Zerrissene Christenheit oder: das Monster mit drei Köpfen

Auslöser, Verlauf und Folgen des Großen Schismas von 1378

Im Rahmen der Veranstaltung "Historische Tage 2016 – Nur eine finstere Krisenzeit?", 10.02.2016

Das Phänomen „Avignon“ und die Rückkehr nach Rom

 

Erst der zweite Versuch war erfolgreich: als Gregor XI. am 17. Januar 1377 in festlichem Zug durch Rom zur Petersbasilika geleitet wurde, war die Begeisterung zumindest auf Seiten der Römer groß. Bereits sein Vorgänger Urban V. hatte 1367 die Rückverlegung der Kurie nach Rom in die Wege geleitet – sein Vorhaben stand jedoch unter keinem guten Stern. Nach nur drei Jahren musste Urban desillusioniert den Rückzug nach Avignon antreten. Anders bei Gregor XI.: Die politische Situation in Rom und im Kirchenstaat hatte sich in nur sieben Jahren so verändert, dass einer endgültigen Rückkehr des Papsttums an seinen angestammten Sitz nichts mehr im Wege stand. Immerhin rund 70 Jahre – seit 1309 – hatten es sich die Päpste in Avignon an den Ufern der Rhône in unmittelbarer Nähe zum französischen Königreich bequem gemacht. Und was hatte man nicht alles geleistet: Avignon war von der nicht sonderlich bedeutsamen, geographisch aber günstig gelegenen Handelsstadt zum unumschränkten Zentrum der Christenheit aufgestiegen. Man hatte im Laufe des Aufenthalts nicht nur den Papstpalast und prächtige Residenzen für hohe Kleriker gebaut, sondern auch eine der effizientesten Verwaltungsmaschinerien geschaffen, über die Europa in der damaligen Zeit verfügte.

Weshalb dann aber die Rückkehr nach Rom, wo Avignon doch unbestreitbare Vorteile bot? Weshalb die Rückkehr in eine notorisch unruhige Stadt und in einen Kirchenstaat, das Patrimonium Petri, in dem Revolten gegen den Papst an der Tagesordnung waren? Jean Froissart, ein ungewöhnlich gut informierter zeitgenössischer Chronist, nennt folgende Gründe: Zum einen habe Gregor XI. aus frommer Gesinnung heraus eine Rückkehr an den angestammten Sitz gelobt, zum anderen sei er der steten, wenig fruchtbaren Arbeit für den französischen König überdrüssig gewesen. Sicher, Frömmigkeit sollte man Päpsten per se nicht einfach absprechen und gewiss war auch großes Traditionsbewusstsein, war das Wissen um die eigenen Ursprünge bestens entwickelt. Doch hatten auch Gregors Vorgänger in Avignon über dieses Traditionsbewusstsein verfügt und dafür eine einfache Lösung gefunden. Wo Rom nicht realiter präsent war, imaginierte man diese Präsenz: man feierte die Papstmessen in der dem Hl. Petrus geweihten Palastkapelle – St. Peter in verkleinertem Maßstab –, natürlich behielten die Kardinäle ihre römischen Titelkirchen und selbstverständlich erging jede Entscheidung in „curia romana“, nicht in „curia avenionensi“. Und hatte die Kanonistik nicht die eingängige Formel entwickelt: „Ubi papa, ibi Roma“ – wo der Papst ist, dort ist Rom?

Das alles ist richtig – und dennoch war seit den späten 1350er Jahren ein Umdenken erkennbar. An der Kurie widmete man sich verstärkt Belangen des Kirchenstaats, weniger vornehm ausgedrückt: Man setzte alles daran, die Teile des Kirchenstaats, die der Kirche entfremdet worden waren, zurückzuerobern. Der spanische Kardinal Albornoz leistete in dieser Beziehung ganze Arbeit und legte damit die Grundlage dafür, dass an eine Rückkehr überhaupt zu denken war. Neben den Vorgaben der Realpolitik sind auch immer wieder spirituelle Elemente – die „fromme Gesinnung“ Froissarts – ins Feld geführt worden. Welche Rolle Birgitta von Schweden oder Katharina von Siena in diesem Prozess spielten, ist alles andere als einfach zu bestimmen. Ihr Einfluss ist häufiger stark überschätzt worden, so als hätte ein zaudernder Papst nur darauf gewartet, die Richtung gewiesen zu bekommen. Gerade im Fall von Katharina von Siena handelt es sich um eine hoch charismatische Persönlichkeit, deren Kontakte mit dem Papst verbürgt sind. Doch war ihr Einblick in die politische Großwetterlage trotz allem begrenzt. Sie war eine Stimme unter vielen – nicht mehr und nicht weniger. Opposition – und dies war in Europa kein Geheimnis – kam von den Kardinälen. Francesco Petrarca, der scharfzüngige Intimus des avignonesischen Milieus, bemerkte sarkastisch, die Kardinäle fürchteten doch nur um den Verlust des guten Beaune-Weins.

