Lassen Sie mich mit einer unbequemen Botschaft beginnen: Die Proklamation Heiliger Kriege ist keineswegs nur ein Phänomen der Vergangenheit. Das Töten im Auftrag Gottes geschieht tagtäglich auch in unserer Zeit, und zwar mit wachsender Zustimmung. Religion ist ein geopolitisch hochbrisanter Faktor in den Kriegen des 21. Jahrhunderts. Die religiöse Dimension ist dabei jedoch nicht primär Ursache der Konflikte, sondern eher ein Eskalationsfaktor, der eine rationale Einhegung der Konflikte oft unmöglich erscheinen lässt. Dies trifft in unterschiedlicher Weise auf die beiden zentralen Kriege der Gegenwart in der Ukraine und in Israel-Palästina zu. Es scheint, als hätte die Menschheit aus der Geschichte nichts gelernt. Mehr noch: Längst überwunden geglaubte Motive kehren auch in Europa und im Christentum mit ungeahnter Vehemenz und neuer Dynamik zurück.
Von diesem weiten Themenfeld kann ich nur einige ausgewählte Aspekte beleuchten. Ich will dies in drei Schritten tun: 1. die unterschätzte Rolle von Religion im russisch-ukrainischen Krieg, 2. Religion als Eskalationsfaktor im Israel-Palästina-Konflikt, 3. zehn Thesen zum ambivalenten Verhältnis von Religion und Gewalt
Die unterschätzte Rolle von Religion im russisch-ukrainischen Krieg
Bereits in einem Aufsatz von 1993 und dann 1996 in der Monografie The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order hat der amerikanische Politikwissenschaftler Samuel Huntington prognostiziert, dass die Kriege des 21. Jahrhunderts Identitätskonflikte sein werden. Nicht mehr der ideologische Gegensatz zwischen Kommunismus und Kapitalismus und auch nicht das „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama), sondern Bruchlinienkonflikte zwischen unterschiedlichen Kulturräumen und Religionen seien zentraler Ausgangspunkt für die multipolare Neuordnung der Welt.
Huntingtons These enthält wichtige Hinweise, um die veränderte Grammatik der globalen Konflikte im 21. Jahrhundert zu verstehen. Zugleich basiert sie auf einigen Fehleinschätzungen, die sie jedoch – und das ist meine These – keineswegs unwirksam machen. Sie beschreibt eine suggestive Deutung von Konflikten, die eine brisante Eigendynamik bewirkt. Gerade durch die Mischung hellsichtiger und falscher Elemente ist sie ethisch-politisch so brisant:
Hellsichtig ist Huntingtons These, insofern die Suche nach kultureller Identität und Abgrenzung in der zunehmend entgrenzten Welt tatsächlich ein entscheidender Faktor zu sein scheint. Sowohl die „Wut der Arabischen Welt“ (Bernard Lewis) als auch der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine wurden als existenzieller Abwehrkampf gegen die kulturelle Dominanz „des Westens“ deklariert. Das Feindbild „westlicher Imperialismus“ erzeugt Allianzen, ohne die Russland geopolitisch isoliert dastünde. Die bereits in den 1990er Jahren erkennbaren Anzeichen für dieses identitäre Deutungsmuster wurden unterschätzt, weil sie weder wirtschaftlich noch politisch rational erschienen und man der Maxime „Wandel durch Handel“, die Kulturen durch wechselseitige ökonomische Interessen verflechten wollte, nachhing.
Irreführend sind Huntingtons Thesen in Bezug auf Russland insofern, als der Hauptfaktor kein kultureller oder identitärer Konflikt ist, sondern, dass sich Putin durch eine freie und wirtschaftlich prosperierende Ukraine bedroht fühlt, weil der Funke des demokratischen Freiheitsstrebens dann auch leicht nach Russland überspringen könnte – so Herfried Münkler. Im Kern geht es um einen Konflikt des Herrschaftssystems. Der kulturelle Konflikt wird vorgeschoben und durch die Erzählung der „russischen Welt“ (russkij mir) in einen Identitätskonflikt umgedeutet. Schon bei Huntington werden religiöse, kulturelle, nationale, politische und wirtschaftliche Faktoren auf unklare Weise vermischt. Er übersieht, dass Kulturen und Religionen nicht notwendig gegeneinander kämpfen, sondern (auch in der Ukraine) gerade in der Begegnung mit dem Fremden oft aufblühen. Huntington setzt einen ahistorisch-essentialistischen Zivilisations- und Religionsbegriff voraus.
