Die Geschichte des Christentums in Mesopotamien reicht zurück in die ältesten Zeiten der Kirche. Längst waren im Land an Euphrat und Tigris christliche Gemeinden entstanden, ehe die ersten Glaubensboten die verregneten Gegenden nördlich der Alpen erreicht haben. In den Klöstern und Schulen des Zweistromlandes blühte die Wissenschaft; es waren Christen, die den Muslimen die ersten Kenntnisse der antiken Bildungsgüter vermittelt haben. Ein reiches und tiefes geistliches Leben wurde in unzähligen Konventen und Klausen gepflegt. Man ist erstaunt angesichts der Fülle an spiritueller Literatur, die unter mesopotamischem Himmel entstanden ist. Schließlich hat sich auch eine christliche Volkskultur erhalten mit ihrem eigenen Brauchtum, mit dem Wechsel von Alltag und Festen, mit Wallfahrten und mit der Verehrung lokaler Heiliger.
An dieses reiche Erbe erinnert die Ausstellung zu Mossul, der Metropole am mittleren Lauf des Tigris. Die Fotografien stammen von Dominikanern, die seit 1856 eine Mission in Mossul unterhielten. Die ältesten Abbildungen sind um 1880 entstanden und haben schon deswegen einen besonderen Wert, weil aus dieser Zeit ansonsten nicht allzu viele fotografische Dokumente der Region bekannt sind. Wir sehen den Konvent mit seiner eindrucksvollen Kirche, schauen den Ordensleuten bei ihren vielfältigen Tätigkeiten über die Schulter, beobachten einfache Christen bei der Arbeit und bewundern sie, wenn sie im Festgewand zu besonderen Feiern vor der Kamera Aufstellung nehmen.
Die Bilder kann man im Augenblick wohl nur mit einer Mischung aus Wehmut und ernster Sorge betrachten. Denn die christliche Kultur, von der diese Bilder erzählen, ist durch die grauenhaften Ereignisse der letzten Jahre teilweise zerstört worden, teilweise ist sie akut bedroht. Es ist gut, wenn die aktuelle Frage, wie und ob wir im Irak hilfreich agieren können, sich verbindet mit dem Bewusstsein, welches historische und religiöse Erbe dabei auf dem Spiel steht.
I.
Die Bilder erzählen indirekt auch die jüngste Geschichte des Irak. Die Dominikaner Mossuls mussten im Jahr 2014 vor dem islamischen Staat zweimal fliehen. Aus Mossul selbst, das von den radikalislamischen Kämpfern am 9. Juni eingenommen wurde, und nochmals aus der benachbarten Stadt Karakosch (Baghdida), in der man sich zunächst sicher geglaubt hatte, die aber gleichfalls vom IS erobert wurde. Die Eroberung fiel ausgerechnet auf den 7. August, der Tag, an dem der schweren Massaker an den assyrischen Christen im Jahr 1933 gedacht wird. Die Dominikaner flohen und sie nahmen ihre Archive mit, die alte und philologisch höchst wertvolle Handschriften umfassen. Wären die Manuskripte in die Hände der IS-Schergen gekommen, wären, wie so oft in den letzten Jahren, auch hier Kulturgüter von unschätzbarem Wert vernichtet worden. Die Rettung dieser Schätze ist das Verdienst von P. Najib Mikhael, der die Handschriften noch rechtzeitig (und unter abenteuerlichen Umständen) von Karakosch in das sichere Erbil verbracht hat.
Erbil ist die Hauptstadt des kurdischen Autonomiegebietes in Nordirak. In den Archiven der Dominikaner befand sich auch die Sammlung alter Fotografien, aus denen unsere Ausstellung eine Auswahl zeigt. Auch sie wurden in Sicherheit gebracht vor dem IS, der alles daran setzt, die Zeugen der christlichen und generell der vorislamischen Vergangenheit des Nahen und Mittleren Ostens auszulöschen. Daher die mutwillige Zerstörung „heidnischer“ Tempel und Figuren, daher auch die Sprengung christlicher Kirchen und Klöster. Zwei Beispiele dafür sind in unserer Ausstellung in alten Aufnahmen präsent: die Grabeskirche des heiligen Behnam, unweit von Mossul in der Ninive-Ebene gelegen, deren Kuppel im März 2015 in die Luft gejagt wurde, und die Dominikanerkirche in Mossul, deren Turm im April 2016 dem Erdboden gleich gemacht wurde. Kirchen wurden in Moscheen umgewandelt oder profaniert. Sämtliche Kreuze auf Kirchtürmen und Kuppeln wurden abgerissen. Der IS folgt dabei der Rechtsauffassung, dass alle nichtislamischen Symbole aus dem öffentlichen Raum zu verbannen sind.
