Literatur als Selbstheilung der Seele

As part of the event "Literatur als Therapie", 04.12.2025

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Sie alle, meine Damen und Herren, sind Gäste einer Geburtstagsfeier. Als ich mit Professor Manfred Koch den Lesungstermin für den heutigen Abend vereinbart habe, waren wir uns sofort einig: Der Termin soll am 4. Dezember stattfinden. Denn heute begehen wir den 150. Geburtstag von Rainer Maria Rilke.

 

Der Rilke-Biograf Manfred Koch

 

Koch ist am 19. Dezember 1955 in Stuttgart geboren, hat an der Universität Tübingen Philosophie, Germanistik und Geschichte studiert und das bei einem ganz außergewöhnlichen Germanisten: Paul Hoffmann. Paul Hoffmann floh vor den Nationalsozialisten nach Neuseeland und arbeitete dort auf der Farm des Vaters als Bauer und Melker. Beim Traktorfahren und Melken der Kühe sagte er sich die Lyrik des 20. Jahrhunderts auf, um die Sprache nicht aus dem Gedächtnis zu verlieren. 1970 wurde er nach Tübingen berufen und gründete dort im Hölderlinturm die Tübinger Poetikvorlesung. Die damalige Studierendengeneration, die eher auf Protest gebürstet war, begeisterte er mit seiner unkonventionellen Art der Vorlesungen. Eine Germanistik, die in Methodendiskussionen verstrickt war, führte er wieder zur vertieften Textkenntnis und war dabei offen für alle Themen: sie mussten nur textbasiert sein. Zu seinen Studierenden zählten Sybille Lewitscharoff, Manfred Koch und seine spätere Frau Angelika Overath.

Koch promovierte über die poetische Erinnerung bei Novalis, Hofmannsthal und Rilke. Rilke war also schon früh im Blickpunkt. Anschließend war er Lektor für deutsche Sprache und Literatur beim DAAD an der Universität Thessaloniki, danach Assistent an der Universität Gießen und er habilitierte zu Goethes Weltliteraturbegriff. Es folgte eine Vertretungsprofessur an der Universität Tübingen und von 2009 bis 2021 lehrte er an der Universität Basel. Manfred Koch ist verheiratet mit der Autorin Angelika Overath, die schon hier gelesen hat und er hat mir ihr und zusammen mit seiner Tochter Silvia, die heute auch anwesend ist, ein Kochbuch herausgegeben mit den Lieblingsgerichten von Literaten. Teilnahmebedingung war das Schreiben einer Essensgeschichte. Ganz neu hat er zusammen mit seiner Frau das bibliophile Bändchen Rilkes Tiere publiziert. Koch lebt mit seiner Familie in Sent im Unterengadin und betreibt dort eine Schreibschule. Seine Abschiedsvorlesung hielt er 2021 zum Thema Ohrpheus in der Überwelt. Rainer Maria Rilkes Sonette an Orpheus.

 

Neue Interpretation von Rilke

 

Was nach einer Langbeziehung mit Rilke ausschaut, war keineswegs so. Als Koch sein Germanistikstudium begann, fand er keinen Zugang zu Rilkes Texten. Er empfand die Gedichte parfümiert und den religiösen Verkündigungston befremdlich. Vergnügen bereiteten ihm dagegen die abfälligen Bemerkungen von Bertolt Brecht und Gottfried Benn. Der eine beschrieb Rilkes Gottesverhältnis als „schwul“, der andere verspottete ihn als Verfertiger von „Reimplastillin“. Dann allerdings die Bekehrung: Seine spätere Frau empfahl ihm Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Danach war für ihn die Rilke Lektüre eine völlig andere. Der Roman der Aufzeichnungen ist ein Angst-Bewältigungsbuch und ist nun auch das Zentrum des Rilke Buches von Koch geworden. Für Koch sind die Pariser Jahre von Rilke (von 1902 bis 1910), in denen die Aufzeichnungen entstanden, die entscheidende Periode in Rilkes Schaffen. Mit diesem Roman und den Neuen Gedichten wurde er zu einem Autor von welthistorischem Rang. Vieles, was in seinem Spätwerk als dunkel und hermetisch empfunden wird, kann von hier auserschlossen werden.

