I.
Im Jahre 1979 begann Richard Rorty seine Ansprache als Präsident der Eastern Division der American Philosophical Association folgendermaßen: „‚Pragmatismus‘ ist ein vages, mehrdeutiges und überstrapaziertes Wort.“ Doch, so fährt er fort, „nichtsdestoweniger bezeichnet es den größten Ruhm der intellektuellen Tradition unseres Landes. Keine anderen amerikanischen Autoren haben solch einen radikalen Vorschlag dazu vorgebracht, unsere Zukunft anders zu gestalten als unsere Vergangenheit, wie es James und Dewey getan haben.“ (Rorty 1982: 160, Übers. MNE) Rorty stellte diese Behauptungen zu einer Zeit auf, als die meisten englischsprachigen akademischen Philosophen den Pragmatismus verachteten. Die klassischen pragmatischen Denker zählten einfach nicht als „ernsthafte“ Philosophen. Diese geringschätzige Haltung wird in einer Bemerkung Philip Kitchers aus seinen Preludes to Pragmatism (Vorspiele zum Pragmatismus) treffend illustriert. Er schreibt:
„Als ich vor einigen Jahren mein Interesse an den Pragmatisten gestand, verfiel ein bedeutender, recht meinungsstarker Philosoph in einen Verwünschungs-Modus ex cathedra: ‚PRAGMATISMUS!?! PRAGMATISMUS??!!!??,‘ brüllte er ungläubig, ‚eine verwirrte Version der katastrophalsten Bedeutungstheorie, die je vorgelegt wurde!!‘ Obwohl ich zu erklären versuchte, dass ich gar nicht dachte, der Pragmatismus sei besonders daran interessiert, irgendeine ‚Bedeutungstheorie‘ zu liefern, blieben meine Bemerkungen wirkungslos. Es war für meinen Gesprächspartner schlicht nicht vorstellbar, dass sich eine bedeutende philosophische Bewegung nicht mit den semantischen Fragen befassen könnte, die er als die zentralen Probleme der Philosophie ansah. Für ihn mussten die Pragmatisten Konkurrenten im selben Geschäft sein, das ihn auch beschäftigte, obgleich sie bemerkenswert minderwertige Waren anboten.“ (Kitcher 2012: xi-xii, Übers. MNE)
Bedauerlicherweise besteht diese Einstellung in manchen Kreisen von Berufsphilosophen nach wie vor. Viel interessanter und beeindruckender ist dagegen das weltweite Wiederaufleben des Pragmatismus, worum es im Folgenden gehen soll.
Es gibt kaum einen Ort auf dieser Erde, wo es keine Gruppen von Denkern gäbe, welche die pragmatischen Denker wieder lesen, pragmatische Themen weiterentwickeln und sich selbst mit dieser Tradition identifizieren. Heutzutage besteht eine lebendigere und kreativere Diskussion von Themen des Pragmatismus als jemals zuvor in seiner Geschichte. Ich möchte versuchen zu erklären, warum dies der Fall ist, und einige der Themen benennen, die auf neue und kreative Weisen bearbeitet werden. Zu Beginn werde ich mich auf einige der zentralen Leitmotive des Pragmatismus konzentrieren, dann werde ich die Entwicklung und die Wandlungen der pragmatischen Bewegung untersuchen, um mich schließlich ihrem heutigen weltweiten Wiederaufleben zuzuwenden.
II.
Was aber ist der Pragmatismus? Wie jede anspruchsvolle, komplexe philosophische Bewegung trotzt er jeglicher einfachen oder vereinfachenden Definition. Nichtsdestoweniger lassen sich Themen ermitteln, die auf verschiedene und – offen gestanden – zuweilen gegensätzliche Weisen entwickelt und verteidigt wurden. Oft stehen Pragmatisten in scharfem Widerspruch zueinander. Eine der prägnantesten Charakterisierungen pragmatischer Themen stammt von Hilary Putnam.
„Was ich am Pragmatismus attraktiv finde, ist überhaupt keine systematische Theorie im herkömmlichen Sinne. Es ist vielmehr eine gewisse Gruppe von Thesen, die von verschiedenen Philosophen mit verschiedenen Anliegen auf verschiedene Weisen verteidigt werden können, und auch wurden, und welche die Basis der Philosophie von Peirce, und vor allem der von James und Dewey geworden sind. Diese Thesen sind, oberflächlich zusammengefasst, (1) Antiskeptizismus: Pragmatisten sind der Ansicht, dass Zweifel ebenso der Rechtfertigung bedarf wie Überzeugung (man erinnere sich an Peirces berühmte Unterscheidung zwischen ‚echtem‘ und ‚philosophischem‘ Zweifel); (2) Fallibilismus: Pragmatisten sind der Ansicht, dass es keine metaphysische Garantie dafür gibt, dass irgendeine Überzeugung niemals der Revision bedürfen wird (dass man sowohl fallibilistisch als auch antiskeptizistisch sein kann, ist womöglich die einzigartige Erkenntnis des Amerikanischen Pragmatismus); (3) die These, dass keine fundamentale Dichotomie zwischen ‚Fakten‘ und ‚Werten‘ besteht; und (4) die These, dass es, in gewisser Hinsicht, eine Art Praxisprimat in der Philosophie gibt.“ (Putnam 1994: 152, Übers. MNE)
Wir werden sehen, dass diese letzte These – „dass es, in gewisser Hinsicht, eine Art Praxisprimat in der Philosophie gibt“ – zu einem bedeutenden Motiv im Werk Robert Brandoms wird, der fundamentalen Pragmatismus folgendermaßen beschreibt: „Dies [fundamentaler Pragmatismus] ist die Idee, dass man ‚wissen, dass‘ als eine Art von ‚wissen, wie‘ verstehen sollte (um es in Ryle’scher Terminologie auszudrücken). Das heißt, zu glauben, dass Dinge soundso beschaffen sind, soll im Sinne von praktischen Fähigkeiten verstanden werden, etwas zu tun.“ (Brandom 2011: 9, Übers. MNE) Ich würde die folgenden Punkte zu Putnams Liste hinzufügen: Der Pragmatismus hegt eine tiefe Besorgnis darum, wie Kontingenz das menschliche Leben beeinflusst, und schließlich ist es ihm ein Anliegen, diejenige Art von Erziehung und Kultur, oder Lebensweise, zu pflegen, die Dewey „kreative Demokratie“ nennt. Dies ist eine lange Liste teilweise überlappender Themen.
