Guten Abend zu dieser unaufgeregten, heiteren und konzentrierten Fülle um uns. Aber vielleicht hat sich Ihnen, angesichts der Papierarbeiten, dieser Meditationen über Farbe und Form, wie der zarten Zeichnungen, und angesichts der in den Vitrinen von Raimer Jochims versammelten Artefakte der Zusammenhang zwischen diesen scheinbar unterschiedlichen Welten nicht erschlossen. Nun meine Frage: Sind es wirklich disparate Welten? Zumal der Künstler noch weitere hätte dazu fügen können, die er aber zu Hause gelassen hat. Sie hätten den Rahmen gesprengt. Etwa die Welt seiner Steine, die ihn so viele Jahre schon begleiten, mit denen er arbeitet, und die er sein Künstlerleben lang bearbeitet hat und mit ihnen, den Steinen, einen ganz eigenen, nicht nur visuellen Dialog führt.
Eine andere, wichtige Welt wäre die der Ikonen, die bei ihm zu Hause hängen, wohl verwahrt und wohl verehrt und so gehängt, dass sie in Beziehung mit den Menschen, aber auch mit allen anderen Fund- und Sehstücken stehen, etwa den Obsidianen, Faustkeilen, den kleinen Stupas, den kykladischen Idolen und natürlich, seinen Zeichnungen, Ölkreidebildern und der Malerei. Welten? Nein: Eine Welt! Stets DIE Welt, und das schließt den Kosmos ein. Sky. Und den Himmel, also: Heaven. Auch im Sinn des Spruchs des barocken Mystikers Angelus Silesius, der dichtete: „Der Himmel ist in Dir! Suchst du ihn anderswo, du fehlst ihn für und für.“ Der Himmel ist in Dir. Dafür steht die Gottesmutter, oder Mutter Gottes. In Jochims Kosmos zu sehen als Miniatur, wie sie ihr Wickelkind den Betrachtenden präsentiert, winzig und fein gemalt. Der menschgewordene, zur Welt gekommene Gott als Auftakt einer kunstvollen, handgefertigten klösterlichen Notenschrift.
In Jochims Welt kann man auch das Portrait eines unbekannten, in sich gekehrten Mönchs mit Kapuze auf Goldgrund betrachten, der, ein Heiliger, in sich gekehrt mit einem Kruzifix stumme Zwiesprache hält. Vielleicht Franziskus, oder Antonius, jedenfalls auch hier die Heiligkeit des von Gott erfüllten Menschen als einheitsstiftende Verbindung zwischen Himmel und Erde.
Der Himmel ist in dir.
Wer Raimer Jochims zu Hause in Hochstadt besucht, kann sich in seine so konzentrierte Sammlung eigener und anderer Werke aus längst verklungenen Zeiten und aus aller Welt versenken. Dabei geschieht so etwas wie eine Aufhebung von Ort und Zeit. Kein „Einst“ mehr. Denn der Chor der kleinen, zuweilen geradezu unscheinbaren Meisterwerke bildet zusammen mit den zeitgenössischen Arbeiten einen vielstimmigen Chor im zeitlosen „Jetzt“ und „Hier“. Sein Gesang erfüllt die ehemals bäuerlichen Fachwerk-Gebäude, die sich um einen gepflasterten und doch grünen Innenhof gruppieren mit seinem vielstimmigen Klang. Fülle für die Augen. Dazu tragen auch die Pflanzen bei, die, von Raimer Jochims geliebt und betreut im Garten blühen und mit ihren zarten, oft rasch erlöschenden Stimmen mittönen, sind sie doch vergänglich wie das Gras auf dem Felde.
