Als 1852, nach dem Rücktritt und schweren persönlichen Krisenjahren sein Sohn Otto von Griechenland König Ludwig I., fragte, wie er sich seine „Lebensfrische“ erhalte, sagte er: „Sich nicht zu grämen über das, was ist, durchdrungen zu seyn von des Irdischen Vergänglichkeit, sich nicht daran zu ketten, dem Willen Gottes sich ergeben. Mässig seyn in allem, die Beschäftigungen sich nicht schwer vorstellen“.
Diese Lebensmaxime spiegelt gut die große Bedeutung des Glaubens für Ludwig: Lebenslang fand er darin Trost und Stärkung. Er schilderte in seinen Tagebüchern intensive religiöse Erlebnisse, nahm die Ohrenbeichte sehr ernst und seine höchst umfängliche persönliche Caritas war ebenfalls religiös motiviert.
Doch persönliche Religiosität allein war es nicht: Das katholische Altbayern stand im politischen Spannungsfeld zwischen dem katholischen Österreich einerseits und den eigenen evangelischen Landesteilen sowie dem protestantischen Preußen andererseits. Diese Spannung auszutarieren gelang zeitweise besser, zeitweise schlechter: Maximilian von Montgelas’ Reformprozesse, die Religionsedikte sowie die Verfassung von 1818 hatten nach der Kulturrevolution der Säkularisation von 1803 die Ausgangsbasis für Toleranz zwischen den Bekenntnissen geschaffen.
Doch Ludwigs Klostergründungen und seine katholische Politik stießen auf scharfen Widerspruch der Liberalen und als nach 1837 Karl von Abel Innenminister wurde, verärgerte die zunehmende Rekatholisierung Bayerns die evangelischen Bürger im Königsreich wie im Rest des Deutschen Bundes. Ludwig wurde zur Gallionsfigur des deutschen Katholizismus. Im Kontext der Lola-Montez-Affäre bekam er zu spüren, dass die „katholische Partei“, wie sie bald genannt wurde, nicht bereit war, die Macht wieder aus der Hand zu geben und für den Machterhalt auch in Kauf nahm, den König schwer zu beschädigen. Das wurde zwar dann zum Auslöser für Karl von Abels Entlassung, aber auch zur Geburtsstunde des „politischen Katholizismus“, der bis 1912 darum rang, in Bayern wieder gegen liberale, oft protestantische Minister an die Macht zu kommen.
Ein Schreibender: Tagebücher, Briefe und Notizen
Ludwig, 1786 geboren, war als Kind, als Heranwachsender und als junger Mann von den Kriegen in Folge der Französischen Revolution und vor allem jenen Napoleons geprägt. Ludwig startete überdies mit etlichen Handicaps ins Leben: Er kam mit einem Sprachfehler auf die Welt, der nie ganz verschwand und bei dem Zehnjährigen verschlechterte sich das Gehör. Er musste also mit körperlichen Beeinträchtigungen zurechtkommen. Vor allem sein schlechtes Hören und sein damit verbundenes überlautes Sprechen bereiteten ihm viele Peinlichkeiten. Doch er behauptete sich trotz der Handicaps mutig und selbstbewusst in der Gesellschaft: So mussten ihm später seine Mitarbeiter alle Vorlagen zunächst schriftlich einreichen, damit er nicht auf den mündlichen Vortrag angewiesen war.
Da er schlecht hörte, wurde er ein Augenmensch, da er schlecht sprach, ein Schreibender. Er hinterließ rund 65.000 Seiten Tagebücher und begleitende Notizen, rund 600 Seiten handschriftliche Memoiren, ein Traumtagebuch mit rund 400 Träumen, 4.600 Gedichte, drei Schauspiele sowie umfängliche Briefwechsel. Fast 3.000 Briefe gingen allein an die geliebte Marchesa Marianna Florenzi in Perugia. Er korrespondierte jedoch mit unzähligen Personen. Allein im Privatnachlass findet sich eine schwindelerregend umfängliche Dokumentenfülle. Hinzu kommt die dienstliche Korrespondenz: Von seinen weit über 100.000 Aktenvermerken, den Signaten, sind etwa 3000 gedruckt.
Katholische Erziehung und tiefe Gläubigkeit bestimmten lebenslang Ludwigs Wertesystem, seine Moralvorstellungen, sein Menschenbild. Eine große Rolle für diese Prägungen spielte der Priester Joseph Sambuga. Ludwigs Hofmeister Joseph Kirschbaum gelang es nicht, seinen Zögling für sich zu gewinnen, es war ein zähes Ringen von zwölf Jahren bis zur Ablösung des Mannes, der jeden Schritt des jungen Prinzen kontrollierte. Sambuga hingegen nahm Ludwig ernst, forderte ihn und förderte ihn, er war Vermittler und Vertrauter, bei ihm konnte sich der Junge auch ausweinen.