Die Bilder in der Ausstellung erinnern uns nicht zuletzt an die Menschen, die vor dem IS geflohen sind und die zurzeit in Flüchtlingscamps in der nordirakischen Autonomieregion leben oder den Irak auch schon ganz verlassen haben und in den Westen emigrieren konnten. Am Ende unseres Bilderreigens steht eine Aufnahme aus dem Jahr 2014, die den Exodus der Christen zeigt. Nur beim ersten Betrachten wirkt die Aufnahme harmlos, als ob Spaziergänger an einem autofreien Sonntag auf dem Highway promenieren würden. Der Hintergrund ist aber der, dass der IS die Christen Mossuls vor die Wahl gestellt hatte, entweder zum Islam zu konvertieren oder die traditionelle Zusatzsteuer für Ungläubige – und zwar in einer nicht leistbaren Höhe – zu bezahlen. Als dritte Möglichkeit blieb die Auswanderung, die wiederum unter den denkbar härtesten Auflagen, die die Rechtstradition kennt, gestaltet wurde. Die Auswanderer durften buchstäblich nichts von ihrem Besitz mit sich führen, außer den Kleidern an ihrem Leib. Noch die kleinsten Schmuckstücke wurden den Christen abgenommen. So erklärt es sich, dass die Menschenmenge auf der Landstraße ohne Autos, ohne Koffer oder Taschen dahinzuspazieren scheint. In Wirklichkeit mussten diese Menschen alles aufgeben und, teils in drückender Hitze, Dutzende von Kilometern zu Fuß zum ersten kurdischen Checkpoint zurücklegen.
II.
Ohne die stetige Hilfe internationaler Hilfswerke wäre die Lage der Flüchtlinge unerträglich. Auch die Kirchen vor Ort unterstützen die Flüchtlinge und haben in manchen Camps zudem die seelsorgerliche Betreuung geflüchteter Christen übernommen. Es stellt sich die Frage, ob und wenn ja wie man diese Menschen auf Dauer im Irak wird halten können. Viele der Geflüchteten aus Mossul erklären, dass sie es sich nicht vorstellen können, auch nach einer Rückeroberung der Stadt dorthin zurückzukehren und ihr altes Leben wieder aufzunehmen. Zu groß ist die Enttäuschung über das Verhalten der muslimischen Mitbürger, die sich beim Einmarsch des IS und der Errichtung seiner Schreckensherrschaft nicht solidarisch gezeigt hätten mit ihren christlichen Nachbarn, mit denen sie doch über so lange Zeit hinweg friedlich zusammengelebt hätten. Das Vertrauen in den Zusammenhalt der Stadtgesellschaft scheint unwiederbringlich zerstört; die Christen fühlen sich verraten. Der syrisch-orthodoxe Bischof von Mossul, der sich zurzeit in Erbil aufhält, hat an seine Rückkehr eine Bedingung von tiefer Symbolik gestellt: der Nachbar, der das Kreuz von seiner Kathedrale abmontiert und zu Boden geschleudert hat, müsse zuvor die Stadt verlassen.
Ein wenig zuversichtlicher äußern sich Flüchtlinge aus den Orten der Ninive-Ebene, die eine nahezu geschlossene christliche Bevölkerung hatten. Das trifft etwa für Karakosch oder Bartelli zu. Eine Rückkehr müsste allerdings, so ist oft zu hören, von einer internationalen Schutztruppe abgesichert werden. Es muss dahingestellt bleiben, ob eine solche Schutzmaßnahme realistischerweise zu erwarten ist. Obwohl die Orte mittlerweile zurückerobert wurden, handelt es sich noch immer um Sperrgebiet. Die Häuser wurden teilweise in einem stark beschädigten Zustand hinterlassen. Auf die Rückkehrer wartet die Herausforderung, ihr Heim und ihr Leben von neuem aufzubauen. Dabei wäre diese Herausforderung zu bestehen im Angesicht einer völlig unsicheren Zukunft. Noch sind kurdische Peschmergakämpfer und die Truppen des irakischen Staates (zusammen mit anderen Einsatzkräften) vereint im Kampf gegen den IS. Niemand kann aber sagen, was auf einen etwaigen Sieg über den IS folgen wird. Die Gebietsansprüche der Regierungen in Bagdad und Erbil überlappen sich und bargen auch schon in der Vergangenheit reichlich Konfliktstoff. Es ist nicht ausgeschlossen, dass es um die vom IS befreiten Gebiete zu einem innerirakischen Konflikt, möglicherweise zu einem Bürgerkrieg kommen könnte. Wer könnte es den Christen der Ninive-Ebene verdenken, wenn sie die Emigration einer Rückkehr in die Heimatorte vorziehen würden?
