I.
In seiner Regensburger Vorlesung, die 2006 hellsichtig vor der mörderischen Verquickung von Religion und Gewalt warnt, hat Papst Benedikt XVI. an eine kleine Szene erinnert, die, wie sich im Rückblick erkennen lässt, einen großen Schritt auf dem Weg zur Christianisierung Europas, aber auch zur Entstehung einer weltweiten Christenheit bedeutete. Lukas erzählt in der neutestamentlichen Apostelgeschichte von einer nächtlichen Vision, die Paulus auf einer Missionsreise in Troas hatte, auf dem Gebiet des homerischen Troja; dieses Gesicht habe er als Einladung zur Missionierung jenes Erdteils nördlich des Mittelmeeres gedeutet, der seit dem griechischen Historiker Herodot im 6. Jahrhundert vor Christus „Europa“ genannt wird. Ich zitiere aus der Regensburger Vorlesung: „Die Vision des heiligen Paulus, dem sich die Wege in Asien verschlossen und der nächtens in einem Gesicht einen Mazedonier sah und ihn rufen hörte: Komm herüber und hilf uns (Apg 16,6-10) – diese Vision darf als Verdichtung des von innen her nötigen Aufeinanderzugehens zwischen biblischem Glauben und griechischem Fragen gedeutet werden.“
Die Wortwahl Benedikts ist gewohnt präzise. Auf der Seite der Bibel steht das Glauben, auf der Seite der Griechen das Fragen. Auf der Seite der Bibel steht deshalb das Glauben, weil man nur glauben kann, dass Gott, wie Paulus es etwas später auf dem Areopag vor Philosophen sagen wird, „den Erdkreis in Gerechtigkeit richten wird, durch einen Mann, den er dazu bestimmt und vor allen Menschen dadurch ausgewiesen hat, dass er ihn von den Toten auferweckte“ (Apg 17,31). Auf der Seite der Griechen aber steht deshalb das Fragen, weil die Philosophie die Suche nach Wahrheit umtreibt und weil sie Kritik übt, nicht nur an jeder wissenschaftlichen Aussage und an jeder gesellschaftlichen Übereinkunft, sondern auch an jeder Religion.
Folgt man Benedikt in der Regensburger Vorlesung, ist es „von innen her nötig“, dass biblisches Glauben und griechisches Fragen aufeinander zu gehen. Sie werden nicht ineinander überführt; Glauben bleibt Glauben, Fragen bleibt Fragen. Aber die These der Vorlesung lautet: Es ist für den Glauben notwendig, sich dem Fragen zu stellen, der Suche und der Kritik, weil er sonst nicht Glauben wäre, sondern so täte, als ob er alles schon durchschaute – so wie es auch für das philosophische Fragen notwendig ist, den Glauben nicht aus-, sondern einzublenden, weil es sonst auf dem wichtigen Gebiet der Religion das Fragen versäumen oder gar verbieten würde.
Für den Glauben ist das Fragen nötig, weil er selbst von der Suche nach Wahrheit angetrieben wird, von der Kritik aller menschlichen Gottesbilder, vom Ruf nach Gott, der sich verbirgt, wenn er sich offenbart, und die dunkelste Stunde von Golgotha in das hellste Licht des Ostermorgens taucht. Für das philosophische Fragen ist das Glauben nötig, weil es immer voraussetzen muss, dass dieses Fragen Sinn macht. Der Glaube, der sich den philosophischen Fragen stellt, weiß vor allem eines: dass er nur Glaube ist; und die Philosophie, die sich dem Glauben stellt, erkennt vor allem eines: dass sie nur Fragen ist. Der Glaube, den das Fragen nötig hat, ist nicht mit jenem identisch, der das Fragen braucht. Aber er ist ihm auch nicht fremd. Der Glaube an den Sinn, den der Berliner Philosoph Volker Gerhardt als Basis jeder Wissenschaft postuliert, ist das moderne Korrelat jener theologia naturalis, die nie das Wie des Handelns Gottes, aber doch das Dass seines Seins wahrscheinlich zu machen unternommen hat. Der Glaube jedoch, der durch das Hören auf das, was er als Gottes Wort vernimmt, zur Konkretion im Gottesdienst, in der Lehre und in der Diakonie führt, zerstört die natürliche Gotteserkenntnis nicht, sondern führt sie zum Bewusstsein ihrer selbst. Der christologisch konkretisierte Glaube gibt zu denken. Er entzaubert jeden Wissenschaftsglauben, indem er die Endlichkeit aller irdischen Existenz und damit die Vorläufigkeit jeder Erkenntnis wahrnimmt, ohne an der Möglichkeit eines Vorgriffs auf wahre Erkenntnis zu verzweifeln.
