Florian Schuller: Herr Logiewa, Sie sind stellvertretender Landesvorsitzender des RCDS und studieren Jura in Bayreuth. Im Internet habe ich Ihr Motto gefunden: „Die Praxis sollte das Ergebnis des Nachdenkens sein, nicht umgekehrt.“ Dieses „sollte“ klingt so, als sei es gegen bestimmte Erfahrungen gerichtet. Warum haben Sie sich dieses Motto ausgesucht?
Arno Logiewa: Zum „sollte“: Es gibt Ausnahmen, die auch einmal erlaubt sind, weil es die Situation erfordert. Grundsätzlich: Ich komme aus dem hochschulpolitischen Bereich, und da ist es leider oft so, dass man etwas tut, und nachher feststellt, dass es doch nicht so gelaufen ist, wie man es plante. Im Bildungsbereich sehen wir es bei der Diskussion über das G 8: hin und her – zurück und vor, und am Ende weiß keiner mehr, was richtig und gut ist. Hätte man sich vorher genauer Gedanken darüber gemacht, statt vermeintlichen Bevölkerungsmeinungen hinterherzulaufen, hätte man auf jeden Fall eine ruhigere Situation im Bildungssystem.
Florian Schuller: Und außerhalb des Bildungssystems funktioniert das mit dem vorher Nachdenken?
Arno Logiewa: Ich würde sagen, in vielen Fällen, aber nicht immer.
Florian Schuller: Herr Schiffbauer, Sie studieren Evangelische Theologie an der LMU, einer der wenigen Universitäten weltweit, an der Orthodoxe, Evangelische und Katholische Theologie nebeneinander und miteinander studiert werden können. Sie sind dort Fachschaftsvertreter, engagieren sich auch im universitären Bereich, bauten vorher einen Bachelor of Arts in BWL und haben in einer Regionalbank gearbeitet. In einem Artikel vom 20. April 2016 schreiben Sie: „Ohne den Glauben an das Geld wäre unser Finanzsystem nicht denkbar… Der Aussage, dass Geld ein Opferkult unserer Gesellschaft ist, kann ich ohne Einschränkungen zustimmen.“ Zum Thema Geld habe ich zwei Zitate von Martin Luther gefunden. Das eine: „Geld ist des Teufels Wort, wodurch er in der Welt alles erschafft, so wie Gott durch das wahre Wort schafft.“ Und das andere: „Gott will nicht, dass man nicht Geld und Gut haben und nehmen soll, oder dass man es, wenn man es hat, wegwerfen sollte, wie etliche Narren unter den Philosophen und tolle Heilige unter den Christen gelehrt und getan haben.“ Welchem der beiden Zitate würden Sie zustimmen?
Florian Schiffbauer: Dem letzteren, aus Geld wächst Verantwortung. Es ist legitim, nach Geld zu streben. Aber ich muss dann auch an die Ärmsten denken, an jene, die unverschuldet in Leid geraten sind.
Florian Schuller: Herr Zuber, in Berlin und Oxford beschäftigen Sie zwei Professoren als Ihre Doktorväter; Sie waren vorher in Unternehmensberatungen aktiv, können Praktika im Auswärtigen Amt und im Bundestag vorweisen, sind in einem Münchner Bezirksausschuss präsent und Gründungsmitglied von Polis180, einem „Grassroots-Thinktank“, wie er sich selber definiert, für Außen- und Europapolitik. Auf dessen Homepage lese ich zwei interessante Abschnitte. Vom einen nur ein Satz herausgegriffen: „Wir stecken voller Ideale und wir mischen uns ein. Wir sind die nächsten Generation der deutschen Außen- und Europapolitik.“ Und im nächsten Abschnitt heißt es dann: „Der Vorstand von Polis180 wird für einen Zeitraum von einem Jahr von der Mitgliederversammlung gewählt. Er setzt sich zusammen aus zwei Präsidenten/innen, einem Schatzmeister oder einer Schatzmeisterin, und bis zu sieben weiteren Mitgliedern. Der Vorstand führt die Geschäfte im Sinne der Satzung und der Beschlüsse der Mitgliederversammlung; seine Beschlüsse fasst er mit einfacher Mehrheit.“ Da zeigt sich doch eine unwahrscheinliche Spannung zwischen Idealen, die junge Menschen bewegen, und nüchterner Vereinsstruktur. Sehen Sie auch diese Spannung, oder ist das für Sie völlig normal, dass zwei solche Abschnitte hintereinander stehen?