Man steht in keinem Klosterhof, aber doch in etwas Klösterlichem, wenn man durch das große Einfahrtstor getreten ist. Ein begrenzter Raum für Stille und Sammlung, in dem Raimer Jochims seine Bilder in eine Einheit mit dem Vorhandenen wachsen lässt. Das hat etwas Zeitloses und deshalb auch Aktuelles, weil jedes Stück im Jetzt gilt und seine Wirkung entfaltet, niemals laut und spektakulär, sondern im Gleichmaß, wie ein gregorianischer Choral oder ein byzantinischer Hymnus. Auch diese Musik ist, wie die bildnerischen Werke, nicht nur historisch, sondern immer neuer, aktueller Lobpreis.
Deshalb sollte man, sollten wir auch hier um uns all die Exponate besser als Lebens-Zeugnisse oder Werke existenzieller Rückbeziehung bezeichnen. Religio eben und so stehen sie in ihrer Gesamtheit als Zeichen der Verbindung zwischen Himmel und Erde. Könnte man sagen, sie sind so etwas wie Himmelsleitern?
Raimer Jochims notierte einmal, sich an seine Anfänge erinnernd, er hätte lieber Ikonen als neue Bilder gemalt, aber gewusst, dass es angesichts der Welt des Fortschritts in der Industriegesellschaft für ihn nötig gewesen sei, andere, neue Bilder zu finden, um den alten Sinn zu retten.
Das sind die tieferen Ebenen, die der Künstler, dieser homo religiosus, in seinen Werken auslotet. Schaffend und sammelnd bedenkt und malt und erarbeitet er sie sich als Einsichten, ganz buchstäblich. Er macht sie uns zugänglich, lässt uns die gemeinsame Basis all der Werke spüren, die er mitgebracht hat, um sie hier in den Räumen der Katholischen Akademie vor unseren Augen auszubreiten, wo sie nun, um im Bild zu bleiben, ihren Chor anstimmen können. Einen Chor der Vielstimmigkeit, wie sie schon an der Hängung, die von Raimer Jochims selbst so veranlasst worden ist, sehen können. Fast haben wir hier so etwas wie ein Notenbild, eine Partitur – der Höhen und Tiefen, der Leichtigkeit und der Schwere, der Kraft und der Zartheit. Manche seiner Bilder haben etwas objekthaftes, andere sind leicht wie ein Hauch – vor allem die Zeichnungen. Es ist eine Schwingung, die wir sehen, eine, die im Gleichgewicht ist.
Dabei zeigt die Ausstellung nur einen kleinen Einblick in die Fülle des Jochim’schen Werkes. Dieses Werk umfasst schließlich das über 60 Jahre währende, erfahrungsgesättigte Künstlerleben und Lehren und Arbeiten und Sehen und Denken und Erfahren dieses Weltwahrnehmers, Philosophen, Erkenntnisgewinners und Bilder- und Wortverkünders, der sieht und lebt und lehrt, was er zeigt. Und der die Schwingungszustände des Seins mit seiner Kunst, mit seinem Leben in ein fein austariertes Gleichgewicht zu bringen trachtet. Ein wie er es nennt, „Schwingungsgleichgewicht von Materie und Energie, von Seele und Geist, das den Leib eint.“
In einer Welt der Dissonanzen will er versöhnen, zur Einheit beitragen, Ruhe und Sammlung aussenden. Mit seinem tätigen, bewussten Leben in der Schöpfung, deshalb mit seinen zarten Zeichnungen der Pflanzen und auch mit seiner Farbmalerei, deren je nach Bild unterschiedliche Energie unterschiedliche organische Formen verlangt.
Das ist schon im Arbeiten in der Tat ein dynamischer Ausgleichsprozess. Raimer Jochims belässt den papierenen Malgrund nicht wie üblich in der vorgegebenen, geometrischen Form rechteckig oder rund. Vielmehr reißt er ihn und gibt ihm seine je eigene, objekthafte Gestalt, die den Farben entspricht. Ein Wechselspiel, das die Kräfte der Farben sichtbar macht und sie fließen lässt.