II.
Europa ist der Boden jener Begegnung von Theologie und Philosophie, von Glauben und Fragen geworden, die heute den Widerstand zivilisierter Gesellschaften gegen den Fundamentalismus begründet, die Option für die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe, das Postulat einer Aufklärung, die sich über sich selbst aufklärt und deshalb nicht nur Religionsfreiheit garantiert, sondern auch das gesellschaftliche Interesse organisiert, die Menschheitserfahrungen, die von den Religionen gespeichert werden, in das öffentliche Gespräch einzubringen, das über Gerechtigkeit und Solidarität, Freiheit und Verantwortung geführt wird. Dieses Thema haben Joseph Ratzinger und Jürgen Habermas 2004 in dieser Akademie eingehend erörtert, nicht ohne eine ziemlich weitgehende Übereinstimmung zu erzielen.
Schon das Judentum der Antike hat seinen Glauben an den einen Gott nicht nur im Land der Verheißung, sondern notgedrungen auch in der Diaspora gelebt; mitten unter den Völkern hat es den Versuch gestartet, mit Hilfe der Philosophie die Theologie zu durchdringen und mit Hilfe der Theologie die Philosophie. Die ersten Christen, die sich auf die Mission über Judäa, Galiläa und Samaria hinaus zu den Völkern gemacht haben, waren weit davon entfernt, diese philosophische Theologie eines Judentums, das Griechisch konnte, zu verachten. Aber sie mussten radikal neu denken, weil es ihr Auftrag war, den Menschen Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten, als den menschgewordenen Sohn Gottes zu verkünden, der, von den Toten auferstanden, der „Urheber des Lebens“ (Apg 3,15) geworden ist, so Petrus laut Lukas im Tempel von Jerusalem.
Diese Mission hat Europa geprägt. Wie sie den Kontinent verändert hat, zeigt die Fortsetzung der nächtlichen Vision beispielhaft. Paulus kommt mit den Seinen zuerst nach Philippi (Apg 16,12-40). Was dort geschieht, ist programmatisch. Der erste Mensch, der getauft wird, ist eine Frau, die gottesfürchtige Lydia, die ihr Haus als Missionsstation öffnet. Die erste Tat, die von Paulus überliefert wird, ist die Befreiung einer Sklavin von bösen Geistern, die sie zur Wahrsagerei gezwungen haben. Die erste öffentliche Erklärung, die Paulus abgibt, ist ein Plädoyer für das Recht auf freie Religionsausübung und Meinungsäußerung, das ihm bestritten worden war. Die Quintessenz ist von atemberaubender Aktualität. Das Christentum hat Europa die Gleichberechtigung der Frauen gebracht; es hat Europa vom Aberglauben befreit; es hat Europa die Idee eines Rechts gegeben, das der Freiheit dient. Für all das ist der Glaube verantwortlich, der sich den kritischen Fragen stellt, aber auch darauf setzt, dass kritische Fragen nicht unterdrückt, sondern gestellt werden, sodass der Glaube gefeiert, gelehrt und in der Liebe gelebt werden kann, nicht nur privat, sondern auch öffentlich.
Freilich hat Europa auch die Mission verändert. Durch die Begegnung mit den Griechen, durch die Auseinandersetzung mit der Philosophie, durch die Annahme der Religionskritik ist das Evangelium polyglott geworden. In Europa haben die Missionare gelernt, dass es nicht nur die Europa zugewandte Seite Gottes spiegelt, wie der Kulturprotestant Ernst Troeltsch eingangs des 20. Jahrhunderts meinte, sondern dass es den einen Glauben für alle in der einen Kirche für alle zu Wort kommen lässt. Dazu musste es mit der griechischen Philosophie die Wahrheitsfrage stellen und mit dem römischen Recht im politischen System die Gerechtigkeit suchen, soweit es die schwachen Kräfte erlaubten.
