Das 14. Jahrhundert als Blütezeit der Hanse?

Eine Netzwerkorganisation im Umbruch

Im Rahmen der Veranstaltung "Historische Tage 2016 – Nur eine finstere Krisenzeit?", 10.02.2016

Die Hanse im 14. Jahrhundert – Blüte oder beginnender Niedergang?

 

Prächtige Hansekoggen ebenso wie mächtige Seestädte mit imposanter Backsteinarchitektur, in denen reiche Kaufleute die politischen Geschicke leiteten und von denen aus sie ihre Waren über riesige Distanzen zwischen Brügge und London im Westen, Bergen im Norden sowie Visby, Reval und Novogorod im Nordosten dirigierten, bestimmen auch heute noch das Bild der Hanse. Und mittendrin, nicht nur geographisch, agierte Lübeck als größte und reichste dieser Städte, zum wirtschaftlichen Zentrum aufgestiegen durch Warenumschlag und einträgliche Zusammenführung von Ostseehering und Lüneburger Salz, nach der Mitte des 14. Jahrhunderts auch als quasi politisches Zentrum der Hanse. Lübeck war der mit Abstand häufigste Versammlungsort der hansischen Tagfahrten, jener bald regelmäßig abgehaltenen Versammlung von Abgesandten der Hansestädte, die über hansische Angelegenheiten beriet und im Konsensprinzip Beschlüsse, so genannte Rezesse, über gemeinsames koordiniertes Handeln der Städte fasste. Und die Hanse führte im 14. Jahrhundert auch erfolgreich Krieg, militärisch wie wirtschaftlich.

Welchen Platz hat also das Diktum einer vermeintlichen Krise des 14. Jahrhunderts innerhalb der scheinbar so glanzvollen Erfolgsgeschichte der Hanse? Und wer wollte angesichts solcher Fakten die sich im 14. Jahrhundert voll entfaltende Macht der Hanse in Frage stellen, eine Macht, welche doch scheinbar so deutlich in wirtschaftlichen Belangen (als „Handelsimperium“) wie vor allem in politischen Fragen (als „Staat der Städte“) zu Tage trat? Zumal das so glänzende Erscheinungsbild der Hanse, das hier nur holzschnittartig nachgezeichnet wurde, trotz vielfältiger Bemühungen der neueren Forschung nach wie vor prägend ist. Entstanden ist es in der älteren Hanseforschung, die, jeweils ausgerichtet auf allgemeine politische Strömungen und historiographische Trends, in der Hanse abwechselnd ein Beispiel für frühes, bürgerliches Selbstbewusstsein im Mittelalter, für Territorialgewalt im Norden des Reiches oder für die deutsche Macht zur See sehen wollte. Auch gerade wegen einer lange Zeit dominierenden politischen Perspektive auf die Hanse verdeckt dieses Erscheinungsbild strukturelle Probleme und innere Widersprüche der Hanse, von denen einige in diesem Beitrag behandelt werden.

Es soll hier somit in erster Linie darum gehen, das Fragezeichen im Titel zu erklären. Geht man von der engeren Bedeutung des Wortes „Krise“ als einer Zuspitzung beziehungsweise Entscheidungssituation aus, gelingt das aber sehr gut. Dann nämlich lassen sich die geschilderten Elemente nicht allein als strahlende Erfolge, sondern auch als mehr oder minder gelungene Reaktion der Hansekaufleute auf krisenhafte Veränderungen der Rahmenbedingungen ihres Handels einerseits und der systemimmanenten Grenzen des Wachstums andererseits deuten ‒ und genau dieser Weg wird hier beschritten. Dies soll in den folgenden Abschnitten in drei Schritten geschehen, denen jeweils eine Leitfrage vorangestellt ist. Abschließend werden die genannten Argumente nochmals zusammenfassend auf die These des organisatorischen Umbruchs der Hanse hin zugespitzt.