Er war jedoch, wie Kirschbaum, amusisch und höchst konservativ; er propagierte das Gottesgnadentum der Fürsten, einen „fürstlichen Sinn“ mit „lebhaftem Standesgefühl“, geistige Größe und Religiosität, Liebe zur Wahrheit und Gerechtigkeit, Selbständigkeit gegenüber anderen, die der Fürst zwar anhören solle, die Entscheidungen habe er aber allein zu treffen: Er dürfe nicht zum Sklaven seiner Räte werden. Sambugas Ideal war der christlich-patriarchalische Absolutismus.
Von Sambugas Lehren und ihrer Wirkung auf sein weiteres Leben berichtete Ludwig in seinen Erinnerungen von 1839 nichts.
Das ist natürlich kein hinreichender Grund, seinen Einfluss auf Ludwig zu bezweifeln. Sicher empfand Ludwig große Sympathie für Sambuga und es war Sambuga, der ihn zur Religion als Mitte der Persönlichkeit und als Zentrum eines christlichen Staates hinführte. Dies ist viel und war für Ludwigs späteres Wirken von großer Bedeutung. Doch es zeigt sich auch deutlich Sambugas Begrenztheit. Er hatte keinen Zugang zur Phantasie oder zur Begeisterungsfähigkeit seines Schülers, versuchte kindliche Spontaneität als unpassend zu zügeln, war prüde und verklemmt.
Sambugas Abneigung gegen Schauspiel und Oper hielten den Prinzen jedoch nicht davon ab, sich dafür zu begeistern, ebenso wenig wirksam war Sambugas Überzeugung, ein Fürst dürfe nicht aus Staatseinnahmen Bauten errichten, die nur der Kunst dienten: Die bildende Kunst sollte nach Sambugas Meinung nur der moralischen und sittlichen Erziehung dienen. Diese Maximen hatten, wie wir wissen, keinen nachhaltigen Einfluss auf seinen Schüler.
Doch Ludwig lernte von Sambuga die Gewissenserforschung und das Gebet. Auch der regelmäßige Besuch der Messe war ihm ein großes Anliegen. Vor allem in der Kronprinzenzeit, als dieser aktive Mann in den besten Jahren zur politischen Untätigkeit verdammt war, erhielt das Gebet für ihn große Bedeutung. Vor der österlichen Beichte ging es an die ernsthafte Gewissenserforschung.
„Um 5 Uhr mich zu wecken hatte ich gesagt. Auf meinem Bethschemel kniend Vater unser und Gegrüßet seist du Maria verrichtet. Gewissenserforschung angestellt, um nichts zu vergessen, gleich schriftlich vermerkt. Um 7 Uhr begab ich mich zu Sutner in Herzogmax, beichtete. (Wie man in jedem Gegenstand gesündigt, gehöret dazu, wie wird dieses oft nicht beachtet, die Handlungen als privat, nicht als Herrscher darunter ziehend, die viel eingreifender). […] Aber in meinem Gebethebuche lesend kam mir die Meinung, ich würde das Abendmahl unwürdig einnehmen, die behielt ich. […] gieng zu Sutner, um getröstet zu werden, der mich bat, beruhigt zu sein, unter vielen wären wenige zum heiligen Abendmal so würdig, wie ich gegangen.“
Nebenbei korrigieren solche Einträge auch die Behauptung Max Spindlers, der als Herausgeber der Signate des Königs schrieb, Ludwig sei immer mitten im Strom und in den Wellen gestanden und habe dabei keine Zeit für Reflexionen gehabt: Die Signate zeigen den handelnden und regierenden König, die Tagebücher und Gedichte die reflektierende und fühlende Person dahinter.
