I.

 

Bei der Frankreich-Wahl stand heuer das politische Schicksal Europas auf dem Spiel. 40 Prozent der Franzosen haben im ersten Wahlgang Europa-Gegner gewählt. Falls die Präsidentschaftskandidatin namens Le Pen ihr angekündigtes Ziel, die Europäische Union zu verlassen, hätte verwirklichen können, wäre Europa in eine lebensbedrohliche Krise mit ungünstigen Genesungsperspektiven geraten. Die deutsch-französische Achse als Motor der Europäischen Einigung wäre zerstört gewesen, die Idee eines politisch geeinten Europas hätte unermesslichen Schaden erlitten. Es stimmt mich zuversichtlich, dass die Wähler in Frankreich diese Lösung nicht wollten, aber die Wahlentscheidung in Frankreich war ein Wetterleuchten für andere Staaten Europas.

In Deutschland gibt es eine Partei, die für einen Austritt unseres Vaterlandes aus der Friedensgemeinschaft der Europäischen Union bei der Wahl im September dieses Jahres wirbt. In wiederum anderen Mitgliedsstaaten der EU können wir einen zersetzenden Prozess beobachten, wenn Europäisches Recht vor aller Augen außer Kraft gesetzt wird, einfach nicht angewandt wird – auch in Deutschland.

In Berlin wird einer Lehrerin durch die Landesregierung untersagt, ein Kettchen mit Kreuz zu tragen, berühmte Fußballclubs in Spanien verzichten auf ihr Kreuz im Wappen, um bessere Geschäfte in Arabien zu machen. Gipfelkreuze wurden in bayerischen Werbeprospekten für den arabischen Markt wegretuschiert. Die großen christlichen Kirchen, insbesondere auch meine katholische Kirche hat schon bessere Zeiten gesehen, was Attraktivität und Zahl der Gläubigen betrifft. Ähnlich wie in den Jahren zuvor haben im Jahr 2015 deutlich über 200.000 Katholiken ihre Kirche in Deutschland verlassen. In der protestantischen Kirche eine nahezu identische Zahl. Auch wenn man Zuwächse bei christlichen freikirchlichen Gemeinschaften mit einbezieht: Setzt sich dieser Trend von deutlich über 400.000 Einzelentscheidungen, den großen christlichen Kirchen den Rücken zu kehren, ungebremst fort, welche prägende Substanzkraft hätte dann ein in 10 Jahren um die Einwohnerzahl Thüringens und Sachsen-Anhalts geschrumpfte Zahl von Christinnen und Christen in unserem Land? Welche Kraft würde eine dynamisch wachsende Zahl von Muslimen entfalten?

Papst Benedikt beschäftigt diese Entwicklung intensiv, wie dem Buch von Peter Seewald mit dem Titel „Letzte Gespräche“ zu entnehmen ist, das vor wenigen Monaten erschienen ist. Nüchtern stellt er in diesem großartigen Gesprächsband fest: „Der Glaube in Europa schwächt sich allerdings so ab, dass es schon von daher nur noch begrenzt die eigentliche impulsgebende Kraft der Weltkirche und des Glaubens in der Kirche sein kann.“ Papst Benedikt beklagt die Macht der Bürokratien, die Theoretisierung des Glaubens, die Politisierung und den Mangel an einer lebendigen Dynamik. Aber Papst Benedikt belässt es nicht bei der Betrachtung der Wirklichkeit, sondern zeigt Wege auf wie Europa seine Seele bewahren kann. Politisch und spirituell.

Denn eines ist klar: Auch wenn Europa und zumal Deutschland in einem schmerzlichen jahrhundertelangen Prozess zur Trennung von Politik und Religion gefunden haben, zu einem Prozess der Balance, der Kooperation, des gegenseitigen Durchdringens von Staat und Kirche ohne Identitäten zu vermischen, vom Investiturstreit und der Zwei-Schwerter-Lehre des Mittelalters, von der Frage, wer das Letztentscheidungsrecht politisch hat, hin zu einer in Konkordaten geregelten Zusammenarbeit, so steht dennoch fest: Eine völlige Zusammenhangslosigkeit zwischen sinkenden Zahlen christlicher Gläubiger und politischer Identität Europas auf christlich-jüdischer Grundlage lässt sich schwer leugnen.

 

II.

