Wittelsbacher als Fürsten des Reiches auf Italienzug
Die Wittelsbacher und Italien – ein Thema, das eine ganz lange Geschichte hat, war doch ein Ereignis, das sich auf italienischem Boden abspielte, mitursächlich für den Aufstieg des Hauses zur Herzogswürde in Bayern. Otto von Wittelsbach, Pfalzgraf in Bayern, kämpfte 1155 für Kaiser Friedrich I. bei dessen erstem Italienzug in schwieriger Lage an der Veroneser Klause den Rückweg frei und sicherte sich durch diese Waffentat das dauernde Wohlwollen des Herrschers. Diese durch ihre künstlerischen Darstellungen besonders aus dem 19. Jahrhundert bekannte Szene war aber bei weiten nicht die einzige Gelegenheit, bei der Otto sich im Dienst des Staufers in Italien betätigte: Er war auch beteiligt an dessen zweitem Italienzug von 1158 bis 1162 zur Unterwerfung der lombardischen Städte und kam 1159 als Führer einer kaiserlichen Gesandtschaft nach Rom, wo er bei der Papst-Doppelwahl dieses Jahres den kaiserfreundlichen Gegenpapst Viktor [IV.] stützte.
Einen Höhepunkt wittelsbachischer Italien-Beziehungen setzte der 1314 zum König gewählte Ludwig IV., der Bayer, als er im Spätwinter 1327 von Trient nach Süden aufbrach. Sein erstes Ziel war Mailand, wo er die Stadtherren aus der Familie Visconti gegen ein päpstlich-neapolitanisches Heer unterstützte und mit der Eisernen Krone der langobardischen Könige gekrönt wurde. In Rom wurde der vom – in Avignon residierenden – Papst Gebannte am 17. Januar in einem ungewöhnlichen Verfahren im Namen des römischen Volkes zum Kaiser gekrönt. Aufgrund von Versorgungsproblemen und des Todes wichtiger Parteigänger musste er die Ewige Stadt aber schon Anfang August 1328 wieder räumen. Die folgenden 15 Monate verbrachte er in der Toskana und in Oberitalien, ehe er zu Weihnachten 1329 wieder in Trient und Anfang Februar 1330 in Bayern eintraf. Zu dem anfangs geplanten baldigen zweiten Italienzug zur Stabilisierung der kaiserlichen Herrschaft in diesem Land kam es nie; als einziger Ertrag blieb die wegen der fehlenden Anerkennung durch die päpstliche Kurie anfechtbare Kaiserwürde. Ludwig suchte dies zu kompensieren durch eine demonstrative propagandistische Aufwertung der mit der Stadt Rom verbundenen Tradition, an der der Papst durch seinen Umzug nach Avignon Verrat begangen habe.
Auch unter Ludwigs Söhnen und Enkeln fehlt es nicht den Personen, die sich zeitweise in Italien politisch und militärisch betätigten. Herzog Stephan II. zog 1365 nach Mailand, um im Bündnis mit den Visconti das zwei Jahre zuvor an die Habsburger verlorene Tirol zurückzuerobern. Heraus kam eine Heiratsverbindung. Wieder zwei Jahre später feierte der Herzogssohn Stephan III. Hochzeit mit Thaddea Visconti. War bei diesen Aktivitäten noch das bayerische Interesse an Tirol im Spiel gewesen, so entsprang ein erneutes italienisches Intermezzo im Leben Herzog Stephans III. einer Mischung aus reichspolitischem Engagement und Abenteuerlust. Im Auftrag König Wenzels zog er 1380/81 mit einem kleinen Heer nach Italien, um dessen Romzug vorzubereiten. Dazu kam es nie, aber der bayerische Herzog blieb erst einmal im Land südlich der Alpen, trat vor dem Hintergrund des Schismas in die Dienste des römischen Papstes und eroberte für diesen als fürstlicher Condottiere die Stadt Todi in Umbrien, die sogar für zwei Jahre einen bayerischen Stadtpfleger erhielt. Wieder zehn Jahr später überschritt Stephan III. nochmals die Alpen, um in Erbstreitigkeiten im verschwägerten Mailänder Herzogshaus einzugreifen, verlegte sich dann aber auf das Feld der Diplomatie: Er ging nach Rom, wo er sich vom dortigen Papst Bonifaz IX. mit einem Verhandlungsauftrag zur Wiederherstellung der Kircheneinheit beauftragen ließ – ehrenvoll, aber erfolglos. Ebenso scheiterte Stephans Sohn Ludwig der Bärtige im Sommer 1401, als er sich am Italienzug des neugewählten Königs Ruprecht, eines Wittelsbachers der pfälzischen Linie, beteiligte. Der blieb in Oberitalien stecken und brachte nicht die ersehnte Kaiserkrönung in Rom ein. Dies sollte die letzte Gelegenheit bleiben, bei der ein Wittelsbacher sich südlich der Alpen kriegerisch betätigte.