Als Kind seiner Zeit hatte Ludwig einen romantisch geschärften Blick auf die Natur. Auch im Religiösen erlebte er vielfach das Gefühl, „ergriffen“ zu sein. In einer Schilderung aus Salzburg 1816 verbindet sich das Religiöse mit dem Romantischen: „Als ich angekleidet an das Fenster getreten, sah ich vor dem Kloster auf dem Kapuzinerberge das Kreuz von der Morgenröthe umgeben, ein hoher Augenblik, ich kniete zu bethen (wie romantisch, schön, ist der Augenblick aus diesem Fenster des Eckzimmers meines lichten Arbeitsgemachs. Anblick jenes Kreuzes, wie erwecktest du in mir Religiöses Gefühl).“
In Rom besuchte er Gottesdienste im Petersdom: „wohnte, auf dem Marmorboden knieend, dem Ende einer und der folgenden Messe ganz bei: Gott will es, daß ich nicht sündige, darf also nicht die Frage sein; ergreifend empfand ich seliges Gefühl und seliges Gefühl.“ Er erlebte auch Ostern in der Peterskirche: „des Papstes Segen ergriff mich mächtig mit schönem Gefühl“. Religiosität und religiöses Erleben waren bei Ludwig tief verankert.
Wiedergutmachung: die Renaissance der Klöster in Bayern
Dies war dann auch Ausgangspunkt für etliche Aktionen des Königs, die als eminent politisch begriffen wurden. Für ihn bildete sein Glaube zunächst keinen Gegensatz zu seiner von der Romantik bestimmten hohen Emotionalität, seiner Liebe zur Antike oder seinen Freiheitsidealen. Seine liberalen Ideen standen jedoch von Beginn an neben seinem Wunsch, die Kirche für die Verluste der Säkularisation zu entschädigen, er wollte beides: Pressefreiheit einführen und Klöster wieder begründen, Fortschritt und Tradition versöhnen. Ludwigs späterer Innenminister und Dichterfreund Eduard von Schenk bezeichnete es als des Königs Linie, dass „Religion und Freiheit, Glauben und Wissen Hand in Hand gehen könnten“, versöhnt durch das monarchische Prinzip. Doch seinen Zeitgenossen erschien dies als nicht lösbarer Widerspruch.
Vor allem die Neu- bzw. Wiederbegründungen von 1803 säkularisierten Klöstern waren vielen liberalen Zeitgenossen ein Dorn im Auge. Ludwig sah dies jedoch als Wiedergutmachung für die vielfach barbarischen Eingriffe der Säkularisation und er kannte die Verluste, die daraus für Bayern entstanden waren: im religiösen, aber auch im kulturellen Bereich, bei der Fürsorge für Bedürftige, im Schulwesen. Er wollte vor allem die tätigen Orden wieder in Bayern etablieren, die Benediktiner an erster Stelle.
Bereits im Februar 1826 ging er mit Schenk die möglichen Klöster durch: „Benedictboyern wird wieder Abtei: Eberbach, Waldsassen sind dazu bestimmt, Ottoboyern eine zu bleiben (neu begründet zu werden), vielleicht, daß ich Scheyern stifte […], vielleicht wird Weltenburg zu einer wieder, an Weltenburg dachte Schenk.“ Ludwig war ungeduldig, die Abteien wieder zu besiedeln und schrieb an Schenk: „Wann wird endlich Metten von den Benedictinern bezogen? Daß solches doch recht bald geschehe, dies liegt mir sehr nahe und schon jezo den Monat mit Sicherheit zu wissen.“
Er wollte den Klöstern auch wieder Schulen übertragen. Etliche Vertreter der Bürokratie waren davon nicht begeistert. Doch Ludwig ging es um eine Verbesserung der Schulverhältnisse im katholischen Sinne und um Krankenpflege; so etablierte er 1832 den Orden der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul, der sich bereits 1836 während der Münchner Cholera-Epidemie Verdienste erwarb. Doch Ludwig protegierte auch Bettelorden, was besonders auf Widerstand stieß.
Es war zunächst gar nicht einfach, für alle diese Klöster wieder Insassen zu finden und man musste sie regelrecht aus dem Ausland anwerben. Dennoch wurden in Bayern zwischen 1826 und 1848 insgesamt 132 Klöster neu etabliert oder wiederbelebt. Nach Ludwigs Rücktritt entstanden noch St. Bonifaz in München und Kloster Schäftlarn. Damit schuf Ludwig eine wichtige Grundlage für die Entfaltung des politischen Katholizismus im 19. und 20. Jahrhundert. Neben den Klöstern protegierte er auch Wallfahrten, Bittgänge, Passionsspiele und andere katholisch geprägter Volkskultur, die er als wichtigen Teil der Identität der einfachen Volksschichten ansah.