 

Kardinal Ratzinger und Papst Benedikt war Europa immer ein Herzensanliegen. Der Name Benedikt ist ein europäischer Programmsatz. Der heilige Benedikt von Nursia war einer der Baumeister eines Europas in geistlicher und kultureller Einheit. Mit den Klostergründungen der Benediktiner entstand die Wirklichkeit, die wir heute Europa nennen. Für uns in Bayern – das darf ich als geborener Münchner sagen – wäre das Entstehen einer bayerischen Staatlichkeit in der Geschichte fraglich ohne die Klöster. Benediktiner-Klöster haben Bayern Identität in den letzten Jahrhunderten des ersten Jahrtausends nach Christus ermöglicht. Max Spindler schreibt in seinem grundlegenden Handbuch der bayerischen Geschichte: „Der Neuansatz des Christentums in Bayern erhielt durch die vorwiegend von Mönchen getragene Mission einen starken klösterlichen Einschlag.“ Zugespitzt formuliert: Ohne Klöster gäbe es kein Bayern.

Als damaliger Präfekt an der Spitze der Glaubenskongregation hielt Kardinal Ratzinger im November 2000 in der Bayerischen Landesvertretung in Berlin eine prophetische Rede zum Thema „Europas Kultur und ihre Krisen“. Dabei beschrieb er die Grundlagen Europas durch das Mönchstum, „das in den großen Erschütterungen der Geschichte der wesentliche Träger nicht nur der kulturellen Kontinuität, sondern vor allem der grundlegenden religiösen und sittlichen Werte geblieben ist und als vorpolitische und überpolitische Kraft auch zum Träger der immer wieder nötigen Wiedergeburten wurde.“

Damals im Jahr 2000 erregte die Konzeption einer europäischen Verfassung, die Europäische Grundrecht-Charta die interessierte Öffentlichkeit. Heute wissen wir, dass diese Grundrecht-Charta eine sehr überschaubare Wirkung in Europa entfaltet hat. Wobei aber ihr Grundansatz richtig war. Europa kann nicht nur eine Wirtschaftsgemeinschaft bleiben, eine geschäftsmäßige Organisation von Nationen, die Handel treiben, ihren Vorteil suchen und gemeinsame Werte ganz weit hinten anstellen.

Und exakt diese Werte mahnte der damalige Kardinal Ratzinger an und im Hinblick auf die damals schon erkennbaren krisenhaften Zuspitzungen von Europas Zukunft und gleichzeitig der Attraktivität unseres Kontinents. Erwartungen aus vielen anderen Kulturen, Europa möge nicht nur wirtschaftlich-technologisch, sondern vor allem mit seinen Werten die Welt retten, formulierte Kardinal Ratzinger seherisch: „Europa scheint in dieser Stunde seines äußersten Erfolges von innen her leer geworden, gleichsam von einer lebensbedrohenden Kreislaufkrise gelähmt, sozusagen auf Transplantate angewiesen, die dann aber doch seine Identität aufheben müssen. Diesem inneren Absterben der tragenden seelischen Kräfte entspricht es, dass auch ethnisch Europa auf dem Weg der Verabschiedung begriffen erscheint. Es gibt eine seltsame Unlust an der Zukunft. Kinder, die Zukunft sind, werden als Bedrohung der Gegenwart angesehen.“ Die linksorientierte, in Berlin erscheinende TAZ berichtet kritisch von dieser Veranstaltung: Der Kardinal habe auch ein klares Wort zur Homo-Ehen-Problematik im Entwurf dieser Europäischen Verfassung vermisst, so wie er auch auf die Schwangerenkonfliktberatung eingegangen sei.

Bei seiner historischen Rede vor den Abgeordneten des Deutschen Bundestags am 22.09.2011, die sich letztlich an alle Parlamentarier weltweit gerichtet hat, benennt Papst Benedikt die Grundlagen einer erfolgreichen und für die Menschen glücklichen Politik in Europa: „An dieser Stelle müsste uns das kulturelle Erbe Europas zu Hilfe kommen. Von der Überzeugung eines Schöpfergottes her ist die Idee der Menschenrechte, die Idee der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, die Erkenntnis der Unantastbarkeit der Menschenwürde in jedem einzelnen Menschen und das Wissen um die Verantwortung der Menschen für ihr Handeln entwickelt worden. Diese Erkenntnisse der Vernunft bilden unser kulturelles Gedächtnis. Es zu ignorieren oder als bloße Vergangenheit zu betrachten, wäre eine Amputation unserer Kultur insgesamt und würde sie ihrer Ganzheit berauben.“ Dieser Rat von Papst Benedikt ist mehr als nur ein Geländer für europäische Politik, an dem man sich dann und wann anhalten kann. Vielmehr sind die von Benedikt benannten Grundlagen eine feste, belastbare Treppe in eine sichere Zukunft.