Natürlich ist diese Bemerkung überspitzt und trieft vor Häme, doch ein Körnchen Wahrheit ist darin verborgen: In Avignon pflegte man einen Lebenszuschnitt, der durchaus fürstlich zu nennen war, in Rom warteten in bestem Falle ruinöse Residenzen in der Nähe der Titelkirchen. Noch einmal: Weshalb die Rückkehr? Einen möglichen Lösungsansatz bietet die Topographie und all das, was sie politisch impliziert. Zwar gehörte Avignon seit 1348 den Päpsten und der Comtat Venaissin in unmittelbarer Nachbarschaft war ebenfalls schon seit Längerem im Besitz der Kirche. Ein großer, südfranzösischer Territorialblock ergab sich daraus aber nicht. Ein französisches Patrimonium Petri gab es schlichtweg nicht. Drückend war die französische Präsenz. Man hatte lediglich den berühmten „pont d’Avignon“ zu überqueren, um in Frankreich zu sein. Wenn Froissart in seiner Chronik weiter ausführt, der Papst habe sich in seiner Vermittlungsarbeit zur Beilegung des Hundertjährigen Krieges zwischen Frankeich und England aufgerieben, so ist auch diese Bemerkung nicht ganz von der Hand zu weisen. Die Päpste gerierten sich zwar als unabhängige Vermittler, doch nicht immer gelang es, dem von Frankreich ausgehenden Druck entschieden zu begegnen. Den eigenen Anspruch, als überparteiliche Schiedsrichter zu agieren, konnten die Päpste immer weniger gerecht werden. Unabhängiges Handeln jedenfalls war von Avignon aus kaum zu verwirklichen, von Rom aus aber eher möglich. Die immer wieder im Munde geführte „Universalität“ der Kirche war nicht in Avignon, sondern in Rom realisierbar.

 

Der Tod Gregors XI. und die Wahl seines Nachfolgers

 

Gregor XI. starb am 7. März 1378, nachdem er etwas über ein Jahr in Rom zugebracht hatte. Das Konklave, das nach seinem Tod am 7. April zusammen trat, erfüllte zunächst die Vorgaben des im kanonischen Recht festgelegten Wahlprocedere. Frei, geheim und unabhängig war die Wahl dennoch nicht. Der Druck der römischen Stadtbevölkerung, die endlich wieder einen Italiener, idealerweise einen Römer, an der Spitze der lateinischen Christenheit sehen wollte, war enorm. In dieser angespannten Lage einigten sich die 16 Kardinäle auf einen Außenseiter, Bartolomeo Prignano, Erzbischof von Bari, der den Namen Urban VI. (1378-1389) annahm. Die Wahl erfolgte einstimmig, lediglich der Römer Orsini enthielt sich der Stimme. Erhoben wurde freilich kein Unbekannter: Prignano hatte als amtierender Vorsteher der päpstlichen Kanzlei einiges an administrativem Geschick an den Tag gelegt und war nicht nur mit dem kurialen Geschäftsgang, sondern auch mit dem römischen Kurienpersonal vertraut. War die Wahl selbst noch einigermaßen ruhig verlaufen, ließ sich das für die folgenden Stunden nicht mehr behaupten. Die Kardinäle mussten Prignano über seine Wahl informieren und seine Zustimmung einholen – diese Zeitspanne nutzte ein römischer Mob, so die Beschreibung der Kardinäle, um bis vor die Konklavetüren vorzudringen. Einige Kardinäle hielten diesem Druck nicht stand und flohen. Bereits zuvor hatte einer von ihnen erklärt, zwar gerne Bekenner des Glaubens, aber auf keinen Fall Märtyrer sein zu wollen. Die verbliebenen Kardinäle nahmen Zuflucht zu einer List: Sie setzten den greisen Kardinal Tebaldeschi, einen Römer, auf den Thron und präsentierten ihn der Menge als neuen Papst. Nachdem sich die Lage etwas beruhigt hatte, schritten am folgenden Tag nur noch zwölf Kardinäle zur Inthronisation Urbans VI. Druck hin oder her: Zunächst wurde Urban VI. allgemein anerkannt. Im Laufe weniger Monate bemerkten die Kardinäle freilich, wen sie sich ins Boot geholt hatten. Die Persönlichkeit Urbans VI. war das, was heute wohl als „schwierig“ bezeichnet werden würde. Kardinäle, die geglaubt hatten, das avignonesische Modell, das ihnen bedeutende Mitspracherechte beim Kirchenregiment gesichert hatte, unbeschädigt an den Tiber übertragen zu können, sahen sich getäuscht. Urban VI. führte das Wort „Reform“ im Mund – und meinte damit vor allem strukturelle Reformen, durch die die Machtfülle der Kardinäle beschnitten worden wäre. Die Atmosphäre vergiftete sich mit großer Geschwindigkeit. Mitte Juni wichen die Kardinäle bereits von Rom nach Anagni aus. Mitte Juli war der Bruch nicht mehr zu verhindern – am 2. August wurde Urban zur Abdankung aufgefordert. Für Unruhe unter den französischen Kardinälen, die bei weitem die Mehrzahl der Purpurträger stellten, sorgte die Absicht Urbans, nun verstärkt italienische Kleriker kreieren zu wollen. Das „nationale“ Gefüge geriet ins Wanken. Druck erzeugte Gegendruck.

