Der Text
Man lasse sich vom Hohelied der Liebe (1 Kor 13,1-13) – dem wohl bekanntesten Text des ersten Korintherbriefes – nicht täuschen: Paulus findet auch harte und deutliche Worte. Er nennt die Dinge beim Namen und zeigt mit dem Finger auf neuralgische Punkte. Gerade im Jahr der Barmherzigkeit hört man solche Sätze nicht gern, wie etwa: „man hört von Unzucht unter euch“ (1 Kor 5,1), „ich habe mein Urteil gefällt“ (1 Kor 5,3), „übergebt diesen Menschen dem Satan“ (1 Kor 5,5), „habt nichts mit Unzüchtigen zu schaffen“ (1 Kor 5,9) und schließlich „schafft den Übeltäter weg aus eurer Mitte“ (1 Kor 5,13).
Die katholische Leseordnung macht einen großen Bogen um dieses prekäre fünfte Kapitel des Briefes. Im Sonntagsgottesdienst hört man daraus nur die recht verträglichen und weniger problematischen Worte zum Sauerteig (1 Kor 5,6b-8). Zweifellos: Nach der Frage der Ehescheidung, der Beziehung zwischen Kirche und Welt und der Rolle der Frau in der Gemeinde gehören auch diese Sätze zu den steilen Klippen des ersten Korintherbriefes. Der Blick ist auf einen Mann gerichtet, mit dem Paulus hart und unerbittlich ins Gericht geht. Es folgt der diskutierte Text:
1 Überhaupt hört man von Unzucht unter euch, und zwar von einer solchen Unzucht, welche nicht einmal unter den Heiden vorkommt, dass nämlich einer die Frau seines Vaters hat. 2 Und ihr seid aufgebläht, statt zu trauern, damit der aus eurer Mitte weggenommen wird, der das getan hat? 3 Denn ich – zwar körperlich abwesend, aber im Geist anwesend – habe mein Urteil über den gefällt, der dies getan hat – als wäre ich anwesend: 4 Im Namen des Herrn Jesus soll euer und mein Geist sich versammeln, um in der Kraft unseres Herrn Jesus 5 diesen Menschen dem Satan zum Verderben des Fleisches zu übergeben, damit der Geist gerettet wird am Tag des Herrn.
6 Euer Rühmen ist nicht gut. Wisst ihr nicht, dass ein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert? 7 Schafft den alten Sauerteig weg, damit ihr neuer Teig seid, wie ihr ungesäuert seid; denn unser Paschalamm ist geschlachtet worden, Christus. 8 Darum lasst uns feiern nicht in altem Sauerteig und nicht in Sauerteig von Schlechtigkeit und Bosheit, sondern im ungesäuerten Brot der Lauterkeit und Wahrheit.
9 Ich habe euch im Brief geschrieben, nichts mit Unzüchtigen zu schaffen zu haben, 10 gemeint waren nicht sämtliche Unzüchtige dieser Welt oder die Habgierigen und Räuber oder Götzendiener, sonst müsstet ihr ja aus der Welt hinausgehen. 11 Nun aber habe ich euch geschrieben, nicht mit dem Umgang zu pflegen, der sich Bruder nennt und ein Unzüchtiger ist oder ein Habgieriger oder Götzendiener oder Lästerer oder Trunkenbold oder Räuber; mit einem solchen sollt ihr nicht einmal zusammen essen. 12 Denn was habe ich die zu richten, die draußen sind? Ihr richtet nicht einmal die, die drinnen sind? 13 Die draußen sind, wird Gott richten. Schafft den Übeltäter weg aus eurer Mitte!
Auslegung
Der Abschnitt lässt sich in drei Teile gliedern. In den Versen 1-5 kommt Paulus auf den Missstand in der Gemeinde zu sprechen und stellt die Forderung auf, den Inzestsünder auszuschließen. Mit dem Bild vom Sauerteig werden in den Versen 6-8 der Grund und das Ziel des Ausschlusses erklärt. In den Versen 9-13 erläutert Paulus seine Forderung vor dem Hintergrund eines früheren, scheinbar anderslautenden oder missverständlichen Briefes. In jedem der drei Teile wird – leicht variierend, aber doch unnachgiebig – die Direktive wiederholt: „schließt den Übeltäter aus“ (2c, 7a, 13b).