 

Commercial Revolution in Nordeuropa – Struktur und Charakter der Hanse

 

Wie waren der Handel der Hansekaufleute beziehungsweise die Hanse selbst strukturiert? Und welche Verbindung besteht zwischen Hanse und der Commercial Revolution des Mittelalters? In die Phase des einst vom amerikanischen Wirtschaftshistoriker Robert S. Lopez als „Commercial Revolution of the Middle Ages“ bezeichneten Wiederauflebens und Ausbaus überregionaler Handelsbeziehungen im hohen Mittelalter fällt auch der Aufstieg der niederdeutschen Kaufleute im Handel innerhalb des Nord- und Ostseeraums. Wesentliche Rahmenbedingungen der Commercial Revolution auch in Nordeuropa waren seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts erhebliche Produktivitätsfortschritte in der Landwirtschaft infolge einer klimatischen Wärmeperiode und das hierdurch initiierte Bevölkerungswachstum. Grundlegend für die dann einsetzende wirtschaftliche Entwicklung Nordeuropas und insbesondere des wendischen, preußischen und baltischen Raums waren unter anderem die demographische Expansion und die damit verbundene Kolonisation. Migration von West nach Nordost und Etablierung des mittelalterlichen Modells der Stadt als Kommune und als rechtlich geschützter, permanenter Markt im Ostseeraum schufen einen Handelsraum in Nord- und Ostsee, der eine räumliche Spezialisierung aufwies und in dem im wesentlichen niederdeutsche Kaufleute den Gütertausch ‒ Rohstoffe und Nahrungsmittel (z.B. Holz, Erz, Wachs, Felle und Getreide) aus dem Norden und Nordosten gegen gewerbliche Erzeugnisse (z.B. Wolltuche) aus dem Westen ‒ übernahmen.

Hanse bedeutete ursprünglich „Schar“ und umschrieb zunächst allgemein jegliche Genossenschaft Fernhandel treibender Kaufleute. Seit dem 12. Jahrhundert hatten niederdeutsche Kaufleute im Zuge von demographischer Expansion, Kolonisation und wirtschaftlichem Aufschwung umfangreiche Handelsprivilegien in London, Novgorod und Brügge erworben und waren damit in der Lage, ihre Konkurrenten im Transferhandel zwischen den Handelsplätzen und bei der Versorgung der im Ostseeraum neu entstandenen Städte zu verdrängen. Grundlage für das Handelsmonopol der niederdeutschen Kaufleute waren die Handelsprivilegien, mittels derer der Zugang zum binnenhansischen Markt wirksam kontrolliert werden konnte. Die Kaufleute waren damit in der Lage, ein stabiles Kartell zu bilden. Eine Hanse im formalen und politischen Sinne existierte jedoch noch nicht, sie bestand vielmehr informell und war eine Konsequenz der mannigfaltigen Kooperation zwischen den Kaufleuten.

Was hier also im 12. und stärker noch im 13. Jahrhundert passierte, war die nordeuropäische Variante der Commercial Revolution, also die spürbare Urbanisierung vormals ausschließlich agrarischer Landstriche und in deren Folge ein erheblicher Anstieg von gewerblicher Produktion, Konsum und Fernhandel. In vielen Punkten unterschied sich diese nordeuropäische Variante kaum von ähnlichen, zeitlich etwas früher anzusetzenden Entwicklungen im Mittelmeerraum oder in Westeuropa. Auch die Hansekaufleute wurden im 13. Jahrhundert zunehmend sesshaft und dirigierten ihre Waren nunmehr von der heimischen Schreibstube aus zu den Absatzmärkten, auch wenn der reisende, seine Ware begleitende Kaufmann damit nicht endgültig verschwand und auch im Spätmittelalter noch überall in Europa zu finden war, im Hanseraum etwa im Handel mit Novgorod, wohin die Kaufleute noch bis in das späte 15. Jahrhundert persönlich reisten. Dennoch gab es maßgebliche Unterschiede in der Entwicklung des Fernhandels in Europa. Ein ganz wesentlicher Unterschied war, und dies ist für die weitere Argumentation bedeutsam, das Prinzip der Netzwerkorganisation der Hansekaufleute. Auch die Hansekaufleute handelten vornehmlich mit Verwandten und Freunden und besaßen damit ein weitverzweigtes Beziehungsnetzwerk, welches die Grundlage ihres Geschäfts war. Anders als in vielen Teilen Europas gab es jedoch im Hanseraum mit der Sesshaftwerdung der Kaufleute nur in geringem Maße rechtliche und handelstechnische Innovationen, welche die nun mehrheitlich sesshaften Kaufleute unabhängiger von ihren persönlichen Handelskontakten hätten machen können, etwa indem sie ihnen den Zugang zu Risikokapital ermöglichten oder sie vor Betrug durch Handelspartner schützten. Hansekaufleute an unterschiedlichen Standorten kooperierten weiterhin, häufig ohne schriftlichen Vertrag, in der gegenseitigen Zusendung von Waren, die dann jeder im eigenen Namen und ohne Gewinnbeteiligung für den jeweils anderen Partner vor Ort verkaufte. Solche persönlichen Handelsverbindungen bestanden natürlich auch zu den Kaufleuten, die an den Kontorsplätzen, den Niederlassungen der Hanse in weitentfernten Handelsstädten, tätig waren, über welche Einfuhr und Ausfuhr von Gütern in den beziehungsweise aus dem Hanseraum abgewickelt wurde.