 

Der „Gegenpapst“

 

Die Kardinäle erklärten die Wahl für ungültig, da sie durch äußeren Druck zustande gekommen sei, und wählten am 15. September in Fondi auf dem Gebiet des Königreichs Neapel einen neuen Papst, Kardinal Robert von Genf, der den Namen Clemens VII. annahm. Die gleichen Wähler waren also innerhalb weniger Monate ihrer Pflicht gleich zwei Mal nachgekommen. Kanonistisch in hohem Maße fragwürdig wurde die Angelegenheit schlicht dadurch, dass man in Fondi nicht „sede vacante“ wählte, sondern es einen regierenden Papst gab. Zurückgetreten war Urban VI. nämlich nicht – und hatte sich auch nicht des Abfalls vom Glauben schuldig gemacht. Allein letzteres – der Abfall vom Glauben – galt im Kirchenrecht als einzige legitime Grundlage, einen Papst aus seinem Amt zu entfernen. Freilich ergaben sich auch mit dieser Bestimmung einige Probleme, wusste man doch nicht, wer eigentlich für die Feststellung dieses Sachverhalts zuständig war. Die Kardinäle, ein Konzil?

In der Christenheit gab es nun jedenfalls zwei Päpste. Nicht nur zwei Päpste, sondern auch zwei Kardinalskollegien und zwei Kurien. Denn die Reaktion Urbans VI. erfolgte schnell: Bereits am 18. September schuf er ein neues Kardinalskolleg gleichsam „ex nihilo“: von 29 neu ernannten Kardinälen waren 20 Italiener. Die Christenheit teilte sich nun in zwei Gruppen, diejenige, die dem römischen und diejenige, die dem seit Juni 1379 wieder in Avignon residierenden Papst folgte. Man nennt diese Gruppierungen „Obödienzen“ (von lat. oboedire: gehorchen). Häufiger schwankte die Zugehörigkeit einzelner Länder und Königreiche zu einer Obödienz. Grundsätzlich ergab sich aber folgendes Bild: Während die römische Obödienz Italien, Mittel- und Osteuropa und England umfasste, bekannten sich Frankreich, Schottland und Spanien zu Avignon. Wer war rechtmäßiger Papst, wer „Gegenpapst“? Vorsicht ist bei letzterem Terminus angebracht: Als heuristischer Begriff taugt er, doch sollte man sich stets vor Augen halten, dass die Bezeichnung „Gegenpapst“ nicht nur ein legitimatorisches Defizit, sondern ein historisches Werturteil impliziert. 1378 lagen die Sachen nicht so einfach.

Nun war dieses Schisma nicht das erste in der langen Geschichte der Kirche. 39 Gegenpäpste kennt die „offizielle“ Papstgeschichtsschreibung. Das letzte Schisma vor 1378 war 1328 eingetreten, als Ludwig der Bayer in der erbittert geführten Auseinandersetzung mit Papst Johannes XXII. den Franziskaner Pietro Corvaro auf den Papstthron gesetzt hatte. Die Episode dauerte wenig mehr als zwei Jahre: 1330 unterwarf sich dieser Ordensmann, der den Namen Nikolaus V. angenommen hatte, bereits wieder – sein Pontifikat blieb eine Fußnote der Geschichte. Anders im Zeitalter der gregorianischen Reform, des Investiturstreits oder der Auseinandersetzung zwischen Staufern und den Päpsten, als eine Fülle von Gegenpäpsten gegeneinander kämpfte. Der große Unterschied zum Schisma von 1378 bestand freilich darin, dass die römisch-deutschen Kaiser vom 11. bis zum 13. Jahrhundert stets eine zentrale Rolle beim Ausbruch der jeweiligen Schismen gespielt hatten. Dies war in Fondi anders. So wichtig die Rolle des deutschen Königs bei der Beilegung des Schismas sein sollte, an dessen Ausbruch war er nicht beteiligt.

