Vorbemerkung
Naturereignisse bleiben in den meisten historischen Darstellungen und Analysen so gut wie unberücksichtigt. Geschichte, so der Eindruck, vollzieht sich als Folge von Kriegen durch das Wirken von Mächtigen „politisch“. „Daten“ zu den Machthabern strukturieren in Schul- und Lehrbüchern die historischen Abläufe gerade so als ob die Bevölkerungen, ihre Lebensgrundlagen und Einflüsse der Natur keine Bedeutung hätten. Eine im obigen Sinne rein historische Darstellung ist für das Verständnis der (Welt)Geschichte unzureichend und würde die Ursachenforschung beeinträchtigen.
Das 14. Jahrhundert eignet sich in besonderer Weise für den Nachweis, dass es nötig ist, auch die Natur, ihre Veränderungen und deren Auswirkungen auf die Menschen mit einzubeziehen. Es war das Jahrhundert der Naturkatastrophen. Diese wirkten direkt und indirekt auf den „Herbst des Mittelalters“ (Johan Huizinga) und die beginnende Neuzeit. Ohne Berücksichtigung der Naturkatastrophen gäbe es wohl kaum einen triftigen Grund dafür, mit dem 14. Jahrhundert das Ende des Mittelalters zu verbinden und eine historische Zäsur zur Neuzeit einzuführen. Tatsächlich decken sich auch die historischen Perioden der vergangenen Jahrtausende des vorderasiatisch-nordafrikanisch-europäischen Kulturraumes ganz ausgeprägt mit großklimatischen Schwankungen, wie eine erweiterte Betrachtung zeigen würde. Ökonomische Entwicklungen, wie die Entwicklung des Ackerbaus, die Nutzung des Pferdes als Reit- und Zugtier oder die Erfindung von Rad und Wagen hängen gleichfalls mit Veränderungen in der Natur zusammen. Die frühen Hochkulturen am Indus, am Nil, in Mesopotamien sowie die Römerzeit, die Zeit der Völkerwanderung, das Früh-, Hoch- und Spätmittelalter, die frühe Neuzeit und der global ausgreifende europäische Kolonialismus als markante Phasen im Verlauf der Geschichte entstanden nicht zufällig. Vielmehr enthalten sie Wechsel in den Lebensbedingungen der Menschen. Die Natur gab den äußeren Rahmen vor, innerhalb dessen sich der Strom der Geschichte in Wirbeln und Wellen vollzog. Am 14. Jahrhundert lässt sich dies exemplarisch aufzeigen.
Einordnung des 14. Jahrhunderts
Auf die Römerzeit, die klimatisch eine Warmzeit gewesen war, folgte um etwa 300 n. Chr. eine Kaltzeit von knapp einem halben Jahrtausend. Als massive Klimaverschlechterung gab sie den äußeren Anlass zur Verlagerung von Stämmen und Völkern aus dem Nordosten und Osten nach Südwesten und Süden. Nordostgermanische Stämme wie die Wandalen und die Langobarden gelangten dabei nach Nordafrika und Oberitalien (Lombardei). Westgoten setzten sich in Nordostspanien fest (Catalunya = „Gotalandia“), um nur einige Beispiele zu nennen. Slawische Völker rückten in die von Germanen mehr oder weniger frei gewordenen Räume nach. Die Verschiebungen fanden aber nicht nur in Europa statt. Auch aus Zentralasien drängten Völker nach Süden und Südwesten in mildere, produktivere Regionen. Ergebnis waren die Wirren der Völkerwanderung.