III.
Lassen Sie mich einen kurzen Abriss der Entwicklung des Aufstiegs, des „Untergangs“ und des Wiederauflebens des Pragmatismus geben. Obwohl der Begriff ‚pragmatisch‘ auf eine lange etymologische Geschichte zurückblickt und auf dem griechischen Wort pragma basiert, lässt sich ein Datum genau angeben, zu dem der Ausdruck als Name einer Art philosophischen Programms eingeführt wurde. Am 26. August 1898 hielt William James eine Ansprache an der University of California in Berkeley, wo er Charles S. Peirce beschrieb „als einen der originellsten zeitgenössischen Denker“. James erzählt uns, dass er vom Pragmatismus erstmals in den Diskussionen im Rahmen einer informellen Diskussionsgruppe gehört hätte, des „Metaphysical Club“. Er schreibt:
„Peirces Prinzip, wie wir es nennen können, lässt sich auf vielerlei Weisen ausdrücken, die alle sehr einfach sind. In der Zeitschrift Popular Science Monthly vom Januar 1878 führt er es folgendermaßen ein: Die Seele und Bedeutung des Denkens, sagt er, kann niemals in eine andere Richtung als in die der Erzeugung von Überzeugungen gelenkt werden, denn Überzeugung stellt den Halbschluss dar, der eine Phrase in der Symphonie unseres intellektuellen Lebens abschließt.“ (James 1977: 348, Übers. MNE)
Hier ist Peirces Formulierung dessen, was später „die pragmatische Maxime“ genannt werden sollte, obwohl Peirce den Begriff ‚pragmatisch‘ im entsprechenden Artikel nicht verwendet.
„Überlege, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Relevanz haben könnten, wir dem Gegenstand unseres Begriffs in unserer Vorstellung zuschreiben. Dann ist unser Begriff dieser Wirkungen das Ganze unseres Begriffs des Gegenstandes.“ (Peirce 1967: 339)
Amerikanischer Pragmatismus wird oft auf zwei berühmte Artikel zurückgeführt, die Peirce im Jahre 1878 veröffentlichte: „Die Festlegung einer Überzeugung“ und „Wie unsere Ideen zu klären sind“. Letzterer ist derjenige, auf den James sich bezieht. Meiner Meinung nach lässt sich der tatsächliche Ursprung des Amerikanischen Pragmatismus auf eine Reihe dichter Artikel zurückführen, die Peirce zwischen 1868 und ’69 geschrieben hat – manchmal „Cognition Series“ genannt. Peirce kritisiert hier, was er das kartesianische Gerüst moderner Philosophie nennt, und beginnt die Skizze einer pragmatischen Alternative.
„Descartes ist der Vater der modernen Philosophie, und der Geist des Cartesianismus – der sich hauptsächlich von der Scholastik, die er ablöste, unterscheidet – kann kurz gefasst folgendermaßen festgelegt werden:
- Descartes lehrt, dass die Philosophie mit universalem Zweifel beginnen muss; während die Scholastik Grundwahrheiten niemals in Frage gestellt hatte.
- Er lehrt, dass der letzte Prüfstein der Gewissheit im individuellen Bewusstsein zu finden ist; während die Scholastik sich auf das Zeugnis der großen Gelehrten und der Allumfassenden (Catholic) Kirche stützte.
- Die vielgestaltige Beweisführung des Mittelalters wird durch einen einzigen Schlussfaden ersetzt, der oft auf nicht einsichtigen Prämissen beruht.