Das Fatale ist, dass das Narrativ der Identitätskonflikte und damit auch das der Russischen Welt, deren kulturelle Werte gegen die Dominanz des imperialen Westens verteidigt werden müssten, keineswegs erfolglos ist. Es wurde längst zu einem entscheidenden Faktor für die Akzeptanz der russischen Position, sowohl innerhalb des Staates wie bei nicht wenigen Staaten weltweit.
Dabei spielt auch der Faktor Religion – um den es ja bei unserer Tagung in besonderer Weise geht – eine zentrale Rolle: Religion wird instrumentalisiert für nationale Identitätskonstruktionen, wobei dies keineswegs nur ein von außen kommender Missbrauch ist, sondern Religionen von sich aus Identitäten definieren und nicht selten feindlich abgrenzen. Für Patriarch Kyrill ist der Krieg gegen die Ukraine ein Heiliger Krieg zur Verteidigung orthodoxer Werte und Lebensformen gegen den vermeintlich dekadenten und imperialen Westen. Er legitimiert den Krieg als „metaphysischen Kampf“. Ohne diesen religiösen Hintergrund würde die Erzählung der Verteidigung der russischen Welt nicht aufgehen. Es ist schwer zu entscheiden, ob Präsident Putin diese religiöse Erzählung nur instrumentalisiert oder selbst glaubt. Vermutlich schließt sich beides nicht aus und in ihm verfestigt sich zunehmend ein historisch-religiöses Sendungsbewusstsein. Handfeste Machtinteressen werden in einen religiös-kulturellen Konflikt umgedeutet, dadurch legitimiert, geglaubt und strategisch ausgerichtet. Durch die gezielte Zerstörung von Kirchen und Museen in der Ukraine soll deren religiöse und kulturelle Identität ausgelöscht werden. Das Recht auf eigene Identität wird ihr abgesprochen.
Zum Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus am 29. Januar 2025 sagte Roman Schwarzman aus Odessa im deutschen Bundestag: „Damals wollte mich Hitler töten, weil ich Jude bin, heute will mich Putin töten, weil ich Ukrainer bin. Er will uns als Nation vernichten.“ Das Gedenken wirkt heute verstörend aktuell. Es ging und geht darum, eine Identität auszulöschen.
Identitätskonflikte sind in der Regel religiös unterlegt. Dabei sind die Religionen jedoch meist nicht primäre Ursache von Krieg und Gewalt, sondern Eskalationsfaktor: Sie treten sekundär zu Macht- und Interessenkonflikten hinzu, dienen dazu, diese in Identitätskonflikte umzudeuten und dadurch einer veränderten Grammatik zu unterwerfen: Religiös-kulturelle Konflikte sind im Unterschied zu Interessenkonflikten nur eingeschränkt verhandelbar.
Gegenwärtig tobt ein Machtkampf zwischen der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK) und den anderen orthodoxen Kirchen, die Patriarch Bartholomäus von Istanbul traditionell als „Ersten unter Gleichen“ anerkennen. Er drückt sich auch in der entstehenden orthodoxen Soziallehre aus, die bisher drei zentrale Dokumente veröffentlicht hat, die sich auf charakteristische Weise durch eine abweichende Bewertung von Menschenrechten, Demokratie und moderner Gesellschaft unterscheiden: Die von Patriarch Kyrill in den Jahren 2000 und 2008 verantworteten Dokumente bewerten diese negativ (zugespitzt in seiner zunehmend anti-westlich profilierten Deutung), das von Bartholomäus verantwortete Dokument aus dem Jahr 2020 bewertet diese im Kern positiv. Diese Differenz ist entscheidend dafür, ob das europäische Kultur- Zivilisations- und Gesellschaftsmodell als Bedrohung oder als Chance gesehen wird.