Das Studium an italienischen Universitäten
Es dauerte zwei Generationen, ehe wieder ein Angehöriger des Hauses Bayern das Land am Mittelmeer aufsuchte. Als Herzog Albrecht III. von Bayern-München 1460 starb, hinterließ er fünf Söhne, doch nur die beiden bereits volljährigen Johann und Sigmund übernahmen gemeinsam die Regierung. Die jüngeren Brüder, der vom Vater für den geistlichen Stand bestimmte Albrecht sowie Christoph und Wolfgang wurden zum Studium nach Italien geschickt. Dahinter steht eine neue Auffassung von den Pflichten eines Herrschers, die diesen nicht mehr als den ersten Ritter, sondern als den obersten Verwalter des Landes auffasste, aber auch eine rechtsgeschichtliche Entwicklung, die damit parallel läuft, die Rezeption des an den italienischen Universitäten gelehrten römischen Rechts in den Gegenden nördlich der Alpen. Der nach dem frühen Tod des ältesten Bruders 1463 und der Abdankung des unfähigen zweiten 1467 doch noch zur Regierung gelangte Albrecht IV. sollte von den in Italien erworbenen juristischen Kenntnissen denn auch geschickten Gebrauch machen. Durch einen neuen Regierungsstil – „an seinem Schreibtisch weit mehr zu Hause als im Sattel seines Reitpferds“ – hat er sein Teilherzogtum und schließlich das wiedervereinigte Bayern aus dem Mittelalter in die Moderne geführt.
Die pfälzischen Wittelsbacher hatten schon im Spätmittelalter mehrfach nachgeborene Söhne in der Reichskirche untergebracht. Für die bayerische Linie erlangte die Möglichkeit der Versorgung nicht erbberechtigter männlicher Nachkommen durch die Gewinnung von geistlichen Fürstentümern erst mit einem einschneidenden Verfassungswandel Bedeutung. Es gehörte zur neuen Auffassung von Herrschaft, die mit Albrecht IV. Einzug gehalten hat, dass das Land nicht mehr wie irgendein Privatbesitz geteilt wurde. Die Primogeniturordnung von 1506 schob dem einen Riegel vor, auch wenn ihre Durchsetzung sich in der folgenden Generation noch als schwierig erweisen sollte. Albrechts zweiter Sohn Ludwig X. konnte schließlich unter Berufung darauf, schon vor Erlass der Erbfolgeordnung geboren zu sein, seinem Bruder Wilhelm IV. ein Recht der Mitregierung abringen. Danach aber erwiesen sich beide als umso härter gegenüber ihrem jüngsten Bruder Herzog Ernst. An ihm wurde erstmals durchexerziert, was von nun an ziemlich regelmäßig das Schicksal nachgeborener Söhne unter der Geltung der Primogeniturordnung sein sollte: Der Eintritt in den geistlichen Stand. Ernst wurde, kaum den Kinderschuhen entwachsen, von seinen Brüdern in Begleitung seines Lehrers Johannes Aventinus nach Pavia und Rom geschickt. An der berühmten Universität des erstgenannten Ortes hörte der Prinz juristische Vorlesungen. Der Rombesuch aber diente nur der allgemeinen Erweiterung des Horizonts und keineswegs der theologischen Ausbildung. Eine solche galt zu dieser Zeit kurz vor dem Beginn der Reformation noch nicht als Voraussetzung für einen Bischofsstuhl der Reichskirche und Ernst blieb denn auch zeitlebens ohne höhere Weihen, obwohl der von 1517 bis 1540 Administrator des Bistums Passau und anschließend bis 1554 des Erzbistums Salzburg war.