Den Prozess hat er einmal selbst so beschrieben: „Wenn eine neue Bildidee herangereift ist, eine neue Farbform gefunden, realisiere ich sie zuerst im kleinen Format, aber es darf nicht zu klein sein. Man kann auf einem Stuhl nicht tanzen. Aber ich behalte den Farbsatz nie genau bei, wenn ich größer werde, denn auf einer großen Fläche tanzt man mit mehr Schwung: Dann wird die Form dynamischer, die Kurven werden spannungsreicher. Aber die Fläche darf nicht zu groß werden. Auf einem Fußballfeld zu tanzen, ist komisch. Es dürfen auch die Wände und Räume für meine Bilder nicht zu groß sein. Die Tanzfläche tanzt mit. Das Paar heißt Farbe und Fläche, sie tanzen im Umriss – und der Tanz ist das Bild.“
Farbe und Fläche. Wir könnten auch sagen: Farbflächiges, aber nicht Flaches. Getanzt wird mit Leichtigkeit, trotz mancher Schwere. Sich hineinsehend, vertiefend lässt sich immer Neues entdecken, erkennen, nachsehen: Farbverläufe zwischen Warm und Kalt, zwischen Vordergrund und Hintergrund, zwischen Fläche und Tiefe, opaker Verschlossenheit und erkennbarer Transparenz.
Räume öffnen sich, die fast schon an barocke Decken erinnern, an einen Kosmos tanzender Farbenspuren im Grünblau kühl getönten Raum, der zum Rot hin wärmer wird, ins warme Orange übergeht und im hellen, wieder kühler werdenden Gelb abschließt. Sie, die Farbenspuren, zeigen in der bis in die gerissenen Ränder organischen Fläche des Bildes keinen Walzer, keine behäbige Polka, kein nach strengen Formen choreografiertes Menuett, sondern ein presto, wenn nicht gar prestissimo. Ein dynamisches, doch ein wohl geordnetes Durcheinander, wie es zuweilen in der Bach’schen Musik zu hören ist.
Bewegung und Dialog, wie eben das Leben im Kosmos.
Oder zwei einander zugewendete Formen, im Foyer zusehen – nein, auch das keine monochrome Malerei, sondern ein pas de deux der Farbformen und der Rot und Grüntöne. Dunkler werdend nach unten, schwerer und gut gegründet, nach oben hin lichter, leichter, aufstrebend, schwebend. Farbe, sieht man, bedarf immer der Form, die ihrerseits der Farbe entspricht. Die Assoziation drängt sich auf zur Einheit von Körper, Geist und Seele. Die Bilder führen, jenseits jeder Sentimentalität, vor Augen, dass es stets um die Verbindung geht, den ständigen Dialog, und dass das eine nicht ohne das andere möglich ist – wie der Apostel Paulus es im ersten Korintherbrief ausdrückt: „Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Verherrlicht also Gott in eurem Leib! “ und im Ersten Korintherbrief formuliert der Apostel die Bitte, dass Gott unseren Geist samt Seele und Leib unversehrt bewahren möge. Die Einheit der Individuen. Und der Ausgleich. Darum geht es in den Bilder von Raimer Jochims. Er, der sagt, er arbeite „wie im Mittelalter in majorem Dei gloriam “. Und damit nicht nur die Menschen meint, für die er seine Erkenntnisse künstlerisch formuliert, sondern wiederum auf die Einheit der Schöpfung verweist: „Ich arbeite für die Erde. Die Steinarbeit ist eine stellvertretende, geduldige Bemühung um Erdbesänftigung.“ Erdbesänftigung: welch einen Ausdruck von Behutsamkeit wählt er da. Dann schreibt er weiter: „Ich arbeite auch für Pflanzen und Tiere und für die Elemente, und für die Menschen.“ Und, fast verschämt, setzt er an den Schluss: „Und für den Markt. – Das ist die Reihenfolge.“ Entspricht das nicht dem Benediktinischen ora et labora? Diesen Schluss könnte man schon ziehen, nicht nur angesichts des klosterähnlichen Anwesens in Hochstadt bei Frankfurt, sondern auch angesichts der Ausstellung hier.