Das zentrale Wort im ersten Vers lautet „Porneia“, Griechisch für „Unzucht“. Das Wort bezeichnet durchaus verschiedene Dinge: vom Verkehr mit einer Dirne bis zur Homosexualität. Juden und Christen sahen in der „Porneia“ das typische Laster der Heiden. Hier bezeichnet Paulus mit dem Begriff einen Fall von Unzucht in der Gemeinde. Ein Sohn verkehrt mit der Frau seines Vaters, also mit der eigenen Stiefmutter. In der Tat waren solche Verhältnisse weder bei den Griechen noch bei den Römern erlaubt. Als Belege können das Ehegesetz des Augustus („Lex Iulia de adulteriis“) und ein Hinweis aus den Schriften Ciceros (Cluent. 5,12-6,16) gelten. In Senecas „Phaedra“ bezeichnet eine Amme die Liebe ihrer Herrin zum Stiefsohn als „Verbrechen, das noch kein Barbarenland je beging“ (165-167). Durch den Hinweis, dass solche Verhältnisse nicht einmal unter Heiden geduldet würden, beschämt und demaskiert Paulus die Gemeinde nur umso mehr. Auch im Alten Testament findet sich ein entsprechendes Verbot: „Verflucht, wer sich mit der Frau seiner Vaters hinlegt, denn er deckt das Bett seines Vaters auf. Und das ganze Volk soll rufen: Amen!“ (Dtn 27,20; Lev 20,11).
Weitere Umstände der Verbindung nennt Paulus nicht. Es geht ihm vielmehr um die Reaktion und das Verhalten der Gemeinde. Anstelle sich um den Vorfall zu sorgen und darüber entsetzt zu sein, tut die Gemeinde noch groß und ist „aufgebläht“. Haben die Korinther die Freiheitspredigt von Paulus missverstanden? An zwei Stellen zitiert Paulus vorwurfsvoll eine Parole, die in Korinth scheinbar im Umlauf war: „Alles ist (mir) erlaubt!“ (1 Kor 6,12; 10,23). Womöglich wurden auch verquere moralische Verhaltensweisen nicht weiter als Problem empfunden – nach dem Motto: „Christus hat uns ja das Heil erwirkt.“ Aufgrund der von Paulus betonten Gnade wiegt sich eine Gruppe in Korinth in moralischer Sorglosigkeit und heilsgewisser Sicherheit. Damit gerät aber auch die Verkündigung des Völkerapostels in die Kritik. Verleitet „sein Evangelium“ zu ethischer Verantwortungslosigkeit? Paulus muss klarstellen: Ein solches Verhalten duldet er nicht. Er nimmt die Autorität des Herrn in Anspruch und fällt – auch über die räumliche Distanz hinweg – ein deutliches Urteil.
Beim Verlesen des Briefs soll seine Entscheidung von der Gemeindeversammlung ratifiziert werden. Die Anweisung ist hart und entschieden: Der Übeltäter ist dem Satan zu übergeben. Außerhalb des Heilsraums der Gemeinde wütet – der hier verwendeten Vorstellung nach – der Satan. Die Wendung bezeichnet den Gemeindeausschluss. Der Mann soll den Raum der Gemeinde verlassen.
So schroff die Forderung klingt, sie ist nicht so hart wie etwa die Sicht der Qumran-Gemeinschaft: Nach der Gemeinderegel soll auch der Geist eines Frevlers vernichtet werden (1QS II,14). Paulus dagegen stellt dem Fleisch den Geist des Mannes gegenüber, der gerettet werden soll. Er gibt den Mann nicht vollends auf, sondern vertraut auf das rettende Handeln Gottes am Ende der Tage. Die Lösung des Problems obliegt Gott. Die Gemeinde hat durch den Ausschluss ein markantes Zeichen zu setzen und sich eindeutig gegen das Tun des Mannes zu stellen.