Seine großen Kirchenneubauten beeindruckten selbst den österreichischen Staatskanzler Klemens Fürst Metternich, der im Juli 1836 nach München kam: „Was man da in München sieht, übersteigt selbst die ausschweifendste Einbildungskraft. Man begreift nicht, wie ein Mann kalten Blutes die Idee fassen kann, all das zugleich zu unternehmen, was der König bauen und tun läßt. […] Man baut in diesem Augenblick das Palais, die Bibliothek, die Universität, ich weiß nicht wieviel andere Gebäude und vier ungeheure Kirchen. Dabei sind das nicht etwa kleine Unternehmungen, alles ist gewaltig groß.“
Doch 1838 schrieb Ludwig in sein Tagebuch: „Schon vor geraumer Zeit wollte ich in dies Tagebuch aufzeichnen, dass ich Kirchen baue, Klöster stifte, dies aber nichts nützt, wenn nicht Gottes Gebothe ich erfülle.“
Einfluss des Ministers: vom Liberalen zum Konservativen
Diese Überzeugung festigte sich bei Ludwig zunehmend 1836/1837. Daher bedeutete der Stabswechsel im Innenministerium von Ludwig von Oettingen-Wallerstein zu Karl von Abel im Jahr 1837 einen Einschnitt: Der Standesherr, Kunstkenner und Grandseigneur Oettingen-Wallerstein entstammte dem europäischen Hochadel, er war im Milieu und Wertesystem dieser Welt sozialisiert. Seine Auffassungen von Staat und Gesellschaft hatten sich zunehmend liberalisiert und er sah in einem kommunikativen Austausch mit den neuen Kräften der Gesellschaft den Weg
der Monarchie in die Zukunft.
Der 1788 geborene Karl August Abel dagegen, ab 1830 Karl Ritter von Abel, entstammte einer protestantischen Advokatenfamilie in Wetzlar, studierte Jura und durchlief eine klassische bayerische Beamtenlaufbahn. Er war als Karrierebeamter der bayerischen Bürokratie grundlegend anders sozialisiert als Oettingen-Wallerstein und als Vertreter der Beamtenschaft wie viele seiner Kollegen antifeudal und ursprünglich auch antiklerikal eingestellt. Maßgeblich für seine Karriere war sein scharfer juristischer Verstand. Einen entscheidenden Karriereschub erfuhr er seit 1836 durch seine Konversion zum Katholizismus. Nun wurde aus dem liberalen Protestanten ein konservativer Katholik.
Diesen Wandel betrachteten viele Kollegen mit Misstrauen, sie sahen seine Konversion als Folge grenzenlosen Ehrgeizes. Der preußische Gesandte Bernstorff bezeichnete Abel als „durchtriebenen Heuchler“. Selbst Bischof Melchior Diepenbrock schrieb, ihm sei Abels Wesen „ein widerwärtiges, unheimliches“ und der Oppositionsführer Herbert von Rotenhan nannte Abel einen „herzlosen, falschen, unwahren, heftigen, reizbaren Mann“. Jedenfalls wurde die neue Haltung nun konsequent zur Richtlinie von Abels Politik, durch die er sich dem König empfahl. Karl von Abel umgab sich fortan demonstrativ mit Männern der katholischen Restauration.
Die Ernennung von Abel war nicht zuletzt auf Intrigen von Staatskanzler Metternich zurückzuführen, der im Geheimen jahrelang mit Feldmarschall Wrede korrespondierte. Wrede verstand es immer wieder geschickt, den liberalen Oettingen-Wallerstein zu diskreditieren und letztlich Abel als den gegebenen Retter aus dem Hut zu zaubern. Dieser Abel begleitete den König dann durch die kommenden zehn Jahre und durch die Landtage von 1840, 1843 und 1846. Die Rolle Abels für die Rekatholisierung Bayerns ist nicht hoch genug einzuschätzen: Er trieb Ludwig immer weiter in die ultramontane Richtung und gewann auch großen Einfluss auf Ludwigs Bischofsernennungen, bis ihn Bischof Melchior Diepenbrock auf diesem Feld verdrängte.
Einen wichtigen Einschnitt in der vorbehaltlosen Förderung der katholischen Sache bedeutete für Ludwig die Beisetzung der evangelischen Königinwitwe Karoline im November 1841 in München. Ludwig hatte zwar zu seiner Stiefmutter kein besonders enges Verhältnis, doch die Art, wie der katholische Klerus mit Abels Einverständnis der ehemaligen Königin die letzten Ehren verweigerte, empörte ihn: Er sah es als Verletzung des Respekts vor dem Königshaus an. Besonders peinlich war dies, da der preußische König Friedrich Wilhelm IV. und seine Frau, Ludwigs Halbschwester Elisabeth, anwesend waren, stand doch die Verlobung des Kronprinzen mit der preußischen Prinzessin Marie bevor.