Anders verhielten sich die Voraussetzungen zwei Generationen später beim ebenfalls auf den Namen Ernst getauften Sohn Herzog Albrechts V. von Bayern, der noch als Kind für den geistlichen Stand bestimmt wurde. Dabei ging es aber nun nicht mehr nur um die bloße Versorgung eines nicht erbberechtigten Sohnes, sondern der Prinz sollte als Protagonist einer wittelsbachischen Bistumspolitik großangelegten machtpolitischen Zwecken dienen. Ebenfalls geändert hatten sich durch das Konzil von Trient die kirchenpolitischen Voraussetzungen. Ohne ein Mindestmaß an Vorbildung für den geistlichen Stand ging es nicht mehr, auch wenn die Postulation des erst elfjährigen Herzogssohns zum Bischof von Freising von Papst nach einigem Zögern aus übergeordneten kirchenpolitischen Gründen bestätigt worden war.
Um Ernsts Chancen auf weitere und politisch lukrativere Bischofssitze zu vergrößern, verordnete der Vater ihm 1574 einen Studienaufenthalt in Rom. Schon auf der Reise dorthin ergaben sich aber Probleme, denn der junge Herzog benahm sich in Florenz „und andern mer orten … ungebürlich, ergerlich undt seinem standt ungemeß“. Der Vater drohte dem Sohn mit der Zurückberufung nach Bayern, denn dessen Verhalten gereiche ihm, dem regierenden Herzog zu „spot, schandt und verkhlainerung“. Herzog Ernsts Benehmen aber machte weiter große Sorgen. In einer Sommernacht entwischte er mit Hilfe eines Vertrauten, der zuvor eingestiegen war, an einer Strickleiter um drei Uhr nachts aus seinem römischen Quartier, was jedoch nicht unbemerkt blieb, denn auf der Gasse befindliche Leute glaubten an flüchtige Diebe und fingen zu lärmen an. Nur mit Mühe gelang es den Bediensteten, Aufsehen zu vermeiden. Am Morgen traf der Prinz wieder ein und fand statt der Strickleiter zwei Wächter unter seinem Fenster, worauf er sich wieder davon machte. Am nächsten Tag wurde er noch immer gesucht. Ernsts ehemaliger Erzieher Dr. Johann Fabritius, der ihn nach Rom begleitet hatte, schrieb besorgt nach München, das Benehmen des jungen Herzogs werde genau beobachtet, besonders vom päpstlichen Nuntius in Köln, der sich über alles informieren lasse, und könne noch einen großen Skandal verursachen. Obwohl sogar der Papst persönlich sich bemühte, den jungen Mann auf einen besseren Weg zu führen und dabei offenbar auch zeitweilig Erfolg hatte – Albrecht V. dankte ergebenst „de filio Ernesto ad saniorem mentem redacto“ („dafür, dass er seinen Sohn erst auf bessere Gedanken gebracht habe“) –, hielt der besorgte Vater es für angemessen, gegen den Willen des Kirchenoberhaupts den Romaufenthalt des Sohns zu beenden, zumal ihm der dort für Ernst engagierte Lehrer zwar ein Mann von großer Gelehrsamkeit, aber bei der Beaufsichtigung des Prinzen nicht sorgfältig genug erschien. Mitten im Winter 1575/76 musste Ernst die Heimreise über die Alpen bewältigen. Im Jahre 1578 reiste er, offenbar auf Vermittlung des Großherzogs von Toskana und ohne Abstimmung mit dem Vater nochmals nach Rom. Dieser wies in leicht verschnupftem Tone zwei Vertrauensleute in der Ewigen Stadt an, ihm zu berichten, „was wir billich wissen sollen, … sonderlich wie die Bäbstliche Heyligkeit, cardinäl und anndere fürnembste in Rom unnsers sons unfürsehen ankhumen aufgenummen haben.“
Immerhin hoffte Herzog Albrecht, dass durch die Anwesenheit Ernsts in Rom dessen Anliegen dort schneller behandelt würden. Gemeint ist die Verhinderung der päpstlichen Bestätigung der Wahl von Ernsts Gegenkandidat Gebhard Truchseß von Waldburg-Trauchburg bei der 1577 erfolgten Wahl eines neuen Kölner Erzbischofs, die aber letztlich nicht aufzuhalten war. Kurfürst von Köln wurde Ernst erst sechs Jahre später, nachdem Truchseß die in ihn gesetzten Hoffnungen gerade der eifrig katholischen Domkapitulare durch seinen Übertritt zum Protestantismus maßlos enttäuscht hatte.