 

III.

 

Was aber kann Europa aus diesen wegweisenden Worten heute, hier und jetzt, im Jahr 2017 entnehmen? Welche Richtung soll Europa einschlagen? Wie soll sich die Europäische Kommission positionieren? Wie der Rat? Wie sollen die Nationalstaaten zusammen wirken? Wie können sie die Menschen für die Europäische Ideen in ihren Herzen erreichen? Ich rate uns zu folgendem Vorgehen:

  1. Europa muss sich dazu bekennen, vor allem eine Wertegemeinschaft zu sein, nicht nur eine reine Allianz geographischen und geopolitischen Kalküls – eine Wertegemeinschaft jenseits aller wirtschaftlichen Notwendigkeiten. Der Anstieg des Bruttoinlandsproduktes in der EU darf nicht einhergehen mit der asymmetrischen Geringschätzung der Würde des Menschen. Der Würde des Menschen in allen seinen Phasen von der Geburt bis zum Tod. Der Würde des Menschen unabhängig von seiner Herkunft, seinem Einkommen und seinen Begabungen. Die entscheidenden Fundamente Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Religionsfreiheit sind nicht verhandelbar. Deshalb kann die Erdoğan-Türkei nicht Mitglied der EU werden, insbesondere nach dem Referendum und der geplanten Wiedereinführung der Todesstrafe. Die EU und Deutschland insbesondere stehen für eine humane Aufnahme von Flüchtlingen in unseren Aufnahmeeinrichtungen, die den Geflohenen Schutz vor Verfolgung und Tod geben. Dazu gehört auch, dass wir ein Mobbing von zu uns geflohenen Christen in Unterkünften konsequent ahnden: Wer Flüchtlinge bei uns drangsaliert, verwirkt sein Gastrecht.
  1. Europa braucht eine neue Sinnhaftigkeit. An der Spitze der Sinnhaftigkeit steht die Friedenssicherung. Die Europäische Union war zu allererst eine Gemeinschaft zur Sicherung des Friedens, nachdem unser Kontinent in zwei schrecklichen Bürgerkriegen, die man später „Weltkriege“ genannt hat, zerstört worden war. Die Europäische Union kann selbstbewusst auf ihren historischen, einmaligen Erfolg blicken. Seit der Gründung der Europäischen Union haben ihre Mitgliedsstaaten zwar oft unterschiedliche Meinungen ausgetragen, aber niemals gab es zwischen den Mitgliedern kriegerische Auseinandersetzungen. Demokratie muss neu und für alle Europäer verstehbar gemacht werden. Mehr Kompetenzübertragung nach Europa kann nur synchron mit der Entwicklung demokratischer Basisvoraussetzungen gelingen. Es kann nicht richtig sein, dass die Wahlstimme eines Maltesers für das Europäische Parlament zehnmal mehr Gewicht hat als die eines Franzosen. Jede Stimme für die Wahl des Europäischen Parlaments muss gleiches Gewicht haben, ob Mann oder Frau, ob Franzose oder Malteser. One man – one vote.
  1. Die Menschen in Europa, in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, müssen wissen: Europäisches Recht gilt für alle gleichermaßen, jedenfalls so lange dieses nicht durch den Europäischen Gesetzgeber aufgehoben worden ist. Gerechtigkeit beginnt und endet mit der gleichen konsequenten Anwendung und Durchsetzung europäischer Regeln und Gesetze europaweit. Dublin II gilt in Griechenland, und ich sage dies selbstkritisch: genauso auch in Deutschland. Die Maastricht-Kriterien gelten für Deutschland und Frankreich genauso wie für Spanien und Griechenland.
  2. Die Europäische Union muss bei der zentralen Frage der Sicherung europäischer Außengrenzen Handlungsfähigkeit beweisen. Daran wird sich das Schicksal Europas entscheiden. Vieles spricht dafür, dass wir vor einer großen Völkerwanderung stehen und dass uns in den letzten Jahren nur eine Vorhut erreicht hat. Allein Nigeria wird in den nächsten 25 bis 30 Jahren als volksreichster Staat Afrikas so viele Einwohner haben wie Gesamteuropa zusammengerechnet mit 500 Millionen Menschen. Ägypten wird sich von 100 Millionen auf 200 Millionen Einwohner verdoppeln, Sudan von 35 auf 70 Millionen, Äthiopien von 100 auf 200 Millionen. Wenn die jungen Menschen in Afrika keine Perspektive sehen, wenn es den Menschen in Afrika nicht gut geht, dann wird es den Menschen in Europa auch nicht gut gehen können. Und kein Staat in Europa – auch nicht die mächtige Bundesrepublik Deutschland – kann die Herausforderung in Afrika alleine lösen. Es bedarf einer großen, europäischen Kraftanstrengung, oder Europa wird es nicht mehr in der bisherigen Form geben.
  3. Ich freue mich, dass mittlerweile die EU-Kommission durch ihren Präsidenten Jean-Claude Juncker selbst fünf Szenarien für die Weiterentwicklung der Europäischen Union eingebracht hat. Ein Szenario dabei ist: „weiter so wie bisher“. Man wäre verliebt in das, was das kleine Karo beschreibt als eine EU, die sich auf zweijährige Kaffeemaschinengewährleistungsstrategien beschränkt. Ich denke, niemand kann das wollen und wird das wollen. Aber die Szenarien „Weniger, dafür effizienter“ oder das Szenario „Wer mehr will als Mitgliedsstaat, der tut auch mehr“ scheinen es mir wert zu sein, ernsthaft und entschlossen diskutiert zu werden.