Julian Zuber: Natürlich gibt es immer die großen Ideale, nach denen alle streben, und dann die nüchterne Umsetzungsarbeit. Das ist überall das Gleiche, auch in der Kommunalpolitik. Da fehlen uns manchmal vielleicht sogar die Ideale, es bleibt nervige Umsetzungsarbeit. Aber es ist so, dass ich sagen würde, dass es sich nicht widerspricht, weil wir ja gerade auch diese Prozesse so leben. Dass Sie das auf der Internet-Seite finden, weist noch auf ein drittes Element hin, nämlich Transparenz. Es braucht einfach mehr Verständigungsbereitschaft, die mir zurzeit sehr stark fehlt in der Politik.
Florian Schuller: Sie Drei haben vorhin den Gedanken von Dr. Beckstein und Prof. Maier zugehört. Wie haben Sie die Positionen der beiden Herren wahrgenommen?
Florian Schiffbauer: In der heutigen säkularen Gesellschaft muss ich diskurs- und konsensfähig sein, auch sprachlich. Wenn ich zum Beispiel als Christ Menschenrechte ausgehend von der Gottesebenbildlichkeit begründen will, muss ich sowohl juristisch wie politisch so argumentieren, damit deutlich wird, wie ich die Anderen als Menschen ernst nehme.
Florian Schuller: Haben Sie das vorhin bei den beiden Herren erlebt, oder hat Ihnen das gefehlt?
Florian Schiffbauer: Ich hätte es mir noch ein bisschen mehr gewünscht.
Florian Schuller: Diskursfähigkeit innerhalb der eigenen Gruppierung und vor allem darüber hinaus?
Florian Schiffbauer: Darüber hinaus. Wenn ich Politik betreibe, möchte ich ja für alle sprechen, auch wenn ich Christ bin. Ich selber bin SPD-Mitglied. Von meinen Kollegen sind sehr viele ausgetreten!
Florian Schuller: Ausgetreten aus der SPD oder aus der Kirche?
Florian Schiffbauer: Aus der Kirche, aus der SPD selbstverständlich nicht. Aber viele sind nicht kirchennah, und wenn ich dann schöpfungstheologisch argumentieren würde, gewinne ich keinen Blumentopf.
Florian Schuller: Es gibt ja zum innerkatholischen Bereich seit einigen Monaten das inzwischen berühmte Buch von Erik Flügge, „Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt“. Wie ging es Ihnen, Herr Zuber?
Julian Zuber: Was ich sehr schön fand, ist die übergreifende Sympathie. Als Jugendlicher hatte ich einen klaren politischen Gegner, die CSU. Aber von Ihnen, Herr Dr. Beckstein, als Motivation zu hören, in der CSU ökumenisch tätig zu sein, hat mir klar gemacht, wie wichtig diese Partei für die Ökumene war. Ähnliches erlebe ich jetzt im Kommunalpolitischen, das über Parteien hinweg Verständigung stattfindet. Ich sehe nicht das große Kommunikationsproblem.
Ich meine auch nicht, dass Kirchen automatisch immer schwächer werden. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass Kirchen stärker werden in der nächsten Zeit, gerade wegen der vielen Flüchtlinge. Denn man ist stärker damit konfrontiert sich zu fragen, was es eigentlich heißt, die christlich-abendländische Kultur zu beschwören, aber gleichzeitig nie in die Kirche zu gehen. Ich glaube, dass wir schon ein Revival des Kirchlichen haben könnten. Das muss aber von den Leuten kommen und nicht durch irgendwelche Kommunikationschefs der Kirchen.