Struktur und Funktionsweise der hansischen Handelsverbindungen lassen sich präzise im organisationstheoretischen Modell der Netzwerkunternehmung fassen. Das Handelssystem der Hanse ist somit ein mittelalterliches Beispiel für eine Netzwerkorganisation. Da die Mitglieder – die Kaufleute – über den ganzen Nord- und Ostseeraum verteilt waren, aber mit demselben Warensortiment handelten, lag eine vor allem räumlich spezialisierte Organisation vor. Die Kooperation der Netzwerkmitglieder war dem Prinzip nach nur lose. Lange gab es keine wirklich formal definierten Hierarchien – nicht ungewöhnlich für eine Organisationsform, die auf andere als hierarchische Koordinationsmechanismen setzt. Überhaupt war wegen der nur spärlich getroffenen vertraglichen Abmachungen der Formalisierungsgrad äußerst gering. Da es zunächst auch keine Zentralgewalt gab, floss die Information vor allem lateral von Kaufmann zu Kaufmann. Wohl gab es Verbote der Kooperation mit nichthansischen Kaufleuten, den Butenhansen, zwischen den Hansekaufleuten selbst jedoch existierte kein Konkurrenzverbot wie man es später, im 15. Jahrhundert, bei Kommissionären oberdeutscher Firmen findet. Der binnenhansische Handel war also geprägt von gleichzeitiger Kooperation und Konkurrenz seiner Teilnehmer, eine Netzwerkeigenschaft, die innerhalb der Organisationsliteratur als „Cooptition“ („Cooperation“ und „Competition“) bezeichnet wird. Innerhalb der Netzwerkorganisation wurden die wirtschaftlichen Aktivitäten der Kaufleute nichthierarchisch durch Kultur, Vertrauen und Reputation koordiniert. Die gemeinsame Kultur, etwa die niederdeutsche Sprache und die soziale Integration in die Hansestädte, waren wichtige Voraussetzungen für die Partizipation am hansischen Fernhandel. Der von den Hansekaufleuten bevorzugte Handel auf Gegenseitigkeit setzte jeweils voraus, dass alle Beteiligten einer Handelspartnerschaft sich gegenseitig in hohem Maße vertrauten. Dieses Vertrauen wurde von einem multilateralen Reputationsmechanismus flankiert, der dafür sorgte, dass unehrlichen Kaufleuten der Zugang zum Netzwerk verwehrt wurde. Drohender Reputationsverlust eignete sich also in hohem Maße, die Fairness der Kaufleute zu befördern, und Institutionen wie die Artushöfe im Ostseeraum oder die Lübecker Zirkelgesellschaft übernahmen dabei die Funktion von Clearingstellen, über die Informationen über nichtvertrauenswürdige und unehrliche Kaufleute verbreitet werden konnte.

Mehrere Gründe sprechen dafür, in diesem Handelsnetzwerk der niederdeutschen Kaufleute nicht nur ein soziales Netzwerk, sondern tatsächlich eine Netzwerkorganisation zu sehen: Weil es sich bei den hansischen Unternehmen um sehr kleine Betriebe, zumeist nur um Einpersonen-Unternehmen handelte, sind die Kooperationen zwischen Kaufleuten nicht allein als Personennetzwerk, sondern als Kooperation zwischen wirtschaftlich und juristisch selbständigen Wirtschaftseinheiten zu verstehen. Auch die bevorzugt zusammenarbeitenden Verwandten kooperierten nicht innerhalb eines gemeinsamen Familienunternehmens, sondern machten ihre Geschäfte als Leiter eigenständiger Unternehmen. Vernetzung war hier also nicht bloß eine die Geschäftstätigkeit unterstützende soziale Komponente, sondern das ökonomische Prinzip des Handels selbst.