Bei der weiteren Entwicklung Europas wird es Rückschläge geben, Auseinandersetzungen. Aber um Gerechtigkeit und Frieden voranzubringen, bedarf es keines abstrakten Computerrechts, sondern einer Wertepolitik, welche die Verbindungen zu Kultur und Religion nicht kappt oder abschneidet – es bedarf in Europa Politiker, die den Mut haben, sich selbst zu prüfen und selbst zu vergewissern, ob das geschaffene Ergebnis auch einem christlich verstandenen Menschenbild standhält.

„Man kann die Welt nicht mit dem Evangelium regieren“, verkündete schon Martin Luther, der große Reformator, der auch in der Katholischen Akademie anlässlich des 500-jährigen Gedenkens erwähnt werden darf. Aber klar ist auch: Die religiös weltanschauliche Neutralität Europas und auch unseres Staates Deutschland bedeutet keine Wertneutralität aller staatlichen Ordnung. Immer dann, wenn sich politisch Verantwortliche bemüht haben, auf christlicher Wertegrundlage Fundamente zu schaffen, waren sie erfolgreich.

Etwa bei den Gründervätern und -müttern der Bundesrepublik Deutschland herrschte die Überzeugung vor, dass der Abfall von Gott den Weg frei gemacht hat für ein schrankenloses Machtsystem von tiefster menschlicher Erniedrigung: der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. In der Landesverfassung von Schleswig-Holstein war es vor wenigen Monaten nicht möglich, einen Gottesbezug zu verankern. Die Väter und Mütter des Grundgesetzes haben den Mut gehabt, in eindeutiger Klarheit die entscheidende Überschrift des Grundgesetzes zu formulieren: In Verantwortung vor Gott und den Menschen. Und deshalb ist der wahrhaft königliche Artikel 1 unserer Verfassung – „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – buchstäblich vom Himmel gefallen, er wäre ohne die christlichen Wurzeln der damals politisch Handelnden nicht möglich gewesen. Und unser Grundgesetz ist seither ein Segen gewesen.

Und ein zweites Beispiel: Mit dem Zerfall der kommunistischen Systeme in Osteuropa ist die Zerbrechlichkeit eines künstlich selbst geschaffenen Wertesystems erneut offenkundig geworden. „Der Versuch den Himmel auf Erden zu verwirklichen, führt stets in die Hölle“, so Sir Karl Popper. Deshalb meine ich, wer christliches Leben in Europa aus der politischen Öffentlichkeit verbannen will und die Sakristei zurückdrängen will, legt die Axt an seine eigenen Wurzeln. Für Deutschland brachte es Hermann Ehlers, der erste Präsident des Deutschen Bundestages, 1953 auf den Punkt: „Der Staat lebt nicht von den Weisungen der Kirche, sondern von den Früchten ihrer geistigen Existenz.“

Wir brauchen die christlichen Werte, die Solidarität, die Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe mehr denn je, und die Kardinaltugenden wie Gerechtigkeit, Mäßigung, Tapferkeit und Weisheit sind nicht Reste erschöpfter Kulturpessimisten, sondern haben Strahlkraft für die Menschen weit über Europa hinaus.

 

IV.

