Chancen und Widerstände der ökosozialen Impulse von Papst Franziskus

Aus vatikanischer Sicht

Im Rahmen der Veranstaltung "Franziskus’ Erbe für die Schöpfung", 02.10.2025

Sonse / Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0

Die katholische Kirche ist ein Global Player. Der Papst wird wahrgenommen – weit über die Gemeinschaft von 1,4 Milliarden Katholiken hinaus. Ob und wie sich der Bischof von Rom Gehör verschafft, das ist die Frage. Die Rezeption des ersten Interviews von Leo XIV. mit dem US-amerikanischen Portal „Crux“ im September 2025 etwa wurde weitgehend auf innerkirchliche Reizthemen reduziert. Manche meinten, dem neuen Papst eine „Schonfrist“ von 100 Tagen einräumen zu sollen, um dann aber, nach diesem Interview mit Elise Ann Allen, das zwei mehrstündige Gespräche wiedergab und die Grundlage für eine in Peru erschienene Biographie bildete, „das Ende der Wohlfühlphase des Lächelns und pontifikaler Unverbindlichkeiten“ gekommen zu sehen. Es erging Leo XIV. wie seinerzeit Franziskus: Er wurde zur gigantischen Projektionsfläche. Der erste US-amerikanische Papst (mit peruanischer Staatsbürgerschaft) steht in vielen Punkten in thematischer Kontinuität zu Franziskus, wenn auch mit einem anderen Stil.

 

Laudato si’ als bleibendes Programm

 

Ein auf Dauer ausgerichtetes Erbe zeigte sich rasch: in Bezug auf Laudato si’. In Castel Gandolfo, inmitten der idyllischen Hügellandschaft der Albaner Berge südöstlich von Rom, fand vom 1. bis 3. Oktober 2025 eine internationale Tagung statt: Raising Hope for Climate Justice – im Öko-Zentrum Borgo Laudato si’, das Franziskus als soziales Lehr- und Versuchsprojekt gegründet hatte – eine beeindruckende Anlage inmitten der prächtigen Gartenlandschaft der jetzt reaktivierten Sommerresidenz des Papstes. Leo hatte es am 5. September 2025 im Rahmen einer „Feier der Hoffnung“ eingeweiht und eröffnet. Das Dorf (Borgo) ist direkt dem Papst unterstellt und nicht dem Dikasterium für ganzheitliche Entwicklung des Menschen. Dem Papst unterstellt bedeutet: Kardinal Fabio Baggio (*1965) führt die Geschäfte. Der italienische Ordensmann von der Kongregation der Missionare vom Heiligen Karl Borromäus ist seit April 2022 Untersekretär in dem neugeschaffenen Dikasterium, seit Februar 2023 auch Generaldirektor für höhere Bildung (Direttore Generale del Centro di Alta Formazione Laudato si’). Er war in Chile tätig, er war Direktor des Zentrums für Migration im Erzbistum Buenos Aires, er leitete das Scalabrini Migration Centre in Quezon City (Philippinen), danach das Scalabrini International Migration Institute (SIMI) in Rom. Seit Januar 2017 im Vatikan als Untersekretär mit Zuständigkeit für Migranten und Flüchtlinge tätig. Seit Dezember 2024 ist Baggio auch Kardinal.

Das Timing war perfekt: Die internationale, von über 400 Teilnehmern beschickte Tagung fand wenige Wochen vor der UN-Klimakonferenz COP30 (10. bis 21. November 2025) im brasilianischen Belém statt. Die Eröffnungszeremonie zeigt beeindruckende Szenen, nicht nur, weil auch Andrea Bocelli und sein Sohn Matteo auftraten. Es ging dabei nicht nur um „schöne Bilder“. Leo nahm in seiner Ansprache Bezug auf seinen Vorgänger: „Der Borgo Laudato si’ ist ein Samenkorn der Hoffnung, den Papst Franziskus uns als Erbe hinterlassen hat, ein ,Samenkorn, das Früchte der Gerechtigkeit und des Friedens bringen kann‘ (Botschaft zum 10. Weltgebetstag für die Bewahrung der Schöpfung). Und der Borgo Laudato si’ wird dies verwirklichen, indem er seinem Auftrag treu bleibt: ein greifbares Modell des Denkens, der Organisation und des Handelns zu sein, das in der Lage ist, durch Bildung und Katechese die ökologische Umkehr zu fördern.“ Vor Beginn der Tagung empfing Papst Leo Hollywoodstar Arnold Schwarzenegger, den Ex-Gouverneur von Kalifornien und Klimaaktivisten.