 

Gründe für das Schisma

 

Wer hatte Interesse an diesem Schisma? Noch vor einigen Jahrzehnten konnte man in Geschichtsdarstellungen lesen, der französische König Karl V. sei der eigentliche Anstifter der Neuwahl gewesen. Verbittert über den Weggang des Papstes aus Avignon und den damit einhergehenden Verlust des Einflusses auf päpstliche Entscheidungen habe er die Kardinäle in ihrer Opposition zu Urban VI. bestärkt. Inzwischen haben minutiöse Untersuchungen des Briefverkehrs zwischen Rom beziehungsweise Anagni/Fondi und Paris ergeben, dass bei einer durchschnittlichen Übertragungsgeschwindigkeit von 22 Tagen für einen Brief ein direktes, vor allem zeitnahes Einwirken auf die Geschehnisse schlicht unmöglich war. Karl V. reagierte zwar auf Anfragen der Kardinäle, kuriale Realpolitik vollzog sich jedoch rascher als in Paris und Rom gedacht.

Die Rolle der Kardinäle hingegen ist von zentraler Bedeutung. Für sie stand zunächst die Legitimität der Wahl außer Zweifel. Erst mit großer zeitlicher Verzögerung wurde das Argument einer unkanonisch zustande gekommenen Wahl und damit die fehlende Legitimation Urbans VI. in den Vordergrund gerückt. Dass die Römer massiven Druck ausübten, steht außer Frage. Man sollte sich freilich auch stets vor Augen halten, dass die Würde des Kardinalats vor allem zwei Aufgabengebiete beinhaltete: die Papstwahl und – das wird häufiger unterschlagen – die Beratung des Papstes. Das Selbstbewusstsein des Kollegs gründete nicht zuletzt darin, beständig und nicht nur in einem einzigen Moment, dem der Papstwahl, gebraucht zu werden. Urban VI. setzte alles daran, mit seinen gegen einzelne Kardinäle gerichteten Vorwürfen von Inkompetenz und moralischer Verwilderung dem Kolleg insgesamt vor Augen zu führen, dass seine Mitarbeit eigentlich obsolet sei. Er wollte Reform, Reform um jeden Preis. Moralischer Rigorismus verband sich in seiner Person aber mit mangelnder Einsicht in das, was tatsächlich – auch längerfristig – durchsetzbar war. Urban VI. wollte alles und das sofort – bis heute keine guten Voraussetzungen für erfolgreiches politisches Wirken. Seine theokratischen Ansichten passten nicht mehr in die Zeit – und in den Augen der hochgebildeten Kardinalselite war er wohl auch intellektuell nicht recht satisfaktionsfähig. Das Kardinalskolleg jedenfalls sah sich in seiner Integrität bedroht. Wohl selten war ein Papstkandidat derart falsch eingeschätzt worden.

 

Probleme

 

Königreiche standen vor der Wahl: schlug man sich auf die Seite des römischen oder des avignonesischen Vertreters? Oder versuchte man mit strikter Neutralität eine Form des verzweifelten Lavierens zwischen den Parteien? Durch die Neigung beider Päpste, großzügig Kirchenstrafen gegen ihren Konkurrenten und die ihm folgende Obödienz zu verhängen, vermischte sich Geistliches zunehmend mit Weltlichem. Die Wiederherstellung der Einheit stand auf der Agenda der Päpste zwar ganz oben – Einheit wurde freilich als Sieg einer Partei über die andere verstanden. Doch je länger das Schisma andauerte, je stärker sich die administrativen Strukturen verfestigten, desto schwieriger wurde es, Einheit mit friedlichen Mitteln über den Verhandlungsweg zu erreichen.

Supranationale Institutionen wie die Orden litten ganz besonders unter der Spaltung der Christenheit. Die Dominikaner hatten zwei Generalmagister, die Franziskaner zwei Generalminister – in jedem Orden war die Einheit zerstört, das Postulat des „Ein Herz und eine Seele“ ad absurdum geführt. Die Dominikaner in Aragón und Navarra hielten beispielsweise zu Avignon, während ihre Mitbrüder auf der nahen Insel Mallorca sich zum Lager des römischen Papstes bekannten.