Innerhalb der Orthodoxie bahnt sich eine Spaltung an, die eine mit der im Westchristentum des 16. Jahrhunderts durch die Reformation ausgelösten Spaltung vergleichbare Dynamik entwickeln könnte. Ein sozialethischer, auf das Verhältnis von Religion und Moderne fokussierter Dialog innerhalb der Orthodoxie sowie zwischen dieser und der Katholischen sowie den Protestantischen Kirchen wäre m. E. ein unschätzbarer Friedensdienst. Die Spaltung zwischen West- und Ostkirchen, die kirchengeschichtlich nun schon eintausend Jahre andauert, hat zu Entfremdungen geführt, die sich im gegenwärtigen Krieg zwischen Russland und der Ukraine als Sprachunfähigkeit äußern und so zum Eskalationsfaktor geworden sind. Der Umstand, dass wir an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) als einer der ganz wenigen Universitäten weltweit alle drei christlichen Konfessionen haben, ist eine einmalige Chance, ein wenig zu Vertrauensbildung und Verständigung hinsichtlich der Vielfalt orthodoxer Theologie beizutragen.
In Bezug auf den Dialog zwischen Katholizismus und Orthodoxie ist der Vatikan – wie insbesondere Regina Elsner hervorhebt – einseitig auf die Russisch-Orthodoxe Kirche fixiert. Es ist ein mühsamer Lernprozess, angemessen wahrzunehmen, wie vielfältig die orthodoxen, teilweise autokephalen Kirchen sind.
Gegenwärtig ist der Konflikt mit der ROK und dem russischen Regime jedoch eskaliert und ein vertrauensbildender Dialog ist nur mit den davon unabhängigen Kräften möglich. Gegenüber dem System Kyrill und dem System Putin kann es nur um schonungslose kritische Aufklärung der Lügenpropaganda gehen. Das Buch Putins Gift. Russlands Angriff auf Europas Freiheit von Gesine Dornblüth und Thomas Franke, zwei Journalisten, die lange in Moskau gelebt haben, hat mir für viele Zusammenhänge die Augen geöffnet. Die sehr professionellen Methoden der Desinformation, der gezielten Förderung von Spaltung und Korruption in europäischen Ländern – beispielsweise in Georgien oder im Baltikum, aber auch in Deutschland – und die in sich kohärenten, suggestiv konstruierten Erzählungen zur Umdeutung der Geschichte und der Konflikte mit dem Ziel der Delegitimation des Westens, sind eine neue Form der Kriegsführung als Cyber War. Es ist ein geistiger und medialer Krieg um Deutungshoheit. Das erste Opfer eines jeden Krieges ist die Wahrheit.
Ausgangspunkt des Krieges zwischen Russland und der Ukraine ist der russische Neoimperialismus, der in dem durch Repression und Lüge gekennzeichneten System Putin einen neuen Höhepunkt gefunden hat, der jedoch tiefe historische Wurzeln im Zarismus und Stalinismus hat. Dieses revisionistische Herrschaftssystem zu kritisieren, ist nicht westlicher Kulturimperialismus, sondern eine Antwort auf das universale menschliche Bedürfnis nach Freiheit von Gewalt, Leid und Lüge.
Ich möchte der Auffassung von Herfried Münkler und Carlo Masala, dass moralische Argumente in dem Kampf um eine neue Weltordnung nur noch eine marginale Rolle spielen, widersprechen, jedoch mit einer Differenzierung: Zunächst stehen strategische Machtkonflikte im Vordergrund und in diesem harten Ringen sind moralische Argumente nicht unmittelbar wirksam. Die Zustimmung, die Putin in China, Indien, Iran, Nordkorea oder Südafrika und nicht zuletzt auch in der eigenen Bevölkerung findet, hängt jedoch wesentlich ab von dem Narrativ des Kulturkonfliktes gegen die Dominanz „des Westens“. Das Feindbild „liberaler, säkularer und moralisch dekadenter Westen“ eint derzeit völlig heterogene Mächte.