Die Geistlichkeit erschien bei der Beisetzung von Karoline nicht im Chorrock, sondern in Zivil. Der Sarg wurde ohne jede Feierlichkeit vor den Toren der Theatinerkirche den katholischen Geistlichen übergeben, die ihn ohne Gebete oder Orgelspiel durch die dunkle Kirche in die Gruft trugen. Ein Prediger der Hofkirche stellte der Verstorbenen sogar das Strafgericht Gottes in Aussicht. Ludwig sagte dem österreichischen Gesandten: „Ich werde die Würde und die Prärogative der Krone zu verteidigen wissen.“ Abel hatte den Eklat nicht verhindert. Am 5. Dezember hielt ihm Ludwig eine Standpauke und versicherte ihm, in kirchlichen Fragen kein Vertrauen mehr in ihn zu setzen.
Doch Ludwig duldete und beförderte die Rekatholisierung, Abel lieferte nur die Vorlagen. Es ist daher zu fragen, warum sich Ludwig auf diesen neuen Kurs einließ. Dafür ist ein Blick auf den Wandel der inneren Positionierungen nötig. Religion und Sittlichkeit galten Ludwig als Grundlage seines christlichen Staates und das monarchische Prinzip lebte insgesamt von der Synthese aus Thron und Altar, gleichzeitig fürchtete Ludwig Bigotterie und die Einmischung der Kirche und des Klerus in die Staatsgeschäfte.
Gemäß dem Religionsedikt von 1818 sah er sich als Haupt der katholischen Kirche Bayerns, mit weitreichenden Rechten bei der Bischofseinsetzung. Die ultramontane Partei, der Abel nahestand, war hingegen auf den Papst und Rom bezogen, was nicht zu Ludwigs landeskirchlichen Vorstellungen passte. Dennoch war er um ein gutes Verhältnis zum jeweiligen Papst bemüht, den er als Haupt der Christenheit verehrte. Für Ludwig stand die katholische Kirche im Mittelpunkt seiner Welt, die Protestanten duldete er, wie er es in der Verfassung beschworen hatte.
Gegenüber den Orden waren seine Sympathien ungleich verteilt: Von Jugend an fürchtete er die Jesuiten. Abel schloss sich jedoch einer Gruppe an, die 1839 für eine Wiederzulassung der Jesuiten agitierte, was Ludwig ablehnte. Die Benediktiner hingegen liebte er, wie er bei einem Besuch in Kremsmünster niederschrieb: „Heiterer Sinn bei dem Benedictiner, sie sehen einem ins Gesicht, die Jesuiten gegen den Boden, sind ernst. Nicht als für Alle geltend soll dieses gesagt sein.“
Es fehlte in religiösen Belangen nicht an Konfliktfeldern. Die Geistlichen sahen sich immer wieder in Ludwigs Staatskirchensystem eingebunden, sie mussten bei ihm den Eid leisten, Rechenschaft ablegen, um Urlaub nachsuchen. Nach der Berufung Abels 1837 setzte sich Ludwig, von Abel unterstützt und animiert, für viele kirchliche Interessen ein, so auch über den Ludwig-Missionsverein für Missionen in Nordamerika. Das Spektrum von Ludwigs Stiftungen für religiöse Zwecke ist enorm. Er gab für persönliche Caritas große Summen aus; da es sich um viele kleine Unterstützungen handelte, bedeutete das auch einen großen Arbeitsaufwand und zeigt, dass dieser Kunstkönig keineswegs die Sorgen und Nöte der einfachen Leute aus dem Blick verloren hatte.
Für die Behandlung gemischtkonfessioneller Ehen erreichte Ludwig 1834 in Bayern eine Lösung. Immerhin war er mit einer Protestantin verheiratet und die Diffamierung von Kindern aus gemischtkonfessionellen Ehen als „Bastarde“ traf auch ihn selbst. In den „Kölner Wirren“ erwarb sich Ludwig große Verdienste als Vermittler: Im protestantischen Preußen kam es 1837 zum Eklat, als der Erzbischof von Köln erklärte, er akzeptiere die Staatsgewalt nur in weltlichen, aber nicht als Instanz in kirchlichen Fragen; Erzbischof Clemens August Droste zu Vischering griff auch in die universitäre Lehre ein und positionierte sich gegen die preußischen Verordnungen zur Kindererziehung in gemischtkonfessionellen Ehen.
