Immer noch und immer wieder Antisemitismus

Bundeswehr Academy Talk

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Mehr als 80 Jahre nach dem Holocaust bleibt Antisemitismus eine bedrückend aktuelle Herausforderung. Unter dem Titel Immer noch und immer wieder Antisemitismus widmete sich am 10. März 2026 das Akademiegespräch mit Offizierinnen und Offizieren aus Bundeswehrstandorten in Süddeutschland in der Katholischen Akademie in Bayern diesem Thema. Referent war der Beauftragte der baden-württembergischen Landesregierung gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben, Dr. Michael Blume; im anschließenden Gespräch diskutierte er mit Militärrabbiner Avraham Radbil.

In ihrer Begrüßung wies Dr. Astrid Schilling, Leiterin des Programmbereichs der Akademie, darauf hin, dass antisemitische Einstellungen und Übergriffe heute wieder in vielen gesellschaftlichen Bereichen sichtbar werden – im Alltag ebenso wie im digitalen Raum oder im Kontext internationaler Konflikte. Antisemitismus richte sich dabei nicht nur gegen reale Menschen, sondern beruhe häufig auch auf Projektionen und Verschwörungsmythen.

Blume begann seinen Vortrag mit einer historischen und religionsgeschichtlichen Einordnung. Antisemitismus sei kein neues Phänomen, sondern habe tiefe kulturelle Wurzeln. Um seine Mechanismen zu verstehen, müsse man sich auch mit der Geschichte des Judentums befassen. Dabei hob Blume insbesondere die Rolle des Judentums für die Entwicklung von Bildung und Alphabetisierung hervor. Die jüdische Tradition habe früh das Lesen und Schreiben für alle Menschen zugänglich gemacht und damit einen entscheidenden Beitrag zur kulturellen Entwicklung Europas geleistet. Aus dieser Tradition seien auch zentrale Begriffe der europäischen Geistesgeschichte hervorgegangen – etwa die Vorstellung der Bildung oder die Idee der Menschenwürde, die letztlich auf die biblische Überzeugung zurückgehe, dass jeder Mensch im Bilde Gottes geschaffen sei.

Gerade diese kulturellen und intellektuellen Leistungen seien jedoch immer wieder Anlass für Feindbilder gewesen. Anders als viele andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit beruhe Antisemitismus nicht auf der Vorstellung eigener Überlegenheit, sondern auf der Annahme einer angeblichen Übermacht jüdischer Menschen.

Aber auch in Regionen ohne jüdische Gemeinden könne Antisemitismus auftreten; die Forschung spreche hier von „Antisemitismus ohne Juden“. Verschwörungserzählungen erfüllten dabei eine zentrale Funktion: sie ermöglichten es, komplexe gesellschaftliche Entwicklungen auf einfache Schuldzuweisungen zu reduzieren.

Ein weiterer Schwerpunkt seines Vortrags lag auf der historischen Entwicklung der Judenfeindschaft. Während religiöser Antijudaismus in früheren Jahrhunderten noch Konversionen zuließ, entwickelte sich in der Neuzeit ein rassistisch geprägter Antisemitismus, aus dem es kein Entkommen mehr gab. Diese Ideologie erreichte im Nationalsozialismus ihren Höhepunkt, wirkt jedoch in verschiedenen Formen bis heute fort.

Blume betonte zugleich die Bedeutung frühzeitiger Prävention. Radikalisierungsprozesse ließen sich besonders bei Jugendlichen noch aufhalten. Deshalb sei Bildungsarbeit in Schulen ebenso wichtig wie eine breite gesellschaftliche Aufklärung über Verschwörungsmythen. Antisemitismus zu bekämpfen bedeute nicht nur, historische Verantwortung zu erinnern, sondern demokratische Werte aktiv zu verteidigen.

Im anschließenden Gespräch mit Militärrabbiner Radbil ging es auch um die Rolle von Religion und gesellschaftlicher Vielfalt. Beide betonten, dass der Kampf gegen Antisemitismus nur gemeinsam gelingen könne – durch persönliche Begegnung, Dialog, Bildung und eine Kultur, die Unterschiede nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung versteht.