Mit dem Bild vom Sauerteig sind zwei Sinnlinien verbunden. Zum einen macht die alltägliche Verwendung des Sauerteigs deutlich, dass auch ein klein wenig viel anrichten kann. Der Einzelfall ist nicht zu unterschätzen. Für die Gemeinde steht viel auf dem Spiel. Zum anderen weist Paulus auf die Rolle des Sauerteigs im Kontext der Paschafeierlichkeiten hin. Der alte Sauerteig wurde am Paschafest aus den jüdischen Häusern entfernt, um – gemäß der Tora (Ex 12,15) – ungesäuertes Brot zu essen. Die Kreuzigung Jesu versteht Paulus als das Schlachten des Paschalammes. Das Pascha der Christen hat Jesus gestiftet und erwirkt. Die Christen sind ungesäuertes Brot. Paulus zieht daraus die Konsequenz: Wie die Juden beim Paschafest ungesäuertes Brot essen, so sollen die Christen auf die von Jesus erwirkte Befreiung mit einem neuen Verhalten reagieren. Der alte Sauerteig der „Schlechtigkeit und Bosheit“ wird weggeschafft, um „im ungesäuerten Brot der Lauterkeit und Wahrheit“ das österliche Paschaereignis zu begehen.
Schon vorher hatte Paulus in schriftlicher Form der Gemeinde den Umgang mit Unzüchtigen untersagt. Nun folgt eine einschränkende Klarstellung. Paulus favorisiert keine Ghettoexistenz der Christen. Anders als etwa die Johannesapokalypse (Offb 18,4) fordert er nicht zum Auszug aus der Welt und Gesellschaft auf. Die Christen leben in der Welt und haben mit Menschen Umgang, die Böses tun oder schuldig werden. Aber gemeindeintern legt Paulus andere Maßstäbe an. Für den Binnenraum der Gemeinde wird sogar ein – den alttestamentlichen „Ausrotte-Formeln“ (Dtn 13,6; 17,7; 22,21) nachempfundener – Imperativ gebraucht: „Du sollst den Bösen aus deiner Mitte wegschaffen!“
Verständnishilfen
Die exegetischen Hintergründe mögen manches erhellen, aber sie nehmen den Worten von Paulus nicht ihre Schärfe. Die Aufforderung zum Ausschluss wirft Fragen auf. Wo bleibt die Barmherzigkeit? Gibt es keine Möglichkeit zur Umkehr? Spielen der Gedanke an Vergebung und die Versöhnung mit der Gemeinde gar keine Rolle?
Die folgenden Anmerkungen sollen die Worte des Paulus – wenn schon nicht vollends erklären, so doch zumindest – verschmerzen helfen. Aber es wird nicht genügen, nur Paulus kritisch anzufragen. Seine Worte sind auch eine kritische Anfrage an uns. So herausfordernd es ist, Paulus legt den Finger in offene Wunden und fordert zur kritischen Auseinandersetzung und konstruktiven Suche nach Lösungen auf.
Die Rolle des Kontexts. Der erste Korintherbrief wendet sich an eine Gemeinde im Wachsen und Werden. Die Gemeinschaft der Christen von Korinth muss sich in einer weithin paganen und – in der Hafenstadt Korinth – auch multikulturellen Gesellschaft formieren und entwickeln. Wer sind die Christen? Wofür stehen sie? Was unterscheidet sie? Die harten Worte des Paulus dienen der Schärfung des Profils. Im Hintergrund stehen zudem Konflikte mit der jüdischen Synagoge. Paulus kämpft wohl auch gegen die Kritik, seine Predigt verwässere die Moral. Der Kontext und die Sorge um das Gemeindeprofil veranlassen Paulus, sich deutlich zu positionieren. Er statuiert ein Exempel. Es geht ihm um die Gestaltwerdung und Kontur der Gemeinde in der Wachstumsphase.
Der Part des Gemeindegründers. Paulus sorgt sich um die Gesamtentwicklung der Gemeinde von Korinth. Einzelfälle und individuelle Fragen bewertet er immer mit Blick auf das große Ganze. Auf die Situation des Mannes geht Paulus nicht näher ein. Es geht ihm um die möglichen Konsequenzen für die Gemeinde. Welche Folgen haben der Einzelfall und das Verhalten der Christen für den Zustand, die Strahlkraft, das Zeugnis und die Einheit der Gemeinschaft? Paulus schreibt als Gemeindegründer. Als solcher warnt er vor Kollateralschäden und fordert zur entschiedenen Abgrenzung auf. Biographisch-seelsorgliche Fragen werden in dieser Perspektive größtenteils ausgeblendet. Er sieht sich für das Wachsen und Werden der Gemeinde verantwortlich. Als Seelsorger, Beichtvater oder geistlicher Begleiter müsste Paulus anders reden.