Auch verfolgten die Hansekaufleute ein gemeinsames Ziel, nämlich die Sicherung der für ihre Wettbewerbsvorteile zentralen Handelsprivilegien, die sie als Gruppe an den Außenposten der Hanse in London, Novgorod, Brügge, und später in Bergen erwirkt hatten. Konstituierendes Ziel ihrer Fernhandelsorganisation blieb stets, diese Privilegien ökonomisch nutzbar zu machen, sie zu verteidigen und gegebenenfalls auch auszubauen.

Die Außenwirkung des Fernhandelssystems der Hansekaufleute ist schließlich ebenfalls ein starkes Argument für seinen Organisationscharakter. Durch die Kontore, aber auch über die politische Ebene des späteren Zusammenschlusses der Hansestädte und ihrer Institutionen bekam das ansonsten nur diffus wahrnehmbare binnenhansische Fernhandelssystem eine Kontur. Weil sich aber hinter dieser formalen Fassade gerade keine ebenso formale und ausdifferenzierte Organisation verbarg, sondern im Wesentlichen nur das prinzipiell relativ lose geknüpfte Netz der Kaufleute beziehungsweise später auch der Städte, können diesem Fernhandelssystem sogar gewisse Züge einer virtuellen Organisation nicht abgesprochen werden. Virtuelle Organisationen sind Netzwerkorganisationen, die nur nach außen hin den Eindruck einer formalen Organisation vermitteln, aber dennoch deren Leistungen erbringen. Fast eine Ironie der Geschichte ist es daher, dass der mittelalterlichen Hanse diese Täuschung teilweise bis in die Gegenwart gelingt. Nicht nur die am Paradigma des Nationalstaats orientierte Hanseforschung zu Zeiten des Kaiserreiches wollte die Hanse gerne als staatliche Territorialmacht sehen, sondern noch bis in jüngste Zeit finden sich Interpretationen der Hanse als Handelsimperium oder „Staat der Städte“.

 

Grenzen des Wachstums – hansische Krisensymptome im 14. Jahrhundert

 

Welche Anzeichen wirtschaftlicher Stagnation gab es im 14. Jahrhundert und wo lagen möglicherweise systemimmanente Wachstumsgrenzen des hansischen Handelssystems? Das Prinzip der Netzwerkorganisation im Binnenhandel kombiniert mit den großen Handelsprivilegien an den Kontorsplätzen London, Novgorod und Brügge erwies sich als ebenso effektiv wie effizient bis in das 14. Jahrhundert hinein. Doch seit Jahrhundertbeginn veränderten sich wesentliche Rahmenbedingungen des Handelssystems, sodass es gar nicht der großen Krise zur Mitte des Jahrhunderts – der Pest –, bedurfte, um eine krisenhafte Entwicklung auch im Hanseraum anzustoßen. Denn das 14. Jahrhundert war für die Hanse eine Zeit der Stagnation und des Konflikts, und eine ganze Reihe von Indikatoren zeigen überdeutlich, dass das hansische Handelssystem in seiner bisherigen Form wohl die Grenzen des Wachstums erreicht hatte.