- Die Scholastik hatte ihre Geheimnisse des Glaubens, unternahm es aber, alles Geschaffene zu erklären. Dagegen gibt es viele Fakten, die der Cartesianismus nicht nur nicht erklärt, sondern für absolut unerklärbar hält, wenn man nicht den Satz „Gott macht sie so“ als eine Erklärung betrachten will.“ (Peirce 1967: 184)
Das Bemerkenswerte ist, was Peirce als nächstes sagt: „Die meisten modernen Philosophen sind hinsichtlich einiger oder aller dieser Aspekte faktisch Cartesianer gewesen. Ohne nun zur Scholastik zurückkehren zu wollen, scheint es mir, dass die moderne Wissenschaft und die moderne Logik von uns fordern, einen ganz anderen Standpunkt einzunehmen.“ (Peirce 1967: 184)
Die Alternative, die Peirce mit seinem Pragmatismus entwickelt, stellt genau diesen „ganz anderen Standpunkt“ dar. Auf einen Schlag kritisiert Peirce das Konzept des erkenntnistheoretischen Fundamentalismus, also die Vorstellung, dass es basale Intuitionen gebe, die als nicht-inferentielle Grundlage von Wissen dienen könnten – was Wilfrid Sellars den „Mythos des Gegebenen“ genannt hat. Diese Kritik des erkenntnistheoretischen Fundamentalismus ist von Richard Rorty, John McDowell und Robert Brandom weiterentwickelt worden. Peirce unterscheidet echten, lebendigen Zweifel von den vorgetäuschten intellektuellen Zweifeln der Philosophen. Er hebt hervor, dass wir Vorurteile nicht durch eine bloße Maxime zerstreuen können. Jegliche Untersuchung setzt Vorurteile voraus, die infrage zu stellen uns gar nicht einfällt. Peirce argumentiert auch dafür, dass nicht alle Vorurteile blind seien, sondern dass einige dieser Vorurteile – oder auch vorgängigen Urteile – befähigend wirken.
In diesen frühen Artikeln von 1868 hinterfragt Peirce auch den „Repräsentationalismus“ – einen dominanten Ansatz in der modernen Philosophie, wonach mentale Vorstellungen repräsentieren, was sich „außerhalb“ des Geistes befindet. Dabei ist Peirce sicherlich kein Skeptiker. Er bekräftigt, dass wir uns im Prozess befinden, zu erfahren, was real ist. Wir können jedoch nie behaupten, dass wir mit absoluter Sicherheit wissen, was real ist. Zukünftige Erfahrungen könnten erfordern, dass wir das aufgeben oder abwandeln, was wir für wahr halten. Alle Behauptungen über Wissen sind fehlbar und könnten einer Überarbeitung bedürfen – logische und mathematische Behauptungen miteingeschlossen. Wie Karl Popper, der stark von Peirce beeinflusst war, plädiert Peirce dafür, dass wir gewagte Vermutungen anstellen (die er „Abduktionen“ genannt hat) und diese daraufhin strenger Kritik aussetzen. Auf diese Weise schreiten Untersuchungen voran, und deshalb misst Peirce dem Appell an eine Gemeinschaft von Forschenden einen so großen Stellenwert bei. In den Wissenschaften – und eigentlich bei jeglicher Untersuchung – ist es erforderlich, unsere Hypothesen und Theorien öffentlicher Kritik auszusetzen. Peirces antiskeptischer, nicht-fundamentalistischer Fallibilismus wird wunderschön durch Wilfrid Sellars‘ berühmte Behauptung verkörpert: „Denn das empirische Wissen, wie auch seine anspruchsvolle Erweiterung, die Wissenschaft, ist nicht deshalb vernünftig, weil es eine Grundlage hat, sondern weil es ein sich selbst berichtigendes Unternehmen ist, dass jede Behauptung in Frage stellen kann, jedoch nicht alle auf einmal.“ (Sellars 1999: 68) Dem wird jeder Pragmatist beipflichten.
IV.
Ich greife aber meiner Geschichte voraus. Der Pragmatismus erlangte seine Popularität nicht durch Peirce, dessen vereinzelte Schriften zu seiner Zeit kaum bekannt waren, sondern vielmehr durch James‘ quasi populärwissenschaftliche Version des Pragmatismus. Diese erwies sich letztlich als Desaster. Um es deutlich zu sagen: Ich denke, dass James ein subtiler und komplexer Denker ist, und mein Respekt ihm gegenüber ist im Laufe der Jahre gewachsen. Ihn zeichnet die seltene Tugend aus, über die Philosophen gerne reden, die sie aber leider kaum an den Tag legen: echte intellektuelle Bescheidenheit in Kombination mit einer zutiefst menschlichen praktischen Weisheit. Nichtsdestoweniger hat der Gebrauch von solchen Ausdrücken wie „Barwert“ sowie die Andeutung, dass Wahrheit etwas sei, was „funktioniere“ und was uns subjektiv zufriedenstelle – besonders, wenn diese Formulierungen aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgerissen werden – den Pragmatismus gewissermaßen in Verruf gebracht. G. E. Moore und Bertrand Russell, zwei der Hauptgründer der analytischen Philosophie, haben James schonungslos karikiert und kritisiert, und es gibt heutzutage immer noch viele – besonders unter denjenigen, die James nicht sorgfältig lesen –, welche die Auffassung von Philip Kitchers Gesprächspartner, die oben angeführt wurde, teilen. Sogar Peirce, der das Wort „Pragmatismus“ in keiner seiner veröffentlichten Schriften vor James‘ Vorlesung von 1898 benutzt hatte, war derartig angewidert von den populärwissenschaftlichen und literarischen Gebrauchsweisen von „Pragmatismus“, dass er den Begriff verstieß und sich erbat, „die Geburt des Wortes ‚Pragmatizismus‘ ankündigen zu dürfen, das hässlich genug ist, um vor Kindsräubern sicher zu sein.“ (Peirce 1970: 394) Peirce hatte Recht. Der Begriff war in der Tat so hässlich oder sperrig, dass niemand außer Peirce ihn jemals verwendet hat.