Franziskus hatte den Borgo, wie so vieles, auf den Weg gebracht: „ein greifbares Modell des Denkens, der Organisation und des Handelns“, so Leo IV., „das in der Lage ist, durch Bildung und Katechese die ökologische Umkehr zu fördern“. Das war eine Ansage. Ähnlich wie die schon am 8. Mai auf der Benediktionsloggia getätigte Aussage „Wir wollen eine synodale Kirche sein“, mit der Leo XIV. ein anderes Programmwort von Franziskus aufgenommen hatte. Bis zu 2000 Lernende pro Jahr will das Projekt nach der vollständigen Aufnahme der Lehrtätigkeiten ausbilden. Weitere Flächen dienen der Landwirtschaft und der Tierhaltung. Auf dem päpstlichen Bauernhof werden Lebensmittel produziert, die bislang exklusiv dem päpstlichen Haushalt vorbehalten waren. Jetzt kann sie jeder beziehen.

 

Wirkung und Kontroversen der Enzyklika

 

Papst Franziskus hat außerhalb der Kirche oft mehr Gehör und Zustimmung erhalten als innerhalb der Kirche. Das gilt auch für die Enzyklika Laudato si’, die mehr ist als eine „Öko-“ oder „grüne Enzyklika“. Sie gehört sie zu den Meilensteinen seines Pontifikates. Zu lesen ist Laudato si’ zusammen mit Laudate Deum, dem Update vom Oktober 2023, und mit Fratelli tutti, der dritten Enzyklika vom Oktober 2020; außerdem mit dem, was innerkirchliche Themen angeht, große Enttäuschungen auslösenden Nachsynodalen Schreiben Querida Amazonia vom Februar 2020.

Aus „Franz freundlich“ wurde mit diesen Dokumenten „Franz kontrovers“. Der brasilianische Außenminister nannte die durch die Enzyklika ausgelöste Klimadebatte eine „marxistische Ideologie“. Für Kardinal Walter Kasper wiederum ist die Enzyklika „eine prophetische und visionäre Enzyklika“, nicht nur, weil darin auch Pierre Teilhard de Chardin zitiert wird. Der emeritierte austrobrasilianische Bischof vom Xingu, Erwin Kräutler, nannte Laudato si’ einen „Segen für Amazonien“, sie sei „ein politischer Sieg sondergleichen“. Marco Politi wies auf „Laudato-si’-Gemeinschaften“ in etlichen Ländern hin.

Ganz grundsätzlich gefragt wurde 2015: Was hat ein Papst zu tun mit Klimawandel und Feuchtgebieten, mit Schadstoffen und Düngemitteln, Insektiziden, Fungiziden, Herbiziden und Agrargiften, mit Mülldeponien und Fleischfressern, Solarzyklus und Treibhausgasen, der Abholzung von Regenwäldern, dem Schmelzen des Polareises und dem Verschwinden der tropischen Urwälder, mit Migranten und Kindersterblichkeit, mit sauberem Trinkwasser und Süßwasserquellen, mit dem Verschwinden von Pflanzen- und Tierarten, mit dem Aussterben von Säugetieren und Vögeln, mit Umweltverträglichkeit und der Schaffung von biologischen Korridoren, mit dem Ökosystem tropischer Urwälder wie dem Amazonasgebiet und dem Kongobecken, mit Monokulturen, der unkontrollierten Ausbeutung des Fischbestands in Ozeanen, mit Korallenbänken, mit Zyanid und Dynamit als Fischfangmethoden, mit dem Anstieg des Meeresspiegels, mit der Quecksilber in Goldminen und der Vergiftung mit Schwefeldioxid im Bergbau zur Kupfergewinnung, mit erneuerbaren Energien? Alle diese Begriffe und Themen tauchen in der Enzyklika auf: immenses Detailwissen, das sich der Bischof von Rom angeeignet hat, indem er sich schlau machte
und beraten ließ.

 

Klima, Gerechtigkeit und Soziallehre

 

Franziskus ging es nie nur um „die frommen Seelen“, sondern um die Bedingungen des Lebens der frommen Seelen. So kamen die Umwelt und die Mitwelt ins Spiel, Generationengerechtigkeit und Nachhaltigkeit: Kirche, die sich nicht auf Liturgie beschränkt oder in theologischen Sonderwelten verbarrikadiert, achtet auf den Planeten, den die Christen als Schöpfung Gottes ansehen. Von „weltweiter ökologischer Umkehr“ sprach bereits Johannes Paul II. (vgl. LS 5). Franziskus rekurrierte auf Franz von Assisi und dessen „ganzheitliche Ökologie“ (LS 11): „Wir brauchen eine neue universale Solidarität“ (LS 14).