Der preußische König Friedrich Wilhelm III. ließ den Erzbischof daher am 20. November 1837 in seinem Bistum verhaften und ins Gefängnis bringen. Dies löste große Unruhe im katholischen Deutschland aus. Der Eichstätter Bischof Karl August von Reisach und Karl von Abel gewannen Ludwig für die kirchenoffizielle Position, und er gab für die Berichterstattung die Pressezensur frei. In München entfachte daraufhin vor allem Joseph Görres im Januar 1838 mit seiner Streitschrift „Athanasius“ eine polemische Diskussion und auch andere Publikationsorgane fuhren einen scharf antipreußischen Kurs. Preußen beschwerte sich am Bundestag über Bayern. Erst als in Preußen 1840 Ludwigs Schwager Friedrich Wilhelm IV. auf den Thron kam, konnte hier Einvernehmen erreicht werden.
Vor allem der Kniebeugeerlass von 1838 führte zu großer Aufregung. Vor 1837 und damit vor der Installierung Abels als Innenminister hatte es keine derartigen Konflikte mit den Protestanten gegeben. Nun signierte Ludwig Anfang Juli 1838, bei den katholischen Militär-Gottesdiensten sollten Soldaten vor dem Allerheiligsten niederknieen. Am 14. August wurde das dann so weitergegeben, das gelte nicht nur für Gottesdienste, sondern auch bei der Fronleichnamsprozession und auf der Wache. Das war für protestantische Soldaten eine Provokation, galt doch für Protestanten das Niederknien vor der Monstranz als gottlose Anbetung.
Die Linienoffiziere blieben hier weitgehend indifferent, doch die protestantischen Landwehroffiziere in Regensburg und Augsburg ersuchten darum, von der Kniebeugung entbunden zu werden; der König lehnte dies ab. Die Frage empörte die nächsten Jahre weiterhin die evangelische Öffentlichkeit. Erst 1845 wurde der Erlass aufgehoben. Es lässt sich an diesem Beispiel zeigen, wie Abel dem König nicht abriet, sondern ihn bestärkte, wie er als Oberzensor dafür sorgte, dass Kritik an dem Erlass in der Presse nicht erwähnt und auch in evangelischen Generalsynoden nicht beraten werden durfte. Die Diskussion um den Erlass schadete Ludwigs Ansehen im protestantischen Deutschland sehr.
Was an dem katholisch-ultramontanen Kurs Ludwigs eigenen Ideen entsprang und zu was ihm Abel riet, ist nicht genau auszumachen. Abel verstand es offenbar, Ludwig argumentativ auf bestimmte Themen einzustimmen und dessen Entscheidungen dann so konsequent durchzuführen, dass er damit große Irritationen auslöste. Abels Bedeutung als „Meisterjurist“ wird vor allem von Heinz Gollwitzer gelobt, der für diese Jahre auch den Begriff der „Ära Abel“ prägte. Ludwig ärgerte sich nach seiner Thronentsagung immer wieder darüber, wenn jemand von der „Regierungszeit“ Abels sprach – Abel habe nie „regiert“. Gollwitzers Kritik an Ludwigs Weg, selbst zu regieren, sein eigener Ministerpräsident zu sein, geht davon aus, ein Mann wie Abel wäre wohl ein viel besserer Regent gewesen und hätte diese Position unter einem schwächeren König auch erhalten.
Dies erscheint mit Blick auf Abel überraschend, bedenkt man, wie sehr Abels Positionierungen den König in den 1840er Jahren schwerer Kritik aussetzten. Dazu gehörte auch das Verbot des evangelischen Gustav-Adolf-Vereins zur Förderung evangelischer Gemeindearbeit im Februar 1844, zu dem Abel Ludwig nachdrücklich riet. Ludwig behauptete nach Informationen Abels, der Verein arbeite „gegen Teutschlands Einigkeit“. Ludwigs Schwager, der preußische König, schrieb ihm 1844: „Du hast keinen Begriff davon, wie in diesen Zonen Deine Gesinnungen gegen die Evangelischen verdächtigt werden, in welch furchtbaren Verruf Herrn Abels Verwaltungsgrundsätze hier stehen […]. Das ungescheute Walten der demagogisch katholischen Presse, das Terraingewinnen der ultramontanen, das heißt der undeutschen katholischen Parthei, trübte seitdem das schöne Bild. Du weißt nur zu gut, welchen Staub ‚die Kniebeugung‘ und das Verbot des Gustav-Adolf-Vereins aufgerührt haben. […] Jetzt ist die Aufregung der Evangelischen in und außer Bayern erschrecklich und tief betrübend.“ Es regierte der König, dadurch stand auch er in der Kritik; doch sein Berater Abel befeuerte als Anführer der Ultramontanen die königlichen Aktionen.