Sehr viel erfolgreicher verlief der römische Studienaufenthalt der beiden ebenfalls für den geistlichen Stand bestimmten jüngeren Söhne Herzogs Wilhelms V., Philipp und Ferdinand. Sie hatten bei den Jesuiten in Ingolstadt das Gymnasium besucht und anschließend schon ein wenig Theologie an der dortigen Universität studiert, ehe sie den Winter 1592/93 zur Fortsetzung ihrer geistlichen Ausbildung nach Rom gingen. Während Philipp, bereits mit drei Jahren zum Bischof von Regensburg postuliert, 1597 sogar zum Kardinal erhoben, schon im darauffolgenden Jahr starb, wurde Herzog Ferdinand als Koadjutor und Nachfolger seines Onkels Ernst ab 1597 zum Initiator der katholischen Reform im Erzbistum Köln und den in Personalunion damit verwalteten Bistümern Lüttich, Münster, Hildesheim und Paderborn.
Die Prinzenreise des Erbprinzen Maximilian
Wiederum einen etwas anderen Charakter als der Studienaufenthalt eines zur geistlichen Laufbahn bestimmten Fürstensohnes hatte es, wenn ein Thronfolger nach Italien geschickt wurde. Zwar handelte es sich auch dabei der allgemeinen Intention nach um eine Bildungsreise und auch dabei galt ein Aufenthalt in Rom – jedenfalls bei katholischen Fürstensöhnen – als Kulminationspunkt der Reise, aber eine solche war nicht auf einen längeren Aufenthalt an einem Studienort, sondern auf den Besuch möglichst vieler politisch oder kulturell bedeutender Orte hin angelegt. Erstmals quellenmäßig dokumentiert ist eine solche Italienreise im Hause Wittelsbach für den späteren Herzog und Kurfürsten Maximilian I. im Jahr 1593. Sie begann – darin zeigt sich die dezidiert politische Anlage des Reiseprogramms – nicht sogleich mit dem Aufbruch nach Italien, sondern mit einem Besuch am Hof Kaiser Rudolfs II. in Prag. Schon kurz nach seiner Rückkehr nach München aber begab der Prinz sich am 15. März in den Süden, um dem Papst, Venedig, dem Großherzog der Toskana, den Herzögen von Mantua, Ferrara und Parma sowie Neapel und Mailand seinen Besuch abzustatten. Das heißt, auf dem Besuchsprogramm standen mit Ausnahme der Republik Genua und des Herzogtums Savoyen mit seiner Hauptstadt Turin alle halbwegs bedeutenden Staaten Italiens. Die Auslassung der beiden letztgenannten Orte ergab sich wohl aus der Gesamtplanung der Reiseroute, denn das weitere Programm umfasste einen Besuch am lothringischen Herzogshof in Nancy und der Weg dorthin sollte durch die Schweiz führen. Eine Durchquerung Frankreichs, wie sie von Piemont oder Ligurien aus nahegelegen hätte, war nicht vorgesehen, wohl mit Rücksicht auf die in diesem Land tobenden Kämpfe zwischen Katholiken und Hugenotten. Eine von Nancy aus geplante politische Bildungsreise zu einer Versammlung der Häupter der katholischen Liga Frankreichs in Reims unterblieb dann, weil die Konferenz wegen der zwischenzeitlich erfolgten Bekehrung Heinrichs IV. zum Katholizismus abgesagt wurde.
Begleitet wurde der Erbprinz vom Statthalter zu Ingolstadt, Rudolf von Polweiler, weiteren hohen Hofbeamten, seinem Beichtvater, dem Jesuiten Gregor von Valencia, einem Leibarzt und zahlreichem Dienstpersonal, insgesamt 53 Personen. Mit zu berücksichtigen ist dabei freilich auch, dass die Reise außerdem dem Zweck dienen sollte, die beiden jüngeren Brüder Ferdinand und Philipp nach Beendigung ihres römischen Studienaufenthalts nach Hause zu geleiten.