Ökonomisch wurde es für einige Berufsgruppen denkbar eng, man könnte gar sagen: Für sie war das Schisma lebensbedrohlich. Dazu gehörten etwa die Universitätsstudenten, insbesondere diejenigen der Theologie. Universitäten unterbreiteten den Päpsten, vor allem zu Beginn eines Pontifikats, Bittschriften in „Rollenformat“. Auf diesen „Rotuli“ konnten, wie bei der Pariser Universität regelmäßig der Fall, hunderte von Namen aneinandergereiht sein, für die eines erwirkt werden sollte: eine Pfründe, durch die die Studienfinanzierung sichergestellt werden konnte. Und natürlich ging es nicht nur um Pfründen für die universitären Clerici. Betroffen war im Grunde genommen jeder, der vom sprudelnden päpstlichen Benefizienquell profitieren wollte oder musste. Glücklich konnten sich all diejenigen Bistümer oder Domkapitel schätzen, deren Mitglieder vor 1378 ernannt worden waren. Denn Vakanzen nach 1378 waren generell problembehaftet. Wie nun erst, als es mit zwei Päpsten auch zwei Königswege des Zugriffs gab. Wo sich zwei streiten, freut sich der Dritte: In dieser Gemengelage waren die lachenden Gewinner häufiger die Domkapitel selbst, denen es mehr als einmal gelang, ihre eigenen, weder von Rom noch von Avignon anerkannten Kandidaten zu platzieren. Und wenig überraschend ist auch die Erkenntnis, dass der Einfluss der jeweiligen Souveräne auf solche Stellenbesetzungen stieg. Kirchenpolitik ist stets auch Personalpolitik. Das Schisma trug dazu bei, dass das Papsttum wichtige Zugriffsrechte faktisch verlor. Häufig ging die Entscheidung über die Besetzung hoher kirchlicher Ämter gar ganz auf die Landesfürsten über.

Mit diesem personalen Element hängt ein Problem zusammen, mit dem vor allem die römischen Päpste zu kämpfen hatten: Ein Großteil des kompetenten Kanzleipersonals und ein Großteil der Archive war in Avignon verblieben. Mit Kardinal Pierre de Monteruc residierte der Vizekanzler selbst in Südfrankreich und wurde in seiner Funktion noch von Urban VI. bestätigt. Selbstverständlich fand sich Monteruc dann im clementinischen Lager wieder, schickte aber seinen Neffen Pons de Monteruc nach Rom, wo dieser zum Vizekanzler des römischen Papstes ernannt wurde. Nicht alle Verbindungslinien rissen ab. Aber tatsächlich brauchten die römischen Päpste lange, bis sie über einen ansatzweise schlagkräftigen administrativen Apparat verfügten. Die Zahlen sprechen für sich: vom Pontifikat Urbans VI. haben sich wenig mehr als drei Bände Kameralregister erhalten. Anders bei seinem Konkurrenten in Avignon: Für Clemens VII. sind 69 Bände Kommunbriefe, 12 Kameralregister und 36 Supplikenregister überliefert.

 

Maßnahmen zur Beendigung des Schismas

 

Schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt diskutierte man über die Lösung des Schismas. Hatte man zunächst auf eine „biologische“ Lösung gehofft, verflüchtigte sich diese Hoffnung mit dem Tod Urbans VI. und der Neuwahl eines Nachfolgers rasch. Grundsätzlich standen drei Lösungsszenarien zur Diskussion: „Via facti“: die militärische Lösung; „Via cessionis“: der zeitgleiche Rücktritt beider Päpste; „Via concilii“: die Einberufung einer allgemeinen Kirchenversammlung, ein Konzil.