Im 7. und 8. Jahrhundert stabilisierten sich Verhältnisse mit Beginn der neuen Phase, die im „mittelalterlichen Klimaoptimum“ gipfelte. Diese ausgeprägte Warmzeit, in der zumindest zeitweise wärmere Verhältnisse in Mitteleuropa als gegenwärtig herrschten, dauerte bis ins 13. Jahrhundert. Dabei konnten die Menschen nicht nur den Anbau von Getreide in Regionen und Höhenlagen ausbreiten, in denen dies in den vorausgegangenen Jahrhunderten nicht möglich gewesen war, sondern es wurde auch die Nordgrenze des Weinanbaus bis Südnorwegen, auf Ostseeinseln und an den Nordalpenrand verschoben. In großem Umfang wurden Moore trocken gelegt und kultiviert, was vor allem ein Werk der Klöster war, da solche Unternehmungen nur mit gut koordinierter Gemeinschaftsarbeit zu realisieren waren. In Mitteleuropa wurde dabei der Wald bis auf nur noch etwa 10 Prozent der Landesfläche zurück gedrängt. Entsprechend wuchs die Bevölkerung und verdreifachte sich von etwa 18 Millionen um 750 auf knapp 75 Millionen um 1300. Der Druck der Bevölkerung wurde so groß, dass es im 12. und 13. Jahrhundert zu einer großen Zahl von Städte-Neugründungen kam (Gründung Münchens 1158). Die Klöster füllten sich mit Menschen, die keine andere Möglichkeit mehr fanden zu überleben. Betroffen war auch der Adel, für den die Kreuzzüge die Möglichkeit zu eröffnen schienen, neues Land und neue Lehen zu erobern.
Wahrscheinlich lässt sich auch das aus heutiger Sicht absurd anmutende Phänomen der Kinderkreuzzüge auf diesen Bevölkerungsdruck zurückführen. Denn trotz rund 50-prozentiger Kindersterblichkeit überlebten bei 8 und mehr Geburten pro gebärfähiger Frau weit mehr als die etwa 2,2 Kinder, die zur Aufrechterhaltung eines stabilen Bevölkerungsstandes nötig gewesen wären. So verwundert es nicht, dass schon im klimatisch insgesamt günstigen 12. und 13. Jahrhundert große Hungersnöte auftraten. Und eine Auswanderung von Teilen der mitteleuropäischen Bevölkerung nach Osten setzte ein, genannt die spätmittelalterliche Ostkolonisation, die sich im 14. Jahrhundert weiter intensivierte.
Von Osten her, aus den Weiten Innerasiens, drängte dagegen der Mongolensturm unter Dschingis Khan und seinen Nachfolgern tief hinein nach Ost- und Südosteuropa, jedoch nicht mit Volksmassen auf der Suche nach Neuland, sondern als Eroberer, die sich die unterworfenen Völker tributpflichtig machten. Das Großreich der Mongolen, der größte zusammenhängende Machtbereich der ganzen Menschheitsgeschichte, war auch der klimatischen Gunst des Mittelalters mit zu verdanken. Sie wirkte bis nach Zentral- und Ostasien. Anders als die Kaltzeit der Jahrhunderte der Völkerwanderung, die zum Auswandern zwang, ließ das Klima des Hochmittelalters die Mongolen in ihrem Kernland erstarken. Denn Wärme und günstige Niederschläge kamen den Pferdeherden zugute, die in den Steppen Zentralasiens die Lebensgrundlage der Nomaden bildeten. Die Mongolen drangen nicht nur nach Südwesten vor, sondern mit noch größerer Wucht überrannten sie Nordchina und unterwarfen die auch damals größte Teilbevölkerung der Menschheit.
Auf dem ganzen eurasiatischen Kontinent hatte sich also während des europäischen Hochmittelalters der „Gürtel der Macht“ deutlich nordwärts in die geographisch mittleren Breiten verlagert. Die vorausgegangenen Jahrhunderte der europäisch-nordwestasiatischen Völkerwanderung waren auch in Ost- und Südostasien höchst turbulente Zeiten gewesen, denen in den Jahrhunderten um die Zeitenwende, wiederum parallel zu den europäischen Verhältnissen, stabilere mit prosperierenden Bevölkerungen vorausgegangen waren. Das europäische Geschehen fügt sich sehr wohl ein in ein größeres Muster naturgeschichtlicher Abläufe. Das 14. Jahrhundert nimmt darin eine Randposition des Übergangs von einer Warm- in eine Kaltzeit ein. Und wie immer erweisen sich solche Ränder als besonders turbulent, weil sie Phasen des Übergangs der Natur in einen anderen Grundzustand nicht ruhig und glatt verlaufen. Als Folge der vorausgegangenen, klimatisch günstigen Zeit hatte sich Ende des 13. Jahrhunderts aufgrund der zu stark angewachsenen Bevölkerung eine massive Versorgungskrise aufgebaut. In diese hinein schlugen die Naturkatastrophen des 14. Jahrhunderts.