Ludwig begab sich damit auf einen gefährlichen Weg der konfessionellen Spaltung seines Landes. Eben diese Gegensätze hatte das Reformwerk von Montgelas zu überbrücken versucht. Es ging um erneute konfessionelle Trennung in den Schulen und sogar in Haftanstalten, Ludwig stellte sich gegen protestantische Gemeindegründungen in katholischen Gebieten wie Niederbayern. Bayern galt immer mehr als Hort des Katholizismus, Ludwig als dessen Garant. Noch im Juni 1846 schrieb Abel dem König: „Auch wird wohl einer katholischen Regierung, selbst auf dem politischen Standpunkt, nicht verargt werden können, wenn sie in dem katholischen Elemente die einzige Bürgschaft für den Sieg des erhaltenden Prinzips und den einzigen Damm gegen zerstörerische Wogen des Radikalismus und der liberalen Ideen der Jetztzeit erblickt.“ Die „Rettung“ aus dem Unheil der Gegenwart könne nur durch die katholische Kirche erfolgen, so Abel. In einem wusste sich der König seit dem Umschwung seiner Politik 1837 mit dem Klerus einig: Es ging um die Abwehr liberaler Zeitströmungen.
Man kann Abel vor diesem Hintergrund auch ebenso als „bösen Geist“ dieser Jahre bezeichnen. Als Abel 1847 von Ludwig entlassen wurde, jubelten Ludwigs Kinder, endlich sei „Kains Bruder“ gestürzt. Wenn Gollwitzer Ludwig in der Lola-Montez-Zeit „auf fatalem Kurs“ sieht, so lässt sich dies mit ebensolcher Berechtigung für diese Jahre unter Innenminister Abel behaupten.
Lola Montez: das Ende von Ludwigs Regierung
Vor diesem Hintergrund ist zu fragen, ob Ludwigs zunächst ganz unpolitische Liebe zu der angeblichen spanischen Tänzerin Lola Montez ohne katholische Skandalisierung überhaupt zu einer Staatsaffäre geworden wäre. Bisher wird diese Geschichte meist so erzählt: Der König habe mit der verrufenen Lola Montez eine Affäre begonnen, ihr die bayerische Staatsbürgerschaft und einen Grafentitel versprochen, dem widersetzen sich die tapferen Minister, die daraufhin entlassen worden seien.
Lola Montez, eine gebürtige Irin, war am 5. Oktober 1846 nach München gekommen und trat nach einer Audienz beim König einmal im Hoftheater auf. Die exotische Schönheit blieb 16 Monate in München und wurde immer mehr zur Projektionsfläche für Fremdenhass, Frauenfeindlichkeit und Sozialneid. Die Bevorzugung der Tänzerin, die als Freigeist und Abgesandte der Freimaurer galt, wurde von der katholischen Seite als Bedrohung des religiösen Friedens und der Machtstellung der Kirche gesehen. Ludwig schätzte die Entschlossenheit der katholischen Seite zum Machterhalt falsch ein; er konnte sich nicht vorstellen, dass sein Innenminister Abel im Verbund mit dem Regierungspräsidenten sowie dem Münchner Polizeidirektor und in Absprache mit dem österreichischen Gesandten eine großangelegte Intrige gegen diese neue Liebe spinnen, dass Pfarrer gegen sie predigen und katholische Adelige einen Boykott beschließen würden. Doch so entwickelte sich aus seiner Verliebtheit eine Staatsaffäre, und als im Februar 1847 die Regierung stürzte, ein international wahrgenommener Skandal.
Weitere Faktoren heizten die Kritik an: Europa wurde in den Jahren 1846 und 1847 von der letzten großen vorindustriellen Hungerkrise heimgesucht. Klimatisch bedingte Missernten führten zu Verteuerungen. Im Frühjahr 1847 kam es in den meisten deutschen Ländern zu Protestaktionen, in Berlin wurden Bäckereien geplündert, in Stuttgart musste das Militär die Unruhen beenden. Auch in Bayern gerieten Händler, Bäcker und Brauer in die Kritik. Vor diesem Hintergrund lösten Gerüchte um die Gelder, die Ludwig für „die Spanierin“ ausgab, große Erbitterung aus. Es trafen also mehrere Faktoren zusammen, die dann auch als Katalysatoren im Vorfeld der Revolution von 1848 wirkten.