Die Erfahrung der Großstadt Paris und ihrer Abgründe, vor allem aber die Begegnung mit dem Bildhauer Auguste Rodin ließen ihn zu einem anderen Autor werden. Rilke ging auf, dass Rodin absichtslos arbeitete. Der Künstler muss viel beobachten, studieren, Eindrücke sammeln und er muss sein Handwerk beherrschen. Von nun an empfand sich Rilke als Sprach-Handwerker, der Wörter zu Gedichten formt, in die längst vergangene Erfahrungen eingegangen sind. Der Arbeit mit Ton und Torsi entspricht beim Dichter der Umgang mit Wörtern, er ist ein Bildhauer mit Worten. Vor diesem Hintergrund erschloss Koch am Abend in der Akademie die berühmten Gedichte Der Panther and Archaischer Torso Apollos – gelesen von Fiona Landolt.

Rilke überträgt das Handwerk des bildenden Künstlers Rodin auf die Lyrik: So schafft er Kunst-Dinge, tötet ihre bloße Materialität, bevor er sie mit einer neuen Perspektive zum Leben erweckt. Sie bekommen dadurch Offenbarungscharakter. Dieses Kunstprogramm ist keine Masche, sondern fordert die Investition seiner Existenz.

 

Rilke: Dichter der heiligen Einsamkeit

 

Die Angst, dem nicht zu genügen, machte Rilke zum Einzelgänger, der stets seine „heilige Einsamkeit“ schützte. Das prägte auch seine Beziehung zu den Frauen, die man als aversive Hingezogenheit beschreiben könnte. Frauen inspirierten ihn – etwa in München Lou Andres-Salomé. Sie wurde seine Geliebte und zugleich mütterliche Begleiterin. Rilke schrieb an sie: „Du allein weißt, wer ich bin“. Auf ihren Rat hin legte er auch seinen Namen René ab. Die Mutter hatte ihn so getauft, weil er seine verstorbene Schwester ersetzen sollte: der Wiedergeborene. Nun nannte er sich Rainer Maria. Eine Psychoanalyse lehnte er ab, weil er mit der „Austreibung der Teufel“ auch eine „Beschädigung seiner Engel“ fürchtete. So wurde die Literatur für ihn zur „Selbstheilung der Seele“. Eine Therapie empfand er als Kapitulation des Dichters. Die poetische Selbstheilung führte im Februar 1922, als er endlich im Wallis im Schloss Muzot eine Bleibe gefunden hatte, zu einem wahren Produktionsrausch. Er vollendete die Duineser Elegien, schrieb 55 Sonette an Orpheus und verfasste einen Essay Brief eines jungen Arbeiters, in dem er die Sexualfeindschaft des Christentums anklagt. Es habe das Geschlecht heimatlos gemacht anstatt zum
Fest der Lebendigkeit.

Koch gelingt mit seiner Biografie, Rilke aus bisherigen enggeführten Deutungsmustern zu befreien. „Der Dichter der Angst“ findet Befreiung nicht mehr in einer tradierten Religion: „Die Frucht ist ausgesogen, das heißt einfach grob gesprochen, die Schalen ausspucken.“ Christus als Mittler war ihm suspekt geworden, weil dadurch zu billig eine jenseitige Vertröstung bereitstand oder mit Rilkes Worten ausgedrückt: weil man glaubte, einfach zum Telefon greifen zu können, um Antwort zu bekommen. Stattdessen plädiert er für die Überwindung der Angst in der Literatur. Je tiefer die Angst erfahren wird, desto größer wird die Kraft, sie zu überwinden.

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