Diese Erzählung ist eine neue Variante des semireligiösen, „sakralen Krieges“. Dieser sei im Unterschied zum „heiligen Krieg“ kein Angriff, sondern eine Verteidigung, so Patriarch Kyrill im Weltrat der Kirchen. Der russisch-ukrainische Krieg sei eine Verteidigung Russlands gegen den imperialen Westen. Präsident Donald Trump hat in seinem Gespräch im Oval Office mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskij am 28. Februar 2025 diese Umkehr der Adressierung von Aggression und Verteidigung übernommen. Was Trump mit messianischem Sendungsbewusstsein als Herbeiführung eines goldenen Zeitalters und als Friedensdeal propagiert, ist in Wirklichkeit ein Ausverkauf der auf Recht, Freiheit und Demokratie beruhenden internationalen Ordnung. Damit geht auch für Deutschland eine Epoche von Frieden und Sicherheit zu Ende.
Religion als Eskalationsfaktor im Israel-Palästina-Konflikt
Der 7. Oktober 2023 gilt als das 9/11 Israels, ein tiefes Trauma, das das Lebensgefühl der Juden im Nahen Osten und weltweit dauerhaft verändert hat, der niederträchtigste Gewaltexzess gegen Juden seit dem Holocaust, verschlimmert durch die mediale Inszenierung von Grausamkeit durch die Kämpfer der Hamas, flankiert durch Angriffe der Hisbollah auf Israel von Libanon aus, verstärkt seit September 2024 und Raketenangriffe von Iran aus im Oktober 2024, sowie nicht zuletzt durch einen neuen Antisemitismus im Schatten des aktuellen Krieges auch in Deutschland. Das Kalkül der Hamas, Hass und Unversöhnlichkeit zu säen, ist aufgegangen.
Durch die unverhältnismäßig harte Reaktion in dem Versuch, die Hamas vollständig zu vernichten und dabei auch die Zivilbevölkerung, die von den Kämpfern als lebende Schutzschilde missbraucht wurden, nicht zu schonen, hat sich jedoch auch Israel ins Unrecht versetzt. Im Gazastreifen sind durch Angriffe des israelischen Militärs circa 48.000 Menschen gestorben und 111.000 verletzt worden. Zeitweise waren 1,9 Mio. Menschen auf der Flucht. Die Pläne von Trump und Netanjahu, die Palästinenser ganz aus Gaza zu vertreiben, führen zu einer weiteren Eskalation. Am 14. November 2024 hat das UN-Komitee Merkmale eines Völkermordes (massenhafte zivile Opfer, Hunger als Vernichtungsstrategie, Behinderung humanitärer Hilfen, weil von Hamas unterwandert) diagnostiziert.
Am 21. November 2024 hat der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag Netanjahu als Kriegsverbrecher eingestuft und einen Haftbefehl erlassen. Der designierte Bundeskanzler Friedrich Merz hat noch am Wahlabend verkündet, Netanjahu dennoch in Deutschland empfangen zu wollen. Die italienische Völkerrechtlerin Francesca Albanese, die seit 2022 UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten Gebiete Palästinas ist und die Kategorie des Genozids auf die Situation dort anwendet, wollte am 16. Februar 2025 an der LMU über Kolonialismus, Menschenrechte und Internationales Recht sprechen. Doch die Uni stornierte die Raumzusage. Auch die Katholische Akademie Bayern sowie die Humboldtuniversität in Berlin haben ihre Raumbuchungen storniert. Die einen sprechen von Antisemitismus, die anderen von Redeverbot – die Wellen schlagen hoch.
Die Frage, die für uns im Rahmen der Tagung über Heilige Kriege relevant ist, betrifft die Analyse, welche Rolle der Faktor Religion dabei spielte und spielt. Da ich in Israel studiert habe, beschäftigt mich der Konflikt in besonderer Weise.
Wegweisend scheint mir die Analyse von Moshe Zimmermann, der am 24. Juni 2024 auch hier in der Katholischen Akademie über Israels Richtungsstreit um Sicherheit, Demokratie und Religion gesprochen und die Hintergründe in seinem Buch Niemals Frieden? Israel am Scheideweg (2024) näher erläutert hat. Er spricht von der jahrzehntelangen „Geiselhaft“, in die die religiösen Siedler die Politik Israels genommen haben. Insbesondere mit dem Beginn des Osloer Friedensprozesses (Camp David II) 1993 sowie dem Abraham Abkommen 2020 schien ein Frieden in greifbarer Nähe. Er wurde immer wieder von religiösen Fanatikern von beiden Seiten torpediert (israelisch: am 4. November 1995 ermordete Jigal Amir den israelischen Premierminister Jitzchak Rabin wegen dessen Friedenspolitik gegenüber den Palästinensern).