Laudato si’ fügt sich ein in die Reihe bemerkenswerter Sozialenzykliken der Kirche. Aus theologischer Sicht ist es durchaus erstaunlich, dass sich Franziskus an eine derart komplexe Materie wagte. Wer sich für „eine arme Kirche für die Armen“ ausspricht, kann an Klimafragen nicht vorbeigehen: Weil der Klimawandel die Armen am härtesten und am ungeschütztesten trifft. Franziskus scheute sich nicht, ähnlich wie in dem Schreiben Evangelii gaudium von 2013 („Diese Wirtschaft tötet“: EG 53) zu betonen: Ohne den Schutz globaler Gemeinschaftsgüter wie der Atmosphäre, der Wälder, des globalen Wasserkreislaufs und der Ozeane wird es keine gerechte Weltwirtschaftsordnung geben. Leo XIV. hat sich mit seiner Apostolischen Exhortation Dilexi te über die Liebe zu den Armen (September 2025) die Kapitalismuskritik von Franziskus nicht nur übernommen, sondern sogar verschärft.

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung im Juni 2015 war ein politisches Signal – nach dem G7-Gipfel auf Schloss Elmau Anfang Juni mit dem Beschluss zur Dekarbonisierung der Weltwirtschaft und vor der Verabschiedung der sogenannten Sustainable Development Goals (SDGs) im September 2015 in New York sowie der UN-Klimakonferenz in Paris im Dezember 2015. „Damit“, so Jürgen Erbacher, „wird der Papst zu einem bewusst handelnden politischen Akteur auf Weltebene.“

Wie schon Johannes XXIII. richtete Franziskus seine Enzyklika als Einladung zum Dialog an „jeden Menschen (…), der auf diesem Planeten wohnt“ (LS 3), also nicht nur an Katholiken. Wo es um die Zukunft des Planeten Erde geht, können Katholiken nicht die alleinigen Adressaten sein. Auch daran ist zu erinnern: Es gab Gründe, die gegen eine solche Enzyklika sprachen. Mit einer klaren Positionierung in der Frage der Verursacher des Klimawandels könnte der Vatikan seine moralische Autorität beschädigen. Zweitens befürchtete er, dass das Thema Bevölkerungspolitik erneut virulent werden könnte. Wenn die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas sowie die Abholzung der Wälder den Anstieg der globalen Mitteltemperatur verursacht, dann lässt sich nicht von der Hand weisen, dass neben dem Wirtschafts- auch das Bevölkerungswachstum ein Treiber des Klimawandels ist.

Wie kein Pontifex zuvor stellte Franziskus das derzeitige globale Wirtschaftssystem in Frage. Für ihn erschütterten der Klimawandel, die globale Armut und Ungleichheit die Fundamente des gemeinsamen Hauses. Deswegen prangerte er die Leugnung des Klimawandels in ungewohnter Schärfe als Ausdruck verschleierter Machtinteressen an: Offenkundig werde nicht um die wissenschaftliche Wahrheit gerungen, sondern es gehe um das Durchsetzen von Partikularinteressen gegen das Gemeinwohl (vgl. LS 54, 135, 188).

Laudato si’ betonte vor allem die Klimafolgen für die Armen. Sie sind als erste und am härtesten vom Klimawandel getroffen, etwa weil sie besonders stark von der Landwirtschaft und anderen Ökosystemdienstleistungen (z. B. Fischerei) abhängig sind und sich gegen zunehmende Extremwettereignisse und Wasserknappheit am schlechtesten schützen können (vgl. LS 25). Auch der mangelnde Zugang der Ärmsten zu sauberem Trinkwasser, der Verlust der Biodiversität und die Luftverschmutzung mit ihren nachteiligen Auswirkungen auf die Gesundheit bereiteten dem Papst Sorge: Die Gefahren durch globale Umweltveränderungen und Ressourcenverbrauch könnten in der Zukunft zu Migrationsbewegungen oder gar zu Kriegen führen (vgl. LS 57)

Dabei sah Franziskus nicht das Bevölkerungswachstum als Ursache. Nicht die Zahl der Menschen, sondern die ungleiche Nutzung der vorhandenen natürlichen Ressourcen sei das Problem. Die reichen Länder konsumieren zu viel, ohne mit den Ärmsten zu teilen. Vielleicht der wichtigste Punkt: Der Papst erklärte das Klima und die Atmosphäre zu einem Gemeinschaftsgut „von allen für alle“ (LS 23). Auch die Ozeane und andere Naturgüter müssten als „Global Commons“ betrachtet und durch eine entsprechende Ordnungs- und Strukturpolitik geschützt werden (vgl. LS 174). Damit wurde zum ersten Mal in der Geschichte der kirchlichen Soziallehre das Prinzip der universalen Widmung der Erdengüter auch auf die globalen Kohlendioxid-Senken, Atmosphäre, Ozeane und Wälder angewandt. Um die Ärmsten zu schützen und gefährlichen Klimawandel zu vermeiden, müssen diese Senken vor einer Übernutzung und daraus folgendem gefährlichem Klimawandel bewahrt werden.