 

Aber ist das Glas für Europa halbvoll oder halbleer? Hat Europa noch die Kraft, als Abendland christlich-jüdische Wurzeln zu gießen, dass darauf große Bäume mit mächtigen Kronen wachsen können? Darf man in der Politik Gottvertrauen haben? Oder ist Pessimismus Pflicht? Kann man sich vorstellen, auch als aktiver Politiker, dass Gottes Wirken in großen politischen Entwicklungen aufspürbar wäre? Wer erinnert sich noch an die Jahre vor 1989?

Europa war geteilt. Von Europäischer Einheit keine Spur. Eine schreckliche, menschenverachtende Grenze, Eiserne Vorhang, verlief quer durch unseren Kontinent. Am unüberwindlichsten waren die Grenzbefestigungen in Deutschland: Todesstreifen, Stacheldraht, Minenfelder, Selbstschussanlagen und Wachtürme verhinderten, dass die Menschen zueinander kamen, am menschenfeindlichsten dokumentiert in Berlin. Die Stadt geteilt in Ost und West durch eine Mauer. Wer versuchte vom Osten in den Westen zu gelangen, musste oft mit seinem Leben bezahlen.

Hoch aufgerüstete Militärblöcke standen einander gegenüber. Die Nato und der Warschauer Pakt, mehrere Millionen Soldaten allein in Mitteleuropa, zehntausende von Panzern, mehr als 10.000 Geschütze. Chemische und Biologische Waffen waren in den Arsenalen einsatzbereit, um im Kriegsfall eine unbegrenzte Zahl von Menschen zu vergiften und zu töten. Das atomare Vernichtungspotential war so groß, dass es mehrfach ausgereicht hätte, die Menschen in der Mitte Europas zu töten und unseren Kontinent auf Dauer unbewohnbar zu machen. Man war froh über kleine, ja winzige Zeichen der Entspannung und es galt die politische Überzeugung, an der Teilung wird sich in den von Menschen überblickbaren Zeiträumen nichts ändern. Es galt der allgemeine Konsens, jeder Versuch einer Veränderung sei bereits gefährlich mit unüberschaubaren Risiken.

Und dann kam die Nacht zum 9. November 1989. Die Mauer öffnete sich, die Menschen umarmten sich, tanzten auf der Straße. Menschen aus Ost- und West-Berlin konnten sich nach vielen Jahrzehnten wieder um den Hals fallen. Der Eiserne Vorhang in Deutschland und Europa verschwand, die sowjetische Armee zog sich aus den neuen Bundesländern zurück. Aus Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien. All diese Staaten wurden frei. Europa konnte sich vereinen, vereinigen. Die neugegründeten oder schon altehrwürdigen, bestehenden Staaten Osteuropas traten der Europäischen Union bei. Und das alles ohne einen einzigen abgegebenen Schuss, ohne dass berichtet wurde, von einem Soldaten, der ums Leben kam, ohne dass es eine historische Aufzeichnung gibt, ein einziger wäre dabei verletzt worden.

Nun kann man der Meinung sein, dass wäre ein historischer Prozess gewesen, den man zunächst nicht hätte überschauen können, aber der dann folgerichtig abgelaufen sei. Man kann auch einen Zufall ins Gespräch bringen. Aber niemand hindert uns daran, das Wort „Wunder“ in den Mund zu nehmen und daran zu denken, dass dem Eingreifen und Wirken Gottes keine Grenzen gesetzt sind, auch in unserer Zeit, auch in den 90ziger Jahren des letzten Jahrhunderts, auch in diesem, im 21. Jahrhundert.

Wir in Europa sind mit dem Fall des Eiserenen Vorhangs auf der Sonnenseite der Geschichte angelangt. Jetzt gilt es, das Glück des historischen Momentums zu nutzen. Der heilige Papst Johannes Paul II. gab einer Gruppe von Bundestagsabgeordneten, der ich angehören durfte, 1995 bei einem Besuch in Rom eine Botschaft mit: „Der Zusammenbruch totalitärer Systeme in Europa erfordert eine gründliche Erneuerung der politischen Handlungsweise. Ihnen kommt es bei Ihrer Stellung zu, mitzuhelfen, dass Europa seine Wurzeln wiederfindet und nach dem Maßstab seiner Ideale und seines Edelmuts seine Zukunft aufbaut.“

Papst Benedikt hat den Weg dorthin präzise beschrieben. Dafür reicht beim Anlass seines 90. Geburtstages ein Dankeschön nicht aus. Wir in Bayern sagen: Vergelt‘s Gott.

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