte geachtet werden.
- Einvernehmlich wurde vereinbart, bei der Revision in neutestamentlichen Briefpassagen mit paränetischem Charakter (also nur hier!) die Anrede „Brüder“ durch: „und Schwestern“ zu erweitern.
- Auf Konjekturen (also auf Einfügungen von Worten, die auf einer Deutung von Textstellen durch moderne Ausleger beruhen) sollte verzichtet werden.
- Zur Wiedergabe des Gottesnamens wurde vereinbart, in der Revisionsfassung das Tetragramm „JHWH“ zu tilgen. Die Revision gebraucht für den Gottesnahmen durchgängig: der HERR (in Kapitälchen). Die revidierte Fassung des „Schema Israel“ Dtn 6,4 lautet jetzt: „Höre Israel! Der HERR unser Gott, der HERR ist einzig.“
Diese Vorgaben wurden im Wesentlichen von allen an der Revision Beteiligten eingehalten. Dennoch zeigten sich, wie es eine Teamarbeit mit sich bringt, trotz aller Absprachen sprachliche Eigenheiten der Revisoren bis hin zu manchmal überraschenden Österreichischen und Schweizer „Fermentierungen“. Die Schlussredaktion hat jeweils solche Tendenzen so gut es ging zurückgedrängt.
Es sei eigens hervorgehoben, dass die Mehrzahl der katholischen deutschsprachigen Exegetinnen und Exegeten sofort bereit war, bei der Revision mitzuarbeiten. Allen, die bei diesem gemeinsamen Werk beteiligt waren, möchte ich meinen herzlichen Dank aussprechen. In Geduld, mit Ausdauer und ausgestattet mit ihrer jeweiligen Fachkompetenz waren alle engagiert am Werk. Bei nicht ausbleibenden kontroversen Sichtweisen ergab sich zwischen Revisoren und Leitungsgremium, dessen Vorsitzender ich in Nachfolge des leider früh verstorbenen Bischofs Wilhelm Egger (Brixen-Bozen) ab 2008 sein durfte, immer ein konstruktiver Weg der Einigung. Dankbar bin ich auch für die positive Aufnahme unserer vorgelegten Revisionsfassung durch die Bischöfe des deutschen Sprachgebietes und die für Bibelübersetzungen im Blick auf deren gottesdienstlichen Gebrauch zuständige römische Gottesdienstkongregation.
In meinen Dank eingeschlossen sind jene Personen, die im Umfeld der Revision Hilfe geleistet haben, sei es in der Sekretariatsarbeit (hier sei besonders auch die geduldige und umsichtige Tätigkeit von Frau Gertrud Etscheid gewürdigt) oder auch durch Einzelvoten, durch Hinweise und Beratung und auf andere Weise beim „gemeinsamen Werk“ geholfen haben. Dankbar schaue ich auf die Mitarbeit von Claudia Sticher (von 2005 bis 2008) und Johanna Erzberger (von 2008 bis 2012) zurück, die jeweils das Protokoll des Leitungsgremiums führten und die Folgearbeiten, die sich aus Sitzungen ergaben, im Blick behielten. Beide, biblisch promoviert und im fachexegetischen Gespräch stehend, hatten großes Geschick darin, manche Revisoren zu „durchhaltender“ Arbeit zu ermuntern und gegebenenfalls auch zu konstruktiven Lösungen in strittigen Fragen zu bewegen.
Ein besonderes Gedenken gilt den im Verlauf der Revisionsarbeit verstorbenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Deren Einsatz ist nicht vergessen. Aus dem Leitungsgremium möchte ich neben Bischof Wilhelm Egger († 2008) noch erwähnen Erich Zenger († 2010), Rudolf Pesch († 2011) und den langjährigen Leiter der Arbeitsstelle „Bücher der Kirche“ beim Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz in Bonn und Koordinator der Revisionsarbeit, Rainer Ilgner († 2012).
Als ich in den Jahren vor 2005 für das in Aussicht genommene Unternehmen „Revision der Einheitsübersetzung“ von der Deutschen Bischofskonferenz beauftragt wurde, sagte man mir, dies sei eine zeitlich überschaubare Aufgabe, die man bald abschließen könne. Das war ein Irrtum. Aber dieser Irrtum wurde reich aufgewogen durch die erfreuliche Erfahrung eines gemeinsamen Weges mit Frauen und Männern, die mit Herzblut und Sachverstand dem Wort Gottes dienen wollten – und da nenne ich nochmals ausdrücklich und dankbar die Runde des Leitungsgremiums, das übrigens hier in der Münchener Akademie oft getagt hat, und deren treuen Einsatz bis zum Abschluss aller Arbeiten. Ich persönlich habe auf diesem langen Weg letztlich mehr empfangen als gegeben.
Fazit
Bei der jetzt vorgelegten Einheitsübersetzung handelt es sich um eine Revision, die die frühere Fassung in weiten Teilen bewahrt. Doch bringt die Revision an vielen Stellen Fortschritte an Genauigkeit, an Texttreue und Verständlichkeit, sowohl in den Wiedergaben der Texte als auch in den Gliederungen, Überschriften und Einleitungen, was hier nur angedeutet werden kann.
Wer weiterhin eine Nähe zum alltäglichen Sprachgebrauch sucht und zudem einen „flüssigen“ Sprachstil bevorzugt, wird bei der gewohnten Einheitsübersetzung bleiben wollen. Wer freilich größere Verlässlichkeit in der Nähe zum Urtext haben möchte und sich auch persönlich mit der Textfassung vertraut machen möchte, die demnächst in den Gottesdiensten zu Gehör kommt und in Katechese und Religionsunterricht gebraucht wird, sollte zur revidierten Fassung greifen – auch im Wissen darum, dass es das Vollkommene in dieser Welt nicht gibt.