Einführung zur Veranstaltung in der Reihe „Wissenschaft für jedermann“

Im Rahmen der Veranstaltung "Wende im Plastikzeitalter – warum wir Biokunststoffe brauchen!", 17.02.2016

Kunststoff ist nicht gleich Kunststoff. Der negative Klang, den das Wort in den Ohren vieler ökologisch gesinnter Zeitgenossen hat, ist nicht in jedem Fall angemessen. Darauf weist schon die Etymologie des Wortes hin: „Kunst“ bezeichnet ein Können, ein Vermögen oder eine Kulturfähigkeit, griechisch techne, in diesem Fall die Fähigkeit, „kunstfertig“ Materialien oder Stoffe zu generieren. Das Denken im gewohnten Gegensatzpaar „Technik – Natur“ führt, wenn man es unmittelbar normativ auflädt, in die Sackgasse einer nicht entscheidbaren Alternative. Denn „Kunststoffe“ im weiten und ursprünglichen Sinn des „künstlichen“ Herstellens von Werkstoffen für menschliche Bedürfnisse sind spätestens im gegenwärtigen Zeitalter der technisch geprägten Zivilisation unverzichtbar. Ethisch sinnvoll und praktikabel ist nicht die Entscheidung zwischen Technik und Natur oder Chemie und Ökologie, sondern nur die Suche nach einer neuen Synthese zwischen diesen beiden Polen unserer modernen Existenz. Mit anderen Worten: Es gibt keinen „Rückweg“ vom Plastikzeitalter in das vermeintliche Paradies des reinen Naturzustandes, sondern allenfalls den Weg vorwärts in die bewusste Gestaltung einer human und ökologisch verträglichen Symbiose von Natur und Technik.

Worauf es ankommt ist die Vermeidung spezifischer Umweltbelastungen. Der weltweite, in den letzten Jahrzehnten besonders durch China beschleunigte Siegeszug von Kunststoffen auf fossiler Basis, meistens „Plastik“ genannt, entpuppt sich heute als eines der zentralen Umweltprobleme –  als eine Büchse der Pandora: Ein Geschenk an die Menschheit, das zunächst attraktiv scheint, sich aber zunehmend als Unheil erweist. Die Schattenseiten der schönen neuen Plastikwelt wurden vielen durch den investigativen Dokumentarfilm PLASTIC PLANET des österreichischen Regisseurs Werner Boote (2009) bewusst. Die Unmengen von Plastikmüll im Meer können wir trotz gegenteiligen Werbekampagnen der Europäischen Kunststoffindustrie nicht länger ignorieren. So geißelt Papst Franziskus in seiner Umweltenzyklika mit scharfen Worten die Verwandlung des Planeten in eine „unermessliche Mülldeponie“ (Laudato si‘, Nr. 21).

Plastik scheint zum Fluch geworden zu sein, der heute in Form von Müll das Gesicht der Erde verwandelt. Eine Plastiktüte ist im Durchschnitt ca. zehn Minuten in Gebrauch, während ihre Verrottung 500 Jahre dauern kann. Mit dem Plastikmüll hinterlässt die Menschheit eine global sichtbare Spur auf dem Planeten. Künftige Archäologen werden den Plastikmüll – so wird vermutet – als einem Leitindikator für die neue erdgeschichtliche Epoche des Menschenzeitalters (Anthropozän) identifizieren.

Wer umweltbewusst leben will, sollte den Gebrauch und vor allem das achtlose Wegwerfen von fossilbasiertem Plastik vermeiden. Dies wird immer mehr zu einem Maßstab für umweltgerechte Lebensstile. Konsequentes „Plastikfasten“ ist jedoch nicht leicht und fordert bisweilen harten Verzicht. Aber nicht nur. Plastikvermeidung ist auch eine Frage der technischen Innovation. Kunststoffe können auf biogener Grundlage (und damit plastikfrei) entwickelt werden. Zum Beispiel aus Zelluloid. Das ist zunächst etwas teurer als Fossil-Plastik, hat aber den unschätzbaren Vorteil, dass solche Biokunststoffe natürlich abbaubar sind. Denn erst die fossilen Bestandteile führen dazu, dass der Abfall nicht verrottet, und daher nicht oder nur sehr verzögert in die biologischen Kreisläufe zurückgeführt werden kann. Der Handlungsbedarf ist dringend.

Wir hatten hier im Deutschen Museum in der Reihe „Wissenschaft für jedermann“ bereits eine Veranstaltung dazu: „Plastikmüll im Meer – sichtbare und unsichtbare Gefahr“ am 12. 2.  2014 mit Prof. Dr. Gerd Liebezeit von der Universität Oldenburg (siehe „zur debatte“ 4-2014). Damals ging es um die Auswirkungen des Plastikmülls in den Meeren. Inzwischen gingen die Bilder von verendenden Meerestieren, die Plastik verschluckt haben und daran ersticken oder verhungern, weil ihre Mägen statt mit Nahrung mit kleinteilig zerfallenen Plastikresten gefüllt sind, vielfach durch die Medien. Die Aktualität des Themas hat also keineswegs abgenommen.