Noch vor Betreten italienischen Bodens traf Maximilian am 18. März in Innsbruck auf einen Abgesandten des Papstes, der ihm zwei vom Oberhaupt der katholischen Christenheit gesegnete Gegenstände übergab, einen Hut und ein Schwert, „Ehrung und Ausrüstung eines Kämpfers für Glauben und Kirche“. Im Hintergrund stand, dass seit dem osmanisch-persischen Frieden von 1590 ein neuer Türkenkrieg erwartet wurde, wobei die Lande der mit den Wittelsbachern auf engste verschwägerten Habsburger der steirischen Linie das erste Opfer zu werden drohten. In Rom erfuhr Maximilian später, dass der Papst sich gegenüber seiner Umgebung oft beklage, „das die weltlichen catolischen fürsten sich so wenig in khriegssachen üben“. Maximilian nutzte dieses Wissen geschickt, indem er auf eine päpstliche Ermahnung, keine Protestantin zu heiraten, die Antwort gab, mit dem Heiraten sei es ihm nicht eilig, sondern zunächst wolle er mehr lernen, „sonderlich auch im khriegswesen“. Hier erwies der erst zwanzigjährige Prinz sich bereits als in der Kunst der diplomatischen Verschleierung sehr versiert. Er hat damit nämlich den Papst bewusst getäuscht, denn, wie noch zu berichten sein wird, waren mit der Reise durchaus auch Heiratspläne verbunden, wenn auch weniger Maximilians selbst als seiner Eltern. Am Münchner Hof hatte man allerdings auch noch eine andere Vermutung über die mit dem päpstlichen Geschenk verbundene Absicht: Die Kurie wolle durch diese Gunstbezeugung den bayerischen Hof drängen, die Brüder Maximilians noch länger in Rom zu lassen, was wegen der Kosten und der leeren Staatskasse nicht den Intentionen Wilhelms V. entsprach.
Über Trient, wo man vom 20. auf den 21. vom dortigen Bischof Kardinal Madruzzo beherbergt wurde, erreichte die Reisegruppe am 23. März 1593 Venedig. Dort besichtigte Maximilian allerlei Sehenswürdigkeiten und wohnte in einem dem Bischof von Vicenza gehörigen Haus. Nicht auf dem Programm stand ein Empfang durch den Dogen, da der Prinz „inkognito“ in der Lagunenstadt weilte, das heißt er sich offiziell nicht als bayerischer Thronfolger zu erkennen gab, sondern quasi als privater Tourist sich dort aufhielt. Nichtsdestoweniger wurde er von den Behörden der Republik Venedig mit Kerzen, Wein und Delikatessen beschenkt – mit der Entschuldigung, man respektiere das Inkognito, daher die bescheidenen Geschenke. Am 27. erfolgte die Abreise zunächst nach Padua, wo Maximilian trotz noch gewahrten Inkognitos vom venezianischen Gouverneur und den Spitzen von Stadt und Universität begrüßt wurde und einen Tag und eine Nacht blieb.
In Mantua, wo Maximilian am 29. ankam, traf er zwar den Herzog nicht an, der gerade in sein zweites Herzogtum Monferrato verreist war, aber die beiden Söhne des Landesherrn begrüßten ihn umso freundlicher, wobei es dem bayerischen Erbprinzen bemerkenswert schien, dass sie „nit viel großer als die Madalena“, also seine Schwester, waren, aber gut verständlich deutsch redeten. Der Erbprinz blieb nur zwei Nächte und einen Tag in Mantua, hielt Konversation mit verschiedenen Angehörigen des Herzogshauses und sah sich die Sehenswürdigkeiten der Stadt an. Einer Festlegung, auf der Rückreise zurückzukommen, wich er beharrlich aus, da er sich ohne Zustimmung des Vaters auf nichts festlegen lassen wollte und zudem fürchtete, dann zu einem längeren Aufenthalt in der Sommerhitze genötigt zu werden. Zudem bemerkte der politisch wache Maximilian, dass es offenbar zwischen dem regierenden Herzog und den weiblichen Mitgliedern des Hauses Gonzaga Unstimmigkeiten gab: „Ich merke sunsten, daß alhie ein selzames regiment und dunkht mich schier, bayde herzoginen sechen gärn, daß er dem schwirmen ein end machte.“ Gemeint ist wohl, dass es dem Regenten beliebte, seinen Aufenthalt häufig zwischen seinen beiden Herrschaftsgebieten hin und her zu verlegen, was den weiblichen Familienmitgliedern nicht passte. Polweiler meinte, der Herzog habe es absichtlich so arrangieren wollen, dass er Maximilian erst auf der Rückreise nach Bayern treffe, um wegen wittelsbachisch-florentinischer Heiratspläne mit ihm zu sprechen.