Nachdem in mühsamen Gesprächen eine Annährung mit der Fatach erreicht war, wählten die Palästinenser im Gazastreifen 2006 die Hamas, die explizit Israel das Existenzrecht abspricht, als ihre politischen Vertreter.
Der Krieg im Nahen Osten ist deshalb so unversöhnlich, weil sich Hamas, Hisbollah und der Iran dem islamistisch begründeten Ziel verschrieben haben, die Existenz Israels auszulöschen, und die gegenwärtige Regierungspolitik unter Netanjahu unter starkem Einfluss der orthodoxen Juden im Gegenzug das Existenzrecht und die Identität Palästinas nicht anerkennt. Das historische Trau-
ma des Holocaust führt auch in der zweiten und dritten Generation zu dem Gefühl des Bedrohtseins und der Selbstwahrnehmung in der Opferrolle, was jedoch auch durch den fortwirkenden Antisemitismus immer neu gespeist wird. Vertrauensbildung ist ein extrem mühsamer und langwieriger Prozess. Auch im Christentum tauchen antisemitische Denk- und Verhaltensmuster ganz unvermittelt wieder auf (z. B. bei den Piusbrüdern und gegenwärtig vor allem im Kontext der AfD, in der es eine sehr aktive Gruppierung „Christen für die AfD“ gibt).
Indem die vielfältigen Macht- und Interessenkonflikte in einen religiös-identitären Konflikt umgedeutet und durch ihn überlagert werden, scheinen Verhandlungen unmöglich. Sowohl im Nahostkonflikt wie im russisch-ukrainischen Krieg ist unklar, worüber man zielführend verhandeln kann, wenn der jeweils anderen Nation das kulturelle Existenzrecht abgesprochen wird. Die religiös-kulturelle Umdeutung des Konfliktes wird zur self fulfilling prophecy: Sie ist eine Deutung, die die Möglichkeiten friedlicher und fruchtbarer Koexistenz verkennt und dadurch zur Ursache unversöhnbarer Konflikte wird.
Zwischen den drei Konfliktdimensionen – territorial, ethno-national und religiös – besteht eine komplexe, fast unlösbare Verbindung. Historisch, politikwissenschaftlich und ethisch-systematisch zeigt sich m. E. klar, dass Religion nicht Ausgangspunkt und eigentliche Ursache des Konfliktes ist, sondern Eskalationsfaktor. Dieser ist dennoch wirksam und macht die rationale Bearbeitung und Begrenzung des Konfliktes so schwer.
Islamische Attentäter, die an eine göttliche Belohnung des heiligen Suizids glauben, verstehen ihre Kriegsführung als religiös und werden über Glaubensvorstellungen motiviert und kollektiv organisiert. Wie im Psychogramm vieler islamischer Attentäter in Deutschland scheinen die religiösen Motive jedoch – so die Analyse von Schmidbauer – eher als sekundär hinzutretende Rationalisierung einer tiefen Hoffnungslosigkeit wirksam zu werden. Im Kern ist es nicht ein religiöser Konflikt, sondern eine toxische Mischung aus politischen, sozialen und religiösen Motiven. Es geht nicht um eine Feindschaft gegenüber der jüdischen oder christlichen Religion, sondern um das Feindbild des kapitalistischen, vermeintlich säkular-areligiösen und moralisch dekadenten Westens sowie das in Aggression umschlagende Lebensgefühl tiefer Einsamkeit, Verzweiflung und Sinnlosigkeit. Dennoch ist der Faktor Religion nicht marginal, sondern konstitutiv für das Verständnis der Konflikte und die Aktivierung der Kämpfer. Die Religionen haben eine Bringschuld, sich nicht als Legitimation und ideologische Aufladung der Konflikte missbrauchen zu lassen, so Papst Franziskus in seiner Enzyklika Fratelli tutti. Diese Friedensenzyklika vom Oktober 2020 begreift den Dialog als „Handwerk des Friedens“ und hat die Verständigung mit dem Islam als Fokus. Die Religionen haben die Aufgabe, aktiv den kultur-, religions- und konfessionsübergreifenden Dialog voranzubringen. Hans Küng hat dies auf die einprägsame Formel gebracht: „Kein Friede zwischen den Nationen ohne Friede zwischen den Religionen, kein Frieden zwischen den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen.“
In erster Linie wird die Chance eines Friedens von harten politischen Faktoren abhängen. Die Kompetenz der Religionen sollte auch nicht überschätzt werden: Ihre wichtigste Aufgabe sind Vorsorge und Abwehr, damit sie nicht als Kriegsgrund missbraucht werden, sowie die Ermöglichung von Vertrauensbildung und Dialog im Sinne „proaktiver Toleranz“. Wichtiger als allgemeine Deklarationen sind Menschen, die unerschrocken ihre Existenz für den Frieden einsetzen, wie z. B. Alexej Nawalni, der durch seinen Glauben motiviert Putin die Stirn geboten hat und trotz oder wegen seines Märtyrertodes für Millionen Menschen zum Hoffnungsträger wurde.