Äußere Grenzen waren zuallererst durch das Abebben der Kolonisationsdynamik in Nordeuropa im 14. Jahrhundert gesetzt. Die demographische Expansion in den Nordosten war weitgehend zum Stillstand gekommen, was unter anderem daran ersichtlich ist, dass keine Städte mehr gegründet wurden. Alle wesentlichen Gründungen bzw. Stadtrechtsverleihungen fallen, beginnend mit der zweimaligen Gründung Lübecks 1143 / 1158 in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts, kleinere Städte im Umfeld der größeren wurden in der auslaufenden Boom-Phase noch bis zum Ende des 13. Jahrhunderts gegründet. Auch die Wirtschafts- und Finanzkraft der Städte war bereits im frühen 14. Jahrhundert erschöpft. Große öffentliche Bauvorhaben wie etwa Kathedralbauten, Stadterweiterungen oder Errichtung von Wasserversorgungssystemen fallen allesamt in die Boom-Phase des 13. Jahrhunderts und werden allenfalls unter großen finanziellen Schwierigkeiten im 14. Jahrhundert noch beendet. Verbunden mit der sich wandelnden Bevölkerungsdynamik war die zunehmende Marktsättigung ganz natürliche Folge eines geradezu rasanten wirtschaftlichen Aufschwungs, welchen der Nord- und Ostseeraum im 13. Jahrhundert erfahren hatte. Mit dem „Schwarzen Tod“, der ersten großen Pestwelle, die den Hanseraum 1350 über England erreichte, verschärften sich die veränderten Marktbedingungen insofern, als nun die ohnehin schon gesättigten Märkte mit dem krisenbedingten temporären Ausfall der Konsumenten absolut schrumpften, ebenso wie in Westeuropa aus demselben Grund die Absatzmärkte der nordeuropäischen Produkte zumindest kurzfristig wegbrachen. Gerade in diese Krisenzeit hinein fällt, nicht zufällig und durchaus damit verbunden, die zunehmende Unsicherheit der Handelsprivilegien, die zum Teil nachverhandelt werden mussten, sowie die Gefährdung einer freien Zufahrt zu Nord- und Ostsee. Beides bedrohte grundlegende Voraussetzungen für das kartellgleiche Handelssystem der Hanse und stellte dessen Funktionsfähigkeit in Frage.

Neben solchen äußeren Krisensymptomen gab es auch innere Grenzen des Wachstums, die ebenfalls eine Konsequenz raschen wirtschaftlichen Wachstums waren. Mit der Bevölkerung war während des 13. Jahrhunderts auch die Zahl der Kaufleute stark angewachsen, sodass etwa die Wirksamkeit der für die hansische Netzwerkorganisation typischen Koordinierungsmechanismen wie Reputation und Vertrauen grundsätzlich schwieriger wurde. Zudem mündete die Sesshaftigkeit vieler Kaufleute in deren vermehrte Ratsstandschaft und bedeutete in der Konsequenz ihr immer stärkeres politisches Engagement innerhalb ihrer Heimatstädte, wodurch sich aber auch ihre Interessen hin zur Nutzung der Institution Stadt im Sinne eigener kommerzieller Absichten verschoben. Mit der Ratsstandschaft der Kaufleute kamen also vermehrt die Städte als korporative Akteure mit in die Netzwerkorganisation und es entstand mit der „Städtehanse“ eine weitere Ebene, die diese Organisation endgültig zu einer multipolaren Netzwerkorganisation machte. Dies geschah mit voller Absicht, denn auf den ersten Blick waren die Städte eine scheinbar hilfreiche Garantiemacht, um die einzelwirtschaftliche Tätigkeit der immer größer werdenden Schar an Kaufleuten koordinieren und Abweichler sanktionieren zu können.

Äußere und innere Krisensymptome stellten die Hanse, oder genauer gesagt, die Netzwerkorganisation des hansischen Handels vor erhebliche organisatorische Herausforderungen, und es ist der organisatorische Wandel, in welchem die immer wieder behauptete Krisenhaftigkeit des 14. Jahrhunderts ihren Niederschlag auch in Bezug auf die Hanse fand.

 

Indikatoren des Wandels – Kooperationsprobleme und ihre Lösungen

 

Besonders deutlich traten krisenbedingte Reaktionen der Hanse im 14. Jahrhunderts immer dann zu Tage, wenn wesentliche Grundlagen des Handelssystems wie die Privilegien oder die Sicherheit der Seehandelsrouten gefährdet waren. Wie reagierte man auf solche Ereignisse und welche organisatorischen Folgen hatte das? Kollektiv auf Gefährdungen zu reagieren, erforderte zunächst ein gemeinsames und koordiniertes Handeln der Kaufleute. Die organisatorischen Lösungen, die hierzu gefunden wurden, geben beredt Auskunft über den organisatorischen Wandel, welchem die hansische Netzwerkorganisation im Verlauf des 14. Jahrhunderts unterworfen war. Anhand zweier Fälle, in denen die Hanse es verstand, ihre vermeintliche Macht zu demonstrieren, soll dies verdeutlicht werden.