Die Naturkatastrophen des 14. Jahrhundert
Das 13. Jahrhundert war so überdurchschnittlich warm, dass nördlich der Alpen zeitweise klimatische Verhältnisse ähnlich denen ums Mittelmeer herrschten. Die Wärme schaukelte sich jedoch zu sommerlicher Trockenheit auf, deren Folge geringe Ernten waren. Mit Beginn des 14. Jahrhunderts kippte das Warmklima und es gab Serien von Jahren mit viel zu nasskalter Witterung. Von 1309 bis 1317 verursachte ein rascher Wechsel von zu trockenen und nasskalten Sommern eine große Hungersnot. Es gab viele Tote. 1342 kulminierten die sommerlichen Regenfluten im höchsten und schlimmsten Hochwasser des ganzen Jahrtausends. Unseren heutigen Einteilungen der Hochwasserstärken zufolge muss es ein „Zehntausend-Jahre-Ereignis“ gewesen sein. Jedenfalls war es die stärkste historisch (über Hochwassermarken an Gebäuden) registrierte Flut seit Beginn unserer Zeitrechnung. Die Wassermassen müssen die katastrophalen Hochwässer unserer Zeit noch um ein Mehrfaches übertroffen haben. Seit dem 19. oder frühen 20. Jahrhundert sind in Mitteleuropa so gut wie alle Flüsse reguliert. Die Fluten können nicht mehr ausufern und die Täler großflächig überschwemmen. Entsprechend hoch steigen die Pegel an diesen eingeengten Flüssen schon bei Wassermengen, die in früheren Jahrhunderten noch zu mäßigen bis mittleren Hochwässern gerechnet worden wären. Keiner unserer Flüsse ist gegenwärtig auf Fluten ausgebaut, wie sie im Spätmittelalter und während der Kleinen Eiszeit aufgetreten sind. Das Hochwasser von 1342 war zwar das höchste, auch in China sowie höchstwahrscheinlich in Nordamerika, denn es hatte die ganze Nordhemisphäre betroffen. Aber kaum weniger starke folgten schon 1501 und 1598. Die Hochwässer unserer Zeit sind „zahm“, verglichen damit.
Wenige Jahre nach der großen Flut traf dann 1347 die Pest in Europa ein. Sie suchte insbesondere die Städte und das Umland der Häfen Süd- und Westeuropas heim, breitete sich aber auch entlang der Handelswege tief ins Binnenland Mitteleuropas aus und erreichte Teile Osteuropas. Fünf Jahre dauerte ihr Hauptzug. Beendet war sie danach nicht. In etwa 11-jährigem Abstand flackerte sie beispielsweise in Italien immer wieder auf. Neue große Pestepidemien gab es später in der Frühen Neuzeit. Phasen feuchtkühler Witterung boten offenbar günstige Voraussetzungen für das Entstehen neuer Pestzüge. Die hygienischen Verhältnisse waren nach heutigen Maßstäben gewiss katastrophal, aber dies war unabhängig von der Witterung so und hätte vor allem über verschmutztes Wasser übertragene Seuchen, wie die Cholera fördern sollen.
Am 16. Januar 1362 traf die bis dato heftigste Sturmflut die Nordseeküsten von Holland bis Dänemark. Diese „Zweite Marcellusflut“ oder „Große Mandränke“ genannte Flut zerriss gleichsam den bisherigen Küstenverlauf in der Deutschen Bucht. Die Inseln und Halligen entstanden und mit ihnen die im Wesentlichen bis heute vorhandene Küstenlinie. 100.000 Menschenleben soll allein diese Sturmflut gefordert haben. Doch sie war und blieb kein Einzelfall, ebenso wenig wie bitterkalte Winter, die sich zu häufen anfingen. Mit zehn schweren Sturmfluten übertraf das 14. Jahrhundert allein die vier Jahrhunderte davor. Der Bodensee fror wiederholt komplett zu. Während der Kleinen Eiszeit 28 Mal, in den vier Jahrhunderten davor aber nur viermal und seit 1800 drei Mal. In den Alpen wuchsen die während des Mittelalterlichen Klimaoptimums fast verschwundenen Gletscher sehr schnell und stark. Sie wuchsen in nur einem Jahrhundert auf Höchststände heran, die sie dann erst wieder am Ende der Kleinen Eiszeit um 1800 erreichten. Das 14. Jahrhundert hebt sich anhand der Gletscherentwicklung und in den vorhandenen historischen Wetteraufzeichnungen als Vorstoß der Kleinen Eiszeit vom großklimatischen Geschehen deutlich ab. Danach gab es nochmals eine Phase mit für die Menschen in Mitteleuropa günstiger Witterung. Sie hielt aber nur etwa ein Jahrhundert an. Global änderte dieses Wärme-Intermezzo wenig.