Zehn Thesen zum Verhältnis von Religion und Gewalt
Man könnte aus den bisherigen Ausführungen zu den beiden zentralen Kriegen unserer Gegenwart folgern, dass die Religionen eine primär negative Rolle spielen. Dies könnte man an vielen weiteren Beispielen vertiefen, z. B. im Blick auf Boko Haram in Nigeria, die keineswegs harmlosen Konflikte zwischen Hindus und Moslems in Indien, die jahrzehntelangen Gewaltexzesse zwischen Katholiken und Protestanten in Nordirland oder die aktuelle Rolle der evangelikalen Protestanten und der konservativen Katholiken in den USA, ohne die Trump mit seiner aggressiven neoimperialen Politik nie die Wahl gewonnen hätte.
Durch die Rückkehr der Religionen in den öffentlichen Raum spitzen sich viele Konflikte neu zu. Das alte Modell der Pazifizierung religiöser Konflikte durch Privatisierung der Religion funktioniert nicht mehr. Trotz aller Abgründe der Instrumentalisierung von Religion für Gewaltexzesse und heilige Kriege ist die Verleumdung jeder Moral im Horizont eines atheistischen und sarkastischen Nihilismus, der das Streben nach Macht zum einzigen Maßstab erhebt, noch abgründiger. Es sind eigenartige Amalgame von Nihilismus und Religion als Fassade, die gegenwärtig keineswegs nur bei islamischen Terroristen so brandgefährlich sind.
Vor diesem Hintergrund ist nicht die Zurückdrängung der Religionen, sondern die Stärkung einer pluralen Vielfalt lebenszugewandter, vertrauensstiftender und dialogfähiger Religionen das einzig zielführende Heilmittel gegen die Verirrungen der auch in unserer Zeit so unheilig-heiligen Kriege. Es braucht neue Zugänge, um das vielschichtige Verhältnis von Religion und Gewalt zu verstehen und zu bändigen.
Dazu einige Thesen, die zugleich das bisher Gesagte zusammenfassen:
1. In den Kriegen und Konflikten der Gegenwart spielt der Faktor Religion eine entscheidende Rolle. Die Religionen werden auch in unserer Zeit weltweit, jedoch in sehr unterschiedlichen Kontexten und mit verschiedenen Begründungen für die Legitimation und Motivation von Gewalt in Anspruch genommen. Das Theorem des Heiligen Krieges ist nicht überwunden.