Gleichwohl wirft schon der hoffnungsvolle Aufbruch lange Schatten. Ja, es ist ein Gewinn an Menschlichkeit, die eigene Person, aber auch jeden anderen Menschen als Gottes Ebenbild zu sehen. Es ist beglückend, glauben zu dürfen, von Gott geliebt zu sein und diese Liebe weitergeben zu können. Es ist schön, zu einer Kirche der vielen Nationen, der vielen Sprachen, der vielen Gesichter und Geschichten zu gehören, einer Kirche mit dem einen Glauben, der einen Taufe und der einen Eucharistie. Aber wer die Paulusbriefe liest, erkennt, dass es von Anfang an harten Streit um den richtigen Weg der Verkündigung und des Gemeindeaufbaus gegeben hat, mit der Exkommunikation als Ultima Ratio (Gal 1,6-9). Die Apostelgeschichte intoniert nicht den Triumphmarsch der Weltmission, sondern zeigt die menschlich-allzumenschlichen Schwächen derer, denen Jesus seine Botschaft anvertraut hat, vom Leugner Petrus, der doch ein Bekenner, bis zum Verfolger Paulus, der doch ein Verkünder geworden ist. Das Ende der Apostelgeschichte ist offen: Die große Mehrheit der Juden Roms wird nicht überzeugt, und wie der Prozess gegen Paulus vor dem Kaiser ausgeht, wird nicht erzählt; der Konflikt schwelt weiter.
III.
Die weitere Geschichte zeigt eine hohe Ambivalenz. Einerseits belegt jedes Krankenhaus, jeder Kindergarten, jede Sozialstation die außerordentlichen Humanisierungseffekte des Christentums. Von den Seligpreisungen über die Segnung der Kinder bis zum Samaritergleichnis und weit darüber hinaus reichen die Impulse Jesu, coram Deo die Würde und das Recht, wie man philosophisch und juristisch sagen kann, eines jeden Menschenkindes zu achten, jung oder alt, reich oder arm, gesund oder krank, geboren oder ungeboren. Die Geschichte des Sozial- und Rechtsstaates gehört in die Wirkungsgeschichte des Christentums. „Bildung“ ist ein genuin christliches Wort. „Freiheit“ hat durch das Christentum die Hoffnung gewonnen, am Tod nicht zu enden. „Gott ist Liebe“ (1 Joh 4,8.16), kann nur sagen, wer den einen Gott als Vater, als Sohn, als Heiligen Geist glaubt; deshalb kann mit festem Glauben geschrieben werden: „Wer sagt: ‚Ich liebe Gott‘, und seinen Bruder hasst, ist ein Lügner; denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er gesehen hat, kann Gott nicht lieben, den er nicht gesehen hat. Und dieses Gebot haben wir von ihm: Wer Gott liebt, liebt auch seinen Bruder“ (1 Joh 4,20-21). Das ist die Summe biblischer Theologie, der Glutkern christlichen Glaubens, der Auftrieb menschlicher Ethik.
Andererseits ist das Antlitz Europas durch Religionskriege tief verwundet, die unter Christenmenschen mit Berufung auf Gott ausgetragen worden sind; es ist durch Ehen von Thron und Altar entstellt, die angeblich den Glauben fördern, tatsächlich aber die Macht sichern sollten, meist unter aktiver Beteiligung von Kirchen. In diesem Jahr richtet sich der Blick auf die Reformation wie die katholische Reform und nicht nur auf ihre hellen, sondern auch auf ihre dunklen Seiten – mit den gewaltsamen Ausbrüchen angeblich heiligen, tatsächlich blasphemischen Hasses, der bis hin zum Nordirlandkonflikt immer wieder auflodert, und mit ihrem konfessionellen Konformitätsdruck, der bis in unsere Tage Unfrieden in Familien stiftet. Über der Spaltung der lateinischen darf aber das Auseinanderdriften der orthodoxen und der römischen Christenheit nicht vergessen werden, das ein halbes Jahrtausend früher manifest geworden ist und gleichfalls eine Spur der Gewalt zieht; noch die Balkankriege ausgangs des 20. Jahrhunderts und die Ukraine-Krise heute sind von den Folgen nicht frei.