Der erste Fall betrifft den „Handelskrieg“ gegen Brügge beziehungsweise die Grafschaft Flandern. Im Jahre 1358 verlegten die Hansekaufleute in Brügge während einer Auseinandersetzung mit dem Grafen von Flandern ihr Kontor für zwei Jahre ins seeländische Dordrecht und blockierten jeglichen Handel der Hanse in Brügge. Damit gelang es ihnen, ihre Forderungen auf Schadensersatz von in England konfiszierter Waren in Brügge durchzusetzen, das Kontor wurde 1360 dann nach Brügge zurückverlegt. Das Mittel der Kontorverlegung war dabei keineswegs neu. Zuvor war es schon in den Jahren 1280–82 angewendet worden, um gegen Privilegien-Verletzungen seitens der Stadt Brügge vorzugehen. Mit der zeitweisen Verlegung des Kontors nach Aardenburg war es auch damals schon gelungen, die Privilegien in Brügge zu verbessern. Funktional lag hier ein grundsätzliches Kooperationsproblem vor. Die Kontorgemeinschaften nämlich senkten die Transaktionskosten der einzelnen Kaufleute und garantierten deren individuelle Handelsinteressen mittels des gemeinsamen Auftretens aller Kaufleute. Der Schutz von Vermögen und Handelsinteressen einzelner Kaufleute durch die Gemeinschaft ist ökonomisch betrachtet jedoch ein öffentliches Gut, ein Gut also, das konkurrenzfrei und nicht ausschlussfähig ist, wodurch es starke Anreize für „Trittbrettfahrer“ gibt, es zu nutzen ohne einen eigenen Beitrag dafür leisten. Mittels Formalisierung und Hierarchisierung der Kooperation der Kaufleute in den Kontoren gelang es aber, dieses öffentliche Gut in ein Clubgut umzuwandeln, ein Gut, welches nur Mitgliedern offensteht, und somit die Disziplin der Kaufleute sicherzustellen und Abweichler zu sanktionieren. Das wiederum war notwendig um Drohungen gegenüber dem Privilegiengeber auch glaubhaft machen zu können. Reaktion der Hansekaufleute war somit eine zumindest partielle Umwandlung der Netzwerkorganisation in eine hierarchische Organisation. In den überlieferten Ordnungen des Brügger Kontors aus dem 14. Jahrhundert lassen sich denn auch typische Eigenschaften hierarchischer Organisationen finden, z.B. Untergliederung (Einteilung der Kaufleute nach ihrer Herkunft in ein wendisches, westfälisches und livländisches Drittel), Regelgebundenheit (Ordnung definierte verbindliche Regeln), Schriftlichkeit (diese Regeln wurden in einem Buch festgehalten), Entscheidungsfindung (Mehrheitsprinzip für Entscheidungen über Handelsbelange), Kompetenzgliederung (Aufgabendefinition für gewählte Älterleute und Richter) und Unterstellung (die Älterleute standen an der Spitze der Kaufleute und besaßen Weisungsbefugnis). Regelverstöße und mangelnde Disziplin der Kaufleute wurden mit Geldbußen geahndet, die Disziplinierung geschah somit im Wesentlichen durch negative Anreizsetzung. Im Umfeld des „Handelskriegs“ gegen Flandern wird die disziplinierende Wirkung hierarchischer und formaler Kontorordnungen überdeutlich. Johann van Thunen, kaufmännischer Vertreter des Deutschen Ordens in Brügge, wurde z.B. vorgeworfen, mit Insiderwissen die Handelsblockade unterlaufen zu haben, weil er Tuche zu einem günstigeren Preis gekauft hatte. Sein Besitz wurde konfisziert. Tiedemann Nanning aus Bremen wurde ebenfalls vorgeworfen, mit Flandern gehandelt zu haben. Reaktion hierauf war die Kollektivhaftung aller Bremer Kaufleute, die solange von den Brügger Privilegien ausgeschlossen wurden, bis sie selbst für die Bestrafung Nannings und den Einzug seiner Güter sorgten, was dann auch umgehend geschah.