Der berühmteste Philosoph des 20. Jahrhunderts, der mit dem Pragmatismus in Verbindung gebracht wird, ist John Dewey. Dewey, geboren 1859 – dasselbe Jahr, in dem Darwins Über die Entstehung der Arten veröffentlicht wurde – lebte ein langes und aktives Leben. Er starb im Jahre 1952 und hat ein überaus umfangreiches Werk hinterlassen. Geboren in Burlington, Vermont, war Dewey verwurzelt in der amerikanischen Kultur, doch er war außerdem äußerst kosmopolitisch und hat tatsächlich überall auf der Welt Vorlesungen gehalten. Ich möchte ebenfalls George Herbert Mead erwähnen, der ein enger Mitarbeiter Deweys an der University of Chicago war. Zeitlebens wurde Mead von Dewey überschattet, doch wir werden noch sehen, wie wichtig Mead für heutige Diskussionen des Pragmatismus geworden ist. Dewey war ein Philosoph der altehrwürdigen Schule. Damit meine ich, dass er das gesamte Feld der Kultur als der philosophischen Reflexion würdig erachtete. Doch Dewey ist am besten bekannt dafür, dem Pragmatismus eine soziale und politische Wende gegeben zu haben. Er ist wahrlich Amerikas Philosoph der Demokratie. Die Beschaffenheit, die Probleme und das Schicksal der Demokratie waren zentral für sein Denken, von seinen frühesten Tagen an bis zum Ende seines Lebens. Er verstand Demokratie als eine Lebensweise und als ein moralisches Ideal, nicht bloß als eine Regierungsform. Die folgende Passage, verfasst im Jahre 1939, vermittelt den Geist seines Demokratieverständnisses:
„Demokratie ist, verglichen mit anderen Lebensweisen, die einzige Art und Weise, zu leben, die mit ganzem Herzen an die Erfahrung als Zweck und als Mittel glaubt; als dasjenige, das in der Lage ist, die Wissenschaft hervorzubringen, welche die einzige zuverlässige Autorität für die Steuerung weiterer Erfahrung darstellt, und das Emotionen, Bedürfnisse und Wünsche freisetzt, um die Dinge ins Leben zu rufen, die es in der Vergangenheit noch nicht gegeben hat. Denn jede Lebensweise, die in ihrer Demokratie versagt, beschränkt die Kontakte, den Austausch, die Kommunikation, die Interaktionen, durch die Erfahrung gefestigt wird eben dadurch, dass sie weiter und reicher wird. Die Aufgabe dieser Freisetzung und Bereicherung ist eine, die von Tag zu Tag vorangetrieben werden muss. Da es diejenige ist, die kein Ende finden kann, bis Erfahrung selbst ein Ende nimmt, ist die Aufgabe der Demokratie unaufhörlich die der Gestaltung einer freieren und humaneren Erfahrung, die alle teilen und zu der alle beitragen.“ (Dewey 1951: 394, Übers. MNE)
Sowohl James als auch Dewey trieb die Frage um, welche Richtung die „professionelle“ Philosophie nehmen würde. Zu ihrer Studienzeit hatte es in Amerika noch kaum genuin philosophische Fakultäten gegeben. Als gelernter Arzt hatte James Physiologie und Psychologie gelehrt, bevor er Professor für Philosophie wurde. Dewey hatte seinen Doktor an der Johns Hopkins University gemacht – einer der ersten Forschungseinrichtungen, die den Doktortitel vergab. James und Dewey hofften beide, dass die Philosophie eine neue Richtung einschlagen würde – eine Richtung, in der ihr Hauptanliegen die echten Probleme wären, denen Menschen in ihrem Alltagsleben begegnen. Im Kern wird diese Einstellung durch Deweys Aufruf an die Philosophen auf den Punkt gebracht, sich nicht mehr mit den spezialisierten Problemen von Philosophen zu beschäftigen, sondern mit den Problemen, die Menschen tatsächlich haben.
V.