Florian Schuller: Wie erleben Sie Ihren Bezirksausschuss? Spüren Sie da starke innere Motivationen, oder geht es doch vor allem um sehr Praktisches, zum Beispiel einen neuen Fahrradweg?
Julian Zuber: Innere Motivation spielt eine große Rolle. Das wurde auch in der Debatte vorhin deutlich. Man könnte vielleicht ergänzen: Wichtig sind die Haltungen beziehungsweise die Vorgehensweisen politisch aktiver Personen. Im Bezirksausschuss bin ich zum Beispiel verantwortlich für Integrationsfragen. Dabei sind mir Kommunikations- und Verständigungsbereitschaft wichtig. Deshalb gab es Entscheidungen, neue Partizipationsformen auszutesten, wie zum Beispiel ein „World Cafe“, um zu schauen, was die Leute eigentlich denken, und sie nicht zu stigmatisieren, wenn sie irgendwelche Sorgen haben. Das fällt mir teilweise schwer, weil ich dazu tendiere, schnell mit einer grünen Moralkeule zu kommen. Aber wir wollen versuchen, stärker darauf zu achten, welche Ängste oder Sorgen die Menschen haben.
Florian Schuller: Herr Logiewa, wie ging es mit Ihnen mit den beiden Staatsmännern?
Arno Logiewa: Ich wollte zum Thema Kommunikation noch etwas sagen. Ich glaube, dass es überhaupt kein großes Problem ist, wenn man versucht, mit christlichen Überlegungen auf einer Meta-Ebene zu argumentieren. Ich wüsste nicht, wo solch ein Kommunikationsproblem politisch aktuell auftritt. Wir haben gerade bei der Flüchtlingskrise gesehen, wie die Menschen zunehmend ernst genommen werden. Bestimmte extreme Parteien, die jetzt gewählt werden, sind vielleicht die unbezahlten Rechnungen der großen Volksparteien. Vielleicht gibt es in der Kirche ein Kommunikationsproblem, in der Politik nicht.
Florian Schuller: Was treibt Sie persönlich an, sich zu engagieren?
Arno Logiewa: Weil einem irgendetwas nicht gefällt, und man irgendetwas ändern will. Das ist immer der erste Schritt. Der zweite ist die interessante Frage, warum ausgerechnet in einer christlichen Partei oder Organisation, die das „C“ im Namen trägt. Das setzt schon einmal einen Rahmen, eben die christliche Werteordnung. Sie gibt einem Halt. So. Wie es auch in der Bibel steht – wie heißt das schöne Zitat – „Suchet der Stadt Bestes“. Vielleicht hat vor ein paar Jahrzehnten die Kirche noch eher dazu geneigt, sich gesellschaftlichen Aufgaben zu verschließen. Wenn man aber mitbestimmen will, gerade als Christ, muss man sich einfach engagieren.
Julian Zuber: Ich habe vor ein paar Monaten mit meinen Eltern über meine Kindheit gesprochen. Ich sei einmal – mein Vater ist Pfarrer – im Gottesdienst gewesen, konnte gerade sprechen und habe meine Mutter gefragt: Müssen jetzt alle meinem Vater zuhören? Sie hat gesagt, ja, und ich war einfach begeistert. Das ist anscheinend etwas, das irgendwie in mir drinsteckt, vielleicht ein Kommunikationsdrang. Und dann ist es ja einfach schön, konkrete Dinge auch umzusetzen, nicht nur über sie zu sprechen, sondern auch den Mut zu haben, sich zu positionieren, im Zweifel falsch zu liegen, aber vor Ort etwas zu machen. So ist München für mich sogar ein bisschen mehr Heimat geworden, weil ich dort politisch tätig bin. Alles zusammen ergibt die Motivation.
Florian Schiffbauer: Bei mir war die Motivation hochschulpolitisch. Wir haben zum Beispiel in München keine Studienordnung, weil man „Bologna“ umsetzen wollte, aber die Rechtsabteilung der LMU hat das anders gesehen, und so gab es Probleme in der Praxis. Man kann die Welt besser machen und will es dann auch.