Gelang es an den Kontorplätzen Kooperation zwischen Kaufleuten mittels Hierarchisierung und Formalisierung sicherzustellen, so war dies für die Städte nicht so einfach möglich, wie das zweite Beispiel belegt. Zwischen 1361 und 1370 führte eine Gruppe von wendischen Städten unter Führung Lübecks mehrfach Krieg gegen den dänischen König Waldemar IV., der das gotländische Visby erobert, den Kaufleuten den Zugang zu den Heringsmärkten in Schonen verwehrt und die Durchfahrt durch den Sund gesperrt hatte. Zwar endete der erste Waffengang 1362 für die beiteiligten Städte in einem Fiasko, aber der ausgehandelte Waffenstillstand war für Lübeck jedoch nicht ungünstig. Der Zugang zu den Heringsmärkten Schonens war wieder frei und die andauernde Sperrung des Sunds konnte mit der Nutzung des Landwegs zwischen Lübeck und Hamburg umgangen werden. Einige preußische und holländische Städte waren aber genau auf die freie Durchfahrt des Sunds angewiesen und versuchten in der „Kölner Konföderation“ vom November 1367 die Kriegshandlungen gegen Dänemark wieder aufzunehmen. Lübeck und die wendischen Städte traten dieser Vereinbarung schließlich äußerst widerwillig bei. Im Sommer 1368 gelang es der hansischen Streitmacht, militärisch die Oberhand zu gewinnen, und nach der Kapitulation Dänemarks 1369 standen die Hansestädte schließlich 1370 im „Frieden von Stralsund“ auch politisch als strahlender Sieger da.

Erneut wird ein Kooperationsproblem sichtbar, das der Städte nämlich, dessen Lösung jedoch nicht oder nur unzureichend mittels Formalisierung und Hierarchisierung zu erzielen war. Auch die kollektive Sicherheit der Städte war ein öffentliches Gut. Seine Umwandlung in ein Clubgut konnte jedoch allenfalls fallweise und zeitlich beschränkt, in vielen Fällen gar nicht gelingen. Von der Mitte des 14. Jahrhunderts an sind die Hansischen Tagfahrten überliefert, zu denen sich Vertreter der Städte, sehr häufig in Lübeck, zu Beratungen über die gemeinsame Politik der Städte zusammenfanden. Dieser Versuch, Handelsinteressen und Handelspolitik auf städtischer Ebene zu koordinieren, ist ein sichtbares Zeichen der Konstitution einer „Städtehanse“, auch wenn vieles dafür spricht, dass die Heimatstädte der Hansekaufleute sich bereits zuvor fallweise in Handelsfragen abgestimmt haben. Die Tagfahrten blieben jedoch freiwillig und wurden von den Städten des wendischen Drittels, allen voran Lübeck, dominiert. Archivalische Hinterlassenschaft der Tagfahrten sind die Rezesse, die allein Auskunft über unstrittige Fragen geben und nicht bindend für die Städte waren. Sie zeigen in der namentlichen Nennung der anwesenden Ratsendeboten, die stets am Beginn der Dokumente zu finden ist, vor allem die vielfältige personelle Verflechtung der hansischen Führungsgruppe. Ein wirkungsvolles Handeln gab es nur bei erheblicher Interessenverletzung und dem nachdrücklichen Handlungswillen einer oder mehrerer Städte. So zeigte Lübeck in der ersten Phase des Kriegs gegen Dänemark die größte Bereitschaft, vor allem weil es seine Handelsinteressen waren, die der dänische König verletzt hatte. Das allein reichte jedoch für die kollektive Reaktion der Städte nicht aus. Lübeck signalisierte deutlich seine Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung, in dem es selbst den größten finanziellen Beitrag zur Ausrüstung der Streitmacht leistete. Immerhin gelang es noch weitere Städte mit ins Boot zu holen, die zumindest über die Erhebung des Pfundgelds, einer Abgabe, die von einlaufenden Schiffen in den Häfen zu entrichten war, zur Kriegsfinanzierung beitrugen. In der zweiten Kriegsphase erlahmt genau diese Bereitschaft Lübecks zur Organisation des kollektiven Handelns, denn die wirtschaftlichen Interessen Lübecks waren weit weniger berührt als die anderer Städte, und Lübeck selbst schloss sich nur widerwillig der neuerlichen Vereinbarung an. Weil aber langfristig doch zumeist auch Lübecks Interessen berührt waren und weil etwa zwischen 1356 und 1405 von insgesamt 68 gesamthansichen Tagfahrten allein 45 in Lübeck stattfanden, führt genau dieses Gebaren zur einer Quasi-Hierarchisierung der multipolaren Netzwerkorganisation „Hanse“, über welche Lübeck sukzessive in eine vermeintliche Führungsrolle hineinwächst.