Was ist mit dieser durch Peirce, James, Dewey und Mead inspirierten pragmatischen Bewegung passiert? Hier muss ich zwei Geschichten erzählen – und es steckt ein wenig Wahrheit in beiden. Die erste Geschichte beginnt mit der Marginalisierung dieser „klassischen“ Pragmatisten. In den 1930er und 1940er Jahren hatte ihr Einfluss bereits nachgelassen. Diejenigen Philosophen, die aus dem nationalsozialistischen Europa in die Vereinigten Staaten geflohen waren (beispielsweise Rudolf Carnap, Carl Hempel und Alfred Tarski), gaben der akademischen Philosophie in Amerika eine ganz andere Form. Zudem übte die Philosophie der Alltagssprache, wie sie in Oxford betrieben wurde, einen großen Einfluss aus. Diese beiden Bewegungen werden manchmal als die „linguistische Wende“ in der Philosophie beschrieben. Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die akademische Philosophie in den Vereinigten Staaten grundlegend. Nahezu alle angesehenen philosophischen Fakultäten wurden von der sogenannten „analytischen Philosophie“ dominiert. Viele Philosophen vertraten, was ich als „analytische Ideologie“ bezeichnen würde; im Kern stand dabei die Überzeugung, dass die einzige bedeutsame Art und Weise, sich mit Philosophie zu beschäftigen, der sprachphilosophisch geschulte, analytische Stil sei. (Aus Gründen, die bald deutlich werden sollten, unterscheide ich scharf zwischen den zweifellos wichtigen Beiträgen von Philosophen, die im analytischen Stil arbeiten – mit ihrer Forderung nach Klarheit, Präzision und sorgfältiger Argumentation – und dieser arroganten analytischen Ideologie, die sämtliche anderen philosophischen Richtungen von der Hand weist.) Was dem nicht entsprach, beruhte auf sprachlichen Verwirrungen – und war entbehrlich. Mit der Entwicklung der verschiedenen Strömungen in der linguistischen analytischen Philosophie wurden die klassischen amerikanischen Pragmatisten marginalisiert und der klassische Pragmatismus landete im Papierkorb der Geschichte. Bestenfalls hieß es, die Pragmatisten hätten auf eine vage und unzulängliche Weise ausgedrückt, was vermutlich in einem deutlicheren, mehr zufriedenstellenden analytischen Modus umformuliert werden könnte.
In Grundzügen ist die Geschichte, die ich gerade erzählt habe, immer noch weit verbreitet in zahlreichen amerikanischen Philosophie-Instituten. Doch es muss noch eine andere Geschichte erzählt werden. Hier möchte ich die bedeutenden Beiträge von Richard Rorty, seinem Schüler Robert Brandom und Hilary Putnam erwähnen. Zu Beginn ihrer intellektuellen Karrieren galten Rorty und Putnam als führende Fachmänner im analytischen Stil der Philosophie. Doch beide widersetzten sich den engen Einschränkungen der analytischen Tradition und entdeckten die Relevanz der klassischen Pragmatisten wieder. Trotz des Mangels an expliziten Verweisen auf die klassischen Pragmatisten in den Werken von W. V. O. Quine, Donald Davidson und Wilfrid Sellars (sowie anderen, die eng mit ihnen zusammenhängen) behaupteten Rorty und Putnam, dass diese vermeintlich „analytischen“ Philosophen pragmatische Themen auf neue Weisen weiterentwickelten. Folglich erzählten sie keine Geschichte des Untergangs und der Marginalisierung, sondern ihre Geschichte war eine der Kontinuität. Diese ganz andere Herangehensweise an die pragmatische Tradition wird treffend durch einen Kommentar veranschaulicht, den Putnam im Vorwort zu seinem Sammelband von Essays, Realism with a Human Face (Realismus mit menschlichem Antlitz), macht. Er schreibt:
„All diese Ideen – dass die Dichotomie von Fakten und Werten unhaltbar ist, […] dass Wahrheit und Rechtfertigung von Ideen eng verbunden sind, dass die Alternative zum metaphysischen Realismus nicht irgendeine Form von Skeptizismus ist, dass Philosophie ein Versuch ist, das Gute zu erlangen – sind Ideen, die schon lange mit der Tradition des Amerikanischen Pragmatismus assoziiert wurden. Diese Einsicht hat mich (manchmal mit der Unterstützung von Ruth Anna Putnam) dazu gebracht, mich um ein besseres Verständnis der Tradition von Peirce bis hin zu Quine und Goodman zu bemühen.“ (Putnam 1990: xi, Übers. MNE)
Quine und Sellars spielen eine bedeutende Rolle in Rortys Der Spiegel der Natur, und Rorty meint außerdem, dass Donald Davidson pragmatische Themen weiterentwickelt. Doch der vielleicht ambitionierteste lebende pragmatische Denker ist Robert Brandom – ein Schüler Richard Rortys und ein großer Bewunderer von Wilfrid Sellars. Das Beeindruckende an Brandom ist die Kombination seiner analytischen Gewandtheit, seiner systematischen Ambitionen und seines Verständnisses der Geschichte der modernen Philosophie. Signifikanten Einfluss auf sein Denken hatten sowohl Hegel als auch Wilfrid Sellars (den er für den größten der amerikanischen Denker des 20. Jahrhunderts hält). Brandom hat eine provokante Neuauslegung der modernen Philosophie vorgelegt, die deren Beitrag zu dem aufzeigt, was er „normative Pragmatik“ und „inferentielle Semantik“ nennt. Er interpretiert die führenden Denker des 19. und 20. Jahrhunderts als Mitwirkende bei pragmatischen Erkenntnissen. Diese Tradition und ihre Orientierung beschreibt er folgendermaßen:
„Ein Pragmatismus mit Blick auf die in kognitiver Aktivität implizit enthaltenen Normen wurde uns in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus drei voneinander unabhängigen Richtungen beschert: einmal von den klassischen amerikanischen Pragmatisten, gipfelnd in Dewey, ferner vom Heidegger von Sein und Zeit und schließlich vom Wittgenstein der Philosophischen Untersuchungen. Im Verlauf meines Versuchs zu zeigen, wie die Einsichten dieser Traditionslinien (teils gemeinsam, teils komplementär) genutzt werden können, um die zeitgenössische Sprachphilosophie und Philosophie des Geistes voran zu bringen, fand ich mich allerdings zu Hegels ursprünglicher Version zurückgetrieben. Denn anders als jede dieser drei moderneren Varianten einer Theorie sozialer Praxis hat Hegel einen rationalistischen Pragmatismus verflochten.“ (Brandom 2001: 52)
Ich kann nicht im Detail auf Brandoms rationalistischen Pragmatismus eingehen, den er erstmals in Expressive Vernunft entwickelt hat, doch ich möchte die Kühnheit seiner Behauptungen unterstreichen. Falls Brandom richtigliegt, gibt er der Art und Weise, in der wir über den Pragmatismus und die Geschichte der Philosophie seit Kant denken, eine ganz neue Richtung. Der amerikanische Pragmatismus wirkt nicht mehr wie eine marginale, provinzielle Bewegung, die eingeklammert und abgetan werden könnte. Er ist Teil einer globalen philosophischen Bewegung, deren Wurzeln im 18. Jahrhundert liegen. Viele der herausragenden postkantischen Denker, einschließlich Hegel, Frege, Wittgenstein, Sellars und Heidegger, tragen allesamt zu pragmatischen Erkenntnissen bei. Brandoms Version des Pragmatismus birgt zahlreiche tiefgehende Affinitäten mit dem philosophischen Projekt von Jürgen Habermas.