Ein Kind seiner Zeit. Paulus ist geprägt von den moralischen Vorstellungen, Haltungen und Wertungen seiner Zeit und insbesondere vom Judentum seiner Tage. Paulus ist nur als Kind seiner Zeit zu haben. Als solcher begegnet er uns in seinen Briefen. Man mag die Urteile nicht mehr teilen, als rückständig, undifferenziert oder hartherzig empfinden. Gerade dann hilft die Einsicht: Sein Sprechen, Urteilen und Empfinden sind auf dem Hintergrund des Diasporajudentums und der griechisch-römischen Antike zu verstehen. Im vorliegenden Fall wird dies besonders deutlich, wenn Paulus ein moralisches Tabu der paganen Gesellschaft als Bewertungsmaßstab gebraucht.
Aus der Einsicht in die zeitgebundene Prägung der Worte erwächst eine hermeneutische Aufgabe. Die Sätze von Paulus lassen sich nicht einfach buchstäblich in unsere Zeit übersetzen. Das wäre ein gefährlicher Anachronismus. Es braucht vielmehr den behutsamen Dialog: ein Verständnis für die Werte der Zeit damals, um daraus Impulse und Übersetzungsmöglichkeiten für unsere Zeit zu entwickeln. Der fremde Paulus gibt zu denken. Er ist nicht überholt, aber auch nicht einfach aktualisierbar. Paulus mahnt uns, der Botschaft treu zu bleiben, die aber nur im Dialog mit unserer Zeit und unserer Welt zu finden ist.
Entwicklungen beachten. Das vergisst man leicht: Auch Paulus lernt. Die Gemeinden entwickeln sich. Die Kirchengeschichte hat in Korinth gerade erst begonnen. Das urchristliche Gemeindeleben ist immer auch vom Suchen nach Wegen und vom Ringen um Lösungen bestimmt. Die Entwicklung geht weiter.
Mit harten Worten erinnert Paulus an die Bedeutung des Falls für das Innenleben und die Außenwirkung. Im Lauf der Entwicklung wurde Paulus aber auch ergänzt. In der Gemeinde hatte sich noch kein – heute verständliches und gebotenes – Buß- und Wiedereingliederungsverfahren entwickelt. Wenige Jahrzehnte später kennt das Matthäusevangelium eine differenzierte Form des Umgangs mit Schuld und Scheitern (Mt 18,15-17). Man kann Paulus aburteilen, weil er solche Lösungsmöglichkeiten nicht oder noch nicht sieht. Man muss Paulus aber auch vor überzogenen Erwartungen schützen. Er ist Teil einer Entwicklungsgeschichte, die niemals abgeschlossen ist, weil sich Welt und Menschen verändern. Neue Einsichten ergeben sich. Erkenntnis muss erst reifen.
Unterschiede sind bedeutsam. Aus unserer heutigen Sicht bleibt Paulus hinter einem modernen, psychologisch sensiblen und pastoral geschulten Umgang mit Schuld und Scheitern zurück. Man würde sich wünschen, Paulus hätte nicht nur den Ausschluss favorisiert, sondern konstruktive Lösungsmöglichkeiten gefunden. Aber genauso wichtig wie das, was Paulus sagt, ist doch auch, was er – angesichts der Standards seiner Zeit – nicht mehr sagt. Oder anders: Über die Standards seiner Zeit hinaus hofft Paulus auf die Rettung des Menschen am Tag des Herrn.
Solche Veränderungen und inhaltlichen Überschüsse sind Wegweiser. Sie fangen das spezifisch Neue an der urchristlichen Verkündigung ein. Deutlich gesagt: Paulus fordert nicht zur Steinigung des Mannes auf. Paulus hofft auf die Rettung des Menschen. Womöglich hat der Gemeindeausschluss für ihn sogar einen pädagogischen Wert, der Einkehr und Umkehr bewirken soll. Jedenfalls macht sich Paulus nicht zum endgültigen Richter. Sein Urteil bezieht sich auf die Reaktion der Gemeinde. Das letzte Urteil überlässt er Gott. Er verdammt den Menschen nicht. Das würde auch seiner eigenen Predigt von der Gnade Gottes widersprechen. Diese Gnade Gottes bleibt der große Hoffnungs- und Heilshorizont.