  1. Die Ständeversammlung in Medina del Campo 1380/81: Die Ständeversammlung, auf der man unterschiedliche Berichte über die Entstehung des Schismas sammelte und diskutierte und damit den Versuch unternahm, Argumente für die Legitimität der einzelnen Prätendenten auf dem Papstthron zu formulieren, dauerte rund sieben Monate (November 1380 bis Mai 1381). 150 Zeugen lieferten 170 Aussagen. Die Mehrheit gehörte dem Klerikerstand an und war deshalb fähig, Latein zu verstehen und zu schreiben. Die gestellten Fragen waren unterschiedlicher Natur, kreisten aber vornehmlich um die Frage, wie weit die Kardinäle bei der Wahl unter dem Druck der Römer gehandelt hatten. Diese Frage war von zentraler Bedeutung, war das entscheidende Argument der von Urban abgefallenen Kardinäle ja gerade der von den Römern unzulässig ausgeübte Druck. Folgte man ihrer Argumentationslinie, wurde Urban genau deshalb zum Eindringling, Usurpator und schismatischen Papst. Den Kardinälen kam bei ihren Aussagen eine Art anti-römischer Topos zu Hilfe, der in der Christenheit weit verbreitet und akzeptiert war: Römer sind schlecht, deshalb ist ihnen auch alles zuzutrauen. Tatsächlich ist es wohl so, dass der Sturm auf das Konklave erst einen Tag nach der (aus der Sicht Urbans und seiner Anhänger) korrekt vollzogenen Wahl erfolgte. Und auch die Gefährlichkeit des aufgebrachten Mobs auf dem Petersplatz erscheint nach der Lektüre der Zeugenaussagen in anderem Licht. Sprachen die französischen Kardinäle von 10.000, ja gar von 30.000 aufgebrachten Römern, lieferten die Zeugen, darunter auch Römer, wohl eine sehr viel realistischere Einschätzung: sie gingen von rund 1000 Bewaffneten aus, was noch immer viel, aber eben nicht ganz so beängstigend ist. Ein Zeuge brachte es auf den Punkt: „Romani non sunt ita mali sicut dicitur“ (Die Römer sind nicht so schlecht, wie man gemeinhin behauptet). In Medina del Campo anwesend war auch ein Legat Clemensʼ VII., Pedro de Luna, der diplomatisch außerordentlich geschickt agierte und natürlich auch anti-römische Topoi verwendete – es war auch sein Erfolg, dass sich die Versammlung zugunsten Clemensʼ VII. aussprach. Eine Lösung „via cessionis“ oder „via concilii“ war damit vom Tisch. Der avignonesische Papst blieb im Amt – und der Legat hatte sich für Höheres empfohlen: er sollte als Benedikt XIII. Nachfolger Clemensʼ VII. in der avignonesischen Linie werden.
  2. Frankreich und die Vorschläge zur Lösung des Schismas. Auch am französischen Königshof zeigte man sich über die Situation besorgt. Dem französischen König Karl VI., dem wegen fortgesetzter Wahnsinnsattacken das wenig schmeichelhafte Epitheton „der Wahnsinnige“ („le fou“) verliehen wurde, standen die brillantesten Denker der damaligen Zeit – heute würde man sie Intellektuelle nennen – als Berater zur Seite. Sie machten noch immer das Renommée einer Institution aus, für die Paris seit Beginn des 13. Jahrhunderts berühmt war: die Universität. Und innerhalb der Universität war es insbesondere die theologische Fakultät, die noch immer einiges an Strahlkraft besaß. Zwar war sie im Laufe der ersten beiden Schisma-Jahrzehnte auch etwas unter die Räder gekommen, doch war ihr Einfluss nicht nur in geistlichen Dingen noch immer gewaltig.
    Über den Teilnehmerkreis der vom französischen König Karl VI. einberufenen Versammlung von 1398, die im Entzug der Gefolgschaft gegenüber dem Avignon-Papst gipfelte, sind wir sehr gut informiert. Aufgrund der Schwere der Entscheidung waren die Teilnehmer nämlich verpflichtet, ihre Entscheidung schriftlich festzuhalten und zu begründen. 305 Personen meldeten sich dergestalt zu Wort. 71 Bistümer und 71 Abteien waren vertreten. Vertreter des hohen Klerus saßen neben Abgesandten der Universität, die ihre unbestrittene Autorität in Glaubensdingen zur Geltung brachte. Als Königsweg zur Lösung des Schismas wurde von ihnen die „via cessionis“ begriffen: der gemeinsame Rückzug beider Päpste von ihrem Amt. Mit Benedikt XIII., der in der Nachfolge Clemens VII. 1394 gewählt worden war, glaubte man zunächst, einen Unterstützer dieser Position zu haben. Weit gefehlt: Benedikt alias Pedro de Luna, der dem aragonesischen Hochadel entstammte, entfaltete einen bemerkenswerten Starrsinn und beharrte trotz mancher zuvor geäußerter gegenteiliger Ansicht darauf, nicht zurücktreten zu können. Die Versammlung von 1398 handelte beherzt: der Entzug der Obödienz hatte schwerwiegende Folgen für Benedikt XIII. So war es ihm nicht mehr erlaubt, Steuern zu erheben oder Benefizien zu verleihen. Pfründen seiner Anhänger wurden gnadenlos konfisziert. Im Grunde griff man auf das Waffenarsenal eines Wirtschaftskriegs zurück, mit dem das finanzielle Ausbluten des Gegners bewirkt werden sollte.
    Die Sache eskalierte: 19 Kardinäle verließen den Papst, der von französischen Truppen in seinem Palast belagert wurde und jedes Vermittlungsangebot ausschlug. Die öffentliche Meinung, die in der „via cessionis“ ein erfolgversprechendes Heilmittel erblickt hatte, wandelte sich langsam. Insbesondere im Süden Frankreichs entstand um die Universität von Toulouse herum eine Fraktion, die sich wieder offen für Benedikt XIII. aussprach. Was die Vertreter der Versammlung von 1398 nämlich nicht weiter bedacht hatten, war die Rolle Bonifazʼ IX., der in Rom die Nachfolge Urbans VI. angetreten hatte. Im universitären Pariser Milieu wurde es als skandalös empfunden, dass große Scharen französischer Pilger sich zum Heiligen Jahr 1390 nach Rom begaben und damit indirekt einen Papst anerkannten, der die Ausrufung des Heiligen Jahres allein deshalb zehn Jahre vorgezogen hatte, um daraus ein Maximum an Profit zu schlagen. An der römischen Kurie gestaltete sich die finanzielle Lage nämlich alles andere als rosig: bis zum eigentlichen Heiligen Jahr, das 1400 gefeiert werden sollte, konnte und wollte man nicht warten. Man brauchte das Geld der Pilger. In Avignon stellte sich die finanzielle Situation doch einiges günstiger dar. Nach der Belagerung des Papstpalasts wurde Benedikt XIII. in Haft gehalten, wobei der Terminus „Ehrenhaft“ die Sachlage besser beschreibt. Am 11. März 1403 gelang ihm jedoch die Flucht. In der Provence konnte er seine Position stärken und schließlich nach Avignon zurückkehren. Auch Kastilien und Frankreich kehrten zur avignonesischen Obödienz zurück. Die Initiative der Versammlung von 1398 war mehr oder minder ergebnislos verpufft.