Folgendes schreibt Habermas über Brandoms Opus Magnum: „‚Making it Explicit‘ [Expressive Vernunft] ist ein ähnlicher Meilenstein in der theoretischen Philosophie wie Anfang der siebziger Jahre ‚A Theory of Justice‘ [Eine Theorie der Gerechtigkeit von John Rawls] in der praktischen. In souveräner Kenntnis der verzweigten analytischen Diskussion ist es Brandom gelungen, mit der Durchführung eines auch andernorts skizzierten sprachphilosophischen Ansatzes ernst zu machen, ohne dass die Vision, die das Unternehmen inspiriert, in den wichtigen Details der einzelnen Untersuchungsschritte verlorenginge. Den außerordentlichen Rang verdankt das Werk der seltenen Verbindung von spekulativem Impuls und langem Atem.“ (Habermas 1999: 138)
VI.
Mein heutiges Thema ist das weltweite Wiederaufleben des Pragmatismus, doch da ich diesen Vortrag in Deutschland halte, möchte ich die kreative Aneignung pragmatischer Themen durch deutsche Denker betonen. Jürgen von Kempski und Klaus Oehler waren unter den ersten, die das Werk von Charles S. Peirce nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland bekannt gemacht haben, doch zur Illustration meiner These möchte ich mich auf vier herausragende Denker konzentrieren: Karl-Otto Apel, Jürgen Habermas, Hans Joas und Axel Honneth. Karl-Otto Apel ist besonders wichtig, da er einer der ersten bedeutenden deutschen Philosophen war, die das besondere Genie von Charles Sanders Peirce gewürdigt haben. Die von ihm angefertigte Ausgabe der Peirce’schen Schriften war eine der ersten Gelegenheiten für deutsche Denker, den Ideenreichtum und die Relevanz von Peirce zu entdecken – dem anerkannten Gründer des amerikanischen Pragmatismus. Apel war äußerst feinfühlig bezüglich der kantischen Motive in Peirces Werk. Sein Buch Der Denkweg von Charles S. Peirce aus dem Jahre 1967 gilt als eines der besten Werke über Peirce, unabhängig von der Sprache. Apel betonte Peirces Beiträge zum „transzendentalen Pragmatismus“. Er war lange Zeit ein enger Kollege von Habermas und bestätigte diesen in seinem Interesse am Pragmatismus. In einem von Habermas‘ berühmtesten Büchern, Erkenntnis und Interesse, findet sich ein wichtiges Kapitel zu Peirce.
Bei Habermas fielen die Erkenntnisse des amerikanischen Pragmatismus auf fruchtbaren Boden, da sein eigenes Denken damals gerade eine pragmatische Wende vollzog. Er war ein scharfer Kritiker der „Subjekt-zentrierten“ Orientierung, die einen beträchtlichen Teil der modernen Philosophie zu Zeiten Descartes‘ charakterisiert hat – was er manchmal „Bewusstseinsphilosophie“ nennt. Demgegenüber hat er eine kommunikative Theorie des Handelns, von Sprache und Rationalität ausgearbeitet. Was Habermas an den pragmatischen Denkern gereizt und interessiert hat, war die Art und Weise, in der sie seine kommunikative Wende antizipiert hatten. Habermas‘ Kritik einer „Subjekt-zentrierten“ Philosophie überschneidet sich stark mit Peirces Kritik des Kartesianismus. Und die alternative Ausrichtung von Peirce und den Pragmatisten an der Bedeutung der „Gemeinschaft der Forschenden“ für die Untersuchung, Kritik und Bestätigung von Behauptungen weist eine auffällige Ähnlichkeit zu Habermas’ kommunikativer Wende auf. Mead ist bekanntlich der Pragmatist, der aufzuzeigen versuchte, wie schon die Genese von Sprache und die Begriffe von ‚Ich‘ und ‚Anderem‘ durch soziale Interaktionen generiert werden. Dies ist ein entscheidender Grund, weshalb Mead solch eine bedeutende Rolle in Habermas‘ Theorie des kommunikativen Handelns spielt.