Die Ansiedlungen der Wikinger auf Grönland gingen zugrunde. Das vorrückende Eis hatte sie vom Mutterland Dänemark und von den Versorgungsschiffen aus Skandinavien abgeschnitten. Aus dem Amerikanischen Norden drangen indessen die Eskimos, von den Wikingern Skraelinge („Krüppel“) genannt, südwärts vor und erreichten die Ansiedlungen der Europäer in Westgrönland. Die Eskimos verstanden es, vom Meer zu leben. Sie waren nicht, wie die Wikinger, auf Landwirtschaft angewiesen. Zur gleichen Zeit des Niedergangs der Wikingersiedlungen musste in Nordwesteuropa der Weinanbau aufgegeben werden. Und in Mitteleuropa lohnte der Getreideanbau auf Rodungsflächen nicht mehr, die im Hochmittelalter angelegt worden waren. Sogar für die Schafbeweidung taugten manche Wüstungsfluren, wie sie später genannt wurden, alsbald nicht mehr. Der Wald rückte wieder vor. Es formte sich das bis heute existierende Grundmuster von knapp einem Drittel Waldbedeckung in Mitteleuropa.
All das war nicht, wie schon mit dem Hinweis auf die Wikinger angedeutet, auf Europa beschränkt. Mitten in der starken Klimaverschlechterung traten verheerende Einflüge von Wanderheuschrecken nach Mitteleuropa auf. Ende Juli 1338 kamen sie über Ungarn, Böhmen und Südpolen nach Deutschland. Mitte August erreichten sie Frankfurt und Landshut. Die letzten großen Heuschreckeneinflüge aus den pontisch-sarmatischen Steppen hatte es lange vorher, vor dem mittelalterlichen Wärmeoptimum, in den Jahren 873-875 und 539 gegeben. Nach dem 14. Jahrhundert kamen sie mehrfach wieder zwischen 1542 und 1749, also im Hauptstück der Kleinen Eiszeit. Ihre Einflüge belegen den klimatischen Zusammenhang. Denn wenn es in West- und Mitteleuropa im Sommerhalbjahr kalt und zu regnerisch war, erhielten die Steppen und Halbwüsten nördlich des Schwarzen und des Kaspischen Meere Niederschläge in überreichem Ausmaß. Diese förderten den Wuchs der Vegetation und damit die Massenvermehrung der Heuschrecken. In direktem Zusammenhang mit der dortigen Gunst der Witterung erstarkten Turkvölker und es begann der politische Aufstieg der Osmanen.
Und auch die Ausbreitung der Pest. Ihr Hauptreservoir sind Nagetiere der vorder- und zentralasiatischen Steppen, insbesondere die Wüstenrennmäuse. Vermehrten sich diese in den Halbwüsten außergewöhnlich stark, sprangen von ihnen die Pesterreger (Yersinia pestis) auf Hausratten über und gelangten damit hinein in den unmittelbaren Lebensbereich der Menschen. Hauptüberträger waren die Pestflöhe (Xenopsylla cheopis). Anders als die Menschenflöhe haben diese Flöhe einen Vormagen. Darin sammeln sich die zur Ansteckung fähigen Pesterreger. Beim Blutsaugen werden sie mit dem Speichel oder über Flohexkremente durch Kratzen an der juckenden Stichstelle übertragen. Über Getreideexporte, die aufgrund der Missernten in Europa besonders nötig geworden waren, gelangten infizierte Ratten, vor allem aber bereits an Pest erkrankte Menschen von den Schwarzmeerhäfen und von Häfen der Levante nach Süd- und Nordwesteuropa. Von dort aus breitete sich dann die Pandemie über große Teile Europas aus. Die Pest von 1347 war nicht die erste Großepidemie, die Europa heimsuchte. Rund acht Jahrhunderte vorher wütete von 527 bis 565 die „Justinianische Pest“. Folgeausbrüche davon traten bis 770 auf. Ein halbes Jahrtausend ohne die Seuche schien sie dann vergessen. Der Ursprung der „Justinianischen Pest“ lag in Alexandria, der großen Stadt im Nildelta, die Alexander der Große 331 v. Chr. gegründet hatte. In Alexandria lebten damals im 6. Jahrhundert viele Juden. Sie wurden beschuldigt, die Verursacher gewesen zu sein. Die Judenverfolgung, die aus anderen Gründen im Hochmittelalter wieder eingesetzt hatte, bediente sich mit dem Ausbruch der Pest im 14. Jahrhundert genau der alten Argumentation. Die Juden hätten die Brunnen vergiftet und die ansteckenden Miasmen erzeugt. Welcher Anteil der west- und mitteleuropäischen Bevölkerung der Pest zum Opfer fiel, ist zwar umstritten und wird für einzelne Orte und Regionen unterschiedlich beurteilt. Aber dass ein massiver Rückgang der Bevölkerung weithin die Folge war, steht außer Zweifel: Ein Fünftel gilt als sicher, ein Viertel sehr wahrscheinlich und ein Drittel möglicherweise. Solche Massenverluste nahmen den großen Druck aus der Bevölkerung.