  1. Der Königsweg: Konzilien. 1409, nach über 30 Jahren „zerrissener Christenheit“, schien die Möglichkeit für eine Lösung des Konflikts gegeben. Motor der Bewegung waren die Kardinäle, die sich in Pisa zu einem Konzil zusammengefunden hatten. Immerhin 500 Kardinäle, Bischöfe, Äbte und Gelehrte waren der Einladung gefolgt. Die Frage, ob man zu einem solchen Tun legitimiert sei, stellte sich und wurde folgendermaßen beantwortet: „Dieses Konzil ist ein allgemeines Konzil“, „es repräsentiert die gesamte katholische Kirche und hat das Recht, als oberster Richter auf Erden über diese Angelegenheit zu erkennen, zu entscheiden und zu bestimmen.“ In Pisa kam man also ohne Autorität des Papstes und ohne diejenige des römischen Königs zusammen. Man wollte dort einen neuen Papst wählen und tat dies auch, hatte aber nicht mit der Beharrungskraft des römischen beziehungsweise avignonesischen Papstes gerechnet. Da beide sich trotz der Verurteilung als Schismatiker, Häretiker und Eidbrüchiger nicht zurückzogen, gab es nun also drei Päpste in der Christenheit. Papst Alexander V. (1409-1410), ein gebürtiger Kreter und bisher Erzbischof von Mailand, war fortan der Dritte im Bunde. Drei Herden folgten drei Hirten. Was dies für die Akzeptanz der Kirche als von Gott eingesetzter Institution bedeutete, dürfte unmittelbar klar vor Augen stehen. Ulrich von Richenthal, der Chronist des Konstanzer Konzils, fasst die Situation wie folgt zusammen: „aus der verruchten Zweiheit wurde eine verfluchte Dreiheit von Päpsten“. Die kirchliche Autorität war dahin und lag in den Händen weltlicher Fürsten. So dramatisch die Situation sich nach 1409 institutionell auch gestalten mochte, eines war deutlich geworden: Dem Konzil gehörte die Zukunft. Es war das einzig verbliebene Mittel zur Lösung des Problems.
    Der deutsche König Sigismund, seit 1410 im Amt, war es schließlich, der dazu ansetzte, den gordischen Knoten zu zerschlagen und die Wiedervereinigung der Kirche einzuläuten. Er überzeugte den zweiten Pisaner Papst Johannes XXIII. (1410-1415), ein Konzil einzuberufen, das sich mit Fragen der Kirchenreform auseinandersetzen sollte. Sigismund selbst lud dazu ein. Es war das von 1414-1418 in Konstanz tagende Konzil, durch das die Kirche ihre Einheit wiedererlangen sollte. Der Weg dorthin war alles andere als leicht, mussten doch drei Päpste auf ihr Amt verzichten. Zunächst lief alles wie gewünscht. Johannes XXIII. eröffnete am 5. November 1414 das Konzil, erregte jedoch europaweites Aufsehen, als er nur wenige Monate später als Stallknecht verkleidet versuchte, aus der Stadt zu fliehen und somit die Auflösung des Konzils zu bewirken. Das Vorhaben misslang: Die Konzilsväter zeigten sich mehr oder minder unbeeindruckt und verabschiedeten das Dekret „Haec sancta“, dessen entscheidende Passage nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig ließ: „Diese im Heiligen Geist rechtmäßig versammelte, ein allgemeines Konzil darstellende und die streitende katholische Kirche vertretende Synode hat ihre Vollmacht unmittelbar von Christus; jeder beliebige, welchen Standes und welcher Würde auch immer, auch wenn es die päpstliche sein sollte, ist gehalten, ihr in dem zu gehorchen, was den Glauben und die Ausrottung des genannten Schismas betrifft.“
    Das nennt man Konziliarismus. Bereits in dieser frühen Phase hatte Pierry d’Ailly, einer der hochgebildeten französischen Humanistenkardinäle, dafür gesorgt, dass nicht nur Kardinäle und andere hohe Kleriker, sondern auch die Doktoren der Theologie und des kanonischen Rechts, Vertreter der Domkapitel und Gesandte der Fürsten Stimmrecht erhielten. Das Konzil leistete ganze Arbeit. Johannes XXIII. setzte man ab, Gregor XII. trat selbst zurück, nur Benedikt XIII. zeigte einmal mehr sein Beharrungsvermögen. Sigismund reiste an der Spitze einer großen Gesandtschaft selbst nach Perpignan, um dort mit Benedikt zu konferieren. Vergeblich. Der halsstarrige, von seiner göttlichen Erwählung überzeugte Mann, wurde schließlich von allen fallen gelassen und zog sich in seine Festung Peñíscola, auf halbem Weg zwischen Barcelona und Valencia gelegen, zurück. Ein Großteil der päpstlichen Bibliothek zog mit ihm. Dort spielte er bis zu seinem Tod 1423 noch Papst, ernannte gar weitere vier Kardinäle, ohne dass dies irgendjemanden wirklich interessiert hätte.
    Durch ein weiteres, „Frequens“ genanntes Dekret sicherte man dem Konzil auch künftig einen zentralen Platz im Leben der Kirche. Man ordnete an, „dass von jetzt an allgemeine Konzilien so abgehalten werden, dass ein erstes vom Ende dieses Konzils innerhalb des Zeitraums von sieben Jahren und von da an von Jahrzehnt zu Jahrzehnt beständig an solchen Orten abgehalten wird, welche der Papst einen Monat vor Beendigung eines jeden Konzils anzuordnen und zu ernennen verpflichtet ist.“