Es besteht eine weitere Affinität zwischen Habermas und dem Pragmatismus, die ich betonen möchte. Zeitlebens war John Dewey Amerikas bekanntester öffentlicher Intellektueller und der stärkste Verteidiger einer kreativen Demokratie, an der alle teilhaben und teilnehmen. Zusätzlich zu seinem theoretischen Werk hat Habermas, wie Dewey, in den Medien über eine enorme Bandbreite zeitgenössischer sozialer und politischer Angelegenheiten geschrieben. Auch er hat vor den heutigen Bedrohungen für die deliberative Demokratie gewarnt. Habermas hat sich sein Leben lang um den öffentlichen Raum gesorgt, wo Bürger beratschlagen, debattieren sowie rational Meinungen austauschen und kritisieren können. Habermas hegte, wie Dewey, eine tiefe Besorgnis darüber, was Dewey den „Niedergang der Öffentlichkeit“ nannte.
Hans Joas und Axel Honneth sind zwei weitere deutsche Denker, deren Werke durch den amerikanischen Pragmatismus beeinflusst wurden. Sie gehören zu der Generation, die auf Apel und Habermas gefolgt ist. Hans Joas‘ Buch über George Herbert Mead ist mehr als ein herausragender wissenschaftlicher Beitrag zur Geschichte des Pragmatismus. Er zeigt auf, wie relevant Mead ist, wenn es darum geht, zeitgenössische soziale Probleme anzugehen. Joas‘ tiefgehende Wertschätzung des amerikanischen Pragmatismus hat seine Sozialtheorie und seine Theorie kreativen Handelns geformt. Die Affinität zwischen Axel Honneth und John Dewey besteht mindestens darin, dass beide in der Tradition Hegels stehen. Dewey begann seine Karriere als Hegelianer und erklärte zu Recht, dass Hegel einen „dauernden Eindruck“ (Dewey 2004: 21) in seinem Denken hinterlassen hat. Sowohl Dewey als auch Honneth erschließen für hegelianische Motive eine eher pragmatisch fallibilistische Weise, mit sozialen und politischen Angelegenheiten umzugehen. Die Art und Weise, wie Honneth den zentralen Stellenwert von Anerkennung betont, kommt Deweys demokratisch motivierter Diagnose gleich, dass die Beziehungen zwischen Individuen auf Wechselseitigkeit angelegt sein müssen.
Mein knapper Überblick über pragmatische Strömungen bei deutschen Denkern zeigt kaum die Tiefe und Vitalität dieser kreativen Aneignung auf. Es kam auch zu lebhaftem philosophischen Austausch zwischen Philosophen des amerikanischen Pragmatismus wie Richard Rorty, Hilary Putnam, Robert Brandom und ihren deutschen Gegenübern. Wie erwähnt, habe ich mich hier auf die kreative Aneignung pragmatischer Themen durch deutsche Denker konzentriert. Doch in Wahrheit gibt es überall auf der Welt – von Shanghai bis Moskau, von Toronto bis Bogotá – Philosophen, die den Ideenreichtum, die Vielfalt und die Relevanz des amerikanischen Pragmatismus entdecken. Es handelt sich hierbei um ein globales Phänomen.
VII.
Pragmatisten haben sich immer auf die Praxis und auf die Perspektive des Handelnden konzentriert. Ich möchte schließen mit einigen Bemerkungen über die heutige Relevanz des Pragmatismus. Amerikanischen Pragmatisten war es immer ein Anliegen, die Entwicklung konkreter demokratischer Praktiken voranzutreiben. Peirce, James, Dewey, Mead, Rorty, Putnam und Brandom teilten – trotz ihrer technisch philosophischen Meinungsverschiedenheiten – diese Vision und dieses Ideal einer lebenden Demokratie – einer Demokratie, in der ein Streben nach einer Gemeinschaft herrscht, die offen für Überlegung und Debatte ist. Ihre Vision von Demokratie nimmt eine engagierte fallibilistische Pluralität ernst. Horace Kallen, ein Schüler von William James, ist derjenige, der den Begriff „kultureller Pluralismus“ geprägt hat. Die Pragmatisten waren keine naiven Optimisten oder blauäugigen Utopisten. Sie waren sich der Kräfte bewusst, die demokratische Praktiken zu verzerren und zu untergraben suchten. Was Dewey 1930 schrieb, hat noch größere Relevanz im Jahre 2017. In einem Aufsatz mit dem Titel „United States, Incorporated“ spricht er vom
„Geschäftsdenken, das seine eigenen Diskurse und seine eigene Sprache, seine eigenen Interessen, seine eigenen intimen Gruppierungen hat, in denen Menschen dieser Denkungsart, zusammengenommen, die Grundstimmung der Gesellschaft im Allgemeinen wie auch die Politik der Industriegesellschaft bestimmen, und größeren politischen Einfluss haben als die Regierung selbst. […] Wir sind nun, ohne, dass dies jemals formal oder rechtlich so beschlossen worden wäre, auf eine Art und Weise sowohl geistig als auch moralisch vom diesem Geist der Korporation überformt, für die es in der Geschichte keinen Vergleich gibt.“ (Dewey 1984: 62. Übers. MNE)