Florian Schuller: Vorhin wurde selbstverständlich von „christlicher Wertordnung“ gesprochen. Diesen Begriff müssten wir mit Inhalt füllen, was ja gar nicht so einfach ist. Oder welche andere Wertordnung treibt Sie an?
Florian Schiffbauer: Es ist dasselbe wie mit „Leitkultur“ oder „Gemeinwohl“. Ich persönlich kann, von meinem Glauben aus gesehen, konkrete Maßnahmen oder Ziele definieren, aber ich würde mir nicht herausnehmen, sie zu generalisieren. Auf Konkretes kann man sich einigen, die Gesellschaft funktioniert nicht anders. Aber darüber hinaus, in Richtung einer zentralen Werteordnung wird es sehr schwierig.
Arno Logiewa: Bei der christlichen Werteordnung gehört es schon dazu, dass wir uns auch über sie streiten können – innerhalb des Christentums. Darüber hinaus gibt es keine absolut verbindliche Position, sondern einen Diskurs in den Kirchen und zwischen den Kirchen. Für mich gehört dazu auch die Fähigkeit, zu verzeihen, wenn man sich einmal heftiger gestritten hat. Gerade aktuell haben wir ja eine solche Situation, in der wir vielleicht wieder etwas zurückdrehen müssen, auch zwischen den Unionsschwesterparteien.
Florian Schuller: Gibt es eine grüne Werteordnung?
Julian Zuber: Die CSU ist zurzeit deutlich zerstrittener als wir, aber wir sind auch divers, und da ist es schwierig, von einer Werteordnung zu sprechen, schon gar nicht von einer grünen. Es gibt natürlich viele Christen bei den Grünen. Übrigens finde ich das Wort „Werteordnung“ sehr komisch, weil es suggeriert, es gäbe keine Inkonsistenzen. Ein sehr deutsches Wort. Ich finde „Wertebild“ schöner. Trotz aller Grundsätze, die man sich selber auferlegt, oder an die man glaubt, wird es immer wieder Situationen geben, bei denen ich auch meine Überzeugungen hinterfrage. Etwas anderes zu behaupten wäre zumindest in meinem Fall unwahr. Dennoch finde ich es wichtig, dass man Grundprinzipien treu bleibt. Dann ist es leichter, sich auf die Achtung der Menschenwürde hin zu orientieren.
Florian Schiffbauer: Vielleicht kommt es nicht unbedingt darauf an, allgemein zu definieren, welche Werte oder Ordnung oder Wertebild man hat. Vielleicht reicht auch schon der Prozess, dass ich darüber reflektiere, auch gesellschaftlich immer wieder nachdenke.
Florian Schuller: Werte, Tugenden, Haltungen, Ideale – die kommen ja nicht irgendwie aus der Luft, sondern entstammen bestimmten Traditionen, nicht zuletzt im Raum der Kirchen. Wie erleben Sie offizielle Stellungnahmen der Kirchen, seien sie nun von Bischöfen oder Synoden, oder anderen Repräsentanten? Erleben Sie die als hilfreich, als fordernd, als einengend?
Julian Zuber: Mich stört es weniger, was die Kirche, also die Institution Kirche, sagt, weil für mich als evangelischen Christen Kirche die Gemeinschaft der Gläubigen ist. Ich stimme Professor Maier zu, dass ich es als sehr angenehm empfinde, gerade in Deutschland und beispielsweise in Kontrast zu Polen, dass hier Gegenstimmen von Einzelnen kommen. Und ich bin sehr dankbar, dass es hier nicht jeden Sonntag den Bischof als Talkshow-Gast gibt.
Arno Logiewa: Die Flüchtlingskrise wurde schon angesprochen. In ihr zeigt sich, dass die Kirche doch sehr hilfreich ist, gerade dann, wenn sie politische Prozesse begleitet und manchmal auch zur Raison ruft. Aber alles muss sich an den politischen Realitäten messen. Die Kirche ist keine politische Organisation und braucht sich daher auch nicht mit den vielen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen auseinandersetzen, wie es die Politik tun muss.