Christsein ist kein Privatsache. Die Worte des Paulus erinnern mich ganz nüchtern an eine Tatsache, die man heutzutage gern vergisst und als selbstbewusstes Individuum nicht gerne hört. Das Verhalten und Leben des Einzelnen betrifft immer auch die Gemeinschaft. Paulus weist gerade darauf hin: Die junge Glaubensgemeinschaft der Christen wird von außen wahrgenommen und anhand ihrer einzelnen Glieder identifiziert und beurteilt. Was der Einzelne tut, kann der Gemeinschaft nicht egal sein. Als Glied der Gemeinde hat das Verhalten des Einzelnen immer auch Auswirkungen auf das Innenleben und die Außenwahrnehmung der Gruppe.
Paulus entfaltet dies auch an anderer Stelle im ersten Korintherbrief: „Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm. Ihr aber seid der Leib Christi, und jeder einzelne ist ein Glied an ihm“ (1 Kor 12,26-27). Christsein ist keine Privatsache. Mein Verhalten und meine Lebensführung betreffen – als Glied des Leibes Christi – auch die anderen Glieder und den gesamten Leib. Beide haben dies zu bedenken: der Einzelne und die Gemeinschaft. Ist meine Identifikation mit dem Leib Christi so groß, dass ich die Konsequenzen meines Verhaltens für die Gruppe in Rechnung stelle? Umgekehrt gilt auch: Wie geht die Gruppe mit Schuld und Scheitern in den eigenen Reihen um? Sorgt sich die Gemeinschaft um den Einzelnen?
Ein alternativer Interpretationsvorschlag. Im ersten Korintherbrief gebraucht Paulus an einigen Stellen das Wort „aufgebläht“ (1 Kor 4,6.18.19; 5,2; 8,1; 13,4). Im gesamten Neuen Testament wird es – bis auf eine Ausnahme in Kol 2,18 – nur von Paulus und nur im ersten Korintherbrief verwendet. Paulus muss dieses Verb sehr am Herzen gelegen haben. Der Begriff fängt sein Anliegen ein und lässt mich das von der Gemeinde geforderte Verhalten besser erkennen.
„Ihr seid aufgebläht“ (1 Kor 5,2), so lautet der Vorwurf. An anderer Stelle im Brief heißt es: „Die Erkenntnis bläht auf, die Liebe aber baut auf“ (1 Kor 8,1). Im Hohelied der Liebe kontrastiert das Wort „aufgebläht“ das Wesen und Verhalten der Liebe. So ist die Liebe nämlich nicht: „sie bläht sich nicht auf“, sondern „ist langmütig, gütig, neidet nicht und tut nicht groß“ (1 Kor 13,4). Was also kritisiert Paulus am aufgeblähten Verhalten der Korinther? Was den Christen in dieser Frage fehlt, ist Liebe. Davon sollten das Verhalten und die Reaktion der Korinther bestimmt sein: von einer gütigen, liebevollen und nicht wichtigtuerischen (1 Kor 4,19) Haltung.
So lese ich das Hohelied und die anderen Referenzstellen des Worts in den stacheligen Text hinein. Mit dem „aufgeblähten“ Gebaren der Korinther bezeichnet Paulus das, was die Liebe gerade nicht tun würde: „sie bläht sich nicht auf“ (1 Kor 13,4). Plötzlich verlieren die Worte des Paulus ein gutes Stück Hartherzigkeit und Schwere. Auch ihm geht es um ein Verhalten, das den Kern der christlichen Botschaft nicht außer Acht lässt. Der Maßstab muss die Liebe sein. Auch Paulus selbst hat sich daran zu messen. Damals wie heute geht es darum, nach Umgangswegen zu suchen jenseits von laxem – „aufgeblähtem“ – Desinteresse und unbarmherzigem – und nicht minder lieblosem – Rigorismus.