Zwar werden Soziologen, Politologen und Ökonomen nicht müde, soziale, politische beziehungsweise ökonomische Ursachen als weit wichtiger denn religiöse für die Entstehung aggressiver Konflikte und für die Exklusion Anderer einzuschätzen. Aber so wenig theologische Faktoren isoliert werden können – die christlichen Kirchen sollten sich nicht mit solchen Theorien beruhigen. Denn sie trauen dem Glauben auch keine Problemlösung zu. Wenn die Kirchen selbstkritisch bleiben, müssen sie bekennen, dass gerade der Glaube, der durch den Heiligen Geist die Kraft hat, jede Grenze zu überschreiten und jeden Hass in Liebe zu verwandeln, in der Hand der Menschen zu einer Waffe werden kann, die anderen ins Gesicht schlägt, weil sie nicht die wahre Religion, nicht die echte Moral oder auch nur nicht das richtige Gesangbuch haben.
Mit der Einsicht in diese Versuchung, die gerade die Kehrseite der Verheißung wahrer Gottesliebe ist, und mit dem Bekenntnis des eigenen Versagens beginnt jene Versöhnung, die der Christenheit aufgetragen, zu der sie aber auch selbst aufgerufen ist, weil sie sich ihr ganz und gar verdankt. „Gott war in Christus“, schreibt Paulus den Korinthern, „da er die Welt mit sich versöhnt hat, der er ihnen ihre Übertretungen nicht angerechnet und unter uns das Wort der Versöhnung aufgerichtet hat“ (2 Kor 5,19). Aus diesem Glaubensbekenntnis zieht der Apostel die Schlussfolgerung: „So sind wir nun Gesandte an Christi statt; wie Gott durch uns mahnt; für Christus bitten wir: Lasst euch mit Gott versöhnen“ (2 Kor 5,20).
Polytheistische Religionen, wie Europa sie vor dem Christentum kannte, sehen keine Möglichkeit der Versöhnung, sondern die ewige Wiederkehr des Gleichen. Opfer dienen dazu, eine zürnende Gottheit zu besänftigen oder eine höhere Macht gar nicht erst auf böse Gedanken kommen zu lassen. Denn die Vielzahl der Götter erhöht gerade nicht, wie die Moderne es gerne an den Himmel projiziert, die religiösen Wahlmöglichkeiten, sondern im Gegenteil die Zahl religiöser Pflichten, immer in der Angst, die Aufmerksamkeit, die der einen Gottheit gezollt wird, könne den Neid der anderen erregen. Eine Versöhnung, die mit der Vergangenheit abschließt und einen neuen Anfang eröffnet, gibt es aber im Horizont des Monotheismus, weil diese Versöhnung die Dimensionen einer neuen Schöpfung hat (2 Kor 5,17). Die christologische Konkretion und die pneumatologische Transzendenz des Monotheismus erhellen, dass die Versöhnung nicht nur höchster göttlicher Heilswille, sondern zugleich tiefste menschliche Anteilnahme ist. Aus diesem Grund braucht Europa, braucht die Welt, die an der Möglichkeit einer tiefen Versöhnung nicht verzweifeln will, die unverkürzte Verkündigung des Evangeliums von Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Dass es in der orthodoxen, der evangelischen, der katholischen Theologie unterschiedliche Ansätze und Denkformen gibt, ist kein Schade, sondern ein großer Reichtum, der im Zuge der europäischen Einigung besser miteinander geteilt werden kann als im Zeichen des Nationalismus.