Jedenfalls wird hinter solchen Notizen wie angesichts dessen, was wir hier sehen, die Bescheidenheit des Künstlers sichtbar.
Raimer Jochims ist kein Spektakelmaler, nimmt den Mund nicht voll, zielt nicht auf spektakuläre Außenwirkung, stilisiert sich nicht, um anzukommen in der Szene, ist kein Kraftmeier, der Rätselhaftes produziert oder mit großer Geste Tabubrüche zelebriert, wie so mancher bekannte Maler. Sondern er beschäftigt sich stetig und bis heute mit dem, was er „Schwingungsausgleich“ nennt im Sinn eines austarierten und doch spannungsreichen Gleichgewichts von Körper und Farbe und damit auch Raum und Licht. Deshalb notiert er, dass Malerei mit Farbenergien zu tun habe und „ein Schwingungsgeschehen in Ruhe“ verkörpere. Und dann setzt er seine Definition wie ein Ausrufungszeichen dazu: „Das ist das Bild“.
Es ist erlaubt hier an eine seiner Ikonen zu denken. An jenen in einen fast türkisen Umhang gehüllten Christus, der, mit den Blitzen der Erleuchtung im Antlitz, aus dem Bild heraus- und die Betrachtenden anblickend die Welt segnet und ihr das Buch, den Logos, entgegenhält, und das aus einem abstrakten Farbraum aus leuchtendem Ocker, leichtem Grau und Türkis, glänzendem Silber und warmen Gold heraus. Schönheit, in Worten nicht wieder zu geben.
Wie auch Jochims hier in der Kapelle ausgestelltes Kreuz in seiner Form und Leichtigkeit des Farbenspiels kaum in Worte zu fassen ist. Ich war wirklich überrascht, welch aufregenden Dialog dieses heitere Kreuz mit dem Altarbild von Jerry Zeniuk führt, und wie es mit dem gekreuzigten Christus am Altar spricht, dessen Mund das Lächeln der Seligen umspielt. Nicht das Leiden steht bei Jochims Kreuzbild oder Bildkreuz im Vordergrund, sondern Bewegung und Farbe, die Leichtigkeit eines unfassbar schweren, existenziellen Geschehens. Organisch einmal mehr die Formen, und sichtbar die Offenheit der Richtung, nach allen vier Seiten hin, dazu das Blau der Ferne, des Unendlichen, das Rot der Wärme, das Grün der Erde und das Gelb des Lichtes, vielleicht auch der Sonne. Und dann die Mitte, das graue Viereck, Ruhepol, Auge des Sturmes vielleicht, jedenfalls eine grundlose, undurchdringliche, opake Farbe, die nichts preisgibt. Ein geradezu zugemaltes Grau, das das innerste Zentrum und seine Tiefe verbirgt, aber doch erahnbar werden lässt. Verbergen und Offenbaren. „Es geht“, schreibt Raimer Jochims, „um den Frieden jenseits von Ich und Welt. Aber den erreiche nicht ich. Er erreicht mich.“
Bei der Arbeit mit den Steinen. Beim Malen, beim Zeichnen dieser unendlich zarten, zerbrechlichen und ephemeren Pflanzen, die doch so voller Kraft, Stärke und Lebenswillen sind, was der Künstler hier auf den Blättern in sicheren, klaren und überaus genauen Linien uns beinahe körperlich vermittelt. Bei seiner täglichen Leben, im Haus, im Atelier, in den Räumen, in denen er seine wahlverwandten Ahnen, die gesammelten Objekte aus anderen Kulturen und fernen Zeiten bewahrt, mit ihnen kommuniziert, die wie die Blumen, die Gräser, die Bäume, die Tiere einfließen und aus dem „Einst“ in das „Jetzt“ kommen – aufgehobene Zeit. Gegenwart. Wir können nun teilhaben an dem vielstimmigen Chor.