Außerdem würden alle Pragmatisten der folgenden Beschreibung demokratischer Politik beipflichten: „Demokratische Politik ist eine Begegnung zwischen Leuten mit verschiedenen Interessen, Perspektiven und Meinungen – eine Begegnung, in der sie ihre Meinungen und Interessen, individuelle wie die aufs Gemeinwohl bezogene, überdenken und wechselseitig revidieren. Sie ereignet sich immer in einem Kontext von Konflikt, unvollkommenem Wissen und Unsicherheit, wo aber gemeinschaftliches Handeln erforderlich ist. Die erzielten Beschlüsse sind immer mehr oder weniger vorläufig, der Neuerwägung ausgesetzt und selten einstimmig. Was zählt, ist nicht Einstimmigkeit, sondern Diskurs. Das substanzielle gemeinsame Interesse wird erst im demokratischen politischen Kampf entdeckt oder erschaffen und es bleibt ebenso umstritten wie geteilt. Weit entfernt davon, schädlich für Demokratie zu sein, ist der Konflikt – auf demokratische Weisen behandelt, mit Offenheit und Überzeugung – das, was Demokratie funktionieren lässt, was für die wechselseitige Revidierung von Meinungen und Interessen sorgt.“ (Pitkin und Shumer 1982: 47-48, Übers. MNE)
Wir leben heute in finsteren Zeiten. Als Hannah Arendt von „finsteren Zeiten“ sprach – ein Ausdruck, den sie von Bertolt Brecht entliehen hat – bezog sie sich nicht ausschließlich auf den Totalitarismus. Sie schrieb: „Falls es die Funktion des öffentlichen Bereichs ist, Licht auf die menschlichen Angelegenheiten zu werfen – durch Bereitstellung eines Erscheinungsraumes, in dem die Menschen mit Taten und Worten, zum Guten oder Schlechten, zeigen können, wer sie sind und was sie tun können –, so ist es dunkel, wenn dieses Licht gelöscht wird von ‚Glaubwürdigkeitslücken‘ und ‚unsichtbarer Herrschaft‘, von einer Rede, die das, was ist, nicht offenlegt, sondern unter den Teppich kehrt, von moralischen und sonstigen Ermahnungen, die unter dem Vorwand, alte Wahrheiten hochzuhalten, jede Wahrheit in bedeutungslose Trivialität verwandeln.“ (Arendt 1989: 14)
Dies ist tatsächlich eine finstere Zeit für die Demokratie. Auf der ganzen Welt hat eine Abwertung der demokratischen Praktiken stattgefunden. Wir haben es mit einer beängstigenden Anziehungskraft des autoritären Populismus zu tun. Und es gibt nicht nur „Lücken der Glaubwürdigkeit“, sondern auch die gefährliche Tendenz, die Unterscheidung zu tilgen zwischen dem, was es heißt, die Wahrheit zu sagen und unverschämt zu lügen. Dabei ist es nur zu verführerisch, zynisch zu werden und einem hartnäckigen Pessimismus nachzugeben – um eben die privaten Freuden zu kultivieren und den öffentlichen Raum aufzugeben. Doch dies ist nicht die pragmatische Antwort. Vielmehr ermutigen uns die Pragmatisten, uns größere Mühe zu geben – neue Wege zu suchen, eine Gesellschaft zu erlangen, in der Anständigkeit und Gerechtigkeit bestehen – und menschliches Leid zu lindern. Man suche nicht, wie der Igel, nach der einen großen Sache, die alles zum Besseren wenden wird. Sie existiert nicht. Man soll es eher mit dem Fuchs halten, indem man alltägliche demokratische Praktiken mit seinen Mitbürgerinnen und Mitbürgern pflegt. Lassen Sie mich schließen mit einer meiner liebsten Charakterisierungen der Hoffnung, die von einem amerikanischen Sozialkritiker stammt, der das pragmatische Ethos geteilt hat:
„Hoffnung impliziert ein fest verankertes Vertrauen in das Leben, welches denjenigen absurd erscheint, denen es fehlt. […] Es ist immer das Schlimmste, worauf die Hoffnungsvollen vorbereitet sind. Ihr Vertrauen in das Leben wäre nicht viel wert, wenn es in der Vergangenheit keine Enttäuschungen überstanden hätte, während das Wissen darum, dass die Zukunft weitere Enttäuschungen bereithält, den anhaltenden Bedarf an Hoffnung demonstriert. […] Der Leichtsinn, ein blinder Glaube daran, dass alles irgendwie gut ausgehen wird, liefert einen dürftigen Ersatz für die Einstellung, Dinge durchzuziehen, selbst wenn sie nicht [ganz aufgehen].“ (Lasch 1991: 81, Übers. MNE)
Dieser Artikel basiert auf dem englischsprachigen Vortrag „The Current Global Resurgence of Pragmatism“, den Richard J. Bernstein am 21.03.2017 an der Katholischen Akademie Bayern gehalten hat. Der Vortrag wurde für die Publikation geringfügig verändert und ins Deutsche übersetzt von Marc Niklas Ernst.