Lange verstand Ludwig nicht, wieso seine Liebe zu Lola solche Wellen schlug. Er versicherte den Bischöfen, es handle sich um eine platonische Beziehung und dachte gar nicht daran, Lola politischen Einfluss zu geben. Erst durch Abel und die katholische Partei wurde die Lola-Affäre öffentlich diskutiert und skandalisiert. Lola trug in den Folgemonaten dann kräftig dazu bei, den Skandal zu befeuern, der im Februar 1848 mit ihrer Vertreibung aus München endete. Es traf zutiefst Ludwigs „Königssinn“, dass er sie nicht schützen konnte, er war verletzt und ging wie betäubt durch die nächsten Wochen. Anfang März sprang der Funke der erneuten Revolution in Frankreich auf Bayern über und der König sah sich am 6. März gezwungen, den „Märzforderungen“ zuzustimmen. Zwei Wochen später trat er aus eigener Entscheidung zurück.
Dass sich 1847/48 das private Drama seiner Liebe zu Lola Montez mit ihrer Vertreibung aus München und das politische Drama der Märzrevolution so verdichteten, dass sich dieser große König dem Druck von außen und innen nicht mehr gewachsen sah und zurücktrat, war für ihn zunächst eine Erleichterung, der jedoch lebenslanges Bedauern folgte. Der Rücktritt wurde als Blaupause des Klischees vom König und der Tänzerin immer wieder aufgegriffen und verdunkelt Ludwigs Lebensleistung bis heute.
Im Ruhestand: ohne Macht – mit viel Einfluss
Ludwig lebte nach seinem Rücktritt noch 20 Jahre als König ohne Regierungsaufgaben, ohne offizielle Macht und Herrscherkompetenzen. Der leidenschaftliche Alleinherrscher, der zwei Dutzend Jahre in Bayern alles bestimmt hatte, musste sich neu erfinden. Der Blick auf seinen Umgang mit dieser neuen Lebenssituation, die er zwar selbst herbeigeführt hatte, die ihm aber ungemein viel abverlangte, zeigt seine inneren Ressourcen.
Seine persönliche Krise nach dem Rücktritt dauerte noch bis 1851, solange brauchte er, um seine tiefe Liebe zu Lola Montez zu überwinden. Dann begann er sich in seinem neuen Leben besser einzurichten. Ludwig trafen in diesen Jahren viele Schicksalsschläge. Diese reichten vom Tod seiner Schwester Auguste 1851 und seiner Frau Therese an der Cholera 1854 bis zum Tod vier seiner Kinder. Ludwig fand jedoch auch durch seinen Glauben immer wieder Wege, nicht zu verbittern, Unabänderliches zu akzeptieren und sich seelisch wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
Auch als „König außer Dienst“ blieb er ein wichtiger politischer Gesprächspartner der Minister und der Gesandten, dies umso mehr, als bald die schwierige Persönlichkeit des neuen bayerischen Königs Max II. deutlich wurden. Ludwig war ein zutiefst politischer Mensch, doch seine Gestaltungsmöglichkeiten hatten sich grundlegend verändert: Aus dem machtvollen Alleinherrscher war nun ein „Elder Statesman“ geworden, der nur noch beraten und indirekt Einfluss nehmen konnte. In der Krise des Jahres 1866, die seinen unerfahrenen Enkel Ludwig II. völlig überforderte, wurde er erneut politisch aktiv.
In den Jahren nach seinem Thronverzicht konnte Ludwig in mancher Hinsicht die Ernte seiner Kunstpolitik einfahren. Bereits im Oktober 1850 wurde die Aufstellung der Bavaria auf der Theresienhöhe zu einem großen Huldigungsfest für Ludwig; es wäre gleichzeitig sein silbernes Thronjubiläum gewesen. Auch bei anderen Gelegenheiten feierten ihn die Künstler. Da solche Feste im öffentlichen Raum und unter Beteiligung der Öffentlichkeit stattfanden, waren sie keineswegs „privat“, genauso wenig, wie Ludwigs Bauten und seine Kunstförderung privat waren, sondern Teil seiner Politik mit Hilfe von Kunst. Als „Kunstkönig“ war Ludwig also weiterhin „im Dienst“, auch wenn er als politischer Herrscher abgedankt hatte.
Über die vielen überlieferten Ego-Dokumente treten wir an diesen Ludwig sehr nah heran: Ein politisch handelnder König wird zum liebenden, bedrängten, planenden, träumenden Menschen. Er selbst hat all diese sehr persönlichen und intimen Dokumente bewusst überliefert und damit den Blick auf diese Facetten seiner Person ermöglicht. Diesen enormen Kosmos zu durchschreiten, ermöglicht es uns, an diesen „anderen“ Ludwig nahe heranzutreten, der dieses Bayern geprägt hat wie kaum ein zweiter.