Die weitere Route führte nach Ferrara, wo der dortige Herzog aus dem Hause Este zum Vergnügen der Gäste „ein herrliche music von etlich unnd sechzig stimmen unnd instrummenten“ aufführen ließ und die Herzogin am Tag darauf ein Kammerkonzert dreier adeliger Damen und eines „gentilhuomo Neapolitano, so ain baß gesungen“. Von diesem anscheinend besonders musikalischen Hof ging es über Bologna und Florenz nach Pisa, wo der Großherzog von Toskana sich gerade mit seiner Familie aufhielt; am 6. April traf Maximilian dort ein. Hier kam zum Tragen, dass die Reise nicht nur der Bildung und Erweiterung des Horizonts des jungen Fürsten dienen sollte, sondern auch der Brautschau. Eine der am Münchner Hof als künftige Herzogin in Erwägung gezogenen Kandidatinnen war Maria de Medici, die Tochter des Großherzogs. Im Hause Medici hatte man allerdings bereits einen anderen als künftigen Ehemann für sie im Auge, nämlich König Heinrich IV. von Frankreich. Das wird auch der Grund gewesen sein, weshalb Maximilian die Prinzessin nur kurz und bei schlechter Beleuchtung zu sehen bekam. „So habe ich sie auch nicht recht gesehen, weil es ziemlich finster war; aber mich dunckt nit, dass sie so gar schen sei, wie mann gesagt. Wie sie sonsten qualificiert oder was ich erfaren, khan ich Euer Durchlaucht bößer mindtlich berichten“, schrieb der Erbprinz nach München. Er war recht skeptisch gegenüber dem überschwänglichen Lob, das Angehörige des Hofes über die Prinzessin, besonders über ihre Frömmigkeit, ihm gegenüber hören ließen. Interessanter war offenbar die Unterhaltung mit dem Großherzog: „Hatt der großherzog mehr als 2 stundt mit mir von allerlaj sachen conversiert, von Frankhreich, Niderland, Spanien, summa dem ganzen generalwesen in der christenheit, aber alleß ist uber die Spanien und zum thail Jesuiter hinaußgangen“. Beide mochte der Großherzog offenbar nicht, wobei Maximilian sich aufgerufen fühlte, die Gesellschaft Jesu in Schutz zu nehmen.
Schon am 7. April verließ die Reisegruppe Pisa wieder und nahm den Weg über Siena und Viterbo, wobei man in kleineren Etappenorten teilweise in sehr schlechten Herbergen übernachten musste. In Rom traf sie am 10. April ein; die beiden dort schon weilenden bayerischen Prinzen und mehrere Kardinäle waren ihr bis zum dritten Meilenstein vor der Stadt entgegengefahren. Von der Porta Pia an der Piazza del Populo, durch die der Einzug in die Ewige Stadt erfolgte, begab man sich sogleich in die Peterskirche, wo Maximilian – noch in Stiefeln und Sporen – sogleich ein Gebet verrichtete. Anschließend wurde er von Soldaten der Schweizer Garde zur Audienz zum Papst geleitet, obwohl dieser wegen eines Gichtleidens das Bett hüten musste. Fast täglich durfte der bayerische Erbprinz auch in den folgenden Wochen den Heiligen Vater besuchen, obwohl dieser noch häufiger wegen seiner Krankheit nicht aufstehen konnte – erneut ein großer Gunsterweis und ein Reflex der großen Hoffnungen, die man an der Kurie auf den bayerischen Erbprinzen setzte, von dessen Persönlichkeit der Papst sich beeindruckt zeigte. Als sichtbare Zeichen dieser Wertschätzung erhielt der junge Fürst mehrere Reliquien zum Geschenk und konnte einen lange umkämpften kirchenpolitischen Erfolg verbuchen: Gegen den Widerspruch des Erzbischofs von Salzburg bestätigte der Papst die Wahl seines Bruders Ferdinand zum Koadjutor des Fürstpropsts von Berchtesgaden. Die übrige Zeit verging mit der Besichtigung der Sehenswürdigkeiten der Stadt, mit Empfängen und Banketten bei Kardinälen und römischen Adeligen sowie mit mehrmaligen Besuchen im römischen Jesuitenkolleg, die seltsamerweise vor dem Papst möglichst verheimlich werden mussten, da die Jesuiten damals mit den Dominikanern in einen theologischen Streit um die Gnadenlehre verwickelt waren und Clemens VIII. den letzteren zuneigte. Die Karwoche und Ostern konnte Maximilian in der Umgebung des Papstes feiern, wobei er am Ostersonntag von diesem persönlich die heilige Kommunion empfing. Bei einem Fest im Hause des Fürsten Cinzio Aldobrandini lernte Maximilian auch den berühmten Dichter Torquato Tasso kennen, der ihm ein Sonett widmete. Vom 26. April bis 5. Mai unternahm Maximilian einen Abstecher nach Neapel, wobei er zu Schiff von Civitavécchia aus reiste. In der Hauptstadt des süditalienischen Königreichs, das unter spanischer Herrschaft stand, erlebte er am Gedenktag der Translation der Reliquien des Heiligen, am 1. Mai, das Blutwunder des Heiligen Januarius mit, wohnte aber beim päpstlichen Nuntius und nicht beim spanischen Vizekönig, was teils an politischen Ursachen lag, die der Bericht aber nicht angibt, teils an Rücksichten auf den Papst, der die Reise arrangiert hatte. Die Rückreise erfolgte wieder zu Schiff bis Porto, dem Hafen von Rom.