Zur Versöhnung, die dem Christentum in Fleisch und Blut übergeht, wenn es seinen Namen nicht zu Unrecht trägt, gehört die Annahme der Gegenwart: mit der Fähigkeit zur Unterscheidung der Geister, also zur prophetischen Zeitkritik, aber auch mit der Fähigkeit, die Zeichen der Zeit zu erkennen, die Möglichkeiten für die Kommunikation des Evangeliums zu nutzen, die sich heute bieten, und vor allem die Menschen zu lieben, wie sie sind, damit sie nicht bleiben, die sie sind, sondern neue Menschen werden können – und die Boten des Evangeliums mit ihnen. Europa ist heute der Kontinent, in dem niemand zum Glauben gezwungen wird und mehr Menschen als anderswo säkulare Welten entwerfen, in denen sie leben wollen. Für die Kirchen ist diese Freiheit keine Bedrohung, sondern eine Chance, auf den Glauben zu setzen, ohne das Fragen zu vergessen, und auf das Fragen, ohne das Glauben zu verdrängen.
IV.
Freilich wird diese Chance verspielt, wenn die Kirchen selbst nicht miteinander versöhnt sind: wenn die Katholiken nicht anerkennen wollen, dass es guten Glaubens auch Evangelische wie Orthodoxe gibt und vice versa. Diese Anerkennung aber zählt nur, wenn sie nicht letztlich aus Gleichgültigkeit, sondern aus Glaubenserkenntnis erfolgt. Das ist die Stunde der Ökumene. Sie ist in Europa entstanden; sie ist auch im Kontinent mit den vielen Katholiken, Protestanten und Orthodoxen, mit den vielen religiösen Analphabeten, mit den antichristlichen Diktaturen des 20. Jahrhunderts von besonderer Wichtigkeit.
Faule Kompromisse stiften neuen Unfrieden. Eine Ökumene, die nur den status quo absegnet, braucht niemanden zu interessieren. Aber eine Ökumene, die, wie es in der Bibel grundgelegt wird, die Kirche zur Umkehr ruft und eine Einheit sichtbar werden lassen will, die auf der gemeinsamen Anteilhabe an Jesus Christus selbst beruht, hat eine außerordentliche Bedeutung, nicht nur für die Kirche, sondern für ganz Europa und darüber hinaus. In seinem Werk „Schauen auf den Durchbohrten“ schrieb Joseph Ratzinger 1984: „Die Einheit der Kirche, die auf die Liebe des einen Herrn gegründet ist, zerstört nicht das Eigene der einzelnen Gemeinden, sondern baut und hält sie als wirkliche Kommunion mit dem Herrn und untereinander“.
Es gibt eine „Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa“; es gibt auf katholischer Seite den „Rat der Europäischen Bischofskonferenzen“ und die „Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft“; es gibt in Brüssel ein Büro der orthodoxen Kirchen; es gibt, ohne die katholische Kirche, die „Konferenz Europäischer Kirchen“; es gab, mit katholischer Beteiligung, die ökumenischen Versammlungen in Basel (1989), Graz (1997) und Sibiu (2007). Das ist nicht wenig. Gleichwohl fehlt es an einer klaren Stimme der vereinten Christenheit auf dem europäischen Kontinent – weil es an einer überzeugenden Botschaft oder weil es an effektiver Organisation fehlt? Nach Jahrhunderten der Entfremdung und der Anfeindungen hat längst die Stunde der Versöhnung geschlagen. Es ist eine große Aufgabe, die vorhandenen Strukturen zu reformieren und die erreichte Versöhnung in einer Einheit sichtbar werden zu lassen, die Gläubige wie Ungläubige erkennen können. Dass Versöhnung möglich ist, wenn sie auf Gott gründet, weil er durch jedes Ende hindurch Zukunft schenkt, ist die entscheidende Botschaft – und dass die Kirchen mit gutem Beispiel vorangehen, ihre genuine Berufung.
Ohne christliche Politiker wie Robert Schumann, Alcide de Gasperi und Konrad Adenauer hätte es die europäische Friedensunion nicht gegeben. Ohne das Christentum verliert Europa seine Seele. Mit dem Christentum kann es sich so entwickeln, dass es nicht nur eine Wirtschafts-, sondern eine Wertegemeinschaft ist, die sich der irdischen Gerechtigkeit verpflichtet weiß, ohne sie mit der himmlischen zu verwechseln. Europa braucht die spirituellen und ethischen Ressourcen der Christenheit dringender denn je.