Johannes Wallacher und Esther Jünger haben diese Leistung so auf den Punkt gebracht: Franziskus nahm damit „eine umfassende sozialethische Aktualisierung der ,Option für die Armen‘ angesichts der ökologischen Krise vor“. Die Metapher vom „gemeinsamen Haus“ und die Formulierung, dass das Klima „ein gemeinschaftliches Gut von allen und für alle“ (LS 23) sei, haben dabei geholfen. Ottmar Edenhofer und Cecilia Kilimann wiederum hoben in ihrer Würdigung darauf ab, was die Sicht des Klimas als gemeinsames Gut in Bezug auf die Pariser Klimaziele bedeutet: „Laudato si’ legitimiert einen solchen Eingriff in die staatlichen und privaten Eigentumsrechte (LS 23, bes. 93-95), wenn das Gemeinwohl dies erfordert. Denn in der Tradition der Katholischen Soziallehre stellt die Enzyklika die ,allgemeine Bestimmung der Erdengüter‘ über das Recht auf Privateigentum (vgl. LS 93). Damit wird die gegenwärtige Nutzung der Atmosphäre nach dem Recht des Stärkeren delegitimiert. Allerdings beantwortet die Enzyklika nicht, wie der verbleibende Deponieraum auf die Erdenbürger aufgeteilt werden soll.“

 

Perspektiven für die globale Klimapolitik

 

Kann eine Klimapolitik gerechtfertigt werden, die in die Eigentumsrechte der Besitzer von Kohle, Öl und Gas eingreift? Mit ihrer klaren Positionierung erwies sich Laudato si’ als Fortschreibung der katholischen Eigentumslehre seit Rerum Novarum (1891). Franziskus hatte gegen starke internationale Lobbys den Mut, den Status der Atmosphäre als Globales Gemeinschaftsgut in das kollektive Bewusstsein der Menschheit zu heben. Die Frage der institutionellen Ausgestaltung der Beschränkung des Zugangs zur Atmosphäre und damit des Schutzes der Ärmsten vor dem Klimawandel ließ er offen.

Die Wurzeln der ökologischen Krise liegen aus Sicht von Franziskus in der Ambivalenz der Moderne, wobei er in Kapitel III immer wieder auf Romano Guardinis Denken in dessen Buch Das Ende der Neuzeit von 1965 Bezug nahm. Weltweit haben Wissenschaftler, die sich selbst als Atheisten oder Agnostiker bezeichnen, politisch Konservative, die der Klimapolitik skeptisch gegenüberstehen, und Aktivisten, die die Kirche längst abgeschrieben haben, über diese Enzyklika geredet, deren Unteritel nicht ohne Grund Über die Sorge für das gemeinsame Haus lautet.

Franziskus wollte nicht dekretieren, sondern motivieren. Das ist ihm mit Laudato si’ gelungen. Edenhofer und Kaufmann schlagen in ihrem Artikel eine Brücke zum neuen Papst: „Papst Leo XIV. hat anlässlich des zehnjährigen Jubiläums von Laudato si’ dazu aufgerufen, die Entschuldung der ärmsten Staaten mit dem Abbau der ökologischen Schulden der Industrieländer zu verbinden. Eine Klima-Koalition mit Jurisdictional Reward Funds würde dieser Forderung Rechnung tragen, denn dieses Modell bietet einerseits die Möglichkeit, dass Industrieländer die ökologische Schuld des historischen Emissionsausstoßes durch CO2-Entnahme-Technologien abbauen. Andererseits generiert ein solcher Mechanismus Einnahmen, die zumindest dazu beitragen, die strukturellen Finanzierungsengpässe der Entwicklungsländer zu überbrücken.“

Papst Leo XIV. könnte – Laudato si’ weiterführend – diese Themen auf die internationale Agenda setzen und damit den festgefahrenen internationalen Klimaverhandlungen einen gangbaren Ausweg zeigen.

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