Florian Schiffbauer: Kurz noch zum Kirchenbegriff. Wenn ich im katholischen Bereich hochschulpolitisch aktiv wäre, müsste ich nur mit der Deutschen Bischofskonferenz als Ansprechpartner telefonieren. Auf evangelischer Seite hat der Ansprechpartner auf Seiten der EKD häufig gar keinen eigenen Haushalt, und ich muss dann zu 22 oder 23 Landeskirchen gehen, das verkompliziert es natürlich. Man hat sich arrangiert damit, aber ich würde mir manchmal schon mehr Einigkeit oder auch Zusammenarbeit wünschen.
Im politischen Bereich finde ich es bemerkenswert, wie die EKD und auch die Deutsche Bischofskonferenz christliche Lobbyarbeit betreiben, besonders bei ethischen Fragestellungen. Das letzte Beispiel ist die Debatte über die fünfte Änderung des Arzneimittelgesetzes. Da ging es darum, ob man an Demenzkranken Versuche durchführen darf, wenn sie als Gesunde früher einmal zugestimmt hatten. Die Position der beiden Kirchen ist medial sehr gut aufgenommen worden, auch von der Politik.
Auf der anderen Seite, Herr Beckstein hat es vorher angesprochen, werden Themen ausgeklammert, auch bei EKD-Denkschriften. Zum Beispiel ging es so bei Leitlinien kirchlichen Lebens, ob ein Ausgetretener zum Abendmahl zugelassen werden kann. Manche Stellen sind da schön konkret ausformuliert, aber dann fühlt man sich in der konkreten Praxis als Gemeindemitglied auch ein bisschen alleine. Ähnliches gilt bei gesellschaftspolitischen Positionen.
Florian Schuller: Sie alle drei sind evangelische Christen, ich bin der einzige Katholik auf dem Podium. Deshalb erlaube ich mir die Frage, wie Sie die katholische Kirche wahrnehmen.
Florian Schiffbauer: Man hat ziemlich viele Vorurteile als protestantischer Christ, weil man vieles nicht kennt. Wie ist das jetzt wirklich mit dem Papst, wann ist er wirklich unfehlbar? Es gibt eine Riesenpluralität im Katholizismus, die nehme ich als protestantischer Christ, wenn ich meinen Glauben liebe, erst einmal gar nicht wahr. Man spricht dann von „den“ Katholiken.
Julian Zuber: Ganz intuitiv habe ich das Gefühl, mit den Entwicklungen der letzten Jahre, auch in Bezug auf den Papst, dass es für mich heute deutlich leichter geworden ist, katholische Positionen zu unterstützen. Früher war das anders: Ich denke da vor allen Dingen an die Politik des Sexualstrafrechts, die Kämpfe, die auch ausgefochten wurden von CDU-Ministern in den 1980ern. Es scheint mittlerweile innerhalb der katholischen Kirche sehr viele Menschen zu geben, die Kopfschmerzen haben mit solchen Positionen.
Arno Logiewa: Der Diskurs in der katholischen Kirche wird zumindest bei den Katholiken, die ich kenne, die aber auch in der Kirche sehr aktiv sind, doch transparenter geführt wird. Es gibt viele begrüßenswerte Modernisierungen, aber bei diesem Wort scheue ich immer etwas zurück.
Florian Schuller: Wir haben über Werte gesprochen, über Werteordnung, über Grundhaltungen. Ein wichtiger Begriff in diesem Feld ist der der Verantwortung. Wenn man Sie fragt, wem gegenüber wissen Sie sich verantwortlich, was antworten Sie dann? Dem eigenen Gewissen? Personen gegenüber? Gott gegenüber? Allgemein den Menschen gegenüber? Der Zukunft gegenüber? Der Schöpfung gegenüber?