Nun ist die Frage, bleiben oder gehen, auch innerkirchlich umstritten. Namhafte Kirchenführer im Nahen und Mittleren Osten beschweren sich bei westlichen Staaten, Kirchen und Hilfsorganisationen darüber, die einheimischen Christen zur Emigration ungewollt zu verlocken. Wenn auch unbeabsichtigt, trügen gut gemeinte Hilfsprogramme zur weiteren Erosion des orientalischen Christentums bei. Unter diesen Stimmen befindet sich auch der Louis Rafael I. Sako, der Patriarch der Chaldäischen Kirche. Diese mit Rom unierte Ostkirche stellt im Irak die Mehrheit der Christen. Der Patriarch warnt zugleich vor einem anderen Plan, der seit Jahren in den Kreisen christlicher Politiker des Irak und der weltweiten Diaspora zirkuliert: der Errichtung einer Schutzzone für Christen in der Ninive-Ebene. Christliche Politiker versuchen teilweise, den Regierungen in Bagdad und Erbil die Errichtung einer autonomen christlichen Provinz abzuringen. Beide Regierungen haben dazu durchaus wohlwollende Signale gegeben. Dennoch bleibt strittig, welchen Status und welches Gebiet eine solche Provinz hätte.
Hinzu kommt die Frage, wer für die Sicherheit der Provinz garantieren könnte. Schon heute stehen christliche Milizen bereit, die die Verteidigung der Christen Nordiraks in Zukunft selbst in die Hand nehmen möchten. Auch hier vertritt der chaldäische Patriarch eine dezidiert andere Meinung. Er hält fest am Ideal eines irakischen Staates, der laizistisch geprägt sein und in dem Religionsfreiheit herrschen soll. Louis Rafael Sako hält nach wie vor fest an der Idee einer überkonfessionellen irakischen citizenship. Christen sollten sich nicht wie eine ethnische Minderheit von der Mehrheitsgesellschaft abkapseln, sondern am Aufbau einer gemeinsamen irakischen Zivilgesellschaft mitwirken. Zu solchen Statements des Patriarchen kann man unter den Christen des Irak die ernsthafte Gegenfrage hören, ob außer den Christen überhaupt noch irgendjemand in dem Land die Idee einer irakischen Nation vertrete. Steht bei Sunniten, Schiiten, bei Kurden und anderen die jeweilige religiöse und/oder ethnische Identität deutlich über einem irakischen Staatsgefühl?
Außenstehende werden solche Diskussionen aufmerksam und mit großer Anteilnahme verfolgen und vielleicht auch begleiten, sich aber mit konkreten Ratschlägen eher zurückhalten. Der Westen lag schon mehrmals fürchterlich daneben, als er zu wissen meinte, was das Richtige sei für die Region.
III.
Die Bilder unserer Ausstellung sprechen ihre eigene Sprache in dieser Situation, die für die Christen im Irak so unsicher und für alle so unkalkulierbar ist. Die Bilder zeigen uns nämlich eines in aller Deutlichkeit: dass das Christentum zum Irak gehört. Es ist kein kolonialer Import aus dem Westen, sondern reicht bis in die apostolische Zeit hinab und ist damit auch älter als die islamische Präsenz im Zweistromland. Es wäre eine wertvolle Fremdheitserfahrung, wenn Besucher der Ausstellung sich auf den ersten Blick ein wenig wundern würden, dass die Christen, die uns auf den Bildern begegnen, so durch und durch „orientalisch“ aussehen und man sie, ohne den Kontext der Ausstellung, wohl mit großer Selbstverständlichkeit für Muslime gehalten hätte. Es wäre eine wichtige Botschaft der Bilder: dass der Orient traditionellerweise kein rein muslimischer Orient ist. Nicht zuletzt engagierte Muslime wie der jordanische Prinz Hassan ibn Talal erinnern daran, dass der Orient ohne Christen verarmen würde.