2. Religionen sind nicht die zentrale Ursache, sondern Eskalationsfaktor der Konflikte und Kriege. Erst in Verbindung mit ungelösten politischen und sozialen Konflikten entfalten sie eine toxische Wirkung. Sie werden häufig identitär als Begründung für „othering“, also Aus- und Abgrenzung in Anspruch genommen, können aber auch in positiver Weise eine gemeinschafts- und identitätsstiftende Wirkung haben. Problematisch ist vor allem, dass die am stärksten wachsende Form von Religion der Fundamentalismus ist, der sich leicht für eine ideologische Verhärtung der Fronten sowie eine bis zu terroristischen Akten gehende Hingabe und Kampfbereitschaft instrumentalisieren lässt. Das Feindbild des abendländisch-christlichen Westens, das sich sowohl bei Islamisten als auch in der Russisch-Orthodoxen Kirche findet, ist eine sekundäre religiöse Überhöhung eines höchst vielschichtigen Konflikts. Der religiöse Faktor ermöglicht jedoch Allianzen ganz unterschiedlicher Akteure und führt zu einer hasserfüllten Aufladung des Konfliktes. Er ist ein konstitutives Element, um die Dynamik und Zuspitzung der gegenwärtigen Weltkonflikte und die Erosion des universalen demokratischen Universalismus zu verstehen.
3. Die Religionen tragen Mitverantwortung durch zu geringe Abgrenzung gegen den Missbrauch von Religion für die Legitimation von Gewalt. Ein allgemeiner Hinweis auf die Notwendigkeit von „Dialog“ ist unzureichend. Die strukturelle Fixierung des Vatikans sowie des Weltrates der Kirchen auf die Russisch-Orthodoxe Kirche unter Ausgrenzung der anderen autokephalen orthodoxen Kirchen in der Ukraine und in anderen Regionen Osteuropas zeigt dies anschaulich. Auch die Vorstellung, den Konflikt mit islamischen Fundamentalisten durch „Dialog“ bewältigen zu können, erweist sich als naiv und irreführend. Dialog muss als Praxis des Aufbaus von vertrauensbildenden und regelbasierten Beziehungen auf vielen Ebenen interpretiert werden.
4. Der Vorwurf der religiösen Gewalt trifft in besonderer Weise gegenwärtig den Islam. Es gibt in der Geschichte des Christentums ebenfalls Aspekte der mangelnden Abgrenzung gegen Gewalt (Kreuzzüge, Religionskriege, Hexenverbrennung). Dennoch ist die Differenz, dass Jesus ein Pazifist und Mohammed ein Krieger war, nicht zu unterschätzen. Das Judentum ist in der Geschichte deutlich weniger gewaltaffin, allerdings war es auch einfacher ohne eigenen Staat: Im gegenwärtigen Israel zeigt sich ebenfalls das Problem der Verwendung von Religion als Argument für Gewalt und Exklusion. Auch im Hinduismus im Norden Indiens sowie im militanten Buddhismus in Sri Lanka gibt es eine erhebliche, mit nationalistischen Motiven unterfütterte Gewaltgeschichte. Nur wenn jede Religion sich nicht nur mit dem Splitter im Auge der anderen, sondern auch mit dem Balken im eigenen Auge auseinandersetzt (vgl. Matthäus 7,3), kann religiös legitimierte Gewalt erfolgreich eingegrenzt werden.
5. Für den besonderen Zusammenhang von Gewalt und monotheistischen Religionen gibt es plausible Indizien, jedoch keinen zwingenden Zusammenhang. Dieser ist kontingent, also nicht notwendig. Es kommt auf die Interpretation und den Kontext an. Die Verabsolutierung der eigenen Wahrheit und des eigenen Sendungsbewusstseins ist eine latente Gefahr der monotheistischen Religionen, wobei das Judentum deutlich pluralistischer angelegt ist als Christentum und Islam. Es gibt aber zugleich auch gerade umgekehrt ein besonderes Friedenspotenzial der monotheistischen Religionen: Der Gott der jüdisch-christlichen und in Teilen auch der islamischen Tradition ist der Gott aller und birgt somit auch den Anspruch, die Perspektiven des Fremden und des anderen grenzüberschreitend anzuerkennen.