Florian Zuber: Eine sehr große Frage. Ohne irgendeine Wertung vorzunehmen, erstens den Menschen gegenüber. Ich bin mit 14 Jahren Amnesty International beigetreten, und das war auch einer der Hauptgründe, überhaupt politisch aktiv zu werden. Aber natürlich hat es auch etwas mit dem eigenen Gewissen zu tun, sich immer wieder zu prüfen und auch den Luxus zu haben, im Zweifel seinem Gewissen folgen zu können und eben auch die Konsequenzen daraus zu ziehen. Ich war noch nie in der Situation, dass das notwendig gewesen wäre, aber vielen Verantwortlichen in der Berufspolitik ist das schon passiert. Ich habe gerade das Gefühl, dass, überspitzt formuliert, die „baby boomer“ Europa an die Wand fahren, und die „millennials“ jetzt an die Macht müssen. Viele meiner Freunde sind überzeugt, dass in Bezug auch auf den „Brexit“, auf das, was in Frankreich oder auch in Osteuropa passiert, die jetzige, junge, nachwachsende Generation deutlich transnationaler denkt. Die Zeit rennt, gerade in Bezug auf 2017, und jetzt muss sich eine sehr starke Stimme auch der jungen Generation in Deutschland, Frankreich und Großbritannien formieren, spätestens in den nächsten Monaten. Wir sind mit Schengen aufgewachsen, und das spürt man einfach an der Art, wie wir über Europa denken. Genau darauf richtet sich mein aktuelles Verantwortungsbewusstsein.
Arno Logiewa: Verantwortlich ist man vor allem zunächst sich selbst gegenüber, dann den Menschen, die man vertreten will, oder für die man sich engagiert. Deswegen habe ich auch Schwierigkeiten mit der „baby boomer“-Deutung, da schwingt für mich zwar nicht Arroganz mit, aber es hat ein Gschmäckle, wie man es sagt. Denn die „baby boomer“ sind auch die, die ein politisches Europa geschaffen haben. Dass sie das jetzt vor die Wand fahren würden, sehe ich nicht so. Aber ohne Frage müssen wir uns als junge Generation stärker einbringen auch in die europäische Politik, die eben doch als abstrakt und langweilig wahrgenommen wird. In unserer Generation gibt es viele Superengagierte, aber es gibt einen ganz großen Teil, die wenig Interesse am politischen Geschehen haben, wenn überhaupt.
Florian Schuller: Der evangelische Theologe kommt wohl bei Verantwortung um die Antwort Gott nicht herum?
Schiffbauer: Genau. Ich habe mir aber schon gedacht, dass ich nicht zu theologisch oder idealistisch antworten sollte. Denn wenn ich mich als Mensch wahrnehme, gerade auch als nicht perfekten, und auf die irdische Situation siehe, nicht auf das Jenseits, sind meine Mitmenschen die Bezugspersonen.
Florian Schuller: Nochmals ein Blick auf Ihre Generation, auf Ihre Altersgenossen zwischen 20 und 30. Vorhin sprachen wir über den Brexit. Wenn Ihre transnational denkenden englischen Altersgenossen mehr zur Wahl gegangen wären, und nicht nur zu 30 Prozent, dann wäre das Brexit-Votum anders ausgegangen. In Ihrer Generation, sagt man, gibt es die Sehnsucht nach „work-life-balance“, danach, Beruf und privates Leben gut auszugleichen. Dann hört man immer wieder den Vorwurf der Alt-68er, die Jungen seien zu unpolitisch. Können Sie uns Hoffnung machen?
Florian Schiffbauer: Die Jugend ist heute genauso politisch aktiv wie früher, nur nicht unbedingt in Parteien. Die Strukturen haben sich geändert, vielleicht wird es mehr Kampagnen geben, also bei gewissen Themen zu einer Mobilisierung führen, zum Beispiel auch bei der Kandidatenkür, wenn Personen stärker mit Themen verbunden werden.