Wie kommt nun aber ein „kurdischer Agha“ auf das Plakat der Ausstellung? Ganz nach lokaler Sitte sitzt der Herr in seinen Prachtgewändern und der typischen Kopfbedeckung auf dem Boden, seine lange Pfeife im Munde führend. Es handelt sich hier um einen Fall von ethnologischem Mimikri: Wer so vor der Kamera posiert, ist niemand anderes als der Dominikanerpater Jacques Rhétoré (1841-1921), der seit 1874 in Mossul wirkte und später die dominikanische Mission im armenischen Van aufbaute. Dort ist auch unsere Aufnahme entstanden, in der sich Pater Jacques übrigens nicht, wie es auf den ersten Blick scheinen könnte, die Aufmachung eines kurdisches oder türkischen Noblen angelegt hat. Er trägt vielmehr die Tracht eines nestorianischen Fürsten vom Stamm der Tiari, die im Hakkari-Gebirge siedelten. Von 1893 bis 1897 lehrte Pater Jacques sodann an der renommierten „École biblique“ in Jerusalem lehrte, um dann in Mardin in der heutigen Südosttürkei 1915 Zeuge des Christengenozids zu werden. Seine präzisen Aufzeichnungen der Vernichtungsaktion gehören zu den wichtigen Dokumentationen des Völkermords. Später ist Pater Jacques nach Mossul, seiner ersten und großen Liebe im Orient, zurückgekehrt, wo er 1921 starb.
In seiner Gestalt verdichtet sich vieles, was die Tätigkeit der Dominikaner in Mossul ausmachte. Zuerst ist zu nennen die Hilfeleistung für die katholischen Ostkirchen, hier für die chaldäische und die syrisch-katholische Kirche. Für beide Kirchen richteten die Dominikaner ein Priesterseminar ein, um das intellektuelle und religiöse Niveau des einheimischen Klerus nachhaltig zu verbessern. Es folgten eine Elementarschule für Kinder und später auch ein College, dem 1944-1959 Pater Jean Maurice Fiey (1914-1995) vorstand, ein unermüdlicher Gelehrter, dem wir mehrere Standardwerke zur Kirchengeschichte des Irak, speziell auch zur Kirchengeschichte Mossuls verdanken. Auch Pater Jacques Rhétoré war wissenschaftlich tätig gewesen, und zwar auf philologischem Gebiet. Als einer der ersten erforschte er die neuaramäische Sprache, die von einheimischen Christen in einer Vielzahl von Dialekten gesprochen wird, das sogenannte „Sureth“. Er hat sogar eigene Dichtungen in dieser Sprache angefertigt, die er unter dem Pseudonym „Yaco Nukhraya“ („Jakob der Fremde“) veröffentlichte. Im Konvent bestand auch ein wissenschaftliches Interesse an der alten assyrischen Vergangenheit des Zweistromlandes. Mossul liegt dem antiken Ninive, das seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ausgegraben wurde, unmittelbar gegenüber.
Ein Kind seiner Zeit war Pater Jacques mit seiner Überzeugung, die nichtkatholischen Christen des Orients seien in den Schoß der römischen Kirche zurückzuführen. Von 1908-1911 ließ er sich im unwegsamen Hakkari-Gebirge in der heutigen Südosttürkei nieder. In einer archaischen Stammesföderation lebten hier die „Nestorianer“, die Angehörigen der ostsyrischen beziehungsweise assyrischen Kirche. Dass sie wehrhafte Krieger waren, weiß jeder Leser von Karl Mays „Durchs wilde Kurdistan“. Pater Jacques versuchte, dieses Bergvolk seiner angestammten Kirche abspenstig zu machen und zur Konversion zu bewegen. Dabei riskierte er manches Mal sein Leben. Der Christengenozid von 1915 im Osmanischen Reich betraf auch die assyrischen Christen. Ihr Volk geriet an den Rand des Unterganges und hat in den Jahren nach 1915 seine Heimat im Hakkari unwiederbringlich verloren. Die katholischen Missionsversuche waren damit obsolet geworden. Man muss sagen, dass sich das Verhältnis der Kirchen im Irak heute ganz anders darstellt. Im Großen und Ganzen gibt es keine Proselytenmacherei mehr. Die Chaldäische und die Assyrische Kirchen haben ein pastorales Abkommen geschlossen, das im Ausnahmefall sogar die eucharistische Gastfreundschaft gewährt. Die Dominikaner von Mossul waren schließlich auch im interreligiösen Dialog aktiv, mit Muslimen und mit Jesiden.
Die religiöse Pluralität des Irak ist heute massiv bedroht. Auf dem Spiel steht dabei auch die Existenz der Christen. Was das auch für unsere eigene christliche Existenz bedeutet, hat Timothy Radcliffe, der frühere Generalmagister des Dominkanerordens und heutige Direktor des Las Casas-Instituts für soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte in Oxford, mit folgenden Worten unterstrichen: „Diese Gemeinschaften im Nahen Osten waren ein sensibles Ökosystem, in dem Christen, Juden, Muslime und Jesiden aufeinander angewiesen waren, um sich entfalten zu können. Wenn wir zulassen, dass eine dieser Gemeinschaften untergeht, verkümmert alles andere. Wenn sie sterben, sterben wir.“