Es hing also auch die Pest als die sicherlich schlimmste Heimsuchung der Menschen im 14. Jahrhundert mit den klimatischen Veränderungen zusammen. Diese Zeit lässt sich als Vorstoß der Kleinen Eiszeit charakterisieren. Nicht die Pest allein, sondern auch die verschiedenen anderen Katastrophen ließen die Bevölkerung schrumpfen. Dadurch stieg der Wert der Arbeit. Die Menschen gewannen durch die stark veränderte Bevölkerungsstruktur beträchtliche Freiheiten. In der Gesellschaft bahnten sich soziale Erneuerungen und technische Fortschritte an. Die Renaissance darf als gesellschaftliche Folgewirkung der Katastrophen des 14. Jahrhunderts gelten. Das geopolitische Machtzentrum hatte sich indessen aus den mittleren Breiten wieder weiter in den Süden verschoben. In Europa profitierte der atlantische Südwesten. Spanien und Portugal erstarkten. Das Mittelmeer büßte seine Rolle als Zentrum des westlichen Seehandels vollends ein, nachdem sich gewichtige Teile des Warentransportes auf dem Meer vorher schon auf Nord- und Ostsee verlagert und zur Bildung des Netzwerkes der Hanse geführt hatten. Von der klimatisch günstiger gelegenen Iberischen Halbinsel aus konnten sich die Spanier und Portugiesen mit dem Ausgriff auf den Ozean zum neuen globalen Machtzentrum aufschwingen und die „Eroberung der Welt“ beginnen. 1492 markiert mit dem Beginn der Globalisierung ganz zutreffend eine neue Zeitenwende. Was für ein Machtzuwachs zustande kam, drückt sich wohl am deutlichsten darin aus, dass Papst Alexander VI. den ganzen Globus im Vertrag von Tordesillas 1494 unter Spanien und Portugal aufteilte.
Die Folgen der kommenden, noch heftigeren Klimaverschlechterung in Europa im 16. und 17. Jahrhundert, die zum Teil bis ins 18. und 19. Jahrhundert nachwirkten, ließen sich nach der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus durch Abwanderung von Menschen nach Übersee und den Rückfluss enormer Mengen an Ressourcen aus den unterworfenen und kolonisierten Gebieten deutlich besser abfangen als im 14. Jahrhundert. Die Kreuzzüge vor und in jenem Jahrhundert reichten bei Weitem nicht aus, um das Problem zu groß gewordener Bevölkerung zu entschärfen. Umso heftiger schlugen die Seuchen und die Hungersnöte als Folgen miserabler Ernten nach den Naturkatastrophen zu. Der Exodus aus dem übervölkerten Europa hielt bis in das 20. Jahrhundert hinein an. Stabilität, Dauerhaftigkeit unter halbwegs guten Lebensbedingungen hatte es nie gegeben. Klima und Lebensbedingungen veränderten immer wieder den Rahmen, innerhalb dessen sich das politische Geschehen entwickelte, das wir üblicherweise Geschichte nennen. Ohne Berücksichtigung der Natur würden wir sie nur höchst unzureichend verstehen.