 

Ergebnisse

 

Der größte Erfolg des Konstanzer Konzils bestand wohl darin, die Einheit der abendländischen Kirche wieder hergestellt zu haben. Dem dreiköpfigen Monster wurden die Häupter abgeschlagen. Dies bedeutete freilich keine Rückkehr zur alten Papstkirche, in der sich in der Person des Papstes die alleinige Machtfülle bündelte. Die Konstanzer Dekrete „Haec Sancta“ und „Frequens“ stehen für ein neues ekklesiologisches Modell, das eine stärker kollegial-korporativ akzentuierte Kirchenverfassung favorisierte, in der der allgemeinen Synode und nicht mehr dem Papst die höchste Autorität zukam. Doch damit geriet der Bedeutungsgehalt der alten Körpermetapher einmal mehr ins Wanken. Wenn das Haupt nicht mehr über die Glieder herrscht, sondern die Glieder über das Haupt oder – im besten Falle – alle über alle herrschen, dann hatte eine hierarchisch gegliederte Papstkirche ein Problem.

Man einigte sich am 11. November 1417 auf einen neuen Papst – Kardinal Oddo Colonna, der den Namen Martin V. annahm. Alle weiteren Fragen, die mit der Kirchenreform zusammenhingen, hatte man allerdings vertagt. Sie sollten Gegenstand eines weiteren Konzils sein, das – genau wie im Dekret „Frequens“ festgelegt – für das Jahr 1423 nach Pavia einberufen wurde. Doch das ist eine andere Geschichte.

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