Auf der anderen Seite muss ich auch mit meinen hochschulpolitischen Erfahrungen besonders in Bayern als Fachschaftsvertreter zugeben: Ich habe schon Schwierigkeiten, zum Beispiel eine Studentenandacht zu halten, weil sie ja nicht direkt auf das Studium bezogen ist. Die Sehnsucht nach der „work and life balance“ ist schon sehr ausgeprägt. Die Bereitschaft der Generation meiner Eltern oder davor, ab der Uni die nächsten zehn, zwanzig Jahre etwas zu machen, was vielleicht nicht hochspannend ist, aber mit der Aussicht, danach Karriereschritte oder zumindest einen spannenden Job zu haben, die gibt es nicht mehr. Man muss aber gar nicht so viel bei den Strukturen ändern, allerdings sicher viel mehr kommunizieren, warum zum Beispiel am Anfang gewisse Tätigkeiten notwendigerweise stehen, um die grundsätzliche Sinnhaftigkeit eines Berufs früher sehen zu können, auch die eigenen Gestaltungsmöglichkeiten.
Arno Logiewa: Auch ich meine, dass unsere Generation nicht unpolitischer geworden ist, auch wenn das allgemeine Interesse an großen politischen Strukturen nachgelassen hat. Wir sind vielleicht pragmatischer geworden, der Großteil unserer Generation ist auf jeden Fall irgendwie engagiert, und zwar mit Partikularinteressen. Man setzt sich ein für den Umweltschutz oder für Entwicklungszusammenarbeit in der Dritten Welt, man hat aber wenig Interesse an einer Parteimitgliedschaft oder daran, sich mit anderen Sachthemen auseinanderzusetzen. Wenn ich mich für den Umweltschutz engagiere, merke ich immer wieder: Es gibt sehr viele Leute, die in diesem Punkt wirklich kompetent sind, aber wahnsinnige Lücken haben, was die ökonomischen Fragen betrifft. Und es ist auch überhaupt kein Interesse vorhanden, sich mit den größeren Systemen auseinanderzusetzen, und natürlich auch überhaupt null Interesse, eine Ochsentour durch die Partei zu machen. Die Frage bleibt, wie kann Politik unserer Generation wieder etwas anbieten, sich uns wieder schmackhaft machen.
Julian Zuber: Ich stimme meinen beiden Vorrednern größtenteils zu. Aber gerade der letzte Satz, wie kann Politik sich uns wieder schmackhaft machen, ist sehr symptomatisch für meine Generation. Es gibt schon eine sehr hohe Anspruchshaltung bei uns allen, weil wir sehr stark profitieren vom Wohlstand, aber auch von der europäischen Einigung. Es ist statistisch auch so, dass meine Generation mehr im Ausland gelebt hat, im europäischen zumindest, und das prägt.
Die Entscheidung, ein gewisses Produkt zu kaufen, das ethischen Kriterien entspricht, ist ein politischer Akt, der zugegeben mit Geld verbunden ist. Bei den 68ern war kritischer Konsum Konsumverzicht. Das ist nicht mehr so. Ich habe aber ein Handy, das hier hergestellt ist. Es kostet ein paar Euro mehr, aber hält auch länger. Es ist also nicht teurer. Freunde von mir haben eine Kaffee-Kooperative in Ecuador, ich beziehe mehr oder weniger meinen eigenen Kaffee und weiß, wie er hergestellt wird. Es gibt also sehr vieles, aber stimme ich zu, dass das nicht innerhalb von Parteien stattfindet, wohl aber sehr, sehr politisch ist.
Es gibt allerdings ein Nachwuchsproblem in der Politik. Und zwar dann, wenn unser politisches System, das sicher zu Recht in der bisherigen Form im Kern auf Parteien basiert, sich nicht reformiert. Dr. Beckstein und Prof. Maier haben vorhin gefragt, wie das sei mit christlichem Nachwuchs. Es stimmt, die „bloß weg“-Haltung gibt es nicht. Aber das Problem ist viel gravierender. Es gilt nämlich grundsätzlich für alle, die politisch interessiert und gleichzeitig sehr qualifiziert sind: Sie leben oft immer wieder im Ausland. Sie studieren international, haben Karrieren, bei denen sie viel unterwegs sind, und das verträgt sich einfach null mit dem Lokalitätsprinzip von Parteien. Denn ein Großteil, und dazu zähle ich einfach einmal 99 Prozent meines Bekanntenkreises, leben nicht lange am gleichen Ort. Solange politische Strukturen nicht mobiler werden, bleibt es ein riesiges Problem, wie man parteipolitischen Nachwuchs generiert.