6. Innerreligiöse Konflikte sind oft noch brisanter als zwischenreligiöse Konflikte, beispielsweise in der Gegenwart der Konflikt zwischen orthodoxem und westlichem Christentum, zwischen Sunniten und Schiiten, in der Geschichte zwischen evangelischen und katholischen Christen in den Religionskriegen. Aus der Perspektive der Konfliktforschung ist es ein bekanntes Muster, dass die Konflikte zwischen Individuen, Gruppen und Institutionen, die viele Überschneidungen haben, besonders heftig ausfallen können. Auch gegenwärtig wird das Friedenspotenzial vor allem durch innerreligiöse und innerkonfessionelle Konflikte gelähmt, die häufig viel zu pauschal als Konflikt zwischen progressiven und konservativen Gruppierungen umschreiben werden. Hier erleben wir derzeit eine Eskalation von Feindbildern, die dringend der theologischen, ethischen und kommunikationstheoretischen Aufklärung sowie neuer Methoden und Foren des Dialogs bedarf, wenn das Gewaltpotenzial der Religionen gebändigt werden soll.
7. Zugleich mit der Neigung zu Gewalt haben alle Weltreligionen auch eine Kernbotschaft des Friedens. Dies trifft nicht nur fürs Neue Testament, sondern in gleicher Weise auch für den Tenach sowie den Koran zu. Frieden mit Gott, der zugleich Frieden unter den Menschen stiftet, ist ein Grundelement der Gotteserfahrung. Aus biblischer Sicht ist christliche Identität eine offene, dynamische und lernfähige Identität, die dazu befähigt, dem Anderen offen und angstfrei zu begegnen. Ihr liegt die Erfahrung zugrunde, dass die Versöhnung mit Gott zugleich die Versöhnung unter den Menschen bedeutet. Denn sie überwindet die Angst und damit letztlich (so Eugen Biser) die Wurzel aller Kriege.
8. Konflikte zwischen Menschen hat es immer gegeben und wird es immer geben. Religiöse Friedensstiftung kann diese nicht beseitigen, sondern sollte sich vielmehr die gewaltfreie Bewältigung dieser Konflikt zum Ziel setzen, wofür ein erster Schritt das ehrliche Benennen der Konflikte ist. Auch die historische Analyse der eigenen Gewaltgeschichte ist ein Friedensdienst. Sie schließt eine Kultur der Erinnerung an die Opfer von Gewalt als Handwerk des Friedens ein. Deshalb ist Putins Verbot der Menschenrechtsorganisation „Memorial“, die sich der Aufarbeitung der Gewaltverbrechen unter Stalin gewidmet hat und 2022 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, ein unmittelbarer Angriff auf den Frieden.
9. In der gegenwärtigen, von Pluralismus und Migration geprägten Gesellschaft ist die Fähigkeit zu interreligiöser, interkultureller und interkonfessioneller Verständigung eine existenzielle Frage der Friedenssicherung. Die Religionen haben hier eine moralische und theologische Pflicht, die Schulung entsprechender Kompetenzen durch schulische, außerschulische und universitäre Bildung voranzutreiben. Dazu gehört auch die Einübung gewaltfreier Kommunikation, die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel und die angstfreie Auseinandersetzung mit Fremden. Ohne diese Dimension, die für verantwortete Zeitgenossenschaft von existenzieller Bedeutung ist, versagt das Christentum vor dem eigenen Anspruch als Bildungsreligion.
10. Die demokratische Leittugend zur Überwindung der gewaltaffinen Fixierung auf eigene Überzeugungen und Interessen ist Toleranz. Dabei ist das traditionelle Konzept von Toleranz als passive Duldung zur Vermeidung von Gewalteskalation nicht mehr ausreichend. Wir müssen auch aktiv für den Schutz der Menschenwürde und damit für Freiheit, Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit eintreten. Dies braucht die Einübung einer konstruktiven Streitkultur, denn Toleranz ist ein „Konfliktbegriff“, also nur dann relevant, wenn man sich an Differenz reibt. Zugleich ist heute auch eine proaktive Komponente, d. h. vorsorgende Vertrauensbildung und Horizonterweiterung durch die Begegnung mit Menschen anderer Kulturen, Überzeugungen und Mentalitäten nötig. Toleranz ist die Tugend der Demokratie. Die Zerstörung der Demokratie und eine neoimperiale Politik in den USA unter Trump, die massiv durch konservative Katholiken wie Banon oder Vance unterstützt wurde oder wird, ist gegenwärtig die dramatischste Form der Gefährdung von Freiheit und Frieden durch die aktive Mitwirkung von Vertretern des Christentums.