Die heutige Veranstaltung führt die Debatte jedoch einen Schritt weiter: Nun geht es um Handlungsperspektiven aus chemischer Sicht. Hierzu zeigen die sogenannten „Biokunststoffe“ teils ganz neue, teils längst bekannte, aber nicht umgesetzte Perspektiven auf. In der Diskussion werden wir dies durch eine gesellschaftliche Sicht ergänzen. Denn die Wende im Plastikzeitalter ist machbar, wenn wir sie mit hinreichender Entschlossenheit wollen und diesen Willen auch gesellschaftlich organisieren. Dazu brauchen wir nicht nur die angesprochenen Synthese von Natur und Technik, sondern auch die von innovativer Forschung, medial in die Breite getragenem Bewusstseinswandel, international abgestimmter Gesetzgebung sowie persönlicher Bereitschaft zu Verhaltensänderungen.

Die Forschung zu Biokunststoffen ist Teil einer neuen Richtung der wissenschaftlich-technischen Entwicklung, die oft als „Bioökonomie“ umschrieben wird. Dazu hat die Bayerische Staatregierung 2015 einen eigenen Sachverständigenrat gegründet, wie dies zuvor bereits auf Bundes- und EU-Ebene geschah. Erhofft wird von der Bioökonomie eine neue Art der Synthese aus technisch-industrieller Entwicklung und präventivem Umweltschutz im Bereich von Material- und Werkstoffentwicklung, aber auch in den Feldern der pflanzenbasierten Bioenergie oder der nachhaltigen Ernährung. Ziel ist eine umfassende Ressourcenwende, die die Energiewende flankiert, das „Fossilzeitalter“ hinter sich lässt und eine klimaverträgliche Moderne ermöglicht.

Ob und wie eine solche Synthese aus Ökologie und Ökonomie gelingen kann, ist heiß umstritten: Während die Bundesregierung bereits mehrere Milliarden Euro für die bioökonomische Ressourcenwende an Fördermitteln investiert  bzw. bewilligt hat, sehen andere in der Bioökonomie das Paradigma einer vollständigen Ökonomisierung der Natur, die auf einen Ausverkauf der Ressourcen hinauslaufe. Tatsächlich ist die bisherige Bilanz der „Green Economy“, wie das Projekt auch genannt wird, ernüchternd. Das Versprechen einer rein technischen Lösung der Umwelt- und Klimaprobleme erweist sich als gefährliche Illusion. Worauf es ankäme, wäre eine Verknüpfung des technischen mit einem ethischen Paradigmenwechsel, also einem Wertwandel in Bezug auf das Verständnis von Wohlstand, Wachstum und Lebensqualität. Denn ohne diesen werden die technisch ermöglichten Naturentlastungen, wie die Erfahrungen vielfach zeigen, durch eine noch schnellere Steigerung des Anspruchsniveaus sowie des systemischen Risiken „aufgefressen“.

Das Paradigma der Bioökonomie ist deutungsoffen: Man kann darunter ebenso gut eine Ökonomisierung der Ökologie, die die Natur lediglich als wirtschaftliche Ressource wahrnimmt, sehen wie – in umgekehrter Leserichtung – eine Ökologisierung  der Ökonomie, die den Weg zu einer auf erneuerbaren Rohstoffen basierenden Wirtschaft ebnet. Angesichts dieser Ambivalenz kann und muss man um die Deutung und die entsprechende Umsetzung des Konzeptes streiten.

Der Bayerische Sachverständigenrat für Bioökonomie hat Leitlinien für eine neue, ethisch fundierte Bioökonomie definiert und diese durch Vorschläge für exemplarische Handlungsfelder konkretisiert (vgl. http://www.biooekonomierat-bayern.de/). Gerade weil das Paradigma der Bioökonomie ambivalent und deutungsbedürftig ist, habe ich mich wohl derzeit weltweit einziger Theologe für die Arbeit einem solchen Sachverständigenrat zur Verfügung gestellt. Meine Motivation dafür ist auch die Faszination durch wissenschaftlich-technische Innovation im Bereich der Biokunststoffe. Diese sind Ausdruck einer von den Erfolgsgeheimissen der Natur inspirierten Technik, die in einigen Bereichen einen Quantensprung an ökologischer sowie gesundheitlicher Verträglichkeit sowie höherer Effizienz von Werkstoffen mit sich bringen können. Die Wende im Plastikzeitalter ist möglich. Sie braucht innovative Forscher wie Professor Cordt Zollfrank, der uns heute an seinem Wissen teilhaben lässt, aber auch Akteure in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft, die die gesellschaftliche Transformation für eine postfossile Wende im Plastikzeitalter mit Nachdruck wollen und vorantreiben.

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