Das geht wahrscheinlich nur zum einen durch eine Änderung der Anspruchshaltung. Dass man nämlich nicht nur sagt, ich will das Beste, ich will hier das Praktikum, und dort im Ausland arbeiten, sondern sich auch fragt, was verstehe ich eigentlich als meine Pflicht: vielleicht meine Fähigkeiten längerfristig vor Ort einzusetzen. Zum andern bin ich davon überzeugt, dass sich Parteien reformieren müssen. Es darf nicht sein, dass es als Qualitätsmerkmal innerhalb von Parteien gilt, seit seinem 14. oder 15. Lebensjahr zu wissen, was ein gutes und was ein schlechtes Argument ist. Die Leute in meiner eigenen Partei und in anderen Parteien, die schon immer nichts anderes als Parteipolitik machen und nicht über den Tellerrand schauen, sind vollkommen uninteressant. Von denen lerne ich nichts. Ich treffe mich ständig mit Menschen aus anderen Parteien und empfinde es deshalb als ein Riesenproblem, dass sich Parteien nicht stärker überlegen, wie sie Quereinsteiger motivieren, oder grundsätzlich die Dominanz des Senioritätsprinzips in Frage stellen. Schon immer in der Jungen Union oder in der Grünen Jugend gewesen zu sein ist für mich kein Selbstzweck. Wenn man die guten Leute haben will, und wenn wir wollen, dass unsere Generation parteipolitisch aktiv ist, dann müssen wir überlegen, wie wir hochmobile, talentierte Menschen in Parteistrukturen integrieren. Dazu müssen sich beide Seiten bewegen.
Florian Schuller: Dieser Impuls sollte übrigens auch innerhalb der Kirchen kreativ aufgenommen werden. Jeweils eine Schlussfrage mit der Bitte, mit einem Satz zu antworten. Herr Zuber, Sie sind heute von Berlin nach Tutzing gekommen. Der Untertitel unserer Veranstaltung zielt auf eine große Spannweite: „Zwischen Kompromiss und Kompromittierung“. Zwischen Berlin und Tutzing herrscht sicher auch im Blick auf die konkreten Lebenssituationen eine große Spannung. Welchen Kompromiss als bayerischer Mensch würden sie in Berlin nie eingehen, weil er sie kompromittieren würde?
Florian Zuber: Die Berliner haben es inzwischen gelernt: Ich würde nicht auf Augustinerbier verzichten.
Florian Schuller: Herr Schiffbauer, wenn Martin Luther heute zu einem Jahrestreffen der Stipendiaten des Evangelischen Studienwerks Villigst käme, der evangelischen Hochbegabten-Institution, welchen Tipp würde er den politisch wachen Studierenden geben, damit die den richtigen Weg zwischen Kompromiss und Kompromittierung finden?
Florian Schiffbauer: Er würde denen gar nichts raten, sondern nur feststellen, es sind fitte Personen; das Studienwerk sucht schon Leute aus, die gesellschaftlich aktiv sind. Er würde sicher seine Meinung sagen, aber nicht mit dem Anspruch, dass kompetente Leute nicht selber auf gute Ideen kommen.
Florian Schuller: Eine echt evangelische Antwort: Individualität; ich bin „next to God“ und brauche nicht Martin Luther dazu. Herr Logiewa, es gibt da immer wieder mal die dumme Rede vom kühlen Juristen. Es gibt auch manchmal die Erfahrung, dass Recht und Gerechtigkeit nicht identisch sind. Was macht für Sie den idealen Juristen aus?
Arno Logiewa: Einsatz und Leidenschaft.
Florian Schuller: Danke schön. Wir älteren Menschen können hoffnungsvoll in die Zukunft schauen, wenn es solche jungen Menschen gibt. Ich freue mich über die vergangene Stunde.