 

Transformation als scheinbare Blüte – die Netzwerkorganisation im Umbruch

 

Gezeigt wurde, dass die Hanse, obschon im 14. Jahrhundert durchaus ein wirtschaftlich und politisch mächtiger Akteur, einer allzu glorreichen Darstellung nicht so ganz entsprechen kann. Zu deutlich treten gerade im Verlauf des 14. Jahrhunderts äußere Krisensymptome und innere Widersprüche zu Tage, welche die Hanse zu organisatorischen Reaktionen zwangen, die kurzfristig zwar scheinbaren Erfolg erzielten, langfristig wohl aber durchaus zum späteren Niedergang des hansischen Handels und der Hanse als politischer Institution beitrugen. Das landläufige Bild von der Hanse im 14. Jahrhundert als einem Handelsimperium und zugleich als einem „Staat der Städte“ ist das Produkt einer lange Zeit dominierenden politischen Perspektive innerhalb der Hanseforschung selbst ebenso wie außerhalb davon. Nichtsdestotrotz erscheint es angesichts der hier nur kurz skizzierten Krisensymptome des 14. Jahrhunderts auch in Nordeuropa als sehr viel plausibler, das Auftreten der „Städtehanse“ in eben dieser Zeit weniger als Ausdruck einer weiter anwachsenden Macht der Hansekaufleute, sondern vielmehr als eine Krisenreaktion zu interpretieren.

Die eigentliche Blüte des hansischen Handels und der Hansestädte ist daher im 13. Jahrhundert zu sehen, und die Elemente dieser Prosperität – wirtschaftlicher Aufschwung, struktureller Wandel und organisatorisches Wachstum – erforderten im 14. Jahrhundert dann erhebliche Anpassungen der hansischen Netzwerkorganisation. Maßgeblich blieben dabei, auch in der sichtbaren Konstitution der „Städtehanse“ zur Mitte des 14. Jahrhunderts, personelle Verflechtung und persönlicher Kontakt untereinander, organisatorische Prinzipien, die sich angesichts einer wachsenden und zunehmend unpersönlichen Organisation zunehmend als untauglich erwiesen. Sinnfälliges Zeichen hierfür ist das Verständnis Lübecks als „Haupt der Hanse“, welches untrennbar mit dem glanzvollen äußeren Erscheinungsbild der Hanse im 14. Jahrhundert verbunden ist. Es liefert gleichsam eine hierarchische Deutung der ursprünglich nichthierarchischen Organisation „Hanse“, und aus diesem Grund trägt ein solches Verständnis mehr zur Verschleierung denn zur Aufklärung in Bezug auf das Phänomen „Hanse“ bei. Lübeck wuchs zwar infolge ganz unterschiedlicher Entwicklungen in eine Führungsrolle innerhalb der Hanse hinein, es stand seit jeher geographisch im Zentrum der Hanse, von dort gingen starke stadtrechtliche Impulse aus und es existierten viele personelle Verbindungen in andere Städte. Allein das Prinzip einer dauerhaften Führungsposition widersprach grundsätzlich dem nichthierarchischen Grundprinzip der multipolaren Netzwerkorganisation „Hanse“. Waren Formalisierung und Hierarchisierung in den Kontoren, auch wenn sie prinzipiell dem Organisationsprinzip der Netzwerkorganisation widersprachen, noch probate Mittel zur Stabilisierung des Kartells der Hansekaufleute, so ließen dieselben Prinzipien auf der Städteebene die offensichtlichen Interessensgegensätze zwischen den Städten langfristig eher noch stärker hervortreten als sie zu überbrücken. Mit der Führung durch Lübeck war die mulitpolare Netzwerkorganisation „Hanse“ schließlich an die Interessen und den Handlungswillen einer Stadt gebunden und verlor dabei zunehmend das, was Netzwerkorganisationen eigentlich ausmacht: ein hohes Maß an Flexibilität.

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