Nachdem er nochmals einige Tage in Rom verbracht hatte, trat der Erbprinz am 11. Mai gemeinsam mit seinen beiden Brüdern den Weg nach Norden an, nachdem er am Vortag in Privataudienz den päpstlichen Segen empfangen und am frühen Morgen nochmals in St. Peter gebetet hatte. Der Weg führte über Terni und Spoleto, von wo aus Maximilian allein noch einen Abstecher nach Assisi machte und dann in Foligno wieder seine Brüder traf. Von dort ging es über den Apennin, wobei wieder die „schmale tractation“ beklagt werden musste, zum Besuch der Reliquien des Heiligen Nikolaus von Tolentino und von dort am 15. Mai nach Loreto, wo die Reisegesellschaft bis zum 17. bleib. Dieser Teil der Heimreise diente also vorranging dem Besuch von Wallfahrtorten, wobei man sich auf dem Boden des Kirchenstaats bewegte und in allen Städten auf Befehl des Papstes von den Behörden empfangen und frei gehalten wurde. Zwischen Fano und Pesaro kam den bayerischen Prinzen der Herzog von Urbino entgegen und begleitete sie bis Rimini. Am 22. Mai trennten sich dort die Wege der Brüder. Philipp und Ferdinand schlugen den direkten Weg über Ravenna und Verona nach Bayern ein, während Maximilian verschiedene oberitalienische Fürstenhöfe besuchte: Über Bologna und Modena, wo der päpstliche beziehungsweise herzoglich-estensiche Statthalter den Erbprinzen beherbergte, kam er am 25. Mai nochmals nach Mantua, wo auch der Herzog von Ferrara sich eingefunden hatte. Am 26. Mai trugen die beiden Herzöge, Maximilian und drei weitere hohe Adelige bei einer abendlichen Prozession zu Ehren einer Heilig-Blut-Reliquie gemeinsam den Baldachin, Zuvor allerdings hatte man eine Komödie angesehen, von der es in dem bayerischen Bericht leicht pikiert heißt: „lascivamente abgangen“. Am 28. Mai erfolgte die Abreise, ohne dass wir erfahren, ob des Herzogs von Mantua Neugier wegen des Heiratsprojekts zwischen Maximilian und Maria de Medici nun befriedigt wurde. Vom 28. bis 31. Mai war man beim Herzog von Parma zu Gast, wobei musikalische Darbietungen und Besichtigungen, unter anderem des neu erbauten Schlosses, die meiste Zeit einnahmen. Über den Besuch in Mailand, wo der spanische Gouverneur des Stato di Milano seinen Sitz hatte, erfahren wir leider nichts, da der Chronist der Reise erkrankt war; Die Abreise erfolgte am 4. Juni, sodass der Aufenthalt wohl zumindest zwei Tage gedauert haben dürfte. Nach einer Übernachtung in Varese erreichte man am 5. Mai die Schweiz. Ein bunter Reigen von Empfängen und Banketten, Besichtigungen von Sehenswürdigkeiten und kulturellen Events, Wallfahrten und feierlichen Gottesdiensten, politischen Gesprächen und Sondierungen von Heiratsmöglichkeiten auf italienischem Boden war zu Ende.